WAGNER: Parsifal - Staatstheater Stuttgart, 28.03.2010 (Premiere)

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    • Gurnemanz schrieb:

      Die Assoziation an den heiligen Drachentöter hatte ich schon im 2. Akt
      Erinnert an Dürer:

      "http://upload.wikimedia.org/wikipedia/de/thumb/0/08/D%C3%BCrer-H%C3%B6llensturz.jpg/432px-D%C3%BCrer-H%C3%B6llensturz.jpg"


      Hatte am Ende noch jemand die Piero-della-Francesca-Assoziation?

      "http://upload.wikimedia.org/wikipedia/de/thumb/e/e5/Resurrection_%28Piero_della_Francesca%29.jpeg/539px-Resurrection_%28Piero_della_Francesca%29.jpeg"
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Le Merle Bleu schrieb:

      Die Verführungsszene ist weniger erotisch als mütterlich, die im Text angelegte Erinnerung an Kindheit und Mutter gipfelt darin, dass Kundry Parsifal die Brust gibt. Ein wenig rätselhaft bleibt mir aber im Moment, wie diese Szene im Rahmen der Inszenierung zu deuten ist. Ebenso wie die Schlussszene, in der sich Kundry die Zunge aus dem Mund schneidet. Vielleicht hat jemand von Euch eine Idee?


      Im Programmheft gibt es ja einen im besten Dramaturgendeutsch verfassten Text von Xavier Zuber, in dem steht: Kundry beschließt, nicht mehr sprechen zu wollen - und zwar aus Ernüchterung, weil sie erkenne, dass Parsifal das Amt des Amfortas übernehmen wird. Nun sollte man diesen Text nicht mit der Inszenierung verwechseln (diese ist um Klassen besser) - aber eine mögliche Interpretation ist das. Beeindruckend, wie Kundry ihr Dienen, dienen im dritten Akt dann zwar auf den richtigen Tonhöhen, aber nur noch als unartikuliertes Gestammel singt.


      Le Merle Bleu schrieb:

      Wenn Parsifal nun Amfortas mit dem Speer erlöst (sprich: tötet) erinnert die Körperhaltung der Personen wohl nicht zufällig an manche Darstellungen vom drachentötenden Erzengel Michael, und wenn der nackte Parsifal mit dem Speer in der Hand in die Wanne steigt, in der zuvor Titurel lag, hält er eine Sekunde genau in der Haltung inne, die Jesus in der berühmten Auferstehung Piero della Francescas in San Sepolcro hat - aber das bilde ich mir vielleicht nur ein.


      Möglich, allerdings gibt es zahlreiche andere Bilder der Auferstehung Christi, die eine ähnliche Konfiguration von Auferstehendem und Sarkophag zeigen (etwa in der flämischen Tradition). Hier wie auch bei der Michael/Luzifer-Assoziation glaube ich eher an allgemeine Bezugnahmen auf christliche Ikonographie, nicht an konkrete Vorbilder.


      pfuetz schrieb:

      Ist es im ersten Aufzug schon trostlos, so hatten wir uns alle gefragt, ob sich diese Trostlosigkeit im dritten Aufzug noch steigern liesse. Ja, sie läßt sich steigern. Die Figuren stolpern blind, stumm, und alt und gebrechlich über die Bühne, es ist noch toter, leb- und liebloser geworden.


      pfuetz schrieb:

      Zum Schluß ist klar: Religion hat ausgedient, Götzendienst funktioniert nicht mehr


      Hier bin ich dezidiert anderer Meinung. Die gesteigerte Trostlosigkeit ist zwar am Anfang des dritten Aktes da, aber sie wird sehr bald durch Kitsch und Komik so stark konterkariert, dass die bedrückende Atmosphäre des ersten Akts gar nicht mehr aufkommt. Trotzdem bleibt natürlich eine pessimistische Tendenz, und zwar gerade dadurch, dass Religion eben nicht ausgedient hat, sondern mit der Erneuerung des Kults durch Parsifal munter perpetuiert wird. Immerhin ist aber durch die desillusionierte, skeptische, nüchterne Kundry am Ende der Oper eine Alternative zumindest angedeutet.


      FairyQueen schrieb:

      Selbst wenn Bieito den Parsifal fûr Unsinn hält,(was nciht der Fall zu sein scheint) hat er sich doch um der Musik willen mit diesem Unsinn auseinandergesetzt und gleichzeitig die Schwächen des Librettos bzw seine Rezeption schonungslos aufgedeckt.


      Ich glaube nicht, dass Bieito Text und Musik gegeneinander ausspielen will. Er versucht, die im Stück - natürlich auch im Libretto - entwickelte Problematik weiterzudenken. Bewunderung für das Stück kann man auch Bieitos Äußerungen im Programmheft entnehmen: Wagner ist der größte Theater-Regisseur der Operngeschichte. Parsifal sei für ihn kein spezifisch deutsches Stück: [...] es wirkt auf mich wie Shakespeare: Ich denke, dass es eher ein Teil einer europäischen Art zu denken darstellt. Die Dominanz der christlichen Ikonographie zeigt dies allzu deutlich. Zur Aktualität: Wir befinden uns in einer Zeit, in der Menschen rein von Gefühlen leiten lassen. Der Parsifal funktioniert genau in diesem Punkt wunderbar auch mit der von Wagner intendierten Radikalität.


