Strauss: DER ROSENKAVALIER - Köln, 17.04.2010

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    • Strauss: DER ROSENKAVALIER - Köln, 17.04.2010

      Von der eigentlichen, äußerst gelungenen Inszenierung von Günter Krämer aus dem Jahr 2002 ist in dieser Wiederaufnahme leider nicht einmal mehr das Skelett übrig geblieben. Der Spielleiter Carsten Kochan hat so ziemlich alles ausgemerzt, ja in weiten Teilen sogar ins absolute Gegenteil verkehrt, was dem eigentlichen Bühnengeschehen Sinn und Sinnlichkeit verliehen hatte. Das bleibt leider absolut Unverständlich, da die Wiederaufnahme 2007 (mit Angela Denoke als Marschallin) ja auch noch die ursprünglichen Intentionen der Regie verwirklichen konnte. Warum dann drei Jahre später solche zerstörerischen Resektionen nötig sind, darüber erhält man als Zuschauer leider keinerlei Informationen. Die Original-Inszenierung hätte man damals wohl mit den Worten "Ist ein Traum - kann nicht wirklich sein..." übertiteln können, denn Krämer hat den Rosenkavalier mit seinen ganzen Anachronismen, seiner übersteigerten Künstlichkeit und Ir(r)-Realitäten beim Wort genommen, und eine höchst artifizielle Umsetzung geschaffen. Da brauchte es im ersten Akt z. B. gar kein Bett; da "erschienen" Marie Theres und Oktavian zum Vogelgezwitscher des Vorspiels quasi in dem (auf den Gazevorhang projezierten) Gemälde "Urwaldlandschaft mit untergehender Sonne" von Henri Rousseau. Da gab es wunderbar klare Gesten, z.B. wenn Oktavian zu "Warum ist Tag? [...] Finster soll sein!" sich mit der einen Hand selber die Augen bedeckte, während er den anderen Arm ausstreckte, um die Augen seiner Bichette ebenfalls zu bedecken. Berührend dann, wie eben diese Geste im Schlußterzett von der Marschallin repliziert wurde, die dabei aber mit der ausgestreckten Hand, ihren Quinquin suchend, einfach ins Leere fasste und dadurch in eine langsame Drehbewegung geriet, die ihr den unwirklichen Zauber einer Porzellanfigur auf einer Spieluhr verlieh, während Oktavian und Sophie sich, unter Rousseaus untergehender Sonne in einem Wald aus grünen Bambusstämmen, nicht finden konnten und die drei Figuren so (im Einklang mit der Musik) langsam zum Stillstand kamen. Zu den letzten Takten fuhr dann aus der Unterbühne Mohammed herauf, der zu Beginn als lebensgroßer Stummer Diener aus Holz das Frühstück servierte, nun aber lebendig ward und die drei Erstarrten kurzerhand zu einem malerischen Schlußbild arrangierte. Dann nahm er Sophies Taschentuch auf und tupfte der Marschallin damit eine Träne von der Wange. - "Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein..."
      Oder im zweiten Akt (wo die biedermeierliche Kleinbürgerlichkeit des Herrn von Faninal allein schon durch einen viel zu kleinen Gugelhupf auf einer viel zu großen Tafel entlarvt wird) dann der Clou zur "Rosenüberreichung": die Vorfreude auf dieses romantische Opern-Highlight wurde insofern nicht erfüllt, als das Oktavian, der durch den Regen zu Faninals Palais eilen musste, erstmal damit beschäftigt war, seine Schuhe abzustreifen, um dann noch seinen Text ("Mir ist die Ehre widerfahren") von einem Spickzettel abzulesen - während die Marschallin per Opernglas diesen - von ihr selbst ja initiierten - Vorgang aus einer kleinen Loge am linken Proszenium beobachtete. Und alle diese wesentlichen und sinnstiftenden Details (ich könnte noch ettliche weitere aufzählen) sind nun in der aktuellen WA einfach gestrichen - stattdessen: viel szenischer Leerlauf, Rampensteherei, teilweise unnötiges Chaos, dazwischen einige hübsche Arrangements und ein Haufen altbackener Operngesten - aber was soll man als Darsteller auch machen, wenn die Personenregie einfach wegfällt? So bleibt mir hier nicht viel mehr übrig, als kurz eine Inszenierung zu umreißen, wie sie einmal war - denn gestern hat keine Inszenierung stattgefunden - schon gar nicht die von Krämer.

      [Warum gibt es diesen schlechten Umgang mit WA, Repertoirvorstellungen, Umbesetzungen etc. eigentlich in der Oper so häufig? Im Sprechtheater wäre ein solcher Qualitätsverlust im szenischen Ablauf undenkbar... Wäre vielleicht mal einen eigenen Thread wert...]

      Ich schreibe später weiter - es gab ja gestern auch noch Musik und Sänger :whistling: -
      aber jetzt muss ich erstmal unbedingt in die Frühlings-Sonne... :klatsch:
    • Von Kiri Te Kanawa als Marschallin habe ich mir, ich muss es ehrlich gestehen, ein kleinig wenig mehr erhofft. Die Stimme ist zwar für eine 66-Jährige wirklich schön, aber nicht gerade besonders groß. Außerdem machte ihre Stimme am Anfang auf mich einen leicht trüben, schlecht fokussierten Eindruck, im Terzett Marschallin - Oktavian - Ochs war sie im 2. Parkett z.B. teilweise kaum bis gar nicht zu hören. Der Monolog gelang dann wesentlich besser, hier zeigte sich neben einer wirklich schönen Gestaltungsfähigkeit bis in die kleinsten Nuancen hinein auch eine leuchtende und einnehmende Bühnenpräsenz. Das Schlussterzett war (auch dank ihrer beiden Kolleginnen) von enormer Klangschönheit und geriet zu einem musikalisch wirklich zutiefst berührenden Moment.
      Zu den letzten Takten hatte die Spielleitung eigentlich vorgesehen, daß sich die Marschallin mit einem Taschentuch die Tränen trocknet, sich langsam umdreht, den Arm ausstreckt und das Taschentuch fallen lässt. Aber Dame Kiri wollte ihren Bühnenabschied wohl nicht mit Tränen beenden: sie warf, in einer fast kindlichen Geste, das Taschentuch einfach in die Luft, raffte schnell ihre Krinoline und verließ entschlossen, ja fast eilig, die Opernbühne. Ein schöner Abschied, der vom Publikum mit großem Jubel honoriert wurde.

      Claudia Mahnke verfügt über einen wirklich runden, vollmundigen Mezzosopran. Das ihr Oktavian mich trotzdem nicht überzeugen konnte liegt hauptsächlich daran, daß die Sängerin den darstellerischen Charme einer Marie-Luise Marjan hat und mit ihrer allzu larmoyanten Art tatsächlich eher wie eine Opernversion von Mutter Beimer wirkt. (Und wenn man schon eine ganze Inszenierung gegen den Strich bürsten kann - warum kann man einer Sängerinn dann nicht ein etwas vorteilhafteres Kostüm schneidern?)

      Bjarni Thor Kristinsson war stimmlich weitgehend überzeugend; seine (nicht gerade hübsche) Erscheinung und sein zerknautschtes Gesicht ließ mich an "Wo die wilden Kerle wohnen" denken, und seine Darstellung des Ochs erinnert stark an diesen Typ des sich selbst überschätzenden C-Promi, dem man wohl am ehesten in der Bunten, bei einer geschmacklosen Michael-Ammer-Party oder auf dem Wiener Opernball begegnen könnte.

      Wunderbar die glockenklare, schnörkellose Stimme von Jutta Böhnert (Sophie). Die Sopranistin ist seit dieser Spielzeit im Kölner Ensemble und scheint, den Eindruck haben bislang auch alle anderen erlebten Auftritte auf mich gemacht, ein stimmliches Goldstück zu sein. Auch wirken bei ihr jede Aktion, jede Geste auf der Bühne darstellerisch exakt und begründet.
    • Wir sind da ziemlich weitgehend einer Meinung, Laller! Danke für die Rekapitulierung der Krämer-Inszenierung; ich hatte das nur im Herbst 2002 einmal sehen können (und weitgehend vergessen). :hide:

      Eine (schlechte) 08/15-Regie im Bühnenbild einer anderen Inszenierung aufführen zu lassen (was anderes kam dabei nämlich nicht heraus), fand ich auch eine ziemlich blödsinnige Idee. Was soll das? Spätestens ab dem 2. Akt passte da gar nichts mehr zusammen! Wirklich sehr ärgerlich! Halbwegs 'rausgerissen wurde das Ganze szenisch in der Tat nur durch die Spielfreude resp. Bühnenpräsenz von drei der vier Protagonisten.

      Was Dame Kiri angeht: Ich fand die Stimme überaus klangschön und geradezu jugendlich, jedenfalls kein bißchen wie die einer Mittsechzigerin. Es fehlte ihr aber in der Tat deutlich an Volumen bzw. Tragfähigkeit. Wenn es aber einer Sängerin gelingt, den stellenweise unerträglichen Hoffmannsthal'schen Text so 'rüberzubringen, daß es einem ans Herz gehen will, dann ist das schon eine besondere Leistung. Der Monolog im 1. Akt, fast noch mehr ihr Beginn des Schlußterzetts ("Hab' mir's gelobt"), waren wirklich sehr eindringlich und berührend. Was ihre Bühnenpräsenz angeht: Da gab es einen Moment, in dem der italienische Sänger (übrigens sehr schön Opernstudiomitglied Jeongki Cho, der sowas offenbar weit besser kann als Rossini!) mit seiner ersten Strophe schon halb durch ist und die Marschallin, mit ihrem Friseur beschäftigt, plötzlich auf ihn aufmerksam wird. In dem ganzen Bühnendurcheinander wendet Kiri Te Kanawa einmal ein wenig den Kopf - und plötzlich steht der Sänger im Mittelpunkt! Und, nein, das war nicht inszeniert, das kam allein von ihrer Geste! Erstaunlich! Hin und wieder einmal habe ich so etwas von Bühnenpersönlichkeiten erlebt; gestern gab es ein paar solcher Momente. Schon allein deshalb ein großer Abend!

      Ein Wort zum Orchester: ich habe bisher in keinem Rosenkavalier so gut "durchhören" und die Strukturen der Musik erkennen können. War schon den Sängern jegliches "Gekreische" völlig fern, so hatten wir auch insgesamt einen absolut unschweinshaxnmäßige Klang! Könnt' man glatt zum Strauss-Fan mutieren! Ich frage mich allerdings, ob Patrik Ringborg nicht hie und da noch ein wenig mehr Rücksicht auf Kiri Te Kanawa (und die miese Kölner Akustik) hätte nehmen können.
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Quasimodo schrieb:

      Ein Wort zum Orchester: ich habe bisher in keinem Rosenkavalier so gut "durchhören" und die Strukturen der Musik erkennen können. War schon den Sängern jegliches "Gekreische" völlig fern, so hatten wir auch insgesamt einen absolut unschweinshaxnmäßige Klang! Könnt' man glatt zum Strauss-Fan mutieren! Ich frage mich allerdings, ob Patrik Ringborg nicht hie und da noch ein wenig mehr Rücksicht auf Kiri Te Kanawa (und die miese Kölner Akustik) hätte nehmen können.


      Zum Orchester hätte ich auch noch etwas geschrieben, stimme da aber mit Dir überein. In der Vorstellung Anfang März gab es da noch so einige Wackelkontakte zwischen Dirigent und Musiker. Besonders angetan haben es mir gestern die Streicher und das hervorragende Schlagwerk. Auch gab es eine große Bandbreite zwischen kammerspielartigen und wirklich fulminanten Klängen.

      Übrigens gab es in der Aufführung im März auch eine wirklich großartige Marschallin: Nancy Weißbach. Eine wunderschöne Frau, die jede Geste aufrichtig aus einer ganz tiefen, inneren Ruhe entwickelte, die über einen enorm klangschönen, runden und samtigen Sopran verfügt und die jeden Vokal in einer herrlichen Klarheit zu formen wusste.

      Zu gestern: der italienische Sänger hat mir auch gut gefallen, ansonsten fand ich viele der Nebenrollen aber doch sehr schwach: Alexander Fedin kann halt wirklich nur noch bellen, und Machiko Obata, eine sehr verdiente Sängerin des Ensembles, hat ihren Zenit nun auch schon hörbar überschritten - und das ist gerade bei einer Partie wie der Leitmetzerin denkbar ungünstig, weil´s dann einfach nur noch nach Gekreische klingt. Wer mir immer noch gut gefällt ist z. B. Ulrich Hielscher, der Mann weiß seine - ob des Alters natürlicherweise eingeschränkten - stimmlichen Mitteln gut einzusetzen.