MOZART: Die Zauberflöte - Kommentierte Diskographie

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    • MOZART: Die Zauberflöte - Kommentierte Diskographie

      Meine Lieben,

      Zwei Diskussionsforen (bisher) zur "Zauberflöte" verlangen indirekt nach einer "trivialen" Hinterlegung durch einen Überblick über die vielen Einspielungen, die es gab und gibt. Selbst um die wichtigsten zu erfassen, wird man freilich viel Geduld aufbringen müssen. Ich möchte aber wenigstens den Anfang machen und auf eine relativ junge Aufnahme hinweisen, die meiner Meinung zu den besten gehört, die es von dieser Oper gibt.




      Ich weiß nicht, warum diese Einspielung bei uns wenig Echo ausgelöst hat (selbst beim taminesken Zauberflöten wurde sie kaum erwähnt), dabei ist um ein Spottgeld zu bekommen. Zwar gebe ich zu, daß sie - außer in einem Punkt - keine absoluten Spitzenleistungen bietet (na und - muß man immer und ewig noch eins draufsetzen?), aber in bezug auf Homogenität und durchschnittlichem Niveau gehört sie dennoch zur Spitzenklasse. Und ich habe noch keine Aufnahme kennengelernt, in der die Dialoge und die Geräuscheffekte so sorgfältig und überzeugend gestaltet wurden. Daher sei der Dialogregisseur, der auch als "musical assistant " fungierte, besonders genannt: Wolfgang Riedelbauch.
      Aufgenommen wurde 1990 in London. Roger Norrington leitet die London Classical Players. Die vielgepriesene Aufnahme Östmans läßt er meines Erachtens klar hinter sich. Vielleicht interpretiert er für manche eine Spur zu trocken, aber mir kommt er keineswegs langweilig vor, sondern nur sehr sorgfältig und ohne Nachlässigkeit. Keine verspielte Volkskomödie, sondern eine ernsthafte Geschichte mit Tiefgang und leisem Humor.

      Die Besetzung ist recht international. Der Tenor Anthony Rolfe Johnson (* 1950) kommt aus England, Pamina (Dawn Upshaw), * 1960) und die Königin der Nacht (Beverly Hoch) aus den USA, Sarastro (Cornelius Hauptmann, * 1951) und Papageno (Andreas Schmidt, * 1960) ebenso wie der Sprecher Olaf Bär (* 1957) aus Deutschland, Guy de Mey (Monostatos, * 1955) aus Belgien. Woher die Papagena Catherine Pierard stammt, konnte ich nicht herausbekommen, vermutlich ist sie auch Britin; jedenfalls scheint sie in London wiederholt aufgenommen zu haben. Der gelegentlich geringe Akzent bei den nichtdeutschen Mitwirkenden ist ziemlich harmlos, Artikulation und die kluge Rollengestaltung ausnahmslos begeisternd. Beverly Hoch schafft die Spitzentöne mit erstaunlicher Sicherheit, Sarastro besitzt eine Timbre, das ihn als eindeutigen Gutmenschen ausweist . Gesungen wird sehr gut, wenn auch, wie gesagt, man in jeder einzelnen Partie jemand noch besseren nennen kann. Was schließlich bei Mozart keine Kunst ist. Aber 4 bis 4,5 Punkte auf der fünfteiligen Skala sind ja auch nicht zu verachten.

      Ich würde die Anschaffung für jeden einschlägigen Liebhaber als absolutes Muß ansehen.

      Liebe Grüße

      Waldi
      ______________________

      Homo sum, ergo inscius.
    • Lieber Waldi,

      Na, das Du ausgerechnet damit angefangen hast. Anno Tobak, Anfang der Neunziger Jahre, habe ich viel HIP ergründet und diese Aufnahme meiner damaligen Freundin geschenkt, in deren Haushalt bis dahin der Klassiker von Böhm zu finden war. Sie hatte dementsprechend Probleme mit dem Tempo Norringtons, das einiges höher liegt als bei Böhm. Deine Beschreibung passt exzellent auf das Geschehen (gut gebrüllt, Löwe) und das Können der Sänger. Ich schließe mich deiner Empfehlung an. Zu der großartigen Aufnahme Böhms werden bestimmt später gerne andere etwas schreiben.

      :wink: Frank
    • Lieber Waldi,

      mit der Zauberflöte trifft Du eine meiner Favoriten, von der ich eine große Anzahl von Einspielungen haben, weitgehend alles - ohne jetzt noch einmal nachzusehen - was es an offiziellen Einspielungen gibt und eine Reihe anderer. Mit Claus Huth habe ich vor einiger Zeit einmal eine ausgiebige Wanderung durch Oper und Interpretationen unternommen. Sollte ich mal mit dem "Freischütz" weitergekommen sein, nehme ich den Ball gerne auf.

      In Fragen Norrington sind wir uns übrigens einig, es ist eine meiner Lieblingseinspielungen. Ein von Dir nicht genannter Grund liegt für mich darin, dass er dem Geist nach der leider nur unvollkommen überlieferten Aufnahme Toscaninis von den Salzburger Festspielen nahe kommt, wobei er ihn meiner Meinung nach übertrifft; die Stichwörter hast Du schon genannt.

      Liebe Grüße nach Wien

      Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Lieber Waldi!

      Da ich "Die Zauberflöte" eigentlich ganz gut kenne, und ich die beiden Reverenzaufnahmen aus Wien, mit Hilde Güden und Irmgard Seefried als Pamina und mit Wilma Lipp als Köngin der Nacht, hier nicht vorstellen möchte, das überlasse ich anderen Freunden der Zauberflöte, möchte ich aber eine italienisch gesungene und, etwas leise gesprochene Zauberflöte mit

      Ruggero Raimondi als Sarastro und Christina Deutekom als Königin der Nacht,

      die ich habe. Bei der anderen Besetzung: Es sind durchwegs gute italienische Sänger aus dem La Venice am Werk, die Pamina ist berührend und auch der Tamino ist rollendeckend eingesetzt, nur wennn ich aufpasse schreibe ich die Namen auf, die werden vorher angesagt und ich werde es nachtragen.

      Liebe Grüße sendet Dir Peter. :wink: :wink:
    • Lieber Peter,

      leider habe ich diese Aufnahme irgendwann mal gelöscht, weil ich Platz brauchte und mir die nicht gerade perfekte In-House - Aufnahme der "Flauto Magico" wohl kaum noch sehr oft vor Ohren gekommen wäre, aber die Besetzung kann ich Dir gerne nachliefern:

      Il flauto magico (Die Zauberflote ) Venezia La Fenice 1969

      Tamino - Piero Bottazzo
      Pamina - Lydia Marimpietri
      Königin / Regina della notte - Christina Deutekom
      Sarastro - Ruggero Raimondi
      Papageno - Renato Capecchi
      Papagena - Adriana Martino

      Dirigent: Peter Maag

      im house january 18 1969

      Meine Referenz-Zauberflöte bleibt wahrscheinlich meine allererste mit Maria Stader, Ernst Haefliger, Rita Streich und Josef Greindl, weil ich die schon als Kind bekam und sie sich mir eingemeißelt hat:



      Inzwischen gibt es sie auch auf Billiglabels, aber da kenne ich die Tonqualität nicht. Ansonsten schätze ich sehr meine Aufnahmen von Gardiner, Harnoncourt und Jacobs, alle aus verschiedenen Gründen, aber am liebsten höre und sehe ich sie heute (selten genug, muss ich gestehen) auf dieser Münchener DVD von Wolfgang Sawallisch mit Lucia Popp, Edita Gruberova, Francisco Araiza, Wolfgang Brendel und Kurt Moll.




