Grigory Sokolov

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    • Ein Zitat von Solokolov aus FF 2/2015:

      "Je konkreter Sie über Musik reden, desto weiter entfernen Sie sich von ihr. Wenn etwas von außen kommt, ist es sowieso schon nichts. Musik kommt von innen."

      Gruß
      MB

      :wink:
      "Ich will keine leidenschaftslose Gehirnarbeit, sondern ein durchlebtes Kunstwerk mit einer Aussage." - Karl Amadeus Hartmann, aus seinem Artikel "Von meiner Arbeit" (1962)
    • Mauerblümchen schrieb:

      Zitat von Solokolov aus FF 2/2015:
      "Je konkreter Sie über Musik reden, desto weiter entfernen Sie sich von ihr. Wenn etwas von außen kommt, ist es sowieso schon nichts. Musik kommt von innen."


      da wäre u.a. einzuwenden, daß die kritische Betrachtung in eine double-bind-Situation versetzt wird. Finde ich bloß "furchtbar" - und das kommt von innen!! - werde ich aufgefordert, zu begründen. Versuche ich das, ist's auch nicht recht, weil es die Musik veräußerlicht.

      (die Musikauffassung, die aus dem Sokolov-Zitat spricht, halte ich für äußerst schädlich).
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • zabki schrieb:

      die Musikauffassung, die aus dem Sokolov-Zitat spricht, halte ich für äußerst schädlich

      "Äußerst schädlich" würde ich nicht sagen. Aber diskussionswürdig.

      Sokolov hat sich ja wohl etwas dabei gedacht. Ich glaube auch nicht, dass er sich auf diesem Wege jeder Kritik entziehen wollte.

      Könnte es sein, dass es in diese Richtung geht: "Wir können viel über Musik wissen, wir können vieles herausfinden, analysieren, vergleichen, auch werten, aber zu ihrem innersten Kern gelangen wir so nicht. Der erschließt sich anders. Und unsere Versuche von Beschreibungen, Analysen, Vergleichen usw. sind nur schwache Anläufe, diesen innersten Kern irgendwie doch in die Grenzen unseres Denkens zu zwingen."

      Gruß
      MB

      :wink:
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    • minuetto schrieb:

      Vielen Dank für Deine Erklärungen. So wurde nachvollziehbar, was Dich an der Interpretation gestört hat. Mir war es bei Beitrag # 58 ähnlich gegangen wie Berenice.


      ich habe natürlich auch etwas sticheln wollen in Richtung des bekannten Sachverhaltes, daß Tollfinden im allg. für weniger begründungspflichtig gilt als Miesfinden...
      ---
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    • zabki schrieb:

      (die Musikauffassung, die aus dem Sokolov-Zitat spricht, halte ich für äußerst schädlich)
      Dafür finde ich die Musikauffassung, die aus Sokolovs Klavierspiel spricht, umso wertvoller.

      Aber zur Sache:
      Beim ersten Lesen erinnerte mich zabkis Beitrag an einen Artikel von Detlef Kraus, in dem dieser mal "nachwies", dass Glenn Gould in seiner Einspielung von Brahms' op. 117 alles Mögliche "falsch" gemacht habe. Man höre sich daraufhin mal die Gould-Einspielung im Vergleich mit der von Kraus an... Er war offenbar am Klavier und am Schreibtisch bzw. vor den Lautsprechern gleichermaßen nur zu einer kleinkrämerischen Erbsenzählerei in der Lage. Dabei hat er zum Teil durchaus richtig gezählt, wie auch zabki mit einigen Einwänden erst einmal Recht hat: Sokolovs Tempo ist langsamer als die Achtel=92, die Beethoven vorgeschrieben hat, er spielt Verzögerungen, die da nicht ausdrücklich stehen usw.. Nur: Was bedeuten solche Äußerlichkeiten schon? Das "Appassionato" ist eben keine eins-zu-eins umsetzbare Spielanweisung, das "con molto sentimento" (welches zabki vielsagend verschweigt) erst recht nicht. Beides kann eben auch Verzögerungen, Innehalten, Drängen, Hervorhebung oder Zurücknahme von Harmonien oder Stimmführungen und vieles mehr bedeuten. Solche Vorschriften sind geradezu eine Aufforderung, eine eigenes "inneres System" zu entwickeln und anzuwenden, und um eine Interpretation zu bewerten, muss man sich immer wieder neu auf dieses System einlassen, statt sie an anderern Systemen zu messen. Die vergleichsweise (aber letzten Endes auch nur scheinbar) "neutralere" Lesart eines Friedrich Gulda ist so gesehen nicht näher am Notentext als die freie, "neuschöpferische" von Sokolov, sie basiert nur auf einem anderen "inneren Koordinatensystem". Zabkis Einwände verraten eine enttäuschte Erwartung statt der Bereitschaft, sich auf Sokolovs ganz eigene, subjektive Darstellung einzulassen (das ist nebenbei bemerkt von mir nicht als Vorwurf gemeint, denn auch als Hörer ist man natürlich nie "neutral", kann also niemals unbeeinflusst von Vorerwartungen, Erfahrungen, persönlichem Geschmack usw. hören). Das Appassionato sei "besonders (...) in den Stellen mit den verminderten Sept- bzw. Nonakkordbrechungen", und da Sokolov diese Stellen überwiegend zurücknimmt, käme es "eben nicht heraus". Wer mit einer solchen konkreten Erwartung an die Sache herangeht, überhört dann leicht, dass die Spannung dieser Akkorde gerade in der Zurücknahme ihren Ausdruck finden kann. In Takt 26 bemängelt zabki Sokolovs Ritardando, welches da nicht steht. Nun, da steht aber ausdrücklich "espressivo", und eine Möglichkeit ist es, darunter an dieser Stelle vor allem eine gesteigerte Intervallspannung zu verstehen, die zusammen mit der synkopischen rhythmischen Verschiebung und - vor allem - dem Ende des ganzen ersten Formteils einen größeren agogischen Abschluss zur Folge hat. Das monierte "eis", welchem angeblich dadurch die Spannung fehlt, wird im folgenden Takt zu einer Pause (statt zum fis) geführt. Sokolov bereitet das konsequent vor und betont anschließend durch die hingetupften Bässe noch die "innere Leere" des ersten fis-moll-Taktes (übrigens: Gulda, bei dem man laut zabki hören kann, "wie es 'geht'", macht hier ebenfalls ein Ritardando, ignoriert dann aber die notierten Staccati der linken Hand, wie er überhaupt auf seine Art nicht weniger frei mit dem Notentext umgeht, wenn er z.B. in T. 4 ein nicht notiertes cresc. spielt oder das in T. 18 schon deutlich früher beginnen lässt .). Und so weiter: Zabki hat sehr konkrete Erwartungen an den Satz und misst Sokolovs Interpretation an deren Erfüllung. Das Thema ab T. 27 sei "verzweifelt-beschwingt" (warum eigentlich nur so?). Dass die Synkopen in der Unterstimme der rechten Hand bei Sokolov (im Sinne der Vorschrift "con grand' espressione") als permanente Widerstände gegen die Pulse der linken von innerem Kampf und keineswegs von "Beschwingheit" sprechen, entgeht ihm dabei genauso wie die harmonische "Bodenlosigkeit", die sich aus der wörtlichen Umsetzung der Staccati ergibt (gerade diese Stelle spielt Sokolov radikal subjektiv, aber absolut anhand der Partitur entwickelt). Zu solchen "enttäuschten Erwartungen" kommen ein paar falsche Beobachtungen: Der angeblich nicht beachtete Akzent in T. 5 ist gar kein Akzent sondern eine decresc.-Gabel (auch Gulda spielt da natürlich keinen Akzent), und der angeblich "zeitlose" erste Takt ist bei Sokolov durchaus im Puls, nur eben - genau wie es in seinem "System" dem "Hervorholen des Themeneinsatzes aus der Tiefe" entspricht - noch nicht ganz im Tempo. Selbst der angeblich so "neutrale" Gulda schafft es nicht, den Themeneinsatz in T. 2 absolut "pünktlich" zu spielen...

      Christian
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • Nur noch eine schnelle Ergänzung:

      Es gibt aus dem Jahre 1993 auch eine CD-Einspielung der Hammerklaviersonate mit Sokolov.

      [Blockierte Grafik: http://ecx.images-amazon.com/images/I/41USGKqCUAL._SL500_.jpg]

      Wer verrückt genug ist, den Wucherpreis zu bezahlen, wird mit einer fantastischen Aufnahme belohnt. Bevor hier Gerüchte über meinen vermeintlichen Reichtum ausbrechen: Ich hatte das Glück, dass ein Kollege mir die CD ausgeliehen hat...

      Christian
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • Auch wenn es vielleicht hier OT ist, aber es passt m.E. zu den Ausführungen von Christian:
      Das mit den Erwartungen ist ein wesentlicher Punkt, und er wird umso entscheidender, je mehr der jeweilige Hörer sich mit dem Werk beschäftigt hat. Die Präferenzen sind ja auch höchst unterschiedlich, und gar nicht objektiv zu bewerten. Man kann zum Ergebnis welches der Künstler erzielt aus seiner Sicht Stellung nehmen, niemals aber allgemeingültig. Daher gibt es für mich auch nicht die Referenzaufnahme eines Werkes, sondern immer nur eine ganz persönliche Präferenzaufnahme. Es gibt sicher viele Zuhörer, die gar keine dezidierte Meinung zur Interpretation der Hammerklaviersonate von Sokolov haben, und sich um die Feinheiten seiner Interpretation weder kümmern noch sie überhaupt wahrnehmen, aber trotzdem begeistert sind, weil sie sich unmittelbar angesprochen und berührt fühlen. Ich habe schon Konzerte erlebt, wo der größte Teil des Publikums außer Rand und Band war, und ich von begeisterten Zuhören wegen der großartigen Darbietung angesprochen wurde, ich selbst aber maßlos enttäuscht war (und umgekehrt).

      Insofern macht auch der oben zitierte Satz von Sokolov Sinn, das nämlich Beschreibungsversuche immer an der Oberfläche bleiben, weil sie zwar das Vermögen und den Wissenshintergrund des Beschreibenden offenbaren, niemals aber das innere der Musik, da das von jedem anders empfunden wird. Man kann alles "richtig" machen, aber keinen der Zuhörer erreichen. Und ein Künstler stellt immer seinen momentanen Deutungsversuch vor, und kann sich nicht auf ewige Gültigkeit berufen.

      Sonntägliche Grüße von

      Eusebius
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Im Nebenschluss mein herzlicher Dank an alle, die sich Zeit (und Mut) genommen haben, hier ausführlich ihre Auffassungen zu Sokolovs / Guldas Interpretation der Hammerklaviersonate zu erläutern!
      Für mich sind derart konkrete Diskussionen und Analysen immer ganz besonders wertvoll - ein willkommener Anlass, sich mit einem Werk intensiver zu beschäftigen, die eigene Wahrnehmung zu schärfen, weiterzuentwickeln...
      Liebe Grüße,
      Berenice

      Colors are like music using a short cut to our senses to awake our emotions.
    • Auch wenn es OT ist, muss ich mich etwas korrigieren, was meine unfreundliche Bemerkung über Detlef Kraus betrifft: Er war natürlich schon ein seriöser Musiker und guter Pianist. Nur eben kein Genie wie Glenn Gould...

      Christian
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • Hier:
      "https://www.youtube.com/watch?v=PWCBPXOcyYA"

      findet man die Sokolov-Aufführung in viel besserer Tonqualität, allerdings ohne Bild.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Für das Kölner Konzert am 27.04.2015 wurde nun das Programm bekannt gegeben - ich bin darob sehr erfreut, wenn es auch keine Überraschungen bringt! Wer wird mit mir zum Pausen-Kölsch anstossen?

      Johann Sebastian Bach: Partita für Klavier B-Dur BWV 825 (1726–31)

      Ludwig van Beethoven: Sonate für Klavier Nr. 7 D-Dur Op. 10,3 (1796-98)

      Franz Schubert: Sonate für Klavier a-Moll op. 143 D 784 (1823)

      Franz Schubert: Moments musicaux op. 94 D 780 (1823-28)


      Cheers,

      Lavine :wink:
      "You gotta grab'em by Debussy" (DJ Trump)
    • Ich bin Sokolov Neuling und sehr gespannt darauf, etwas von diesem Pianisten kennenzulernen. Meine CD Erstbegegnung wird der ab morgen erhältliche Livemitschnitt aus Salzburg 2008 sein.



      In der österreichischen Monatszeitschrüft BÜHNE fand sich in der Dezemberausgabe 2014 ein Porträt des Pianisten (er hat am 12.12. im Wiener Konzerthaus konzertiert), darin sind diese drei Zitate Sokolovs zu lesen:

      "Wenn Sie wissen, warum Sie etwas lieben, dann lieben Sie es nicht mehr."

      "Musik ist tot, wenn sie nicht interpretiert wird."

      "Den Kern der Musik versteht man auf einer anderen Ebene."
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Général Lavine schrieb:

      Für das Kölner Konzert am 27.04.2015 wurde nun das Programm bekannt gegeben - ich bin darob sehr erfreut, wenn es auch keine Überraschungen bringt! Wer wird mit mir zum Pausen-Kölsch anstossen?
      Vielen Dank für den Hinweis! Bach und Beethoven spielt Sokolov ja schon in seinen derzeitigen Programmen, und dass jetzt in der zweiten Hälfte wieder Schubert dazu kommt, ist für mich einfach großartig. Die Impromptus und (vor allem) späten Klavierstücke, die Sokolov in der vorletzten Saison auf dem Programm und in der letzten Saison im Zugabenblock hatte, gehören für mich zu den intensivsten und nachhaltigsten musikalischen Erlebnissen meines Lebens. Ich hatte insgeheim schon auf eine Fortsetzung mit den späten Impromptus oder eben den Moments musicaux gehofft. Ich werde ihn in dieser Saison in Dortmund hören, kann also diesmal leider nicht mit Dir in der Pause anstoßen :prost:

      Eusebius schrieb:


      Ein richtiges Allerweltsprogramm.
      Klar, die Moments musicaux zum Höhepunkt des Programms am Ende, das macht ja schließlich jeder....

      Christian
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • Danke, lieber Général, für die Information! Schubert nach der Pause finde ich gar nicht so übel. Bin sehr gespannt, denn vermutlich dasselbe Programm werde ich am 22.4. in Heidelberg erleben. Kölsch gibt's aber nicht, das verschmerze ich leicht.

      :vv:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Hier werden Konzertkarten verlost:

      "http://www.klassikakzente.de/grigory-sokolov/gewinnspiele/teilnehmen/gewinnspiel:2264/wir-verlosen-konzertkarten-fuer-das-konzert-von-grigory-sokolovin-berlin?utm_source=static&utm_medium=email&utm_content=textLink&utm_campaign=dgg-ka-nwl-kw-03-2015"

      Ist mir zufällig aufgefallen (habe schon seit Jahren die Newsletter der "Klassikakzente" abonniert).
      "Zweierlei eignet sich als Zuflucht vor den Widrigkeiten des Lebens: Musik und Katzen." (Albert Schweitzer)
    • ChKöhn schrieb:

      [...]wie auch zabki mit einigen Einwänden erst einmal Recht hat: Sokolovs Tempo ist langsamer

      ... erheblich langsamer ...
      als die Achtel=92, die Beethoven vorgeschrieben hat, er spielt Verzögerungen, die da nicht ausdrücklich stehen usw.. Nur: Was bedeuten solche Äußerlichkeiten schon?

      ich finde, möglicherweise eine ganze Menge (Mozart zB. fand es wohl auch)
      Das "Appassionato" ist eben keine eins-zu-eins umsetzbare Spielanweisung,

      nicht 1:1, aber doch irgendwie "umsetzbar"? Möchte ich doch hoffen.
      das "con molto sentimento" (welches zabki vielsagend verschweigt)

      ich habe Beethovens Vortragsanweisung vollständig zitiert
      ... erst recht nicht. Beides kann eben auch Verzögerungen, Innehalten, Drängen, Hervorhebung oder Zurücknahme von Harmonien oder Stimmführungen und vieles mehr bedeuten.

      schon; daß speziell "appassionato" mit Zurückhaltung, Zurücknahme besonders sinnvoll realisiert wäre, leuchtet mir aber nicht recht ein
      Solche Vorschriften sind geradezu eine Aufforderung, eine eigenes "inneres System" zu entwickeln und anzuwenden, und um eine Interpretation zu bewerten, muss man sich immer wieder neu auf dieses System einlassen, statt sie an anderern Systemen zu messen.

      ich fände den Versuch am spannendsten, am System, das der Komponist entwickelt hat, zu messen.
      Die vergleichsweise (aber letzten Endes auch nur scheinbar) "neutralere" Lesart eines Friedrich Gulda ist so gesehen nicht näher am Notentext als die freie, "neuschöpferische" von Sokolov,

      Zu Gulda muß ich sagen, daß ich mich zu knapp und mißverständlich ausgedrückt habe. Daß man bei Gulda hören könne, wie der Satz "geht", sollte nicht mehr besagen, als daß bei ihm eine Nähe zum Notentext (insb. im Tempo) vorliegt, die quasi als ""Rahmenbedingung" realisiert ist. Keineswegs resultiert damit automatisch schon die "ideale" Interpretation
      ...Das Appassionato sei "besonders (...) in den Stellen mit den verminderten Sept- bzw. Nonakkordbrechungen", und da Sokolov diese Stellen überwiegend zurücknimmt, käme es "eben nicht heraus". Wer mit einer solchen konkreten Erwartung an die Sache herangeht, überhört dann leicht, dass die Spannung dieser Akkorde gerade in der Zurücknahme ihren Ausdruck finden kann.

      wie schon gesagt, ein pur introvertiertes Apassionato kann ich mir schlecht vorstellen. Der fraglichen Stelle voraus geht T. 8 poco cresc., T. 10 cresc., bei T. 11/12 dann ein <> - das alles spricht für das Gegenteil von "Zurücknahme".
      In Takt 26 bemängelt zabki Sokolovs Ritardando, welches da nicht steht. Nun, da steht aber ausdrücklich "espressivo", und eine Möglichkeit ist es, darunter an dieser Stelle vor allem eine gesteigerte Intervallspannung zu verstehen, die zusammen mit der synkopischen rhythmischen Verschiebung und - vor allem - dem Ende des ganzen ersten Formteils einen größeren agogischen Abschluss zur Folge hat.

      Zunächst mal schaun wir zu diesem Satz in den alte Czerny (den ich gewiss nicht zur Beethoven-Bibel emporstilisieren will):
      Mit dem schwermütigsten Ausdruck, äußerst legato und cantabile, aber streng im Tempo (die [von Beethoven] bezeichneten Ausnahmen abgerechnet).

      Man muß vielleicht immer mal wieder betonen: Alle Exaktheitsforderungen in der Musik (einschl. der Klavierstimmung) sind nicht absolut 100%ig gemeint, erlauben und bedürfen wahrscheinlich gewisser feiner Abweichungen. So natürlich auch Czernys Forderung nach strengem Tempo. So wird ein leichtes Nachgeben bei T. 26 nicht zu beanstanden sein. Aber:

      Besagter T. 26 ist eine Variante von T. 25, die Punktierung ist quasi ein auskomponiertes Rubato. Darauf die Pause und Einsatz eines neuen Elements (die Baßton-Akkord-Begleitung). (Das espressivo könnte so zu verstehen sein, daß der Rubato-Charakter der Punktierung herauskommen soll, nicht einfach der rhythmische Tatbestand.)

      So wird dem Eintritt eines neuen Formteils eigentlich schon reichlich Rechnung getragen. Sokolovs Riesen-Ritardando endet in zwei langen verklingenden Tönen, in denen der notierte Rhythmus völlig gelöscht ist (klingt eher nach Mahler als nach Beethoven)
      Das monierte "eis", welchem angeblich dadurch die Spannung fehlt, wird im folgenden Takt zu einer Pause (statt zum fis) geführt.

      Eben nicht - so klingt es bei Sokolov, bei dem das Verlöschen in die Pause mündet. Das eis führt aber über eine Spannungspause in das fis.
      Sokolov bereitet das konsequent vor

      er ignoriert und destruiert die von Beethoven auskomponierte Vorbereitung.
      ...und betont anschließend durch die hingetupften Bässe noch die "innere Leere" des ersten fis-moll-Taktes

      Das ist jetzt eine problematische Stelle. "Hingetupft" ist sicher nicht notiert, dann müßten die Sechzehntel noch Punkte aufweisen. Arrau spielt in einer youtube-Aufnahme rhythmisch korrekt, aber ausgesprochen "wuchtig". Ich habe den Verdacht, daß sowohl Sokolov wie Arrau mit der Stelle nicht recht etwas anfangen können (Adorno/Th.Mann würden vermutlich von "stehengebliebenen Konventionen" sprechen), und daß sie (Sokolov/Arrau) sich mit einem ganz gegenteilig ausfallenden Sondereffekt behelfen wollen. - "innere Leere"? - merkwürdig wäre, daß Beethoven hier zum ersten Mal "Normalklang" (tutte le corde statt una corda) vorschreibt .

      Sokolv kann seine Spielart nicht durchhalten - in den folgenden Takten geht er zu normalen Sechzehnteln, dann zu Pedalisierung über. Zugegeben, es ist auch eine rhythmisch genaue, aber nicht pedalisierte Spielweise kaum durchzuhalten. Pedalisierung von Anfang an (T. 27) würde Beethovens Notation als Anschlagsvorschrift, nicht als rhythmischen Sachverhalt interpretieren.
      (übrigens: Gulda, bei dem man laut zabki hören kann, "wie es 'geht'", macht hier ebenfalls ein Ritardando,

      Guldas Ritardando ist mir auch zu stark, aber es ist immer noch am Notentext orientiert, im Gegensatz zu Sokolov.
      ... ignoriert dann aber die notierten Staccati der linken Hand

      siehe oben
      ... wie er überhaupt auf seine Art nicht weniger frei mit dem Notentext umgeht, wenn er z.B. in T. 4 ein nicht notiertes cresc. spielt

      Vielleicht wäre es wirklich besser, kein oder kaum cresc. zu spielen, es kann aber auch als direkt durch den Aufstieg motivierter Ausdruck legitimiert sein - mit Sokolovs "Freiheiten" hat das nichts zu tun.
      ... oder das in T. 18 schon deutlich früher beginnen lässt .). Und so weiter: Zabki hat sehr konkrete Erwartungen an den Satz und misst Sokolovs Interpretation an deren Erfüllung.

      (Vielleicht ist folgender Ansatz günstiger:

      Das Werk stellt dem Interpreten vermittels dem Notentext eine Aufgabe. Bei der "Überprüfung" geht es zunächst gar nicht darum, die "Lösung" dieser Aufgabe zu beurteilen, sondern zu überprüfen, ob der Interpret sich überhaupt die "richtige" Aufgabe gestellt hat. Zur "richtigen" Aufgabe gehört hinreichende Nähe zum Notentext. Eine Betrachtung der Lösungen ist überhaupt dann erst sinnvoll, wenn die Lösungen hinreichende Nähe zum Notentext aufweisen.)
      Das Thema ab T. 27 sei "verzweifelt-beschwingt" (warum eigentlich nur so?).

      Nicht unbedingt "nur so". Es ist ein Versuch, den Charakter der Takte 27 durch Worte anzudeuten. Ich hätte etwa auch sagen könnten: es steckt im 6/8-Takt ein 3/8-Takt drin (bei gleichbleibendem Tempo 1/8 = 1/8). Dieser 3/8-Takt könnte "Andante con dolore, ma vivo" überschrieben sein.
      Dass die Synkopen in der Unterstimme der rechten Hand bei Sokolov (im Sinne der Vorschrift "con grand' espressione") als permanente Widerstände gegen die Pulse der linken von innerem Kampf und keineswegs von "Beschwingheit" sprechen

      "Beschwingtheit" sollte auch nur eine Facette des Charakters bezeichnen
      ...entgeht ihm dabei genauso wie die harmonische "Bodenlosigkeit", die sich aus der wörtlichen Umsetzung der Staccati ergibt (gerade diese Stelle spielt Sokolov radikal subjektiv, aber absolut anhand der Partitur entwickelt)

      Wie oben schon ausgeführt, hält Sokolov seine nicht einmal wörtliche, sondern übertriebene Umsetzung der Stakkati nicht durch.
      Zu solchen "enttäuschten Erwartungen" kommen ein paar falsche Beobachtungen: Der angeblich nicht beachtete Akzent in T. 5 ist gar kein Akzent sondern eine decresc.-Gabel (auch Gulda spielt da natürlich keinen Akzent)

      ich möchte mal sagen, bei der vorliegenden Situation ist ein Akzent und eine decrescendo-Gabel dasselbe ... aber ansonsten ist es richtig, ich hatte vielleicht wegen des langsamen Tempos bei Sokolov eine deutlichere (vielleicht zu deutliche) Artikulation erwartet.
      und der angeblich "zeitlose" erste Takt ist bei Sokolov durchaus im Puls, nur eben - genau wie es in seinem "System" dem "Hervorholen des Themeneinsatzes aus der Tiefe" entspricht - noch nicht ganz im Tempo

      na ja, "nicht ganz im Tempo" ... den ersten Ton spielt Sokolov mit so ca. 1/8 = 40, den zweiten schneller, beim Themeneinsatz ist er auf 1/8 = 63 (zur Erinnerung: Beethoven schreibt 1/8 = 92 vor). Achtel, die irgendetwas wie eine metrische Orientierung vermitteln könnte, gibt es in T. 1 nicht.
      Selbst der angeblich so "neutrale" Gulda schafft es nicht, den Themeneinsatz in T. 2 absolut "pünktlich" zu spielen

      wie oben schon gesagt, um absolute, 100%ige Exaktheit geht es in keinem Fall.

      zabki
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Lieber zabki,

      Du versuchst, Deinen Ausführungen anhand des Notentextes eine objektive Gültigkeit zu geben, die sie aber - von der einzigen, aber auch nur scheinbaren Ausnahme der Metronomisierung abgesehen - nicht haben könnnen: Dass Du Dir unter "appassionato" nur eine Steigerung und keine Zurücknahme vorstellen kannst, beweist nur eins, nämlich dass Du das eben nicht kannst. Über die Plausibilität von Sokolovs in einigen Fällen entgegengesetzter Entscheidung ist damit einfach nichts gesagt, über ihre Übereinstimmung mit dem Notentext schon gar nichts. Ich höre bei ihm weit mehr "appassionato" und "con molto sentimento" als bei Gulda. Was nun? Dein Vorschlag, "Beethovens System" zu folgen, geht leider ins Leere, denn der hat kein System entwickelt, was denn "appassionato" und "con molto sentimento" konkret bedeuten, sondern er hat diese doch immerhin fundamentale Entscheidung bewusst den Interpreten überlassen. Oder ein anderes Beispiel: Das leichte Ritardando bei Gulda ist für Dich "am Notentext orientiert", das stärkere von Sokolov nicht. Wie das, wenn doch beide nicht im Notentext stehen? Oder: Du beschreibst den ersten Takt als "Hervorholen des Themas aus der Tiefe", was ich durchaus genauso empfinde. Deine Tempomessungen bestätigen nun, dass bei Sokolov der erste Ton am längsten, der zweite etwas kürzer und der Beginn des Themas dann im Tempo ist. Nun, für mich ist diese allmähliche Beschleunigung genau das: ein "Hervorholen des Themas", und ich höre dabei auch einen sich beschleunigenden, rhythmischen Puls. Bei Gulda ist Dir der verspätete Themeneinsatz recht, bei Sokolov nicht, weil er eben noch später kommt. Nur: Wieder steht im Notentext überhaupt nichts von einer Verspätung. Schon die Beschreibung als "Hervorholen" ist eine Interpretation, die zwar plausibel aber keineswegs alternativlos ist. Der Notentext sagt darüber nichts und über die "richtige" Ausführung schon gar nichts. Die Staccato-Punkte in T. 27 (die da entgegen Deiner Aussage ausdrücklich stehen) würde ich auch als technische Anweisung verstehen und mit Pedal spielen. Aber Sokolovs Entscheidung, sie wörtlich zu nehmen, ist zumindest eindeutig durch den Notentext gedeckt. Dass er danach nicht durchgehend im Staccato bleibt, genauso: Die Punkte stehen nur im ersten Takt des Abschnitts. Sollen sie also "simile" weiter wirken oder nicht? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Es kann auch sein, dass die Staccati im Laufe der Zeit an Wirkung verlieren sollen. Dem "eis" in T. 26 folgt nach fast eineinhalb Takten (!) Pause das fis: Für Dich eine Auflösung nach Spannungspause, für mich (und für Sokolov) eine Nicht-Auflösung in eine Pause. Der Notentext lässt beide Deutungen zu. Die decresc.-Gabel in Takt 5 kann Akzent-Charakter haben, muss sie aber nicht: Sie kann genausogut lediglich eine abschwächende Verbindung zum nächsten Takt bedeuten oder sogar eine Abschwächung der Zählzeit zwei im Verhältnis zur Eins. Es bleibt als einzige konkrete Anweisung die Metronomisierung: Darüber ist schon so viel geschrieben worden, dass ich das Fass jetzt nicht wieder aufmachen möchte. Nur so viel: Ich beurteile die Stimmigkeit und Überzeugungskraft gewählter Tempi niemals mit dem Metronom in der Hand...

      Christian
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • ChKöhn schrieb:

      Die Staccato-Punkte in T. 27 (die da entgegen Deiner Aussage ausdrücklich stehen)


      im Moment nur hierzu:

      Die von mir konsultierten Ausgaben (Schenker u. Martienssen) haben tatsächlich keine Punkte.

      In der Wiener Erstausgabe stehen sie allerdings:

      "http://www.beethoven-haus-bonn.de/sixcms/detail.php?id=&template=dokseite_digitales_archiv_de&_eid=&_ug=&_werkid=107&_dokid=T00016509&_opus=op.%20106&_mid=Werke%20Beethovens&suchparameter=&_sucheinstieg=&_seite=1-26"

      Das Autograph ist bekanntl. verschollen, die sog. "Londoner Erstausgabe" hat geringeren Quellenwert als die Wiener. Insofern ist mir nicht recht verständlich, warum Schenker u.a. die Punkte weglassen. Vielleicht kann jemand, der eine Urtextausg. mit krit. Bericht zur Verfügung hat, etwas dazu sagen.

      (Punktiert sind übrigens das 3. bis 6. Achtel von T. 27.)

      zabki
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      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).