Verdi - Messa da Requiem

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    • gioachino schrieb:

      Für mich ist das ein großer Wurf, wobei ich natürlich besonders auf die Leistung der Solisten achte : Harteros, Garanca und Kaufmann singen hinreißend ! Pape fällt recht deutlich ab. Sein Pianogesang entbehrt des Fokus`, ist somit kaum vernehmbar ( Mors stupebit... ).

      Habe es auf Arte gesehen und gebe Dir Recht, was die Solisten angeht...... bis auf den großen Wurf.

      Es liegt nicht am Orchester, welches Spitzenklasse ist, auch nicht am Chor...........

      Aber ein derartig langweiliges Dies Irae mit tatsächlicher Handbremse habe ich selten erlebt.

      Habe dieses Werk oft genug selber gespielt, und da muß die Hölle losbrechen.
      Tat sie nicht, das war alles sehr gepflegt.
      Zu gepflegt.
      Weitere Stellen waren für mich zwar toll gesungen, aber leider straight und geradezu lieblos dirigiert (Libera me z.B. ) .
      Ich hätte gerne die Luft angehalten vor Spannung, aber da war keine Spannung.

      TOLL gesungen, daran lag es nicht.

      Ich habe da ein Problem mit dem Dirigenten, alles andere ist auf allerhöchstem Niveau.

      Leider nicht mein Ding, diese Aufnahme.
    • gioachino schrieb:

      Harteros, Garanca und Kaufmann singen hinreißend ! Pape fällt recht deutlich ab. Sein Pianogesang entbehrt des Fokus`, ist somit kaum vernehmbar ( Mors stupebit... ).


      Seltsam, lieber Gioachino, ich habe es genau umgekehrt empfunden (habe ebenfalls die Sendung auf ARTE gesehen). Pape hat in meiner Wahrnehmung die deutlich beste Leistung gebracht. Kaufmann sang in seinem Stil auf gewohnt hohem Niveau, nur höre ich seine Stimme nicht gern, mag ich diese gaumige, sehr weit hinten sitzende Stimme gar nicht; für mich klingt das immer dumpfbackig (was ungerecht ist, ich weiß). Harteros fand ich zu Beginn vergleichsweise hart. Mein Eindruck war, sie musste sich erst frei singen, nachher war es besser. Bei Garanca fehlte mir die Beseeltheit des Ausdrucks: alles richtig, aber eigentümlich technisch.

      Das Dies irae habe ich genauso empfunden wie du, Michael. Vor ihm habe ich meinen Söhnen, die den Anfang nach meiner Anpreisung des gewaltigen Werkes mitsahen, gesagt, gleich breche die Hölle los. Tat es nicht. Meine Vermutung war, dass die Tontechnik für die TV-Übertragung eine sehr starke Dynamikkompression vorgenommen hat. So schwächlich kann Barenboim das doch gar nicht gespielt haben. Es ergibt sich die Frage an die CD-Besitzer: Ist das Dies irae dort auch so kraftlos?
    • Da bin ich ja erleichtert, daß ich mit meiner Meinung nicht völlig allein stehe: ich fand dieses Requiem zum Einschlafen langweilig. Sicher liegt viel an dem Verlust der Atmosphäre bei der TV-Übertragung, aber m.E. waren vor allem die Solisten auch nicht wirklich bei der Sache: alle schienen ganz weit weg, auch innerlich nicht beteiligt, vor allem nicht der blendend aussehende baltische Eisblock Garanca. Aber woran liegt das in diesem Fall? Barenboim kann man ja manches vorwerfen, aber nicht, daß er nicht dezidiert musiziere...das Dies irae war aber tatsächlich etwas für Scheintote
      :schaem:
      Grübelnde Grüße

      Honoria
      "...and suddenly everybody burst out singing." (Busman's Honeymoon)
    • Mich wundert, dass die Aufnahme mit John Eliot Gardiner noch nicht genannt wurde:



      Eine Karajan-Aufnahme (DG) und die bekannte mit Giulini (Schwarzkopf & Co.) hatte ich gefühlt zwanzig Jahre im Regal und bin nicht richtig warm geworden mit dem Werk. Mit Gardiner kam ich dann auf den Geschmack.

