HÄNDEL: Teseo - Staatsoper Stuttgart, 02.05.2009

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    • HÄNDEL: Teseo - Staatsoper Stuttgart, 02.05.2009

      Nachdem der Uraufführung des „Pastor fido“ kein Erfolg beim Publikum beschieden war, suchte Georg-Friedrich Händel für seine dritte Londoner Oper (die erste war vor dem „Pastor fido“ der „Rinaldo“) nach einem Stoff für eine „sichere Bank“. Angesagt waren zum damaligen Zeitpunkt, 1713, Zauberopern – und Händel fand Gefallen am „Teseo“, ein Stück, dessen Libretto Philippe Quinault für Lully geschrieben hat und das Niccolò Haym für Händel einrichtete.

      Hier fand Händel alles, was dem Publikum damals gefiel: eine Zauberin, fliegende Dämonen, exotische Schauplätze zwischen Wüste und Südseeinsel, Magie und Liebeswirrungen. Der „Teseo“, am 10.01.1713 in London uraufgeführt, wurde ein voller Erfolg, Händels diesbezügliche Rechnung ging also auf.

      Die Musik ist abwechslungsreich, Gefühls- und Naturschilderungen sorgen für ein breites Spektrum von barocken Klängen, die Gesangspartien fordern immer wieder virtuose Ausdruckskunst und zumindest die Partie der Zauberin Medea scheint schon ein wenig über die Konventionen der Entstehungszeit des Stückes hinauszuweisen, ihr Charakter wirkt in seiner Zerrissenheit modern, ihr Gesang ist oft dramatischer Ausdruck ihrer seelischen Verfasstheit.

      Kurz zur Handlung, ich zitiere den entsprechenden Abschnitt meiner Besprechung der Berliner Aufführung des gleichen Stückes:

      Teseo, der Titelheld, kämpft im Auftrag des Königs Egeo für die Freiheit Athens. Der Krieg ist gerade zu Ende und Teseo ist aus diesem als Sieger hervorgegangen. Teseo wird von Agilea geliebt, diese wiederum findet der König Egeo mehr als anziehend, obwohl er der Zauberin Medea, die in Athen als Asylantin untergekommen ist, die Ehe versprochen hat. Medea nimmt es nicht tragisch, als sie von der veränderten Lage erfährt – hat sie sich doch in Teseo verliebt. Leider interessiert sich Teseo nicht für Medea, er liebt noch immer seine Agilea, was Medea zur eifersüchtigen Furie werden lässt. Kurzerhand lässt Medea die Rivalin von ihren Dämonen entführen, was den König, als er von dieser Aktion erfährt, reichlich ungehalten werden lässt. Medea erpresst Agilea. Wenn diese nicht von dem begehrten Teseo lassen will, wird Medea Teseo töten. Als Agilea es nicht schafft, von Teseo zu lassen, ist Medea so gerührt, dass sie nun selbst auf Teseo verzichtet. Das finden Agilea und Teseo richtig gut und freuen sich über diese glückliche Wendung. Dummerweise bereut Medea ihren Schritt und will nun die beiden Liebenden doch töten. Medea schwärzt Teseo beim König an und bringt Egeo dazu, dass dieser dem Teseo ein Gift reicht. Jetzt wird’s richtig schwierig, weil Egeo in dem Moment, wo er Teseo das Gift geben will, erkennt, dass dieser sein verlorengegangener Sohn ist. Medea zieht es vor, zu fliehen. Der König verzichtet zugunsten von Teseo auf Agilea. Medea, die zurückgekommen ist, wird daran gehindert, die ganze Welt in die Luft zu jagen, das Stück endet glücklich.

      Bei Igor Bauersima, dem Regisseur der Stuttgarter Neuproduktion beginnt das Stück so:

      Auf der Bühne steht ein riesiger Würfel, auf dessen Vorderfront ein Wellblechmuster projiziert wird. Ein Mann, später erfährt man, dass es sich um Teseo handelt, läuft während der Ouvertüre über die Bühne und wird mittels eines Flugapparates, optisch vergleichbar mit dem Geschirr eines Fallschirmspringers, auf das Dach des Würfels gezogen. Dort installiert Teseo zwei Elektroden, wie man sie aus Umspannwerken kennt, und setzt das ganze unter Strom.

      Der Würfel fährt auseinander und gibt den Blick auf die dunkle Bühne frei. Zwei Frauen in schicker Kleidung laufen mit futuristischen Taschenlampen über die Bühne, einfache Menschen kriechen auf dem Boden herum, entwenden den Frauen die Lampen und stehlen einen Teil ihrer Garderobe.

      Kein Krieg, nirgends – aber vielleicht wird hier ja die Auseinandersetzung zwischen zwei Konzernen thematisiert, soziale Unruhen inklusive?

      „Konzern“ passt schon mal ganz gut. Die Inszenierung arbeitet sehr viel mit den verschobenen Würfelteilen und ergänzt die Bühne mit Projektionen, um die jeweiligen Räume anzudeuten. Da sieht man römische Prachtbauten der Caesarenzeit und auch der David von Michelangelo steht in einer der repräsentativen Konzernhallen herum.

      Der König ist der Konzernchef – er wird für einen Fernsehauftritt hergerichtet, Medea, mit einer „Marge-Simpson"-Hochfrisur ist die Pressetante des Hauses und die restlichen Mitwirkenden verkomplettieren diese Familiensaga á la „Dallas“ oder „Denver“. Ein wichtiger Mitarbeiter ist Teseo, ein wenig im Albert-Einstein-Look auftretend und es fehlt nicht an Werkschutzleuten, die auch für die Quälereien an Agilea zuständig sind, bevor Medea selbst mal mit den Designerschuhen zutritt.

      Medea changiert zwischen Ernst und Komik – und wie sich das für eine Zauberoper gehört, wackelt auch ein niedlicher Drachen im Kinderstubenformat zu einer ihrer Arien über die Bühne, bevor sie – mit Ladehemmungen – mittels eines Feuerzeuges schon mal zum Ende des ersten Aktes Sabotage-Gedanken hegt. Über die weissen Wände des Bühnenbildes züngeln Flammen empor.

      Die Wüste und die einsame Insel des zweiten Teils sind wiederum bühnenfüllende Projektionen, der Showdown am Ende findet während einer Betriebsfeier statt.

      Das Problem dieser Inszenierung ist der Umstand, dass überhaupt nicht klar wird, welche Geschichte der Regisseur da erzählt. Man kann sich alles so ein wenig zusammenreimen, manchmal liegt man richtig – aber schlüssig inszeniert ist das nicht.

      Allein schon der Verzicht auf jeden Bezug zum Krieg, macht die Sache schwierig. Tatsächlich hat der Krieg die Menschen geprägt, denen wir im „Teseo“ begegnen, er bestimmt auch die Beziehungen der handelnden Personen zu einander.

      Dann ist da Medea, die Frau, die ihre beiden Kinder getötet hat, die geflohen ist, die Fremd bleibt in Athen, die in dieser Inszenierung geradezu lächerlich verkleinert wird.

      Das Programmheft gibt Aufschluss über die Gedanken, die sich Regisseur Bauersima so gemacht hat – und dies ist ein Kardinalfehler einer Inszenierung: wenn sich das Konzept einer Produktion nur über eine schriftliche Erklärung vermitteln lässt.

      Bauersima lässt die Handlung also „in einer nicht allzufernen Zukunft“ spielen, die Länder sind „wirtschaftlich ruiniert“ und miteinander im Krieg. Soweit, so schlecht: davon ist in dieser Inszenierung nichts zu sehen. Selbst die Armen, die zu Beginn etwas verschämt über die Bühne kriechen, bleiben isoliert, diese Idee wird nicht weiterverfolgt.

      Wortreich erklärt dann Bauersima, wie er Medea sieht, aber selbst das, was er sich, reichlich konstruiert, gedacht hat, findet sich in der Personenführung der Sängerin dieser Partie nicht wieder.

      Jetzt kommts, Bauersima erklärt, wie das Anfangsbild zu verstehen ist: Teseo ist ein „genialer Wissenschaftler, der eine neue, extrem potente Energiequelle erfindet und wirtschaftlich nutzbar macht“, Der Würfel soll ein ausgedienter Reaktor sein, den Teseo an das Stromnetz anschliesst und der so den Menschen Wärme und Wohlstand bringt.

      Das ist alles nur in sofern erhellend, weil der interessierte Zuschauer hier wenigstens noch erfährt, was er alles nicht in dieser Inszenierung hat entdecken können. Ob „Teseo“, wie von Bauersima behauptet, von der „Integrität in einer korrupten Gesellschaft“ handelt und ob es wirklich um die „Impotenz der Macht“ gegenüber Teseo und Agilea geht, darüber kann man sicher streiten – dass die Inszenierung diese Annahme nicht beglaubigen kann, liegt an der dann doch insgesamt schwachen und oberflächlichen Regiearbeit von Igor Bauersima, die manches vergnügliche Detail, aber auch viel konventionelles Stehtheater bietet. So werden es die Sängerinnen und Sänger gewiss geschätzt haben, dass sie oft frontal zum Publikum und zum Dirigenten hin stehend ihre nicht immer leichten Aufgaben erfüllen durften.

      Konrad Junghänel entwickelt sich ganz langsam zu einem der führenden Dirigenten für Musik zwischen Monteverdi und Mozart an unseren Opernhäusern. Nach seinem genialen Gluck-Dirigat in Berlin überzeugte Junghänel mit einem frischen, detailfreudigen und bei den Rezitativen recht abwechslungsreichen Händel. Das Orchester folgte Junghänel willig und besonders die lyrischen Passagen hatten eine solche Qualität, dass es mitunter sehr still im Stuttgarter Opernhaus war.

      Eine Bombenrolle ist die Medea in diesem „Teseo“. Das langjährige Ensemblemitglied Helene Schneiderman war die sehr präsente Interpretin dieser Partie, die vor allem im ersten Teil sich bemerkenswert ins Zeug legte, gegen Ende dann aber etwas nachliess, inklusive eines falschen Einsatzes, der wohl der Premierennervosität geschuldet war.

      Eine Entdeckung der Countertenor Franco Fagioli. Die Stimme ist recht gross und ausgesprochen agil. Während am Anfang der Eindruck einer gewissen Härte und Schärfe entstehen konnte, überzeugte Fagioli spätestens mit seiner Koloraturgeläufigkeit und seiner Atembeherrschung in den dramatischeren Stücken seiner Rolle.

      Ebenfalls ansprechend der Countertenor Matthias Rexroth als Arcane mit einer warmgetönten und ausgeglichenen Stimme, schwächer Kai Wessel (Egeo), der dritte Counter in diesem Stück, der allerdings am Ende noch die wenigen Worte des „Deus ex machina“-Priesters singen darf – in seiner natürlichen Bariton-Lage.

      Die beiden Sopranistinnen des Abends, Jutta Böhnert (Agilea) und Olga Polyakova (Clizia), steigerten sich nach zögerlichem Beginn zusehends und während Böhnert bei den zurückgenommenen Arien punkten konnte, gelang dies Polyakova mehr bei den virtuosen.

      Das Publikum war sehr applausfreudig, jede Arie wurde zum Beifallspenden genutzt, gerne auch schon mal in die Schlusstakte einer Arie hinein, eine echte Unart...

      Viel Beifall für alle Beteiligten – aber die Produktion der „Komischen Oper Berlin“ des gleichen Werkes in der Regie von Benedikt von Peter vermittelt um einiges besser, was dieser „Teseo“ für uns heute sein kann, da bleibt Stuttgart weit dahinter zurück.
      Der Kunst ihre Freiheit