Gesangs-Glossar

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    • Gesangs-Glossar

      Da es immer wieder Unklarheiten und Missverständnisse hinsichtlich der Terminologie des Kunstgesanges gibt, fange ich mal an, hier Erläuterungen und Definitionen zusammenzutragen. Wer will, darf sich gerne Beteiligen, die Liste ist ja schier unendlich. Ich beginne mal mit einigen zentralen Begriffen...


      Artikulation
      Einer der schwereren Gesangsfehler, der die Gefahr mit sich bringt, den Zuhörer unnötig mit Texten zu belasten. Von guten Sängern bisweilen als Ausrede vorgeschoben, um herzhaft ins Publikum spucken zu dürfen.


      Atem
      Definiert sich als das, wovon am Ende einer zu singenden Phrase immer zu wenig da ist. Ein Sänger bekommt schon früh in seiner Ausbildung erläutert, dass Singen kinderleicht sei: Man müsse sich die einzelnen Silben nur wie Bälle vorstellen, die man mühelos auf einer Luftsäule tanzen lasse. Das es sich metaphorisch um Medizinbälle handelt, wird aus pädagogischen Gründen erst zu einem späteren Zeitpunkt gelehrt. Über die richtige Art des Atmens finden zwei Gesangslehrer nur dann eine Übereinkunft, wenn sie lange genug die Luft anhalten. Die verschiedenen Gesangsschulen arbeiten schon seit einigen hundert Jahren daran, sich zumindest in zentralen Punkten zu einigen. Der Entwurf einer Präambel erbrachte bisher immerhin den Konsens, dass der Prostata beim weiblichen Sänger eine weniger wichtige Rolle bei der Tonproduktion zukommt.


      Belcanto
      Ein Wort, dass in seiner terminologischen Unschärfe schon den Physiker Werner Heisenberg faszinierte. Er entdeckte ein Naturgesetz, demnach man nie zwei Gesangsfachleute finden kann, die gleichzeitig und unabhängig voneinander dasselbe darunter verstehen.


      Dieskau
      Die Maßeinheit der sängerischen Omnipotenz und ein heißer Anwärter auf die achte SI-Einheit. Ein Dieskau ist definiert als gerade diejenige Differenz, welche einen durchschnittlichen baritonalen Liedersänger hinsichtlich Stimmkraft und Stamina von Wagnerschen Heldenbaritonrollen trennt. Entsprechende Bemühungen, einen ausgewählten Referenzkünstler im selben Tresor wie das Urkilogramm einzusperren, blieben bislang ohne Erfolg. Dennoch findet die Einheit langsam Eingang in eine solide Gesangskritik, die sich wissenschaftlichen Grundlagen nicht entziehen will. Ab 100 Dieskau ist eine Königin der Nacht davon überzeugt, sie könne auch den Osmin singen.


      Haspiration
      Technische Gesangsfinesse, die aus der Formel 1 übernommen wurde. Im Windschatten von Vokalen ansaugen lassen, um dann mit Fullspeed zur nächsten Silbe zu düsen. Wirklich gute Sänger setzen dazu vor jeden Vokal ein „H“. Nur die Besten bekommen das auch bei Konsonanten hin. Trennt unnötig lange Phrasen wieder in für das Gehirn leichter zu verdauende Einzelsilben auf. Gilt auch als soziale Geste, weil weniger Stütze (siehe dort) benötigt wird.


      Intonation
      Maßlos, vor allem von Dirigenten und Hobbykritikern, überbewertete Eigenschaft des Gesangsvortrages. Kritisiert von Menschen, die nicht zu schätzen wissen, wenn ein Sänger vom ganzen Frequenzspektrum Gebrauch macht, statt seine Kunst nur auf wenige, exakt definierte Tonhöhen zu reduzieren. Auch immer gut, wenn man am Ende seiner Einschätzung noch etwas kritisieren möchte, weil niemand sich trauen wird, zu widersprechen.


      Legato
      Kindern auch als Lego bekannt. Die vielen kleinen Bausteine müssen einfach irgendwie zusammengepamst werden und Mama sagt zum Schluß immer, dass der unförmige Klotz ganz großartig aussieht. Ähnlich ist es beim Singen. Hat man erstmal alle Silben zusammengeklebt, jubelt das Publikum und das blau Anlaufen hat sich gelohnt.


      Metall
      Gehört zum Rüstzeug eines jeden Tenors und erklärt, weshalb Tenöre des öfteren den Körperbau von Schmieden haben. Wer dauernd metallisch in der Höhe durchschlagen muss, von wem permanent Schmelz verlangt wird, der hat keine Wahl.


      Mezza Voce
      DAS Zugangswort zum Zirkel der oberen zehntausend der Gesangsliebhaber. Einmal erwähnt, wird es sofort still im Raum, man kann noch so viel Müll erzählen, die Bewunderung ist einem sicher. Letztlich für den Sänger eine technische Herausforderung: Er darf nur halb so laut singen, muß den Zuhörer aber überzeugen, dafür dennoch die volle Gage zu zahlen. Folgerichtig lösen heutzutage immer mehr Sänger das Problem nicht mehr durch Gesangslehrer und Übung, sondern durch Marketingexperten.


      Messi di voce
      Von Anfängern gerne mit Mezza Voce verwechselt. Bezeichnet aber lediglich bemitleidenswerte Menschen, die ihre Wohnung durch das Sammeln immer absurderer historischer Gesangsaufnahmen vermüllen.


      Passagio
      Der Übergang zwischen den einzelnen Registern. Der Sänger muss an diesen Stellen schalten und zwar ohne Automatikgetriebe. Klingt deshalb manchmal auch so, wie die Gangschaltung in einem 78er Jugo. Die Register sind eigentlich auch nur dazu da, damit man sie nicht hört. Wer das unlogisch findet, sollte Schach spielen oder eine eigene Gesangslehre begründen.


      Stütze
      Das Harz IV des Sängers. Ständig in der Diskussion, zu gering zu sein und erhöht werden zu müssen und wie sie letztlich genau funktioniert, weiß auch keiner. Unterscheidet sich allerdings fundamental von einer Sozialleistung durch den selten getriebenen Missbrauch.


      Tremolo
      Wird meist mit Vibrato verwechselt, wird im Gesang aber oft in ganz anderen Zusammenhängen benutzt, als in der übrigen Musik - damit man nicht immer nur über Begriffe wie „Belcanto“ oder „Vibrato“ streiten muss, sondern eben auch über Tremolo.


      Vibrato
      Ist jedenfalls kein Tremolo (siehe dort). Gilt heutzutage in manchen Werken nicht mehr als HIP. Letztlich so eine Art Spurenelement des Gesanges: Ein bisschen sollte immer sein, zu viel wirkt schnell giftig. Seine kontrollierte Intensivierung ist auch als dramatisches Ausdrucksmittel geeignet: Meist oberhalb des Umfanges eines Halbtons, wenn der Sänger unterstreicht, dass er sterben will. Um die kleine Terz, wenn der Zuhörer sterben soll.


      Voix mixte
      Als Zugang zu gehobenen Gesangsgesellschaft nicht ganz so beliebt wie Mezza Voce, weil wesentlich schwerer auszusprechen und deshalb in Erstanwendung nicht frei von Peinlichkeiten. Ansonsten immer gut, um fehlende Kraft und Virilität von Spitzentönen kunstvoll zu er- und verklären.


      Wobble
      Klingt wie Wackelpudding, sieht bei manchen Künstlern in figurbetonter Kleidung leider auch so aus. Zeigt ziemlich sicher an, dass der Karrierehöhepunkt schon da war – oder nie kommen wird. Meist können sich die Fachleute nicht einigen, ob zuviel Vibrato oder Tremolo schuld ist. Bildlich gesprochen ist aus dem Medizinball auf der Atemsäule eine Kanonenkugel geworden.

      Gruß
      Sascha

      "You realize that it’s not necessary to own 50 Beethoven cycles, 46 of which you never play, when you can be just as happy with 20 of them, 16 of which you never play.
      "
      , David Hurwitz
    • Acciaccatura

      Noch schwieriger auszusprechen als (->) Voix mixte, von einigen Gesangsenthusiasten aber dennoch als der Absprung zur vollendeten (->) Melomanie angesehen. Von Tenören nicht selten als Sprungbrett zum (->) Hohen C angesehen, ist aber nicht selten Ursachen eines profunden (s. basso profondo) Absturzes.


      Bravo, fem. brava, pl., bravi, pl. fem. brave

      Melomane resp. melomanische Beifallskundgebung, gerne mit rudimentär vorhandener (->) Stütze vorgetragen. Der fortschreitenden Kenntnistiefe des Melomanen entspricht der Gebrauch der Deklination. Der korrekte Einsatz der Form "brave" setzt i.d.R. die fehlerfreie Rechtschreibung und komplikationslose Aussprache von (->) Voix mixte und (->) Acciaccatura voraus.
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • :mlol: Herzlichen Dank Euch Beiden ! :mlol:



      Warum nur habt Ihr diese so schlüssigen, spannenden und überaus zutreffenden Wahrheiten über die klassische Gesangstechnik nicht schon vor zwanzig Jahren veröffentlicht ? Seitdem nämlich nehmen die staubtrockenen Abhandlungen von Garcia bis Seidner in meinem Bücherregal locker zwei laufende Meter ein - Tendenz steigend !

      Ich werde die Folianten auf dem Flohmarkt verhökern und so endlich Raum schaffen für Belletristik und Nippes !

      Eure Anmerkungen jedoch werden - Eure Erlaubnis vorausgesetzt - unter meinen Schülerinnen und Schülern verteilt, sowie eingerahmt über dem Klavier den ihnen zustehenden Ehrenplatz an der Wand finden. Nochmals DANKE - Bravi !



      Ciao. Gioachino :juhu: :wink: :juhu:
      miniminiDIFIDI
    • Lieber Sascha, lieber Bernd,

      was für ein herzerfrischendes :mlol: :mlol: :mlol: am frühen Morgen.

      Bitte mehr davon, denn solche Beiträge heben die Freude an der Lektüre des Forums ungemein.

      :klatsch: :klatsch: :juhu: :juhu: :klatsch: :klatsch:

      :wink: Rideamus
      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • Das nenne ich mal eine gelungene Satire! Besonders die Rolle der weiblichen Prostata beim Atmen und meine Dieskau-Skala werde ich mal näher unter die Lupe nehmen :mlol: :mlol: :mlol:
      Bravissimi- gäbe es doch bloss mehr von dieser Sorte! :klatsch: :juhu: :klatsch:
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • gioachino schrieb:

      Eure Anmerkungen jedoch werden - Eure Erlaubnis vorausgesetzt - unter meinen Schülerinnen und Schülern verteilt, sowie eingerahmt über dem Klavier den ihnen zustehenden Ehrenplatz an der Wand finden.


      Vorsicht, Vorsicht bei der Weitergabe an unzureichend ausgebildete und daher Bazillus-anfällige Schüler:

      Antra-Cis

      Gefährlicher Erreger, der insbesondere hohe Stimmen befällt. Zwar kommen sie jetzt locker einen Halbton über das bisher gefürchtete (->) Hohe C hinaus (daher der Name), müssen aber dabei so sehr lachen, daß sie über-intonieren, kaum noch einen richtigen Ton herausbringen und ständig einen Halbton zu hoch singen oder gleich mehrere Töne auf einmal zu singen scheinen (-> sprezzatura). Soll angeblich auch für die Stimmung moderner Orchester mitverantwortlich sein, wo der (->) Kammerton a mit bis zu 448 statt wie einstmals mit ca. 430 hz festgelegt wird.
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Warum lese ich das erst jetzt??? :mlol:
      Darf ich mir den einen oder anderen Satz als Signatur für ein geschlossenes Forum ausleihen? Natürlich mit Quellenangabe. :D
      Vielen Dank jedenfalls, es ist gerade fürm ich ein innerlich wie äußerlich etwas trüber Tag Nebel vor dem Fenster und in der Seele :shake: ), das Lachen gerade hat also sehr gut getan :vv:
      Ein Paradies ist immer da, wo einer ist, der wo aufpasst, dass kein Depp reinkommt...
    • Mina schrieb:

      Warum lese ich das erst jetzt??? :mlol:
      Darf ich mir den einen oder anderen Satz als Signatur für ein geschlossenes Forum ausleihen? Natürlich mit Quellenangabe. :D


      Logo!

      Vielen Dank jedenfalls, es ist gerade fürm ich ein innerlich wie äußerlich etwas trüber Tag Nebel vor dem Fenster und in der Seele :shake: ), das Lachen gerade hat also sehr gut getan :vv:


      Danke zurück und gern geschehen.

      Nach meinem Urlaub werd ich das mal ausbauen, falls ich mal wieder eine kreative Phase habe. ;+)

      lg
      Sascha

      "You realize that it’s not necessary to own 50 Beethoven cycles, 46 of which you never play, when you can be just as happy with 20 of them, 16 of which you never play.
      "
      , David Hurwitz