      (Auch bei Verdis Opern habe ich aber lange gebraucht und mag eher Simon Boccanegra, Don Carlo und Falstaff als Traviata & Co.)

      Gruß
      MB

      :wink:
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)


    • Leonard Bernsteins Einspielungen von Werken Verdis kann man an einer Hand abzählen. Eine der wenigen Aufnahmen entstammt den 70er Jahren, in denen der Dirigent eng mit dem London Symphony Orchestra zusammen arbeitete. Die vorliegende Einspielung versammelt neben dem Orchester und dem zugehörigen London Symphony Chorus vier namhafte Solisten der Zeit, und zwar Martina Arroyo, Josephine Veasey, Placido Domingo und Ruggiero Raimondi. Und doch: Trotz der versammelten Spitzenkräften kam meines Erachtens eine Aufnahme heraus, die mich - wenngleich an vielen Stellen schön - in ihrer Gesamtheit nicht in allen Punkten überzeugen kann.
      So sind die großen Chöre zwar durchaus von stimmlicher und orchestraler Wucht und zusätzlich so gut ausgesteuert, dass man das Geflecht der einzelnen Stimmgruppen gut verfolgen kann (auch im doppelchöigen "Sanctus"), dafür bringen nicht alle Solisten das Maß an technischer und gestalterischer Leistung, das ich erwartet hätte.
      Sicher, der junge Domingo singt immer wieder ein herrlich knabenhaftes Piano ("Hostias"), dafür wirkt er an anderer Stelle immer wieder angestrengt und ergeht sich in etwas abstruser Tongebung ("Lux aeterna"). Schlicht uninspiriert gibt sich die sonst grundsolide Verdi-Sängerin Martina Arroyo, deren recht harte und kaum gestaltete, die dynamischen Möglichkeiten der Partie bisweilen völlig ignorierende Darstellung mir überraschend wenig Hörgenuss bietet. Glänzend präsentiert sich Mezzo Josephine Veasey, deren stimmliche Kraft und interpretativen Willen man ebenso positiv hervorheben muss wie die Leistung Raimondis, die ebenfalls überzeugt.

      Und Bernsteins Anlage?

      Nun, der gesamten Interpretation liegt eine geradezu getriebene, düstere Grundstimmung unter, die wenig Raum zur Ausformung der langen Belcantopassagen bietet, was - aus meiner Perbisweilen schlicht schade ist. Stattdessen geht es bei Bernstein immer mit Druck vorwärts, irgendwo lauert immer der nächste "Dies irae"-Ausbruch, der deutlich macht, dass die schönen Melodien nicht von Dauer sind und sich der Mensch/der Hörer sich in einem unaufhaltsamen Studel zum Jüngsten Gericht befindet.
      Und so ist auch der an sich eher versöhnlich-kontemplative Schluss mit dem in der Regel lang, hier jedoch nur verhältnismäßig kurz ausgehaltenen "Libera me" hier nur wenig tröstlich.

      Vor längerer Zeit andernorts geschrieben, immer noch mein Eindruck.

      :wink: Agravain
    • Braccio schrieb:

      Doch, im Eröffnungsbeitrag.

      Schande über mich ... stimmt ... :hide:

      Braccio schrieb:

      Gardiner und Harnoncourt finde ich auch ziemlich gut. Sie wurden bei mir dann aber durch das Toscanini-Erlebnis verdrängt.

      Ja! Ich kenne nur die ältere von den beiden Toscanini-Aufnahmen, die es gibt (oder doch noch mehr?), aber die ist schon klasse. Verdrängt ... na ja, sie stehen in guter Freundschaft nebeneinander im Regal. Manchmal finde ich es gut, eine gute neuere Aufnahme zu haben ... der Klangtechnik wegen ...

      Gruß
      MB

      :wink:
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)
    • Agravain schrieb:

      Leonard Bernsteins Einspielungen von Werken Verdis kann man an einer Hand abzählen.

      Das wäre ein Fall von Polydaktylie ... ;+) ... in Bernsteins Diskographie finden sich:

      - Ballettmusik aus "Aida"
      - Triumphmarsch aus "Aida"
      - Falstaff (Studioaufnahme)
      - Falstaff (Live-Aufnahme aus der Met)
      - 3 Szenen aus "Falstaff" mit Julia Raskin
      - Requiem

      "http://www.leonardbernstein.com/disc_other.php - nach Verdi filtern.

      Gruß
      MB

      :wink:
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)
    • Mauerblümchen schrieb:

      Agravain schrieb:

      Leonard Bernsteins Einspielungen von Werken Verdis kann man an einer Hand abzählen.

      Das wäre ein Fall von Polydaktylie ... ;+) ... in Bernsteins Diskographie finden sich:

      - Ballettmusik aus "Aida"
      - Triumphmarsch aus "Aida"
      - Falstaff (Studioaufnahme)
      - Falstaff (Live-Aufnahme aus der Met)
      - 3 Szenen aus "Falstaff" mit Julia Raskin
      - Requiem

      "http://www.leonardbernstein.com/disc_other.php - nach Verdi filtern.

      Gruß
      MB

      :wink:

      Potzstern! Wer hätte gedacht, dass Leo sechs Finger hatte...

      :wink: Agravain
    • Gestern Abend entdeckt - auf der Suche nach "meiner" Messa da Requiem -
      im Anschluss an die 3-Sat-Sendung der TV-Aufzeichnung aus der Hollowood-Bowl mit Dudamel (Aug-2013):
      (=> "http://www.3sat.de/page/?source=/musik/180617/index.html")

      Ein Interview aus dem Jahr 2013 mit Riccardo Muti,
      anlässlich seiner Aufführung der Messa da Requiem zu Verdis 200. Geburtstag:

      Riccardo Muti:
      "Besonders gern erinnere ich mich an eine Aufführung mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, mit Jessye Norman, Agnes Baltsa, José Carreras und Evgeny Nesterenko. Da war wirklich alles perfekt."
      (=> "http://www.welt.de/kultur/buehne-konzert/article120768233/Wir-sind-schaendlich-mit-Verdi-umgegangen.html")

      Vermutlich liegt diese Aufnahme (1988)* in tiefem Dornröschenschlaf in der Archiven des BR -
      ob da mal ein Prinz vorbeikommt ???

      *EDIT:
      Datum falsch, s.u.
      Liebe Grüße,
      Berenice

      Colors are like music using a short cut to our senses to awake our emotions.
    • Berenice schrieb:

      Ein Interview aus dem Jahr 2013 mit Riccardo Muti,
      anlässlich seiner Aufführung der Messa da Requiem zu Verdis 200. Geburtstag:

      Riccardo Muti:
      "Besonders gern erinnere ich mich an eine Aufführung mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, mit Jessye Norman, Agnes Baltsa, José Carreras und Evgeny Nesterenko. Da war wirklich alles perfekt."
      (=> "http://www.welt.de/kultur/buehne-konzert/article120768233/Wir-sind-schaendlich-mit-Verdi-umgegangen.html")

      Vermutlich liegt diese Aufnahme (1988) in tiefem Dornröschenschlaf in der Archiven des BR -
      ob da mal ein Prinz vorbeikommt ???

      Könnte mit diesem Mitschnitt identisch sein, wobei dort angegeben ist, dass diese Aufnahme von 1983 ist aber Solisten, Chor, Orchester und Dirigent sind mit den obigen Angaben identisch:
      "https://www.youtube.com/watch?v=MUOSBbTPqtQ"

      Armin
      "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)
    • Hallo Armin,

      ganz herzlichen Dank für Deine Recherche und den Link zu YT !!!


      Ich denke, "Dein" YT-Video wird ziemlich sicher ein Mitschnitt von genau (einer) dieser denkwürdigen Aufführung(en) sein -
      wobei das im Titel angegeben Datum "1983" (genau wie meine Vermutung) wohl ebenfalls nicht korrekt sein dürfte,
      wenn man weiter unten den Kommentar von User "Christian Hladny" liest:
      "The live performance took place in Munich on 08.and 09.10.1981.
      I had a ticket for the second concert. It was the best Verdi Requiem I ever heard"


      Meine Eltern waren zu dieser Zeit Abonnenten des SOBR im Münchner Herkulessaal und sie können sich noch sehr gut an jene Messa da Requiem mit Muti erinnern - es muss eine Sternstunde gewesen sein.
      Von ihnen weiß ich auch, dass die Konzerte des BR im Münchner Herkulessaal auch damals schon immer zwei mal hintereinander stattfanden -
      donnerstags und freitags, sowie in Ausnahmefällen auch ein drittes mal samstags als "Sonderkonzert".
      Der 08. und 09. 10. 1981 waren jedenfalls ein Donnerstag und ein Freitag und gut möglich, dass es am Samstag noch Nachaufnahmen gab, bzw. eine weitere Aufführung.
      Mal sehen, ob sie in ihren Sammlungen noch ein altes Programmheft finden, das ganz konkret Aufschluss geben könnte.
      Mein Vater kann sich zudem entsinnen, dass er dieses Verdi-Requiem einige Jahre später noch einmal im BR gehört hatte, an einem Karfreitag ...
      Liebe Grüße,
      Berenice

      Colors are like music using a short cut to our senses to awake our emotions.
    • Ich habe mir neulich, als Erstaustattung von Verdis Requiem, die Doppel-CD



      zugelegt. Oben wurde ja die Blu-ray/DVD beschrieben. Bis jetzt fehlt mir ein wenig der Kick. Vielleicht muss ich sie öfter hören. Ich denke, ich hätte mir vielleicht besser



      kaufen sollen. Kann jemand etwas zu dieser Aufnahme sagen? (Evtl. auch im Vergleich zur ersten.) Die Schnipsel klingen sehr gut.

      maticus
      Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga


    • Abbado (1980) – Katia Ricciarelli, Shirley Verrett, Plácido Domingo, Nicolai Ghiaurov, Coro e Orchestra del Teatro alla Scala

      Sanft lässt Claudio Abbado seine erste Studioaufnahme des Verdi’schen Requiems beginnen: sanft, sehr dezent, voll nobler Trauer, ohne einen Schimmer von düsterer Resignation angesichts des Unabwendbaren, dafür mit einem guten Ton Tröstung. Das „Te decet hymnus“ geht Abbado recht gewichtig an. Die sehr schwarzen, mir etwas zu muffig klingenden Bässe des Chores schreiten ernsthaft und für meinen Geschmack etwas zu schwerfällig voran. Der sehr groß besetzte Chor tritt wuchtig dazu, wobei die immer wieder enorm eindrucksvoll zurückgenommenen Momente im Pianissimo zeigen, wie wichtig es Abbado war, dass sich das üppige Ensemble streckenweise in eine bis zur Grenze des Hörbaren reichenden Verinnerlichung zurückziehen kann. Das macht schon Eindruck.

      Auch das „Kyrie“ könnte für meinen Geschmack etwas mehr Zug haben. Doch ist die etwas gesetztere Gangart im Rahmen des ernsthaften Ansatzes den Abbado wählt, ja in sich durchaus schlüssig. Domingo setzt ganz herrlich ein, kraftvoll, hell, jugendlich, ohne (bisweilen ein Manko) zu nasal zu klingen. Die anderen Solisten gesellen sich dazu, wobei mir schon hier Katia Ricciarelli – leider nicht zu meiner ungeteilten Freude – herauszustechen scheint. Auch wenn sie besonders im abschließenden „Libera me“ durchaus glanzvolle Momente hat und die ganze Aufnahme hindurch immer wieder wirklich eindrucksvoll gestaltet, so klingt die Stimme für mich den größeren Teil der Zeit ziemlich unattraktiv: bisweilen scharf, schnell hysterisch klingend, mit einem wenig klangvollen Vibrato. Doch dazu an anderer Stelle noch etwas mehr.

      Wer nun meint, der (mir) oft eher (zu) sanfte Abbado könne es nicht auch gehörig krachen lassen, der wird mit dem Einsatz schnell eines Besseren belehrt. Da bricht der Tag des Zornes mit Wucht über den Hörer herein, das Blech klingt scharf und schneidend, die tremolierenden Trompeten bohren sich ohne Gnade ins Ohr. Der Chor zeichnet das kataklysmische Erleben dieses Rachesturmes mit ungehemmter Begeisterung nach. Und dann legt Abbado noch eines drauf. Vom geflüsterten „Quantus tremor est futurus“ zum „Tuba mirum“ entfacht er die wohl maximal mögliche Raserei. In sehr hohem Tempo peitscht Abbado die Toten geradezu vor den Herren. Das kann man durchaus so machen und der Effekt ist auch schon sehr eindringlich, mir persönlich geht aber etwas die unheimliche Größe und Erhabenheit der Szene zugunsten der Wildheit in dieser Darstellung etwas zu sehr verloren.

      Nicolai Ghiaurovs „Mors stupebit“ schließt sich angemessen düster an, wobei mir die unheimliche Abgündigkeit, die er diesen wenigen Takten beispielsweise in Karajans 1972er Aufnahme entlockt, doch etwas fehlt. Ohnehin fehlt mir hier etwas die Schwärze des Tones, die ihm dort zur Verfügung steht. Auch die „Confutatis“-Rufe hätten ein Quäntchen mehr Entfesselung gut vertragen, wobei Ghiaurov dafür besonders in den lyrischen „Oro supplex“-Abschnitten glänzt.

      Shirley Verretts Gestaltung der gesamten Mezzopartie des Werkes ist nicht nur tadellos, sondern streckenweise überdurchschnittlich inspiriert. Schon das „Liber scriptus“ ist enorm beeindruckend, weil die Verrett ihre Interpretation höchst dramatisch anlegt und sämtliche Tiefen des Textes höchst leidenschaftlich ausleuchtet. Der von ihr gestaltete Beginn des „Quid sum miser“ ist geradezu atemberaubend gut, gleiches gilt für ihre Anteile im „Lux aeternam“. Lediglich im „Lacrimosa“ verschwindet das – wie ich finde – natürliche Lamento etwas zu sehr hinter dem Anspruch, besonders eindringlich gestalten wollen.

      Kurz zurück zum „Quid sum miser“, das ich trotz der weitgehend überzeugenden Einzelleistungen der drei Solisten, als Ganzes nicht allzu gelungen finde. Abbado gelingt es m.E. nicht, das Schwingen dieses im 6/8-Takt stehenden Satzes herzustellen, sodass dieser – auf mich – etwas zu nüchtern wirkt. Die Niedergeschlagenheit und das Verzagen, von denen der Text spricht und das Orchester singt, wollen sich so beim Hörer (zumindest bei mir) nicht so recht einstellen. Zudem harmonieren Ricciarelli, Verrett und Domingo nicht immer gut (was sich natürlich auch auf die Klanglichkeit anderer Sätze – Recordare, Hostias etc. – auswirkt).

      Das „Rex tremendae“ setzt angemessen gewaltig ein,verliert aber zunächst aus tontechnischen Gründen an Reiz. Ich finde es nicht gelungen, die Solisten so vollständig hinter den Chor zurücktreten zu lassen, wie es hier der Fall ist. Verdis Idee der Verbundenheit aller Stimmen im Flehen um Errettung („Salva me“) wird so kaum noch deutlich.

      Das „Ingemisco“ gelingt Domingo insgesamt gut. Persönlich ziehe ich hier andere Stimmen vor, aber es wäre nachgerade albern, die Leistung Domingos nicht würdigen zu wollen. Auch hier klingt er nicht zu nasal, er hat seine Stimme voll im Griff, gestaltet ausdrucksstark und schlüssig. Ab und zu erliegt er – ich meine: leider – der Versuchung den ein oder anderen Ton anzuschleifen oder leichte Portamenti zum Einsatz zu bringen. Dadurch gehen die Schlichtheit und Naivität, die dem Satz m.E. innewohnen, etwas zu sehr verloren und die Grenze des Kitsches wird zwar ganz kurz, aber dennoch wahrnehmbar gestreift.

      Die Darstellung des „Offertorio“ krankt streckenweise an dem gleichen Problem wie das „Quid sum miser“: es will, sich hier (speziell in den ersten Minuten) kein Schwingen einstellen, sodass der Hörer zunächst Zeuge eines einigermaßen nüchternen Bittgesanges wird. Die ersten Takte des „Hostias“ gestaltet Domingo erst einmal enorm kopfig. Das klingt wirklich enorm gut, sehr sphärisch ein bisschen wie aus einer anderen Welt, auch wenn sich Domingo den ein oder anderen Schleifer erneut hätte sparen können. Wenig überzeugend gelingt dann der fast bruchartige Wechsel zur Bruststimme. Auch Ghiaurov hat man diesen Satz u.a. bei Karajan schon deutlich beteiligter singen hören. Die Ricciarelli durchweg wenig inspiriert, die Verrett hier nur „solide“. Gegen Ende zieht Abbado für meinen Geschmack zu stark an, sodass man zunächst meint, der Satz gehe nun mehr oder minder mittelmäßig seinem Ende entgegen. Doch dann urplötzlich einer der ganz großen atmosphärischen Momente der Aufnahme: das Wechselspiel bei den Textzeilen „Fac eas Domine, de morte transire ad vitam“. Kann man das schöner singen?

      Das „Sanctus“ ist angemessen festlich und nicht zu eilig. Leider klingen die Soprane im Piano-Abschnitt („Pleni sunt coeli“/“Hosanna“) viel zu scharf und deutlich zu laut.

      Das „Agnus Dei“ gefällt mir augrund der großen Schlichtheit, mit der Abbado hier musizieren lässt, gut, auch wenn die Ricciarelli sich an der ein oder anderen Stelle deutlicher zurücknehmen könnte.

      Der Beginn des „Lux aeternam“ ist wieder einer der großen Momente. Ghiaurov klingt hier eher blass (obwohl seine „Requiem aeaternam“-Rufe doch, finde ich, etwas durchaus Düsteres haben dürfen). Gerade aus dem wunderschönen „Cum sanctis tuis“-Einsatz (T. 68 ff.) kann so ein wunderbar lyrischer Moment werden – und Ghiaurov hat das auch immer wieder schön gesungen. Hier jedoch kommt er über die „solide“ Leistung nicht hinaus. Faszinierend klingen jedoch die Holzbläserpizzicati, die ich an diese Stelle nicht oft so prominent gehört habe.

      Schließlich das „Libera me“, die große Stunde der Sopranistin. Wie höchst unterschiedlich kann man allein schon den psalmodierenden Beginn singen! Katia Ricciarelli beginnt hochdramatisch-angespannt und gestaltet den gesamten ersten Abschnitt von nervös-verzweifelter Vorahnung durchdrungen. Im A-capella-Abschnitt findet sie kaum in eine ruhige Art der Darstellung. Vielmehr wirkt ihre Darstellung so, als müsse man sie mit Gewalt dazu zwingen, sich zurückzuhalten. Schade ist, dass hier manch ein Spitzenton (speziell das hohe b am Schluss) nicht so recht schön sitzt. Unmittelbar nach der „Pausa lunga“ ist die Ricciarelli wieder in ihrem Element. Die Fuge nimmt Abbado in zügigem Tempo, mit einem ganz starken, auf der Entwicklung hin zum Höhepunkt liegenden Fokus, dessen Entladung (T. 381 ff. tutta forza) auf dem (leider etwas schrillen) hohen c der Ricciarelli schon Eindruck macht.

      Insgesamt eine – wie ich meine – mit Abstrichen gelungene Aufnahme, die aber nicht aus der reichhaltigen Konkurrenz herauszustechen vermag.

      :wink: Agravain