      Le Merle Bleu schrieb:

      Kundry ist am Anfang nicht schwanger - die Schwangere, die zum Vorspiel nackt über die Bühne irrt, ist eine nicht näher identifizierte Gestalt, vielleicht als Herzeleide (Parsifals Mutter) zu deuten?


      An Herzeleide habe ich auch gedacht - Kundry schlüpft ja im zweiten Akt in die Rolle der Mutter Parsifals und wird dann später ebenso schwanger.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Zwielicht schrieb:

      Hier bin ich dezidiert anderer Meinung. Die gesteigerte Trostlosigkeit ist zwar am Anfang des dritten Aktes da, aber sie wird sehr bald durch Kitsch und Komik so stark konterkariert, dass die bedrückende Atmosphäre des ersten Akts gar nicht mehr aufkommt. Trotzdem bleibt natürlich eine pessimistische Tendenz, und zwar gerade dadurch, dass Religion eben nicht ausgedient hat, sondern mit der Erneuerung des Kults durch Parsifal munter perpetuiert wird. Immerhin ist aber durch die desillusionierte, skeptische, nüchterne Kundry am Ende der Oper eine Alternative zumindest angedeutet.
      Ich habe das auch so wie Bernd gesehen - Religion hat am Ende dieser Inszenierung ganz und gar nicht ausgedient, ganz im Gegenteil ist sie durch Parsifals Übernahme der Erlöser-Rolle lebendiger als im ersten Akt. Die Zweifel, die dort nach der ersten Gralsenthüllung ansatzweise manifestiert wurden, sind wieder einem blinden Offenbarungsglauben gewichen.

      Die Rolle Kundrys ist etwas zwiespältig. Einerseits ist sie am Ende die Einzige, die außerhalb der Gemeinschaft steht, andererseits hat sie aber bei der Verkleidung Parsifals aktiv mitgewirkt. Oder kann man die Szene, in der sie Parsifal alle möglichen religiösen Symbole um den Hals hängt, als einen letzten (scheiternden) Versuch deuten, ihm die Absurdität der Erlöserattitüde vor Augen zu führen?

      Michel
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • FairyQueen schrieb:

      [...]
      Was den Parsifal von Bieito angeht: ich bin auch serh an einem Mitschnitt interessiert. Das was ich hier lese und was ich in dem Kurzfilm gesehen habe, klingt nach einer grossartigen Neu-Interpretation dieses in meinen Augen ziemlich unsäglichen Werkes.
      Selbst wenn Bieito den Parsifal fûr Unsinn hält,(was nciht der Fall zu sein scheint) hat er sich doch um der Musik willen mit diesem Unsinn auseinandergesetzt und gleichzeitig die Schwächen des Librettos bzw seine Rezeption schonungslos aufgedeckt. Für mich ist das ein Befreiungsakt, der es mir möglich machen würde, mir diese Oper anzusehen. Der Weihrauch scheint in Stuttgart jedenfalls gründlich ausgeräuchert zu sein.
      Was Bernd zum Synkretismus der Religionen bei Wagner und Bieitos Umsetzung schreibt, leuchtet mir vollkommen ein.
      Die Sache mit den Blumenmädchen finde ich genial! Und die Szenerie mit der Autobahnbrücke ebenfalls.

      Was Kundry angeht: warum ist sie anfangs und am Ende schwanger? Ist das eine konkrete Schwangerschaft, die aus der Inszenierung hervorgeht (von wem?) oder eine symbolische (mit was, mit der Hoffnung auf eine neue Welt nach dieser Endzeit?)
      Ich schliesse mich Amfortas Bitte an, was DVD etc angeht. Nach Syberberg, dessen Interpretation mir gut gefallen hat, scheint mir das eine radikal neue Sichtweise zu sein.

      F.Q.


      Liebe Fairy,

      ich habe mir schon am Sonntag gedacht, daß dies die wohl einzige für Dich akzeptierbare Interpretation und Inszenierung des Parsifal sein dürfte, und hätte mit gewünscht, daß Du dabei gewesen wärst. Es hätte Dir ganz bestimmt gefallen. Zumal eben auch der "teilweise unsägliche Text" sehr pointiert und z.T. extrem witzig gesungen wurde. Hier paßte eben Alles! In dem Sinne ist das Ganze wirklich ein "Bühnen-weih-fest-spiel", aus meiner Sicht: Höchste Opern-Theater-Kunst!

      Leider gibt es bisher von noch keiner einzigen Bieito-Inszenierung DVD Aufnahmen, auch hier habe ich keine Infos, daß sich das ändern würde. Ich bedauere das auch sehr!

      Warum Kundry am Ende schwanger ist? Unklar! Ist das der Lohengrin, der ja Sohn Parsifals ist? Ist es ein Hinweis auf einen neuen Erlöser? Soll es Hoffnung oder Sinnlosigkeit des sich ewig wiederholenden Rhytmus' von Geburt und Tod darstellen? Alles denkbar! Kundry sieht jedenfalls nicht glücklich über ihre Schwangerschaft aus! Eher ist es Last...

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • Amfortas09 schrieb:

      Nach Syberberg, dessen Interpretation mir gut gefallen hat, scheint mir das eine radikal neue Sichtweise zu sein.
      der Syberberg liegt auch auf meinen "Hörstapel", habe nur den 2. Akt angefangen, denn jetzt ist seit ein paar Tagen Xenakis dazwischen gekommen.. die Ausschnitte aus Stuttgart lassen mir das Stuttgart-Orchester + Bieito-Lesart interessanter als Jordan/Syberberg erscheinen.. aber das ist natürlich nahezu reine Spekulation.. Eure bisherigen Berichte wirken deshalb auf den Außenstehenden wie eine unerreichbare + aber dringend ersehnte Süßspeise :D ...

      :wink:


      Das war der Grund, warum so viele Capricciosi eine "Pilgerfahrt" nach Stuttgart unternommen hatten... ;)

      Matthias
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    • pfuetz schrieb:

      Leider gibt es bisher von noch keiner einzigen Bieito-Inszenierung DVD Aufnahmen, auch hier habe ich keine Infos, daß sich das ändern würde. Ich bedauere das auch sehr!
      Nicht ganz richtig, siehe Calixto Bieito - Die Opernarbeiten auf DVD. Aber einige mehr dürften es schon sein... Zum Parsifal habe ich auch noch keine Gerüchte gefunden. Ich werde mir auf jeden Fall im Fall einer Wiederaufnahme im nächsten Jahr die Inszenierung ein zweites Mal anschauen.

      Michel
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Le Merle Bleu schrieb:

      Oder kann man die Szene, in der sie Parsifal alle möglichen religiösen Symbole um den Hals hängt, als einen letzten (scheiternden) Versuch deuten, ihm die Absurdität der Erlöserattitüde vor Augen zu führen?
      Irgendeine Ironie, etwa in ihrer Haltung, was darauf deuten könnte, habe ich nicht bemerkt. Also eher: nein.

      Ein Deutungsversuch: Kundry hat gegenüber der Gralswelt vollkommen kapituliert, jeden aktiven Widerstand aufgegeben, seit Parsifal sich ihrer mütterlichen Verführung erfolgreich widersetzt hatte. Parsifal jedenfalls ist nicht ihr Sohn. Die Gralsritter ihrerseits haben zum Schluß jedes Interesse an ihr verloren (im Unterschied zur offenen Aggressivität am Anfang, mit den Vergewaltigungsversuchen), sie wird ignoriert und sich selbst überlassen.

      Und da, im Schlußbild, das als einzig Verbliebenen die gegenwärtig aufnehmende (essende) und die zukünftig gebende (gebärende) Frau zeigt, also zutiefst Menschliches und Natürliches - da keimt Hoffnung auf. Ob das Kind, das hier vielleicht einmal geboren wird, ein neuer Erlöser sein wird oder etwas ganz anderes - das läßt Bieito offen; darauf kann es jetzt noch keine Antwort geben.

      Le Merle Bleu schrieb:

      Ich werde mir auf jeden Fall im Fall einer Wiederaufnahme im nächsten Jahr die Inszenierung ein zweites Mal anschauen.
      Da bin ich dabei! :)

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Le Merle Bleu schrieb:

      Zwielicht schrieb:

      Hier bin ich dezidiert anderer Meinung. Die gesteigerte Trostlosigkeit ist zwar am Anfang des dritten Aktes da, aber sie wird sehr bald durch Kitsch und Komik so stark konterkariert, dass die bedrückende Atmosphäre des ersten Akts gar nicht mehr aufkommt. Trotzdem bleibt natürlich eine pessimistische Tendenz, und zwar gerade dadurch, dass Religion eben nicht ausgedient hat, sondern mit der Erneuerung des Kults durch Parsifal munter perpetuiert wird. Immerhin ist aber durch die desillusionierte, skeptische, nüchterne Kundry am Ende der Oper eine Alternative zumindest angedeutet.
      Ich habe das auch so wie Bernd gesehen - Religion hat am Ende dieser Inszenierung ganz und gar nicht ausgedient, ganz im Gegenteil ist sie durch Parsifals Übernahme der Erlöser-Rolle lebendiger als im ersten Akt. Die Zweifel, die dort nach der ersten Gralsenthüllung ansatzweise manifestiert wurden, sind wieder einem blinden Offenbarungsglauben gewichen.

      Die Rolle Kundrys ist etwas zwiespältig. Einerseits ist sie am Ende die Einzige, die außerhalb der Gemeinschaft steht, andererseits hat sie aber bei der Verkleidung Parsifals aktiv mitgewirkt. Oder kann man die Szene, in der sie Parsifal alle möglichen religiösen Symbole um den Hals hängt, als einen letzten (scheiternden) Versuch deuten, ihm die Absurdität der Erlöserattitüde vor Augen zu führen?

      Michel


      Wenn wir aus dem Begriff "Religion" den Begriff "Götzendienst" machen, bin ich bei Euch. Ja, der "Götzendienst" lebt weiter, sehr schön konterkariert von Bieito ins Bild gesetzt. "Religion" ist das für mich aber nicht, es ist maximal eine "Ersatzreligion". Damit ist das "Behängen" des Parsifals mit allen möglichen Dingen (ich glaube, sogar eine Barbie-Puppe dabei gesehen zu haben) zweierlei: Erstens die Unterstützung der "Pseudoreligion", andererseits für uns als Zuschauer aber auch auch der Hinweis darauf, daß es sich eben nicht um Erlösung oder den Erlöser handelt oder handeln kann, sondern es hier um schablonenhaftes rituelles Wiederkäuen von inzwischen sinnentleerten Traditionen geht. Das "irre Grinsen", was Parsifal im Gesicht hat, als er auf dem Kofferkuli durch die Menge geschoben wird, werde ich auch so schnell nicht vergessen, das war für mich unglaublich zu sehen, wie Parsifal sich dem Ritus hingibt, dabei wie ein Honigkuchenpferd dümmlich vor sich hin grinst, und sich wirklich für den Größten hält. Das Ganze aber abgewandt vom Publikum, und auch er wird ja nicht aufgefordert, den Gral zu enthüllen, sondern das Publikum wird dabei adressiert.

      EDIT: Zum Erlösen gehört der Glaube an die Erlösung oder Glaube überhaupt. Ja, es mag sein, daß sich Parsifal für einen Erlöser hält, ich denke aber, daß kein anderer auf der Bühne ihn als solchen sieht, oder überhaupt noch glaubt. Dazu "tapsen" die zu hoffnungslos über die Bühne, auch als Parsifal zum Schluß nach links hinten von der Bühne getragen wird. Ja, sie heben ihn in der Wanne hoch, ja, sie tragen ihn, aber, ist da Freude, Erlösung zu spüren? Ich empfand das eher als Fortsetzung des Ritus, denn als Erlösung.

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
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      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • Lieber Matthias, das find ich ja lieb, dass du an mich gedacht hast. :kiss:
      Mal sehen, was aus diesem spannenden Parsifal wird, evtl bekomme ich ihn ja wirklich noch zu sehen. Aber dafür nach Stuttgart zu reisen ist mir dann doch zu viel der Ehre für Richardl 1 trotz der sciher reizednen Capriccio Gesellschaft vor Ort.

      Ob Text gegen Musik ausgespielt wurde ist für mich gar nicht das Thema. Thema ist die Entweihräucherung der ganzen Story. Dazu muss sie keinesfalls ins Lächerliche gezogen werden, sie muss nur sehr kritisch hinterfragt werden und der Schwulst muss raus. Das war ja nun hier eindeutig der Fall.
      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Cherubino schrieb:



      Ich habe aber eben "Kulturzeit" gesehen, wo ein vielleicht 5-minütiger Beitrag über diese Inszenierung gesendet wurde. Was ich sah, war Blut, noch mehr Blut, dazwischen vereinzelt andere undefinierbare Körpersekrete, Gewalt und Perversion.
      Es ist bezeichnend, dass so ein Eindruck entsteht, wenn eine über vier Stunden dauernde Produktion auf wenige Filmschnipsel destilliert wird.
      Ich gehörte ebenfalls zum fliegenden Capriccio-Premieren-Kommando, war also Vor-Ort und nach meiner ersten Bieito-Regie eher überrascht, wie dosiert Gewalt und Körpersekrete eingesetzt wurden. Auch die Nacktheit der Figuren als extremer Reiz beschränkte sich auf wenige Schlüsselmomente: Die nackte Schwangere, die zu Beginn, während des Vorspiels, durch die Endzeitlandschaft läuft. Es wird wohl wirklich Herzeleide gemeint sein, im zeitlichen Rückblick sozusagen. Schwangerschaft und Schutzbedürftigkeit lässt sich wohl im Extrem nicht bildgewaltiger darstellen, Kundry bedeckt sie dann ja auch mit ihrer Jacke. Ganz nackt wird auch eines der von Klingsor geschändeten Blumenmädchen, nachdem es von Parsifal aus der notdürftigen Verpflasterung ausgepackt ist. Auch hier hat das wirklich einen Sinn. Und das Titurel im letzten Satz, als offensichtlich vollkommen verrückt gewordener Greis nackt durch die Landschaft irrt: Die Nacktheit als Begleiter des verwirrten, irre gewordenen Menschen ist ein festes Bild in der Kunst seit ihren Anfängen, als symbolhaftes Abbild der Realität. Lediglich die Nacktheit in der Schlußszene fand ich, obwohl nachvollziehbar, als Bild nicht so eingängig. Insgesamt klingt das jetzt natürlich wieder nach reiner Fleischbeschau auf der Bühne: Ich schätze dennoch die Zeit, in der nackte Darsteller auf der Bühne zu sehen sind, auf max. 10 Minuten in 4 Stunden...und davon gehen 8 Minuten auf ein einzelnes Blumenmädchen.

      Allgemein kann ich mich nur anschließen, dass diese Inszenierung insgesamt so dermaßen filigran und detailreich angelegt ist, dass man sie unmöglich in ihrer Gesamtheit wiedergeben kann - und auch leider nicht zur Gänze beim ersten Sehen erfassen konnte. Der capricciöse Austausch beim "Après opera" zeigte sich da schon hilfreich ergänzend hinsichtlich der unzähligen Eindrücke und Interpretationsmöglichkeiten. Insofern auch nur einige kurze Anmerkungen zu dem, was sich besonders eingeprägt hat:

      Das erste Bild ist eines der stärksten: Die Endzeitlandschaft mit der eindrucksvoll realistischen Brückenruine, getaucht in gespenstischen Nebel mit grünlich schimmerndem Licht. Im Hintergrund schemenhafte Gestalten und dann die schutzsuchende Schwangere: Das ist eines der Bühnenbilder, dass ich wohl nie mehr vergessen werde. Überhaupt auch fand ich den ersten Akt letztlich ingesamt am gelungensten, weil sowohl szenisch wie auch musikalisch am geschlossensten.

      Gurnemanz, dem Wagner von allen Sängern die meiste Zeit widmet, wurde sinntragend in die Inszenierung einbezogen. Die Titurelerzählung als Analogie zur katholischen Weihnachtsgeschichte, die der religiöse Manipulator Gurnemanz bereits den kleinsten Kindern eintrichtert, und dabei auch den Einsatz von Angst und Gewalt nicht scheut, gehört für mich zu den stärksten Einfällen der Inszenierung. Auch gut: Wie Gurnemanz Parsifal als Erlöser "branded". Er hat es gefälligst zu sein, selbst wenn er vielleicht doch nur ein Tor ist, der Manipulator braucht einen. Ein weiteres unauslöschliches Bild ist der großartig choreografierte Chor, als Höhepunkt die in aller musikalisch und szenisch möglichen Bedrohlichkeit zum Finale des 3. Aktes gesteigerte Aufforderung an Amfortas, nun des Amtes zu walten.

      Das Ende lies mich etwas ratlos zurück: Angesichts des nun als sinnentleertem Kitsch entlarvten Rituals, dem auch Parsifal nichts hinzuzufügen wußte, wollte sich das übliche Erhabenheitsgefühl anlässlich des Verklingens der großartigen Schlussmusik nicht einstellen. Aber vielleicht besser nachdenklich zurückbleiben, als von seeliger Romantik eingelullt ?

      Ungemein spannend fand ich allgemein, wie nahe Bieito in seinen szenischen Gesten am Text ist: Sehr vieles, was man auf der Bühne sehen konnte, kam quasi als Regieanweisung oder Kommentar direkt aus dem Mund der Sänger.

      Zum Musikalischen kann ich mich erstmal dem bereits geäußerten Lob für Orchester und Chor anschließen. Manfred Honeck wählte langsame Tempi, baute breite lange Bögen, was für mein Empfinden manchmal des Guten etwas zu viel war und Spannung ins Gegenteil umschlagen lies. Dennoch ingesamt ein gutes Dirigat. Sängerisch am unauffälligsten fand ich Andrew Richards als Parsifal. Er schlug sich recht wacker und mit sängerischer List durch die Anforderungen des zweiten Aktes, es ist aber künstlerisch bei mir überhaupt nichts in Erinnerung geblieben, außer seinem starken Akzent und der Tatsache, dass die Stimme wohl doch zu leichtgewichtig für die Rolle ist. Matthias Hölle verdient sich mit dem Titurel zum Karriereende sein Gnadenbrot und aufmerksam machen kann man in dieser Rolle wohl nur zum Karriereanfang. Claudio Otelli klang als Klingsor irgendwie "dauerheiser", und schrie mehr als er sang, dennoch irgendwie rollendeckend. Den Jubel für Gregg Baker habe ich ebenfalls nicht verstanden. Eine kräftige Stimme sicher, dennoch mußte er im 3. Akt teilweise zum Schreien wechseln, aber kein sängerischer und interpretatorischer Feinschliff, der mir aufgefallen wäre. Ebenfalls unverständlich die ausgeprägten Buhrufe für Christiane Even als Kundry, wohl eine interne Stuttgarter Angelegenheit ? Sicherlich hat sie die schwierigen hohen Passagen im 2. Akt nicht angemessen bewältigt (für viele alternde Kundry-Darstellerinnen ja ein Problem ), aber große Teile der Partie waren großartig gestaltet, auch mit Phantasie mit dem Einsatz verschiedener Stimmfärbungen.
      Letztlich heraus ragte Stephen Milling als Gurnemanz: Manchmal mit Intonationsschwäche und mit halber Stimme leider etwas gepresst klingend, aber in der Summe großartig hinsichtlich Klangbildung und auch Phrasierung - und nicht zuletzt bezüglich der Ausdauer bei dieser, in vieler Hinsicht, schwierigen Partie.

      Er konnte sogar noch gut singen, nachdem er die heil´ge Quelle selbst durch die Nase gezogen hatte. :D

      Fazit: Ein toller Abend :)

      Gruß
      Sascha

      "You realize that it’s not necessary to own 50 Beethoven cycles, 46 of which you never play, when you can be just as happy with 20 of them, 16 of which you never play.
      "
      , David Hurwitz
    • Liebe Fairy,

      ich kenne doch Deine Haßliebe zum Parsifal... ;) Für mich war im Vorfeld klar, daß Bieito eben keine "billige" Umsetzung machen würde, sondern sich intensiv damit auseinandersetzen würde. Daß da dann kein Platz für "Schwulst" bleibt, war auch klar.

      Ich habe mich während der Aufführung oft an Ridley Scott's "Blade Runner" erinnert gefühlt, in dem es ja auch um die Frage geht, inwieweit in einer end-technisierten Welt, wo Bedürfnisbefriedigung durch Mensch-Maschinen oder "Am Ende des Universums" angepriesen wird, das Leben aber trüb (Dauerdunkelheit und Regen in LA!) und sinnentleert ist, die Liebe dann einen Sinn geben kann, auch, wenn diese Liebe zu einer "Maschine, mit begrenzter Lebensdauer", erwächst.

