Grigory Sokolov

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    • ChKöhn schrieb:

      Ich weiß, was Du meinst. Bei Sokolov ist es immer auch "anstrengend", weil er mit seiner extremen Gestaltungskraft nichts, nicht das kleinste Detail, dem Zufall überlässt. Das ist ungeheuer beeindruckend und doch manchmal auch etwas irritierend oder sogar erschreckend, weil es buchstäblich zum Zuhören zwingt. Selbst seine ausufernden Zugaben-Blöcke, die doch von anderen genutzt werden, die konzentrierte Dramaturgie eines Konzertes am Ende etwas aufzulockern, folgen einem unerbittlich bis in den letzten Winkel erfüllten Plan. Sein höfliches, aber distanziertes Auftreten mit immer exakt denselben Gesten und zumindest äußerlich vollkommener Ungerührtheit passt zu dieser Konsequenz. Er ist zweifellos einer der größten Künstler und Pianisten der Gegenwart, in seiner unfassbaren gestalterischen Perfektion höchstens noch mit Krystian Zimerman zu vergleichen. Ich werde dasselbe Chopin-Programm Anfang April in der Kölner Philharmonie hören. Ich bin gespannt.

      Christian


      Du hast es getroffen. Selbst die Zugaben sind keine Bravourstücke wie bei anderen, sondern vollwertige, hochkonzentriert dargebotene Konzertstücke. Dazu keine Ablenkung von der Musik. Sokolov geht geradewegs zum Flügel, dreht sich den Zuschauern zu, verbeugt sich, setzt sich an den Flügel und die nächste Zugabe wird gegeben. Erneut mit einer absoluten Konzentration und Perfektion.
      Viele Grüße
      kdp
    • Ich habe Sokolovs Mazurken nicht gehört, aber es gibt hier ein breites Interpretationsspektrum. (Und die Stücke sind auch sehr unterschiedlich im Tempo bezeichnet)
      Es gibt eine Anekdote, wonach Chopin erzürnt gewesen sein soll, nach dem ein anderer Musiker behauptet hat, er spiele eine seiner Mazurken, als ob sie im 4/4 (statt notiertem 3/4) stünde. Chopin hat das bestritten, bis sich derjenige beim Spielen neben ihn gesetzt und laut mitgezählt hat. Anscheinend fühlte sich eine bestimmte Art des Rubato (eigentlich etwas anderes) oder "Verzerrung" des Rhythmus für Chopin so natürlich an, dass er sich dessen nicht bewusst war, während es für den anderen Musiker rhythmisch falsch klang. (Irgendjemand kennt diese Anekdote sicher besser.)
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • ChKöhn schrieb:

      Ich werde dasselbe Chopin-Programm Anfang April in der Kölner Philharmonie hören.

      Wie wäre es mit einem Pausen-Kölsch an der oberen Bar? Wir sitzen in Block D :prost:

      Ein wenig Gossip mit traurigem Hintergrund: Wie mir meine russische Klavierlehrerin erzählte, die Sokolov sehr bewundert, verlor er um den Jahreswechsel herum seine Ehefrau, die um Einiges älter war als er. Norman Lebrecht berichtete darüber in seinem populären Klassik-Blog und fügte die Behauptung hinzu, die Verstorbene sei nicht nur Sokolovs Ehefrau, sondern zugleich seine Tante gewesen - unterstellte dem Künstler somit also strafbare Inzucht. Die Wahrheit ist hingegen, dass Frau Sokolova lediglich in erster Ehe mit einem Cousin Sokolovs verheiratet war und aus diesem Grund bereits den Namen trug. Sokolov soll unter der Verbreitung dieses Gerüchts - verständlicherweise - sehr gelitten haben. Ein weiterer Minuspunkt für Lebrecht...

      Cheers,

      Lavine :wink:
      "You gotta grab'em by Debussy" (DJ Trump)
    • Général Lavine schrieb:

      ...
      Norman Lebrecht berichtete darüber in seinem populären Klassik-Blog und fügte die Behauptung hinzu, die Verstorbene sei nicht nur Sokolovs Ehefrau, sondern zugleich seine Tante gewesen - unterstellte dem Künstler somit also strafbare Inzucht. Die Wahrheit ist hingegen, dass Frau Sokolova lediglich in erster Ehe mit einem Cousin Sokolovs verheiratet war und aus diesem Grund bereits den Namen trug. Sokolov soll unter der Verbreitung dieses Gerüchts - verständlicherweise - sehr gelitten haben. Ein weiterer Minuspunkt für Lebrecht.
      ...

      Auf der Suche nach einer Erklärung für Sokolovs "offenen Brief" auf der Page seines Managements (=> "http://www.amcmusic.com/eng/artisti_scheda.php?aId=1")
      war ich vor einiger Zeit auf eben jenen Blog-Eintrag von Norman Lebrecht gestoßen mit dem Titel "Sad news: ‘Greatest living pianist’ loses his wife".

      U.a schrieb Norman Lebrecht da am 08.01.2014 wörtlich folgenden Satz:
      ...
      Little is known of his domestic circumstances except that his wife was also believed to be his aunt, apparently a generation his senior.
      ...

      Noch am selben Tag kommentierte "CR-520 ":
      No aunt at all. She was first married to his cousin Alexander Sokolov, who was a bassoon in the Leningrad Philharmonic Orchestra under Mravinsky.

      Am 27.03.2014 ersetzte Norman Lebrecht dann obigen Satz durch folgenden:
      Little is known of his domestic circumstances except that his wife was also his cousin’s widow.
      und ergänzte seine Page mit einem update zur Familiengeschichte Sokolovs.
      (=>"https://www.artsjournal.com/slippeddisc/2014/01/sad-news-greatest-living-pianist-loses-his-wife.html")


      Befremdlich, wenn jemand in der Position / mit der Reputation eines Herrn Lebrecht ("http://de.wikipedia.org/wiki/Norman_Lebrecht") solch ein "Tanten-Gerücht" überhaupt erwähnt -
      und damit auch verbreitet ... :shake:
      Liebe Grüße,
      Berenice

      Colors are like music using a short cut to our senses to awake our emotions.
    • Inzwischen bin ich von einer kleinen Reise wieder zurück, und will wenigstens kurz vom Kölner Klavierabend berichten: Sokolov spielte sein bekanntes Chopin-Programm dieser Saison, mit der h-moll-Sonate op. 58 zu Beginn und einer Auswahl von 10 Mazurken nach der Pause. Es folgte ein Zugabenblock von sage und schreibe 60 Minuten Länge.

      Sokolov hat sich seit dem letzten Jahr, als ich ihn beim Klavierfestival Ruhr hörte, verändert. Sein Auftreten ist noch ritualisiert-distanzierter geworden, sein Spiel noch individueller, noch entrückter. Das fiel mir vor allem bei den ersten vier Zugaben auf: Franz Schuberts Impromptus D. 899 Nr. 2 bis 4 und das zweite der drei späten Klavierstücke D. 946, die schon auf seinem letztjährigen Tournee-Programm standen, spielte er diesmal noch lyrischer, noch zarter, wundervoll innig und kantabel. War ich bei seinem Chopin schon voller bewundernder Aufmerksamkeit über seine unglaubliche Gestaltungskraft, mit der er in jedem Moment alle musikalischen Parameter im wahrsten Sinne des Wortes in der Hand behält, über seine unglaublich nuancierte Differenzierungskunst, seine riesige emotionale Ausdruckspalette und seine phänomenale pianistische Perfektion, so verschwand das alles spätestens bei D. 946 aus meiner Wahrnehmung, und ich fühlte mich buchstäblich wie im musikalischen Himmel, fassungslos und zutiefst bewegt. Ich bin kein Freund von Superlativen, aber ich kann es nicht anders sagen: Sokolov ist der bedeutendste Pianist unserer Zeit. Er erreicht in buchstäblich jedem Konzert eine zwingende Intensität, wie ich sie ansonsten in vielleicht zwei oder drei seltenen Sternstunden erlebt habe. Bei seinem Konzert kam mir auch der Gedanke: So etwas wird man in absehbarer Zeit nicht mehr hören können. Deshalb die dringende Empfehlung: Geht in seine Konzerte!

      Christian
      Jeder Eindruck, den man macht, schafft Feinde. Um populär zu bleiben, muss man mittelmäßig sein.
      Oscar Wilde
    • Danke für den Bericht - gerade weil Du nicht zu Superlativen neigst, ich übrigens genauso wenig, hast Du mit Deiner Beschreibung mein Interesse geweckt. Mit anderen Worten am 06.07.2014 bin ich in Essen. Ein Bach- und/oder Rameauprogramm wäre mir zwar lieber gewesen - aber man kann eben nicht alles haben. Im Übrigen erwarten mich ja noch Encores - wer weiß, was da noch kommt (vielleicht die Goldbergvariationen oder etwas aus der Fugenkunst oder ...).
    • ChKöhn schrieb:

      Sokolov ist der bedeutendste Pianist unserer Zeit. Er erreicht in buchstäblich jedem Konzert eine zwingende Intensität, wie ich sie ansonsten in vielleicht zwei oder drei seltenen Sternstunden erlebt habe. Bei seinem Konzert kam mir auch der Gedanke: So etwas wird man in absehbarer Zeit nicht mehr hören können. Deshalb die dringende Empfehlung: Geht in seine Konzerte!

      Lieber Christian, danke für diesen Eindruck, der sich für mich selbst ohne live-Erlebnis und rein anhand der Cds bestätigt hat. Ich habe wie Yukon auch nicht so sehr grosse Lust auf ein reines Chopin-Programm und würde Bach, Rameau oder Schubert weit vorziehen, aber mit Sokolov werde ich vermutlich auch noch zum Chopin-Fan..... :fee:
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Eigentlich ist es ja gar kein reines Chopin-Programm, wenn man den umfangreichen Schubert-Block dazurechnet. Und diese Zugaben waren für mich tatsächlich der Höhepunkt des Konzerts. Ich habe gestern Abend spontan noch eine der letzten Karten für dasselbe Programm in Essen gekauft. Ist zwar etwas verrückt, aber ich stehe dazu...

      Christian
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      Oscar Wilde
    • ChKöhn schrieb:

      Ich habe gestern Abend spontan noch eine der letzten Karten für dasselbe Programm in Essen gekauft. Ist zwar etwas verrückt, aber ich stehe dazu...
      Gestern abend war es so weit, zum ersten Mal überhaupt habe ich mir einen Pianisten mit dem exakt selben Programm (einschließlich derselben Zugaben) ein zweites Mal angehört. Die Reise nach Essen hat sich wahrlich gelohnt, es war eine weitere Sternstunde des Klavierspiels. Wegen meines besseren Sitzplatzes und wegen der konzentrierteren, stilleren Atmosphäre im Saal konnte ich vieles gestern noch intensiver erleben als in Köln. Sokolov verfügt über eine schier unendliche Skala von Klangfarben, kann ohne jede erkennbare Mühe die kleinsten Nebenstimmen phrasieren, ohne sie mit plumper Effekthascherei in den Vordergrund zu drängen, variiert bei Wiederholungen voller Fantasie und Noblesse. Seine gestalterische, aber auch pianistische Perfektion ist atemberaubend. Chopins große h-moll-Sonate spielt er in einem riesigen Spannungsbogen, endlich mal wirklich "maestoso" zu Beginn und mit grandioser Steigerung am Schluss. Das wunderbar singende Largo spielte er geradezu mit Schubertscher Melancholie, im Saal war atemlose Spannung. Und welcher Pianist außer ihm könnte es sich erlauben, nach dem virtuosen Taumel des Schlussatzes das Konzert nach der Pause mit zehn, immer doppelbödiger und vergrübelter werdenden Mazurken zu beenden? Aber was heißt schon "beenden": Wie schon in Köln wurden die Schubert-Zugaben zum Höhepunkt des Konzertes, das Es-Dur-Klavierstück aus den drei Stücken op. posth. war von unbeschreiblicher, bewegender Schönheit und Intensität und brachte nicht nur mich den Tränen nahe...
      Ich bleibe dabei: Es gibt im Moment kein größeres Klavierspiel als das von Sokolov.

      Christian
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      Oscar Wilde
    • ...und am 07.11.

      ...im Stadttheater Schweinfurt!!!!

      der teuerste Platz müsste dort so um die 40EUR liegen - "eigentl." VVK-Start erst am 04.10., aber sicherheitshalber werde ich schon ca. 4 Wochen früher da mal nachhaken!!!!

      :wink:
      Alexa: Was ist ein gerechter Lohn? - Das weiß ich leider nicht!
      Peter Kessen "Disruptor Amazon"

      Hollywood ist ein Witz - nicht hassenswert...
      Aki Kaurismäki
    • Wiesbaden Ende des Monats wäre für mich theoretisch möglich. Allerdings ist es mir eigentlich zu teuer (20 für Platz ohne Sicht, was ich nicht will, die nächste Kategorie ist ausverkauft, dann 45, kommt mir das nur teuer vor, oder ist das Rheingau-Festival/Wiesbaden/Speckgürtel-Aufschlag?), zumal noch 15-20 EUR Fahrtkosten dazu kämen.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Kater Murr schrieb:

      Wiesbaden Ende des Monats wäre für mich theoretisch möglich. Allerdings ist es mir eigentlich zu teuer (20 für Platz ohne Sicht, was ich nicht will, die nächste Kategorie ist ausverkauft, dann 45, kommt mir das nur teuer vor, oder ist das Rheingau-Festival/Wiesbaden/Speckgürtel-Aufschlag?), zumal noch 15-20 EUR Fahrtkosten dazu kämen.
      In Essen habe ich mit Vorverkaufsgebühr sogar knapp 74 Euro bezahlt und bin rund 350 km gefahren. Selten hatte ich das Gefühl, etwas so Sinnvolles getan zu haben...

      Tharon schrieb:

      mein Tipp: einfach trotzdem hingehen (und dann vielleicht ein- oder zweimal weniger in irgendein anderes Konzert). Der Mann ist wirklich ein Erlebnis.
      Vor allem ist das eine Art Klavierspiel, wie man sie sonst von niemandem hören kann. Ich habe mich ja neulich an anderer Stelle beklagt, dass heutzutage zu viele Pianisten einander zu ähnlich sind. Sokolov ist einzigartig. Ein Freund von mir (kein Musiker!) ist nur wegen der vierten Zugabe (Klavierstück Es-Dur von Schubert) ebenfalls ein zweites Mal in dieses Konzert gegangen.

      Christian
      Jeder Eindruck, den man macht, schafft Feinde. Um populär zu bleiben, muss man mittelmäßig sein.
      Oscar Wilde
    • Kater Murr schrieb:

      Wiesbaden Ende des Monats wäre für mich theoretisch möglich. Allerdings ist es mir eigentlich zu teuer (20 für Platz ohne Sicht, was ich nicht will, die nächste Kategorie ist ausverkauft, dann 45, kommt mir das nur teuer vor, oder ist das Rheingau-Festival/Wiesbaden/Speckgürtel-Aufschlag?), zumal noch 15-20 EUR Fahrtkosten dazu kämen.


      Das ist "geschenkt". In Stuttgart spielt Sokolov am 4. November. Billigster Platz 54,50 Euro (ohne Ermäßigung).
      Ich habe ihn in Frankfurt erlebt und kann nur bestätigen: Es gibt derzeit keinen besseren Pianisten. Alleine die Zugaben lohnen den Konzertbesuch. Und die Mazurken hat man noch nie so tiefgründig gehört.
      Gruß
      kdp
    • Habe gerade vergeblich im Netz gesucht. Drum hier: Wo findet man denn Informationen über die nächsten Konzerte Sokolovs? ("nächsten" sehr weit gefaßt, gern auch 2015... ;+) )

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • "http://www.kdschmid.de/kuenstlerprofil/items/grigory-sokolov.html

      27.07. Wiesbaden
      05.08. Lübeck
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