Kritikberechtigung - Wer die Eiche kratzt

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    • Ich habe gerade leider keine Zeit, das auszuführen, aber Kant ist hier der falsche Gewährsmann. Er meint nämlich gerade nicht, dass das ästhetische Urteil (über das Schöne) irreduzibel persönlich-subjektiv ist (das wäre dann ein Urteil über das Angenehme), aber ich kann nicht mit zwei Sätzen die entscheidenden Unterschiede erklären (weil es zu lange her ist, dass ich das mal richtig gut verstanden hatte). Weil das ästhetische Urteil von persönlichen Interessen und Neigungen absieht, hat es eine Intersubjektivität oder Quasi-Objektivität, die sich für das Angenehme nicht geltend machen lässt. Allerdings ist es eben auch keine im externen Objekt liegende Objektivität (wie bei "Die Statue wiegt 100 kg und besteht aus Bronze"). Sondern ist es ein spezifisches Zusammenspiel der Erkenntniskräfte (die nicht zu einem eindeutigen objektiven Abschluss kommen wie bei den objektiven Erkenntnisurteilen) des Subjekts bezogen auf das Objekt und auf das "Wohlgefallen" des Subjekts, aber eben ein "interesseloses Wohlgefallen", im Ggs. zur Lust am Angenehmen, die gerade nicht interesselos ist und daher unverhandelbar subjektiv im engeren Sinne.
      Jemandem überzeugen zu wollen, das für mich Angenehme müsste es auch für ihn sein, wäre müßig. Das Urteil über das Schöne kann ich aber, wenn auch nicht in dem Sinne belegen oder begründen wie bei objektiven Urteilen, jemandem nahelegen ("ansinnen" bei Kant), da eben jeder entsprechend sensible und gebildete Mensch dafür offen sein müsste.

      Was mich bei Adornos Sibelius-Kritik interessieren würde und ich habe das, glaube ich, auch schonmal angesprochen, ohne dass die Sache befriedigend geklärt wurde, ist, dass die Kritikpunkte doch ziemlich objektiv nachprüfbar wären. Stimmt denn nun, dass Sibelius "nicht mal einen vierstimmigen Choral aussetzen" kann usw.?
      Bei anderen Dingen kann man ja zu Recht argumentieren, dass Adorno schlicht andere ästhetische Präferenzen hat und natürlich sehr einseitig ist, weil er ja nicht nur eine recht genaue Vorstellung davon hat, was die Qualitäten der abendländischen Musik von Bach bis Schönberg ausmachen, sondern eben auch, dass hauptsächlich oder nur Schönberg dieses Erbe würdig aufgenommen und weiterverarbeitet hat.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • zabki schrieb:

      "Wenn Sibelius gut ist, dann sind die Maßstäbe [...]"
      Ich verstehe es so, dass er einen Widerspruchsbeweis anführen will.

      Behauptung: Sibelius ist schlecht (nicht gut). Beweis durch Widerspruch: wenn er gut wäre, dann... folgte etwas offensichtlich Absurdes. Also kann die Annahme, dass Sibelius gut ist, nicht wahr sein. Also ("tertium non datur") muss er schlecht sein.

      maticus
      Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
    • Kater Murr schrieb:

      Was mich bei Adornos Sibelius-Kritik interessieren würde und ich habe das, glaube ich, auch schonmal angesprochen, ohne dass die Sache befriedigend geklärt wurde, ist, dass die Kritikpunkte doch ziemlich objektiv nachprüfbar wären. Stimmt denn nun, dass Sibelius "nicht mal einen vierstimmigen Choral aussetzen" kann usw.?
      Ob das stimmt, weiß ich nicht. Immerhin habe ich gerade eine Stelle gefunden, die vielleicht etwas deutlicher macht, was Adorno an Sibelius stört. 1961/62 beschreibt Adorno, daß Sibelius in England und Amerika, "ohne daß in bündigen musikalischen Begriffen gezeigt worden wäre warum, in hohen Ehren [steht]; Versuche, ihn anderswo zu lancieren, scheitern gewiß nicht wegen allzu hoher Ansprüche seiner Symphonik. Vor mehr als dreißig Jahren [also um 1930, Adorno war da ca. 27, der Gesprächspartner ca. 60] habe ich einmal Ernest Newman, den Initiator des Ruhms von Sibelius, nach dessen Qualität gefragt; er habe doch die Errungenschaften der gesamteuropäischen Kompositionstechnik nicht rezipiert, in seiner Symphonik verbinde sich das Nichtssagende und Triviale mit dem Alogischen und zutiefst Unverständlichen; das ästhetisch Ungeformte verkenne sich als Stimme der Natur. Newman [...] antwortete lächelnd: auf eben die Eigenschaften, die ich bemängelt hätte und die er keineswegs leugne, sprächen die Engländer an." (Quelle: Theodor W. Adorno, Dissonanzen. Einleitung in die Musiksoziologie. Frankfurt a. M. 2003, S. 369f.)

      Ob und inwieweit Adornos Kritik an Sibelius objektivierbar ist, müßte eine detaillierte und gut fundierte musikalische Analyse zeigen. Das natürlich im Zusammenhang mit Adornos musikphilosophischen Voraussetzungen, die in sein Urteil hineinfließen. Nicht so einfach...

      Vgl. # 355; dort hat zabki bereits Newman erwähnt.

      :wink:

      PS: Zu Adorno und Sibelius vgl. auch Jean Sibelius - in seinen "Augen gab es keinen Fortschritt" - was ist dran an diesem "mystizistischen Eremiten"?
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • maticus schrieb:

      Beweis durch Widerspruch: wenn er gut wäre, dann... folgte etwas offensichtlich Absurdes.
      das müßtest du ggf aus andern Äußerungen untermauern. Adorno sagt nicht "wäre" (was immerhin sogar als hypothetisch möglich verstanden werden kann), sondern "sind".
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Kater Murr schrieb:

      Was mich bei Adornos Sibelius-Kritik interessieren würde und ich habe das, glaube ich, auch schonmal angesprochen, ohne dass die Sache befriedigend geklärt wurde, ist, dass die Kritikpunkte doch ziemlich objektiv nachprüfbar wären. Stimmt denn nun, dass Sibelius "nicht mal einen vierstimmigen Choral aussetzen" kann usw.?
      Hat das zabki nicht hier schon einmal beantwortet? Jean Sibelius - in seinen "Augen gab es keinen Fortschritt"

      zabki schrieb:

      ich befand in den 70gern in einem stark von Neuer Wiener Schule usw. geprägten Studenten -Milieu. Da gab es wahrscheinlich gerade wegen Adorno eine gewisse Neugier auf Sibelius - man wollte schon schauen , ob T.W. wirklich Recht hatte .
      Ergebnis nach dem einen oder anderen Konzertbesuch:
      Adornos "S. kann keinen 4stg. Choral aussetzen" ist einfach Blödsinn. Epigone ist S. auch nicht. Und das Material ist nicht soo anders als beim Generationsgenossen Mahler (die Neunte beginnt schließlich auch mit über 20 Takten reiner Diatonik ohne ein einziges Chroma). - Aaaber die 1000 Löcher - die hörten wir auch.
      „Music is a nexus. It's a conduit. It's a connection. But the connection is the thing that will, if we can ever evolve to the point if we can still mutate, if we can still change and through learning, get better. Then we can master the basic things of governance and cooperation between nations.“ - John Williams
    • zabki schrieb:

      das müßtest du ggf aus andern Äußerungen untermauern. Adorno sagt nicht "wäre" (was immerhin sogar als hypothetisch möglich verstanden werden kann), sondern "sind".
      Nein, dazu müsste ich Adornos Text lesen, was ich aber nicht will. Ich hatte es allein aus der isolierten Aussage so verstanden.

      Dass er keinen Konjunktiv verwendet hat, ist mir auch klar. Dazu kenne ich aber seine Geflogenheiten des Sprachgebrauchs zu wenig (gar nicht). Korrekt wäre doch hier so oder so die Verwendung des Konjunktiv, oder?

      maticus
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    • Symbol schrieb:

      Das ist vermutlich keine allzu produktive Herangehensweise, wenn man eine Interpretation des besagten Textes anstrebt.
      Ich habe meinen Input gegeben, und die Experten können ja schauen, ob sie damit etwas anfangen können oder nicht. Welche Interpretation könnte es denn für diesen Satz sonst noch geben?

      maticus
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    • Es gäbe ja noch die Lesart, dass sich Sibelius eben außerhalb bestimmter zentraler etablierter Kriterien der Bach-bis-Schönberg-Tradition stellt, ohne dies mit einer so scharfen Wertung zu verbinden. (Meiner Erinnerung hat mal jemand einzelne Kritikpunkte Adornos geteilt, aber positiv gewendet, Sibelius als eine Art Vorläufer der Minimalisten gesehen.)
      Denn natürlich meint Adorno (und wohl auch sonst niemand), dass diese Kriterien auf die entsprechende Musik angewendet, hinfällig sind. Das ist so eine rhetorische Übertreibung. Selbstverständlich sind das für Bach oder Schönberg gute Kriterien. Die Frage ist, ob es die einzigen sinnvollen Kriterien sind, da ja auch eine ganze Anzahl Komponisten aus der Zeit und Tradition Bachs bis Schönbergs danach zweit bis drittklassig sind (so fand Adorno meiner Erinnerung nach die meiste Barockmusik außer Bach vernachlässigenswert, wie in dem Spott über den Liebhaber, der Bach sage, aber Vivaldi (oder Telemann?) meine, zum Ausdruck kommt).
      Und dann, ob es nicht gerade eine historische Leistung Sibelius' war, sich davon zu emanzipieren (wie das in unterschiedlicher Weise auch Satie oder Stravinsky gemacht haben).
      Das Seltsame ist dann aber freilich, warum Sibelius kaum so wahrgenommen wurde, sondern als "zweiter Beethoven" oder was auch immer die in der Glosse verspotteten Sibelianer meinten.
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    • zabki schrieb:

      das verstehe ich nun völlig anders. Er erwägt die Möglichkeit, daß "die andern" recht haben, und seine Fachmaßstäbe sich als hinfällig erweisen.
      das mag als formallogische Spielerei hingehen. Nach Allem, was ich von Adorno gelesen habe, halte ich es in der Tat für ausgeschlossen, daß er es auch nur für denkbar hält, die angesprochenen Kriterien zu relativieren. ("denkbar" in dem Sinne, daß er das nicht für "Denken" hielte, was dazu führen könnte, allenfalls für "falsches", pervertiertes)

      Kater Murr schrieb:

      Und dann, ob es nicht gerade eine historische Leistung Sibelius' war, sich davon zu emanzipieren (wie das in unterschiedlicher Weise auch Satie oder Stravinsky gemacht haben).
      interessanter Ansatz: dazu findet sich allerlei angedeutet hier ...
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • Kater Murr schrieb:

      Stimmt denn nun, dass Sibelius "nicht mal einen vierstimmigen Choral aussetzen" kann usw.?
      Das ist eine klare Polemik. Denn Adorno (wenn er das denn behauptet hat) war es sicher bewußt, daß eine vierstimmige Choralharmonisierung etwas ist, was im Prinzip auch jeder Anfänger nach Schema f kann. Zwischen den Zeilen: Wenn Sibelius das "nicht kann" bzw. "nicht mal das kann", beherrscht er noch nicht einmal oder allenfalls Anfängerniveau.
      Insofern wird eine "objektive Überprüfung" dieser Aussage ins Leere laufen. Selbstverständlich "kann" er das. Die Frage ist dann aber, wie elaboriert das Ergebnis ist. Vergleichbar wäre eine Aussage, daß ein bestimmter Literat noch nicht einmal einen Einkaufszettel schreiben kann. Natürlich "kann" er das. Aber das hätte keinen literarischen Wert.

      zabki schrieb:

      Aber er macht ein Zugeständnis: wenn Sibelius gut ist, dann sind die Maßstäbe der musikalischen Qualität als des Beziehungsreichtums, der Artikulation, der Einheit in der Mannigfaltigkeit, der Vielfalt im Einen hinfällig, die von Bach bis Schönberg perennieren.
      Ich bin da ganz bei maticus: Das ist der Versuch einer indirekten Beweisführung. Wenn A, dann nicht B (Wenn Sibelius gut ist, sind alle bisherigen Maßstäbe über die musikalische Qualität falsch"). Adornos Prämisse: B ist wahr (die bisherigen Maßstäbe sind gültig), etwas anderes anzunehmen wäre absurd. Klassische reductio ad absurdum. Mit anderen Worten: Jemand, der Sibelius gut findet, steht im Widerspruch zu allem, was in der Musik seit Jahrhunderten ("seit Bach") als Qualität angesehen wird.
      Der rhetorische Trick besteht darin, daß die negative Korrelation zwar behauptet, aber nicht objektiv beweisbar ist. Ein heute etwas leichter durchschaubares Beispiel: Wenn die Ureinwohner Amerikas Menschen wären, dann wäre die biblische Aussage falsch, daß Noah nur drei Söhne gehabt hätte, die die drei bis dato bekannten Erteile besiedelt hätten. Seinerzeit ein wissenschaftlich ernsthaft diskutiertes Thema. Der Wahrheitsgehalt der Bibel ist zwar auch nicht objektiv beweisbar, wurde aber grundsätzlich nicht in Frage gestellt - so wie bei Adorno die Existenz von "Maßstäben der musikalischen Qualität"
      Wo Adorno hier ein "Zugeständnis" machen würde, erschließt sich mir nicht. Das könnte man zwar formal aus der isolierten Bemerkung schließen ("Vielleicht ist auch alles falsch, was wir bisher angenommen haben"), aber nicht im Zusammenhang mit anderen musik- oder Sibelius-bezüglichen Äußerungen Adornos.
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • Kater Murr schrieb:

      aber Kant ist hier der falsche Gewährsmann. E
      ich schrieb ja auch, daß ich "Formulierungshilfe" brauchte, die Begriffe sich verschoben hätten.

      dabei wäre der Knackpunkt, daß es überhaupt ein Urteil gibt, das irgendwie objektiven (natürlich nicht wie bei Fakten) Anspruch erheben muß, obwohl es subjektiv ist. Wie dieses dann beim "Angenehmen" und "Schönen" genauer aussieht, wäre demgegenüber zweitrangig.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • bustopher schrieb:

      Adornos Prämisse: B ist wahr (die bisherigen Maßstäbe sind gültig), etwas anderes anzunehmen wäre absurd
      wird mich anspornen, eine Widerlegung zu versuchen.

      bustopher schrieb:

      Jemand, der Sibelius gut findet, steht im Widerspruch zu allem, was in der Musik seit Jahrhunderten ("seit Bach") als Qualität angesehen wird.
      das triffts nicht genau. Die Maßstäbe für Qualität könnten sich sich ja auch dann als unzulänglich (ganz einfach: in der fortschreitenden Musikentwicklung als obsolet) erweisen, wenn Bach nach wie vor als "gut" gilt.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


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    • zabki schrieb:

      Die Maßstäbe für Qualität könnten sich sich ja auch dann als unzulänglich (ganz einfach: in der fortschreienden Musikentwicklung als obsolet) erweisen, wenn Bach nach wie vor als "gut" gilt.
      das könnten sie wohl. aber ich gehe jede Wette in, daß Adorno DAS nicht gemeint hat.

      Bei aller Wertschätzung (wer hat den überhaupt unter diesen threadtitel geschummelt? ist das eigentlich eine legitime Form der Abwertung eines Musikdenkers oder hat da wer die Eiche mit irgendwas anderem verwechselt?) - sein Urteil ist nicht zu verstehen ohne die Zeit, aus der es stammt: seine "Götter" in der Heimat als "entartet" geächtet oder gleich vertrieben, das Musikleben im amerikanischen Exil entspricht so gar nicht seinen Ideen von Fortschritt - da wurde so jemand wie Sibelius quasi zum Symbol dessen, was in der Musik wie in der Welt falsch läuft...
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    • Gurnemanz schrieb:

      Ob und inwieweit Adornos Kritik an Sibelius objektivierbar ist, müßte eine detaillierte und gut fundierte musikalische Analyse zeigen. Das natürlich im Zusammenhang mit Adornos musikphilosophischen Voraussetzungen, die in sein Urteil hineinfließen. Nicht so einfach...

      Das ist im Hinblick auf dessen Philosophie tatsächlich nicht einfach, andererseits: Warum muss denn eigentlich immer Adorno selbst (oder andere Kritiker) widerlegt werden, wo dieser doch so gut wie keine Beispiele (ich wüsste eigentlich gar kein konkretes) zu seinen "Thesen" geliefert hat?
      Ein ernst zunehmender Kritiker hat seine Ansichten nicht bloß in die Welt zu schreien, und ist es noch so eloquent. Sofern es dabei nur über ästhetische oder musikphilosophische Ansichten geht, ist dessen verwendetes Vokabular merkwürdig verdreht meiner Meinung nach (das Beispiel mangelnde Einarbeitung der europäischen Tradition, Unfähigkeit zum Schreiben eines Chorals etc.). Und warum findet sich nirgendwo ein Wort zur 4. Symphonie, die ja wahrlich ein Meilenstein der europäischen Moderne ist?

      Es stellt sich für mich die Frage, welche Werke Adorno tatsächlich gekannt und auf die er sich als Grundlage seiner Kriterien bezogen hat. Ohne dieses Wissen wird auch die entsprechende Widerlegung schwierig werden.
      Die Entwicklung der neuen Musik ab 1970 und die evident gewordene Vorwegnahme diverser Techniken in Sibelius' Musik konnte er natürlich nicht voraussehen.

      Wie ich früher im Thread schon gesagt habe: Wenn ein "Profi" derart Gewicht hat, wie beispielsweise Adorno, dann kann dieser eigentlich jede These verlautbaren. Alle anderen sagen dann entweder, "wird schon stimmen" oder versuchen sich seit bald 90 Jahren an der konsequenten Umkehrung dieser Aussagen. Dabei spielt es auch keine Rolle, dass man ein gutes Dutzend einflussreiche Musiker nennen könnte, die Sibelius als einen der Urväter der Moderne bezeichnet haben (selbst Leute wie Gérard Grisey, Edgar Varèse, Wolfgang Rihm).
      „Music is a nexus. It's a conduit. It's a connection. But the connection is the thing that will, if we can ever evolve to the point if we can still mutate, if we can still change and through learning, get better. Then we can master the basic things of governance and cooperation between nations.“ - John Williams
    • Kater Murr schrieb:

      Weil das ästhetische Urteil von persönlichen Interessen und Neigungen absieht, hat es eine Intersubjektivität oder Quasi-Objektivität, die sich für das Angenehme nicht geltend machen lässt.
      Der geile Super-Knaller bei Interessenlosigkeit ist ja eben Zweckfreiheit im Naturschönen NS und im Kunstschönen KS. Kunst geht kraft ihrer zweckfreien Schlagseite im fiesen Funktionszwang des gesellschaftlichen Konkurrenzkäfigs nicht völlig auf.. (okay, okay okay, sollte es wenigstens nicht). ..

      Kater Murr schrieb:

      Allerdings ist es eben auch keine im externen Objekt liegende Objektivität (wie bei "Die Statue wiegt 100 kg und besteht aus Bronze"). Sondern ist es ein spezifisches Zusammenspiel der Erkenntniskräfte (die nicht zu einem eindeutigen objektiven Abschluss kommen wie bei den objektiven Erkenntnisurteilen) des Subjekts bezogen auf das Objekt und auf das "Wohlgefallen" des Subjekts, aber eben ein "interesseloses Wohlgefallen", im Ggs. zur Lust am Angenehmen, die gerade nicht interesselos ist und daher unverhandelbar subjektiv im engeren Sinne.
      Die quasi Abwendung vom Gegenstand bereitet Bauchschmerzen :( ; vermutlich resultiert das aus Kants Sorge, dass sonst dabei die Autonomie desjenigen verkackt, der sich NS/KS reinzieht. ?(

      zabki schrieb:

      dabei wäre der Knackpunkt, daß es überhaupt ein Urteil gibt, das irgendwie objektiven (natürlich nicht wie bei Fakten) Anspruch erheben muß, obwohl es subjektiv ist.
      Da liegt kantischer Hase im Pfeffer.

      Kater Murr schrieb:

      Das Urteil über das Schöne kann ich aber, wenn auch nicht in dem Sinne belegen oder begründen wie bei objektiven Urteilen, jemandem nahelegen ("ansinnen" bei Kant),

      zabki schrieb:

      Wie dieses dann beim "Angenehmen" und "Schönen" genauer aussieht, wäre demgegenüber zweitrangig.
      Dazu kleine Ergänzung, die mir nicht in Tonne zu treten wäre:

      Einerseits.
      Im Gegensatz zu kantische Privaturteile übers bloß Angenehme, also ob ich eigne Büro-Plauze mir lieber mit Pommis-Majo oder -Ketchup vollhaue, erheben Geschmacksurteile über das Schöne einerseits Anspruch auf allgemeine Bestimmung => subjektiv-allgemein.
      Ist ja auch ganz okay.
      Nur sollte es m.E. dann aber auch mit einen irgendeinen Gegenstand vom NS oder KS irgendwie funzen/zusammenkommen und begriffliche Struktur eines Urteils (Subjekt = Prädikat) aufweisen.

      Andererseits soll das kantische Geschmacksurteil wiederum ohne Begriff sein und aus Erkenntnisquelle Sinnlichkeit/Anschauung sprudeln.

      Tja. Und über diesen Wiederspruch kann sich Brägen echt zergrübeln. ?(
      Der Widerspruch hat möglicherweise was mit der Sache selbst zu tun, also dem KS.
      Die KS-Chose kommt gleichsam unbegriflich/ungegenständlich rüber (vor allem Instrumentalmucke) und will dennoch gleichsam gecheckt/kapiert werden, was bekanntlich ohne Begriffe aber nicht funzt.........
      Deshalb gibt’s auch Capriccio mit soooooo vielen Threads.......
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Dass Sibelius technisch ausreichend gut befähigt sein musste, zeigt schon die Tatsache, dass er bei Robert Fuchs in Wien studieren konnte. Dieser hätte wohl kaum einen Stümper als Schüler akzeptiert.

      Wie stand Adorno eigentlich zu Debussy und Strawinski?
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Felix Meritis schrieb:

      Wie stand Adorno eigentlich zu Debussy und Strawinski ?

      Debussy :thumbup:
      Strawinsky :thumbdown:

      Muss sich keiner zu eigen machen.
      ist so auch höchst grob/pauschal formelhaft vereinfacht und damit eigentlich Käse.

      Denn Strawinskys Geschichte vom Soldaten fand Teddielein richtig sau-geil; weil darin die gleichsam beschädigt + ramponiert rüberkommende Mucke einer quasi offiziellen, fassadenhaften, saturierten Kultur gehörig die Fresse poliert bzw. dagegen anstänkert....
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Dass Adorno Debussy schätzte, wundert mich eigentlich, aber ich kenne seine Schriften wohl viel zu wenig, um begründete Vorhersagen zu treffen.

      Es gibt jedenfalls sehr viele Musikliebhaber, die sowohl Sibelius als auch Schönberg schätz(t)en, was die ganzen theoretischen Abhandlungen doch eher zweifelhaft erscheinen lässt. Die ästhetischen Urteile von kenntnisreichen Musikern und Komponisten (keineswegs nur von Adorno) werden für mich aber ohnehin immer ein Mysterium bleiben.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.