Wagner-Bücher

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    • Wagner-Bücher

      Ich lese mich gerade, so weit die Zeit es zulässt, etwas intensiver in den Wagner-Komplex ein. Genug Literatur dazu gibt es ja. Was sind für euch die wichtigsten Bücher über Richard Wagner, über die Familie und über Bayreuth, an welchen gibt es was kritisieren, welche sollte man meiden?


      In Martin Gregor-Dellins neunhundertseitiger Wagner-Biografie von 1980 bin ich in der Pariser Zeit angekommen. Ich finde sie, bis hierhin zumindest, außerordentlich angenehm zu lesen. Gregor-Dellin gelingt es, die disparaten Elemente, aus denen eine gute Biografie notwendigerweise besteht (die vollständige Erfassung von biografischen Fakten und Jahreszahlen einerseits, die psychologische Einfühlung und der interpretatorische Bezug auf das Werk andererseits) in einer literarisch makellosen und spannenden Erzählung zusammenzubringen, ohne zu fabulieren. Was Tendenzen des Erzählten und Interpretierten angeht, bin ich in Wagnerdingen noch zu grün hinter den Ohren, um sie bewerten und einordnen zu können, habe aber den Eindruck gewonnen, dass Gregor-Dellin Wagner zumindest nicht überkritisch gegenübersteht.


      Friedelind Wagner war die Tochter von Siegfried und Winifred Wagner, Schwester also von Wolfgang und Wieland. "Nacht über Bayreuth" schrieb sie 1944 in New York auf englisch - Richard Wagners Enkelin hatte Deutschland 1939 verlassen. Bei aller Schwatzhaftigkeit (man kann durchaus nachvollziehen, warum Siegfrieds zweitältestes Kind als schwierig und anstrengend galt) ist "Nacht über Bayreuth" eine spannende Lektüre. Friedelind Wagner erzählt von der Kindheit in Bayreuth, der Wiedereröffnung der Festspiele 1924, die nach dem 1. Weltkrieg ausgesetzt hatten, dem Tod des Vaters, den Besuchen des eigenartigen "Onkel Wolf" - Adolf Hitler - bei der Mutter ab Ende der 20er Jahre, der Freundschaft mit Künstlern wie Toscanini oder Frida Leider, der beginnenden Nazizeit und der Entscheidung, 1939 aus Zürich nicht nach Deutschland zurückzukehren (die wohl zunächst eher eine Flucht vor der so herrschsüchtigen wie wankelmütigen Mutter war, mit der die Einundzwanzigjährige, also gerade Volljährige, in dauerndem Zank lebte). Vieles von dem, was sie erzählt, ist geradezu peinigend privat (im Falle der Erinnerungen an Hitler, der zu allen Wagnerenkeln ein sehr enges Verhältnis unterhielt, gespenstisch privat) und hemmungslos persönlich - und doch oder gerade deshalb faszinierend zu lesen.

      Grüße,
      der Don


    • Das Wagner-Handbuch aus dem Kröner-Verlag sollte jeder besitzen, der sich mit Wagner intensiver auseinandersetzen will. Es bietet zu vielen wesentlichen Aspekten des Wagnerschen Werkes fachlich wohlfundierte Artikel, die Themen sind i.E.:

      Antike, Mittelalter, Musikgeschichte, Revolution 48, Schopenhauer, Nietzsche, Antisemitismus, Festspiele und Familie, Aufführungsgeschichte sowie Wirkungsgeschichte auf Bühne, in Buch und Film und bildender Kunst. Kleine Schmankerl zu Wagner-Karikaturen und zur Tiefenpsychologie runden das Werk außerwissenschaftlich ab.

      Den Kern hingegen bilden kleine Monographien zu folgenden Bereichen:

      Die sprachliche Form der Dramen (Peter Branscombe)
      Die Musik (Carl Dahlhaus)
      Die einzelnen Werke (Peter Wapnewski)
      Wagners kompositorisches Werk (Werner Breig)
      Wagners Schriften (Jürgen Kühnel)


      Bis auf Wapnewskis in weiten Teilen verzichtbare Darstellung von Inhalt und Enstehungsgeschichte der einzelnen Werke sowie besonders seiner "Auslegungen", sind alle Artikel hochinformativ und, wie es sich für die Textform "Handbuch" gehört, auch auf das Wesentliche komprimiert.

      Ich kann das nur rundheraus empfehlen.

      Weiterhin wird man um den älteren Borchmeyer nicht herumkommen:

      Das Theater Richard Wagners, Reclam 1982.

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      Diese Darstellung - aus dezidiert nichtmusikologischer Perspektive - versucht in diversen kleineren, auch einzeln lesbaren Kapiteln eine Gesamtschau von Theatergeschichte, soziokulturellen Enstehungbedingungen und Werk- (hierbei meistens Text-) Analyse. Dieses Buch ist viel besser als Borchmeyers jüngeres zu Wagner. Es ist unmöglich, dem Buch einen einzigen Leitgedanken zuzuordnen. Einzeluntersuchungen verbinden sich eher zu einem wohlbegrenzten Panorama, welches durchaus in den Grenzen der Kompetenz des Autors bleibt. Absolut zitierfähig, bis heute.

      Brochmeyer hat im Jubiläumsjahr 1983 beim Inselverlag eine zehnbändige Neuausgabe der Schriften Wagners vorgelegt, die seit langem nur noch antiquarisch zu bekommen ist, die ich aber ebenfalls nur warm ans Herz legen kann, enthält sie doch viele Entwurfsstufen, Fragmente und alle wichtigen und viele unwichtige literarische Erzeugnisse des Meisters.

      In hoffentlicher Bälde plane ich btw zwei Threads zu Wagners Schriften zu eröffnen, einen zum poetischen und einen zum theoretischen Werk (letzterer auf die kunstgedanklichen Schriften beschränkt).

      Als Biographie sei nachdrücklich die von Hans-Joachim Bauer empfohlen, die 1995 im Propyläen-Verlag erschien und auch schon länger wieder vergriffen ist. Bauer, der u.a. Wagners Briefe in historisch-kritischer Edition herausgibt, ist als Musikwissenschaftler weit näher am Werk Wagners als Dellin, und was er zur Person zu sagen weiß, ist nüchtern, exzellent recherchiert und jederzeit in seiner Reichweite nachprüfbar, auch für den rein liebhabenden Leser.



      Dies also meine essentials.


      Alex :wink:

      "In the year of our Lord 1314 patriots of Scotland, starving and outnumbered, charged the field of Bannockburn. They fought like warrior poets. They fought like Scotsmen. And won their freedom."

    • Ach, ich hab den Dahlhaus ja völlig vergessen.

      Den...



      ...und den...

      [Blockierte Grafik: http://ecx.images-amazon.com/images/I/41ByRESTUzL._SL500_AA300_.jpg]


      Mit beiden Büchern habe ich intensiv gearbeitet und viel daraus gezogen.


      Alex :wink:

      "In the year of our Lord 1314 patriots of Scotland, starving and outnumbered, charged the field of Bannockburn. They fought like warrior poets. They fought like Scotsmen. And won their freedom."

    • Ich kopiere mal einen Beitrag hierher:



      ich habe im Urlaub neben einigen anderen Biographien auch diese hier gelesen- paralell zu den gerade wieder stattfindenden Bayreuther Festspielen eine tolle Lektüre...... ;(
      Kennt jemand dieses Buch?

      Sollten alle Wagnerianer unbedingt nachholen. Man möchte da manchmal sogar den "Meister" trotz all seiner Makel gegen "dieses Weib" in Schutz nehmen.
      Hilmes wertet wenig , er stellt dar und er stellt Fragen. Er spart auch nicht mit Verständnis für Cosima Liszts vollkommen verdorbene Kindheit und unglückliche erste Ehe mit dem sicher sehr schwierigen Hans von Bülow.

      Aber die Mischung aus devotem Masochismus, despotischem Grössenwahn, Fâlschungen und Lügen und widerwärtgisten Antisemitismus mit dem diese Frau dann das Wagner-Erbe verwaltet und aus Bayreuth einen Hort reaktionärer und faschistischer Ideologie gemacht hat, und wie dabei auch die eigenen Kinder instrumentalisiert und zerstört wurden- das
      wünscht man Wagners Erbschaft wirklich nicht

      Auch wenn man man seine Musik nicht anbetet.
      Mir sind bei der der spannenden Lektüre trotz meiner bereits vorhandenen Grundhaltung noch einige Aha-Erlebnisse gekommen ,und zwischen Mitleid und Ekel wusste ich manchmal kaum zu wählen.
      Sehr interessant die Kapitel über den rassenwahnsinnigen Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain , vor dem Hitler bewundernd auf die Knie fiel und der ein Staatsbegräbnis durch die Nazis erhielt, den ersten Weltkrieg und den Kampf um die Tantiemen, die Affäre um die verstossene Tochter Isolde, die, um sie zu enterben, kurzerhand vor Gericht postum als von Bülows Kind hinhalten musste, den jüdischen Parsifal-Dirigenten Levi, den man zwar brauchte, aber wie einen Hund behandelte und den heimlich homosexuellen Siegfried- Mamas Meistersohn.
      Und der demütigend unwürdige Tod von Franz Liszt, der die Frechheit hatte, gerade zu den
      Festspielen im Hause Wagner sterben zu wollen.....

      Quelle famille! :o:

      Die kônnen wirklich mit den Atriden mithalten und wâren auch ein Stoff für eigene Opern.

      Das Buch ist in vielerlei Hinsciht empfehlenswert und zeigt einfach auch europäische Kulturgeschichte und mehrere Zeitenwenden denn Cosima Wagner hat von 1837 bis 1930 gelebt.

      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Hallo Don!

      Den Gregor-Dellin habe ich auch gelesen und fand ihn sehr, sehr gut.

      Aber warum Richard Wagner nicht gleich selbst zu Wort kommen lassen:

      Richard Wagner: Mein Leben



      und



      Seine Autobiografie ist zwar sperrig und manchmal etwas langatmig aber trotzdem sehr interessant zu lesen. In Ergänzung zu einer "richtigen Wagner-Biographie" sicher geeignet. Warum nur als Ergänzung?: weil Wagner in seinen Erinnerungen dann doch einiges durcheinandergebracht hat ;+) . Aber man kann sich gerade hier sehr gut mit Wagners Denkensweise vertraut machen.

      Liebe Grüße

      Peter
    • Im Opernwelt-Jahrbuch letztes Jahr wurde das Buch Weihe, Werkstatt, Wirklichkeit - Wagners "Parsifal" in Bayreuth 1882-1933 von Stephan Mösch zum Buch des Jahres gewählt:




      Kennt Ihr das? Lohnt es sich, oder soll ich das Geld lieber anders anlegen?

      Michel :wink:
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Hier noch ein serh empfehlenswertes Buch über die Verstrickungen der Wagner-Familie in Sachen Nationalsozialismus und die Geschichte der Festspiele in Bayreuth vor , in und nach der NS-Zeit. Die Autorin bemüht sich um Gerechtigkeit und macht auch darauf aufmerksam, dass die Festspiele ein Ort waren, der Verfolgte des Regimes noch einige Zeit schützen konnte. Sie benutzt bis dato unbekannte Quellen und das Ganze liest sich sehr spannend.





      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Graf Wetter vom Strahl schrieb:

      Brochmeyer hat im Jubiläumsjahr 1983 beim Inselverlag eine zehnbändige Neuausgabe der Schriften Wagners vorgelegt, die seit langem nur noch antiquarisch zu bekommen ist, die ich aber ebenfalls nur warm ans Herz legen kann, enthält sie doch viele Entwurfsstufen, Fragmente und alle wichtigen und viele unwichtige literarische Erzeugnisse des Meisters.
      Caro Conte,

      problematisch an dieser Edition soll allerdings sein (ich selbst kenne sie nicht), dass einiges von Wagner darin wohl fehlt, u.a. "Das Judentum in der Musik". Das korrespondiert offenbar mit gewissen apologetischen Tendenzen, die auch in anderen Werken Borchmeyers zu Wagner (z.B. "Ahasvers Wandlungen") aufscheinen.

      Ansonsten meine "Startempfehlungen", ergänzend zu den bereits genannten Büchern:



      digitale-bibliothek.de/export/4107Beschreibung.htm

      Auch wenn man zum längeren Lesen sicher besser auf eine gebundene Werkausgabe zurückgreifen sollte, kann man mit der digitalen Ausgabe hervorragend recherchieren, was angesichts des doch oftmals mühsamen Wagnerschen Schreib- und Argumentationsstils nicht nur eine erhebliche Zeitersparnis bedeutet. Momentan wohl nicht erhätlich, ich hatte meine vor zwei Jahren bei 2001 für 10 Euro erstanden.



      Dieser Sammelband enthält das komplette Schrifttum des Germanisten Hans Mayer über das Thema "Wagner", welches einen Zeitraum von bald 50 Jahren überspannt (viele Beiträge enstanden im Auftrag Wieland Wagners für die Programmhefte der Bayreuther Festspiele). Der Autor ist Marxist, aber das macht ihn nicht zu einem einseitigen Analysten des Werkes, auch wenn seine Sym- und Antipathien klar verteilt sind. Interessant auch die ausführlichen Gespräche am Ende des Bandes mit den Produktionsteams der Ringe von 1976ff. (Chéreau, Boulez) und 1988ff. (Kupfer).



      Recht informativ ist auch das von Barry Millington herausgegebene "Wagner-Kompendium" von 1996, eine Art themenbezogenes Nachschlagewerk zu Wagner. Man kann hier z.B. jedes einzelne Werk des WWV mit Inhalt, Besetzung usw. nachblättern, auch Fragmentarisches wie "Die Sieger" oder seinen Erstling "Leubold und Adelaide". Oder etwas zu R.W. und... das Geld, die Frauen, die Juden etc. erfahren. Gerade zu letzterem wagt das Buch manchmal recht steile Thesen, denen man nicht immer zustimmen muss. Aber ansonsten zum schnellen Überblick sehr brauchbar.



      Wielandtochter Nike Wagner leistet in diesem Buch Vortreffliches im Hinblick auf die eigene, nicht unproblematische Familiengeschichte : Anekdotenhaft und humorvoll, wo passend, genau und sezierend, dort, wo es nottut (und ist dabei weitaus weniger geschwätzig als das Carrsche Machwerk). Natürlich mit subjektiven Einfärbungen, Wieland kommt nicht nur im Hinblick auf die NS-Vergangenheit ein bisschen zu gut und Wolfgang ein bisschen zu schlecht weg. Ansonsten aber bleibt sie erstaunlich fair, auch z.B. ihrer Großmutter Winifred gegenüber. Ergänzt wird die Familiengeschichte noch durch thematische Aufri9sse zu den Hauptwerken ihres Urgroßvaters.



      Wer sich hauptsächlich mit der Geschichte der Bayreuther Festspiele beschäftigen möchte, dem sei diese immer noch unübertroffene "Biographie" von Frederic Spotts empfohlen, und zwar das englische Original, denn die deutsche Übersetzung ist leider ziemlich schlampig. Hier werden der Bau des Festspielhauses und die politisch-geistigen Strömungen charakterisiert, welche in Bayreuth nach dem Tode des "Meisters" an z.T. verhängnisvollem Einfkluss gewannen, aber auch die wichtigsten Inszenierungen und die Reaktion von Publizistik und Öffentlichkeit. Auch die immer wieder in die Leitungsebene hineinspielende Familiengeschichte wird von Spotts behandelt, wobei er sich einer alzzu vulgären und sensationslüsternen Darstellung erfreuilicherweise enthält. Der Band ist allerdings nicht mehr ganz aktuell, er erschien im Jahre 1994. Gebraucht recht preiswert zu bekommen.

      :wink:

      GiselherHH
      "Er war verrückt auf Blondinen. Wäre Helga auch noch adlig gewesen, der gute Teddy wäre völlig durchgedreht."

      Michael Gielen über Theodor W. Adorno, der versucht hatte, Gielen seine Frau auszuspannen.
    • GiselherHH schrieb:

      Caro Conte,

      problematisch an dieser Edition soll allerdings sein (ich selbst kenne sie nicht), dass einiges von Wagner darin wohl fehlt, u.a. "Das Judentum in der Musik". Das korrespondiert offenbar mit gewissen apologetischen Tendenzen, die auch in anderen Werken Borchmeyers zu Wagner (z.B. "Ahasvers Wandlungen") aufscheinen.

      Gütiger Giselher,

      Borchmeyer schreibt daselbst (Bd. 10, S. 185):

      "Ein Provisorium muß diese Ausgabe auch schon deshalb bleiben, da aus verlegerischen Gründen ihrem Umfang eine bestimmte Grenze gesetzt war. Die Auswahl ist dem Herausgeber nicht immer leicht gefallen. Daß er auf manche der (im Nachwort freilich in Auszügen zitierten) zähen ideologisch-spekulativen Schriften wie "Die Wibelungen" oder die Fortsetzungen von "Religion und Kunst", vor allem aber auf das unausstehliche Pamphlet "Das Judentum in der Musik" oder das Lustspiel "Die Kapitulation - diese chauvinistischen Machwerke in einer bibliophil ausgestatteten Geschenkausgabe wieder vorzulegen, wäre reiner Hohn! - verzichten durfte und mußte, wenn Bedeutenderes nicht aufgenommen werden konnte, war aus Gründen des intellektuellen Niveaus eher erfreulich."

      Also, "gewisse apologetische Tendenzen" habe ich bei Borchmeyer noch nie ausmachen können, gebe aber zu, den Themenkomplex, um den es geht, weitgehend gemieden zu haben. Borchmeyer hat ein Buch mitherausgegeben, das ich seinerzeit antiquarisch für eine Freundin erstand, das ich aber selbst nie mehr als überblicksartig eingesehen habe, denn ich kann diese ganze antisemitische (überhaupt völkisch-nationale) Scheiße nichtmal in Besprechungen oder Aufarbeitungen vertragen:



      Das Millington-Kompendium, das Du anführst, kenne ich hingegen sehr gut, auch das hat besagte Freundin geschenkt bekommen und ich hab es gelesen. :D Es hat mir nichts gebracht, muß ich sagen, da spiegelt sich zu stark die typisch angelsächsische Freude am Realdatenlisten wider, kombiniert mit den von Dir bereits erwähnten Spekulationen, nichts für nibelungerprobte Nerven. Das von mir vorgestellte "Wagner-Handbuch" im Verbund mit diesem hier...



      ...macht Millington vollständig überflüssig.


      Liebe Grüße,

      Alex :wink:

      "In the year of our Lord 1314 patriots of Scotland, starving and outnumbered, charged the field of Bannockburn. They fought like warrior poets. They fought like Scotsmen. And won their freedom."

    • Das Judentum in der Musik ist mal bei Insel erschienen, in einer von Jens Malte Fischer hervorragend kommentierten Edition (auch Quellen zur zeitgenössischen Rezeption werden abgedruckt). Nur noch antiquarisch erhältlich:




      Borchmeyer hat die Ausgabe rezensiert und dabei in Auseinandersetzung mit Fischer durchaus apologetische Tendenzen offenbart.

      Regelrecht beschönigend in ihrem verharmlosend-anekdotischen Gestus finde ich Gregor-Dellins Wagner-Biographie. H.-J- Bauer habe ich nicht gelesen. Als erste Wagner-Biographie kam mir die schonungslose, gelegentlich übers Ziel hinausschießende Darstellung von Robert W. Gutman ins Haus, die hat mich damals erstmal aller Illusionen beraubt (zuerst 1968 erschienen, antiquarisch erhältlich).

      Dringend gewarnt werden muss vor den völlig spekulativen Wagner-Büchern aus der Feder Joachim Köhlers.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Zwielicht schrieb:

      die hat mich damals erstmal aller Illusionen beraubt

      Inwiefern? Bzgl. Wagners pseudopolitischer Einstellung? Bzgl. Qualität von Wagner-Biographien? Ich nehme mal an, ersteres.

      Genau sowas habe ich befürchtet, wenn auf Wagner auch nur ansatzweise und ohne konkreten Werkbezug die Rede kommt. Wagner=Person=Unmensch. Ist ja nicht falsch, leider nicht falsch, aber kann man auchmal über andere Aspekte seines Schaffens reden?

      Nur mal so prophylaktisch, wenn ich einen Thread zu den "theoretischen" (ein allzugroßes Wort für das Geschreibsel) Schriften Wagners starte, macht dann überhaupt jemand mit? Oder geht´s da dann auch nur um seinen Antisemitismus? Hat denn jemand z.B. "Oper und Drama" mal gelesen, oder auch nur Teile daraus (viell. das erste Buch)?

      Die Auseinandersetzung Fischer-Borchmeyer habe ich nicht mitbekommen. Sowas interessiert mich nicht. Aber ich hab vorhin schon gesehen, daß man sie im Netz noch halbwegs nachverfolgen kann.


      Alex :wink:

      "In the year of our Lord 1314 patriots of Scotland, starving and outnumbered, charged the field of Bannockburn. They fought like warrior poets. They fought like Scotsmen. And won their freedom."

    • Der Sammelband "Richard Wagner und die Juden" enthält wirklich besonders wichtige Beiträge zum Thema und ist kontrovers genug angelegt, so dass man mehrere wichtige Positionen in der Debatte zum Thema kennenlernt.

      Sehr empfehlen kann ich auch den Sammelband mit den Arbeiten Hans Mayers, der auch sehr gut lesbar ist,- weitgehend auch Jargon-frei. Arbeiten Mayers waren es, die mich vor langer Zeit auf Wagner neugierig zu machen verstanden.

      Wer dann aber vieles noch genauer wissen will über Wagners geistige Beziehung zu den Frühsozialisten und den Junghegelianern, kann ein bißchen was in den diversen Büchern und Aufsätzen von Udo Bermbach oder bei Konrad Bachs "Wagner und die Religion" (2008) finden. Dann kenne ich noch die Diss von Manfred Kreckel -
      "Richard Wagner und die französischen Frühsozialisten : d. Bedeutung d. Kunst u.d. Künstlers für e. neue Gesellschaft , Frankfurt am Main : Lang, 1986

      Aber vorbehaltlos kann ich die alle nicht empfehlen, denn die Kenntnisse über die Junghegelianer sind dort noch zu gering, die Mißverständnisse zu groß. Wagner erscheint mir aber bis zuletzt weitgehend vom Junghegelianismus geprägt, in ihm eine eigene, durchaus originelle Position einnehmend, aber auch seinen Antisemitismus mit den meisten Junghegelianern und auch mit Proudon teilend. Diese Prägung scheint mir noch spät viel stärker als die durch seine Schopenhauer-Lektüre. Wolfgang Eßbach sollte vielleicht mal dazu was schreiben. :D Oder kennt ihr zu diesem Themenkomplex noch brauchbares?

      Einen kurzen, aber sehr anregenden Aufsatz über den "Ring" enthält auch dieser Band des emeritierten Beliner Politologen Ekkehard Krippendorff:



      :wink: Matthias
    • Graf Wetter vom Strahl schrieb:

      Inwiefern? Bzgl. Wagners pseudopolitischer Einstellung? Bzgl. Qualität von Wagner-Biographien? Ich nehme mal an, ersteres.


      Ja, ersteres. Wobei man mit dem Begriff "pseudopolitisch" Wagner unterschätzt.


      Graf Wetter vom Strahl schrieb:

      Genau sowas habe ich befürchtet, wenn auf Wagner auch nur ansatzweise und ohne konkreten Werkbezug die Rede kommt. Wagner=Person=Unmensch. Ist ja nicht falsch, leider nicht falsch, aber kann man auchmal über andere Aspekte seines Schaffens reden?


      Na klar kann man. Nur zu. Trotzdem darf das Thema hier nicht fehlen, zumal es nicht unerhebliche Teile der Wagner-Literatur der letzten Jahrzehnte beschäftigt. Dabei geht's überhaupt nicht um Wagner als Unmensch, auch nicht um seine Biographie, sondern um die Frage, inwieweit Wagners Antisemitismus auch mit seiner "Kunsttheorie" und seinen Opern zu tun hat. Worüber wir ausführlich im Parsifal-Thread diskutiert haben.


      Graf Wetter vom Strahl schrieb:

      Nur mal so prophylaktisch, wenn ich einen Thread zu den "theoretischen" (ein allzugroßes Wort für das Geschreibsel) Schriften Wagners starte, macht dann überhaupt jemand mit? Hat denn jemand z.B. "Oper und Drama" mal gelesen, oder auch nur Teile daraus (viell. das erste Buch)? Oder geht´s da auch nur um seinen Antisemitismus?


      Nein, durchgelesen hab ich's nicht. Ja, mitmachen tät ich trotzdem. So hält man es doch hier?


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Zwielicht schrieb:

      Dabei geht's überhaupt nicht um Wagner als Unmensch, auch nicht um seine Biographie, sondern um die Frage, inwieweit Wagners Antisemitismus auch mit seiner "Kunsttheorie" und seinen Opern zu tun hat.

      Hm. Hm. Hm.

      Irgendetwas in mir sträubt sich, eine Beschäftigung mit Wagners schriftlichen Hinterlassenschaften (poetischen wie "theoretischen") einzufordern, die auf das Thema Antisemitismus dezidiert verzichten will. Auch wenn ich es mir selbst nicht als Beschönigung oder Ausblendung vorhalten würde, ich weiß tatsächlich nicht, was eine genaue und genaueste Lektüre zutage fördern würde, weil ich mich bisher - auch in meiner Lektüre von Sekundärliteratur - stets auf andere Aspekte konzentriert habe. Auch hier natürlich nur auf eine kleine Auswahl an Aspekten, ich bin ja schließlich auch kein Fachmann.

      Ich fürchte bloß - und die Befürchtung rede mir mal jemand aus - daß es bei Threaderöffnung "Wagners Schriften" ein ganz eminentes Ungleichgewicht in der Schwerpunktsetzung geben wird. Vermutlich schon deshalb, weil viele genuin (musik-)ästhetische Kategorien des 19. Jhdts. heute selbst bei veritabel Interessierten (mich selbstverständlich eingeschlossen) nicht mehr zum vorauszusetzenden Bildungsgut gehören. ("Bildungsgut" gefällt mir selbst nicht, setzt was andres dafür ein)

      Mit anderen Worten: Wagner war nicht bloß in seinen Sujets und deren Umsetzung, in Figurenzeichnung und dramatischer Anlage ein ziemlich komischer Knopf, er war es ganz besonders auch in seinen Schriften. Ich behaupte mal, selbst Nietzsche, der nun wirklich hart gelesen wird und viel besprochen, ist uns langsam fremd. Wer kann schon seine altphilologischen Thesen in der "Geburt" mit wenig Aufwand überprüfen, wer seinen kauzigen Vulgärphysikalismus nachvollziehen, der spätestens ab "Morgenröte" dominierend wird?

      Bei Wagner scheint mir das sehr ähnlich, die Psychologie der Zeit erscheint uns heute krude, wir sehen oft nicht leicht, woher diese oder jene kunstgeschichtliche "Erkenntnis" genommen wurde. Von genuin philosophischen Anleihen ganz zu schweigen. Denn hier sind oft Autoren wichtig, die heute nichtmal in einer einigermaßen verlässlichen Ausgabe vorliegen. Der Lektüre auch nur von Wagners Hauptschriften müßte sich eigentlich weitere Lektüre anschließen, die erst angedeutete Bezüge herzustellen vermag, sonst können wir Idiosynkrasien des Autors nicht von denen seines intellektuellen Klimas unterscheiden.

      Vielleicht ist das doch, schon durch den Aufwand, eine Nummer zu ausladenend für uns. Ich selbst stelle mir gerade vor, was ich noch alles vorbereitend beiseite bringen müßte. :S

      Hören wir lieber seine Musik.


      Alex :wink:

      "In the year of our Lord 1314 patriots of Scotland, starving and outnumbered, charged the field of Bannockburn. They fought like warrior poets. They fought like Scotsmen. And won their freedom."

    • Graf Wetter vom Strahl schrieb:

      Bei Wagner scheint mir das sehr ähnlich, die Psychologie der Zeit erscheint uns heute krude, wir sehen oft nicht leicht, woher diese oder jene kunstgeschichtliche "Erkenntnis" genommen wurde. Von genuin philosophischen Anleihen ganz zu schweigen. Denn hier sind oft Autoren wichtig, die heute nichtmal in einer einigermaßen verlässlichen Ausgabe vorliegen. Der Lektüre auch nur von Wagners Hauptschriften müßte sich eigentlich weitere Lektüre anschließen, die erst angedeutete Bezüge herzustellen vermag, sonst können wir Idiosynkrasien des Autors nicht von denen seines intellektuellen Klimas unterscheiden.


      Das ist genau das Problem. Ich überblicke nicht mal im Ansatz wirklich die Sekundärliteratur, aber von dem, was ich kenne, habe ich den Eindruck, dass nicht mal ihr dies bislang befriedigend gelingt. Ich hatte ja gehofft, jetzt nennt ihr mir mal das gute neue Werk zum Thema, dass ich dann nur noch lesen brauch. Mist, alles muß man dauernd selber erdenken.

      Vielleicht ist das doch, schon durch den Aufwand, eine Nummer zu ausladend für uns


      Für mich schon, so spannend ich das Thema fände, aber berufsnah muß ich mich mit so anderen Themen beschäftigen wie den europäischen Finanzmärkten :D , dass es mir derzeit zu fern liegt.

      :wink:Matthias
    • zwoelftonapostel schrieb:

      Aber warum Richard Wagner nicht gleich selbst zu Wort kommen lassen:

      Richard Wagner: Mein Leben



      Seine Autobiografie ist zwar sperrig und manchmal etwas langatmig aber trotzdem sehr interessant zu lesen. In Ergänzung zu einer "richtigen Wagner-Biographie" sicher geeignet. Warum nur als Ergänzung?: weil Wagner in seinen Erinnerungen dann doch einiges durcheinandergebracht hat ;+) . Aber man kann sich gerade hier sehr gut mit Wagners Denkensweise vertraut machen.


      Ergänzend möchte ich in diesem Kontext noch auf Cosimas Tagebücher hinweisen. Die Eintragungen beginnen am 1.1.1869 und enden am 12.2.1883 (Richard Wagner verstarb am darauf folgenden Tage). Hier eine Auswahl an Eintragungen.



      Inzwischen nur noch antiquarisch erhältlich. Ich empfehle jedoch den Erwerb der vollständigen Ausgabe der Tagebücher (2 Bände bzw. 4 Bände als Taschenbuch), ebenfalls antiquarisch zu beziehen. Man sollte sie allerdings als ergänzende Lektüre zu einem oder mehreren der oben angeführten biografischen Werke begreifen. Cosima hat diese Tagebücher dem Sohn Siegfried zugeeignet (er sollte als Stammhalter später genau über Leben und Werk des Vaters informiert sein). Sie hat täglich Eintragungen zu Begegnungen mit wichtigen Personen, zu Befindlichkeiten, freilich auch zur Arbeit des "komponierenden Dichters" etc. vorgenommen. Als die beiden Bände erstmals erschienen (1976 resp. 1977) wurden sie als "kulturhistorische Sensation" (Hanjo Kesting) gefeiert. Scheint mir etwas hochgegriffen, gleichwohl eine wichtige Lektüre.

      Cordialement
      Jean
      „Ich werde überhaupt nur noch ausschließlich mich selbst zitieren ...“ Algabal
    • Jean schrieb:

      Die Eintragungen beginnen am 1.1.1869 und enden am 12.2.1983 (Richard Wagner verstarb am darauf folgenden Tage).
      Ja, lieber Jean, ich kann mich noch gut erinnern, wir saßen in der Schule, da kam unser Musiklehrer erschüttert herein und berichtete, Wagner sei soeben gestorben! ;+)

      :wink:
      Renate
      Unsre Freuden, unsre Leiden, alles eines Irrlichts Spiel... (Wilhelm Müller)