      Da stimmt für mich von der Besetzung bis zur (zugegeben, sehr traditionellen) Inszenierung einfach alles. Um da mehr ins Detail zu gehen, müsste ich mir die Aufnahme(n) aber noch einmal vornehmen, wonach mir derzeit weniger der Sinn steht

      :wink: Rideamus
      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • Meine Lieben,

      Bezüglich "Zauberflöte" (nebstbei: man parodiert nur, was man abgöttisch liebt) bin ich natürlich sehr böhm-isch und krips-isch und fricsay-isch geprägt, aber dank Streifenpeter verfüge ich auch über eine Karajan-Aufnahme von 1962 (in der er den Ersten Knaben singt), und ich muß zugeben, die ist - von ein paar marginalen zu schnellen Tempi abgesehen - wirklich perfekt. Frick, Hallstein, Lipp, Gedda, Kunz, Sciutti, Wächter usw. mit den berühmten Namen. Da ich jenseits der Grenze seit kurzem einen neuen Player habe, der auch RW schluckt, gedenke ich sie in den kommenden Monaten wieder zu genießen und dann vielleicht ausführlicher zu berichten.

      Liebe Grüße

      Waldi
      ______________________

      Homo sum, ergo inscius.
    • Lieber Waldi!

      Ich bitte Dich mich aus der Beschreibung, so weit es geht, rauszulassen, aber ich habe noch eine DVD in S/W - 1963 aus Wien,

      20743/video
      1963. /Wien
      "Die Zauberflöte".
      Eine deutsche Oper in zwei Aufzügen Text von Emanuel Schikaneder
      KV 620

      Wiener Symphoniker,
      Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde
      Wolfgang Sawallisch (Dirigent),
      Herbert Junkers (Regie),
      Dominik Hartmann (Kostüme),

      Franz Crass (Sarastro),
      Horst Wilhelm (Tamino),
      Eberhard Waechter (Sprecher),
      Susanne Korda (Königin der Nacht),
      Erika Mechera (Königin der Nacht),
      Sonja Schöner (Pamina),
      Renate Holm (Papagena),
      Heinz Holecek (Papageno),
      Erwin Wohlfahrt (Monostatos)
      Peter Sattler (1. Knabe)

      mit Erika Mechera als Köngin der Nacht, welche gedoubelt wird und die Besetzung ist eigentlich recht gut.

      Liebe Grüße sendet Dir Peter aus Wien. :wink: :wink:



    • Die DVD wurde 1982 vom ORF bei den Salzburger Festspielen aufgenommen und kam 2005 bei TDK heraus. Es tut mir ja leid, aber auch ein Jean-Pierre Ponnelle produzierte nicht immer Meisterwerke. Zur "Zauberflöte" ist ihm nicht viel eingefallen. Viel Konvention, leider auch etlicher Kitsch (z.B. die weinenden Löwen, wenn Tamino "...nur Pamina bleibt davon" singt), optisch weitgehend enttäuschend. Nun ist es zweifellos eine undankbare Aufgabe, das Werk ausgerechnet in der riesigen Felsenreitschule inszenieren zu müssen, die dafür herzlich wenig geeignet scheint. Ab und zu blitzt zwar Ponnelles Genie ein bißchen auf (wenn Papageno mit seinem Pokal tanzend verschwindet und statt ihm das alte Weib mit dem Pokal tanzend hervorkommt und nur Papagenos Kopf mit offenem Mund dahinter sichtbar wird, oder der riesige Schatten der beiden Geharnischten), aber insgesamt bleiben mir recht schwache Empfindungen. Manches verstehe ich nicht recht. Daß die Sklaven als Dialekt redende Wiener Vorstadtkomödianten erscheinen, sorgt zwar für momentane Erheiterung, wirkt aber banalisierend. Das Freimaurerische bleibt eher leeres Getue.

      James Levine dirigiert wirklich gut und sogar eine klare Nuance besser, als ich sonst von ihm gewohnt bin. Trotzdem würde ich ihn nicht unter die Spitze reihen. Denn es hört sich zu gleichförmig an.

      Rein sängerisch badet man in Luxus. Martti Talvela singt einen untadeligen Sarastro, bleibt aber vokal die viel tiefere Charakterisierung etwa eines Gottlob Frick schuldig. Edita Gruberova muß kindische Spielastik absolvieren (bei "meine Hilfe war zu schwach" bricht sie in Taminos stützenden Armen beinahe zusammen), singt aber herrlich, besonders in der zweiten Arie, wo sie nicht so viel zu agieren braucht. Ileana Cotrubas als Pamina singt ebenfalls wunderschön. ich werde freilich das Gefühl nicht los, daß ihr allerhand langweilige Standardgesten vorgeschrieben sind und sie sich heftig bemüht, daraus etwas zu machen - was nicht viel nützt. Peter Schreier als Tamino - das alte Problem. Er ist ein verläßlicher, solider, technisch sicherer Sänger, dem einfach die Ausstrahlung und der vokale Glanz fehlen. Um gerecht zu sein: Manche Passagen klingen wirklich gut, aber er ist eben mehr ein Spieltenor (ein umwerfend guter Peter Iwanow, aber niemals ein Chataeuneuf). Außerdem artikuliert er sehr unterschiedlich, manchmal präzis und sorgfältig, dann wieder Buchstaber verschleifend und verschluckend. man hört das insbesondere, wenn ihm Walter Berry als Sprecher gegenüber tritt. Berry - für mich die Spitzenleistung der Aufnahme - singt jede Nuance perfekt, man versteht jeden einzelnen Buchstaben. Schreier hält das dagegen nicht durch.

      Christian Boesch demonstriert einerseits, warum er ein legendärer Papageno war; andererseits kann er einem Walter Berry in dieser Partie (ich hatte das Glück, ihn noch auf der Bühne der Wiener Staatsoper als solchen zu erleben) nicht das Wasser reichen. Boesch macht nichts falsch. er singt ausgezeichnet, spielt hervorragend, wirkt sympathisch, aber: Er spielt den Papageno, er ist es nicht. Einfach vom Typ her wirkt Boesch zu intellektuell, zu gestanden, um die kasperlhafte Naivität zu vermitteln. Auch stimmlich paßt er eher ins dramatische Fach. Ich muß bei ihm dauernd denken, wie gut er doch in einer Wagner-Oper passen müßte.

      Ansonsten kann ich nur Lob spenden. Die drei Damen (Edda Moser, Ann Murray, Ingrid Mayr), Papagena (Gudrun Sieber), Monostatos (Horst Hiestermann) - alle beglückendes Festspielniveau. Einen Geharnischten singt sogar Kurt Rydl. Die drei Tölzer Knaben (in langweiligen schwarzen Mozartzeitkostümen mit Perücke) machen ihre Sache ganz brav. Aber Streifenpeter war seinerzeit doch mindestens zwei Klassen darüber.

      In summa: Wenn man zeitweise die Augen schließt, oft durchaus ein Genuß. Wer jedoch eine Aufführung der obersten Kategorie sucht, möge vorsichtig sein.

      Liebe Grüße

      Waldi
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      Homo sum, ergo inscius.
    • Lieber Waldi!

      Bei Peter Schreier hast Du Recht, ich habe ja auch noch mit ihm gespielt, er kam mir immer vor wie ein Oberlehrer der im Gewand des Prinzen stecken muss. Die leichtere Spieloper passt ihm, wie ein Peter Iwanow, aber er war ein ausgezeichneter David in den Meistersingern und ein guter Palestrina.

      Dein Zitat:

      Die drei Tölzer Knaben (in langweiligen schwarzen Mozartzeitkostümen mit Perücke) machen ihre Sache ganz brav. Aber Streifenpeter war seinerzeit doch mindestens zwei Klassen darüber.

      Das kann ich nicht beurteilen, das muss ich Dir und musste ich dem Publikum überlassen.

      Liebe Grüße sendet Dir Peter. :wink: :wink:


    • Deutsche Grammophon - eine Kombination zweier Aufführungen der Bayerischen Staatsoper in München 1983. Auch für mich zählt diese DVD zu den besten "Zauberflöten", die derzeit auf dem Markt sind. Daß ich mit keiner ganz zufrieden bin, steht auf einem anderen Blatt. Es ist auch wahnsinnig schwer, diese so vielschichtige Oper so umzusetzen, daß sie nicht hohl wirkt. Die Inszenierung August Everdings und die Bühnenbilder bzw. Kostüme Jürgen Roses tendieren zur traditionell märchenhaft-phantastischen Gestaltung mit realistischem Einschlag. Solche Realisierungen können sich in punkto künstlerische Qualität dem unwillkürlichen Vergleich mit den berühmten Entwürfen Carl Friedrich Schinkels nicht entziehen, die bis jetzt noch immer unerreicht scheinen. Immerhin sehen wir bei Everding teils recht hübsche Farbwirkungen und eine wesentlich sorgfältigere Personenführung als bei vielen anderen "Zauberflöten". Wenn das Ergebnis auch optisch nicht durchgehend berauscht - ich klassifiziere vielleicht etwas hart als recht gute Konfektion mit einigen bemerkenswerten Ansätzen zu Besserem -, so ergibt sich doch ein recht gefälliger Eindruck, der wahrscheinlich eindringlicher wäre, würde Rose nicht stilistisch zu uneinheitlich verfahren (fast Corot-artige Kulissen im zweiten Akt kontrastieren doch recht hart mit dem ein wenig surrealen Anflug des ersten). Einzelnes ist sehr gut gelöst (wie z.B. die projizierte Silhouette der Königin in der gelben Mondscheibe oder das Kostüm der Papagena), anderes fällt ab (es gibt zwar schlechtere Schlangen, aber die hier wirkt auch nur wurstelpraterhaft; Papagenos Kostüm ist schlicht langweilig). Everdings bester Einfall: Eine steinerne Statue verwandelt sich plötzlich in das alte Weib. Das wirkt genial. Auf jeden Fall bemüht er sich, keine Leerläufe zuzulassen, und vermeidet erfolgreich aufgesetzte Wirkungen.

      Musikalisch fällt das Ergebnis zwar auch unterschiedlich, aber doch vielfach großartig aus. Wolfgang Sawallisch interpretiert nicht verspielt-wienerisch, sondern dramatisch oft zupackend und - im Sinne der Inszenierung - auch das Tragische deutlich akzentuierend. Das wirkt alles sehr stimmig.
      Lucia Popp ist eine wunderbar intensive Pamina, Edita Gruberova eine ausgezeichnete Königin der Nacht. Kurt Moll überzeugt trotz zu jugendlichen Aussehens als Sarastro, dessen menschliche Persönlichkeit er glaubhafter vermittelt als etwa Talvela. Francisco Araiza singt nicht schlecht (später unter Levine verfügte er zwar über mehr Routine in dieser Rolle, aber nicht mehr über das volle Stimmaterial), spielt aber reichlich hölzern (was freilich vor allem Everding zuzuschreiben ist, der den Tamino ziemlich im Stich läßt). Ein gewisses Problem ergibt sich für mich beim Papageno. Wolfgang Brendel besitzt natürlich ein schönes Organ, wirkt auch ansprechend und doch bleibt er viel schuldig. Oft bleibt er zu steif (weniger äuißerlich als innerlich). Irgendwie verströmt er ein wenig die getragene Solidität eines Wolfram, den man als Papageno verkleidet hat, und der jetzt brav aufsagt, was er als solcher muß. Aber in Fleisch und Blut ist ihm die Partie nicht übergegangen. Gudrun Sieber ist eine verläßliche Papagena, Norbert Orth ein solider Monostatos. Die drei Knaben schlagen sich wacker im Mittelfeld, während die drei Damen (unter ihnenn Pamela Coburn) echt gut sind. In kleineren Rollen finden sich bekannte Namen wie Rootering, Böhme, Klarwein und Thaw, ohne daß sich da eine besondere Profilierung ergäbe.

      Alles in allem kann man mit dieser DVD ganz gut leben. Der große Maßstab ergibt sich daraus aber noch nicht.

      Liebe Grüße

      Waldi
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      Homo sum, ergo inscius.
    • Lieber Waldi,

      mich würde sehr interessieren, was du von dieser Zauberflöte hältst (Paris 2001, Dirigent: Iván Fischer, Inszenierung: Benno Besson)

      [IMG:http://www.jpc.de/image/w183/front/0/0824121002374.jpg]

      Sie ist von der Grundkonzeption ähnlich märchenhaft angelegt, aber ich finde die Inszenierung insgesamt phantasievoller, verspielter, auch charmanter als die doch recht brave und biedere Everding-Version, die vor allem durch das dröhnend-selbstgefällige Pathos der Sarastro-Szenen nervt. Dieses Pathos hat Besson angenehm ironisch gebrochen. Die Besetzung ist mit Piotr Beczala, Dorothea Röschmann, Desiree Rancatore, Detlef Roth und Matti Salminen ebenfalls hochklassig, wobei Beczala seinen Tamino ähnlich hölzern spielt wie Araiza unter Everding. Insgesamt eine sehr schöne und gelungene Produktion.
    • Local Hero schrieb:

      das dröhnend-selbstgefällige Pathos der Sarastro-Szenen

      Ad Everding: ich finde, mit so was kann man den ganzen 'Humanismus' des Werkes in die Tonne kloppen. Ich erinnere mich, dass in Everdings Berliner Staatsopern-Zauberflöte (weiß nicht, ob es bloß ein Import der Version war die Ihr da habt, oder irgendwie verändert) der Sarastro "In diesen heil'gen Hallen" an den Saal zu adressieren hatte. So was ist nicht nur dumm, sondern macht eben auch die "Zauberflöte" zu genau der ideologischen Veranstaltung, vor der Sie Schikaneders Infantilismus und Mozarts hohe Kindlichkeit eigentlich bewahren müssten. Besson war da bestimmt (kenne die Aufführung leider nicht) viel differenzierter...
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      Musica est exercitium metaphysices occultum nescientis se philosophari animi
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      Zitat von »Local Hero«

      das dröhnend-selbstgefällige Pathos der Sarastro-Szenen
      Ad Everding: ich finde, mit so was kann man den ganzen 'Humanismus' des Werkes in die Tonne kloppen.
      dieser "Humanismus" ist durchaus gewalttätig, mit Zwang + Herrschaft verknüpft... das wird in dieser Passage am Ende sehr beeindruckend durch Text und Musik deutlich:

      SARASTRO
      Die Strahlen der Sonne vertreiben die Nacht,
      Zernichten der Heuchler erschlichene Macht.

      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Meine Lieben!

      So geht's weiter [bedingt durch langjährige Zauberflöten - Erfahrung]

      Es siegte die Stärke und krönet zum Lohn, die Schönheit und Weisheit mit ewiger Kron.

      Und dann ist es bald aus, Sarastro geht nach Haus.

      Liebe Grüße sendet Euch Euer Peter aus Wien. :wink: :wink:

      PS.: Bitte morgen zwischen 10 und 11 Uhr Daumenhalten, ich singe zwar nicht aber ich habe Prüfung, fast wie in der Zauberflöte. :stern: :stern:
    • Amfortas09 schrieb:

      dieser "Humanismus" ist durchaus gewalttätig, mit Zwang + Herrschaft verknüpft... das wird in dieser Passage am Ende sehr beeindruckend durch Text und Musik deutlich:

      SARASTRO
      Die Strahlen der Sonne vertreiben die Nacht,
      Zernichten der Heuchler erschlichene Macht.


      Na ja, klar: darum geht es ja grade auch in der "Zauberflöte": dass die Priesterschaft durch Tamino und Pamina quasi nochmal re-humanisiert wird bzw. auch eine Lektion lernt... wobei die von Dir angeführte Text-Stelle nix Gewalttätiges hat eigentlich sondern ja metaphorisch für Transparenz/Aufklärung stände. (Und bitte jetzt nix von Dialektik der Aufklärung anfangen: "Strahlen der Sonne zernichten die Nacht" ist ja eher Öffentlichkeitsprinzip à la Kant.) --> Was ich mit "dumm" meine wenn ich mich an jenen Moment der Everding-Inszenierung erinnere, ist einfach dass der konkrete Saal einer Staatsoper um 1995 herum weder als ideale Priesterschaft noch als "Bund" noch in irgendeiner denkbaren Weise als "heil'ge Hallen" adressierbar ist, in denen man "die Rache nicht kennt".
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      Musica est exercitium metaphysices occultum nescientis se philosophari animi
    • Lieber Recordatorio,

      Die Pariser "Zauberflöte" steht schon seit längerem auf meiner Wunschliste, da ich bereits viel Gutes darüber gehört bzw. gelesen habe. Der momentane Zustand meiner Brieftasche erlaubt jedoch nicht, die vorhandene Gier schnell zu stillen. Wenn es soweit ist, werde ich meinen Eindruck natürlich gerne berichten. Hat irgendeiner von Euch vielleicht einmal David Kuebler als Tamino erlebt? Der ist schauspielerisch so glänzend begabt, daß er aus dieser undankbaren Rolle sicher etwas gemacht hat. Ob davon eine DVD existiert, weiß ich nicht.

      Bei Everding (München) fand ich übrigens "In diesen heil'gen Hallen" gut gelöst. Sarastro wendet sich dabei tröstend und väterlich ausschließlich an die am Boden zerstörte Pamina und relativiert damit auch sein autoritäres Auftreten. Everding faßt ihn sichtlich als gerechten Alleinherrscher auf. Dementsprechend berichtet sein Monostatos auch, daß er die Prügel auf die Fußsohlen tatsächlich erhalten hat (sehr arg dürfte es aber nicht gewesen sein, denn der Mohr ist weiterhin gut zu Fuß) - Rache also nein, aber Strafe, wenn verdient, ja. Da wird das josephinische Herrscherideal recht deutlich gemacht, ohne moralinsauer zu wirken.

      Liebe Grüße
      Waldi
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      Homo sum, ergo inscius.
    • Na ja, klar: darum geht es ja grade auch in der "Zauberflöte": dass die Priesterschaft durch Tamino und Pamina quasi nochmal re-humanisiert wird bzw. auch eine Lektion lernt... wobei die von Dir angeführte Text-Stelle nix Gewalttätiges hat eigentlich sondern ja metaphorisch für Transparenz/Aufklärung stände. (Und bitte jetzt nix von
      Dialektik der Aufklärung anfangen: "Strahlen der Sonne zernichten die Nacht" ist ja eher Öffentlichkeitsprinzip à la Kant.) --> Was ich mit "dumm" meine wenn ich mich an jenen Moment der Everding-Inszenierung erinnere, ist einfach dass der konkrete Saal einer Staatsoper um 1995 herum weder als ideale Priesterschaft noch als "Bund" noch in irgendeiner denkbaren Weise als "heil'ge Hallen" adressierbar ist, in denen man "die Rache nicht kennt".
      Mir liegts fern die Welt der Königin der Nacht zu idealisieren. Und es ist auch nicht abwegig anzunehmen, dass die Priesterschaft rehumanisiert wird. Bin mir nicht sicher ....

      Die Gewalt der Sarastrowelt verkörpert aber in gewisser Weise die Schattenseiten des zivlisatorischen Zwangs ( und möglicherweise auch den des Rationalitätsprinzips). Die Sarastrowelt muss die nächtliche Welt der Königin der Nacht - bei Strafe des eigenen Unterganges - zernichten. Die Zauberflöte endet - nach meinen Eindruck - unversöhnt..

      Ich bin mir nicht sicher, ob Tamino sich doch dieser Welt bloß unterordnet/einfügt.

      Die Skepsis Papagenos gegenüber Sarastrowelt wäre ein emanzipatorischer Impuls ...

      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Meine Lieben!

      Ich weiß warum ich Waldemar Kmentt als Tamino schon in meiner Zeit bevorzugt habe und habe nun auch die Bestätigung einer Aufführung der Salzburger Festspiele 1964 aus dem Großen Festspielhaus.

      Hier stimmt für mich, fast, alles!



      Diese Aufnahme ist noch in S / W was aber kaum stört, denn es ist, durch die Regie von Otto Schenk nahezu perfekt, das Bühnenbild passt und die Protagonisten sind sehr gut.

      Da wäre einmal Pilar Lorengar als berührende Pamina, Walter Kreppel als eindrucksvoller Sarastro, Walter Berry als bezaubender Papageno, Renate Holm als entzückende Papagena, die 1964 als weltbeste gehandelte Königin - Roberta Peters [wobei ich bemerken muss, dass dann im September 1964, im Theater an der Wien Erika Mechera ihr, in den Kritiken aller Zeitungen, ebenbürtig gestellt wurde], Die Drei Damen sind wunderbar, nur bei den Drei Knaben, wo Lucia Popp den 1. Knaben singt, da habe ich, nicht aus irgendgearteten "Konkurrenzgefühlen" meine Bedenken, es verschiebt sich das Klangbild, zumindest für Wiener Ohren - [speziell bei den Quartetten mit Pamina und Papageno] da wir die Wiener Sängerknaben immer hatten. Paul Schöffler ist ein sonorer Sprecher und Renato Ercolani war damals der Monostatos [auch schon bei der Eröffnung des Theaters an der Wien, 1962].

      Nochmals möchte ich aber auf Waldemar Kmennt zurückkommen, er war bedeutend dramatischer als damals Anton Dermota oder Fritz Wunderlich, später Peter Schreier, was gerade dem Prinzen gut ankommt, und ankam.

      Das Große Festspielhaus in Salzburg ist vielleicht wirklich sehr groß, was die Ausmaße betrifft, jedoch habe ich Seinerzeit auch dort den 1. Knaben mit Kollegen gesungen und ich denke, dass der Dirigent - István Kertész es sich damals gedacht hat, das Knabenstimmen "nicht" über die Rampe kommen, was aber keinesfalls stimmt, denn sogar die Felsenreitschule hat bewiesen es geht.

      Lieb Grüße sendet Euch Euer Peter aus Wien. :wink: :wink:
    • Noch eine LIVE Aufnahme aus Salzburg, 12.8.1960.



      Der Sarastro von Gottlob Frick ist bis heute eine Legende, er war großartig. Der Tamino von Fritz Wunderlich war für mich immer nobel und elegant, wenn mir auch Waldemar Kmennt besser gefiel, sein Timbre war, für mich, unvergesslich. Die Pamina von der heute vergessenen Liselotte Fölser ist blendend gesungen und Walter Berry als Papageno gehörte, mit Erich Kunz zu den Spitzenpapagenos. Die hervorragende Graziella Sciutti singt und spielt ein liebe grazielle Papagena, Erika Köth als Königin in der 1. Arie mit nicht ganz gelungenen Spitzentönen, dafür ist die 2. Arie bravourös gesungen. Die drei Damen - Lisa Otto, Hetty Plümacher und Sieglinde Wagner ein perfektes Damenterzett. Die drei Knaben singen die Wiener Sängerknaben, wobei mir der 1. bekannt vorkommt, das war ja ich. Kurt Marschner ist ein brav singender Monostatos, wie Eberhard Waechter ein sonorer Sprecher ist. Der Dirigent der Aufnahme ist Joseph Keilberth.

      :wink: :wink: