Henze: "Elegie für junge Liebende" - Aalto-Theater Essen, 24.04.2010

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    • Henze: "Elegie für junge Liebende" - Aalto-Theater Essen, 24.04.2010

      Rund 50 Jahre nach der Uraufführung in Schwetzingen 1961 konnte nun die Essener Oper eine Erstaufführung der „Elegie für junge Liebende“ von Hans-Werner Henze vermelden. Es ist der Beitrag des Opernhauses Essen zu einer Werkschau des nunmehr 83-jährigen Komponisten, die sich über das gesamte Jahr 2010 zieht und die Vielfalt der Kompositionen von Hans-Werner Henze in wohl einmaliger Form abzubilden versucht.

      Hört man heute die Musik der „Elegie für junge Liebende“ fällt einem vielleicht stärker als in früheren Jahren auf, wie sehr sich Henze an klassischen Formen der Oper orientiert hat. In bester Belcanto-Manier zwitschert eine Koloratursopranistin in stratosphärischen Höhen, als gälte es, die Lucia di Lammermoor zu einem neuen Leben zu erwecken und auch der Tenor hat mehrfach Gelegenheit, italienischen Schmelz zu präsentieren. Buffoneskes fehlt genauso wenig, wie Anklänge an Tanzmusik. Das Orchester ist im Streicher- und Bläserapparat klein besetzt, ungewöhnlich sind nur die 6 Schlagwerker und vielleicht die beiden Tasteninstrumente. Um dies gleich vorweg zu nehmen: Noam Zur dirigiert seine kleine Gruppe mit Engagement und Präzision, er bringt die effektvolle Musik von Henze mit Verve zum klingen und sorgt für einen insgesamt guten Kontakt zur Bühne. Es macht Spass, diese Oper einmal wieder live erleben zu dürfen.

      In der „Elegie“ trifft sich eine Hand voll Menschen im Berggasthof „Der schwarze Adler“. Im Mittelpunkt steht der eitle, selbstgefällige Dichter Gregor Mittenhofer, der sich neue Inspirationen von den Verlautbarungen der wahnsinnigen Hilda Mack erhofft. Hilda hat vor 40 Jahren ihren Ehemann verloren. Dieser ist auf der Suche nach einem Edelweiss in den Bergen verschollen und nie zurückgekehrt.

      Dann sind da noch die junge Geliebte Mittenhofers, Elisabeth Zimmer, die sich in den Sohn des Arztes Wilhelm Reischmann, Toni, verliebt und die adlige Sekretärin von Mittenhofer, Carolina von Kirchstetten, die dem Dichter treu ergeben ist, ihm auch immer wieder finanziell unter die Arme greift, dafür aber von Mittenhofer oft demütigend behandelt wird.

      Zuerst scheint Mittenhofer vergeblich auf die Visionen von Hilda zu warten, aber dann beginnt diese doch, zu fantasieren, jedenfalls bis zu dem Moment, wo der Bergführer Josef Mauer berichten wird, dass die Leiche von Hildas Ehemann endlich gefunden wurde.

      Das junge Liebespaar, Elisabeth und Toni, beschliessen den Berggasthof zu verlassen, Mittenhofer bittet zuerst darum, dass Elisabeth bei ihm bleiben möge, entschliesst sich aber dann, einer Hochzeit zwischen Elisabeth und Toni zuzustimmen. Allerdings erwartet er eine letzte, wohlwollende Geste, die seine Kreativität beflügeln soll: die beiden sollen ihm ein Edelweiss pflücken gehen. Begeistert stimmen die jungen Leute zu und machen sich auf den Weg in die Berge.

      Als der Bergführer wegen eines aufkommenden Unwetters nach eventuellen Wanderern in den Bergen fragt, schweigt sowohl Mittenhofer, als auch seine Sekretärin. Elisabeth und Toni finden so in den Bergen den Tod.

      Bei einem Festakt anlässlich von Mittenhofers Geburtstag liest der Dichter sein neuestes Werk vor, eben jene „Elegie für junge Liebende“, die er heuchlerisch dem Andenken der Verstorbenen gewidmet hat. Zu hören sind nur Vokalisen: in die Bariton-Stimme des Dichters mischen sich wie ein fernes Echo der Sopran und der Tenor des Liebespaars.

      Karoline Gruber zeigt in ihrer Inszenierung des Henze-Stückes in Essen einen reichlich heruntergekommenen Berggasthof (Bühne: Roy Spahn, Kostüme: Mechthild Seipel), der von einer Holzsprossenwand umkleidet wird. Es ist kein realer Raum, im Hintergrund pendelt eine riesige Uhr (ihre Schläge sind komponiert), über der Bühne thront ein Adler, rechts davon steht ein überdimensioniertes Wetterhäuschen. In der Bühnenmitte eine Leinwand, die Projektionen ermöglicht.

      Zu Beginn ist die Bühne dunkel, man erkennt einzelne Details der Szenerie, u. a. auch zwei grosse Eier und eine zusammengekauerte Gestalt – es ist die im Hochzeitskleid steckende Hilda Mack.

      Das surreale, das unwirkliche, auch unheimliche hat Karoline Gruber an der „Elegie“ interessiert und im Verlauf der Handlung nehmen genau diese Elemente des unwirklichen merklich zu. Ein Blick ins Programmheft zeigt Bilder von Margritte oder Dali, aber auch Zeichnungen von Grandville und dessen Idee der Vogelmenschen finden sich dann auch in der Inszenierung wieder, gestützt auf vielfältige Anspielungen auf Vögel im Libretto.

      Während Karoline Gruber die Handlung der Oper recht stringent erzählt, verändern sich die Figuren. So mutiert z. B. der eitle Gregor Mittenhofer langsam zum Pfau oder der Arzt Reischmann zum Huhn. Toni Reischmann wachsen Engelsflügel, die allerdings später aufgespreizt ebenfalls an Vögel erinnern und die im Laufe des Abends immer zerrupfter aussehen werden.

      Schmetterlinge haben die Liebenden nicht nur im Bauch, sie bevölkern vielfarbig die Bühne und das Kostüm von Elisabeth und auch Hilda, die den Berggasthof verlassen wird (ihr toter Ehemann liegt lange blutig in der Bühnenmitte), zeigt sich im zweiten Akt mit grossen Schmetterlingsflügeln.

      Im Wetterhäuschen lebende Figuren: der Bergführer und eine namenlose Partnerin treten hervor, wenn es wieder etwas über das Wetter zu vermelden gibt.

      Erst am Ende lässt Gruber die Handlung leicht kippen: alle haben Mittenhofer verlassen, die Bühne hat sich verdunkelt: wahnsinnig umklammert der Dichter eines der grossen Eier, während die wortlose Lesung der Elegie beginnt. Über der Bühne hängen die Leichen der Figuren der Handlung: „It has, I believe, been often remarked, that a hen is only an egg´s way of making an other egg“, zitiert das Programmheft Samuel Butler.

      So richtig rund ist diese Inszenierung nicht geworden, sie changiert zwischen dem Ernst des Endes und der ironischen Distanz der ersten Hälfte des Abends, aber die Bilder sind sehenswert und zum Kennenlernen der „Elegie“ ist die Produktion allemal geeignet, auch, wenn die Regisseurin es den Zuschauer/innen nicht ganz leicht mit der Interpretation macht.

      Gesungen wird teilweise recht gut. Besonders Astrid Kropp-Menéndez ist einen höhensichere, vehemente, keine Attacke scheuende Hilda Mack, die auch darstellerisch ausgezeichnet ist.

      Ebenfalls gut der Tenor Andreas Herrmann als Toni, der zwar nicht gänzlich ohne Anstrengung seinen Part bewältigt, aber mit einigen sehr schönen Tönen in der oberen Mittellage aufhorchen lässt. Die Stimme klingt da weitgehend frei, rund und ausgeglichen, wenn auch (noch) in der Dynamik begrenzt. Weiter oben kaschiert der Sänger nicht ungeschickt kleine Probleme.

      Claudio Otelli ist ein etwas grobschlächtiger Gregor Mittenhofer (die Partie wurde für Fischer-Dieskau geschrieben), allzu rüde wird manche Passage bellend exekutiert, auch darstellerisch gewinnt Otelli, nach mehr überzogenem Spiel in den ersten beiden Akten, erst am Ende spürbar an Kontur.

      Mit schon mehr dramatischem Sopran gestaltet Francisca Devos die Elisabeth Zimmer, jugendlichere Töne stehen der Sopranistin nicht zu Gebot, Ildiko Szönyi ist eine stimmlich gerade noch hinreichende Carolina von Kirchstetten, bei nahezu gänzlicher Wortunverständlichkeit und Michael Haag (Dr. Reischmann) bleibt sängerisch blass.

      Erwähnenswert der Schauspieler Carsten Faseler als Josef Mauer, der die hölzernen Bewegungen der Wetterhäuschenfigur auch in dem Moment, wo die Mittenhofer-Welt am Ende aus den Fugen gerät, ausgezeichnet umsetzt.

      Freundlicher Beifall für alle Beteiligten – während das Haus in Essen zu Beginn noch gut besucht war, blieben nach der Pause dann doch relativ viele Plätze frei.
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