WAGNER: Parsifal - Staatstheater Stuttgart, 28.03.2010 (Premiere)

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    • WAGNER: Parsifal - Staatstheater Stuttgart, 28.03.2010 (Premiere)

      Gestern hatte die Neuinszenierung von Wagners letzter Oper in Stuttgart Premiere; auch für mich war es eine Premiere, denn noch nie zuvor hatte ich eine Regiearbeit des umstrittenen Katalanen erlebt.
      • Chor der Staatsoper Stuttgart
      • Staatsorchester Stuttgart
      • Musikalische Leitung: Manfred Honeck

      • Regie: Calixto Bieito
      • Bühne: Susanne Gschwender
      • Kostüme: Mercé Paloma
      • Licht: Reinhard Traub
      • Chor: Michael Alber
      • Dramaturgie: Xavier Zuber

      • Gurnemanz: Stephen Milling
      • Amfortas: Gregg Baker
      • Parsifal: Andrew Richards
      • Klingsor: Claudio Otelli
      • Kundry: Christiane Iven
      • Titurel: Matthias Hölle
      • 1. Gralsritter: Heinz Göhrig
      • 2. Gralsritter: Mark Munkittrick
      • Vier Knappen: Yuko Kakuta, Diana Haller, Torsten Hofmann, Hans Kittelmann
      • Blumenmädchen: Julia Borchert, Petra van der Mieden, Tina Hörhold, Yuko Kakuta, Agata Wilewska, Michaela Schneider
      Im Einführungsvortrag verwies der Dramaturg auf Ort und Zeit der Handlung, so wie sie in Stuttgart gedeutet wurde: eine zerstörte Welt, in der alle materialistischen und egoistischen Ideale ihr Ende gefunden hatten, angesiedelt in einer ungewissen Zukunft. Das Bühnenbild verdeutlichte dies: links ein Wald, von dem nur noch abgestorbene Stämme übrig sind (auch die schwinden im Verlauf der drei Akte) und rechts eine ins Nichts führende Brücke aus Beton, Teile sind herabgestürzt, eine Zerstörung, die sich im 3. Akt fortgesetzt hat.

      Dort lebt eine Gesellschaft von verelendeten Männern, einerseits von latenter Gewalt beherrscht (die auch immer wieder ausbricht), andererseits sich nach spiritueller Erlösung sehnend: "Wo ist Gott?" steht auf einem Plakat, das im 1. und 3. Akt gelegentlich gezeigt wird - eine Frage, die auch als Motto dieser Inszenierung dienen könnte, einer Inszenierung, die nach meiner Wahrnehmung von einer tiefen Religiosität geprägt ist.

      Die Regie trachtet danach - so der Dramaturg -, die einzelnen Figuren in einer Weise auszuleuchten, daß sie "in ihren Grundfesten erschüttert" werden. Die Gralsritter und Knappen werden ganz individuell herausgearbeitet: Eindrucksvoll fand ich einen, der immer wieder eine Axt schwenkend herumrannte.

      Gurnemanz hat eine doppelte Rolle: Er hält an den Idealen dieser Gemeinschaft fest, an den Ritualen, die die Heilsversprechen retten sollen - und er ist ein Garant der Ordnung, er versucht, Struktur zu schaffen und Gewaltexzesse zu verhindern, etwa wenn er dazwischen geht, wenn zwei Knappen versuchen, die ankommende Kundry zu vergewaltigen. Um seine Ziele zu erreichen, schreckt er vor massiven manipulatorischen Handlungen nicht zurück.

      Amfortas ist ein kräftiger und keineswegs siecher Mann; seine Wunde ist offensichtlich anderer Art. Er leidet, wenn ich es richtig verstehe, daran, daß er an die sinnstiftenden Rituale nicht mehr glaubt. Ein resignierender Nihilist?

      Auch Titurel liegt nicht im Grab, sondern wankt oben auf der zerstörten Brücke herum, blind und verloren.

      Parsifal ist tatsächlich ein junger Mann, naiv und gelegentlich blöde grinsend - wieweit er am Ende wirklich sehend ist und klug geworden, das bleibt offen.

      Klingsor: kein wirklicher Kontrast zu den Rittern; auch er ein Verlorener, der nach Sinn sucht? Der 2. Akt hat konsequenterweise kein eigenes Bühnenbild.

      Die Blumenmädchen: mißbrauchte Mädchen, dressierte Puppen, die während des ganzen 2. Aktes herumlungern, auch in der Verführungsszene.

      Bleibt Kundry: für mich der einzige "normale" Mensch in der ganzen Oper, auch in der Szene mit Parsifal eher eine mütterliche Verführerin im Blümchenkleid. Sie bleibt am Ende übrig, schwanger, wie es scheint. Eine letzte Hoffnung?

      Zur Inszenierung gäbe es noch einiges zu schreiben; ich begnüge mich hier damit, ein paar Motive anzudeuten: Zu dicht, zu voll an Ereignissen war der Abend. Da außer mir noch mindestens 6 weitere Capricciosi anwesend waren, wird das eine oder andere hier sicher noch eingebracht werden. Besonders der Schluß und damit so etwas wie die Quintessenz der Inszenierung verdient es, noch nöher beleuchtet zu werden.

      Am berührendsten fand ich den 1. Akt: Die Verwandlungsszene etwa: Die äußere Welt bleibt hier völlig unverändert, die eigentliche Wandlung ist Illusion, sie findet im Inneren Parsifals statt, der von Gurnemanz mit Drogen manipuliert wird. Zuvor Gurnemanz' Erzählung, die ja eigentlich recht langatmig ist, für Regisseure eine echte Herausforderung. Bieito löst das glänzend, indem er Kinder in Engelskleidern auftreten läßt, zu denen Gurnemanz spricht. Um die Brutalität Klingsors zu verdeutlichen, reißt er einem Jungen die Kostüme herunter; der wird später als erlegter Schwan präsentiert (schon dieser Akt ist inszeniert). Ich kann das hier nur andeuten; wie die Regie hier Dichte und Emotionalität offenbarte, das war unglaublich spannend und keine Sekunde langweilig!

