Konzerte in Berlin

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    • Lieber Ekkehard,

      Baborak kenne ich noch aus seiner kurzen Zeit als Solohornist bei den Bamberger Symphonikern (2000-02) und hab ihn auch später noch gehört (bei Brittens Serenade mit Bostridge/Rattle, wirklich toll, auch auf CD). Keine Ahnung, ob man seinen Weggang als Einzelfall oder als Indiz für eine verbreitete Unzufriedenheit des Orchesters mit Rattle deuten kann. Letzteres ist durchaus möglich. Ich vermute aber mal, dass er sich jetzt ausschließlich als Solist durchschlagen will und kein anderes Orchester mehr in Erwägung zieht? Dann wäre es eben auch der nicht untypische Schritt eines prominenten Orchestermusikers in die Selbstständigkeit (unter Abbado ist ja Konzertmeister Kolja Blacher diesen Weg gegangen, damals gab's auch Gemurmel). Bei anderen Orchester-Primadonnen wie Pahud oder A. Mayer frage ich mich, wie oft die eigentlich angesichts ihrer Solistenkarrieren pro Saison noch an ihren Orchesterpulten sitzen...

      Ich hab die Berliner Philharmoniker aber jetzt schon länger nicht mehr live gehört (ca. zwei Jahre) und kann eigentlich überhaupt nichts aus eigener Anhörung zum Status Quo des Orchesters und seines Chefdirigenten beitragen. An ein paar wirklich gute Konzerte erinnere ich mich aber sehr gerne (Haydns Jahreszeiten, Brittens Orchesterlieder, Strawinsky, auch Mahler) und mucke daher beim Thema immer mal wieder auf. :D


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Lieber Bernd,

      Baborak hat mich stets beeindruckt. Dieses Album höre ich immer wieder gern:



      (Unterstützt wird er hier von seinem nunmehr Ex-Kollegen Wenzel Fuchs, Klarinette.)
      Natürlich hat mir Baborak auch bei den BPhil immer sehr gefallen.

      Inwieweit sein Abgang die/eine Stimmung im Orchester widerspiegelt, vemag ich auch nicht zu sagen. Derlei gibt es immer wieder - wenn ich mich recht entsinne, gab es unter Abbado eine Phase, in der einige Solisten das Orchester verließen, offenbar nicht zuletzt aus finanziellen Gründen (Blachers Abkehr hat wohl weniger mit Abbado zu tun, die beiden haben meines Wissens immer wieder miteinander gearbeitet; ich habe sie auch vor ich glaube drei Jahren gemeinsam mit den BPhil erlebt).
      Mir ging es auch um Deine Kritik an dem im Vergleich zu Rattle schmalen Repertoire Jansons. Baborak beispielsweise wäre ja offenbar etwas mehr Spezialisierung seitens Rattle/des Orchesters lieb gewesen. Tatsächlich fällt es auch mir schwer zu sagen, was Rattle besonders gut kann. Mahler vermutlich. Ich freue mich auf den 30. Oktober, wenn es Mahler 2. gibt. Das habe ich vor einigen Jahren mit Rattle und den BPhil gehört und war ungeheuer beeindruckt - hoffentlich zügelt er sich mehr als zuletzt bei der Lautstärke.

      Bei Pahud (der das Orchester 2000 verließ, aber 2002 zurückkehrte) und Mayer bin ich auch etwas über ihre "Treue" überrascht, sehe sie aber doch recht häufig im Orchester - zum Glück!
    • Ich finde ja, dass Rattle, neben oftmals mit Mahler, mit Zweiter Wiener Schule und Modernerem richtig gut ist. Nur macht er das leider immer weniger. Aber Webern-Orchesterlieder mit Anna Prohaska war eine absolute Sternstunde!

      Und dann kann er die Berliner Philharmoniker zum jazzen bringen: Gershwin kann er. Duke Ellington hat jedenfalls noch kein Symphonieorchester besser gebracht. Meistens ist sonst so etwas furchtbar. Und bei den gemeinsamen Konzerten mit dem Lincoln Center Orchestra haben seine Philharmoniker mehr für Groove gesorgt als Wynton Marsalis Big Band.

      Also, seinen Freund Mark-Anthony Turnage sollte er geben, statt mit, bei ihm langweiligem Brahms oder so, für eingeschlafene Füße zu sorgen.

      :wink: Matthias
    • Am Sonnabend haben wir einen der jungen Dirigenten-Stars erlebt, die jetzt bei den Berliner Philharmonikern erstmals den Takt angeben: Andris Nelsons.
      Vor ihm war bereits Eivind Gullberg Jensen dran, dessen Debüt eher gemischte bis negative Kritik erhielt. Nun also der immer wieder als Jansons-Schüler vorgestellte (was in Berlin nichts Nachteiliges hat) Nelsons. Nun weiß ich nicht, wie sehr das an den eben genannten Einleitungen liegt, aber tatsächlich wirkte Nelsons wie ein jüngerer, elastischerer, mit mehr Spannkraft versehener, hüpfender Jansons - schon rein äußerlich.

      Zunächst gab es das Berg'sche Violinkonzert "Dem Andenken eines Engels". Baiba Skride, Landsfrau Nelsons, übernahm den Solopart.

      Vorweg: Es ließ mich unberührt.
      Ich weiß nicht recht, woran es nun entscheidend lag und will auch eine irgendwie geartete innere Disposition meinerseits nicht als ausschlaggebendes Moment ausschließen, aber egal: Das alles ließ mich weitestgehend kalt. Nicht, dass an der Beherrschung der Instrumente oder der Orchesterführung ein Mangel gewesen wäre (na gut, bei der eilig intonierten Bach-Zugabe griff Baiba Skride schon auch satt daneben), aber es erreichte mich nicht. So ganz allein war ich damit offenbar nicht, denn der Beifall war höflich, aber nicht begeistert. Die Zugabe der Solistin schien mir dann fast aufgesetzt, der reine Genuss war auch diese nicht.

      Nach der Pause mit Schostakowitschs 8. ganz große Symphonik. Auch hier wüsste ich nicht, was technisch/handwerklich gegen die Interpretation sprechen könnte, dennoch: Es ließ mich - größtenteils - unberührt. Das marschähnlich-maschinell Stampfende, Zermalmende klang in meinen Ohren vor allem laut, weniger bedrohlich oder beklemmend. Selbes galt auch für die im Wechsel folgenden ruhigen Teile, die trotz aller Perfektion sonderbar kalt blieben.

      Im Tagesspiegel "http://www.tagesspiegel.de/kultur/bitteres-lachen/1958432.html wird das Konzert ganz anders gesehen. Und ich will den Hinweis darauf gern setzen, weil ich selbst etwas ratlos bin, warum mich dieser Abend so wenig ansprach.

      :wink:
    • Nelsons am 16.10

      Es war eine reine Freude, Nelsons beim Dirigieren zuzuschauen - und wie die Musiker ihm folgten und sich amüsierten! Er wirkte stellenweise wie ein Zauberer beim Kindergeburtstag, fast hätte man erwartet, dass noch weisse Täubchen aus seinen weiten Ärmeln flatterten. Der Klang, den er hervorzauberte, war perlend und lebendig, und im Konzert von Berg konnte man viele Details hören, die ansonsten untergehen. Wie ein Requiem wirkte das Konzert allerdings diesmal nicht. Dass Schostakowitschs 8. eben nicht beklemmend-trostlos daher kam, sondern mit unerwartet viel positiver Energie und Klangschönheit musiziert wurde, würde ich Nelsons durchaus als Verdienst ankreiden. Eine große klangprächtige Show war es allemal.
    • Am Mittwochabend unser erster Ausflug in die Staatsoper im Schillertheater. Rheingold.
      Das hat keinen sonderlichen Spaß gemacht.

      Zunächst: Der Ort funktioniert besser als gedacht. Die Akustik ist gut; trocken, könnte man sagen, da dickt nichts auf, da wummert's nicht.

      Dies kam unbedingt der Interpretation zugute, die Daniel Barenboim im (offenbar extra abgesenkten) Orchestergraben gewählt hatte: Nicht riesengroß, sondern quasi kammermusikalisch. Sehr gut durchhörbar. Sängerfreundlich.

      Dies war ein Pluspunkt des Abends. Und zugleich ein Minus, denn es gab schon Momente, in denen ich gern ein wenig überwältigt worden wäre (wenigstens ein wenig mehr). Dies blieb aus.

      Auf ganz große Namen wurde bei der Sängerbesetzung verzichtet. Ensemblemitglied Hanno Müller-Brachmann als Wotan vielleicht eine Ausnahme, Anna Samuil (Freia), Ekaterina Gubanova (Fricka), Stephan Rügamer (Loge) vielleicht auch; Kwangchul Youn (Fasolt) gewiss.
      Am besten gefiel mir ein anderer: Johannes Martin Kränzle als Alberich. Böse, verletztlich, lebendig: ein Charakterbild - mit ein wenig enger Stimme. Außer ihm war nur noch Rügamer als Loge mehr als eine Sänger-Statue; dafür wirkte er manchmal gleich doppelt überkandidelt - mit dem Nachteil, dass er teils (namentlich bei e- oder a-Vokalen) übel näselte.
      Die anderen Sänger blieben (vermutlich wunschgemäß oder besser: Regie-gemäß) aufs Rumstehen, an den Bühnenrand marschieren und singen, im Halbfeld verharren, beschränkt. Das war öde. Überhaupt weiß ich nicht, ob die Regie mir irgendetwas mitteilen wollte, dass über das Produzieren der Musik, Wiedergeben des Textes hinausging. Ich glaube nicht. Eine Interpretation habe ich nicht ausmachen können. Die Kostüme waren stimmigerweise jenseits aller Epochen; es hatte ohnehin keinen Anknüpfungspunkt, keine Bedeutung.

      Vielleicht wäre das alles auch gar nicht schlimm gewesen, wenn mir Bilder vor Augen gestellt worden wären, die haften bleiben. War aber schlimm, gab eigentlich keine Bilder. Ein Bühnenbild in dem Sinne von "Hier steht jetzt eine Burg" ohnehin nicht. Eher Projektionsflächen für Videos und Fotos.
      Dem verdankt sich die meines Erachtens noch dichteste und kurzweiligste Szene, der Beginn. Die Rheintöchter treiben da nicht nur den armen Alberich in den Liebesverzicht, sondern posieren auch vor Kameras, deren Bilder auf den Hintergrund (eine sitlisierte Wasserfläche) gebracht werden. Wie da Hände aus dem Nichts in Wellenbewegungen ins Nichts locken, wirkte.

      So dicht wurde es nicht mehr. Bunt ja. Und für Bewegung auf der Bühne wurde auch gesorgt. Nicht mittels der Sänger, sondern der Tänzer der Eastman Company. Die waren in wechselnder Zahl eigentlich durchgängig auf der Bühne und dort in Bewegung. Warum? Hm. Keine Ahnung.

      Im Tagesspiegel wurde die Rezension hierzu "Musik ist Trumpf" getitelt. Dass die Musik im Mittelpunkt gestanden habe, dass ganz ihrer Kraft vertraut wurde.
      Nun. Ehrlich gesagt hätte ich mir das Geschehen auf der Bühne dann noch karger, noch reduzierter, dafür weniger beliebig, eher eindringlicher gewünscht.
      Und so intensiv kam die Musik auch nicht an bei mir. Youn hatte innige Momente, Müller-Brachmann einen schönen Bariton - solange er nicht die volle Stimme irgendwohin stemmen muss.
      Vielleicht müsste man die Vorstellung auch nur noch einmal mit geschlossenen Augen oder eben am Radio hören. Vielleicht wäre das am vernünftigsten.

      Am Ende einige Buhs, einige Bravos. Für das Orchester den mächtigsten Applaus.
    • Wer ist denn der kleine junge Mann, der kurz vor Konzert beginn noch zum Podium marschiert? Der mit dem dunklen Anzug und schwarzem T-Shirt? Ja. - Huch, das ist ja der Dirigent.

      Yannick Nézet-Séguin hat in den vergangenen Tagen erstmals die Berliner Philharmoniker geleitet. Der 35-Jährige beschließt damit eine kleine Reihe an Pultstars in spe, welche hier debütierten. Jensen habe ich nicht gehört, aber bei Nézet-Séguin bin ich mir ebenso wie bei Nelsons sicher, dass wir sie hier noch häufiger erleben werden. Namentlich bei Nézet-Séguin freut mich das.

      Wie bei Debüts wohl üblich, kam man dem Dirigenten bei der Programmauswahl entgegen. Im Falle des Franko-Kanadiers hieß dies, mit Messiaen und Berlioz eben französische Komponisten zu wählen, zudem noch Prokofjew.

      Am Anfang "Les Offrandes oubliées" von Messiaen. Ein gut zehnminütiges Werk, dreiteilig (programmatsch in den Verlust der Liebe zu Jesus, die Sünde und die Vergebung zu gliedern). Mir fast ein bisschen zu rund, zu satt die bestimmenden Geigen/Streicher im Beginn, aber gleichwohl sehr fein abgestuft eingesetzt bei Nézet-Séguin. Das klang weniger geheimnisvoll als beispielsweise in meiner Aufnahme von Cambreling, gewann aber deutlich im dynamischeren zweiten Abschnitt.

      Nézet-Séguin wirft sich quasi in die Musik, vermittelt bei seinem sehr körperlichen Einsatz ganz direkt, was er gerade will. Das wirkt weniger nobel oder elegant als bei anderen, dafür uneitel und unbedingt. Aber unabhängig vom äußerlichen Eindruck ist hier offenbar jemand am Werk, der genau weiß, was er will und das auch in Klang formt.

      Solist beim 2. Klavierkonzert von Prokofjew war Yefim Bronfman. Als dieser am Ende den Dirigenten umarmte, bekam man ein wenig Angst.
      Während des Klavierkonzerts hatte man diese Angst weniger; auch beim Unbehagen: Fehlanzeige. Bronfman bewältigte alles mühelos, das Zusammenspiel war gut. Mir schien das in toto aber ein wenig zu rund und auch unbeeindruckt. Was da für mein Empfinden an Groteskem, Widerborstigem in diesem Konzert steckt, spielte keine große Rolle. Aber ohne Frage ist Bronfman ein atemberaubender Virtuose. Bei den Läufen seiner Zugabe fragte man sich, wie viele Zusätzhände er wohl noch im Einsatz hatte. Da klatschten auch die Orchestermusiker.

      Nach der Pause dann die Symphonie fantastique. Wenn man mit einem Orchester sozusagen alle Register ziehen kann, dann wohl dabei. Und Nézet-Séguin hat mit dem Orchester hier an allem Möglichen gezogen. Ob sanft, ob träumerisch, ob dramatisch, ob bedrohlich, ob lärmend, ob vergnügt, ob überschwänglich, ob ob ob - alles da. Es war schlicht beeindruckend mitzuerleben, was das Orchester an Klangfarben, an dynamischen Abstufungen abbilden kann. Und: Schwer vorstellbar, dass so ein Werk bereits 1830 geschrieben worden sein soll. Und: Dieses Konzert war ein echtes Vergnügen.
    • "O Röschen roth"

      Dummerweise habe ich vor dem gestrigen Konzert der Berliner Philharmoniker mit Simon Rattle (Sir) zwei Kritiken gelesen.
      Glücklicherweise kamen beide zu unterschiedlichen Wertungen. Irgendwie kann ich nach dem Erlebten beides nachvollziehen.

      Auf dem Programm:
      Ein Überlebender aus Warschau, op. 46, von Arnold Schönberg
      Sprecher: Hanns Zischler

      ohne Pause oder Unterbrechung:
      Symphonie Nr. 2 c-Moll von Gustav Mahler
      Magdalena Kozena, Mezzosopran
      Kate Royal, Sopran
      Rundfunkchor Berlin (Einstudierung Simob Halsey)

      Das Ende zu Beginn - ich hätte mir nach dem Verklingen der letzten Note etwas Zeit gewünscht, um das Gehörte etwas sacken zu lassen, aber es brach gleich ein mittlerer Jubel-Bravo!-Sturm los. Und auch das konnte ich ja verstehen.

      Ein Überlebender aus Warschau wird als sperrig beschrieben. Richtig. Leider war es nicht verstörend. Nun kenne ich das Werk ehrlich gesagt zu wenig, um sagen zu können, ob die Musik an sich das zu leisten vermag (ich denke eigentlich schon), hier aber war es der Sprecher, der unter allen meinen Erwartungen blieb. Zischlers Vortrag war für mein Empfinden seltsam hohl, distanziert und bei den doch eigentlichh gebellten Befehlen des Feldwebels kaum schroff. Das werde ich mir unbedingt noch einmal in anderer Besetzung anhören (Fischer-Dieskau?). So blieb mein Eindruck zwiespältig.

      Wie oben bereits erwähnt, gab es keine Pause zwischen den beiden Werken. Der Einsatz der Celli war schon brachial-brutal, die Interpretation von den ersten Takten an tatsächlich mitreißend. Ich habe die 2. von Mahler recht häufig gehört, da ich sie besonders schätze, aber ich habe bei diesem Konzert immer wieder Neues zu hören bekommen. Die Stimmen werden klar dargestellt, dabei ist bei allen zu merken, wie ungemein virtuos, wie gestaltet die einzelnen Partien sind, und wie perfekt sie sich in ein Ganzes fügen, das von wirklich ungeheurer Intensität ist.

      Solche Abende sind ein unwiderlegliches Argument dafür, Konzerte besuchen zu müssen, live hören zu müssen, weil das über keine mir bekannte Stereo-Anlage abzubilden ist. Ein unglaubliches Crescendo, das in Pauken und Schlagwerk beginnt und im gesamten Orchester sich fortsetzt und bis zum Ausbruch stegert; das Fernorchester; wenn Magdalena Kozena fast schon leise, aber so eindringlich "O Röschen roth" singt, dass sie den ganzen Raum füllt; der Chor; wenn Kate Royal vor dem Chor singt und die Stimmen sich zu umwinden scheinen und sich dabei verbinden; ein Pizzicato, das lustig-rund klingt, ein anderes, das leer und bedrohlich wirkt; wenn die Pauken nachschwingen.

      Für mein Empfinden war dies an Intensität kaum zu übertreffen, auch wenn im letzten Satz der Spannungsbogen teils strapaziert wurde. Insofern kein Wunder, dass viele im Publikum die Spannung für sich mit Applaus und Bravos brechen mussten. Am Ende - selten genug (auch bei Rattle) - stehende Ovationen im pickepackevollen Haus.

      Insoweit bin ich mit der Kritik, die ich im Tagesspiegel las (sofern ich sie richtig memoriere, einen Link finde ich leider nicht), einig. Im rbb
      "http://www.kulturradio.de/rezensionen/buehne/2010/Philharmonie_Berlin__Die_Berliner_Philharmoniker_unter_Simon_Rattle1.html
      kritisiert Clemens Goldberg die Verquickung beider Werke. Dürfen die Täter an die Tür des Paradieses anklopfen? Dürfen sie auferstehen? Für sein Dafürhalten wäre es angemessener gewesen, den "Überlebenden" im Anschluss an die 2. Symphonie zu spielen. Das mag inhaltlich, eher gesagt: außermusikalisch betrachtet gute Gründe finden. Mit erscheint das nach dem Konzert-Erlebnis allerdings wenig schlüssig - wie will man die 2. an Intensität übertreffen oder diese zumindest halten?

      Ich war durchaus skeptisch, ob Rattle mich überzeugen kann. Wohl wissend, dass ich schon einmal eine beeindruckende 2. Mahler mit ihm in der Philharmonie erlebt hatte. Doch emotionaler als gestern habe ich das noch nicht erlebt. Man kann die 2. gewiss anders interpretieren und anders erklingen lassen - besser kaum.
    • Hallo Ekkehard,

      ich habe das Konzert im Radio mitgehört, und leider hat sich die Begeisterung bei mir nicht so eingestellt. Und ich fürchte, das lag nicht nur an der fehlenden Live-Athmosphäre.

      Rattles Tempowechsel konnte ich nicht so recht nachvollziehn. Vieles wirkt überdehnt, dann wieder übertrieben hektisch gespielt. Ingesamt ist alles aber sehr gemächlich. Am Ende des ersten Satzes z.B. entlädt sich die Spannung schlagartig. Bei Rattle hingegen schlägt der Blitz in Zeitlupe ein. 

      Das "Röschen Rot" war dann allerdings großartig, und imho der Höhepunkt der Symphonie; danach wird's anstrengend...

      Die unmittelbare Kopplung mit dem "Überlebenden" sagte mir gar nichts. Dafür sind die Stücke doch zu unterschiedlich. Man hätte genauso gut eine Pause einlegen können (und sich das Stimmen der Instrumente zwischen dem ersten und zweiten Satz sparen können).

      Dürfen die Täter an die Tür des Paradieses anklopfen? Dürfen sie auferstehen?

      Was sind das denn für blöde Fragen? Aber im Feuilleton wird ja so manches geschrieben...

      Ekkehard schrieb:

      ... wie will man die 2. an Intensität übertreffen oder diese zumindest halten?

      Das sehe ich auch so. Danach kann nichts mehr kommen.

      Schöne Grüße,
      Peter
    • Und weiter geht's im Mahler-Zyklus der Berliner Philharmoniker. Gestern für uns mit der 3.

      Für mich - neben der 8. - die vielleicht am wenigsten zugängliche Mahler-Symphonie. Und deshalb hatte ich auf diesen Abend, auf das Live-Erlebnis gewartet, ob sich da etwas verändert für mich. Und ja, das hat es.
      Auch auf die Gefahr hin, mich an dieser Stelle bezüglich Mahler/Rattle/BPhil nur zu wiederholen: Es war ein bewegender, fast schon überwältigender Abend. Am Ende war die Wirkung so intensiv, dass der Applaus nicht mit dem Verklingen der letzten Note losbrach, sondern die voll besetzte Philharmonie tatsächlich die Momente der Stille bis zum Senken des Taktstsocks brauchte, um wieder zurück zu finden.

      Der Abend begann mit "Es tönt ein voller Harfenklang" von Brahms und dem "Elfenlied" von Hugo Wolf (Sopran Anke Herrmann). Gleich im Anschluss an diese Miniaturen dann die 3. Mahler wird also nicht mit etwas Modernerem kontrastiert/ergänzt, sondern etwas für ihn Zeitgenössischem. Das kann man wohl so verstehen, dass Mahler hier weniger als der bahnbrechende Umstürzler, der karge Modernist gezeigt wird; tatsächlich ist in häufig breiten Tempi viel Raum für Emotion da, ohne dass es süßlich oder kitschig wird. Der erste Satz hat eigentlich schon alles, das Furisose/Brachiale, das ironisch Kontrastierende von Jahrmarkt bis Marsch, die Naturlaute, das Innige. Doch es kommt natürlich noch viel mehr. Beispielsweise, wenn Altistin Nathalie Stutzmann quasi aus dem Nichts das "O Mensch! Gib Acht!" in den Raum bringt (und Albrecht Mayer seiner Oboe weniger Töne als Geräusche abringt). Der letzte Satz erschien mir wie ein überlebensgroßes "Alleswirdgut" - weniger gegründet auf Naivität, denn auf Hoffnung.

      Und was soll man zum Orchester noch sagen? Konzertmeister Guy Braunstein (so lässig, so virtuos und in seinen Soloparts so intensiv ohne jede Gefühligkeit), Mayer - überhaupt die Bläser (Solo-Posaune!), aber auch die Streicher, die so viele Farben haben.
      Und Rattle. Mit diesem Mahler - so mein Eindruck - beseitigt er die Zweifel daran, dass er am richtigen Platz ist. Wir haben Karten für die 4. in wie Wochen, ich freue mich schon sehr.

      :wink:
    • Hallo,

      ich habe mir gestern auch ein Konzert in Berlin angehört. Und das kam so: am Freitag habe ich – durch den Beitrag eines Bekannten auf Facebook – mehr oder minder zufällig davon erfahren, dass die Uraufführung der Sechsten Sinfonie von Günter Kochan (1930–2009) durch das Konzerthausorchester Berlin unter Lothar Zagrosek unmittelbar bevorstand. Nun bin ich bekanntlich ein großer Anhänger der Musik Kochans. Von der Existenz dieser Sinfonie wusste ich, mein letzter Stand war aber, dass eine Aufführung vorerst nicht zur Debatte stand. Das hatte sich nun also erfreulicherweise geändert.

      Da das Konzert (in der zweiten Hälfte wurde übrigens Beethovens Sechste gespielt) am Samstag wiederholt wurde, entschloss ich mich also nach einigem Hin und Her inklusive Suchen einer preislich akzeptablen Zugverbindung und einer Übernachtungsmöglichkeit in Berlin, mich am Samstag in den Zug zu setzen, um mir das Konzert anzuhören. Im Prinzip wirklich ein absolutes Muss für mich; hätte ich von diesem Konzert schon einige Wochen vorher gewusst, hätte ich sowieso keine Sekunde gezögert.

      Und in der Tat hat sich die spontane Reise für mich absolut gelohnt: Kochans Sechste ist meiner Meinung nach ein Meisterwerk. Leider ist Kochan nach der Wende ja (aus politischen Gründen) ziemlich ins Hintertreffen geraten, die letzten knapp zwanzig Jahre seines Lebens hat er vom Musikleben weitgehend isoliert in seinem Haus in Hohen Neuendorf verbracht. Obwohl die Aussichten für eine Aufführung seiner Werke denkbar schlecht standen, hat er aber immer weiterkomponiert und in den Jahren 2004 bis 2006 eben noch seine Sechste Sinfonie geschrieben.

      Das Werk sehe ich (gerade in formaler Hinsicht) vor allem in der Nähe seiner beiden "Musiken für Orchester" aus den Achtzigern: es besteht aus sechs knappen Sätzen, die ohne Pause ineinander übergehen, wobei sich Zagrosek nach dem dritten Satz dann doch Zeit für eine kurze Unterbrechung genommen hat, was mir vor dem Hintergrund der Dramaturgie der Sinfonie absolut vertretbar erscheint. Die dabei auftretende Bogenform wie auch einige andere Besonderheiten entsprechen eben in groben Zügen dem, was Kochan in den oben genannten "Musiken für Orchester" realisiert hat. Dass das neue Werk freilich als Sinfonie betitelt ist, ist angesichts seines Anspruchs und Gehalts vollständig gerechtfertigt.

      Zu dem, was sich in dieser Sinfonie musikalisch abspielt: der erste Satz präsentiert scharfe Bläsergesten, die deutlich den Charakter eines Appells tragen. Diese werden kontrastiert von der Solopauke, die hier eher ein Moment des Innehaltens repräsentiert. Diese Wechsel bestimmen das musikalische Geschehen, bis der Satz schließlich in der Bassklarinette ruhig ausklingt. Der zweite Satz ist der Ruhepol der Sinfonie; die Musik schwingt in weiten Bläserkantilenen aus, mit Augenblicken schmerzlicher Schönheit. Der sich anschließende dritte Satz bietet dann einen völligen Kontrast: mit "Furioso" überschrieben, handelt es sich um Musik von elementarer Kraft und Wucht, Schlagzeuggewitter und gellende Dissonanzen (wie Schreie!) springen den Hörer gleichsam an.

      An vierter Stelle finden wir einen langsamen Satz, der einerseits Züge eines Bläserchorals zeigt (wie es Kochan ja z. B. auch im langsamen Satz seiner Fünften tut – hier aber mit anderem Charakter), andererseits Streicherpassagen von glühender Intensität. Es folgt eine Passacaglia, die ein zwölftöniges Thema wiederum mit steigender Intensität variiert. Auf dem Höhepunkt des Geschehens beginnt der letzte Satz, indem die Bläser mit dem Beginn der Sinfonie wiedereinsetzen, nun aber in einer gestrafften, dramatisch forcierten Version. Was folgt, ist noch ein Höhepunkt von gewaltiger Ausdruckskraft, ehe die Musik fast ermattet allmählich ausklingt: einzelne Bläser rufen Motive aus dem Vorangegangenen ins Gedächtnis, Schlagzeug und Celesta sorgen für Farbtupfer, und schließlich endet alles mit einem lakonischen Pizzicato-E.

      Wenn man diese Sinfonie hört und mit der Musik Kochans vertraut ist, stellt man zweierlei fest: erstens, Kochan ist seinem Stil prinzipiell treu geblieben, die Vorliebe für einen differenzierten Einsatz des Schlagzeugs zieht sich durch sein Œuvre wie ein roter Faden, manche Gesten und Details sind demjenigen, der sich mit seiner Musik bereits eingehend beschäftigt hat, sicherlich vertraut. Allerdings war Kochan niemand, der bei dem, was er einmal erreicht hatte, stehen blieb, und so ist auch diese letzte Sinfonie ein Werk, das in seiner Machart wiederum einzigartig in seinem Schaffen ist.

      Bemerkenswert ist jedenfalls, wie schroff, konfliktgeladen und auch zornig diese Musik ist – Kochan hat sich immer um expressive Intensität bemüht, aber diese Sinfonie setzt seinem Schaffen in dieser Hinsicht vielleicht die Krone auf. Das äußert sich auch in einem sehr hohen Dissonanzgrad der Musik; tonale Bezugspunkte, wie man sie in Kochans übrigem Schaffen oft finden kann, sind in dieser Sinfonie kaum oder nur stellenweise vorhanden. Es ist meiner Meinung nach ein insgesamt unerhört bitteres, konflikthaftes Werk von gewaltiger expressiver Kraft, und ich schätze mich glücklich, diesem Konzert beigewohnt zu haben. Mir wurde gesagt, dass die Uraufführung am Vortage noch besser gelungen sei – aber auch die Aufführung vom Samstag hat gereicht, um bei mir einen immensen Eindruck zu hinterlassen. Auf die Beethoven-Sinfonie danach konnte ich mich jedenfalls nicht mehr konzentrieren, wie ich ehrlich zugeben muss.

      Leider war einigen Anwesenden (insbesondere in den hinteren Reihen, wo ich auch saß) diese Musik offenkundig "zu modern", wobei ich meine, dass mindestens teilweise offenbar keine Bereitschaft vorhanden war, sich mit ihr wirklich auseinanderzusetzen. Denn obwohl die Sinfonie ohne Zweifel erhebliche klanglich Härten aufweist, ist es doch Musik, die kommunizieren will, die etwas zu sagen hat – wie ich oben bereits schrieb: sie springt den Hörer geradezu an! Wie auch immer, ich fand das Verhalten einiger Konzertbesucher letzten Endes reichlich respektlos – eigentlich hat da hinten in jedem Satz irgendwer Privatgespräche geführt.

      Wie auch immer, Kochan hat mit dieser Sinfonie in seinen letzten Lebensjahren noch einmal ein ganz großes und starkes Werk komponiert. Ich hoffe darauf, dass dieses Konzert irgendwann demnächst vielleicht mal im Rundfunk wiederholt wird, denn ich wäre an einer Aufnahme hochgradig interessiert (auf eine CD-Einspielung wage ich gar nicht zu hoffen, obwohl das natürlich das absolute Optimum wäre).

      Viele Grüße
      Holger
    • Mähler 4. Rattle/BPhil

      Also weiter im Zyklus. Am Freitagabend mit der von mir derzeit hoch geschätzten 4. Symphonie Gustav Mahlers.

      Nach tatsächlich überwältigenden Konzerten mit der 2. und 3. passierte nun, was wohl passieren musste: Der Funke sprang nicht über.

      Der Abend begann mit "Apollon musagète" von Strawinsky. Gehört habe ich es schon mal, ist aber lange her. Schon interessant, dieses Stück für Streicher. Schon hier zeichnete sich ab, was auch im Fortgang des Konzerts gelten sollte: Es war gewiss nahezu perfekt gespielt, doch blieb die Musik dabei seltsam unbelebt. Nun ist dieses Stück von Strawinsky für mich ohnehin ein wenig aus der Zeit gefallen und hat etwas von einer Fingerübung. Vermutlich tue ich Werk und Komponisten damit Unrecht, aber was ich hörte, ließ kaum einen anderen Eindruck zu. Interessant blieben die Soli von Geige, Bratsche, Cello; und dass das Stück nicht nur rückwärtsgewandter Schönklang war, ließ sich an den teilweise vertrackten Rhythmen abhören; doch ein innerer, sinnlicher Zusammenhang fehlte.

      Dann die 4. Was hatte ich mich gefreut.
      Und es war ja auch nicht schlecht. Im Nachhinein wüsste ich nicht, was das Orchester "falsch" gemacht hätte. Wieder war die Symphonie in ihren einzelnen Stimmen klar dargestellt, die Tempi für mein Empfinden stimmig, die Musiker virtuos. Die Schellen zu Beginn klingen nicht fröhlich, die Pauken am Ende des dritten Satzes keineswegs triumphierend. Und doch fehlte etwas, das all die Noten verbunden hätte.
      Konzertmeister Daishin Kashimoto mit der Solo-Violine im zweiten Satz überzeugte mich nicht; der Ton - anders als bei seinem Pultnachbarn Guy Braunstein - etwas zu fahl, ich meine auch, Unsauberkeiten gehört zu haben, was nicht dramatisch ist, wenn denn der Ausdruck stimmt, doch es gab eigentlich keinen. Auch die Sopranistin Christine Schäfer steigerte nichts, sondern blieb seltsam distanziert, dabei mit einer für mein Empfinden zu sehr forcierten, opern- statt liedhafter Stimme, was mir hier einfach nicht zusagt.

      Auch die Resonanz war weniger enthusiastisch als nach der 2. und 3. Applaus ja, auch reichlich, aber eben keine Begeisterung.

      :wink:
    • Romantik mit Janowsky, Thibaudet und dem RSO

      Vorgestern auch mal wieder im verwinkelten Schiff, meine Liebste wollte mal ein klassisches Konzert erleben...
      Mendelssohns Hebriden - wunderbar, flotter Zugriff, ohne an den entscheidenden Stellen auch mal nachzugeben:
      dieser Janowsky, den kannte ich garnicht und bin doch recht angetan.
      Dann Thibaudet mit dem Grieg-Klavierkonzert: gleich erstmal im ersten Einsatz leicht danebengehauen, aber insgesamt sehr schön und gefühlvoll - im langsamen Satz sehr auffällig der wunderbare Hornist. Übrer gewisse formale bedenken, die mich angesichts dieses Konzertes beschlichen, hab ich schon im Mozart-Thread geschrieben...
      Dann Brahms Vierte, die mich irgendwie von der Interpretation nicht so überzeugt hat - habe ich mir gewisse Ungenauigkeiten der Bläser nur eingebildet?
      Schön, mal live zu bemerken, wie ökonomisch das wieder mal zugeht bei Brahms: die Posaunen sind ja wirklich erst im letzten Satz aktiv...
      Natürlich ist diese wunderbare Musik immer schön, aber irgendwas fehlte mir. Das sind natürlich vertrackte Geschichten, oft Triolen gegen Gerade, wenn da etwas rhythmisch ungenau gespielt wird, geht schnell die ganze Wirkung verloren... Der zweite Satz dagegen sehr gelungen, die Musiker des RSO wirken wirklich sehr engagiert und spielfreudig - deutlich zu spüren die Vertrautheit von Orchester und Dirigent. Auch der dritte Satz wirklich gut, kam mir nie so stimmig vor...
      Im vierten Satz dann erstmal Freude: schön zupackendes Tempo. Dann - hä? - wieso beim Einsatz der Streicher plötzlich langsamer? Okay, das klingt schnell mal verhuscht mit diesen wilden Figuren, aber trotzdem, an der Stelle auf die Bremse zu latschen fand ich unverständlich. Und dafür in den ruhigen Partien von Flöte und Streichern doch etwas erbarmungslos schnell zu bleiben, für mich seltsame Tempo-Entscheidungen... Ansonsten schon sehr packend dargestellt, auch die Lautstärkenverhältnisse der Bläser, die ja auch nicht ohne sind, wo da Begleitung und Melodie oft durcheinanderfliegen und sich abwechseln.
      Insgesamt ein schöner Abend, und mit Janowsky und Thibaudet mal eine echte Bildungslücke geschlossen - ich habs ja nicht so mit den hunderttausend Interpreten und bin mehr an den Werken interessiert...

      Gruss
      Herr Maria
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • philmus schrieb:

      dieser Janowsky, den kannte ich garnicht und bin doch recht angetan.


      Janowski heißt der Mann... ;+)

      philmus schrieb:

      Schön, mal live zu bemerken, wie ökonomisch das wieder mal zugeht bei Brahms: die Posaunen sind ja wirklich erst im letzten Satz aktiv...


      Das mit der Ökonomie bei Brahms stimmt sicher. Aber den Posauneneinsatz erst im Finale würde ich doch auch als typisch brahmsische Orientierung an der Tradition einschätzen: Beethoven natürlich, aber auch in Schumanns Rheinischer werden die Posaunen ja bewusst erst im vorletzten Satz eingesetzt.


      philmus schrieb:

      Im vierten Satz dann erstmal Freude: schön zupackendes Tempo. Dann - hä? - wieso beim Einsatz der Streicher plötzlich langsamer? Okay, das klingt schnell mal verhuscht mit diesen wilden Figuren, aber trotzdem, an der Stelle auf die Bremse zu latschen fand ich unverständlich. Und dafür in den ruhigen Partien von Flöte und Streichern doch etwas erbarmungslos schnell zu bleiben, für mich seltsame Tempo-Entscheidungen...


      Hört man manchmal, das Langsamerwerden beim Steichereinsatz (Variation 5 ist gemeint, oder?). Gefällt mir auch nicht. Allerdings steht da largamente über den Noten, was ich aber eher als Vortragsanweisung denn als Tempobezeichnung einschätzen würde.

      Für den Mittelteil (ab dem Flötensolo) ist ja halbiertes Tempo vorgeschrieben. Das ist aber immer noch relativ schnell, viele Dirigenten werden drei- bis viermal so langsam. Hier mag ich das flüssige Tempo lieber. Carlos Kleiber z.B. macht tempomäßig (und auch sonst alles) richtig - aber die Interpreten interessieren Dich ja nicht so... :D

      (Übrigens werden auch in der Stretta des Finales manche Dirigenten bei dem marcato herausgedonnerten Posaunenmotiv pathetisch-langsam: das find ich besonders schlimm.)


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Zwielicht schrieb:

      in Schumanns Rheinischer werden die Posaunen ja bewusst erst im vorletzten Satz eingesetzt


      Eben dieser Posaunenruf dient in Kölle am Rhein seit der Eröffnung der Philharmonie 1986 als markantes Pausenzeichen. Im Eröffnungskonzert der hohen Halle, in der ich meine musikalische Sozialisation erfahren durfte, erklang 1986 natürlich die Rheinische. Und dirigiert hat das Konzert: Marek Janowski :yes:

      Im Übrigen ein Dirigent, der nicht nur in Köln eine Reihe hervorragender Konzerte gab und den man nicht unterschätzen sollte. Ich mag insbesondere seinen Wagner.

      Cheers,

      Lavine :wink:
      "You gotta grab'em by Debussy" (DJ Trump)
    • Zwielicht schrieb:

      Aber den Posauneneinsatz erst im Finale würde ich doch auch als typisch brahmsische Orientierung an der Tradition einschätzen
      Na gut, aber nach den raffinierten Posaunenverstärkungen in den langsamen Sätzen der 2. und 3. von Brahms doch schon auffällig. Zumal der erste Satz ja nicht leichter daherkommt als die ersten Sätze der anderen Symphonien hätte ich vorher drauf gewettet, daß da die Posaunen mitspielen. Aber so kriegt das Finale schon besonderes Gewicht,
      Am deutlichsten wurde mir die angesprochene Ökonomie eigentlich im zweiten Satz, wo sich bis zum ersten arco-Einsatz der Streicher wirklich lange ein ganz anderer Klang ausbreitet, der kurz vor der Coda nochmal wiederkommt und wirklich wie eine Rückkehr zum Ausgangspunkt wirkt (Klarinetteneinsatz ein Takt nach F).

      Zwielicht schrieb:

      (Übrigens werden auch in der Stretta des Finales manche Dirigenten bei dem marcato herausgedonnerten Posaunenmotiv pathetisch-langsam: das find ich besonders schlimm.)
      Aber es kommt ja so schon pathetisch genug, weil an der Stelle plötzlich ein gefühlter 3/2-Takt eintritt und das piu Allegro kurz vorher einen schon an schnelleres Tempo gewöhnt...

      Zwielicht schrieb:

      Janowski heißt der Mann... ;+)
      Bitte vielmals um Entschuldigung für diese Nachlässigkeit...
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • philmus schrieb:

      Na gut, aber nach den raffinierten Posaunenverstärkungen in den langsamen Sätzen der 2. und 3. von Brahms doch schon auffällig. Zumal der erste Satz ja nicht leichter daherkommt als die ersten Sätze der anderen Symphonien hätte ich vorher drauf gewettet, daß da die Posaunen mitspielen. Aber so kriegt das Finale schon besonderes Gewicht,


      Ich denke, dass bei Brahms immer noch die (im weitesten Sinn) archaisch-sakrale Konnotation des Instruments Posaune mitschwingt: Auch in der ersten Sinfonie setzen die Posaunen ja erst im Finale ein, und zwar genau zum erlösenden Hornruf, den sie dann auch noch mit einem Choral kommentieren. Und in der Vierten motiviert m.E. auch die Verwendung der archaisch-barocken Passacaglia-Form den Posauneneinsatz.

      Bei der Zweiten und Dritten verhält sich das in der Tat anders (und die diskreten, aber um so eindringlicheren Posaunen im langsamen Satz der Dritten sind wirklich bemerkenswert). Als erste Sinfonie, bei der die Posaunen in allen vier Sätzen reichlich bedacht werden, fällt mir Schuberts Große C-dur ein. Zumindest zur Zeit der Komposition von Brahms' Erster in den 1870ern war das möglicherweise aber immer noch eher die Ausnahme als die Regel.


      philmus schrieb:

      Aber es kommt ja so schon pathetisch genug, weil an der Stelle plötzlich ein gefühlter 3/2-Takt eintritt und das piu Allegro kurz vorher einen schon an schnelleres Tempo gewöhnt...


      Sehe ich genauso. Die Verlangsamung an dieser Stelle ist ein zu dickes Auftragen, das zu Brahms überhaupt nicht passt.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Zwielicht schrieb:

      Sehe ich genauso. Die Verlangsamung an dieser Stelle ist ein zu dickes Auftragen, das zu Brahms überhaupt nicht passt.
      Steht aber so in den Noten, unzweifelhaft, weil ohne Tempobezeichnungen oder irgendwas die Posaunen in Vierteln einsetzen, die man metrisch so hört, als würde das Tempo halbiert. Unbrahmsisch finde ich das nicht, sondern eher typisch für seine rhythmischen Tricksereien. und auch typisch für den späteren Brahms, daß solche pathetischen Stellen (Du erwähntest den Choral aus der Ersten...) so ein bißchen quer reinlaufen... Das war in der Ersten noch nicht so.
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    • philmus schrieb:

      Zwielicht schrieb:

      Sehe ich genauso. Die Verlangsamung an dieser Stelle ist ein zu dickes Auftragen, das zu Brahms überhaupt nicht passt.
      Steht aber so in den Noten, unzweifelhaft, weil ohne Tempobezeichnungen oder irgendwas die Posaunen in Vierteln einsetzen, die man metrisch so hört, als würde das Tempo halbiert.


      Ich meinte jetzt allerdings nicht diese in der Partitur ausgeschriebene Verlangsamung, sondern die zusätzliche Verbreiterung durch den Dirigenten an dieser Stelle - hört man wirklich öfter.


      Viele Grüße

      Bernd
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