      Nun steht bei Bieito aber nicht die Technik im Vordergrund, sondern die Religion, und daher ist das Bühnenbild eher durch Endzeitstimmung geprägt. Insoweit fühlte ich mich dann doch von der Bildsprache her sehr viel mehr an Tarkowski's Film "Stalker" (die Szenen der zertörten Welt mit den suchenden Personen, die unwissend, aber suchend durch die Landschaft irren) erinnert. Aber, egal, ob nun Tarkowski, oder Ridley Scott, oder auch Angelopoulos' "Landschaft im Nebel" (das Schlußbild! 2 Kinder gehen in den Nebel): Alles sind großartige Filme, und diese Inszenierung von Wagner's Parsifal ist das, in meinen Augen, auch: Großartig!

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • Antracis schrieb:


      Ich schätze dennoch die Zeit, in der nackte Darsteller auf der Bühne zu sehen sind, auf max. 10 Minuten in 4 Stunden...und davon gehen 8 Minuten auf ein einzelnes Blumenmädchen.


      Das Gleiche gilt natürlich auch für die Brutalität!

      Antracis schrieb:


      Überhaupt auch fand ich den ersten Akt letztlich ingesamt am gelungensten, weil sowohl szenisch wie auch musikalisch am geschlossensten.


      Dem schliesse ich mich an, was aber nicht heißen soll, daß die Aufzüge 2 und 3 schlechter waren!

      Antracis schrieb:


      Das Ende lies mich etwas ratlos zurück: Angesichts des nun als sinnentleertem Kitsch entlarvten Rituals, dem auch Parsifal nichts hinzuzufügen wußte, wollte sich das übliche Erhabenheitsgefühl anlässlich des Verklingens der großartigen Schlussmusik nicht einstellen. Aber vielleicht besser nachdenklich zurückbleiben, als von seeliger Romantik eingelullt ?


      Ja, ich denke, diese Oper, die ja nun Wagner's letzte ist, und sich mit so wichtigen Themen wie Sinn des Lebens, Erlösung, Tod befaßt, soll uns doch nicht "erlöst" zurücklassen, sondern zum Nachdenken über das, was diese Dinge für uns bedeuten, anregen.

      Antracis schrieb:


      Letztlich heraus ragte Stephen Milling als Gurnemanz: Manchmal mit Intonationsschwäche und mit halber Stimme leider etwas gepresst klingend, aber in der Summe großartig hinsichtlich Klangbildung und auch Phrasierung - und nicht zuletzt bezüglich der Ausdauer bei dieser, in vieler Hinsicht, schwierigen Partie.


      Volle Zustimmung, für mich auch die überzeugendste Leistung des Abends.

      Antracis schrieb:


      Er konnte sogar noch gut singen, nachdem er die heil´ge Quelle selbst durch die Nase gezogen hatte. :D


      Und das war unfreiwillig, und ungeplant. Dieser "heilige Quell" wurde über ihn und sein Haupt aus einer grünen, billigen Plastikflasche ergossen, und er hat versehentlich eingeatmet. Trotz Hustenanfällen schaffte er es, immer wieder rechtzeitig bei Stimme zu sein, und gut singen zu können.

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • Wollte nochmal einige Punkte zur Diskussion stellen:


      Schwangerschaften

      Die Schwangere, die während des Vorspiels nackt durch die Landschaft schreitet, ist das Herzeleide ? Oder hat jemand eine andere Interpretation ? Für mich spricht Kundrys Verhalten schon dafür: Sie umarmte sie und schützt sie mit ihrer Jacke. Das Kundry Herzeleide kennt, geht ja aus den Erzählungen hervor. Gleichzeitig ist das ja irgendwie das Alpha und Omega der Inszenierung: Per Zeitsprung sehen wir die Ursprünge Parsifals, dem Erlöser der letztlich nicht wirklich zu einem wird. Andererseits endet die Inszenierung mit der schwangeren Kundry. Heiss diskutiert ja die Frage, von wem sie schwanger sei. Ich frage mich, ob das wirklich so wichtig ist ?
      Bieito ist ja immer nah am Text, das "Stöhnen" Kundrys wird ja zur Schwangerschaftswehe.

      "Wie anders schreitet sie als sonst!
      Wirkte dies der heilige Tag?"

      Doch unbefleckte Empfängnis und die Maria Magdalena wird zur Maria ? Andererseits konterkariert das ja den gesamten religionskritischen Ansatz. Letztlich aber interessant, wie man das Ende nun deutet: Kundry wird ja erlöst, ist die Schwangerschaft die Erlösung, wird sie dadurch aus dem ewigen Trott gerissen, bringt den wirklich Erlöser und hilft dadurch unwissentlich ? Oder ist das Ganze ein desillusionierendes Bild und zeigt nur, dass es in der Endlosschleife weitergeht: Sowohl mit Kundry ,wie auch mit dem Möchtegern-Messias vom Band ?


      Schwan & Co

      Dann die Frage zur Schwanen-Szene: Gurnemanz spielt also den Märchenonkel, erzählt die Weihnachtsgeschichte, steigert sich dann in Dimensionen der Ängste und Gewalt und plötzlich wird das Kind zum Opfer. Parsifal, hungrig wie er ist, bemächtigt sich des Knaben. Schiebt ihm dann Gurnemanz, als Obermanipulator, die Schuld in die Schuhe ? Ich erinnere mich, dass die Gralsritter während der Züchtigung demonstrativ in den Hintergrund treten und wegschauen. Andererseits berichten ja die Ritter Gurnemanz erst, dass Parsifal den Schwan erlegt habe. Ist das jetzt gezielte Selbsttäuschung und Manipulation, oder einfach doch unlogisch und geht nicht ganz auf...was ja auch irgendwie Oper ist. ;+)


      Kundrys Schweigen

      Sie schneidet sich die Zunge ab Ende des zweiten Aktes. Erstens finde ich, dass sich ein solcher Ansatz sehr gut aus dem dritten Akt legitimieren lässt: Schon interessant, dass eine handlungstragende Figur im Finalakt neben einem Stöhnen und zwei, notfalls auch nuschelbaren Worten, nichts mehr zu singen hat.
      Aber weshalb verstümmelt sie sich ? Ist das die Konsequenz aus dem ersten Vergehen, den Heiland verlacht zu haben ? Dann würde sich Kundry quasi selbst erlösen, nachdem sie die Konfrontation mit Parsifal zu diesem extremen Schritt befähigt hat. Fragen über Fragen.


      Die Wunde des Amfortas

      Kein Zweifel, die körperliche Unversehrtheit des Burschen war ja vor allem von den weiblichen Premierenbesuchern kaum zu übersehen. Der Knabe wirkte so siech, wie ein Zehnkampf-Olympionike mit Chancen auf Silber. Die Wunde ist also eine innere, was schon mal spannend ist. Worin besteht sie nun genau ? Kann er das sinnentleerte Ritual nicht mehr vollziehen, weil...? Ja, warum ? Weil er sich hat von Kundry verführen lassen, hat er durch Hingabe an Liebe und/oder Triebe die Naivität für so einen falschen Zauber verloren ? Oder ist er einfach egoistisch geworden und möchte sich nicht für die Gemeinschaft verbrauchen und Enden wie sein Vater, der letztlich blind, nackt und Irre selbst Opfer der heilsbedürftigen Meute wird ? Fühlt er sich ausgenutzt? Er steht oft abseits, badet alleine, muss seine Badewanne (Zinksarg?) selbst schleppen wie ein Kreuz, niemand bringt Ihn getragen...


      Der Fall Parsi


      Er ist ja kein reiner Tor, sondern einfach nur ein infantiles Kind, das mit seinem Bagger spielt. Jesus Christ Superstar trifft Castingshow. Er wird als Erlöser "gebranded", kann sich nicht dagegen wehren. "Welthellsichtig" durch Kundrys Kuss scheint er mir nicht zu werden, sonst sich vielmehr blödgrinsend von Gurnemanz und Kundry schmücken und vom Volk hochjubeln zu lassen....vom selben Volk, dass Ihn dann wieder abschmückt und letztlich wie Titurel nackt im Zinnsarg wegträgt. Das dies der Weg zur Schlachtbank ist, scheint er nicht zu bemerken, so einfältig ist er. Also hier wirklich nur die Endlosschleife ?

      Gruß aus Bärlin
      Sascha

      "You realize that it’s not necessary to own 50 Beethoven cycles, 46 of which you never play, when you can be just as happy with 20 of them, 16 of which you never play.
      "
      , David Hurwitz
    • Antracis schrieb:

      Letztlich aber interessant, wie man das Ende nun deutet: Kundry wird ja erlöst, ist die Schwangerschaft die Erlösung, wird sie dadurch aus dem ewigen Trott gerissen, bringt den wirklich Erlöser und hilft dadurch unwissentlich ?
      Die Idee, daß Kundry einen neuen Erlöser in sich trage, wurde ja schon erwähnt: ich bin mir da nicht so sicher. Während Parsifal zu dieser Rolle prädestiniert ist (vgl. auch die Abstempelung bzw. Brandmarkung durch Gurnemanz: "Erlöser" auf der Stirn), sehe ich bei Kundry am Schluß keine Anzeichen, höchstens man interpretiert es in diese Richtung, wenn sie sich auf denselben Gepäckwagen setzt, auf dem eben noch der Star-Erlöser Parsifal herumgefahren wurde. So wie sie da ihr Vesper verspeisend und ziemlich gewöhnlich da hockt, könnte das Kind auch ein gewöhnlicher Mensch werden, frei von der Rolle, Erlöser sein zu müssen. (Wobei ich mich frage: Was könnte in diesem Zusammenhang das Schlußmotto "Erlösung dem Erlöser!" bedeuten?)

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Die eindrucksvollen Bilder der Aufführung vom Sonntag sind in mir immer noch recht lebendig und reizen mich zum Nachdenken. Der Wunsch,das Ganze noch einmal erleben zu können, ist stark.

      Zu Kundrys Schwangerschaft noch ein paar Anmerkungen. Der Beginn des 3. Aktes zeigt sie wie auch Parsifal (der nicht erst später auftritt, wie im Libretto angegeben); sie haben geschlafen, gemeinsam, wenn auch in einiger Entfernung (ich hoffe, daß ich mich richtig erinnere, bitte ggf. korrigieren).

      Dazu den Ausschnitt eines Gesprächs des Dramaturgen Xavier Zuber mit Calixto Bieito, abgedruckt im Programmheft:
      XZ: [...] Vielleicht gab es etwas zwischen Kundry und Parsifal. Vielleicht sind sie nur physisch getrennt worden. Wenn der Vorhang sich öffnet [auch wenn es keinen Vorhang gibt: gemeint ist wohl der Beginn des 3. Akts? G.], sehe ich sie irgendwo zusammen schlafen. Bis die Manipulation sie trennt.

      CB: Ja, das Trennen. Das ist die Geschichte der Kirche.

