CHABRIER: L'Étoile - ein strahlender Stern

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    • CHABRIER: L'Étoile - ein strahlender Stern

      In etwa einem Monat, also Mitte Mai, findet in Berlin eine sehr seltene Aufführungsserie statt, auf die ich nach meiner Darstellung im Klassikforum gerne auch hier aufmerksam machen möchte, da man sich diese Chance, eines der großen Meisterwerke der französischen leichten Muse live zu erleben, nicht entgehen lassen sollte. Sir Simon Rattle wird als Gast an der Lindenoper Emmanuel Chabriers Operette L'ÉTOILE mit einer erlesenen Besetzung zur Aufführung bringen. Die Inszenierung übernimmt der frühere Bariton Dale Duesing, den manche vielleicht noch als Jupiter in Herbert Wernickes ORPHÉE AUX ENFERS aus Brüssel kennen, und der vor einigen Jahren in Frankfurt mit einer eigenen Sicht auf Rossinis IL VIAGGIO A REIMS punkten konnte. (EDIT: wie ich gerade feststelle, sangen dort auch Juanita Lascarro und Giovanni Furlanetto.) Das Bühnenbild gestaltet Boris Kudlicka, und die Kostüme stammen von Kaspar Glarner.

      Hier die außerordentlich vielversprechende Besetzung:
      König Ouf I. - Jean-Paul Fouchécourt
      Lazuli - Magdalena Kožená
      Prinzessin Laoula - Juanita Lascarro
      Siroco - Giovanni Furlanetto
      Fürst Herisson de Porc-Epic - Douglas Nasrawi
      Aloès - Stella Doufexis
      Tapioca - Florian Hoffmann

      Die Aufführungsdaten findet Ihr hier: staatsoper-berlin.de/de_DE/repertoire/447452

      Über die Qualität der Inzenierung kann ich naturgemäß noch nichts sagen, aber ich finde die Daten doch so vielversprechend, dass man sich nach Möglichkeit Karten dafür besorgen sollte, auch wenn man dafür anreisen muss. Um Eurer Motivation aufzuhelfen, übernehme ich meine (seinerzeit nicht fertig gestellte) Darstellung aus einem anderen Forum und vervollständige sie hier:

      Ich sehe diese, von Chabrier als „Opéra bouffe“ bezeichnete, musikalische Komödie als Operette an, weil Offenbach seinen besten Operetten diese Bezeichnung mitgab und ich glaube, dass Chabrier sein Werk in deren Tradition sah. Allerdings ist es eine der besten und anspruchsvollsten Operetten überhaupt, und niemand sollte Probleme damit haben, wenn man sie ungeachtet ihrer Kennzeichnung durch den Komponisten als veritable Opéra comique in der Tradition eines Boieldieu oder Adam bezeichnet, zumal sie in ihrem Anspruch weit über deren primär gefällige Tonsprache hinaus geht. Das hat auch Vincent d'Indy so gesehen, als er nach der ersten Rundfunkübertragung des Werkes 1934 schrieb:

      "L'ÉTOILE. Diese magischen Worte haben seit nunmehr fünfzig Jahren in den Gedanken vieler Künstler herumgespukt. Sie haben sogar Opernintendanten verfolgt, denn es gibt keinen, der nicht davon geträumt hätte, dieses legendäre Werk für ein Publikum von Kennern so herauszubringen, wie es ihm gebührte. Es ist allen wahren Musikern lieb und heilig - ein Juwel von französischer Operette, in dem die Narretei und die Poesie dieses anderen Offenbach mit all dem Charme, der Eleganz und dem sprudelnden Reichtum präsentiert werden, zu dem dieser in der Lage war, obwohl er sich dessen nicht einmal bewusst war und deshalb nie danach strebte."

      Starkes Lob. Dennoch ist kein Wort übertrieben, wie man schon beim ersten Hören spürt und beim wiederholten Studium immer besser erkennen kann. Das Libretto von Eugène Leterrier und Albert Vanloo folgt der damals schon schwindenden Mode der orientalischen Narretei, weshalb es den Librettisten auch nicht erspart blieb, mit einem Bühnenanfänger zusammen zu arbeiten. Thematisch erinnert die abstruse Geschichte nicht von ungefähr an Rossinis L'ITALIANA IN ALGERI, mit der es den ausgelassenen Geist teilt, obwohl es sich musikalisch in einer ganz anderen Welt aufhält.

      Ich kenne das Werk in zwei verschiedenen Fassungen und folge im Weiteren der inzwischen wohl gängigen Version John Eliot Gardiners, die er nach deren Erstaufführung in Lyon 1986 vor etwa zwei Jahren mit nur wenigen Veränderungen auch nach Paris brachte, wo man eine weitere Aufzeichnung erstellte, die aber leider nur im Netz und nicht auf DVD greifbar ist. Einige illustrative Bilder finden sich ber auf deieser Website: "http://chanteur.net/spectacles/20071219-OperaComique-Etoile.htm']http://chanteur.net/spectacles/20071219-...ique-Etoile.htm".

      Dagegen weicht die von Désiré-Emile Inghelbrecht 1934 aufgeführte Fassung, die dieser auch 1957 für den französischen Rundfunk aufgenommen hat, in der Reihenfolge der Nummern teilweise von ihr ab, vor allem aber in der Besetzung des Straßenhändlers Lazuli mit einem Tenor (Joseph Peyron), während Gardiner die Rolle den Mezzosopranistinnen Colette Alliot-Lugaz (Lyon) und Stephanie D’Oustrac (Paris) gab. Leider konnte ich nicht sicher feststellen, welche Fassung die authentischere ist, oder ob beide Möglichkeiten von Chabrier autorisiert wurden, denn schon Ernest Ansermet ließ in seinem Querschnitt von 1941 die Rolle von der Mezzosopranistin Ninon Vallin singen, die auch eine hervorragende Carmen gewesen sein muss.



      Leider kenne ich diese Aufnahme nicht, da sie nur in Frankreich für Fantasiepreise zu haben ist.

      Laut Operone war die ursprüngliche Besetzung noch ein Tenor. Die Änderung ist aber in mehrfacher Hinsicht zu bevorzugen, wie sich noch zeigen wird, und hat sich wohl als Standard eingebürgert, denn auch Jean-Marie Zeitouni hat in seinen Aufführungen an der New York City Opera, in Montreal und anderen Städten Nordamerikas (ich habe eine Aufnahme aus Cincinnati) diese Praxis beibehalten.

      Fortsetzung folgt.

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    • Nun aber zu der versprochenen Detailanalyse:

      ERSTER AKT

      Der süffig-verführerische Charakter der Musik wird schon in der Potpourri-Ouvertüre deutlich, in der wir erstmals der bezaubernden Titelmelodie begegnen, die wir, ebenso wie die mit dem Namen Laoula verbundene Tonfolge, noch öfter hören werden. Als Anhänger Wagners kannte Chabrier natürlich die Idee des Leitmotivs. Sein freier Gebrauch davon ähnelt aber eher dem der Idée fixe eines Berlioz.

      Die Ouvertüre beginnt eher konventionell mit ein paar Marschtakten, überrascht dann aber schon mit einer ganz anderen Wendung und warnt uns, dass hier - im Gegensatz zum Libretto - musikalisch nichts so laufen wird, wie man es erwartet. Nicht von ungefähr wurde Chabrier mehrfach dazu angehalten, "einfacher" zu schreiben, weil die Musiker und Sänger des Ensembles der Bouffes Parisiennes schon protestierten, wenn eine zweite Strophe anders lief als die vorherige, und mit Arbeitsverweigerung drohten, als sie die Partitur einstudierten. Damit hatten sie allerdings auch den Ehrgeiz des Direktors gereizt, der sich nicht nachsagen lassen wollte, seine Musiker seien schlechter als andere. Es wurden also viele zusätzliche Proben genehmigt, die auch nötig waren. Für unsere heutigen Ohren mag das überraschend sein, aber je mehr man in das Detail schon der Ouvertüre schaut, um so erstaunlicher erscheinen die immer neuen Überraschungen, die dennoch so zwangsläufig klingen, als könnten sie gar nicht anders. Schon deshalb verdient auch diese Ouvertüre, wie alle Orchesterstücke von Chabrier, einen häufigeren Einsatz im Konzert.

      Der erste Akt beginnt in einem morgenländischen Königreich, dessen Herrscher König Ouf I. die Angewohnheit hat, sich am Vorabend seines Geburtstages inkognito unter das Volk zu mischen um jemanden zu finden, der etwas Schlechtes über den König sagt. Dieser wird nämlich anderntags öffentlich gefoltert und hingerichtet - ein Vergnügen, das Oufs Volk als festen Höhepunkt seiner Geburtstagsfeiern erwartet. Das Volk aber ist gewarnt, und in einem komisch-verschwörerischen Chor warnt man einander zur Vorsicht (Mélons-nous).

      In diese bedrohliche Stimmung geraten die nichtsahnenden Gesandten des Nachbarkönigs, Hérisson de Porc-Epic (Stachelschwein) und sein Sekretär Tapioca, der mit Hérissons Frau Aloes, der Vertrauten der ebenfalls mitgereisten Prinzessin Laoula, ein Verhältnis pflegt. Laoula soll mit Ouf verheiratet werden um zwischen den verfeindeten Nachbarn Frieden zu stiften und einen gemeinsamen Erben hervor zu bringen. Zunächst aber wollen sie inkognito bleiben um sicher zu stellen, dass in dem Land alles mit rechten Dingen zugeht. Auch ihr, mit Dialogpassagen unterbrochenes, Quartett (Nous voyageons incognito) zerstört schnell alle Erwartungen auf einen vorhersehbaren Ablauf, denn es folgt vor allem der Sprachmelodie und unterstreicht den Witz der Situation, zumal Laoula erst jetzt den eigentlichen Zweck der Mission erfährt, mit dem sie natürlich überhaupt nicht einverstanden ist.In diese Gemengelage tritt (bei Gardiner) der nichtsahnende Straßenhändler Lazuli mit einem Auftrittslied, das nichts mehr mit den schlichten Auftrittscouplets anderer Operetten zu tun hat. Lazuli ist müde und will sich in seinem Karren schlafen legen. Zuvor aber beschwört er den hellsten Stern (O petite étoile), ihm zu sagen, ob seine Träume in Erfüllung gehen werden. Dieses nur oberflächlich schlichte, tatsächlich aber beständig modifizierte Strophenlied ist von einer dermaßen bezaubernden Aura, dass ich es nur mit dem wunderschönen Lied an den Mond aus Dvoraks RUSALKA vergleichen kann. Schon deshalb ist die Entscheidung, es von einer Frauenstimme singen zu lassen, mehr als gerechtfertigt, weil der normale französische Operettentenor kaum in der Lage ist, die Innigkeit und Unschuld dieser Traumbeschwörung einzufangen. Colette Alliot-Lugaz macht das in der Lyoner Aufnahme traumhaft. Man kann es hier in einem Ausschnitt aus der Pariser Aufführung hören und sehen: "http://www.youtube.com/watch?v=KayhpIWFuog&feature=related". Es gibt das Lied auch in einer, auf YouTube leider total übersteuerten, konzertanten Darbietung von Patricia Petibon, die sich aber ihrer fantastischen Interpretation wegen trotzdem anzuhören lohnt, obwohl es weh tut: „http://www.youtube.com/watch?v=VtjzXyydatw&feature=related%E2%80%9C'"

      Während Lazuli schläft, kommen die abenteuerlustigen Laoula und Aloes hinzu und beschließen, den hübschen Fremden zu kitzeln um ihn aufzuwecken (Il faut le chatouiller). Diese etwas konventionellere Nummer beginnt wie ein neckisches Duett aus Humperdincks HÄNSEL UND GRETEL, wo sie nicht deplatziert wäre, bricht dann aber immer wieder in scheinbar freie Extemporés aus, die es immer näher an die komplexere Stimmführung der scherzenden Frauen von Verdis - formal strengeren - FALSTAFF rücken. Auch dieses Duett vermag zu bezaubern, ist aber nur eine Zwischenstation zu dem ursprünglichen Auftrittslied Lazulis (Je suis Lazuli), das nur noch in dem konventionellen Text an ein gewöhnliches Auftrittscouplet in der Tradition Offenbachs erinnert. YouTube bietet es in einer historischen Aufnahme mit Fanely Revoil: „http://www.youtube.com/watch?v=F6k74VyUkjM%E2%80%9C".

      Es beginnt wie ein munteres Vorstellungscouplet im Stil Offenbachs, kippt aber schon nach wenigen Takten in eine, dem Dialog folgende, intensive Anmache um. Lazuli verkauft nämlich alles, was Frauen Freude macht. Urplötzlich bahnt sich Chabriers Liebe zur Prosodie ihren Weg. Auch darin bleibt er seinem Vorbild Wagner treu, dem ebenfalls der Text oft wichtiger war als die geschlossene melodische Form. Der weit ältere Verdi, der Chabrier dennoch überlebte, fand erst in seinen späten Opern zu einer derartigen Differenzierung, wie Chabrier sie bereits in seinem ersten Bühnenwerk praktizierte. Es war die Nutzung von Freiheiten wie diese, die seinen Komponistenkollegen immer wieder große Bewunderung abgenötigt haben.

      Dann endet die erst Strophe so munter, wie sie begann. Wir sind aber wieder mal vorgewarnt, und auch Orchester und Sänger(innen) müssen aufpassen wie Schießhunde. Bequem ist das nicht, aber ungemein reizvoll. Man darf sich bei Chabrier nie einfach zurücklehnen um den erwarteten Fortgang eines Stückes zu genießen. Es folgt ein typisches Listenlied. Kaum hat man sich jedoch behaglich darin eingerichtet, kommt eine weitere, noch überraschendere Wendung, ein kleiner Marsch, mit dem Lazuli behauptet, dass dank seiner raffinierten Kosmetik Mutter und Tochter wie Schwestern aussähen. Es folgt eine Wiederholung, aber auch das nur scheinbar, denn winzige Veränderungen, die auf den Text Rücksicht nehmen, zeigen immr wieder, dass Wiederholungen für Chabrier alles andere als Routine sind.

      Nach diesen ausführlichen Expositionsteilen folgt sofort das große erste Finale: Herisson de Porc-Epic kehrt zurück um die Frauen zu holen und gibt Laoula als seine Gattin aus, zerrt sie aber davon, bevor sie protestieren kann. Lazuli ist am Boden zerstört, hat also genau die richtige Laune für den noch immer verkleideten Ouf, der ihn heuchlerisch befragt, was er von der Regierung halte. Wütend über die für ihn völlig irrelevante Frage, verpasst ihm Lazuli eine Ohrfeige. Nun enthüllt sich Ouf in seiner ganzen künstlichen Empörung und echten Grausamkeit. Er hat sein Opfer für die Tortur und anschließende Hinrichtung gefunden. Lazuli ist der Tod egal. Die Frau, die er liebt, ist verheiratet, sein Leben hat keinen Sinn mehr.

      Auch das Volk freut sich und gibt in einer raffiniert-mutierten Neuauflage eines Motivs von FISCH-TON-KAN, dem Operettenfragment, das Chabrier nach einem Libretto Paul Verlaine vertont hatte, mit einer Pseudoklage Ausdruck, deren munterer Rhythmus sein angeblich so entsetztes Mitgefühl Lügen straft. Der Höhepunkt ist dann die nicht weniger verlogene, geradezu süßlich walzernde Einladung Oufs an Lazuli, es sich auf dem Folterstuhl bequem zu machen.

      Donnez-vous la
      Donnez-vous la
      Donnez-vous la
      Peine de vous assoir
      Mon bon ami, vous allez voir.

      (Macht euch das Vergnügen, euch zu setzen, lieber Freund, und ihr werdet schon sehen).
      Das Wortspiel um die Pein ist sicher kaum zufällig gewählt.

      Beim Lesen dieser Zeilen meint man, ganz von selbst auf die Melodie zu kommen, auf die Chabrier verfiel, aber das stimmt natürlich nicht. Man hat sich nur wieder von Chabriers Talent einfangen lassen, seine höchst komplexe Musik dem Wort anzupassen und ihrer Komplexität eine Tarnkappe vermeintlicher Schlichtheit überzuziehen. Jeder andere, auch Offenbach, hätte hier wahrscheinlich ein im engsten Wortsinn fürchterliches Theater veranstaltet, nicht aber der an und mit Verlaine geschulte Chabrier. Nicht zum ersten und letzten Mal, hier aber besonders deutlich, erzielt Chabrier einen höchst komischen, aber auch nachhaltig erschreckenden Effekt durch die Kontrastierung des Textinhalts mit der Wahl seiner Mittel.

      In diesem schon recht extremen Fall ist sie nicht weniger grotesk, aber mindestens so hintersinnig wie Johann Strauß' genialer Walzer aus SIMPLICIUS, mit dem er das Massenschlachten des Dreißigjährigen Krieges zelebriert. Augenblicke höchster Grausamkeit kann man eben auch musikalisch oft nur durch die sarkastische Ausformulierung ihres genauen Gegenteils kennzeichnen. Sowohl Chabrier als auch Strauß, der aber die Hilfe eines Regisseurs braucht um seinem Publikum auf die Sprünge zu helfen, waren mit diesem Verfremdungseffekt ihrer Zeit mindestens ein halbes Jahrhundert voraus.

      Das Thema dieses großen Ensembles bestimmt den Rest des Finales. Oufs Hofastrologe Siroco kommt aufgeregt hinzu und berichtet Ouf, dass das Schicksal des jungen Mannes mit dem seinen untrennbar verbunden sei, denn Ouf müsse 24 Stunden nach dessen Tod sterben, und er, der Astrologe selbst, nur 15 Minuten danach. Beide haben also allen Grund, Lazuli zu verwöhnen statt zu töten. Nunmehr wird das trügerische Lied mit seinem passenden Inhalt gefüllt. Ouf lässt Lazuli vom Folterstuhl in eine Sänfte und in seinen Palast bringen. Laoula ist verräterisch erfreut darüber. Das Volk aber ist enttäuscht, fast wütend, dass es heuer keine Hinrichtung geben wird. Als braves Volk und eingedenk der beständigen Gefahr, selbst auf dem Folterstuhl zu landen, beteiligt es sich jedoch an Oufs Einladung:
      Donnez-vous la...

      Man hört: nicht nur das Orchester und die Solisten, auch der Chor muss höchsten Ansprüchen gerecht werden, wenn diese nur scheinbar harmlose Operette angemessen umgesetzt werden soll. Hier hat Gardiners Einspielung gegenüber den Rundfunkaufnahmen, die ich kenne, ihre besonderen Stärken. Mag ihr manchmal der letzte Schwung, auch eine gewisse Leichtigkeit fehlen, die Differenzierungen der Partitur sind bei ihm und seinem Ensemble in besten Händen.




      Fortsetzung folgt

      :wink: Rideamus
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    • Vor dem Zweiten Akt erklingt zunächst ein kurzes Zwischenspiel, das noch einmal - in diesmal dezidiert heiterer Weise - das eigentlich grausame Thema des „Allez-vous là “ aufgreift.

      Zweiter Akt

      Wenn der Vorhang wieder aufgeht, sehen wir Lazuli, wie er von Hofdamen aus Oufs Harem verwöhnt wird. Sie tun sich nicht schwer damit, denn sie finden ihn absolut hinreißend. („Ah! Le charmant garcon“ / Oh, der charmante Junge) Lazuli erwidert ihre Zuneigung mit einem „Brindisi“, einem Trinklied, in dem er bekennt, dass er wohl träume: „Vrai dieu! J’ai fait un reve enchanteur“ (Großer Gott, ich träumte etwas Zauberhaftes). Irgendwie schafft er es, nicht nur zu singen, sondern auch weiter zu trinken, und wieder variiert Chabrier ein Strophenlied auf köstliche Weise, indem er dem zweiten Vers das trunkene Lallen Lazulis einkomponiert, der all die schönen Mädchen um ihn herum küssen will, bevor er aufwacht.

      Da treten Ouf und Siroco herein, wie stets bemüht um das Wohlergehen ihres ungewollten Schützlings, und nun verschwinden die Mädchen tatsächlich. Lazuli ist schlagartig ernüchtert, denn er stellt fest, dass er faktisch ein Gefangener ist. Es gelingt ihm zwar, durch das Fenster auszusteigen, aber Ouf und Sirocco können ihn noch abpassen und zur Rückkehr überreden, indem sie ihm versprechen, dass er vogelfrei sein kann, wenn er es will. Für’s Erste beruhigt, kehrt Lazuli zurück, erinnert sich aber, dass er eigentlich in eine verheiratete Frau verliebt ist. Besorgt erkundigen sich die beiden, ob der Ehemann der Geliebten sehr eifersüchtig ist, und sie geraten fast in Panik, als sie in einem frechen Couplet, das als Muster zahlloser späterer und typisch französischer Chansons gedient haben könnte, erfahren, dass Lazuli noch nie Schwierigkeiten mit Ehemännern hatte. Im Gegenteil, sie sind sehr nützlich um die Frauen zu unterhalten, wenn sie einem zuviel werden:

      Quand on aime, est-il utile
      De se torturer l’esprit
      Pour cet obstacle futile
      Que l’on appelle un mari?

      Wenn man liebt, ist es denn nötig
      Zu zermartern sich den Kopf
      Um den Ehemann? Vierschrötig
      Ist er meist, und auch ein Tropf.

      Überhaupt, wenn er Sperenzchen macht, kann man ihn ja zum Duell fordern und ihm die Ohren lang ziehen. Dieses Lied kann man, wiederum gesungen von der legendären Fanely Revoil, in der ersten Hälfte dieses YouTube-Tracks hören, dessen zweiter Teil, die Erzählung von Lazulis Rettung aus dem See, im dritten Akt dran kommt: "http://www.youtube.com/watch?v=o9fo2xdZNog"

      Kurz darauf kommt der vermeintliche Ehemann Laoulas, Prinz Hérisson de Porc-Epic, herein. Siroco will ihn sofort abführen lassen, da er ein Duell fürchtet, aber Hérisson klärt das Missverständnis auf, durch das Laoula erfährt, dass sie mit Ouf verheiratet werden soll. Sie fällt in Ohnmacht. Laoulas Begleiter Tapioca und Aloués wollen sie wiederbeleben, aber erst dem schwärmerischen Lazuli gelingt das mit einem Kuss. Dieses „Kussquartett“ ist einer von Chabriers erlesensten Einfällen, auf den man, wie so oft bei ihm, kaum jemals bei der Lektüre des Textes kommen könnte, denn während der größte Teil des Textes mit der sehnsüchtigen Annäherung und dem abschließenden Kuss verbraucht wird, lässt Chabrier einen regelrechten Minutenwalzer über der abschließenden Zeile aufblühen:
      Ah! Cela va mieux
      Cela va mieux
      Cela va mieux
      Grace à ce baiser là.

      Ah! Jetzt ist es gut.
      Jetzt ist es gut,
      Jetzt ist es gut,
      Dank diesem Kuss.

      Eine dermaßen erfolgreiche Therapie muss zwecks nachhaltiger Wirkung natürlich wiederholt werden, und diesmal verläuft die zweite Strophe ausnahmsweise fast genau so wie die erste. Laoula verrät Lazuli, dass sie eine Prinzessin ist, aber bevor das Missverständnis vollkommen aufgeklärt werden kann, stürzt Ouf herein und fordert Lazuli auf, die Prinzessin sofort zu entführen, damit sie nicht dem eifersüchtigen Ehemann in die Fänge geraten. Die beiden lassen sich nur zu gern darauf ein. und Laoula erfüllt Oufs Wunsch, ihm ein wenig dankbar zu sein, was sie ihm gerne in einem munteren Couplet bestätigt: Moi, je n’ai pas une ame ingrate (Ich habe keine undankbare Seele).

      Wiederum schließt Chabrier dieses vermeintlich schlichte Couplet mit einem besonderen Aufschwung ab, diesmal in Form eines kurzen Galopp: Je penserai toujours à vous (Ich werde immer an Euch denken). Der wiederum leitet unvermittelt in das Entführungsterzett über, in dem Laoula Lazuli und der nichtsahnende Ouf gemeinsam den düpierten Ehemann verspotten, der natürlich niemand als Ouf selbst ist: Maintenant il faut partir vite (Nun gilt es eilends zu verschwinden).

      Kaum sind die beiden verschwunden und rudern über den nahe gelegenen See davon, kommt Hérisson hinzu und klärt alles auf. Ouf ist zunächst verständlicherweise verärgert, weil er in den Spottgesang auf sich selbst eingestimmt hat, dann aber auch sofort wieder ängstlich, weil Hérisson ihm mitteilt, dass seine Leute sich schon auf Lazulis Fersen geheftet haben. Prompt ertönt ein Schuss, und das Boot, in dem Laoula und Lazuli saßen, versinkt. Ouf und Siroco sehen ihr Ende binnen 24 Stunden kommen (Siroco immer eine Viertelstunde später), zumal Laoula kurze Zeit darauf gerettet und herein geführt wird und in einem todtraurigen Lied, erzählt, wie sie mit ihrem Geliebten friedlich über den See glitt, als plötzlich – und jetzt kommt wieder einer jener unvermittelt onomatopoetischen, köstlichen Einfälle Chabriers:
      Et puis crac, et puis crack
      Tout changea dans une minute

      Und dann ‚krach, und dann ‚krach’,
      Alles war vorbei minütlich

      Ouf und Siroco sind verzweifelt, aber wenn sie auf Sympathie beim Volk gerechnet haben sollten, haben sie sich geirrt. Wieder einmal gehört das Aktfinale dem stark geforderten Chor, der aber auch selten eine solch dankbare Aufgabe erhält. Zunächst kondoliert man pro forma der Prinzessin, hat dann aber nichts Besseres zu tun als in einem fröhlichen Galopp, der nicht von ungefähr an den teuflischen Can-Can aus Offenbachs Unterwelt erinnert, Ouf zu bescheinigen, dass einem sein Schicksal piepegal ist und man von Lazuli nicht mehr zu reden braucht, da dieser schließlich tot sei: C’est un malheur, un grand malheur
      ...
      Il est mort,
      Ma foi pur lui est grand dommage
      Puis qu’il est mort, n’en parlons plus

      Oh welch ein Pech, welch Unglück gar
      ...
      Er ist tot. Doch ist es auch um ihn schon schade,
      Da er jetzt tot, ist er egal.

      Mit diesem Finale hat Chabrier es tatsächlich geschafft, mit dem scheinbar nicht mehr zu übertreffenden Finale des ersten Aktes gleichzuziehen. Je öfter ich dieses herrliche Werk höre, um so unverständlicher ist es mir, dass es nicht zu den dauerhaften Erfolgen der Musikgeschichte gehört. Offenbar gibt es das wirklich, dass ein Werk zu gut sein kann um populär zu sein.

      Leider gibt es das Video der Lyoner Aufführung inzwischen auch in den USA nur noch am Marktplatz, aber ich kann jedem nur dringend empfehlen, es sich zu besorgen, wenn irgend möglich:



      Dritter Akt


      Man muss nicht unbedingt der Meinung von John Eliot Gardiner sein, dass der dritte Akt ungeachtet seiner Kürze die schönste Musik des gesamten Werkes bietet um Chabrier zu bescheinigen, dass er das Niveau seiner Einfallskraft bis zum Ende durchhält, was bei Operetten eher die Ausnahme ist, da man hier gerne die vorangegangenen Hits aufgreift um der Erinnerung nachzuhelfen. Dies ist hier erst ganz am Schluss der Fall und selbst dann noch mit einem amüsanten Twist.

      Erinnern wir uns: Lazuli und Laoula sind gemeinsam in einem Boot über den See geflüchtet, das zum Kentern gebracht wurde. Laoula konnte gerettet werden und von ihrem Unglück erzählen, aber Lazuli bleibt verschwunden. Tief betrübt müssen Ouf und Sirocco von einem übereifrigen Polizeioffizier erfahren, dass Lazuli tatsächlich tot sei, womit ihr eigener Tod binnen 24 Stunden feststeht. Als sie sich wieder vom See zurückziehen, taucht Lazuli aber auf, und wir hören ein weiteres bezauberndes Beispiel für Chabriers Faible für ausdrucksstarke Lautmalerei, wenn Lazuli uns berichtet, wie er unter Wasser davon geschwommen und auf den Grund des Sees herabgesunken ist, wobei er sich in der Tiefe erkältet hat.

      Ouf und Sirocco trösten einander indessen mit mehreren Gläsern grünem Chartreux. Maskiert als therapeutische Anleitung, gehört dieses köstliche Duett zu den komischsten und zugleich überzeugendsten Schilderungen des Absinkens in totale Trunkenheit, welche die Musikgeschichte kennt: "http://www.youtube.com/watch?v=5-0i8UFo_cQ&feature=related"
      Spätestens hier muss jedem einleuchten, warum Mark Lamos, der Regisseur der Aufführungsserie vor einigen Jahren an der New York City Opera sagte: "Im Grund geht es bei L'ÉTOILE vor allem darum, eine großartige Zeit zu verbringen." ("http://www.youtube.com/watch?v=Q4xvunpXilg")

      Laoula und ihre Gefährtin Aloe sind indessen an den See gegangen und betrauern den Tod Lazulis. Als dieser Aloes Trostworte, dass auch dieser Kummer vorüber gehen würde, im Hintergrund mitbekommt, erlaubt er sich den Spaß, in seinem Versteck zu bleiben und den beiden Frauen zu versichern, dass der junge Mann keineswegs tot sei:

      Petit bonhomme, petit bonhomme
      Petit bonhomme n'est pas mort
      Petit bonhomme, petit bonhomme
      Petit bonhomme vit encore

      Diese lautmalerisch köstliche Versicherung, bei der Chabrier sehr mutwillig mit dem Textrhythmus umgeht, ist zwar dramaturgisch nicht sonderlich stringent, löst aber ein besonders liebenswertes Terzett aus, als die beiden Frauen Lazuli doch entdecken und zu ihrer Freude feststellen, dass er tatsächlich kein Geist ist, sondern noch lebt.
      Der immer noch angetrunkene Ouf hat indessen beschlossen, das Beste aus seinen wenigen verbleibenden Stunden zu machen und Laoula zu heiraten. Laoula findet das naturgemäß gar nicht erfreulich, denn nicht nur, dass sie Ouf verabscheut, sie möchte auch nicht binnen Stunden Witwe werden. In bewegenden Couplets versucht sie Ouf davon zu überzeugen, dass sie rasch verwelken würde, wie eine Rose, die zuviel Wasser bekommt.
      Ouf hat genug von der Musik und der Trauer, gibt aber nach, als Sirocco ihm bedeutet, er habe nur noch fünf Minuten zu leben. Beide legen sich zum Sterben hin, aber nichts geschieht. Ouf will Sirocco schon wegen falscher Prophezeiungen hinrichten lassen, als das Mysterium geklärt wird: Lazuli lebt nämlich noch und wird herein geführt Ouf ist erleichtert, dass er nun doch heiraten kann, aber Lazuli droht, dass er dann sterben müsse, weil er ohne Laoula nicht leben könne. Ouf, der an seinem Leben noch mehr hängt als an der Hochzeit, gibt auf und den beiden seinen Segen.

      Und so haben doch Laoula und Lazuli das letzte Wort, das hintersinnigerweise das Finale des ersten Aktes aufgreift, diesmal aber in einem ungetrübt fröhlichen Ton:

      Donnez-vous la
      Donnez-vous la
      Donnez-vous la peine de vous asseoir
      Mes bons Messieurs, venez nous voir

      Macht euch das Vergnügen, euch zu setzen, werte Herren, und seht uns an.

      Dem kann man nur zustimmen: macht Euch das Vergnügen und hört und seht dieses kleine Wunderwerk, nach dessen Vollendung Chabrier zu Recht beklagt hat, dass man die Komödie viel weniger ernst nimmt als die große Tragödie.

      :wink: Rideamus
      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • Lieber Rideamus, liebe Capricciosi!

      Wenn man Patricia Petibon mit besserer Tonqualität hören will (was sich absolut lohnt!), kann man auch auf ihre CD "French Touch" zurückgreifen und bekommt neben dem "Lied an den Stern" auch noch Lazulis Couplets über seine Erkältung im See in einer ziemlich abgefahrenen Darbietung zu hören:



      Danke für die schöne Vorstellung dieser großartigen "Operette"!

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.
    • Lieber Areios,

      danke für die freundlichen Worte und den wichtigen Hinweis. Bei einer Gesamtaufnahme würde ich sie zwar eher als Laoula besetzen wollen, aber in einem Recital ist es völlig in Ordnung, dass der Straßenhändler ein Sopran ist, denn Text und Musik passen auch dazu. Schön, dass es dieses zeitweise vergriffene "Recital" von Patricia Petibon wieder gibt, denn es war eine Zeit lang vergriffen und getrichen. Leider sollte man das als Hinweis darauf lesen, dass das bald wieder der Fall sein kann.

      Dabei gehört diese cd nicht nur, aber besonders wegen der fünf Minuten, welche diese beiden Lieder benötigen, sowohl vom Repertoire wie von der Umsetzung her zu den absoluten Großtaten der Gattung und von daher in jede gut sortierte Musiksammlung, gleich neben das ebenfalls von Yves Abel geleitete Recital französischer Operettenmelodien von Susan Graham, die beide zu den am häufigsten gehörten meiner an Alternativen nicht armen Sammlung gehören. :yes: :yes: :yes:

      Deine starke Empfehlung kann ich daher nur durch ein Selbstzitat unterstreichen: Patricia Petibon - die Kompromisslose

      :wink: Rideamus
      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • L'Étoile in Berlin

      Gestern hatte die selten gezeigte Oper(ette) Chabriers an der Berliner Lindenoper Premiere. Hat jemand schon die Aufführung gesehen oder noch vor, in diese Aufführungsserie zu gehen, die mch natürlich brennend interessiert, zumal ich es aus Gesundheitsgründen wohl nicht in diese Serie schaffen werde.

      Allein die Kombination Simon Rattle, Magdalena Kozena, Jean-Paul Fouchécourt, Juanita Lascarro und Chabrier, nicht zu vergessen der Regisseur Dale Duesing, sollten ein gesteigertes Interesse wert sein.

      Gespannt :wink: Rideamus
      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • Der rbb hat gestern drüber berichtet und einen ganz begeisterten Richard v. Weizsäcker und Klaus Wowereit gezeigt. Die Ausschnitte sahen nicht uninteressant aus und man kann eigentlich nur hoffen, dass diese Aufführung mitgeschnitten und veröffentlicht wird, denn zur absoluten Unzeit hat vor wenigen Wochen die EMI die Gardiner-Aufnahme (also die z.Zt. einzig überhaupt Lieferbare) aus dem Katalog gestrichen. Gerade jetzt hätten sie zumindestens in Berlin damit eine Menge verdienen können...


      Gruß, Peter.
      Alles kann, nichts muss.
    • L'ÉTOILE ist einer jener vergessenen Operettensterne, der nie richtig aufgehen konnte. 1877 war die Zeit der Opera-bouffe vorbei und das Publikum applaudierte vielemehr leichter geschürzten Operas-comiques und Comédies-Opérettes von Planquestte, Audran und Varney. Deshalb hatte ich mich auch für unsere ARTE-Operetten-Dokumentation, an der ich als Dramaturg maßgeblich beteiligt war, dafür eingesetzt, L'ÉTOILE, obwohl kein Repertoire-Stück, aufzunehmen (wir hatten Ausschnitte aus der Pariser Opera-Comique-Produktion verwendet).



      Die Aufnahme unter Ernest Ansermet ist auf jeden Fall empfehlenswert (schon allein wegen Nino Vallin). ich werde später eine ausführliche Rezension dieser Aufnahme folgen lassen, möchte zuvor jedoch eventuelle Kürzungen und Striche mit dem Klavierauszug verifizieren.



      Glücklicherweise scheint L'ÈTOILE wieder Eingang ins Repertoire zu finden. allein in Frankreich gab es in den letzten 5 Jahren mindestens 3 Neuinszenierungen und in Deutschland ist das entdeckungsfreudige Theater Bielefeld der Lindenoper zuvorgekommen.
    • Daniel Hirschel schrieb:

      Glücklicherweise scheint L'ÈTOILE wieder Eingang ins Repertoire zu finden.
      Auch in Deutschland: In der Oper Frankfurt hat L'etoile am 2.10.2011 Premiere, und falls es terminlich geht, könnte ich mir vorstellen, eine der Aufführungen zu besuchen (Näheres unter oper-frankfurt.de/de/page604.cfm?stueck=322), zumal ich das Werk noch gar nicht kenne.

      Bin eben über den interessanten Thread gestolpert. In der Tat eine schöne Vorstellung, lieber Rideamus!

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
      Künstler und Schwein gelten erst nach dem Tode etwas.
      Max Reger
    • Allzuviele CD-Aufnahmen von L'Étoile scheint es derzeit nicht zu geben, genau genommen (wenn ich ältere Einspielungen übergehe) nur die mit Gardiner. Diese beiden Aufnahmen dürften identisch sein:



      Interessieren würde mich: Ist in beiden Fällen ein Libretto dabei (womöglich mit deutscher Übersetzung)?

      Da die Oper Frankfurt demnächst das Werk auf die Bühne bringen wird (s. o.), erwäge ich neben einem Besuch auch den Erwerb einer Einspielung (wobei mir CD lieber ist als CD).

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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      Max Reger
    • Lieber Gurnemanz,

      ich habe die rechts abgebildete (teurere) Version mit dem Foto von Colette Alliot-Lugaz und nehme an, dass sie auch heute noch dasselbe gute Textheft mit Libretto enthält, allerdings nur in französisch und englisch. Dabei muss ich anmerken, dass ich die vor vielen Jahren in Kanada gekauft habe, also nicht ausschließen kann, dass die deutsche Version auch eine deutsche Übersetzung des Textheftes enthält.

      Zu der Ausstattung der preisgünstigeren Neuauflage kann ich leider nichts sagen (hier sollten die Werbepartner wirklich mal ausführlicher werden), aber es handelt sich natürlich um dieselbe Aufnahme.

      Leider gibt es derzeit die DVD mit der wesentlich gleichen Besetzung nicht mehr, die ich vorrangig empfehlen würde, weil sie zum einen eine sehr schöne Aufführung zeigt und zum anderen das lästige Problem des fremdsprachigen Textes dank der Untertitel auf ein Minimum reduziert ist.

      Aber ich kann natürlich eine Eigenwerbung nicht vermeiden und, mit Dank für Dein Lob im vorletzten Beitrag, darauf verweisen, dass dieser Thread, von Anbeginn an gelesen, auch den Versuch enthält, ein Textheft zu ersetzen ohne das ganze Libretto zu zitieren. Damit sollte auch schon die preiswertere Anschaffung eine lohnende sein.

      :wink: Rideamus
      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • Danke, lieber Rideamus, für die schnelle Antwort!

      Rideamus schrieb:

      Damit sollte auch schon die preiswertere Anschaffung eine lohnende sein.
      Da ich inzwischen auch die teurere Version zum fast gleichen Preis gefunden habe, habe ich mich für diese entschieden und bin nun gespannt drauf. :)

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
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      Max Reger
    • Slapstick mit feinem Duft

      Rideamus schrieb:

      Man hört: nicht nur das Orchester und die Solisten, auch der Chor muss höchsten Ansprüchen gerecht werden, wenn diese nur scheinbar harmlose Operette angemessen umgesetzt werden soll. Hier hat Gardiners Einspielung gegenüber den Rundfunkaufnahmen, die ich kenne, ihre besonderen Stärken. Mag ihr manchmal der letzte Schwung, auch eine gewisse Leichtigkeit fehlen, die Differenzierungen der Partitur sind bei ihm und seinem Ensemble in besten Händen.
      Inzwischen habe ich die Gardiner-Aufnahme kennengelernt und - frisch mit diesen Eindrücken - das Werk in Frankfurt live erlebt. Da ich im Moment nicht die Ruhe habe, eine genauere Besprechung der gestrigen Premierenvorstellung zu liefern, an diesem Ort nur ein paar Anmerkungen:

      Die Gardiner-Aufnahme finde ich zwar nicht mißlungen, sie ließ mich auch nach zweimaligem Durchhören eher unberührt: "ganz nett" eben (für mich als Operettenmuffel nicht so überraschend). Seit gestern weiß ich, daß das nicht am Werk liegt: Der designierte GMD der Komischen Oper Berlin Henrik Nánási fand einen ganz anderen Weg in die Partitur als Gardiner: Leichtgewichtig und spritzig klang das, der teilweise skurrile Witz in den Holzbläsern, der mehr kammermusikalisch-transparente Ansatz, der den Sängern alle Voraussetzungen bot, nicht stimmlich forcieren zu müssen, sondern sich ganz auf das Spielerische zu konzentrieren (was ausgezeichnet gelang, allen voran Chistophe Mortagne als König Ouf, Paula Murrihy als Lazuli und Juanita Lascarro als Prinzessin Laoula, mit einem insgesamt homogenen Ensemble, lediglich im Chor gab es gelegentlich kleine rhythmische Ungenauigkeiten). Ein großes Lob vor allem dem Orchester! (Leider muß ich sagen: Gardiner wirkt dagen unflexibel, schwer und hölzern, seine sicher hochkarätigen Sänger zu - wie soll ich sagen? - kräftig, "opernhaft", ohne "Esprit".)

      Die Inszenierung (Regie: David Alden, Bühne/Kostüme: Gideon Davay) versetzte die Handlung in eine leicht surreale Gegenwart, mit Flughafen-Ambiente und später einem Interieur wie aus irgendwelchen Lifestile-Journalen. Es gabe zahlreiche Gags, die mich an den schwarzen Humor von Monty Python, an den Witz der Marx Brothers und amerikanischen Screwball-Komödien erinnerte (Kenner könnten da vielleicht konkrete Anspielungen entdecken).

      Entscheidend war: Mit L'Étoile gelang es Emmanuel Chabrier offensichtlich, hanebüchenen Klamauk mit einer Art zauberhafter Eleganz in Harmonie zu bringen - vielleicht liegt darin das Besondere dieses Werks, das trotz des teilweise derben Klamauks von zart-geheimnisvoller Leichtigkeit und erlesener Eleganz erfüllt ist, nicht zuletzt das Ergebnis einer raffiniert kalkulierten Orchestrierung. Daß Chabrier hierin Meister war, kann man vielleicht auch daran erkennen, daß Claude Debussy es liebte, seinen Freunden das ganze Werk am Klavier vorzuspielen (so der Dirigent im Programmheft).

      Wer Gelegenheit hat, die Opéra bouffe näher kennenzulernen, sollte nicht versäumen, eine der nächsten Vorstellungen (07.10., 15.10., 21.10., 23.10., 09.11., 12.11.2011) zu besuchen.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
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      Max Reger
    • Lieber Gurnemanz,

      ich gebe gerne zu, dass mich Dein etwas sprödes Echo auf die Gardiner-Aufnahme überrascht, denn als schwer und unflexibel empfinde ich sie gerade nicht, eher als übermäßig zurückhaltend in der Weigerung des - seltsamerweise für seine angebliche Humorlosigkeit berüchtigten - Gardiner, den Witz des Ganzen voll auszuspielen. Das hat aber auch Vorteile, je öfter man die Aufnahme hört. :troest:

      Das Wesentliche und für mich besonders Erfreuliche aber ist doch, dass das Werk live auch Dich als "Operettenmuffel" überzeugt hat. Auch ohne diese Inszenierung zu kennen kann und möchte ich mich daher sehr gerne Deiner Empfehlung anschließen, den raren Genuss einer Live-Aufführung dieses so viel bewunderten Ausnahmewerkes nach Möglichkeit einmal selbst zu erleben.

      :wink: Rideamus
      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • Lieber Rideamus,

      die Gardiner-Aufnahme als "schwer und unflexibel" zu bezeichnen, mag hart und ungerecht sein: Mir erschien es so im Kontrast zur Frankfurter Aufführung gestern. Da ich das hochinteressante Werk nur in den genannten beiden Interpretationen kenne, sollten meine Bewertungen nicht zu hoch angesiedelt werden.

      Gut möglich, daß ich Gardiner in anderem Kontext anders erleben würde.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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      Max Reger
    • Gerade gefunden, ein sehenswertes Video der Frankfurter Oper zu L'Étoile:

      http://www.oper-frankfurt.de/de/page489.cfm?video=/fileupload/videos/teaser.flv&startBild=/fileupload/videos/teaser-startbild.jpg

      Am Ende des Films wird ein Sponsornamen eingeblendet, das paßt irgendwie gut... ;+)

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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      Max Reger
    • Lieber Gurnemanz,

      danke für den Hinweis auf diesen Clip. Ich hatte mich ja schon gewundert, wo Du in diesem Werk den groben Klamauk entdeckt hast, aber nach dem Ansehen dieser informativen, wenn auch gewöhnungsbedürftigen Bilder weiß ich es.

      Warum nur muss bei uns immer alles so plakativ aufgemotzt werden? Und warum, ist von Poesie immer nur die Rede und nie etwas zu spüren?

      Schade eigentlich. Aber sei's drum: Helau-u-u-u-u-u-u-u-u-u :stumm:

      :wink: Rideamus
      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • Rideamus schrieb:

      Warum nur muss bei uns immer alles so plakativ aufgemotzt werden?
      Soo aufgemotzt, lieber Rideamus, fand ich das gar nicht. Das kommt im Trailer aber wahrscheinlich anders rüber als bei der Vorstellung live.
      Und warum, ist von Poesie immer nur die Rede und nie etwas zu spüren?
      Von Poesie war viel zu spüren, jedenfalls für mich. Das lag allerdings vor allem in der Musik, deren "zauberhafte Eleganz" (wie ich es oben genannt habe) nicht zu überhören war.

      Sollte ich die Gelegenheit finden, mal eine weitere Inszenierung des Werks erleben zu können (die auch szenisch mehr die lyrischen Aspekte betont - vielleicht war das 2010 in Berlin so?), käme ich möglicherweise zu anderen Einsichten...

      Im Clip spricht der Regisseur David Alden übrigens von einem "lustigen Spiel über den Tod". Das finde ich eine gute Charakterisierung.

      Und mein 13jähriger Neffe war ebenso wie ich begeistert (so viel zum Thema "Oper(ette) mit Kindern(?)").

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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