      Das musikalische Niveau war erstaunlich hoch: Auch das Orchester wußte die langen Bögen zu spannen, das war intensiv und ergreifend. Großartig auch der Chor, besonders im 3. Akt!

      Von den Sängern möchte ich herausheben: Stephen Milling, der einen souveränen und klar artikulierenden Gurnemanz präsentierte, Gregg Baker, dessen Amfortas fast zu schön klang (die extremen Leidensextasen, die die Rolle sonst nahelegt, hörte ich da kaum heraus), Andrew Richards, der den Titelhelden stimmlich solide und körperlich überzeugend gab, und Christiane Iven als Kundry (sie sang, glaube ich, auch die Altstimme aus der Höhe am Ende des 1. Akts: "Durch Mitleid wissend..."): Stimmlich schön und eine stets präsente und glaubwürdige Darstellung.

      Es war ein großer Abend!

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
      Künstler und Schwein gelten erst nach dem Tode etwas.
      Max Reger
    • Auf BAYERN 4 KLASSIK gibt es hierzu eine Kritik von Rainer Zerbst, abrufbar über:

      "http://www.br-online.de/br-klassik/leporello/klassik-news-premierenkritik-parsifal-ID1269873426155.xml"

      Viele Grüße
      Jean
      „Ich werde überhaupt nur noch ausschließlich mich selbst zitieren ...“ Algabal
    • Die von Amfortas verlinkte Kritik (Christoph Schmitz im Deutschlandfunk) inszeniert fast ausschließlich die Vorurteile des Autors. Was für ein Unsinn, Bieito vorzuwerfen, er halte den Parsifal für Unsinn. Die Inszenierung und ebenso die im Programmheft von Bieito geäußerten Ansichten belegen das Gegenteil. Aber auch sonst wird man der Produktion nicht gerecht, wenn man diverse, vermeintlich "provozierende" Einzelaspekte aneinanderreiht.

      Es war erwartungsgemäß eine sehr bewegte und bilderreiche Inszenierung. Dass sie zudem ausgeprochen religionskritisch geriet, ist ein legitimer Ansatz. Die latente und offene Gewalttätigkeit der Gralswelt ist beklemmend, aber im Stück angelegt. Ich kann mich vielem, was Gurnemanz oben geschrieben hat, anschließen: besonders der erste Akt war ungeheuer beeindruckend und stringent inszeniert, nicht mit dem Holzhammer, sondern z.B. in der Figur des Gurnemanz sehr differenziert. Besonders im dritten Akt wird dann der Rätselcharakter des Stücks betont: Endzeitstimmung und religiöse Ekstase bei Gurnemanz mischt sich mit einem fast schon infantil fröhlichem Parsifal und einer eher bodenständig-skeptischen Kundry. Dick aufgetragener Kitsch (beim Karfreitagszauber betreten kerzentragende Kinderengel den Zuschauerraum, Weihrauchduft verbreitet sich) wird durch handfeste Komik konterkariert: Parsifal ist mit Devotionalien und Engelsflügeln bekleidet, erhält auch eine Wagnerbüste (Und ich, ich bin's der all dies Elend schuf) und wird auf einem Kofferkuli herumgefahren, Kundry spuckt in die Hände, um Parsifal die Füße zu waschen (Nicht so!). Keine Lösung, sondern eine Frage das Ende der Oper: die schwangere Kundry setzt sich, blickt skeptisch in das Publikum und kaut auf etwas herum (eine Hostie?).

      Symptomatisch die Interpretation der Gralsenthüllung im ersten Akt: ein riesiger Sack senkt sich herab, Devotionalien der Weltreligionen werden verteilt (Kelche, Kreuze, siebenarmige Leuchter, Buddha-Statuen usw.). Diese Collage spiegelt durchaus den Synkretismus des Librettos. Auch die Inszenierung hat etwas Synkretistisches, bedient sich aus verschiedenen Ikonographien, nicht nur aus der christlichen. Wenn Parsifal im dritten Akt mit ebendiesen Devotionalien behängt wird, ist die Wagnerbüste eine passende Ergänzung.

      Interessant, wie ebenfalls oben von Gurnemanz erwähnt, die fast neutrale Darstellung des leidenden Amfortas. Auch sonst setzt sich die Inszenierung nicht nur aus Szenen der Gewalt zusammen, obschon diese gehäuft vorkommen. Wie Kundry im zweiten Akt in die Mutterrolle schlüpft, Parsifal sein Lieblingsspielzeug hinstellt, ihm die Brust gibt und ihn ohrfeigt, ist ziemlich suggestiv. Aber auch eine sonst eher marginale Figur wie Titurel wird differenziert gezeichnet: zunächst ein blinder, fanatischer Unsympath, von seinem Sohn mehrfach zu Boden geschleudert, ist es doch anrührend, wie er bei der "Gralsenthüllung" durch Abtasten seine Kumpanen erkennt und nach kurzer Ekstase in verzweifelte Traurigkeit abgleitet. Im dritten Akt hüpft er als entfesselter irrer Nackter herum und wirft mit Blumen um sich - Grund genug für die Gralsritter, ihn umzubringen. Am Ende ersteht er wieder auf (was ja ursprünglich auch eine Wagner'sche Idee war).

      Das Bühnenbild: eine von rechts nach links leicht abfallende Spielfläche, links ein paar Baumstämme, rechts eine halb zerstörte Autobahnbrücke. Interessant, wie Parsifal am Ende des zweiten Aktes den Speer als Teil der Brückenkonstruktion aus einem Träger reißt. Im dritten Akt ist die Brücke dann auch eingestürzt.

      Das Orchester gut, wie ich es lange nicht mehr gehört habe. Honeck verblieb oft in leisen, sehr leisen Bereichen (sehr sängerfreundlich), drehte aber in Verwandlungsmusiken, Chorszenen etc. mächtig auf. Schöner, farbenreicher Klang, bei Bedarf auch akzentuiert. Mittlere Tempi (der erste Akt dauerte etwa 1:40). Allerdings immer wieder befremdliche Verzögerungen zwischendurch. Fantastisch, wie immer in Stuttgart, der Chor. Großartig Christiane Iven als Kundry. Zwar misslangen ihr die hohen Passagen im zweiten Akt gründlich, aber wie sie intelligent phrasierte (z.B. das nüchtern-hart abgesetzte starb als letztes Wort der sonst weich-suggestiv gesungenen Herzeleideerzählung) und wie sie agierte: toll. Gut und fast immer sehr wortverständlich Stephen Milling als Gurnemanz. Schwer bejubelt, für mich etwas zu monochrom (absichtlich neutral?) der Amfortas von Gregg Baker. Etwas farblos, nicht sehr stimmstark, aber korrekt Andrew Richards in der Titelrolle. Eher brüllend und chargierend Claudio Otelli (Klingsor). Darstellerisch waren sie alle auf der Höhe. Ingesamt eine beeindruckende Produktion.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Wenn man heute die Begriffe "Bieito Parsifal Stuttgart" bei Google eingibt, so bekommt man als Erstes den DPAG (spannend das "G" am Ende, die DPA ist eine G, und muß nun auch Geld verdienen, und wie geht das heute? Bild macht es uns vor: Dem Massengeschmack taugliche (angepaßte?) Artikel schreiben) Artikel zu sehen, der heute hundertfach in Zeitungen blind und ohne Kenntnis der Inszenierung abgedruckt wurde.

      B-Movie Videoclip
      Trash

      sind so die Schlagworte, mit denen versucht wird, das Bildungsbürgertum von der Gefahr der Auseinandersetzung mit sich selbst und der Welt, in der es lebt, frei (um nicht sogar: "fern" zu sagen ) zu halten.

      Diese Kritik und die oben verlinkten werden dem Anspruch und der Intensität der Auseinandersetzung mit Wagner's letzter Oper in keinster Weise gerecht.

      Eine Kritik fand ich noch, die mir ein wenig bedachter vorkommt: "http://www.kultiversum.de/Oper-Premieren/Wagner-Parsifal-Bieito-Honeck-Opernhaus-Stuttgart.html".

      Heute habe ich nicht viel Zeit, ich werde aber noch Stellung zu meiner Aussage beziehen, warum ich denke, daß das, was die Sendung Kulturzeit heute in 3Sat (siehe auch: "http://www.3sat.de/mediathek/mediathek.php?obj=9867", gegen Ende, in da-da-und-da) zu dieser Inszenierung sagte, nämlich: "Eine zerstörte Welt, eine großartige Inszenierung!", richtig ist.

      B-Movie Videoclip, Trash, das trifft eher auf Dinge zu, die Stölzl macht, nicht aber auf den zutiefst menschlichen Umgang mit einer der schwierigsten Opern überhaupt. Genauso, wie Picasso am Ende seines Lebens nicht mehr "natürlich" malen konnte (Langeweile hätte ihn dann schon lange vorher umgebracht), genauso wenig können wir heute Wagner so auf die Bühne bringen, wie es Wagner getan hätte (wobei wir nicht wissen, wie Wagner heute Parsifal inszenieren würde, es könnte sehr wohl bei genauerer Überlegung, und überlegen muß man!, sein, daß ihm Bieito's Version sehr gefallen hätte!), genausowenig können wir heute in der Rezeption eines so komplexen Werkes wie des Parsifals darauf verzichten, uns Fragen zu stellen, in welcher Welt wir leben, und wie wir in dieser Welt mit uns und all den Dingen, die uns bewegen, umgehen können, umgehen sollten, und/oder umzugehen haben.

      Alle diese Fragen stellt Bieito, und versucht, sich mit der Annäherung an mögliche Antworten zusammen mit uns auf die Suche zu begeben.

      Damit höre ich für's Erste hier mal auf...;-) Später mehr!

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • pfuetz schrieb:

      B-Movie Videoclip
      Trash

      sind so die Schlagworte, mit denen versucht wird, das Bildungsbürgertum von der Gefahr der Auseinandersetzung mit sich selbst und der Welt, in der es lebt, frei (um nicht sogar: "fern" zu sagen ) zu halten.


      Ich kenne die Inszenierung natürlich nicht, deshalb will ich mich in eine Diskussion darüber, welche Fragen sie stellt und wie sie an Wagners Werk herangeht, auch gar nicht einmischen. Ich habe aber eben "Kulturzeit" gesehen, wo ein vielleicht 5-minütiger Beitrag über diese Inszenierung gesendet wurde. Was ich sah, war Blut, noch mehr Blut, dazwischen vereinzelt andere undefinierbare Körpersekrete, Gewalt und Perversion. Das ist also die Auseinandersetzung des Bildungsbürgertums mit sich selbst und der Welt, in der es lebt? Blut und Ekel? Ich weiß ja nicht, in was für einer Welt der normale Bildungsbürger lebt, ich weiß auch nicht, ob ich dazu gehöre (vermutlich noch nicht), aber ich hätte diese Welt und diese Bevölkerungsgruppe jetzt nicht mit perversen Gewaltexzessen und viel, viel Blut in Verbindung gebracht, nicht mit dem ausgekosteten Abschlachten von Menschen... ?(
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Cherubino schrieb:

      Was ich sah, war Blut, noch mehr Blut, dazwischen vereinzelt andere undefinierbare Körpersekrete, Gewalt und Perversion. Das ist also die Auseinandersetzung des Bildungsbürgertums mit sich selbst und der Welt, in der es lebt? Blut und Ekel?


      Ich verstehe gar nicht, wieso immer so viel Aufhebens darum gemacht wird, wenn „Blut, Gewalt und Perversion“ auf der Bühne inszeniert werden. Das ist doch genau das, was täglich um uns herum geschieht, das ist doch die Realität. Zuletzt die Missbrauchsopfer der katholischen Kirche, das ist reinste Perversion. In so einer Welt leben wir, Blut und Ekel gehören dazu. Aber vielleicht berührt die Realität die Menschen weniger als eine Inszenierung der Realität.

      Aber ich halte lieber den Schnabel, ich habe die Inszenierung ja nicht gesehen.

      Gruß, Cosima
    • Nun also mein Senf zu dieser Premiere, an die ich mich lange erinnern werde...

      Wenn die Zuschauer den Raum betreten, fällt sofort die offene Bühne ins Auge. Wie oben schon beschrieben: Rechts eine brückenartige Konstruktion, vielleicht nie zu Ende gebaut, jetzt jedenfalls nur noch eine Ruine. Links Baumstümpfe, alles in Nebel getaucht. Vor und während des Vorspiels stolpern verschieden Gestalten durch diese trostlose postapokalytische Welt. Einer von Gurnemanz' Knappen, mit einer Atemmaske über dem Gesicht. Eine nackte Schwangere, die Kundry vor den Unbilden der Umwelt zu schützen versucht. Das Bühnenbild ist atmosphärisch sehr stark und wirkt vor allem im ersten Akt äußerst beklemmend.

      In dieser Welt vegetieren die Reste der Menschheit in den Überresten ihrer Zivilisation. Vielleicht ist der gemeinsam erlebte Ritus das einzige, was ihrem Leben einen scheinbaren Sinn gibt. Dem Hohepriester oder Propheten Amfortas allerdings ist die Leere dieses Glaubens bewusst, seine Wunde ist das Wissen, dass das alles nur Schein ist, nichts als Betäubung, um in der Zeremonie der Gralsenthüllung die Sinnlosigkeit dieses Restseins für kurze Zeit vergessen zu können. Gurnemanz ist in dieser Welt der Großinquisitor, der mit Gewalt und Manipulation die bestehende Ordnung zu erhalten sucht. Seine Suche nach dem durch "Mitleid Wissenden" ist von Anfang an die Suche nach Ersatz für Amfortas, der das Spiel satt hat. Im ersten Akt gelingt es ihm noch nicht, den Toren Parsifal in die Rolle des neuen Propheten zu drängen - er jagt ihn davon, nicht ohne ihm das Wort "Erlöser" auf die Brust zu brennen. Zuvor jedoch die Zeremonie, zu der sich Amfortas doch noch einmal überreden lässt. Im Grunde beginnt diese in dieser Inszenierung schon vor dem Auftauchen Parsifals, mit Gurnemanz' Erzählung, zu der seine von Drogengaben unterstützten Manipulationsfähigkeiten als Engelchen gekleidete Kinder erscheinen lassen. Zur Erzählung von Klingsors Fall wird einer der Jungen von Gurnemanz zu Tode geprügelt - was man durchaus auch als kultisches Menschenopfer sehen kann. Diesem Opfer wohnt völlig verständnislos Parsifal bei. Zur Verwandlungsmusik kriechen mehr und mehr Gestalten aus dem Hintergrundnebel - eine deprimierende Rittergemeinschaft, dass dem Zuschauer die Luft wegbleibt. Die Zeremonie mündet in der Gralsenthüllung, hier dem Herabsinken von der Decke eines riesigen Sacks, gefüllt mit religiösen Symbolgegenständen aller Art, über die sich die Menschen hermachen. Kruzifixe, Marienstatuen, Menora usw. - sicher sind alle Offenbarungsreligionen abrahamitischer Prägung irgendwo vertreten, und Bernd hat auch einen Buddha gesehen. Allein: Mangels eines glaubwürdigen Propheten funktioniert es nicht mehr. Die Menschen halten in ihrer religiösen Ekstase inne und schreiten zum vorderen Rand der Bühne um dem Publikum Schilder und Transparente entgegenzuhalten, die mit Sätzen wie "Wo ist Gott?" oder "Erlöse mich!" in allen Sprachen beschriftet sind. Wenn die Menge dann wieder im Hintergrund verschwindet, ist alles eigentlich noch trostloser als zuvor.

      (Nebenbemerkung: Dass die Transparente von einigen Gestalten unmotiviert über die Bühne verteilt werden, wenige Sekunden bevor sie benötigt werden, ist ein handwerklicher Fehler, wie man ihn von Bieito eigentlich nicht gewohnt ist. Ich könnte mir vorstellen, dass hier für die weiteren Vorstellungen noch nachgebessert wird).

      Im 2. Akt erscheint zunächst Klingsor spektakulär mit einem Flammenwerfer. Nach der Feuersbrunst bleiben an den Stellen, an denen im ersten Akt immerhin noch Baumstümpfe als Reste einer zerstörten Natur standen, offene Flammen. Klingsor also als die zerstörerische Kraft. Die Blumenmädchen dürften selten so traurig dargestellt werden wie hier bei Bieito, Gurnemanz hat es schon beschrieben (den von Capriccio meine ich, nicht den von Wagner :D ). In Pelzmäntel Marke Straßenstrich gekleidet, darunter in Zellophan verpackt. Klingsor beginnt diese Hülle zu bemalen, die Mädchen führen das manisch in Zwangsbewegungen fort - einer der Mit-Capriccioten deutete das als den Versuch, Blumen auf die Mädchen zu malen und sie damit erst zu den verführerischen Blumenmädchen zu werden. Kundry hingegen mit einem Kleid im Blumenmuster ist hier (wie auch im Rest der Inszenierung) der einzige Mensch. Die Verführungsszene ist weniger erotisch als mütterlich, die im Text angelegte Erinnerung an Kindheit und Mutter gipfelt darin, dass Kundry Parsifal die Brust gibt. Ein wenig rätselhaft bleibt mir aber im Moment, wie diese Szene im Rahmen der Inszenierung zu deuten ist. Ebenso wie die Schlussszene, in der sich Kundry die Zunge aus dem Mund schneidet. Vielleicht hat jemand von Euch eine Idee? Der Speer, mit dem nun Parsifal Klingsor erledigt, ist ein Stück Metall aus der Stahlbeton der Brücke: Hier zählt nur, dass ein neues Symbol gefunden wird, das vorher ohne jeden religiösen Kontext war.

      Im 3. Akt dann ist alles gegenüber dem ersten noch weiter verfallen - auch wenn das kaum möglich schien. Gurnemanz ist erblindet (der von Wagner, nicht der aus Capriccio...) und tastet sich durch die Welt, findet Kundry und Parsifal, den er ertastend erkennt. Die Verkleidungsszene, in der Parsifal zum neuen Propheten wird, hat Bernd schon eindringlich beschrieben. Kitsch und Komik. Das Bild Parsifals als Jesus-Verschnitt mit Engelsflügeln und Abzeichen aller Religionen dieser Welt um den Hals und Wagnerbüste in der Hand ist umwerfend, brüllend komisch einerseits (Und ich, ich bin's der all dies Elend schuf werde ich nie wieder ohne Grinsen hören können...), aber auch bitter weil wir wissen, dass dieser Religionskitsch funktionieren wird. Die Gralsgemeinschaft kriecht nun buchstäblich aus Erdlöchern, der nackte Titurel stolpert offensichtlich verwirrt über die Bühne und wird von der Gemeinschaft brutal erschlagen. Die Unterbrechung der anschließenden Chorszenen durch Hereinfahren des Erlösers auf dem Gepäckwagen ist einer dieser visuellen Knaller, wie sie Bieito gelingen können. Der Kontrast zwischen Musik und Bild schärft die Wahrnehmung, die Musik wird hier (wie schon beim Karfreitagszauber) quasi Teil von Gurnemanz' Inthronisierungsszeremonie für den neuen Propheten. Wenn Parsifal nun Amfortas mit dem Speer erlöst (sprich: tötet) erinnert die Körperhaltung der Personen wohl nicht zufällig an manche Darstellungen vom drachentötenden Erzengel Michael, und wenn der nackte Parsifal mit dem Speer in der Hand in die Wanne steigt, in der zuvor Titurel lag, hält er eine Sekunde genau in der Haltung inne, die Jesus in der berühmten Auferstehung Piero della Francescas in San Sepolcro hat - aber das bilde ich mir vielleicht nur ein.

      Am Ende bleibt die hochschwangere Kundry alleine auf der Bühne zurück, eine Rückkehr zum Anfangsbild der Schwangeren während des Vorspiels? Dann wäre das Ende pessimistisch, und Kundry würde nur den nächsten Erlöser gebären, der später Parsifal ablösen wird. Oder doch ein hoffnungsvolles Bild, Kundry als einzige positive Figur und Hoffnungsträgerin? Beides ist möglich, das Ende bleibt offen.

      Die Reaktion, als das Regieteam die Bühne betrat, zeigte, dass der Abend niemanden wirklich kalt lies. Begeisterter Jubel auf der einen, Buhrufe auf der anderen Seite. Wobei die Zustimmung nach meiner Wahrnehmung deutlich überwog. Und für mich? Eine der stärksten Arbeiten, die ich von Bieito bisher gesehen habe. Und einen zweiten Durchgang wert - leider werde ich das terminlich in dieser Saison nicht mehr hinbekommen.

      Musikalisch schließe ich mich weitestgehend dem schon geschriebenen an. Zwar bin ich kein Stammgast in Stuttgart, mehr als 10 Mal war ich nicht dort. Dennoch: So gut wie gestern habe ich das Orchester noch nie erlebt. Große Klasse, farbig nuanciert, dramatisch an den richtigen Stellen. Der stuttgarter Opernchor spielfreudig wie man ihn kennt, und sängerisch voll auf der Höhe. Von den Sängern ragten Stephen Milling als Gurnemanz und Christiane Iven als Kundry heraus. Wie sinnlich Ivens Stimme im 2. Akte aufblühen konnte war schon verblüfend. Mir völlig unerklärlich daher die vereinzelten Buhrufe für Iven, die sie selbst offenbar auch getroffen haben. Wie Bernd fand ich , dass es für Gregg Baker (Amfortas) vielleicht etwas zu viel Jubel gab. Gut der Parsifal von Andrew Richards, während Claudio Otelli als Klingsor die schwächste sängerische Leistung des Abends bot.

      Insgesamt ein toller Abend. Nach dem Rosenkavalier von Herheim in dieser Saison schon die zweite überragende Produktion in Stuttgart. Und Katia Kabanowa von Wieler/Morabito steht noch aus - Pulmanns letzte Saison in Stuttgart ist schon ein Knaller.


      Michel
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Auf mich machen bislang alle Bilder, Berichte & Videos einen enorm starken Eindruck. Ich wünschte, Stuttgart wäre ein wenig näher... Das riecht durchaus nach einer tollen Inszenierung! Mir bleibt die Hoffnung auf eine WA. Wieder nur 5 Vorstellungen in einem Monat... ;(


      Ich verstehe gar nicht, wieso immer so viel Aufhebens darum gemacht wird, wenn „Blut, Gewalt und Perversion“ auf der Bühne inszeniert werden. Das ist doch genau das, was täglich um uns herum geschieht, das ist doch die Realität. Zuletzt die Missbrauchsopfer der katholischen Kirche, das ist reinste Perversion. In so einer Welt leben wir, Blut und Ekel gehören dazu. Aber vielleicht berührt die Realität die Menschen weniger als eine Inszenierung der Realität.


      Da stimme ich zu - aber das ganze scheint ja doch weitaus mehr zu sein als eine provokative Inszenierung von „Blut, Gewalt und Perversion“ - eher eine gut gelungene und mutige Auseinandersetzung mit dem Thema. Und - die Eindrücke sprechen dafür - eine packende, gut erarbeitete Aufführung.

      Ich würde es gerne erleben.
    • Cherubino schrieb:

      Ich habe aber eben "Kulturzeit" gesehen, wo ein vielleicht 5-minütiger Beitrag über diese Inszenierung gesendet wurde. Was ich sah, war Blut, noch mehr Blut, dazwischen vereinzelt andere undefinierbare Körpersekrete, Gewalt und Perversion. Das ist also die Auseinandersetzung des Bildungsbürgertums mit sich selbst und der Welt, in der es lebt? Blut und Ekel? Ich weiß ja nicht, in was für einer Welt der normale Bildungsbürger lebt, ich weiß auch nicht, ob ich dazu gehöre (vermutlich noch nicht), aber ich hätte diese Welt und diese Bevölkerungsgruppe jetzt nicht mit perversen Gewaltexzessen und viel, viel Blut in Verbindung gebracht, nicht mit dem ausgekosteten Abschlachten von Menschen... ?(


      Wer versucht (ja, auch wir versuchen dies hier!), mehr als 4 Stunden in kurze Beiträge zu zerlegen, oder schlimmer, in kurzen Beiträgen über das Ganze zu berichten, kann immer nur einen Teil des Ganzen darstellen. So auch der Beitrag aus der Kulturzeit. Zu Deiner Beruhigung: Es kam viel weniger Blut und Gewalt vor (äußerlich), als wir alle es erwartet hatten. In Summe kommt, wie immer bei Bieito, der "menschliche Aspekt" nie zu kurz, wobei menschlich eben alles umfaßt, wie Gefühle, Idee, Gedanken, Gutes wie Schlechtes, und insbesondere eben das, was in den Menschen passiert. Und das bricht gelegentlich eben auch mal aus den Menschen aus, und äußert sich in Mutterliebe (geben der Brust), oder eben auch Gewalt. Das ganze menschliche Spektrum eben.

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • Le Merle Bleu schrieb:


      Im 3. Akt dann ist alles gegenüber dem ersten noch weiter verfallen - auch wenn das kaum möglich schien. Gurnemanz ist erblindet (der von Wagner, nicht der aus Capriccio...) und tastet sich durch die Welt, findet Kundry und Parsifal, den er ertasten erkennt. Die Verkleidungsszene, in der Parsifal zum neuen Propheten wird, hat Bernd schon eindringlich beschrieben. Kitsch und Komik. Das Bild Parsifals als Jesus-Verschnitt mit Engelsflügeln und Abzeichen aller Religionen dieser Welt um den Hals und Wagnerbüste in der Hand ist umwerfend, brüllend komisch einerseits (Und ich, ich bin's der all dies Elend schuf werde ich nie wieder ohne Grinsen hören können...), aber auch bitter weil wir wissen, dass dieser Religionskitsch funktionieren wird. Die Gralsgemeinschaft kriecht nun buchstäblich aus Erdlöchern, der nackte Titurel stolpert offensichtlich verwirrt über die Bühne und wird von der Gemeinschaft brutal erschlagen. Die Unterbrechung der anschließenden Chorszenen durch Hereinfahren des Erlösers auf dem Gepäckwagen ist einer dieser visuellen Knaller, wie sie Bieito gelingen können. Der Kontrast zwischen Musik und Bild schärft die Wahrnehmung, die Musik wird hier (wie schon beim Karfreitagszauber) quasi Teil von Gurnemanz' Inthronisierungsszeremonie für den neuen Propheten. Wenn Parsifal nun Amfortas mit dem Speer erlöst (sprich: tötet) erinnert die Körperhaltung der Personen wohl nicht zufällig an manche Darstellungen vom drachentötenden Erzengel Michael, und wenn der nackte Parsifal mit dem Speer in der Hand in die Wanne steigt, in der zuvor Titurel lag, hält er eine Sekunde genau in der Haltung inne, die Jesus in der berühmten Auferstehung Piero della Francescas in San Sepolcro hat - aber das bilde ich mir vielleicht nur ein.


      Michel, das ging und geht mir genauso: Ich werde diesen Satz "der all dies Leiden schuf" nie wieder ohne eine Erinnerung an diese Inszenierung hören können, genauso, wie die Jesus-gleiche Haltung Parsifals ("was für ein geiler Arsch!" (um mich mal mit "der Landärztin" nach SWR3-Art zu äußern...) 8+) ), oder der "Befreiungsschlag" Amfortas', der sehr viel eher eine Hinrichtung des Drachens aussieht, mir immer in Erinnerung bleiben werden.

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • So, bevor ich dann ins Bett gehe, fange ich mal mit den Fragen an, denen sich Bieito nähert:

      Parsifal fragt: "Wer ist der Gral?"

      Gurnemanz antwortet: "Das sagt sich nicht!"

      Bieito wendet diese Frage und die Antwort darauf mehrfach um:

      "Was ist der Gral?"
      "Was bedeutet das, was der Gral ist (ist er das dann aber auch?), für mich, Dich, uns?"

      Schauen wir uns das "Volkswissen" über den Gral an: Zweierlei: Der Kelch des letzten Abendmahls und die Schale, in der das Blut nach der Kreuzigung Jesus' aufgefangen wird.

      Was bedeutet das für die "Gläubigen"? Verehrung? Heilsbringer? Erlösung? Ist es sowas, wie das Rheingold im Ring, oder die Tarnkappe im Ring? Ist es heute der "schnöde Mammon"? Am Ende der technisierten Welt im selbstgebrachten Ende (wir fühlen uns wie bei Andrej Tarkowski (Stalker) oder Theo Angelopoulos (Landschaft im Nebel), oder auch bei Ridley Scott (Blade Runner): einsam, hilflos, ausgeliefert) sind diese Dinge nicht mehr nutzbar, es ist klar, daß das Ende längst vorbei ist, und wir nach dem Ende als Untote weiterleben müssen. Damit hat der Gral auch ausgedient, weil eine Erlösung nicht mehr vorstellbar erscheint.

      Aus diesem Grunde wird in dieser Inszenierung der Gral nicht enthüllt, sondern jeder bekommt den "Götzen", an den er mal geglaubt hat. "Glauben" ist und geht nicht mehr, das sieht und merkt man ganz deutlich daran, wie lieb- und lustlos diese Devotionalien aus dem Riesenbausack heraus geholt werden. Sie werden zwar noch in die Luft gestreckt, es ist aber mehr Pflicht als Lust, es ist totes Ritus und keine Befreiungsaktion mehr. Daran schließt sich zwingend die Behängung Parsifals im dritten Aufzug an, und er tritt als lebloses Abziehbild, pure Hülle der Anhimmelung aller dieser Gegenstände vor die Menschen. Absolut zwingend daher, daß auch Wagner selbst als Götze dort nicht fehlen darf. Den "reinen Toren" hält er bis zum Ende durch. Bloße Hülle, Abfolge von Riten, sinnentleert.

      In der ersten Verwandlungsszene eine weitere, ebenfalls zwingende, aber kleine Abfolge von Aktionen: Amfortas oben, vorne auf der Brücke (eine Brücke ist immer etwas Verbindendes, hier aber zerbrochen, und daher nutzlos geworden) hebt eine Küchenschüssel (Grals-ersatz) hoch, entnimmt ihr einen Rosenkranz und schleudert den nach unten vorne auf die Bühne. Dieser Rosenkranz wird dann im Laufe der "Gralsenthüllung" von dem Axt-schwingenden Ritter um die Axt gelegt, und damit sozusagen die Axt, die später Titurel rituell erschlägt, gesegnet. Dieser Akt der Segnung erfolgt so gelangweilt, daß der dem Betrachter wohl meist entgehen wird.

      Auf andere Weise schockierend die Erschlagung des Knabens durch Gurnemanz, der sich dann "nahtlos" in den abgeschossenen Schwan verwandelt (der Knabe, nicht Gurnemanz) und von der Bühne, ganz liebevoll, getragen wird. Ich habe noch nie diese Erzählung Gurnemanz' so zwingend, auch sprachlich artikuliert, gehört oder gesehen, wie hier.

      Ist es im ersten Aufzug schon trostlos, so hatten wir uns alle gefragt, ob sich diese Trostlosigkeit im dritten Aufzug noch steigern liesse. Ja, sie läßt sich steigern. Die Figuren stolpern blind, stumm, und alt und gebrechlich über die Bühne, es ist noch toter, leb- und liebloser geworden.

      Die Brücke, wohl mal als Verbinungsstück zwischen dem Reich des Grals (dem Erlösungsbringer) und der Menschheit, die ja schon im ersten Aufzug knapp vor der Bühnenkante abgebrochen ist, ist im dritten Aufzug sogar noch einmal mehr zerbrochen. Es gibt also keinen Weg mehr, über den die Erlösung zur Menschheit kommen könnte. Daher richtet sich dann auch folgerichtig der Ruf "enthüllet den Gral, öffnet den Schrein!" im dritten Aufzug ans Publikum, als Aufforderung, selbst aktiv zu werden, die Liebe, die Erlösung, die wir in uns verschlossen haben, die durch das Ende der Welt verlorengegangen ist, wieder aus uns heraus zu lassen, zu befreien. Die Erlösung kann also nicht mehr von Außen kommen, sie muß aus uns selbst heraus gelöst werden, um Erlösen zu können.

      Dies alles wird schauspielerisch hervorragend dargestellt, hier findet keine Rampensingerei statt, hier ist das Singen "Nebensache", die dennoch aber hervorragend gemacht wird, das Darstellen ist wichtiger, wie immer bei Bieito. Es muß überzeugend dargestellt werden, und das gelingt hervorragend.

      Zum Schluß ist klar: Religion hat ausgedient, Götzendienst funktioniert nicht mehr, die Erlösung kann nur aus uns selbst kommen, genauso wie die Liebe, und wir sind aufgefordert, alle dazu beizutragen, daß wieder Liebe und Lebenswertes in die Welt zurück kommt. Da spielt es dann auch keine Rolle mehr, ob Kundry einen neuen "Erlöser" gebären wird (wann macht Bieito den Lohengrin?), oder ob das Ganze als Wiederholung anzusehen ist. Klar ist: Erlösung kann nicht von Außen kommen, wer darauf hofft, wird enttäuscht werden.

      Ich wünsche eine Gute Nacht!

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • Mal wieder etwas zurück zum Parsifal.. wenn jemand Infos bekommt, ob eine DVD von dieser Produktion veröffentlicht wird, dann bitte lasst diese Message hier uns unbedingt rüberwachsen, denn dieser Parsifal würde mich mehr als brennend interessieren, zumal mir Arbeiten von Bieito (vor allem der Wozzeck + der D. G. in Hannover) bisher sehr gefielen..... in den Hörschnipseln fand ich das Stuttgarter Orchester sehr gut...

      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • [...]
      Was den Parsifal von Bieito angeht: ich bin auch serh an einem Mitschnitt interessiert. Das was ich hier lese und was ich in dem Kurzfilm gesehen habe, klingt nach einer grossartigen Neu-Interpretation dieses in meinen Augen ziemlich unsäglichen Werkes.
      Selbst wenn Bieito den Parsifal fûr Unsinn hält,(was nciht der Fall zu sein scheint) hat er sich doch um der Musik willen mit diesem Unsinn auseinandergesetzt und gleichzeitig die Schwächen des Librettos bzw seine Rezeption schonungslos aufgedeckt. Für mich ist das ein Befreiungsakt, der es mir möglich machen würde, mir diese Oper anzusehen. Der Weihrauch scheint in Stuttgart jedenfalls gründlich ausgeräuchert zu sein.
      Was Bernd zum Synkretismus der Religionen bei Wagner und Bieitos Umsetzung schreibt, leuchtet mir vollkommen ein.
      Die Sache mit den Blumenmädchen finde ich genial! Und die Szenerie mit der Autobahnbrücke ebenfalls.

      Was Kundry angeht: warum ist sie anfangs und am Ende schwanger? Ist das eine konkrete Schwangerschaft, die aus der Inszenierung hervorgeht (von wem?) oder eine symbolische (mit was, mit der Hoffnung auf eine neue Welt nach dieser Endzeit?)
      Ich schliesse mich Amfortas Bitte an, was DVD etc angeht. Nach Syberberg, dessen Interpretation mir gut gefallen hat, scheint mir das eine radikal neue Sichtweise zu sein.

      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Nach Syberberg, dessen Interpretation mir gut gefallen hat, scheint mir das eine radikal neue Sichtweise zu sein.
      der Syberberg liegt auch auf meinen "Hörstapel", habe nur den 2. Akt angefangen, denn jetzt ist seit ein paar Tagen Xenakis dazwischen gekommen.. die Ausschnitte aus Stuttgart lassen mir das Stuttgart-Orchester + Bieito-Lesart interessanter als Jordan/Syberberg erscheinen.. aber das ist natürlich nahezu reine Spekulation.. Eure bisherigen Berichte wirken deshalb auf den Außenstehenden wie eine unerreichbare + aber dringend ersehnte Süßspeise :D ...

      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • FairyQueen schrieb:

      Was Kundry angeht: warum ist sie anfangs und am Ende schwanger? Ist das eine konkrete Schwangerschaft, die aus der Inszenierung hervorgeht (von wem?) oder eine symbolische (mit was, mit der Hoffnung auf eine neue Welt nach dieser Endzeit?)
      Liebe Fairy,

      Kundry ist am Anfang nicht schwanger - die Schwangere, die zum Vorspiel nackt über die Bühne irrt, ist eine nicht näher identifizierte Gestalt, vielleicht als Herzeleide (Parsifals Mutter) zu deuten? Auch wer der Vater von Kundrys Kind ist, bleibt offen so weit ich das gesehen habe. Die pessimistische Deutung des Endes wäre wie gesagt, dass sie nur den nächsten Propheten gebären wird, der eines Tages Parsifal nachfolgen wird, wenn dieser ausgedient haben wird.

      Michel
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Le Merle Bleu schrieb:

      Wenn Parsifal nun Amfortas mit dem Speer erlöst (sprich: tötet) erinnert die Körperhaltung der Personen wohl nicht zufällig an manche Darstellungen vom drachentötenden Erzengel Michael [...]
      Die Assoziation an den heiligen Drachentöter hatte ich schon im 2. Akt: Ich meine, Bieito zeigt hier die gleiche Konstellation: Parsifal, der mit der zum Speer umfunktionierten Eisenstange den am Boden liegenden Klingsor aus der gleichen Haltung heraus erlöst/tötet wie später Amfortas. Beide, Amfortas wie Klingsor, sind damit auf eine Stufe gestellt.

      Zur schwangeren Kundry: Das habe ich so ähnlich wie Michel gesehen, wobei auch eine optimistischere Sicht möglich wäre: das ungeborene Kind als Hoffnungsträger der Zukunft - hier entsteht neues Leben! Vielleicht spielt Bieito auch auf die schwangere Sieglinde in der Walküre an: Auch Siegfried war eine Erlöserrolle zugedacht, wenngleich sich das da noch (in der Götterdämmerung) als höchst trügerisch erweist.

      Am Anfang ist es eine unbekannte nackte Frau, der Kundry ihren Anorak auf die Schulter legt, eine Geste des Mitgefühls (auch das ein Aspekt, der der Kundry menschliche Züge verleiht). Die unbekannte Frau läßt den Anorak kurz darauf wieder fallen, Kundry nimmt ihn wieder an sich und die Fremde verschwindet allmählich im düsteren Nebel.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
      Künstler und Schwein gelten erst nach dem Tode etwas.
      Max Reger