Prokofjew - DIE LIEBE ZU DEN DREI ORANGEN (Volksoper Wien, 17.4.2010)

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    • Prokofjew - DIE LIEBE ZU DEN DREI ORANGEN (Volksoper Wien, 17.4.2010)

      Sergej Prokofjew (1891-1953) ist in seiner Heimat Russland und darüber hinaus nicht mehr unbekannt und durchaus umstritten – die Uraufführung des zweiten Klavierkonzertes führt 1913 in Pawlowsk zu aufgebrachten Publikumsreaktionen – als er 1918 über Sibirien und Japan in die Vereinigten Staaten reist, um hier nicht zuletzt auch materiellen Erfolg zu suchen. An der Chicago Grand Opera sollte auch seine Oper „Der Spieler“ zur Aufführung gelangen, wozu es allerdings nicht kam. Im Jänner 1919 unterschrieb Prokofjew (in anderer Schreibweise auch Prokofjeff) mit Cleofonte Campanini, dem damaligen Direktor, den Vertrag über eine auf einem Stoff von Carlo Gozzi (1720-1806) basierende Oper; die Uraufführung sollte noch im Herbst des selben Jahres stattfinden. Eine längere Krankheit des Komponisten und in der Folge der Tod des Intendanten verhindern den geplanten Aufführungstermin. Erst am 30 Dezember 1921 kommt es zur Uraufführung von „L´Amour de trois oranges“ in französischer Sprache und unter der musikalischen Leitung des Komponisten, der auch für das Libretto verantwortlich ist. Es folgen Inszenierungen in Köln und Berlin, 1926 ist in St. Petersburg die russische Erstaufführung (jetzt in russischer Sprache) und 1927 folgt Moskau. Erst 1951 kommt es zur österreichischen Erstaufführung (Wiener Staatsoper in der Volksoper) unter der Leitung von Igor Markecitch. Die gestrige Premiere an der Wiener Volksoper ist – so steht es auch am Besetzungszettel – eine Produktion der Hamburgischen Staatsoper, für die Ernst-Theo Richter im Bühnenbild von Karl-Ernst Hermann und in den Kostümen von Jorge Jara „Die Liebe zu den drei Orangen“ im Jänner 2002 inszenierte.König Treff ist verzweifelt. Sein Sohn leidet an einer scheinbar unheilbaren Depression und kann nur dann geheilt werden, wenn er einmal lacht. Diese Depression ist in Wahrheit aber durch vergiftete Poesie verursacht, die Leander ihm ins Essen mischt, um Clarissa, die Nichte des Königs, auf den Thron zu bringen. Dabei werden sie von der Zauberin Fata Morgana unterstützt, die ihren Widerpart Tschelio immer wieder ausschaltet. Truffaldino gelingt es zwar nicht, den Prinzen durch Späße zum Lachen zu bringen, doch schließlich stellt sich der Erfolg ein – der Prinz lacht. Ein Fluch von Fata Morgana trifft ihn; er muss sich in drei Orangen verlieben, die sich im Schloss der Hexe Kreonta befinden und von einer Furcht einflößenden Köchin bewacht werden. Der dürstende Truffaldino öffnet in der Wüste zwei dieser Orangen, denen zwei Prinzessinnen entsteigen, die aber unverzüglich sterben. In die dritte einer Orange entstiegenen Prinzessin verliebt sich der Prinz unsterblich. Sie wird von Fata Morgana in eine Ratte verwandelt und an ihrer Stelle soll der Prinz Smeraldine heiraten. Die Intrige wird aufgedeckt und Tschelio rückverwandelt die Ratte in Prinzessin Ninetta. Einem glücklichen Ende steht nichts im Wege.Für die Umsetzung dieses skurillen Stoffes benötigt das Theater neben einer Vielzahl von Solisten auch ein gut studiertes Orchester und einen stimmsicheren Chor, der die Handlung mit Kommentaren in der Art der griechischen Tragödie kommentiert. Das alles kann die Volksoper für diese Produktion aufbieten! Alfred Eschwé, der diese Oper schon in Hamburg dirigiert hat, hat das Orchester auf die Partitur hervorragend vorbereitet und die Musiker wachsen über sich hinaus (und beweisen, welche Qualität in diesem Orchester verborgen ist). Und auch der Chor stellt einmal mehr seine hohe Musikalität aber auch seine schauspielerischen Fähigkeiten (köstlich, wie der gesamte Chor an der Rampe stehend ein Zwischenspiel „dirigiert“) unter Beweis. Dass die Aufführung überhaupt stattfinden konnte, grenzt an ein Theaterwunder. Denn der für den Leander angesetzte Sänger erkrankte kurzfristig, der in Bonn gefundene Ersatz konnte auf Grund der vulkanbedingt abgesagten Flüge nicht anreisen und der aus Graz kommende Einspringer konnte erst am Vormittag für die abendliche Premiere eingewiesen werden. Und auch für die Sängerin der Ninetta stand schon eine Kollegin bereit, die im Notfall am Bühnenrand aus den Noten gesungen hätte.Da angesagte Katastrophen aber selten stattfinden, wurde der Premierenabend zu einem (musikalisch zu Recht) umjubelten Erfolg. Manfred Hemm singt einen verzweifelten König Treff, der in seinem Kostüm ein wenig an Boris Godunow erinnert; Mehrzad Montazeri ist ein blendend aussehender und schönstimmiger Prinz, der in knielanger Hose und Fantasieuniform eine köstliche Karikatur bietet; Wilfried Zelinka merkt man in keiner Sekunde den Einspringer an, Alexandra Kloose ist ihm als Prinzessin Clarisse eine kongeniale Intrigantin; Christian Drescher kann als Truffaldino in Spiel und Stimme sein komödiantisches Talent voll auskosten; Daniel Schmutzhard zeigt als Pantaleone, Herold und Zeremonienmeister einmal mehr seine Qualitäten; Dirk Aleschus (den ich gerne in einer „ersten“ Bassrolle hören würde,) ist mit seiner Körpergröße von über zwei Meter eine urkomische Köchin; Stefan Cerny singt den Farfarello ausdrucksstark sogar in luftiger Höhe; nicht zu vergessen Lars Woldt (ab kommender Saison in der Staatsoper) als herrlich orgelnder und urkomischer Magier Tschelio; Irmgard Vilsmaier gibt eine auch stimmlich fiese Fata Morgana; Eva Maria Riedl ist eine nicht nur optisch attraktive Smeraldine; Martina Mikelic und Mara Mastalier haben, obwohl zwei der drei titelgebenden Orangen (Linetta und Nicoletta) nur kurze Auftritte; und wie schönstimmig Anja-Nina Bahrmann die Prinzessin Ninetta singt, wenn sie nicht von einer Kehlkopfentzündung geplagt ist (von der man – und das spricht für die Qualität der Sängerin – als Zuhörer nichts merkte), ...Wolfgang Bücker hat die seinerzeitige Regie für die Volksoper aufgefrischt. Die Gratwanderung zwischen Komik und Klamauk hat er dabei leider immer wieder in Richtung Klamauk verlassen. Etwa wenn Cremetorten in den Gesichtern anderer Mitwirkender landen, etwa wenn die Köchin (herrlich der riesige Suppenlöffel) sich mit tuntenhaften Gesten bewegt, oder wenn das Ballett als Kühe verkleidet auftritt. Und es spricht nicht wirklich für das Publikum, wenn derlei „Gags“ mehr bejubelt werden, als die zumeist sehr guten Gesangsleistungen. Das Einheitsbühnenbild von Karl-Ernst Hermann ermöglicht einen einfachen und schnellen Szenenwechsel und ist als Anatomiesaal, in dem die Ärzte über die Krankheit des Prinzen rätseln, ebenso praktikabel wie als stilisierte Zirkusarena, die den Bogen zu Carlo Gozzi zieht. Die Volksoper spielt die Oper auf deutsch, in einer zu Hamburg (wie es in einer offiziellen Aussendung heißt) verbesserten Übersetzung. Wäre die Aufführung in der Originalsprache gewesen (die Übertitelungsanlage zeigte den deutschen Text in deutscher Sprache),man könnte– musikalisch – beinahe von einer Referenzaufführung sprechen.

      Michael