      XZ: Das Trennen?

      CB: Ja. Man kann alles in den Geschichten nachlesen. Es war Konstantin, der entschied, was geglaubt werden darf und was nicht, sprich: welche evangelien Gültigkeit haben sollten. Er erklärte beispielsweise Maria Magdalena zu einer Hure. So wird Glaube zu einer Machtfrage. Es geht um die Kontrolle über die Gesellschaft und den Menschen. Die Gedanken werden Gesetzen unterworfen.
      Kundry, von Parsifal schwanger, von der Kirche getrennt?

      Kundrys Text ist für Bieito der interessanteste:
      Weil ihr Text die größte poetische Qualität besitzt und in der Verweigerung gegenüber der Gralsgesellschaft erstaunlich reflektiert ist. Ihr Text ist offen. Der Text der anderen ist inhaltlich enger, ideologischer, Kundry aber redet eher über die Finsternis, über die Qual des Lebens, auf eine - ich will nicht sagen positivere - eine viel bewältigendere Art und Weise. Ihr Text ist menschlicher, einfacher. Sie versucht nicht, die anderen zu belehren, und das macht die Figur so beeindruckend. denn alle anderen Figuren, Gurnemanz, die Ritter etc., versuchen, die anderen zu belehren, während Kundry einfach nur sagt: 'Ich helfe nie'. [...] Kundry ist gefangen, denn sie redet über die Nacht, darüber, nicht zu schlafen. Es ist einfacher. Es ist wirklich wundervoll. Es ist ein scheinbar moderner Text. Auf eine Art ist es ein sehr zeitgemäßer Text. [...]
      Christiane Iven, der Sängerin der Kundry, hatte Bieito am ersten Probentag erklärt:
      Ich möchte eine unverstellte, menschliche Kundry.
      Auch wenn nicht entscheidet, was der Regisseur will, sondern was er letztlich auf der Bühne zeigt: Diese Hinweise passen recht gut mit dem zusammen, was ich selbst am Sonntag gesehen habe.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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      Helmut Lachenmann
    • Ich denke auch, daß die Schwangerschaft die "Wiederholung", also den ewigen Zyklus, symbolisiert, und bleibe dabei: Sinnlosigkeit der Riten ist es, worum es geht. Ich finde die Stelle nicht, aber Bieito sagte es mehrfach, daß er als Jesuitenschüler die Sinnlosigkeit der Riten immer wieder erlebt habe. Dazu paßt dann auch die von Sascha als "Jesus Christ Superstar" bezeichnete Aufmachung Parsifals. Er ist eben nicht der Erlöser, er ist ein Abziehbild. Die Erlösung findet nicht statt, kann nicht stattfinden, weil der "Erlöser" nicht von der Notwendigkeit, sinnlose Riten durchführen zu müssen, befreit (also erlöst) wird. Daher ist der letzte Satz vielleicht so zu verstehen, daß durch die Rückbesinnung auf das "Menschliche" eine Erlösung stattfinden könnte?

      Die Gurnemanz Kind-Schwan Szene habe ich anders erlebt, als Du, Sascha, so, wie es Claus Spahn in "Der Zeit" beschreibt... Für mich eine der stärksten Szenen der ganzen Inszenierung!

      Und die "Zinkwanne" kommt bei Bieito in Stuttgart schon mal vor... Der "Holländer" nutzt sie auch... ;) Hint, Hint, der Holländer findet ja auch den Weg wieder nach Stuttgart, am Montag ist die erste Aufführung!

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • Wie ich Euren euphorischen Berichten entnehme, habt Ihr einem Bühnen e n t weihfestspiel beigewohnt.

      Ob das dem Komponisten wirklich gefallen würde, der dieses Werk sogar auf sein weihevolles Bayreuth beschränkt wissen wollte ?

      Der diametrale Gegensatz zwischen z. B. dem Verriss im DLF und Eurer Begeisterung macht mich ratlos und lässt in mir die Frage aufkommen, ob ich wegen dieses Parsifal nach Stuttgart fahren sollte?

      Ich werde wohl hier bleiben und die Frankfurter Inszenierung ( hoffentlich ! ) goutieren.



      Ciao. Gioachino :stern:
      miniminiDIFIDI
    • Gurnemanz schrieb:

      Gurnemanz hat eine doppelte Rolle: Er hält an den Idealen dieser Gemeinschaft fest, an den Ritualen, die die Heilsversprechen retten sollen - und er ist ein Garant der Ordnung, er versucht, Struktur zu schaffen und Gewaltexzesse zu verhindern,


      "Ideale, Gemeinschaft, Heilsversprechen, Ordnung, Struktur, Gewaltexzesse": Ist Bieito vielleicht Forent hier und orientiert seine Interpretation an der Moderation? :D

      Vielen Dank für die sehr guten Beschreibungen der Aufführung! Könnte man ja fast in Versuchung kommen zum ersten Mal Wagner in der Oper zu erleben...

      Gruß, Frank
    • Ob das dem Komponisten wirklich gefallen würde,
      wäre eine sehr interessante Fragestellung für einen gesonderten Thread, über die es zu debattieren sich lohnt...mir persönlich ist es schnuppe, was der Komponist wollte.. das Werk als solches ist mir wichtig und das erschöpft sich nicht in den Intentionen des Komponisten, vielleicht wendet das Werk sich sogar gegen den Komponisten.. aber das ist jetzt OT....
      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann