Mahler: Sinfonie Nr. 8 Es-Dur – Unterschätzter Höhepunkt(!?) im Schaffen eines Genies

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    • Da ich erwäge, mir eine Partitur der Achten zuzulegen (gedacht zum Mitlesen): Kennt diese jemand:

      ?

      Aus dem Klappentext (laut JPC): "Superb authoritative edition [...]. Unabridged republication of edition published by Izdatel'stvo "Muzyka," Moscow, 1976."

      Natürlich sind auch alternative Empfehlungen willkommen!

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Algabal schrieb:

      Also, bei aller Liebe, "postmodern" ist an diesem Werk gar nichts - da tönt doch dem Hörer über ca. 75 Minuten der gepanzerte Wille zu sinnhafter Botschaft entgegen. Da ist nix gebrochen, unterminiert oder gar dekonstruiert wird hier nicht das Fitzelchen einer Textphrase (allenfalls unfreiwillig ironisiert durch ins Karikaturhafte übersteigerte Emphase). Nichts ist hier als bloßes, leichtes und versatzstückhaft zu verwendendes "Material" dem Komponisten zuhanden; alles ist durchpulst von bleischwer-optimistischer Ernsthaftigkeit.
      Ja, der gepanzerte Wille zu sinnhafter Botschaft... und worin bestand die nochmal? Vielleicht ist da garnicht mehr Botschaft als der besagte Wille zu irgendeiner? Das löst sich ja schon bei Goethe selbst ins ziemlich ungefähre auf... Gesten der Anbetung, Gesten des Glaubens an irgendwas nicht greifbares... und für "gepanzert" scheint mir das alles doch sehr locker - um nicht zu sagen fransig - gefügt...
      Also so bleischwer höre ich das nicht, sonst wärs mir auch unerträglich... Eher spielerisch und heiter kommt mir das vor...

      Gruss
      herr Maria
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • philmus schrieb:

      Ja, der gepanzerte Wille zu sinnhafter Botschaft... und worin bestand die nochmal?


      Ihr sollet/werdet erlöset werden. Zumindest stehen eure Chancen nicht schlecht.

      Vielleicht ist da garnicht mehr Botschaft als der besagte Wille zu irgendeiner? Das löst sich ja schon bei Goethe selbst ins ziemlich ungefähre auf...


      Jaja, ins Ungefähre (das macht die Sache aber nicht »postmodern« - und darum ging es mir zu tun). Vor dem Goethe aber noch ist der Hymnus. Zuversicht scheint mir doch aus beiden Texten zu strömen - und aus der Musik ebenso.

      Gesten der Anbetung, Gesten des Glaubens an irgendwas nicht greifbares...


      Naja, ich weiß ja nicht. Vielleicht ist das alles auch einfach nur im Jahr 2011 noch etwas weniger greifbar geworden, als es noch ca. 100 Jahre zuvor war.

      und für "gepanzert" scheint mir das alles doch sehr locker - um nicht zu sagen fransig - gefügt...
      Also so bleischwer höre ich das nicht, sonst wärs mir auch unerträglich... Eher spielerisch und heiter kommt mir das vor...


      Gepanzert ist der Wille, allein schon das Aufgebot symbolisch aufgeladener Texte und der massive personale, aber auch ästhetische Aufwand - ganz gleich wie fransig gefügt es sich Dir dann darstellt. Und zudem schrieb ich von »bleischwer-optimistischer Ernsthaftigkeit«.

      Adieule,
      Algabal
      Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.
    • Nochmal reingehört,
      aus

      zumindest mal in den ersten Teil..
      nicht so mitreißend wie die alte Bernstein-LP,
      aber die für Mahlersche Verhältnisse große Heiterkeit kommt gut rüber.

      Gruss
      Herr Maria
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • Ein persönlicher Höreindruck:



      Lorin Maazels Mahler Zyklus mit den Wiener Philharmonikern aus den 80ern wurde in folgender Reihenfolge im Großen Wiener Musikvereinssaal aufgenommen: 5. und 6. Symphonie 9-10/1982, 2. 1/83, 4. 11/83, 9. und 10. (Adagio) 4/84, 7. 10/84, 3. und Kindertotenlieder 4/85, 1. 10/85 – und die Achte nach langer Unterbrechung zwischen 19. und 24.6.1989 (CD Box Sony SX14X87874, schlampiges Beiheft, Chöre bei 2 und 8 fehlen).

      Vorsichtig geworden nach den durchwachsenen Hörerfahrungen mit den Symphonien 1 bis 7 habe ich mir vor der Maazel-Aufnahme den voluminösen Beginn der Symphonie mit den kräftigen Chören „Veni creator spiritus“, die ersten ca. eineinhalb Minuten, mit Bernstein (1962), Bernstein (1966), Solti (1971), Bernstein (1975), Inbal (1986) und Sinopoli (1990) angehört.

      In Leonard Bernsteins Aufnahme von 1962 (nur der erste Satz wurde aufgeführt) dominieren akustisch die Chöre, sie decken das Orchester zu. Der Beginn hat aber enorme Wucht. Das Klangbild bei Bernstein 1966 ist voller, das Orchester kommt akustisch wesentlich deutlicher zur Geltung. Der Impetus wirkt genauso stark, Bernsteins intensive Leidenschaft packt unmittelbar, hier wie dort. Bei Solti erscheint das Klangbild wesentlich differenzierter und subtil gestaffelt. Die Interpretation setzt etwas straffer, distanzierter und kontrollierter als die Bernsteins an, aber genauso spannend. Bei Bernsteins Liveaufnahme von 1975 haben die Tontechniker offenbar etwas von Soltis Klangdifferenzierung „mitgenommen“, der Gesamtklang wirkt aber fülliger, dickflüssiger. Wieder ist man sofort „mittendrin“ im Werk. Inbals Aufnahme bietet Weiträumigkeit und auch schön gestaffelte Differenziertheit der Riesengruppenaufteilung, kommt aber klanglich viel blasser als die bisher gehörten Aufnahmen zur Geltung. Bei Sinopoli ist sofort alles wieder voller da, präsenter, aber dafür weniger weiträumig, kompakter, aber sehr schön differenziert, das ist alles, nur kein Klangbrei. Alle genannten sind nicht nur der ausgewählten eineinhalb Minuten wegen (über)mächtige Vorgaben, eigentlich darf und will man da sofort weiterhören.

      Der Pfingsthymnus „Veni creator spiritus“ und das Finale von Goethes „Faust II“ mit Lorin Maazel, den Wiener Philharmonikern, Sharon Sweet, Pamela Coburn, Florence Quivar, Brigitte Fassbaender, Richard Leech, Siegmund Nimsgern, Simon Estes, der Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor, dem ORF Chor, dem Arnold Schoenberg Chor und den Wiener Sängerknaben beginnt als bei weitem langsamster, schwerfälligster und behäbigster Pfingsthymnus. Das Klangbild bietet wieder Cinemascope, aber vieles wirkt darin eingeebnet. Die ganze Symphonie wird zu einem zähen Brocken, den man mit Klavierauszug oder Partitur hören sollte, um die kompositorische Vielfalt jenseits klangschönen Lärms wenigstens ansatzweise wahrnehmen zu können. Maazel vermag weitgehend überhaupt keine Spannung aufzubauen. Selbst der irisierend schöne, fast verklärend zu schöne Klang des Wiener Orchesters reißt nichts heraus. Die erlesene Solistenschar passt sich der Harmonie des Dahinströmens ohne Psychologie insofern an, als niemand „unangenehm stört“. Zum bei Maazel fast 64 Minuten langen großen „Faust II“ Finale lese ich den Text mit und versuche mir eine Art szenische Auflösung vorzustellen, um der drohenden Langatmigkeit einigermaßen entkommen zu können. (Einmal im Leben möchte ich diese Aufnahme schon durchgehört haben.) Es ist ein verklärt-klangschönes, aber ungleich mehr illustratives als emotionales Aufsteigen Fausts in die höheren Sphären. Und doch: Am Ende hat´s mich total gepackt, aber ungleich mehr des Werks (nahezu ein Opernakt?) als der Aufnahme wegen.
      Zur Info: Bis auf weiteres keine aktive Moderationstätigkeit meinerseits.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK


    • Oft habe ich Mahlers Achte noch nicht gehört in den vergangenen vierzig Jahren Beschäftigung mit Musik. Vor allem noch nicht oft sehr bewusst.

      Eben habe ich diesen Thread gelesen, nachdem ich mir die Achte in der Solti-Aufnahme zu Gemüte geführt hatte. Sehr anregend - die Musik, die Interpretation und - wahrlich nicht zuletzt - die Meinungen und das Wissen dahier!

      Ich tendiere zu der Position einer weitgehenden Aussparung des Ironischen, des Gebrochenen, verbunden mit einem gehörigen Schuss Hypertrophie. Auf der anderen Seite steht die Auseinandersetzung mit Bach, mit der Kontrapunktik, ebenso die mit dem Belcanto einer damals noch nicht vergangenen Zeit. Es findet sich eine Melodik, die wie nirgends sonst bei Mahler an Wagner erinnert - und es finden sich keine Trauermärsche :huh: .

      Sehr interessant ist die Deutung, welche Der Konzertführer von Attila Csampai /Dietmar Holland (Hrsg.), erschienen in Reinbek bei Rowohlt, in der Auflage von 2005 (vgl. S. 630 und S. 640) anbietet. Schade, dass mir nur die hübsche Dialektik aufgefallen ist, während ich mir die Beobachtungen per se angelesen habe. (Den Thread zur vierten Sinfonie werde ich jetzt gleich lesen - sollte sich eine solche Beobachtung dort bereits finden, belastet mich das auch nicht. :P )

      So schreibt Holland zum Schluss der vierten Sinfonie:

      Am Ende schläft die Musik so paradox zum Textinhalt ("daß alles für Freuden erwacht") ein, daß niemand glaubt, sie würde jemals wieder erwachen. (S. 630)

      Einer der weiteren Autoren, Michael Querbach, der ausgewogen kritisch und ähnlich geistvoll wie Holland bezüglich der Vierten zum Schluss der Achten Stellung bezieht, formuliert wie folgt:

      "Das ewig Weibliche zieht uns hinan" - aber was da inszeniert wird, ist der Sieg des Ewig-Männlichen. (S. 640)

      Ist Mahler demnach in der Achten hinter der Vierten zurückgeblieben - oder doch nicht? 8+)

      :wink: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • andréjo schrieb:

      So schreibt Holland zum Schluss der vierten Sinfonie:

      Am Ende schläft die Musik so paradox zum Textinhalt ("daß alles für Freuden erwacht") ein, daß niemand glaubt, sie würde jemals wieder erwachen. (S. 630)

      (Ist übrigens originaler Adorno.)
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      Musica est exercitium metaphysices occultum nescientis se philosophari animi
    • @ Recordatorio #49

      Danke!

      Jetzt auch in Klammern! :D (Schade! Aber sei`s drum. Zweifellos bezieht sich der sehr umfangreiche, von mehreren Autoren verfasste, aber stets lesenswerte und niveauvolle Mahler-Gesamtbeitrag in diesem Konzertführer immer wieder auf Adorno - auch bei der vierten Sinfonie ist dies explizit der Fall; hier aber wurde ein Hinweis "vergessen".)

      :wink: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • Für manche Werke muss man wahrscheinlich alt genug sein. Goethens zweiten Faust habe ich erst jenseits der mittleren Jahre verstanden und lieben gelernt und so geht es mit der Literatur wie mit der Musik. Ich habe Beethoven immer geliebt, aber die "Missa Solemnis" und die Neunte erschlossen sich mir wie die späten Streichquartette erst spät. Und bei Mahler stand ich bei aller Liebe für die anderen Sinfonien vor dem "Lied von der Erde" und der Achten lange wie der Ochs vorm Scheunentor. Interessanterweise war dann das LvdE der Türöffner gleich für mehrere andere Werke und besonders für die 8. Sinfonie, die mir einst nur Krach und Lärm dünkte. Derzeit genossen:

      Digital Concert Hall


      So, 18. September 2011
      Gustav Mahler: Symphonie Nr. 8 »Symphonie der Tausend« (01:28:56)
      Berliner Philharmoniker
      Sir Simon Rattle

      Rundfunkchor Berlin, MDR Rundfunkchor Leipzig, Knaben des Staats- und Domchors Berlin
      Susan Bullock Sopran, Erika Sunnegårdh Sopran, Anna Prohaska Sopran, Lilli Paasikivi Mezzosopran, Nathalie Stutzmann Alt, Johan Botha Tenor, David Wilson-Johnson Bariton, John Relyea Bass, MDR Rundfunkchor Leipzig, Howard Arman Einstudierung, Knaben des Staats- und Domchors Berlin, Kai-Uwe Jirka Einstudierung, Rundfunkchor Berlin, Simon Halsey Einstudierung


      Sky Unitel Classica


      Mahler, Symphonie Nr. 8 Es-Dur, Konzert 2013, 86 min.

      Von den Salzburger Festspielen; Gustavo Dudamel dirigiert. "Es ist das Größte, was ich bis jetzt gemacht. Denken Sie sich, daß das Universum zu tönen und zu klingen beginnt" (Gustav Mahler). Die 8. Symphonie wurde1910 mit triumphalem Erfolg in München uraufgeführt. Hier erhielt sie den Beinamen "Symphonie der Tausend", denn unter Mahlers Leitung wirkten 1030 Personen mit. Durch die Verknüpfung des lateinischen Pfingsthymnus "Veni, creator spiritus" mit der Schlußszene aus Goethes "Faust II" entsteht der eigentümliche Charakter zwischen Symphonie, Oratorium, Musikdrama und Erlösungsmysterium.

      Chor:
      Wiener Singverein, Chorsänger von "Superar", Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor, Simón Bolívar National Youth Choir of Venezuela,
      Chorleitung: Wolfgang Götz, Johannes Prinz,
      Dirigent: Gustavo Dudamel,
      Komponist: Gustav Mahler,
      Orchester: Simón Bolívar Symphony Orchestra of Venezuela,
      Prod.-Firma:
      Ideale Audience, Unitel Film- und Fernsehprod.,
      Solist Gesang: Emily Magee, Juliane Banse, Anna Prohaska, Yvonne Naef, Birgit Remmert, Klaus Florian Vogt, Detlef Roth, Solist Instr.: Kurt Rydl



      Mahler, Symphonie Nr. 8 Es-Dur, Konzert, A 1975, 87 min.
      Kamera: Yngve Mansvik
      Inhalt: Mahlers "Symphonie der Tausend" unter der Leitung von Leonard Bernstein - mit den Solisten Edda Moser, Judith Blegen, Gerti Zeumer, Ingrid Mayr, Agnes Baltsa, Kenneth Riegel, Hermann Prey und José van Dam, dem Wiener Staatsopernchor, dem Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde, den Wiener Sängerknaben und den Wiener Philharmonikern. Leonard Bernstein führte die Achte Symphonie 1975 bei den Salzburger Festspielen und anschließend im Wiener Konzerthaus auf, wo sie aufgezeichnet wurde. Bernsteins Mahler-Zyklus trug zu einem neuen Verständnis von Mahlers Werk bei.

      Chor: Wiener Staatsopernchor, Singverein d.Ges.d.Musikfreund, Sängerknaben,
      Chorleitung:
      Walter Hagen-Groll, Helmuth Froschauer, Uwe Theimer,
      Dirigent: Leonard Bernstein,
      Komponist: Gustav Mahler,
      Musik.Aufn.Ltg: John McClure,
      Orchester:
      Wiener Philharmoniker,
      Prod.-Firma: Telefilm 1, Unitel Film- und Fernsehprod.,
      Solist Gesang:
      Edda Moser, Judith Blegen, Gerti Zeumer, Ingrid Mayr, Agnes Baltsa, Kenneth Riegel, Hermann Prey, José van Dam,
      Tonmeister:
      DECCA RECORDING C. LONDON, Rolf-Peter Schröder,
      Tonschnitt: Rolf-Peter Schröder
    • Gleich Parsifal & Cie. halte ich besonders viel von dieser Aufnahme:



      Es ist nicht meine Lieblings-Symphonie unter Mahlers einschlägigen Schöpfungen (das ist weiterhin seine I.Symphonie), aber für mich faszinierend einerseits vor allem durch ihre Klangfarben, andererseits dadurch, daß sie in keine Kategorie richtig hineinpaßt. Ich mag es, wenn wissenschaftliche Klischees durch die Werke als unzureichend entlarvt werden. Das hängt natürlich mit meiner persönlichen Spezialisierung als Forscher zusammen.
      ______________________

      Homo sum, ergo inscius.
    • Die 8. von Mahler ist sicher eines der Schlüsselwerke des 20. Jh. Sie ist aber auch der Ausdruck einer gewissen Hybris in der Orchsterbehandlung, die zum Anfang des 20.Jh, zusammen mit dem enormen wirtschaftlichen Aufschwung und dem damit einhergehenden gestärkten Selbstbewusstseins des Bürgertums, aufkam. Er leistet sich hier den Luxus einer Riesenbesetzung einschliesslich einer Orgel, und schränkt damit die Aufführbarkeit deutlich ein. Aber dies Werk ist auch Ausdruck der enormen Leistungsfähigkeit seines Schöpfers.
      Und die scheinbare Gigantomanie ist auch nur vordergründig. Sie bestimmt den ersten Satz, aber in der Szene aus Goethes Faust wird der gesamte Apparat zum Teil sehr dezent eingesetzt. Die einzige wirklich massive Episode gibt es erst am Schluss mit der Wiederholung des Chores.
      Was mich an dieser Komposition so begeistert ist neben dem Staunen vor dem genialen Handwerk, die Vielschichtigkeit und die Harmonien. Mahler produziert hier Klänge, die zwar in seinen früheren Werken schon rudimentär vorhanden sind, die aber hier in einer Konzentration geboten werden, das man ganz schwindelig wird von den immer wieder neuen Einfällen.
      Wer diese Sinfonie, welche man wohl eher als Kantate bezeichnen könnte, in seiner ganzen Pracht erleben möchte, der muß sie unbedingt in einem großen Konzertsaal hören. Ich hatte dazu mehrmals Gelegenheit, und werde diese Konzerte wohl nie vergessen. Bei meiner letzten Aufführung in der Philharmonie Essen gab es eine schöne Geste des Dirigenten Steven Sloane. Er hob während des Beifalls die Partitur wie ein Kruzifix in die Höhe, als wenn er uns sagen wollte: "Seht her, das hier ist der wahre Gegenstand dem ihr huldigen sollt, nicht mir und dem Orchester".

      Der zweite Satz enthält eine der von mir so bezeichneten "magischen" Stellen, bei denen ich immer ein besonders intensives Empfinden habe. Und zwar da wo der Chor im pianissimo mit dem "alles vergängliche .." einsetzt. Die ganze Episode einschliesslich der Vorbereitung erzeugt eine enorme Spannung, und Entspannung. Wenn ich auf die berühmte einsame Insel nur eine der Sinfonien Mahlers mitnehmen dürfte, so wäre es gewiss diese, und zwar in der Version mit Bernstein und den Wiener Philharmonikern.

      Eusebius
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • LudwigvanGod schrieb:

      Goethens zweiten Faust habe ich erst jenseits der mittleren Jahre verstanden

      audiamus schrieb:

      Glückwunsch. Ich nicht.

      In der Tat. Das mit dem "Verstehen" scheint ein binäres Phänomen zu sein, man hat es oder man hat es nicht. "Wenn ihr's nicht fühlt ... "

      Ich muss mich dringend mal mit dem "Verstehen" auseinander setzen, das habe ich wahrscheinlich noch nicht verstanden. ;+)

      Gruß
      MB

      :wink:
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)
    • Das Problem ist ein so vielschichtiges Werk wie Goethes "Faust". Da kann verstehen sehr viel Unterschiedliches bedeuten. Ich habe mich mein Leblang mit diesem Werk beschäftigt, nicht als Schwerpunkt, aber präsent war es immer. Ich habe mehrfach für mein Verhältnis zu ihm ein "Verstanden" gebraucht. Aber immer wieder habe ich neue Schichten entdeckt, die auch wieder neue Fragen aufwarfen. Als ich nun wieder an die Uni ging, bevor mich die Klinik "abberief", stand wieder "Faust" auf der Agenda, diesmal u.a. ein Zugang von der bildenden Kunst her, der mir ganz neu war. Und wieder ging es auf eine Entdeckungsreise, die noch nicht abgeschlossen ist.

      Es sind zwei Dinge, die da zusammen kommen: zunächst einmal die Komplexität des Werkes, dann aber auch die Vielschichtigkeit der Rezeption. Den "Faust" verstanden zu haben, ist mE nur eine vorläufige Zusammenfassung, bevor sich die nächsten Fragen aufdrängen - wie bei allen großen Werken der Weltliteratur.

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Ist das aber mit vielen Musikstücken nicht auch so? Wenn wir meinen das Werk verstanden zu haben, hören wir eine andere Version und plötzlich lernen wir es völlig neu und anders kennen. Darin liegt für mich der Reiz, sich mit Musik, Literatur oder Malerei zu beschäftigen. Es wird nie langweilig, weil es immer neue Aspekte zu entdecken gibt, bis ans Lebensende.

      Eusebius
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Konzerthaus DO - 03.07.

      etliche von Euch planen längst ihre Sommersaison, nehm` ich mal an . . .
      Im letzten Abo-Konzert der laufenden Saison spielen die "Dortmunder" unter ihrem GMD Gabriel Feltz Mahler-Acht !!!

      fast auf den Tag im Jahr zuvor spielten sie ja (mit mir im Publikum) Mahler-Drei, wozu ich mich hier bereits lobend geäußert hatte:
      Das war 2017 - Der Jahresrückblick

      Hochkultur im (möglichen) Hochsommer (LIVE je`nfalls) ist bei mir allerdings so`ne Sache - hier nebenan steht nicht zufällig "Schattenanbeter" . . .
      <= und dies` Jahr mag ich nicht, irgendwie - d. h. ich möchte meine Karte f. d. obigen Termin gerne loswerden ---

      letzte Reihe im Parkett für 25 statt 30EUR . . . na wat iss :)

      :wink:
      Alexa: Was ist ein gerechter Lohn? - Das weiß ich leider nicht!
      Peter Kessen "Disruptor Amazon"

      Hollywood ist ein Witz - nicht hassenswert...
      Aki Kaurismäki
    • Mahlers Achte in München

      Am 26.08.18 hatte ich das Glück die 8. Symphonie von Mahler in einer Aufführung der Musikakademie der Studienstiftung des deutschen Volkes zu hören. Unter der Leitung von Martin Wettges fegte dieses Werk wie ein Orkan über mich hinweg. Ich saß direkt vor den Sängerinnen und war sehr erstaunt welches Volumen deren Stimmen entfalten.
      Soweit ich es als Laie hören konnte war dieses Konzert eine wirklich sehr gute Aufführung dieses Mammutwerkes. Über die männlichen Sänger kann ich nicht so viel Schreiben, da der Winkel meines Sitzplatzes den Ton nicht so direkt zu mir transportierte. Denk aber soweit ich es hörte sie sangen auch auf hohen Niveau.
      Und ich muss noch anfügen die Chören hörte ich sehr differenziert und auch das Orchester war in meinen Ohren ausgezeichnet.
      Mein Eindruck bestätigte sich auch durch den sehr großen und begeisterten Applaus.
      Noch eine kleine Anmerkung muß ich noch machen, dieses Konzert verwandelte mich von einem Saulus zu einem Paulus was die Achte von Mahler betrifft. Hier stelle ich fest CDs oder DVDs schön und gut aber live ist einfach eine andere Sache. :clap: