Furrer: "Wüstenbuch" - UA, Musicaltheater Basel, 15.03.2010

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    • Furrer: "Wüstenbuch" - UA, Musicaltheater Basel, 15.03.2010

      Beat Furrer, 1954 in Schaffhausen geboren, erhielt seine musikalische Ausbildung zuerst in seiner Heimatstadt, später dann in Wien bei so renommierten Künstlern wie Otmar Suitner (Dirigieren) oder Roman Haubenstock-Ramati (Komposition), Mitte der 80er Jahre gründete Furrer das „Klangforum Wien“, dem Ensemble ist der Komponist auch heute noch als Dirigent verbunden, Anfang der 90er Jahre wurde Beat Furrer dann Professor für Komposition in Graz, eine Position, die er Gastweise auch in Frankfurt am Main übernommen hat.

      Immer wieder hat Beat Furrer für das Musiktheater gearbeitet, „Die Blinden“ (nach Maeterlinck, aber auch mit Texten von Hölderlin, Platon und Rimbaud), „Narcissus“ (nach Ovid) oder „Begehren“ (auf Texte von Pavese, Eich, Ovid und Vergil) seien hier genannt.

      Nun also in Basel, als Auftragswerk des „Theater Basel“ gemeinsam mit der „Vontobel-Stiftung“, das neue Stück von Beat Furrer „Wüstenbuch“ mit Texten von Händl Klaus, Ingeborg Bachmann, Antonio Machado, José Angel Valente, Apuleius und Lukrez., dazu ein Auszug aus dem „Papyrus Berlin 3024“, ein altägyptischer Text in einer deutschen Übersetzung von Jan Assmann.

      Die Wüste meint hier nicht nur jenen Ort, den viele von uns mit Namen, wie „Sahara“ oder „Gobi“ verbinden, als weiter, leerer Raum, gefährlich und doch faszinierend, einen Ort der glühenden Hitze und der Luftspiegelungen, die Wüste steht auch für die Einsamkeit, für das Verlassensein oder für die Vereinzelung. Das Programmheft zitiert Ingeborg Bachmann, die im „Wüstenbuch“ schreibt: „Im Wald, das kann auch die Wüste sein“.

      Und Ingeborg Bachmanns Texte sind auch – wenn es denn in diesem an Assoziationen reichem Werk überhaupt einen geben kann – der „rote Faden“, der sich durch den gut 1 ½-stündigen Abend zieht.

      Ausgehend von ihren „Wüstenbuch“-Fragmenten, die von einer Ägypten-Reise der Autorin angeregt wurden, entwickelt der Schriftsteller Händl Klaus ein Libretto, dass die Impulse von Ingeborg Bachmann aufzugreifen versucht. Das ist kein stringenter Text, der da entstanden ist, es sind Bruchstücke, Erweiterungen, Reflexionen, manche kurz, manche gedehnt in einer ständigen Wiederholung.

      Bilder werden beschworen, von der Hitze, vom Licht, vom Wind. Viele dieser Texte (vor allem auch die Ergänzungen von Machado, Valente, Apuleius und Lukrez) haben etwas trauriges, etwas vom Abschied nehmen – bei Valente heisst es z. B.: „Wir standen in einer Wüste unserem eigenen Abbild gegenüber – wir haben es nicht erkannt.“

      So ist es fast zwangsläufig, dass gegen Ende der Tod ins Spiel kommt, hier als Zitat aus dem „Papyrus 3024“ wo ein Mann in einen Dialog mit seiner Seele tritt. Im Gespräch mit der Seele wird der Mann den Schrecken vor dem Tod verlieren und ihn annehmen können.

      Beat Furrer hat eine Musik komponiert, die oft sehr leise ist, die flirrt, wie das glühende Sonnenlicht in der Wüste, die aber auch ausbrechen kann, wie in einem Schrei, der die Schmerzgrenze überschreitet, die die Sprache imitiert, die mit Geräuschen arbeitet, manches wird flächig angelegt, anderes bleibt nur als Klangfetzen in Erinnerung.

      Auffällig ist, dass Furrer gerne das Extreme sucht, sowohl die Gesangspartien werden, was den Stimmumfang angeht, ausgereizt, aber auch die Instrumente bewegen sich oft in ungewohnten Lagen, so z. B. der auch solistisch eingesetzte Kontrabass (Uli Fussenegger), der eine Szene für eine Sopranistin begleitet.

      Der Pianist schlägt eher selten die Tasten seines Instrumentes an – vielmehr manipuliert der Musiker mit Holzblöcken oder einem Wasserglas oft die Saiten im schalldeckellosen Instrument, zupft mit der Hand die Saiten an oder donnert einzelne Klöppel manuell auf die Saiten.

      Das Orchester zählt 19 Köpfe, allerdings spielen z. B. die beiden Flötistinnen ein ganzes Arsenal von Flöten unterschiedlichster Grösse und neben bekannten Instrumenten, wie dem Saxophon oder dem Akkordeon, dazu reichlich Schlagwerk, gibt es auch z. B. eine Kontrabassklarinette zu hören.

      Die Texte teilen sich eine Gruppe von Schauspieler/innen und eine Gruppe von Sänger/innen („Solistes XXI“), manches ist klar verständlich, anderes wird collagiert, es überlagern sich Texte oder sie sind vorneherein darauf angelegt, nicht verstanden zu werden – so bei den lateinischen oder spanischen Teilen des Librettos.

      Das Stück von Beat Furrer verlangt nach einer adäquaten Ergänzung durch die Szene und die ist in dieser Uraufführungsproduktion in die Hände von Christoph Marthaler gelegt worden.

      Marthaler, der „Entschleuniger“ des Theaters, der wie kaum ein anderer Regisseur versteht, auf Geräusche zu achten, der mit Sprache zu spielen versteht und der schon immer einen sehr genauen Blick auf die Menschen und ihre oft verzweifelten Versuche, die kleinen Tücken des Alltags zu meistern, geworfen hat, ist eine gute Wahl, das etwas sperrige Werk des Komponisten Beat Furrer zu bebildern.

      Die Uraufführung fand nicht im „Theater Basel“ statt, sondern wurde in das „Musicaltheater Basel“ verlegt, ein Haus in etwas unwirtlicher Umgebung hinter den Messehallen.

      In den Zuschauerraum hinein wurde eine steil ansteigende Tribüne gebaut, auf denen reichlich unbequeme Plastikklappsitze montiert waren.

      Im Bühnenvordergrund, in die Szene integriert, das Orchester, die Szene selbst zeigt ein typisches Marthaler-Bild, nämlich eine heruntergekommene Front eines Hotels, das Kellergeschoss marode, die drei darüberliegenden Zimmer, die durch grosse Fensteröffnungen zu erkennen sind, ebenfalls in keinem guten Zustand (Bühne: Duri Bischoff, Kostüme: Sarah Schittek).

      Es ist ein kongeniales Bild einer Einsamkeit, das sich sofort erschliesst und das einen perfekten Rahmen für die szenischen Anordnungen von Marthaler bietet. Eine eigentliche Inszenierung, wenn diese als erzählende Handlung, verstanden wird, gibt es nicht.

      So assoziativ, wie die Musik arbeitet, funktioniert auch die Regie von Marthaler.

      Ruhig beginnt der Abend. Im Keller sitzt ein Mann und sortiert akribisch Papiere, im Obergeschoss links steht verloren ein andere Mann (der Schauspieler Ueli Jäggi) und ringt mit den Worten, die ihm nicht so richtig flüssig über die Lippen kommen wollen.

      Später kommen andere Frauen und Männer dazu, die aber alle irgendwie alleine bleiben, auch dann, wenn sie sich körperlich näher kommen, miteinander eng umschlungen tanzen oder einen hastigen Beischlaf vollziehen.

      Einer Frau gelingt es nicht, sich eine Zigarette anzuzünden, immer wieder fällt diese ihr einfach aus dem Mund, eine andere Frau sammelt die heruntergefallenen Zigaretten dann auf.

      Auch andere Bilder wiederholen sich: so, wenn neue Besucherinnen die Hotelzimmer beziehen, von einem Angestellten des Hauses mit den immer gleichen Gesten eingewiesen.

      Wenn das Orchester – oder einzelne Musiker/innen – nicht beschäftig ist, schlafen die Musiker/innen einfach ein.

      Gegen Ende stehen die Frauen und Männer mit den Gesichtern gegen die Wände gelehnt, zwischen Wand und Stirn einen Fotoapparat gedrückt und immer wieder flammen die Blitzlichter auf, es scheint so, als würden die Menschen versuchen, ihr Gehirn zu fotografieren.

      In grosser Ruhe lässt Marthaler diesen Abend ausklingen, traurig und resignativ.

      Die musikalische Leitung hatte der Komponist selbst übernommen und sieht man von einigen Wackeleien ab, die wohl der Distanz zwischen Orchester und Szene geschuldet waren, gelang hier eine spannende Wiedergabe zeitgenössischer Musik, das „Klangforum Wien“ zeigte sich den Anforderungen Beat Furrers bestens gewachsen.

      Das gilt auch für die Sängerinnen und Sänger der „Solistes XXI“ – besonders die intonationssicheren Sopranstimmen von Hélène Fauchére und Tora Augestad nahmen sehr für sich ein.

      Bei den Schaupieler/innen einige bekannte Namen, neben dem schon erwähnten Ueli Jäggi wirkten z. B. Olivia Grigolli, Isabelle Menke und Bettina Stucky mit.

      Sehr freundlicher Beifall für alle Mitwirkenden in der wohl ausverkauften Uraufführung von „Wüstenbuch“.
      Der Kunst ihre Freiheit