Beethoven: "Fidelio" - Komische Oper Berlin, 25.04.2010

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    • Beethoven: "Fidelio" - Komische Oper Berlin, 25.04.2010

      Mit dem „Fidelio“ hatte Ludwig van Beethoven zunächst kein Glück. Die Uraufführung 1805 konnte sich weder beim Publikum, noch bei der Presse durchsetzen, auch die Umarbeitung von 1806 unter dem Titel „Leonore“ brachte keinen nachhaltigen Erfolg. Erst acht Jahre später, 1814, kam der „Fidelio“ erstmalig in jener Form auf die Bühne, die ihn zu einem der wohl beliebtesten Werke im Repertoire der Opernhäuser werden liess.

      Die Urfassung von 1805 besteht noch aus drei Akten, die Nebenfiguren sind hier stärker profiliert, als das in der Version von 1814 der Fall ist, einige Stücke erklingen in anderer, musikalischer Form, einige sind später komplett gestrichen worden. Diese Urfassung wirkt stellenweise langatmiger, der dramatische Fluss wird immer wieder ausgebremst, besonders zum Ende hin wird das spürbar, da drängt die Fassung von 1814 geradezu auf das Finale zu, es gibt also dramaturgisch gute Gründe für die letzte Bearbeitung des Stückes durch Ludwig van Beethoven und auch dafür, warum dieser „Fidelio“ sich gegen die ersten Versuche hat durchsetzen können.

      Das Produktionsteam an der „Komischen Oper“ in Berlin (Dirigent: Carl St. Clair, Regisseur: Benedikt von Peter, Bühne und Kostüm: Natascha von Steiger/Katrin Wittig und Dramaturg: Werner Hintze) hat sich dennoch für die Urfassung von 1805 entschieden und somit eine Begegnung mit dieser frühesten Version der bekannten Beethoven-Oper möglich gemacht.

      Es ist tatsächlich interessant, wie anders dieser „Urfidelio“ wirkt, wie anders die Figuren gewichtet sind und es ist verständlich, warum Regisseur von Peter meint, dass man sich mit dieser Fassung dem bekannten Stoff neu nähern kann. Die französische Revolution lag 1805 nur wenige Jahre zurück. Die Utopie von „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ war eine ernstzunehmende Option für die Zukunft. Heute sind wir da skeptischer, vielleicht auch enttäuschter, stellen eventuell die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, verhaltener, geben uns mit griffigen Parolen zufrieden, wo aktive Handlung notwendig wäre.

      Ungewöhnlich schon der Beginn der Berliner Aufführung: die erste Parkettreihe ist gesperrt, einzelne Stühle stehen etwas verloren vor dieser Reihe, der Orchestergraben ist bis auf eine grössere Öffnung um den Dirigenten herum mit Gittern links und rechts und einem dunklen Netz abgedeckt, die Musik scheint also aus der Tiefe eines Kerkers zu kommen.

      Statt einer Ouvertüre betreten Arbeiter den Zuschauerraum und beginnen, die einzelnen Stühle abzumontieren. Wenn sich der Vorhang hebt, setzt sich diese Demontage eines Theaters fort: bühnenbestimmend ist ein riesiger Container, in den alles entsorgt wird: Lampen, Stühle, Kostüme, der Bühnenvorhang. Das Theater wird abgewickelt, die „moralische Anstalt“ hat ausgedient.

      Unter den Arbeitern Rocco, Jaquino und Marzelline. Letztere hängt sehr an einer Schneiderpuppe, die ein zeittypisches Kostüm von 1805 trägt, Fidelio.

      Das Unwirkliche passiert, das Theater belebt sich, als Geistererscheinung tritt Leonore in genau diesem Kostüm zu den heutigen Menschen, die Stimme tontechnisch verhallt. Die Arbeiter von heute wachsen in die Rollen des Stückes hinein, Kostüme werden übergestreift oder wieder ausgezogen, das Reale verschwimmt mit dem Irrealen,

      Auch Pizarro gehört in die Jetzt-Zeit, der Herrenchor entsteigt allerdings in Soldatenkostümen der Stückentstehungszeit dem Rauchschwaden ausstossenden Container.

      Zum Ende des zweiten Aktes lässt Pizarro den Chor mit Transparenten, die vielfältige, politische Parolen zeigen, bis zur Erschöpfung marschieren. Eines davon behauptet: „Another world is possible“.

      Zu Beginn des dritten Aktes quält sich Florestan aus dem mit Mülltüten vollgepackten Container, er gehört zu den Geistern, die Augen verbunden. Gegraben wird nicht das Grab für Florestan, das sieht danach aus, als würde hier nach dem was verschüttet, verloren gegangen ist (nicht nur im Theater), gesucht.

      Nachdem die Trompetenrufe, jene Stimmen, die den Wendepunkt der Handlung hin zu einem guten Ende markieren, erfolgt sind, wird Florestan von einem Messer tödlich getroffen. Hier könnte das Stück zu Ende sein, doch der Körper belebt sich – wohl als Vision – erneut. Der Bilderbuchminister fährt in einer Pferdekutsche vor, das Volk in Kleidern der Zeit der französischen Revolution trägt Transparente, auf denen auch schon mal in den Farben schwarz-rot-gold „Wir sind ein Volk“ zu lesen ist.

      Am Ende wird Florestan Pizarro brüderlich umarmen, das Volk, dass zum Publikum von der Bühne heruntergestiegen ist, zeigt seine neuen Transparente (die alten wurden in den Container geworfen): sie sind weiss, reinweiss: zugleich Leerstelle und Freiraum.

      Auf der Szene bleiben Rocco und Jaquino zurück, langsam ziehen sie die Kostüme aus. War was?

      Benedikt von Peter entwickelt den Abend mit grosser Ruhe und einer minutiösen Personenführung. Nicht alles gelingt gleichermassen, aber es ist sehenswert, mit welcher Stringenz von Peter sein Konzept verfolgt und wie sehr diese Inszenierung zum Nachdenken anregt. Spannend, wie ein Regisseur der jüngeren Generation sich dem „Fidelio“ nähert. Es mag sich Widerspruch regen, auch Einwände lassen sich finden, dennoch ist von Peter eine überzeugende Arbeit gelungen.

      Musikalisch wirkt das Dirigat von Carl St. Clair uneinheitlich, es fehlt mitunter dramatische Härte, die ruhigeren Passagen gelingen besser. Aufgrund der ungewöhnlichen Positionen der Sängerinnen und Sänger, schon auch vor dem Orchester im Zuschauerraum oder (im Falle der Leonore) auf dem Netz liegend, muss man beim Zusammenspiel und der Klangbalance Abstriche machen.

      Insgesamt gut der durch den Ernst-Senff-Chor verstärkte Chor der „Komischen Oper“.

      Gesungen wurde auf solidem Stadtheaterniveau, nicht ganz hinreichend die Sopranistin Ann Petersen als Leonore, Unsicherheiten bei den Läufen und nicht ideal fokussierte Spitzentöne trübten den Gesamteindruck, besser Will Hartmann als Florestan, dessen Tenor ausgeglichen und biegsam wirkte, routiniert Jens Larsen als Rocco und Christoph Späth als Jaquino, schwach mit reichlich unsteter Tongebung Carsten Wittmoser als Pizarro, sympathisch die nicht immer sichere Sopranistin Maureen McKay und unauffällig der Minister von Günter Papendell.

      Starker Beifall für Sängerinnen und Sänger, auch für den Chor und das Orchester, das zum Applaus mit auf die Bühne durfte, grosser Jubel und einige Missfallenbekundungen für Benedikt von Peter und sein Team.
      Der Kunst ihre Freiheit