Konzerte in Berlin

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    • Den Sokhiev musste ich wegen der lieben Arbeit allein musizieren lassen. Ärgerlich, aber ich bin zuversichtlich, ihn an gleicher Stelle noch hören zu können.

      So war mein frischester Konzertbesuch folgender:

      Die Berliner Philharmoniker mit Christian Thielemann und als Solist Albrecht Mayer.

      Auf dem Programm das Oboen-Konzert von Strauss sowie die 4. Bruckner.

      Zunächst: Thielemann wird beliebter in der Philharmonie. Das wird nicht zuletzt daran liegen, dass er bekannter wird, sein Name häufiger fällt. Jedenfalls war das Haus pickepakevoll, was in früheren Zeiten bei Thielemann-Gastdirigaten nicht durchgängig der Fall war. Zudem ist die Resonanz eine freundlichere geworden. Aber was heißt schon freundlich? Am Ende applaudiert das Orchester, das Publikum steht, Thielemann wird noch mal allein rausgeklatscht. Inwieweit das durch außermusikalische Umstände gemacht ist, vermag ich nicht zu sagen. Für den Bruckner war es meines Erachtens aber auch verdient.

      Zu Anfang also Strauss. Mir sagt sein Oboen-Konzert nicht so viel. Insofern bin ich bestimmt ungerecht, wenn ich feststelle, dass mich das zeitweilig irgendwie an Filmmusik erinnerte (zu einem Film, den ich eigentlich nicht sehen möchte). Die Musik fließt, gewiss, und hat dabei auch etwas Rätseliges, schon weil es so aus der Zeit (1945/1948) gefallen scheint, aber ich fühle mich nicht angesprochen - also ein subjektives Problem. Mayer und seine Kollegen harmonieren fraglos. Mit dem Namen Mayer verknüpft sich aber mein zweites Problem mit diesem ersten Teil des Konzerts: Mayer, den ich sonst sehr gern höre, kam wie ein dermaßen selbstverliebter Fatzke rüber, dass ich ernsthaft genervt war. Seine Feststellung - vor der eilfälligen Zugabe -, dass er froh sei, dass wir in der Philharmonie seien statt "Deutschland sucht den Superstar" zu gucken, war etwas daneben (Zielgruppe?). Dann die Zugabe, Bach-Sinfonia, für mein Empfinden karajenesk, so nicht meine Sache.

      Dann der Bruckner, den ich schon lange nicht mehr gehört hatte. Ein schönes, intensives Wiederhören. So viele Details und dennoch ein - immer wieder unterbrochener und doch im Ganzen erkennbarer - Spannungsbogen. Erstaunliche Steigerungen, die trotz aller Kraft, die ihnen schon im ersten Satz zukommt, tatsächlich im Finale einen echten Höhepunkt erfährt. Thielemann agierte da unglaublich sicher, und so eben das Orchester, dem es offenkundig Freude bereitete, in jenem Moment an jener Stelle zu sitzen. Dabei wurde es keine selbstgefällige Spiegelei, sondern in all seinen Brüchen ein ungemein spannendes Erlebnis. So hatte ich das Gefühl, dass diesmal auch das Publikum gleichsam auf der Stuhlkante zu sitzen schien. Verdiente Anerkennung für alle Beteiligten (Stefan Dohr, Solo-Hornist!).

      Am Freitag dann schon mein nächster Thielemann-BPhil-Abend: Mit der Pathétique, den Nocturnes von Debussy (!) sowie den Poemes pour mi von Messiaen (!!). Na, da bin ich mal gespannt.
    • Nun der Nachtrag vom Freitagabend:

      Thielemann - mal fernab des deutschen Repertoires. Zu Beginn die "Nuages" von Debussy, darauf die "Poemes pour mi", schließlich die Pathetique von Tschaikowsky.

      Wieder rappelvoll, wieder sehr viel Applaus, wenngleich ich auch dies als weniger intensiv empfand als am Montag.

      Debussy: Der erste Eindruck war gut; das klingt schon in etwa so, wie ich mir das vorstellen möchte. Kleines Problem: Ich kann Thielemann dabei nicht angucken; das passt nicht überein, optisch. So grobmotorisch, wie er da herumdirigiert, ist mir die Diskrepanz zu den lichten Klängen zu groß. Insgesamt denke ich, dass das Sehnen und Drängen bei Debussy gut rüberkommt, wenn es sphärisch-schwebend sein soll oder tänzerisch leicht, sagt mir diese Interpretation weniger zu. Namentlich im dritten Teil, den "Sirenes", sind mir die Streicher "zu dicke" (ja, von mir aus auch:zu teutonisch), das Schwebende geht da endgültig perdu.

      Messiaen: Da war ich fast am gespanntesten. Dann die Ansage von Thielemann im leicht berlinernden, kräftig jovialen Idiom, dass es zu einer Überlänge des Konzerts führte, würde man alle neun Teile zu Gehör bringen. Deshalb nur die Nummern 1, 4, 8, und 9. "Die schönsten", verspricht Thielemann. Jane Archibald hat einen wirklich dramatischen Sopran, der sich vom Orchester durchaus nicht unterkriegen lässt. Und als sie dann zur Zugabe (#8) aufs Podium tritt, verliert sie einen ihre High Heels - und schleudert den zweiten vom Fuß. Ohne Schuhe singt sie aber - zum Glück - auch nicht anders als mit Schuhen. Schön jedenfalls ist das alles; wenn man möchte, darf man hier anfügren: aber auch nicht mehr.

      Tschaikowsky: Die Pathetique ist jetzt nicht meine absolute Lieblingssymphonie. Der Bruckner gelang am Mntag jedenfalls intensiver. Immerhin haben einige Leute nach dem dritten Satz geklatscht (das also hat geklappt), Thielemann brachte aber derlei Beifallsbekundungen mit einer knappen Handbewegung zum Verstummen. So richtig viel bleibt mir am Ende von der Pathetique nicht hängen. Es klangt gut, die Klarinette und auch Mayer an der Oboe ragten für mich heraus.

      Ich weiß nicht recht, ob es darum ging, zu zeigen, dass Thielemann eben auch "so etwas" kann. Vermutlich. Kann er es denn? Ich bin mir nich sicher.

      :wink:
    • Tja, dann liefere ich auch mal nach und breche das Schweigen.
      Selbstredend war ich bei Sokhiev und nicht diesem anderen Dirigenten, der mit dem IQ eines legasthenischen Kapuziner-Äffchens und der Ausstrahlung eines auf Koks befindlichen Klötenbärs.
      Wie auch immer: dieses Konzert war - und diese Symbiose aus Schrift und Inhalt sei mir gewährt - GRANDIOS. :D
      "Gar nichts erlebt. Auch schön." (Mozart, Tagebuch 13. Juli 1770)
    • Wulf schrieb:

      Selbstredend war ich bei Sokhiev und nicht diesem anderen Dirigenten, der mit dem IQ eines legasthenischen Kapuziner-Äffchens und der Ausstrahlung eines auf Koks befindlichen Klötenbärs.
      Bezieht sich das jetzt auf die höchst lesenswerte Thielemann-Rezension, die Ekkehard geschrieben hat? Ach Du meine Güte :shake:
      Information ist nicht Wissen, Wissen ist nicht Weisheit, Weisheit ist nicht Wahrheit, Wahrheit ist nicht Schönheit, Schönheit ist nicht Liebe, Liebe ist nicht Musik. Musik ist das Beste.
      (Frank Zappa)
    • Lieber Wulf,

      hab vielen Dank für deinen Konzertbericht zum jüngsten Sokhiev-Dirigat in der Hauptstadt. Da bedaure ich natürlich doppelt, nicht dabei gewesen sein zu können.
      Im Übrigen hätte es mich wohl weniger überraschen müssen, dass offenbar schon die Nennung des Namens Thielemann dich zu Beleidigungen verleitet, die ich in diesem Forum für verzichtlich hielt. Für diese Provokation meinerseits kann ich natürlich nur um Entschuldigung bitten. Ich gelobe Besserung.
    • Ekkehard schrieb:

      Lieber Wulf,

      Ich gelobe Besserung.
      Lieber Ekkehard,

      ich bitte darum. :P
      Ach komm schon, Ekkehard. Du kennst mich. Und beleidigt habe ich den Thielemann gar nicht. Das war eine ganz sachliche Beschreibung. :rolleyes:
      Aber um mein Urteil ein Stück weit zu überprüfen, habe ich etwas Thielemann im Internet gehört.
      Und siehe da: es gab schöne Momente, z.B. in einer Darbietung der Egmont-Overture, die aber leider sofort durch in meinen Ohren grotesk bis albern daher kommende Stellen konterkariert wurden.
      Na ja.
      Ich bin auch a bisserl enttäuscht, dass wir uns nicht gesehen haben und Du dich für das schon programmtechnisch Uninteressantere entschieden hast :P

      In der Hoffnung, dass Du verzeihst
      Wulf
      "Gar nichts erlebt. Auch schön." (Mozart, Tagebuch 13. Juli 1770)
    • Takacs-Quartett am 08.05.12 im Konzerthaus am Gendarmenmarkt

      Seit dem vorgestrigen Abend im Konzerthaus hat das Takacs-Quartett mindestens einen neuen Fan - und zwar mich.

      An der Interpretation von Haydns Quartett op. 64 Nr. 5 (Lerchenquartett) zum Beginn des Konzerts hat mir besonders gut die gelungene Ausgewogenheit zwischen Ernsthaftigkeit und einer heiter-gelösten Stimmung gefallen. Diese Musik hat es einfach nicht nötig, auf witzig getrimmt oder gar gegen den Strich gebürstet zu werden. Zu hören war eine klangschöne und ausgewogene Interpretation, die auf mich ungekünstelt und stimmig wirkte.

      Zu Janaceks Streichquartett Nr. 2 (Intime Briefe)] hatte ich bisher keinen richtigen Zugang, weil ich das Werk für sperrig und verschlossen hielt. Möglicherweise habe ich immer nur die falschen Interpretationen gehört. Jedenfalls hat mir die Aufführung des Takacs-Quartetts zum ersten Mal vermittelt, um was für eine wunderbare Musik es sich hier handelt. Auch hier brachte das Takacs-Quartett eine überzeugende Interpretation zu Gehör, mit einer schlüssigen Balance zwischen den lyrischen Stellen und den expressiven Ausbrüchen.

      Gleiches galt für das letzte Werk in diesem Konzert, dem Quartett F-Dur von Ravel. Hier standen besonders die abwechslungsreichen Klangfarben im Vordergrund.

      Nach der Pause wendete sich der Cellist Andras Fejer mit ein paar persönlichen Worten an das Publikum. Obwohl das Takacs-Quartett nunmehr bereits seit 35 Jahren gemeinsam musiziere, würde sich, so Fejer, längst keine Routine einstellen. Dafür seien die gespielten Meisterwerke zu vielschichtig. Immer wieder würden bei den Proben neue Ideen eingebracht werden, so dass sich auch die Sichtweise der Musiker auf bestimmte Details immer wieder verändern würde.

      Als Publikum bekommt man so etwas kaum mit. Auf mich machten die Interpretationen jedenfalls einen so ausgereiften Eindruck, dass ich mir in dem Moment nichts anderes vorstellen konnte.

      Mit einer Zugabe, dem langsamen Satz aus dem Streichquartett von Debussy, bedankte sich das Quartett für den lange anhaltenden Applaus und die Standing Ovations.

      Viele Grüße
      Frank
    • Zwei Termine gibt es noch (Mittwoch und Sonntag, jeweils 17 Uhr), wer kann, sollte hingehen: Die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle widmen sich der Walküre. Und wie!

      Wenn ich zurückblicke, kann man von einer guten, einer interessanten Saison 2011/2012 der BPhil sprechen. Die Walküre ist (noch) nicht deren Abschluss, aber ein weiterer Beleg für die Qualität des zuletzt hier Gezeigten/Gehörten.

      Also. Wagner konzertant in der Philharmonie ist ja nicht zuletzt dank Janowski/RSO ein bekanntes Konzept. Nun also die "Hausherren". Es war ein Abend, der niemanden kalt oder unberührt ließ. Die BPhil scheuten keine Extreme, bildeten vom nahezu Unhörbaren bis zum ekstatischen Ausbruch alles ab, was Wagner in Noten gesetzt hatte. Da war es auch kein Problem, dass die konzertante Aufführung zwangsläufig etwas Abstraktes hat. Die knapp fünf Stunden (samt Pausen) vergingen uns zumindest wie im Flug - gleichwohl lichteten sich die Reihen ein wenig mit wachsender Aufzugzahl.

      Rattle kostete mit seinen Musikern aus, was auszukosten war. Das geriet nicht geschmäcklerisch, das war in jedem Falle bewegend, das Musikdrama kam zur vollen Geltung. Das Orchester für mein Empfinden sehr präzise, ohne kalte Perfektion zu versprühen, sondern stets auf dem Sprung, emotional hellwach. Die Soli von Klarinette (Wenzel Fuchs), Englischhorn (Dominik Wollenweber), Cello (Ludwig Quandt)!

      Die Sänger. Christian Elsner gab den Siegmund; nun ist er keine heldenhafte Erscheinung, verfügt aber über einen ungemein schönen, lyrischen Tenor; manchmal fehlte mir etwas Wucht, aber er wurde im Laufe des Abends (wie eigentlich alle Sänger) immer besser, überzeugender. Eva-Maria Westbroek als Sieglinde war sicher und mitreißend zugleich, teilweise fast schon zu laut (gut, wir saßen in "A", hätten wir weiter weg gesessen, hätte das vermutlich anders gewirkt). Evelyn Herlitzius war eine kämpferische, fast wilde, zudem fast kindlich-verletzliche Brünnhilde, die allerdings über eine vielfach nahezu schrille Stimme verfügt. Terje Stensvold ein vor allem in der Höhe kraftvoller Wotan, der leider eine Neigung zum Näseln hat und eine unschönen Tendenz, sich fortdauernder Vokal-Verbiegungen ("a" stets wie "o") schuldig zu machen; als Erscheinung und in der Wirkung gleichwohl ein glaubhafter Göttervater. Lilli Paasikivi eine rundum überzeugende, zänkisch-unwiderlegbare Fricka, der Wotan letztlich nichts entgegenzusetzen hat. Mikhail Petrenko ein sonorer Hunding, der sich auch hin und wieder eine extremere vokale Gestaltung seines Parts erlaubte. Die Walküren schließlich schlicht ein schriller, wilder Genuss.

      Letztlich "Bravo!" im Saal, ausgiebiger Applaus, standing ovations, Sänger und Dirigent wurden nochmals allein herausgeklatscht. Ringsum strahlende Gesichter.

      So ist es doppelt bedauerlich, dass die Berliner ausgerechnet im kommendem (Jubiläums)Jahr nicht mehr konzertanten Wagner wagen. Immerhin, Rattle dirigiert im September an der Deutschen Oper einen kompletten Ring.
    • Huch, fast ein Jahr lang kein Konzertbericht aus der Hauptstadt hier? Das lässt sich ändern; zumal es diesmal auch ganz überhaupt nicht um Thielemann geht.

      Sondern um Andris Nelsons. Also um einen weiteren möglichen Rattle-Nachfolger. Nun kann man sagen, dass das eine (Konzert) mit dem anderen (Nachfolgerkür) wenig zu tun habe. Das glaube ich namentlich nach dem Konzertbesuch am Freitagabend jedoch nicht - das eine ist vom anderen nicht zu trennen. Mag es auch noch fünf Jahre bis zu Rattles Abschied dauern, so ist das Schaulaufen doch lange eröffnet.

      Nun also Nelsons, der neben Dudamel und Thielemann derzeit vielleicht am höchsten gehandelt wird. Der Freitagabend wurde zudem live in Kinos übertragen.

      Das Programm:

      Wolfgang Amadeus Mozart
      Symphonie Nr. 33 B-Dur KV 319

      Richard Wagner
      Ouvertüre zur Oper Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg (Dresdner Fassung)

      --- Pause ---

      Dmitri Schostakowitsch
      Symphonie Nr. 6 h-Moll op. 54


      Nelsons wie üblich in schwarz mit flatterweitem schwarzem Hemd - Bewegungsfreiheit ist ihm offenkundig sehr wichtig. Tatsächlich hüpft (bösere Variante: hampelt) er noch mehr als sein Mentor Jansons auf dem Podium herum. Hellwach wirkt er, und - wie sollte es anders sein - angespannt.
      Die Mozart-Symphonie kenne ich nicht, werde ich wohl auch demnächst nicht kennenlernen. Das klang irgendwie richtig, nicht dicklich (bei eher kammermusikalischer, kleiner Besetzung), nicht süßlich, war lebendig, bunt, auch kurzweilig, ließ mich gleichwohl eher kühl. Der ohnehin stets agile Nelsons lebte seinen Hang zum Überagieren leider aus - keine Phrase, die er nicht mit einer Hand in die Luft malen musste, kaum ein effektvoller Einsatz, den er nicht noch körpersprachlich betonen musste. Wäre ich Nelsons weniger gewogen, müsste ich ihm vorwerfen, dass er das Orchester an einer sehr, sehr kurzen Leine führte.

      Dann der Tannhäuser. Für mich der gelungenste und doch nicht gänzlich überzeugende Teil des Konzerts. Mein erster Lieblings-Wagner wird mich immer besonders ansprechen. Hier gefiel mir alles, was die Muskeln des Orchesters erforderte. Wenn's knallt, rummst, scheppert und fliegt, schien Nelsons mir am ehesten in seiner Wohlfühlzone unterwegs zu sein. Ansonsten war das Bemühen um Innigkeit und Intensität stets zu bemerken, allerdings wurde es (bei mir) nicht immer erreicht.
      Kaum war die letzte Note verklungen, wurden die Bravos in den Saal gerufen. So gesehen, war der Höhepunkt zur Pause erreicht.

      Danach die 6. Schostakowitsch. Nicht unbedingt meine Lieblingssymphonie aus seiner Feder. Der erste, verhaltene, introspektive Satz machte mir (wenig überraschend) weniger Freude als die fetzig-galoppierenden Sätze 2 und vor allem 3. Der Rezensent des Kulturradios lobt zudem, dass in den beiden letzten Sätze das Gewalttätige, Fratzenhafte gut herauskam - mir schien es heftig, aber wenig abgründig. Das liegt im Ohr des Zuhörers.

      Am Ende große Begeisterung, die allerdings relativ schnell abflaute.
      Beim Orchester fielen uns einige Intonationswackler und Ungleichheiten der Blechbläser auf. Schade, aber im Ganzen natürlich nur ausnahmsweise und nicht dramatisch. Holz, Schlagwerk und Streicher sehr überzeugend. Stabrawa, den ich sonst weniger schätze als Braunstein, gefiel mir im solistischen Part beim Tannhäuser sehr, schöner Ton.

      Was als ist mit Nelsons, hat er sich aufgedrängt? Für mich eher nicht. Ich denke aber dennoch, dass er der geeignetste (oder besser: der mir liebste) Kandidat ist. Diese Bewerbungssituation hat ihn für mein Empfinden jedoch ein wenig zu sehr unter Druck gesetzt. (Ich hatte auch das Gefühl, dass einige Besucher der umgehend ausverkauften drei Konzerte gekommen waren, um sich den neuen Chefdirigenten anzusehen. Bei gut 2500 Besuchern ist es schwer zu sagen, aber ich hatte den Eindruck, weniger bekannte Gesichter zu erkennen als sonst.)

      Wenn ich es mir recht überlege, denke ich, dass derzeit einige Dirigenten auf eine Art Überwältigungsstrategie setzen, zumal bei den gängigeren Werken. Bei Rattle ist es ein häufig durchaus brachialer Wechsel von leise zu laut zu ohrenbetäubend. Bei Thielemann sind es Generalpausen und zügige bis flotte Steigerungen. Bei Nelsons eine große Lebendigkeit, vielleicht auch Feurigkeit.
      Bezogen auf Nelsons: Ist das immer angemessen? Schon. Ich habe ihn zuletzt mit Heldenleben, La Valse oder jetzt eben der 6. Schostakowitsch gehört. Da passte das.

      Eine Nebenwirkung der unausweichlichen Nachfolgediskussion: Rattle kann nun befreiter agieren. Lutoslawski, Dutilleux - schön, dass man das dank Rattle in der Philharmonie hören kann. So hat alles sein Gutes.

      :wink:
    • Philharmonie, Kammermusiksaal, 05.11.2013

      Tetzlaff Quartett:
      Christian Tetzlaff, Violine
      Elisabeth Kufferath, Violine
      Hanna Weinmeister, Viola
      Tanja Tetzlaff, Violoncello
      Arcanto Quartett:
      Antje Weithaas, Violine
      Daniel Sepec, Violine
      Tabea Zimmermann, Viola
      Jean-Guihen Queyras, Violoncello

      So etwas gibt's nicht alle Tage: Zwei prominente Quartettformationen spielen gemeinsam Streichoktette. Ein Pflichttermin für alle, die ernsthaft an Kammermusik interessiert sind. Dementsprechend war der Kammermusiksaal gestern zwar nicht ausverkauft, aber dennoch sehr gut (mit erstaunlich viel jungem Publikum) besucht. Auf dem Programm des Konzerts des Tetzlaff Quartetts und des Arcanto Quartetts standen Zwei Stücke für Streichoktett op. 11 von Dimitri Schostakowitsch, das Oktett Es-Dur op. 20 von Felix Mendelssohn Bartholdy, sowie George Enescus Oktett C-Dur op. 7. Es braucht ja wohl gar nicht mehr erwähnt werden, dass die mitwirkenden Musiker als anerkannte und souveräne Solisten auf ihren Instrumenten allesamt über allen technischen Fragen erhaben sind.

      Mit seinem 1825 geschriebenen Oktett hat Mendelssohn als Sechzehnjähriger die Gattung des Streichoktetts gewissermaßen erfunden. Eine hübsche, äußerst virtuose Komposition, an dem das Ensemble seine Spielfreude ausgiebig zur Schau stellen konnte. Bereits bei diesem Werk sprang der Funke der Begeisterung spürbar auf das Publikum über.

      Den größten Brocken des Abends stellte jedoch Enescus fast dreiviertelstündiges Oktett dar. Es ist ebenfalls noch ein Jugendwerk. Enescu schrieb es im Alter von 19 Jahren. Das Oktett besteht aus vier Sätzen, die ohne Unterbrechung ineinander übergehen und in einem wahnsinnig fetzigen, aber zugleich auch raffiniert kontrapunktisch geschriebenen Walzer als Finale münden. Der Klang nimmt fast symphonische Dimensionen an, so dass man sich unwillkürlich fragt, ob das überhaupt noch Kammermusik ist. Schade, dass man dieses effektvolle und publikumswirksame Stück nicht öfters zu hören bekommt. Die Zuhörer im Kammermusiksaal waren jedenfalls hellauf begeistert und spendeten langanhaltende Bravo- und Jubelrufe. Ein wunderbarer Abend!

      Viele Grüße
      Frank
    • Konzerthaus, 13.03.2014

      Zehetmair Quartett
      Thomas Zehetmair, Violine
      Kuba Jakowicz. Violine
      Ruth Killius, Viola
      Christian Elliott, Violoncello

      Leoš Janáček Streichquartett Nr. 1 ("Kreutzer-Sonate")
      Franz Schubert Streichquartett Es-Dur op. post. 125 D 87
      Claude Debussy Streichquartett g-Moll op. 10

      Erster Gedanke beim Betreten des Konzertsaals: Irgendetwas ist heute anders. Es fehlt was, und zwar die Notenpulte. Das Zehetmair-Quartett spielt tatsächlich sein gesamtes Programm auswendig. Die vier Musiker sitzen ein wenig enger zusammengerückt als sonst. Ohne die Notenblätter als vermeintliche Barrieren kommt bereits optisch ein Gefühl von Innerlichkeit und Vertrautheit auf. Die Interaktionen zwischen den einzelnen Stimmen lassen sich sehr genau beobachten.

      Dazu passt der musikalische Eindruck. Das Zehetmair-Quartett legt ganz offensichtlich weniger Wert auf große Gesten und einen aufgebauschten orchestralen Klang. Auch dramatische Elemente und schroffe Gegensätze werden nicht übermäßig betont. Zur Geltung kommen beim Zehetmair-Quartett vielmehr die kleinen filigranen Details, so als würden die vier Musiker die Kompositionen wie kleine zerbrechliche Kunstgegenstände respektvoll und vorsichtig in die Hände nehmen und von allen Seiten genauestens betrachten.

      Die für das Programm ausgewählten Werke von Janacek, Schubert und Debussy boten dafür ein reichhaltiges und ergiebiges Material. Ein schönes Konzert ohne Effekthascherei, aber zum aufmerksamen und konzentrierten Hinhören, das mit einem herzlichen Applaus und zahlreichen lautstarken Bravo-Rufen endete.

      Frank :wink:
    • Ich war heute, sehr kurzentschlossen, in der Philharmonie mit Mahler 4. Ich habe es nicht bereut. Die Sopranistin hat mir mit ihrer eher zurückhaltenden denn kecken Interpretation gefallen. Aber auch unzählige Instrumentalisten beeindruckend. Viel Einzelapplaus für die Solisten, ein Sturm für den 1. Hornisten. Aber auch Oboe, Klarinette, Englischhorn, Flöte, Trompete, Harfe, und natürlich für den 1. Violinisten mit seiner "verstimmten" Geige.

      maticus
      Bartolo hatte Recht. --- Andreas März
      This is Bartolo, King of the King of Wines. --- Alan Tardi
    • Wir waren gestern auch wieder mal in der Philharmonie. Auch ich habe das Kommen nicht bereut. Restlos begeistert war ich allerdings nicht.

      Zunächst stand ja ein Flötenkonzert des heutzutage großflächig vergessenen Carl Reinecke (1824-1910) auf dem Programm. Man sagt vermutlich nichts Falsches, wenn man die Wahl dieses Werks mit der Tatsache verknüpft, dass der großartige Solo-Flötist Andreas Blau 65 wird (seit 45 Jahren als Solo-Flötist bei den BPhil!). Diesen Auftritt hat er auf jeden Fall verdient. Mit seiner Zugabe (Debussy, ich glaube "Nuages" aus den Nocturnes) zeigt er, was man vielleicht besser als Programm hätte wählen können, aber egal. Blau schlägt vor allem auch aus dem Orchester viel Herzlichkeit entgegen, Meyer und Pahud überreichen selbst Blumensträuße, viel Beifall.

      Nézet-Séguin. Jeder Dirigent, der hinreichend jung und damit zukunftsversprechend wirkt, wird in Bezug auf seine Chefdirigenten-Fähigkeit abgeklopft. Eine Art Schaudirigieren. Der Frankokanadier kommt wieder als freundliches Energiebündel daher und zeigt, wie viel Spaß ihm das Dirigeren der BPhil macht. In Mahlers 4., die mich beim jüngsten Mahler-Zyklus von Rattle noch am wenigsten überzeugte, hatte Nézet-Séguin erkennbar (Proben-)Arbeit gesteckt. Viele Details werden offenbart, das Zusammenspiel gelingt, die Virtuosen (Meyer, Pahud, Stabrawa, Tarkövi, vor allem der Hornist Dohr) brillieren. Auch die Sopranistin Christane Karg überzeugt. Dennoch fehlte mir etwas der rote Faden, der Gedanke, der die vier Sätze - die jeder für sich zweifellos hervorragend musiziert waren - zusammenhält, verbindet.

      Bei mir läuft gerade diese Aufnahme:



      Wenn man so will, kann man bei Abbado hören, was bei Nézet-Séguin fehlte.

      Und zur Nachfolger-Frage: Nelsons und Dudamel bleiben meine Favoriten; auf weitere Dirigate Nézet-Séguins freue ich mich.
    • Lieber Ekkehard,

      schön, dass Du meinen Kurzbericht ergänzt hast; auf dem Smartphone tippe ich ungern, hätte aber es sonst noch nachgeholt.

      Deiner Namensliste ausgezeichneter Solisten schließe ich mich an, möchte aber unbedingt noch Wenzel Fuchs hinzufügen.

      Ich bin zugegebener Maßen extra ob der Mahler Sinfonie ins Konzert gegangen. Ich war schon ziemlich begeistert, den roten Faden habe ich nicht vermisst.
      Ich kenne den Dirigenten Nezet-Seguin ansonsten nicht. Zumindestens beim Mahler hat er eine sehr gute Figur gemacht, so dass man sich mehr von ihm wünscht.

      maticus
      Bartolo hatte Recht. --- Andreas März
      This is Bartolo, King of the King of Wines. --- Alan Tardi
    • Ich kann in "http://www.kulturradio.de/rezensionen/buehne/2014/philharmonie-Yannick-Nezet-Seguin.html

      dem Rezensenten nicht folgen. Weder kann ich die Auffassung teilen, Ironie sei DER Grundgedanke Mahlers Vierter, noch kann ich zustimmen, dass diese in der Aufführung zu kurz gekommen sei, und erst recht nicht, dass sie erst von der Sopranistin eingebracht worden sei (und damit die Aufführung "gerettet" habe). Die Besserwisserei des Rezensenten gipfelt in dem Satz
      Fast ist er [der Dirigent] Gustav Mahler ein bisschen zu sehr gefolgt.


      maticus
      Bartolo hatte Recht. --- Andreas März
      This is Bartolo, King of the King of Wines. --- Alan Tardi
    • Ich verstehe den von dir zitierten Rezensenten offenbar besser als du.
      Nehme ich die heutzutage wohl herrschende Auffassung, dass die 4. ein großes "Als-Ob" ist, dann vermisse ich in Nézet-Séguins Interpretation schon etwas. Denn er setzte für mein Empfinden zwar sehr genau die dynamischen Vorgaben Mahlers um, doch fehlte mir die grundsätzliche Haltung, dass alles auch ganz anders sein könnte, als es scheint - das Doppelbödige, wenn man es so formulieren will.

      Ich stimme dir aber zu, dass ich auch nicht fand, dass Christiane Karg die Symphonie "gerettet" hätte. Nézets-Séguins Interpretation war für mein Empfinden auch keineswegs verunglückt, es fehlte mir jedoch eine Ebene darin, die ich beispielsweise bei Abbado finde; eine zugegebenermaßen wichtige Ebene, wie ich finde.
    • Berliner Philharmoniker / Dudamel - Birtwistle, Mahler (14.6.14)

      Mariss Jansons, der dieses Programm ursprünglich dirigieren sollte, hatte schon vor Wochen krankheitshalber abgesagt. Es sprang ein: Gustavo Dudamel, den ich vor 8-10 Jahren gelegentlich mit den Bamberger Symphonikern erlebt hatte (die Initiation seiner Karriere war der Gewinn des Bamberger Gustav-Mahler-Dirigentenwetbewerbs 2004). Dudamels Dirigierstil ist nicht mehr so temperamentvoll-ausgreifend wie früher. Er agiert mit kontrollierter Gestik, manchmal fast statisch, nur an zwei, drei Stellen kommt es ansatzweise zu den tänzerischen Luftsprüngen von früher.

      Das Hauptwerk des Abends (bzw. Nachmittags) war Mahlers Dritte. Es gelang eine hervorragende Interpretation des ersten Satzes: die grotesken und vulgären Elemente waren voll präsent und kontrastierten wirkungsvoll mit wunderschönen Instrumentalsoli. Fantastische Abstimmung der verschiedenen Instrumentalgruppen. Das Zerklüftete, Bedrohliche kam vielleicht minimal zu kurz. Wunderschön, mit angedeuteten, aber nie wirklich ausgekosteten Rubati der zweite Satz. Etwas zu handfest für meinen Geschmack der dritte Satz, bei dem ich die Posthornepisoden klanglich misslungen fand: das Instrument ertönte nicht "wie aus weiter Ferne", sondern ziemlich präsent und klangsatt - als stünde der Solist direkt auf der Empore. Sehr schade. Sehr diskretes Orchester beim Nietzsche-Satz - vor diesem Hintergrund agierte Mezzosopranistin Gerhild Romberger etwas zu bräsig (O Mensch! immer in gleicher Lautstärke), während Albrecht Mayer schon fast zu genüsslich seine Oboenportamenti zelebrierte. Eher unauffällig der Wunderhorn-Satz mit zurückgenommenem instrumentalen und vokalen Glockengeläut, einem guten Kinderchor (Staats- und Domchor Berlin) und den hervorragenden Damen des Rundfunkchors Berlin. Zum Dahinschmelzen die Klangpalette der Streicher im Finale, großartig die Steigerungen, nur am Schluss waltete bei den Pauken doch eher die "rohe Kraft" statt des geforderten "edlen Klangs". Insgesamt eine vor allem dank des Orchesters großartige Aufführung. Begeisterter Beifall.

      Zu Beginn gab es (ohne Dirigenten) Harrison Birtwistles fünfminütiges Stück Dinah and Nick's Love Song für drei Melodieinstrumente und Harfe. Man hatte sich für Englischhörner als "Melodieinstrumente" entschieden: Albrecht Mayer und die Harfenistin auf dem Podium, die beiden anderen Holzbläser auf den hinteren seitlichen Emporen. Über der Grundierung der Harfe spielten die Englischhörner reizvolle melismatisch-dissonante Verschlingungen. Was bei Mahlers Posthorn nicht gelang, funktionierte hier: den Raumklang von Scharouns Philharmonie auszunutzen.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Zwielicht schrieb:

      Etwas zu handfest für meinen Geschmack der dritte Satz, bei dem ich die Posthornepisoden klanglich misslungen fand: das Instrument ertönte nicht "wie aus weiter Ferne", sondern ziemlich präsent und klangsatt


      Ich war gestern Nachmittag drin (3. Aufführung). Block C.
      Von dort aus klang es, wie es klingen sollte. Vielleicht liegt's also am Platz, vielleicht haben sie den Flügelhornisten auch verschoben, den Armen, der am dritten Tage wahrscheinlich schon etwas abgespielt war und ob zweier Kiekser augenscheinlich etwas zerknirscht zum Schlussapplaus erschien.
      Ansonsten schließe ich mich insgesamt Deiner Rezension an.
      Zu erwähnen vielleicht noch die Glissandi der Oboen-Instrumente. Chapeau dafür.
      Beeindruckt hat mich auch Dudamels äußerst präzise Schlagtechnik. Hatte irgendwie eine südamerikanische Ruderregatta erwartet.
      "...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms
    • audiamus schrieb:

      Ich war gestern Nachmittag drin (3. Aufführung).


      Ja, ich auch. ;+)

      audiamus schrieb:

      Block C. Von dort aus klang es, wie es klingen sollte. Vielleicht liegt's also am Platz, vielleicht haben sie den Flügelhornisten auch verschoben, den Armen, der am dritten Tage wahrscheinlich schon etwas abgespielt war und ob zweier Kiekser augenscheinlich etwas zerknirscht zum Schlussapplaus erschien.


      Ich saß in Block B, etwas rechts von der Mitte. Für mich muss "wie aus weiter Ferne" anders klingen, irgendwie mehr so rübergeweht, fast eher erahnt als gehört (ideal war's bei Petrenkos Dirigat im Januar im Münchner Nationaltheater, auf Tonträgern bei Abbados Wiener Aufnahme - da war auf meiner LP bzw. meinem Plattenspieler das Knistern fast lauter als das Flügelhorn).

      Ich glaube, ich habe bisher nur eine einzige Aufführung der Dritten mit Posthornsolo ohne Kiekser gehört: das war 2007 in Luzern (Abbado/Lucerne Festival Orchestra) mit Hannes Läubin vom Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks.

      Bezüglich Dudamels Schlagtechnik: Absolut, hat mich auch beeindruckt!


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)