Konzerte in Berlin

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    • Zwielicht schrieb:

      irgendwie mehr so rübergeweht


      Scheint in der Philharmonie garnicht so einfach zu sein.
      Bin letztes (?) Jahr in eine Probe des damals noch fitten Jansons mit seinen fliegenden Holländern geraten. Varèse Amériques. Der hat eine geschlagene Stunde darauf verwendet, die sieben Bläser der Interior Fanfare rumzuschubsen. Dabei war er sich auch nicht zu fein, mindestens dreimal selbst in die Seitenblöcke zu stiefeln.
      "...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms
    • 5.9.: Nelsons/Boston Symphony Orchestra - Mahler

      Wo gerade soviel von Andris Nelsons die Rede ist: vergangenen Samstag habe ich ihn mit den Bostonern in der Berliner Philharmonie erlebt. Gegeben wurde Mahlers sechste Sinfonie.

      Ein wirklich exzellentes Orchester mit hervorragenden Bläsersolisten und einem homogenen Streicherklang, wie er am Folgetag weder vom Berliner Konzerthausorchester (mit Ivan Fischer) noch vom Israel Philharmonic (mit Zubin Mehta) erreicht wurde. Nelsons' Dirigierstil konnte ich von meinem Platz (Block F) gut beobachten: im körperlichen Dauereinsatz, permanent mimisch und gestisch die Musik nachspielend, mit sehr expliziter Zeichengebung. Reihenfolge der Mittelsätze: Scherzo-Andante. Die beiden ersten Sätze wurden schnell genommen, das Scherzo sehr schnell und im Hauptteil maximal aggressiv. Sehr effektvoll gesetzte Höhepunkte, beeindruckend - gerade im Finale - die transparente Mehrstimmigkeit auch bei größten Dynamikentladungen. Klanglich toll austariert zwischen Melodie und begleitenden Klanggirlanden fand ich das (Alma-)Seitenthema im Kopfsatz. Die ruhige "Insel" in der Durchführung dieses Satzes war hier etwas nervös und mir in den Bläsersoli etwas zu laut. Das Andante wurde zwar auch exzellent musiziert, aber nicht so ausgesungen wie andernorts gehört. Nach dem Schluss des Finales hielt Nelsons bestimmt 30-45 Sekunde die Arme oben und verdonnerte das Publikum so zum Schweigen und zu anschließend um so stärkerer Beifallsexplosion. Fast schon etwas zu theatralisch im Vergleich zum nüchternen Zubin Mehta am Ende von Mahlers Neunter 24 Stunden später.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Zwielicht schrieb:


      Nach dem Schluss des Finales hielt Nelsons bestimmt 30-45 Sekunde die Arme oben und verdonnerte das Publikum so zum Schweigen und zu anschließend um so stärkerer Beifallsexplosion. Fast schon etwas zu theatralisch im Vergleich zum nüchternen Zubin Mehta am Ende von Mahlers Neunter 24 Stunden später.

      Bei seinem Konzert in Köln vor einigen Tagen war das nach Strauss` "Ein Heldeleben" auch so. Theatralisch fand ich das nicht, hatte die Musik doch endlich mal Zeit, nachzuklingen. Und bei den Kölnern - man lernt hier doch nie aus - hat es auch nach dem senken seiner Arme noch ein paar Sekunden gedauert bis der Beifall aufbrandete. Außerdem war es während des Konzertes im Auditorium sehr still, das werte ich als Zeichen hoher Intensität und Konzentration.
    • 6.9.: Konzerthausorchester Berlin, Iván Fischer, Philippe Jaroussky - Dalbavie, Mahler

      Bei der Sonntagmorgenmatinée des Berliner Musikfests trat das Konzerthausorchester in der Philharmonie mit einem Programm auf, das es zwei Tage vorher schon einmal in seinem angestammten Domizil, dem Konzerthaus am Gendarmenmarkt gegeben hatte. Ob eine nach wie vor bestehende West-Ost-Spaltung des Berliner Publikums oder die fehlende Zugkraft des Orchesters beim Publikum verantwortlich war: es blieben, grob geschätzt, vierzig Prozent der Plätze in der Philharmonie leer.

      Marc-André Dalbavie hat - wie vor ihm Viktor Ullmann und Aribert Reimann - Sonette der belle cordière Louise Labé aus dem 16. Jahrhundert vertont, sechs von 24, für Countertenor und Orchester. Dieser ca. 25minütige Zyklus von 2008 wäre ein Paradebeispiel für unseren Thread "Was ist schön im 20. Jahrhundert?" - mit exquisiten Instrumentalmischungen, Dissonanzen wie Trüffeln, freitonal mit deutlich tonalen Inseln, am Ende auf g-moll insistierend. Sehr schön, die Musik suhlt sich nur so im Liebesschmerz, durch die Besetzung mit einem Altus wird angemessene Künstlichkeit und ein wenig Alte-Musik-Historismus beigemischt. Philippe Jaroussky habe ich zum erstenmal live gehört: tatsächlich, ein Phänomen. Der immer leicht heulbojenartige Beiklang des Timbres vieler Countertenöre fehlt völlig, die Stimme ist wirklich "engelhaft" schön, leuchtend, vibratoarm, dabei zu beachtlicher dynamischer Expansion fähig.

      Es folgte eine bemerkenswerte Darbietung von Mahlers siebter Sinfonie. Wie schon oben gesagt: das Orchester zeigte hier nicht ganz (aber fast) die Homogenität des Boston Symphony Orchestra vom Vortag, es gab gerade im so schwierig zu interpretierenden Kopfsatz, insb. in dessen Durchführung Zonen der Ungenauigkeit. Aber in den drei Mittelsätzen entfalteten Fischer und seine Leute den ganzen Reichtum dieser Musik, den ich immer wieder frappierend finde - die tanzsatzartigen Passagen (für die Fischer ein besonderes Händchen hat), die Klangflächen, die kontrapunktischen Verflechtungen in den Holzbläsern, die Portamernti, Glissandi und sonstigen Verschmierungen usw. (übrigens setzte man hier zum Vorteil des Klangs richtige Herdenglocken ein, nicht ein leicht synthetisch klingendes Kuhglockensurrogat wie am Vortag bei den Bostonern). Auch das Finale wurde mit Schwung und Präzision ausgebreitet, machte Spaß, und nein, ich räsonniere hier nicht darüber, ob dieser Satz ernst gemeint ist, was immer das heißen mag. Die schütter besetzten Publikumsreihen schafften es, einen Beifall zu erzeugen, als wäre der Saal voll.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Gestern Abend im kleinen Saal des Konzerthauses: Das Apollon Musagete Quartett aus Polen!
      Auffallend: Das Quartett spielt im Stehen (natürlich nicht der Cellist), nicht wie gewöhnlich im Halbkreis, sondern in gerader Linie an der Bühnenrampe direkt zum Publikum hin blickend.

      Auf dem Programm stand zunächst Haydns "Kaiserquartett". Der Kopfsatz und der Variationensatz kamen federnd leicht und äußerst sensibel zu Gehör. Die vier Musiker bewiesen sich als Meister der filigranen und leisen Töne. Dann und besonders im Schlussatz legten die Herren an Drive zu. Das Finale erinnerte schon fast an Beethoven ...
      Neu für mich war das daran anschließende 3. Streichquartett von Krzysztof Penderecki "Blätter eines nicht geschriebenen Tagebuchs" aus dem Jahr 2008. Eine überraschend melodische und publikumswirksame Musik, in einem Satz durchkomponiert. Teilweise sentimental, dann wieder fetzig und dramatisch. Zeitweise fühlte ich mich an die Filmmusik zu einem amerikanischen 50er-Jahre-Melodrama erinnert. Die CD (*) steht jetzt auf meiner Wunschliste ...
      Nach der Pause ging es ungewöhnlich weiter mit zwei Chopin-Etüden in Bearbeitung für Streichquartett (op. 10/3 und op. 25/7). Hätte nicht unbedingt sein müssen ... Wahrscheinlich waren diese als vorweggenommene Zugaben gedacht, um dem letzten Werk des Abends nicht die Wirkung zu nehmen: Mendelssohns Streichquartett a-moll op. 13. Auch dieses erklang, ähnlich wie das Haydn-Quartett, mit virtuoser aber trotzdem feinfühliger Leichtigkeit. Das Publikum war begeistert, es gab Bravorufe, Standing Ovations und einen langen herzlichen Schlussapplaus.

      :verbeugung1:

      (*) Das 3. Quartett von Penderecki gibt es auf dieser CD: [ am]B00KIW23IC[/am]
      "http://www.apollon-musagete.com/"
    • Lange Zeit hat hier keiner was 'reingeschrieben. Man könnte meinen, es wäre in der Hauptstadt musikalisch nichts los. Ich selbst streue Asche auf mein Haupt und gelobe Besserung ...

      Zum Berichten gibt es vom Konzert des City of Birmingham Symphony Orchestra am vergangenen Donnerstag, welches mit seiner Chefdirigentin Mirga Gražinytė-Tyla (fragt mich nicht, wie man das ausspricht ...) in der Philharmonie zu Gast war.

      Der Abend begann mit dem Klavierkonzert Nr. 2 in B-Dur op. 83 von Brahms mit Rudolf Buchbinder als Solisten. Musiziert wurde natürlich auf hohem Niveau, schön sensibel ausbalanciert; trotzdem empfand ich die Aufführung, über die es kaum etwas Negatives zu sagen gibt, eher als routiniert und - bei aller Wertschätzung - ein wenig langweilig. Haften geblieben ist bei mir der wunderbare Moment mit dem Cello-Solo im dritten Satz, der besonders gefühlvoll und ergreifend zu Gehör kam.

      Nach der Pause gab es Musik aus Peter Tschaikowskys Nussknacker-Ballett. Zur Aufführung kam nicht die Konzertsuite, von der man glaubt, bereits jede Note zu kennen, sondern einzelne Nummern aus der Ballettmusik, die nicht so geläufig, aber trotzdem hörenswert sind. Es fehlten die bekannten folkloristischen Tänze, leider auch der Blumenwalzer, meine Lieblingsnummer. Orchester und Dirigentin waren hier voll in ihrem Element. Das Ballett vermisste man kaum, denn Mirga Gražinytė-Tyla selbst lieferte mit ausladenden Dirigierbewegungen und Luftsprüngen genügend tänzerische Einlagen. Für die einzelnen Instrumentengruppen im Orchester gab es zahlreiche Gelegenheiten, ihre virtuosen Fähigkeiten publikumswirksam unter Beweis zu stellen - und diese wurden bravourös ausgekostet.

      Das Orchester und seine Chefdirigentin haben sich an diesem Abend zahlreiche Sympathiepunkte bei den Zuhörern erspielt. Es gab einen sehr langen Schlussapplaus und etliche Bravorufe. Wenn Mirga Gražinytė-Tyla auf ihrer Stelle als Nachfolgerin von Simon Rattle und Andris Nelsons nun auch noch überzeugende Interpretationen aus dem symphonischen Repertoire liefert, dann könnte dies der Beginn einer großen Karriere sein ...

      Meine Meinung:
      :clap:
    • "Diese jungen Ensembles können heutzutage keine Klassik mehr richtig spielen ..."

      Jerusalem Quartett am 10. Januar 2019 im Berliner Konzerthaus

      Eines vorweg: Mir hat's sehr gut gefallen. Eine in meiner Nähe sitzende ältere Dame schien jedoch - nach den deutlich wahrgenommenen Gesprächsfetzen mit ihrer Begleitung - an diesem Abend schrecklich zu leiden. Es begann bereits damit, dass sich die besagte Dame über den Auftritt der vier Musiker in grauen Anzügen echauffierte. Es sei ein Affront gegenüber dem Publikum, wenn nicht auch die Ausführenden angemessen festlich gekleidet wären ...

      Auf dem Programm standen vor der Pause das Quartett in A-Dur op. 18 Nr. 5 von Beethoven und das Quartett in g-moll op. 10 von Debussy. Das Jerusalem Quartett spielte diese Werke jeweils mit einem kräftigen "orchestralen" Sound. Dies nicht nur in den Ecksätzen, sondern auch in den langsamen Sätzen mit ihren lyrischen Stellen. Böse Zungen könnten hier von Effekthascherei sprechen. Trotzdem ging das Feingefühl in den richtigen Momenten nicht verloren. Besonders eindrucksvoll fand ich die Darstellung des zweiten Satzes des Debussy-Quartetts. Hier ließen es die vier Herren so richtig fetzig rocken. Bereits für die erste Hälfte des Konzertes gab es seitens des Publikums kräftigen Applaus und lautstarke Bravorufe, nicht jedoch von meiner Nachbarin, welche die Darbietungen äußerst schrecklich fand. "Diese jungen Ensembles können heutzutage keine Klassik mehr richtig spielen", hörte ich sie zu ihrer Begleitung sagen.

      Nach der Pause gab es noch "so ein grauenhaftes modernes Zeug", nämlich das Streichquartett Nr. 2 A-Dur von Schostakowitsch. Hier war das Jerusalem Quartett hundertprozentig in seinem Element und konnte seine Virtuosität effektvoll und publikumswirksam ausspielen. Immer wieder schön: Die Schlussakkorde des letzten Satzes (eine meiner liebsten Gänsehaut-Stellen), die ich noch nie so intensiv erlebt habe - großartig. Während der überwiegende Teil des Publikums auch zum Ende des Konzerts nicht mit lautstarkem Beifall sparte, war meine Nachbarin Gottseidank von ihren Leiden erlöst.

      Meine Meinung:
      :thumbup: