Korngold: "Das Wunder der Heliane" - Pfalztheater Kaiserslautern, 10.04.2010

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    • Korngold: "Das Wunder der Heliane" - Pfalztheater Kaiserslautern, 10.04.2010

      Die vierte Oper von Erich Wolfgang Korngold, „Das Wunder der Heliane“, uraufgeführt am 07.10.1927 in Hamburg, kann es, was die Aufführungszahlen angeht, mit der ungleich bekannteren „toten Stadt“ nicht aufnehmen. Vermutlich ist die Bielefelder Produktion vor rund 20 Jahren die letzte im deutschsprachigen Raum überhaupt gewesen.

      Um so erfreulicher, dass nun das Pfalztheater Kaiserslautern einen erneuten Versuch mit der „Heliane“ von Korngold wagt, gilt es doch eine Musik zu entdecken, die verdienen würde, dass man ihr öfter einmal begegnete.

      Das Stück erzählt die Geschichte eines Fremden, der in einem Land, das von einem kalten und gefühllosen Diktator beherrscht wird, den Menschen vom Glück und von der Menschenliebe erzählt und damit das Volk in Unruhe versetzt hat.. Der Fremde landet im Gefängnis, verliebt sich in die Frau des Diktators, Heliane, und der Diktator verspricht dem Fremden die Aufhebung eines Todesurteils, wenn dieser Heliane dazu bringen kann, ihn, den Diktator zu lieben. Um nicht der Versuchung zu erliegen, Heliane tatsächlich auch körperlich zu besitzen (und jenen Ehebruch zu vollziehen, von dem der Diktator überzeugt ist), tötet sich der Fremde selbst. Der Diktator verfügt, dass Heliane den Fremden von den Toten erwecken soll. Heliane weigert sich, bekennt ihre Liebe zum Fremden und wird auf den Scheiterhaufen gebracht. In diesem Moment steht der Fremde von der Totenbahre auf und Heliane verlässt den Scheiterhaufen. Gemeinsam schreiten sie in eine helle Ewigkeit, während das Volk in der Gefangenschaft der Diktatur zurückbleibt.

      Eine etwas krude Geschichte und ein immer wieder auch schwaches Libretto, gepaart mit langen und undramatischen Duettszenen machen es der „Heliane“ nicht leicht, beim Publikum gut anzukommen. Dieses peudo-religiöse der Handlung, das mystisch-verkitschte, basiert auf einem Schauspiel von Hans Kaltneker, „Die Heilige“, das von Hans Müller-Einigen zum Libretto umgearbeitet wurde.

      Bleibt das Libretto für sich genommen eher blass, gewinnt das Stück ganz klar mit der Musik: alles, was Korngold ausmacht, der Farbenreichtum, die melodischen Einfälle, das dramatisch zupackende und weitausschwingend lyrische, die Klangschichtungen und die eruptiven Entladungen, da gibt es in diesem Dreistundenstück viel zu entdecken.

      Johannes Reitmeier, der regieführende Intendant der Kaiserslauterner Neuproduktion vom „Wunder der Heliane“ siedelt die Handlung im Uraufführungsjahr 1927 an. Reitmeier bezieht sich ausdrücklich auf die Parallelen zwischen der „Heliane“ und dem zeitgleich entstandenen Film „Metropolis“ von Fritz Lang.

      Im Bühnenhintergrund beherrscht ein grosses Turbinenrad die Szene. Links und rechts erkennt man Teile von Maschinen in einer Fabrikhalle. Noch vor Einsetzen der Musik beginnt die Handlung: Menschen stehen als Demonstration weit im Bühnenvordergrund: sie tragen Schilder auf denen sie „Liebe“ oder „Luft“ einfordern. Schwarzgekleidete Polizeikräfte mit Sturmhauben erschiessen die Menschen.

      Reitmeier fängt diese Klima der späten 20er Jahre des letzten Jahrhunderts und die Atmosphäre, die auch „Metropolis“ beherrscht, ziemlich gut ein. Während der Herrscher (im ersten Akt wie ein Wirtschaftsmagnat, im zweiten dann in der weissen Uniform eines hohen Militärs auftretend) eine sehr anschauliche Verkörperung einer kalten Macht ist, wirkt seine Frau Heliane, die in einem Schrein aus dem Bühnenboden hereinfährt, geradezu jenseitig, wie eine Traumfigur.

      Geschickt arbeitet Reitmeier die Beziehungen der Figuren untereinander heraus, findet packende Bilder, so z. B. auch in den Szenen mit den sechs Richtern und deren Chef, dem blinden Schwertrichter, alles alte, albtraumhafte Männer im Rot der Inquisition gekleidet und in Rollstühlen sitzend oder in der Gestaltung der Rolle einer denunziatorischen „Botin“, die kahlköpfig und in Reizwäsche gekleidet einen bösen Tod verkörpert.

      Auch das Ende gelingt Reitmeier überzeugend. Heliane wird vom Volk, angestiftet von der Botin, erschlagen. Während ihre menschliche Hülle noch unter den Schlägen zusammenbricht, ist die Seele schon aus dem Körper herausgetreten. Im weissen Unterkleid steht Heliane auf der Bühne, während der ebenfalls in weiss gekleidete Fremde von der Totenbahre aufsteht. Beide verlassen die Szene, über der sich ein Zwischenvorhang schliesst.

      Zuerst sind Heliane und der Fremde noch am linken Bühnenportal beieinander, entfernen sich aber zunehmend während ihres grossen Schlussduettes voneinander. Nur noch ein letzter Gruss, dann gehen beide in die jeweils entgegengesetzte Richtung ab.

      Noch einmal hebt sich der Vorhang: das Volk ratlos – im Vordergrund erschiesst sich der Diktator.

      Bei den Ausführenden muss hier zuerst der Dirigent des Abend, GMD Uwe Sandner und sein Orchester, genannt werden. Es ist bemerkenswert, wie ein kleines Theater die anspruchsvolle Partitur umzusetzen versteht, ohne auf den rauschhaften Orchesterklang grosser Bühnen zurückgreifen zu können. Besonders das Vorspiel zum dritten Akt stellt die Qualitäten dieser Korngold-Interpretation am Pfalztheater in Kaiserslautern bestens heraus. Sandner dirigiert umsichtig, er hilft der Szene, wo dies nötig ist und schafft es, dass man seiner Orchesterarbeit ohne Ermüdung den ganzen Abend über gespannt folgt.

      Die Titelrolle hatte die Sopranistin Sally du Randt übernommen. Du Randt ist mittlerweile so etwas wie eine Expertin für die Musik zwischen 1900 und 1935 geworden, ob Braunfels in Regensburg („Der Traum, ein Leben“), Korngold („Tote Stadt“) in Passau/Landshut/Straubing, Schreker in Augsburg (Der ferne Klang“), immer ist Sally du Randt eine gute Besetzung für die weibliche Hauptrolle, so auch jetzt beim „Wunder der Heliane“. Was du Randt an Farben fehlt, wo es der Stimme in der unteren Mittellage an Sinnlichkeit mangelt, macht das die Sopranistin mit ihren zurückgenommenen Tönen und mit den bedingungslos gesetzten Spitzen locker wieder wett.

      Warum Tenor Norbert Schmittberg Partien übernimmt, die (auch) eine sichere Höhe verlangen – und die hat er einfach nicht -, bleibt sein Geheimnis. Er hält die anstrengende Partie des Fremden irgendwie durch, muss allerdings mehrfach markierend Passagen in hoher Lage ins fast unhörbare verlagern, einige Spitzentöne brechen ihm weg und die krafvoll-rüde Tongebung lässt mehr als einmal um die Stimme des Sängers fürchten.

      Bariton Derrick Lawrence (Der Herrscher) ist von beeindruckender, körperlicher Erscheinung, seine Stimme bleibt allerdings weitgehend eindimensional und ist in der Höhenexpansion gebremst. Problematisch das schauspielerische Unvermögen des Sängers. Seine Armchoreografie im ersten Akt streift die Karikatur, seine zweieinhalb Gesichtsausdrücke tun ein Übriges, um die Figur zumindest im ersten Teil des Abends outriert wirken zu lassen. Das wird im zweiten Akt dann besser – mit den gewalttätigeren Szenen kommt Lawrence besser zurecht.

      Gut die Mezzosopranistin Silvia Hablowetz als Botin, auch, wenn die Sängerin der nicht einfachen Partie an Grenzen stösst.

      Ebenfalls rollendeckend besetzt der Tenor Hans-Jörg Bock als Schwertrichter.

      Engagiert und bemüht der Chor des Pfalztheaters, die ungewohnte Aufgabe wird immerhin solide bewältigt.

      Grosser Beifall im vollbesetzten Haus des Pfalztheaters Kaiserslautern, besonders GMD Sandner und Sopranistin du Randt durften sich über Ovationen freuen.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Danke, lieber Alviano! Für mich diesmal besonders lesenwert, da ich mir gerade erst eine Karte für die letzte Vorstellung am 21.5. besorgt habe. Wie es aussieht, wird sich dann ein Capriccio-Quartett in Kaiserslautern einfinden.

      Von der hohen Qualität des Orchesters und seines GMD Uwe Sandner habe ich mich schon mehrfach überzeugen können (schon erstaunlich und erfreulich, was in deutscher Provinz immer wieder geleistet wird!); nach Deinem Bericht werden wir da wohl auch im Mai nicht enttäuscht werden. Bin schon gespannt darauf!

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Aufführung am 24.4.

      Gurnemanz hat's geschrieben: Am 21.5. besucht eine Capriccio-Delegation (unter Einschluss meiner Person) die Produktion. Ich war allerdings so neugierig, dass ich schon gestern mal reingegangen bin.


      Ich kann mich Alviano in den meisten Punkten anschließen. Ereignis des Abends war die überragende Leistung des Orchesters und das souveräne Dirigat von Uwe Sandner. Man spielt natürlich mit etwas reduzierter Orchesterbesetzung, aber für ein mittelkleines Haus wie Kaiserslautern ist der Orchestergraben relativ groß: man konnte eine Streicherbesetzung 10-8-6-5-4 unterbringen, jeweils dreifach besetztes Holz und schweres Blech, vier Hörner, zwei Harfen, die Pauken und - in einer Ausbuchtung des Grabens - das Schlagzeug. Die Glocken im dritten Akt wurden per Lautsprecher eingespielt. Nur ganz selten habe ich eine etwas größere Besetzung vermisst, der korngoldtypische rauschhafte Orchesterklang leuchtete im hellsten Licht, die Steigerungen kamen überwältigend, die Orchestermusiker boten Außergewöhnliches (Trompeten!). Sandner schaffte es trotzdem, die Sänger nicht zu erschlagen. Schon allein deswegen freue ich mich sehr auf meinen zweiten Besuch in knapp vier Wochen.

      Bei den Sängern musste man erhebliche Abstriche machen - die nicht oder nur unter großer Kraftanstrengung ansprechenden Höhen von Norbert Schmittberg in der Rolle des Fremden wurden erwähnt, die farblose, unflexible Stimme von Derrick Lawrence auch. Beide Sänger sind leider auch darstellerisch reduziert: mit den "zweieinhalb Gesichtsausdrücken" (nebst permanentem Schielen zum Dirigenten) hat Alviano alles Notwendige über Lawrence gesagt. Und Schmittberg fehlt jedes Charisma, mit dem er seiner Partie Glaubwürdigkeit verleihen könnte. Sally du Randt haut es raus: engagierte, anrührende Darstellung und trotz mäßig attraktivem Timbre eine mitreißende gesangliche Leistung. Sehr gut auch die Botin Silvia Hablowetz.

      Intendant und Regisseur Johannes Reitmeier weist im (etwas dünnen) Programmheft nicht nur auf die Parallelen zu Metropolis von Fritz Lang hin, sondern auch auf die verblüffenden Übereinstimmungen der Figur des Fremden mit messianischen Wanderpredigern der frühen 20er Jahre, selbst im verquasten Sprachstil. Hier liegt ein vielversprechender Ansatz zur szenischen Realisierung der Oper. Leider bleiben die Metropolis-Parallelen überwiegend illustrativ im Bühnenbild stecken und auch sonst fand ich den Zugriff auf die politisch-religiöse Dimension eher unentschieden. Gerade der erste Akt war zudem mit diversen visuellen Klischees belastet (die schwarzmaskierten Wachmänner, das Pistolengefuchtel usw.) , das unbeholfene Spiel der männlichen Hauptdarsteller trug zum gemischten Eindruck bei. Das Messianische erschöpfte sich im Ankleben von grünen Flugblättern und dem Anbinden einer grünen Armbinde. Im zweiten und dritten Akt gelangen dann Reitmeier aber immer wieder suggestive Tableaus. Auch so etwas wie Personenführung konnte man plötzlich erleben. Gute Choreographie der Chorszenen. Wirklich anrührend das Schlussduett vor geschlossenem Vorhang. Das nach dem ersten Akt noch skeptische Publikum im nicht voll besetzten Pfalztheater wurde von der musikalischen Wucht und der zumindest teilweise gelungenen Regie quasi in die Sessel gedrückt und reagierte am Schluss enthusiastisch.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Liebe Korngold-Freundinnen und -Freunde!

      Wie ich oben bereits mitgeteilt hatte, habe ich mir für die Vorstellung der Heliane am 21.5. eine Karte besorgt: Rang, 1. Reihe, Platz 12 (ein sehr guter Platz!) für 28,50 EUR. Leider ist jetzt schon klar, daß ich aus gesundheitlichen Gründen nicht werde hingehen können. Sehr schade, denn nicht zuletzt Alvianos schöner Bericht hatte mich nicht wenig motiviert. Und auf die sympathische Capriccio-Gesellschaft, die sich am 21.5. in Kaiserslautern einfinden wird, muß ich leider verzichten.

      Zur Sache: Wer hat Lust und Zeit, meine Karte zu übernehmen? Eine PN - und wir regeln das.

      Hoffnungsvoll :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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      Helmut Lachenmann
    • Meine Karte kam in gute Hände. :sev:

      Neugierige Frage an die Korngold-Fahrer: Wie war's denn so? Oder haben Alviano und Zwielicht schon alles gesagt, was zu sagen ist?

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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      Helmut Lachenmann