Maurizio Pollini - ein kühler Technokrat und Analytiker?

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    • Gurnemanz schrieb:

      "außerordentliches Pedalspiel", ja, das bestätige ich gern.
      Pollini verwendet das Pedal nicht primär zum Verbinden von Klängen sondern zu deren Gestaltung, und zwar fast durchgehend. Das kann ohne Einbuße an Klarheit nur durch die Kombination von extrem präzisem Anschlag und reaktionsschnellem Einsatz aller Stufen und Zwischenstufen des Pedals funktionieren. In der Hinsicht ist er meines Erachtens einzigartig. Ich kann mich z.B. an eine "Sturm-Sonate" in der Hamburger Musikhalle erinnern, wo er am Ende des ersten Satzes es tatsächlich schaffte, das vorgeschriebene liegende Pedal zu realisieren, ohne dass die Klarheit der rollenden Bassfiguren in irgendeiner Weise beeinträchtigt gewesen wäre. Es klang so, als ob er einfach das Pedal liegen gelassen hätte, in Wahrheit wechselte er aber so schnell und präzise zwischen Ganz-, Dreiviertel- und Halbpedal, dass man keinerlei Brüche hörte. Das habe ich vorher und nachher nie mehr so gehört.

      Gurnemanz schrieb:

      Eine Frage: Bei welchen Beethoven-Aufnahmen konkret hörst Du "eine gewisse manuelle Schlampigkeit und rhythmische Instabilität"? Pollinis Beethoven schätze ich insgesamt sehr!
      Ich muss noch einmal reinhören, aber ich erinnere mich z.B. an den Anfang von op. 31/3, wo er die Pausen auf Zählzeit drei extrem abkürzt und viel zu früh zum jeweils nächsten Takt geht. So etwas meinte ich mit "rhythmischer Instabilität" (gab es auch an anderen Stellen). Und manche Passagen in der Folge sind etwas verwischt, schon noch zu hören, aber nicht mehr klar aus den Fingern artikuliert (diesen Eindruck hatte ich noch viel deutlicher beim e-moll-Konzert von Chopin in der Berliner Philharmonie). Das ändert alles nichts daran, dass ich seinen Beethoven dennoch sehr schätze, aber hätte er seinen in den späten 80er Jahren (wenn ich mich recht erinnere) von der Deutschen Grammophon angekündigten Plan verwirklicht, schon damals alle 32 Sonaten in Konzertmitschnitten zu veröffentlichen, wäre der Zyklus meines Erachtens noch besser geworden. Ich habe ihn in dieser Zeit u.a. mit einer großartigen Pastoral-Sonate und einer überwältigenden Hammerklaviersonate gehört, deren ganze Größe ich nie wieder so erlebt habe.

      Christian
      Jeder Eindruck, den man macht, schafft Feinde. Um populär zu bleiben, muss man mittelmäßig sein.
      Oscar Wilde
    • Danke, lieber Christian, für deine ausführliche Erläuterung! Dem werde ich bei Gelegenheit gern mal nachgehen, besser: nachhören.

      In der hohen Wertschätzung für Pollini sind wir uns jedenfalls einig, auch wenn womöglich das eine oder andere auch kritisch zu sehen ist.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Gurnemanz schrieb:

      In der hohen Wertschätzung für Pollini sind wir uns jedenfalls einig, auch wenn womöglich das eine oder andere auch kritisch zu sehen ist.
      An Pollinis Bedeutung kann es meines Erachtens nicht den leisesten Zweifel geben. Er spielt seit fast 60 Jahren in der absoluten Weltspitze, manche seiner Einspielungen sind seit Jahrzehnten unübertroffen (die Chopin-Etüden, die späten Beethoven-Sonaten, die Petrouchka-Suite, die zweite Boulez-Sonate usw.), und er ist quasi der einzige in dieser Liga, der sich zeitlebens auch für die Avantgarde eingesetzt hat. Dabei blieb er trotz seines lebenslangen Solisten-Daseins (ich kenne nur ein einzige Kammermusikaufnahme mit ihm) den Gefährdungen des Abseitigen, Verstiegenen fern sondern behielt diese moderne Klarheit seines Spiels immer bei. Dass er jetzt im Alter auch mal gewisse manuelle oder konzentrationsmäßige Schwächen zeigt, will ich überhaupt nicht "kritisieren", sondern es tut mir eher leid (ähnlich wie bei meinem letzten Konzertbesuch bei Radu Lupu, über den ich erst nach einigem Zögern auf meiner Website etwas geschrieben habe). Die Gnadenlosigkeit der Berliner Kritik nach seinem Chopin-Konzert mit den Philharmonikern (wo ich das Glück hatte, ihn noch einmal aus allernächster Nähe der zweiten oder dritten Reihe zu erleben) tat mir fast körperlich weh. Ihn mit 75 an seinen eigenen pianistischen Großtaten als Achtzehnjähriger zu messen ist einfach unangemessen und respektlos gegenüber einer unvergleichlichen Lebensleistung.

      Christian
      Jeder Eindruck, den man macht, schafft Feinde. Um populär zu bleiben, muss man mittelmäßig sein.
      Oscar Wilde
    • ChKöhn schrieb:

      die Chopin-Etüden
      :jaja1:

      ChKöhn schrieb:

      die späten Beethoven-Sonaten
      :jaja1:

      ChKöhn schrieb:

      ich kenne nur ein einzige Kammermusikaufnahme mit ihm
      Brahms-Klavierquintett mit dem Quartetto Italiano, nicht? Auch hier: :jaja1:

      Alles Einspielungen, die auch ich sehr schätze!

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Pollinis Schubert war für mich über viele Jahre ganz wichtige Musik, die ich andauernd laufen ließ. Auch heute noch sind mir seine Einspielungen des späten Schubert die liebsten. Fantastisch finde ich auch seine Chopin Etüden und Polonaisen, und seine Aufnahme von Debussys Etüden. All diese Scheiben drehen immer noch regelmäßig bei mir.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.