Wagner: "Die Walküre" - Staatsoper Hannover, 23.05.2010

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    • Wagner: "Die Walküre" - Staatsoper Hannover, 23.05.2010

      Nach dem „Rheingold“ im vergangenen Jahr setzt Hannover nun mit der „Walküre“ seinen „Ring“-Zyklus fort. Regisseur Barrie Kosky erzählt das Stück zwei Akte lang als ein oftmals böses Kammerspiel, bevor sich im dritten Akt das einzige Mal an diesem Abend die Bühne weitet.

      Zu Beginn sieht man einen engen, schwarzen Kasten, in dem die Wohnung Hundings angedeutet wird. Viel grauer Stein, eine Front aus Glasfenstern und –türen im Hintergrund, Sofa, Sessel und Tisch, mehr braucht es nicht, um dieses quasi Gefängnis auszustatten. In der Mitte der Decke wölbt sich vulvagleich der Stamm der Esche in den Raum (Bühne: Klaus Grünberg).

      Sieglinde schläft auf dem Sofa, sie trägt ein einfaches Kleid mit Strickjacke darüber (Kostüme: Klaus Bruns), Siegmund, im gelben T-Shirt und Bluejeans, schwer verwundet, versucht verzweifelt, die Terrassentür zu öffnen. Gehetzt stürzt er in den Raum und nur mühsam gelingt es ihm die verängstigte Sieglinde zu beruhigen, die ihm dann ein Bier, statt des Metes im Text anbieten wird.

      Hunding, im blaugrauen Anzug, bringt Essen in Pappbehältern vom Chinesen an der Ecke mit. Dass er seine Frau quält und misshandelt, wird in den ersten Minuten klar. Sieglinde öffnet ihm geradezu demütig die Schuhe, leistet den Versorgungsservice für den Gatten und den Gast und reagiert auf das Fingerschnippen Hundings wie ein abgerichteter Hund. Immer wieder schlägt Hunding Sieglinde, einmal sogar massiv mit dem Hosengürtel. Siegmund versucht, das alles nicht wahrzunehmen, was ihm zunehmend schwerer fällt. Bevors ins Bett geht – was in diesem Fall nichts anderes als eine eheliche Vergewaltigung der Sieglinde bedeutet – trinkt Hunding jenen Schlaftrunk, den Sieglinde mit Barbituraten angereichert hat.

      Nach einer bewegt inszenierten, aber ohne grosse Überraschungen ablaufenden Szene zwischen Siegmund und Sieglinde, zieht Siegmund aus der Vulva das Schwert Nothung und trüb-milchiges Fruchtwasser schiesst literweise über die Protagonisten. Liebevoll säubert Sieglinde das Schwert und wenn sich die beiden Geschwister zum Beischlaf hinter das Sofa zurückziehen, leckt die Scheide erneut über die Szene.

      Zum zweiten Akt ist die Bühne zwar auf der ganzen Breite geöffnet, aber sie wird schon im vorderen Bereich durch eine von Geländern umfassten Brüstung begrenzt, die von einem schwarzen Vorhang abgeschlossen wird.

      Wotan im T-Shirt und Sportshorts, eskortiert von Security-Männern im schwarzen Anzug, mit Sonnenbrillen und einem Knopf im Ohr mit Mikrophon dran, ist beim Frühsport zu sehen. Als wichtiger Geschäftsmann erledigt er Unterschriften, um die ihn seine Sekretärin bittet, gleich in einem Aufwasch bei seiner frühmorgendlichen Betätigung mit.

      Tochter Brünnhilde zeigt sich in einer Motorradlederkombi, darunter trägt sie ein lilafarbenes Totenkopf-T-Shirt und ihr Verhältnis zu Vater Wotan ist offensichtlich ein sehr herzliches. Gattin Fricka wird angekündigt, die tritt im eleganten, orangefarbenen Kleid auf und bleibt in der Auseinandersetzung mit Wotan klar die Siegerin.

      Zu Wotans grossem Monolog im zweiten Akt schliesst sich der Hauptvorhang. Wotan und Brünnhilde stehen so ganz vorne an der Rampe, quasi aus der Szene herausgelöst. Wenn sich der Vorhang wieder öffnet, ist die Szene unverändert. Der schwarze Vorhang im Hintergrund teilt sich zweimal, einmal, wenn Siegmund und Sieglinde hereinstürzen, dann noch einmal bei der Todverkündigung. In Mitte der Szene hängt eine erst rot und dann immer heller glühende Lampe, die den Weg nach Walhall weisen soll.

      Unspektakulär zerspringt Nothung, brutal meuchelt Hunding mit einem Messer Siegmund nieder, berührend, wenn der sterbende Siegmund zum Vater Wotan kriecht und sterbend dessen Hosenbein umklammert. Wotan legt sich liebevoll zu dem Toten, um dessen Gesicht mit seinem eigenen ganz nah sein zu können.

      Im dritten Akt dann endlich die offene Bühne. Man blickt auf eine Tankstelle in weiss, angepunkte Walküren, die mit Blutspritzern übersät sind, schütten ordentlich Whisky aus der Flasche in sich hinein, in weissen Luxuskarossen werden nackte und blutüberströmte Leichen hereingefahren. Die Sängerinnen der Walküren werden hier durch eine Schar stummer Mitwalküren ergänzt, die Szene ist also sehr belebt und es entsteht eine verblüffend-aggressive Wirkung, wenn die Sängerinnen ihre Rufe als geschlossene Linie an der Rampe und mit gebleckten Zähnen in das Publikum schleudern.

      Wieder sehr intim dann das abschliessende Gespräch zwischen Wotan und Brünnhilde. Zum Feuerzauber wird Wotan Benzin auf der Bühne verschütten und Brünnhilde eine Fackel in die Hand drücken. Wotan entzündet diese und wenn die Fackel heruntergebrannt ist, müsste die Bühne in Flammen stehen. Aber das bekommt der Zuschauer nicht mehr zu sehen.

      Kosky setzt auf eine intensive Personenführung, oftmals mit gutem Erfolg, nur manchmal, so zu Beginn der Oper verbunden mit einer doch eher hektischen Betriebsamkeit. Die Inszenierung vermag zu fesseln, sie ist im besten Sinne unterhaltsam, bleibt aber letztendlich etwas oberflächlich.

      Das Dirigat von GMD Wolfgang Bozic überzeugt mit moderat-schnellen Tempi, es bleibt viel Raum für die schönen Solostellen der Holzbläser oder der tiefen Streicher, der Zugriff ist teilweise energisch, aber nie dröhnend, erst am Ende lässt Bozic den vollen Apparat in der Dynamik ausbrechen, eine schöne Wirkung. Spieltechnisch zeigt sich vor allem das Blech in keiner guten Verfassung, neben etlichen Fehlern wird auch schon mal falsch eingesetzt, dem steht aber vor allem in den Streichern ein schöner, oft samtiger Klang gegenüber bei einem weitgehend zumindest zufriedenstellenden Zusammenspiel des Orchesters.

      Gesungen wird anständig: der Amerikaner Robert Bork als Wotan verblüfft mit einer klaren, wortverständlichen Diktion. Sein Bariton ist eher hell timbriert, die ausladende Höhe fehlt, aber insgesamt ist das eine gute Leistung, die erst gegen Ende Ermüdungserscheinungen erkennen liess.

      Die Brünnhilde singt Brigitte Hahn und es ist beachtlich, wie souverän die Sängerin diese Partie bei kluger Einteilung ihrer Ressourcen bewältigt. Einige Schärfen oder ein nicht immer perfekt kontrolliertes Vibrato tut dem positiven Eindruck den die Sängerin hinterlässt, keinen Abbruch.

      Ausgesprochen intensiv die Sieglinde von Kelly God. Vor allem in der Kombination mit ihrer Darstellung gewinnt ihre an grenzende gehende, sängerische Ausgestaltung ein bemerkenswertes Profil.

      Finster und ausladend der Bass Albert Pesendorfer als Hunding.

      Vincent Wolfsteiner debütierte mit Erfolg als Siegmund. Vor allem im ersten Akt machte Wolfsteiner bei etwas schwacher Tiefe einen guten Eindruck. Bei der Todverkündigung bleiben dann Wünsche offen – der Sänger gestaltete seine Partie dann zunehmend freier.

      Die Fricka von Khatuna Mikaberidze setzt auf einen stimmstarken, nicht immer zuverlässigen, harten Mezzoklang und kämpft mit der korrekten, deutschen Aussprache, was nicht ohne Auswirkung auf die Gesangslinie bleibt.

      Ordentliche Leistungen bei allen acht Walküren, ohne dass ein immer homogener Klang entstehen würde.

      Schon nach dem ersten Akt gab es Buhrufe, zu Beginn des zweiten Aktes auch für Wolfgang Bozic, nach dem dritten Akt musste auch Khatuna Mikaberidze Buhs entgegennehmen, ansonsten einhelliger Jubel, durchsetzt mit Protest gegen Barrie Kosky.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Der Besuch hatte sich gelohnt...

      Musikalisch d.h. Orchester und Solisten trugen dazu bei, dass sich die Walküre durchaus hören lassen kann. Was an diesem Abend auch beeindruckte, war (jedenfalls vom 2. Rang aus gehört), dass der Klang überwiegend schön klar + deutlich aufgefächert wurde und nicht zu fett oder dumpf geriet. Während der Todesverkündigung zerfaserte zuweilen der Zusammenhang, rhythmisch wars z.Tl. uneinheitlich und auch von den Tempi her wirkte die Todesverkündigung gedehnt, aber nicht während der gesamten Todesverkündigung.....orchestral überzeugte am stärksten der 3. Akt (obwohl der 1. + 2. Akt mir näher sind).

      Zur Regie:
      Das meiste wurde bereits gesagt Der Regie gelangen am eindringlichsten der 1. Akt und z. Tl. der 2. Akt. Die aktionsreiche Choreographie während des 1. Aktes stellte sich nicht zwischen Hörer und Musik. Das ist einer der Stärken der Regie Koskys.

      Ab der Todesverkündigung trat aber dann der Eindruck des Unfertigen auf, sowie auch in der 2. Hälfte des 3. Aktes (Wotan, Brünnhilde). .. die musikalisch-dramatische Message der Todesverkündigung (einer der beeindruckensten Teile der Walküre) geriet immer wieder in Gefahr durch die Regie verkleinert zu werden.. Möglichkeiten blieben ungenützt: z.B. die Reaktion der restlichen Walküren auf die Schwangerschaft Sieglindens oder die gebrochene Beziehung zwischen Brünhilde und Wotan stärker artikulieren. Einige Sängerposen im 3. Akt erinnerten zuweilen an konventionelle Opernregie ... oder ..wenn z.B. Wotan singt:
      da labte süss dich selige Lust;
      wonniger Rührung üppigen Rausch
      enttrankst du lachend der Liebe Trank,
      als mir göttlicher Not nagende Galle gemischt?
      dann hätte der Regie es nicht schlecht getan, zu verdeutlichen, dass Wotan in die bürgerlichen Ressentiments Alberichs vom Rheingold verfällt...

      ... aber Fazit bleibt: der positive Eindruck überwiegt durchaus ... viele Momente der Walküre wurden dem Besucher durch die Wiedergabe der Musik und deren szenische Realisierung neu erfahrbar gemacht...

      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Auch ich habe den Besuch nicht bereut. Am stärksten fand ich die Umsetzung des ersten Aktes gelungen: gut inszeniert und auch dargestellt. Den zweiten Akt fand ich problematisch. Das Arbeiten mit den Vorhängen war mir über die Dauer des Aktes zu wenig. Hinzu kamen die teils verschleppten Tempi des Dirigenten. Insgesamt war mir das zu zäh.

      Meine Frage an die ebenfalls Anwesenden: wie seht Ihr die Verknüpfung zum Rheingold?
      "Give me all you've got, then crescendo!" Leonard Bernstein
    • Meine Frage an die ebenfalls Anwesenden: wie seht Ihr die Verknüpfung zum Rheingold?
      z.B. in der Haltung wie z.B. Siegmund und teilweise auch Sieglinde manchmal auf dem Boden liegen... auch z.B. wie das Appartment von Hunding geschnitten ist, vielleicht fällt aber euch noch mehr ein.. (nebenbei: der 3. Akt war einer der zügigsten in den letzten Jahren = Minutenanzahl des Mitschnitts; ja, bei der Todesverkündigung hätte ich mir - aber nur z.Tl. auch etwas mehr "Fluss" gewünscht, aber zu schnell darf sie wiederum nicht sein, die Pausen sind wichtig)
      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Wer Links zu Walküre-Feedbacks findet (Zeitung/Radio) wär toll, wenn sie in diesem Thread plaziert werden würden, damit wir alle was davon haben. Dankeschön schon mal im Voraus.

      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • nebenbei: der 3. Akt war einer der zügigsten in den letzten Jahren = Minutenanzahl des Mitschnitts; ja, bei der Todesverkündigung hätte ich mir - aber nur z.Tl. auch etwas mehr "Fluss" gewünscht, aber zu schnell darf sie wiederum nicht sein, die Pausen sind wichtig


      Meine Anmerkung zum Tempo sollte sich auch lediglich auf den 2. Akt beziehen, hier besonders Wotans Monolog. Erster und dritter Akt waren recht flott.
      "Give me all you've got, then crescendo!" Leonard Bernstein
    • Gesammelte Kritiken "Die Walküre"

      Amfortas09 schrieb:

      Wer Links zu Walküre-Feedbacks findet (Zeitung/Radio) wär toll, wenn sie in diesem Thread plaziert werden würden, damit wir alle was davon haben. Dankeschön schon mal im Voraus.

      :wink:
      Hallo in die Runde,
      auf dem "http://www.ring-blog.de'" Ring-Blog der Staatsoper Hannover sammeln wir alle Links und dokumentieren Ausschnitte aus den gedruckten Kritiken:
      und zwar unter "http://www.ring-blog.de/?p=951.
      Seit Oktober haben wir dort über 80 Beiträge von Gastautoren, Regieteam und Ensemblemitgliedern zur Produktion veröffentlicht. Auch da kann man natürlich Kommentare hinterlassen. Vielleicht schaut Ihr mal rein.
      Viele Grüße aus Hannover.
    • RE: Gesammelte Kritiken "Die Walküre"

      Staatsoper Hannover schrieb:

      (...)auf dem "http://www.ring-blog.de" Ring-Blog der Staatsoper Hannover sammeln wir alle Links und dokumentieren Ausschnitte aus den gedruckten Kritiken:
      und zwar unter "http://www.ring-blog.de/?p=951".


      Liebe Staatsoper Hannover,

      da fänden wir aber die Verlinkung auf unsere Beiträge auch richtig gut - schlechter als manches, was die professionellen Kolleginnen und Kollegen schreiben, sind unsere Texte doch auch nicht, oder? So nebenbei: wenn der "Tagesspiegel" der Meinung ist, so, wie in Hannover, klänge "Wagner in der Provinz", dann ist das zwar flott dahingeschrieben, aber falsch. Auch in Bayreuth wird mitunter nicht nur nicht besser, sondern tatsächlich auch mal schlechter gesungen, als man das am vergangenen Sonntag in Hannover hören konnte.

      Gruss an die Leine

      :wink:
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Liebe Staatsoper Hannover,

      Lieben Dank für die schnelle Link-Hilfe und herzlich willkommen in Capriccio. Schön dass du auch zu uns gefunden hast. Dem Wunsch des Vorredners nach Verlinkung unsere Beiträge bzw. Homepage möchte ich mich anschließen. Und vielleicht magst du auch bei uns z.B. einen besonderen Thread einrichten für deine Belange: z.B. Infos, News, Hinweise zu Aufführungen und Veranstaltungen der Staatoper Hannover. Ich denke, das wird bei uns gerne angenommen und gelesen; zumal auch einige von uns Forianern im nahem bzw. ferneren Bereich Hannovers bzw. Niedersachsen angesiedelt sind. Durch so eine Aktion stiege die Motivation Aufführungen der Staatsoper Hannover zu besuchen.
      Auch wenn es nicht unmittelbar mit der Walküre zu tun hat, möchte ich zunächst einen Glückwunsch aussprechen; nämlich, dass in der nächsten Saison in Hannover Luigi Nonos „Intolleranza“– ein Meisterwerk der zeitgenössischen Oper - aufgeführt wird. Ich freue mich jetzt schon riesig auf den Premierenbesuch und kann den kaum erwarten. Luigi Nono ist nicht nur einer der größten Vertreter der zeitgenössischen Moderne, sondern gehört auch zu den ganz großen Komponisten (neben z.B. Bach, Beethoven, Mahler, Schönberg). Mit dieser Einsicht stehe ich in Capriccio nicht allein. (Hannover hat auch den Verdienst Nonos Oper „Al gran sole“ unter der Leitung von Harneit und der Regie von Konwitschny exemplarisch aufgeführt zu haben) Ich werde auch fleißig für die Musik Luigi Nonos agitieren, natürlich jetzt verbunden mit dem Ziel, damit zur größeren Besucherzahl für die Intolleranza-Wiedergaben in Hannover beizutragen.
      Mein Vorredner hatte zurecht die sehr pauschale Kritik des Tagesspiegels zur Walkürenpremiere zurückgewiesen, und ich bin mit der ebenso pauschalen Abkanzelung durch den Bayrischen Rundfunk gar nicht einverstanden. Das haben unsere Staatoper Hannover bzw. die Mitwirkenden an der Aufführung überhaupt nicht verdient.


      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • So ganz hat es mich der Premierenabend nicht überzeugt. Das liegt vor allem daran, dass Barrie Kosky mit seiner Interpretation nicht an die Qualität seines bunten und bilderreichen Rheingolds anknüpfen konnte. Meines Erachtens war es Koskys bislang schlechteste Inszenierung für Hannover. Den Eindruck des Unfertigen kann ich für meinen Teil bestätigen.

      Die lieblose Ehe von Sieglinde und Hunding ist noch gelungen dargestellt: Die verengte Szene des bürgerlichen Wohnzimmers mit Dreiersofa und Drehsessel (alles schön aus Leder), wo Sieglinde im hässlichen Hauskleid nervös Hunding, den gewalttätigen, Köpi trinkenden Haustyrann erwartet, nur um dann von ihm geknechtet und misshandelt zu werden, ist plausibel auf die Bühne gebracht. Siegmund, der von Hunding fast überhaupt nicht beachtet wird, begegnet dem mit vor allem mit Unsicherheit. Die Stimme von Vincent Wolfsteiner hat bei mir einen guten Eindruck hinterlassen, auch wenn er als Sänger vielleicht noch etwas der Verfeinerung bedarf. Sein Tenor war aber jederzeit im Raum präsent und das bei sehr guter Textverständlichkeit. Anständig ergänzt wurde er durch Kelly God und Albert Pesendorfer, der die Rolle des Widerlings inzwischen auch darstellerisch perfektioniert hat.

      Ab dem zweiten Akt war die Inszenierung aber wenig glücklich. Das sehr reduzierte Bühnenbild geht an und für sich in Ordnung, allerdings gelang es nicht, dies durch szenische Intensität auszugleichen. Dass uns Wotan zunächst als fitnessbegeisterter Mann mittleren Alters präsentiert wird, der die beruflichen Pflichten fast nebensächlich abhandelt, ist sicher eine ganz nette Idee, die sich aber fürs erste in der Andeutung erschöpft. Mal sehen, ob Kosky beabsichtigt, den Wanderer zu einem Jogger zu machen. Im weiteren Verlauf ist von Sportlichkeit oder Jugendwahn bei Wotan jedenfalls nichts mehr zu spüren. Dieser Gott agiert hölzern und ist als Person bei dem, was er tut, für mich absolut uninteressant. Die zunächst noch als Staffage herumstehenden Klischee-Leibwächter braucht er dann offenbar auch nicht mehr. Ohnehin ist unklar, wer diesem Mann, der ja selbst mit einem Handstreich töten kann, körperlich gefährlich werden könnte. Spätestens ab dem Wotan-Monolog hängt dann der ohnehin etwas handlungsarme zweite Akt völlig durch. Vorhänge öffnen und schließen sich - das ist nicht viel. Dass der Wotan-Monolog weder fesselt noch berührt, liegt aber auch an Robert Bork, dessen Bassbariton vom Stimmklang attraktiv, aber absolut einfarbig ist. Emotionen werden durch diesen Sänger nicht vermittelt. Für Khatuna Mikaberidze war der Premierenabend leider kein guter Tag. Artikulation und Intonation waren bei ihrer Fricka ziemlich daneben. Gemessen an meinen Erwartungen war Brigitte Hahns Brünnhilde hingegen eine positive Überraschung. Sie war durchaus in der Lage, die Partie achtbar zu bewältigen. Das Verhältnis von Wotan und Brünnhilde in dieser Inszenierung würde ich als eher kumpelhaft beschreiben, das weitere bleibt aber unscharf.

      Wenig aufregend dann auch der dritte Akt. Die Szenerie der Tankstelle: merkwürdig. Durch das ständig massiert herumlaufende Walkürenrudel herrschte zwar immer Bewegung auf der Bühne, meine Empfindung war allerdings eher der einer grundlosen Hektik als der von Bedrohlichkeit. Brünnhilde vermittelte nicht den Eindruck, als ob sie dazugehört. Mit Wotans Auftritt zieht dann wieder staatstragende Langeweile ein.

      Bozic lässt einen zügigen, dramatischen Wagner spielen, meines Erachtens aber mit wenig aufgefächertem, sondern eher ganzheitlichem Klang. Mir hat dieser Zugriff dennoch wie schon im Rheingold gut gefallen. Dass die Bläser, vor allem die Hörner, in der Tat in bemerkenswerter Häufigkeit patzten, soll allerdings auch nicht unerwähnt bleiben.

      Also alles in allem für mich eher eine Enttäuschung. Der szenische Ideenreichtum des Rheingolds wurde von Kosky in der Walküre nicht erreicht. Vielleicht liegt die Stärke des Regisseurs eher darin, äußere Handlung intelligent und überraschend zu gestalten, als darin, Charaktere zu erschaffen. Insoweit tatsächlich eine oberflächliche Inszenierung. Dass Kritiken à la "so klingt die deutsche Wagner-Provinz" über das Ziel hinausschießen, muss man aber auch festhalten. Es lohnt sich immerhin, einen eigenen Eindruck zu gewinnen.