Cavalli: "La Calisto" - Stadttheater Basel, 21.5.2010 - Bockenheimer Depot, Frankfurt, 6.1.2012

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    • Cavalli: "La Calisto" - Stadttheater Basel, 21.5.2010 - Bockenheimer Depot, Frankfurt, 6.1.2012

      Während die Opern von Claudio Monteverdi heute zum festen Bestandteil der Spielpläne unserer Opernhäuser gehören, sind jene von Francesco Cavalli, der mit Monteverdi in der Capella San Marco als Sänger zusammen arbeitete, noch immer eher eine Rarität.

      Am bekanntesten, weil am häufigsten aufgeführt, dürfte wohl die 1651 uraufgeführte Oper „La Calisto“ nach Ovids „Metamorphosen“ sein.

      Es ist ein wunderbar komponiertes Stück, wo – dem Zeitgeschmack entsprechend – heiteres neben dem tragischem steht, wo das Lamento von tänzerischen Rhythmen abgelöst wird, wo chansonartiges sich neben der grossen Arie behauptet.

      Zu Beginn der Oper schaut sich Giove gemeinsam mit Mercurio die Folgen eines Unfalls an: Phaeton ist mit dem Sonnenwagen abgestürzt und die Erde liegt wüst und verbrannt da. Alle Quellen sind ausgetrocknet. Giove, der den Menschen helfen will, entdeckt Calisto, eine Dienerin der Diana, für die er sofort entflammt. Giove lässt die Quellen wieder sprudeln, aber leider hat Calisto Keuschheit geschworen. Mercurio weiss Rat: Giove soll sich als Diana verkleiden und sich so Calsito nähern. Das funktioniert auch bestens: Calisto lässt sich von der falschen Diana küssen.

      Die richtige Diana wiederum findet den Schäfer Endimione nicht unflott, was gar kein Problem wäre, da auch Endimione in Diana verliebt ist, aber leider muss sich Diana als „anständig“ zeigen und ihre junge Begleiterin Linfea, ein Musterbild des Anstandes, weist den Schäfer deutlich zurück.

      Calisto entdeckt Diana, schwärmt von den (natürlich rein keuschen) Küssen und muss nun erleben, wie Diana völlig empört ist. Diana verstösst Calisto aus ihrer Nähe und beschimpft die Arme massiv.

      Auch Anstandsdamen haben ihre dunklen Seiten und nun erfährt der Zuschauer, dass auch Linfea ganz gerne einen Mann hätte. Leider bietet sich nur Satirino an, ein Satyr in der Pubertät, halb Mensch, halb Ziegenbock, der Linfea richtig gut findet, was aber leider sehr einseitig ist.

      Satirino trollt sich und trifft auf seine Kumpane Pane und Silvano. Pane liebt Diana (solche Komplikationen sind in frühen Opern immer zu erwarten), aber irgendwie ist diese ausgesprochen abweisend geworden. Da muss ein anderer Kerl dahinter stecken (stimmt!) und Satirino und Silvano versprechen, diesen ausfindig und unschädlich zu machen.

      Diana nähert sich dem schlafenden Endimione. Sie redet sich ein, das Gebot der Keuschheit nicht zu verletzen, wenn das Objekt ihrer Begierde schläft. Dummerweise wacht der aber ob der ihn küssenden Diana auf. Und wie das manchmal so ist, wenn platonische Beziehungen plötzlich praktisch werden müssen: es funktioniert nicht. Lebensklug, wie es nur 16-jährige Satyre zu sein vermögen, lästert Satirino über die Treue und die Glaubwürdigkeit der Frauen im allgemeinen.

      Gioves Ehefrau Giunone ist Kummer gewohnt. Als ihr Calisto erzählt, was ihr mit Diana passiert ist, ahnt die Göttergattin sofort, was an der Geschichte nicht stimmt. Als Giove in Gestalt der Diana und mit Mercurio im Schlepptau auftaucht, lässt sich Giunone nicht täuschen, sie schwört Rache.

      Dummerweise läuft jetzt auch noch Endimione dem verkleideten Giove über den Weg. Als der Schäfer die vermeintliche Diana anschwärmt, ist der Ruf der keuschen Göttin endgültig ruiniert, Giove stellt fest, dass auch Diana ihre schwachen Seiten hat.

      Pane, Silvano und Satirino haben sie Szene beobachtet – und den Nebenbuhler in Sachen Diana ausfindig gemacht, sie nehmen Endimione gefangen. Mercurio drängt Giove zur Flucht, Endimione versteht Diana einmal mehr nicht und Satirino, in Sachen Frauen schon echter Fachmann, hält alle für verrückt, die noch an die Liebe glauben. Der Kleine hetzt seine Kumpane auf Linfea, die immer drängender nach einem Mann verlangt.

      Wenn Göttinnen so richtig sauer sind, können auch deren Ehemänner wenig ausrichten: Giunone verwandelt die arme Calisto in eine Bärin, damit diese für Giove nicht mehr attraktiv ist (und Calisto kann für die ganze Geschichte nun wirklich nichts). Giove kann der schwer getroffenen Frau nur versprechen, einstmals als Sternbild an den Himmel gesetzt zu werden.

      Die echte Diana befreit derweil Endimione, Silvano und Pane glauben nun auch kein Stückchen mehr an die Keuschheit der Göttin, diese findet einen Kniff, irgendwie aus der Geschichte heraus zu kommen, der Schäfer wird zum Schläfer – auf dem Berg Latmos wird Endimione in einen ewigen Schlaf fallen und somit die platonische Beziehung zu Diana fortsetzen können.

      Die Oper endet mit einem Ausblick auf die Zukunft Calistos als Sternbild.

      Das Stück bietet eine reiche Anzahl an prallen Characteren, die manchmal wie aus einem Shakespearestück entsprungen scheinen. Es wird mit Rollen und Rollenbildern gespielt, mit Verwandlungen und Stereotypen, mit echten und falschen Gefühlen – also irgenwie mit dem ganz normalen Wahnsinn.

      Regisseur Jan Bosse, der vor etwa zwei Jahren einen grossen Erfolg in Basel mit seiner Inszenierung von Claudio Monteverdis „L´Orfeo“ feiern konnte, trennt schon vor Beginn des Stückes die Geschlechter. Links die Herren, rechts die Damen. Durch dunkle, enge Gänge laufend findet sich der Berichtende plötzlich auf der Bühne des Theaters Basel wieder. Die sieht so ähnlich aus, wie der Zuschauerraum, inklusive eines Orchestergrabens, in dem nur männlich Musiker sitzen (oder, im Einzelfall, Frauen, die wie Männer aussehen) und dem abtrennenden, roten Vorhang. Man ahnt es schon, wenn sich der Vorhang öffnet, blickt man auf das identische Arrangement auf der anderen Seite, dort sitzen die Frauen und im Orchestergraben die Musikerinnen, ergänzt durch den dann doch männlich bleibenden Dirigenten des Abends, Andrea Macon. Zwischen beiden Orchestern ein relativ schmaler Streifen als Spielfläche, allerdings wird tatsächlich der gesamte Raum, inklusive der beiden Orchestergräben, bespielt werden.

      So stehen Giove und Mercurio zu Beginn der Aufführung ganz hinten auf der Männerseite, während ein Verfolger die Reihen der Frauen absucht und an der dort sitzenden Calisto hängen bleibt.

      Gänzlich ohne Dekoration funktioniert dieses Bespielen des Raumes ganz hervorragend, unterstützt wird die Inszenierung vor allem von Lichteffekten und Videoeinspielungen. Immer wieder gibt es neue Konstellationen zu sehen, überall im Raum passiert etwas, manchmal ist der Zuschauer den Sänger/innen ganz nah, mitunter auch sehr nah, beispielsweise wenn die Linfea ausgewählte Männer im Publikum küsst oder Calisto sich trostsuchend einem der Herren auf den Schoss setzt.

      Da Wasser im Stück eine wichtige Rolle spielt, hat der Bühnenbildner Stéphane Laimé dieses Element in seine Konstruktion mit eingebaut. Über dem schmalen Steg in der Mitte des Raumes liegt eine Wasserleitung, aus der es teilweise heftig regnen kann – und zwar auch über die gesamte Breite der Spielfläche. Das Wasser fliesst so dicht, dass es möglich ist, auf diese senkrecht fallende Wasserfläche Licht zu projizieren. Es entsteht ein fragiler Vorhang, der trennen kann, ohne, dass man die gegenüberliegende Seite nicht mehr sieht, man kann durchgreifen, man kann es trinken oder versuchen, wie im Fall von Endimione, sich abzukühlen. Besonders der Countertenor Xavier Sabata als Endimione lässt sich rückhaltlos auf das Spiel mit dem Wasser ein. Der Sänger wird mehrfach an diesem Abend völlig durchnässt werden und die Bildwirkung, wenn Sabata bsplsw. mit dem ganzen Körper unter dem strömenden Wasser steht und dabei betörend singt, ist fulminant.

      Dem Spiel mit den Geschlechtern gibt Regisseur Bosse breiten Raum. Immer bleibt das ursprüngliche Geschlecht erkennbar. So bei Giove, wenn er im Raubtierglitzerkleid auf hochhackigen, goldenen Pumps und unter der blonden Perücke deutlichen Bartschatten und seine behaarte Brust zur Schau trägt oder bei Linfea im Leopardenkleid, auch sie am Dekolleté als Mann erkennbar, die später ihre falschen Brüste effektvoll über die Bühne pfeffern wird, aber auch z. B. bei Satirino, der seine männliche Bauchbehaarung präsentiert, um später auch weibliche Brüste zu zeigen oder an einem Fuss einen Damenschuh.

      Umgekehrt funktionierts auch: so trägt Mercurio unter seinem Herrenanzug weibliche Strumpfhosen.

      Silvano, Pane und Satirino sind rüde Gesellen in Jeansanzügen, mit Hörnern und vielen Haaren, die mit ihren buschigen Schwänzen auch schon mal deftige Anspielungen machen, die Göttinnen tragen eleganten, zeitlosen Schick und Calisto zeigt sich im schlichten, weissen Kleid. Ergänzt wird die singende Mann-/Frauschaft von einem roten Amor mit weiss-silbernem Haar, der ein wenig den Drahtzieher der Geschichte gibt.

      Die Bärin übrigens wird hier von den Furien gleich zerfleischt, und somit schon zum Stückende in den Himmel geschickt, den das Publikum mit in der Pause verteilten Taschenlämpchen blau glühend imaginiert.

      Besonders schön, dass auch das Orchester mit ins Spiel einbezogen wird: Linfea begleitet sich selbst am Cembalo, Amor spielt Flöte, Violine und Orgel, Satirino bläst ins Zink.

      Das ist ein sehr kurzweiliger, unterhaltsamer Abend, der vom Publikum frenetisch gefeiert wurde.

      Das ist vor allem auch dem musikalischen Leiter des Abends zu verdanken, Andrea Macon. Was für ein Vollblutmusiker das ist, kann man hören, wenn Macon selbst am Cembalo sitzend die Sängerinnen und Sänger mit seinem farbreichen, reich ausgestalteten Spiel begleitet. Dass er die Anstrengung nicht scheut, ein doppeltes Orchester und weit über den Raum verteilte Sänger/innen zusammenzuhalten, ist mehr als ein eine anerkennende Erwähnung wert – das ist absolut grandios.

      Auch immer wieder ein schönes Hörerlebnis: das Orchester „La Cetra“, diesmal besonders reich im Continuo besetzt und Macon lässt der Ausgestaltung der Rezitative breiten (und freien) Raum, was der Lebendigkeit dieser Vortragsform enorm gut tut.

      Gesungen wird ordentlich – herausragend der Countertenor Xavier Sabata (Endimione), aber auch der noch Nachwuchsfachkollege Flavio Ferri Benedetti (Linfea) bleibt in bester Erinnerung.

      Maya Boog singt eine berührende Calisto, Nicolay Borchev einen virilen Mercurio, Bassist Luca Tittoto gibt dem Affen als falsettierende Diana mächtig Zucker, Agata Wilewska bleibt als Diana etwas gleichförmig, das gilt auch für Geraldine Cassidy als Giunone und als Satirino liefert die junge Sopranistin Alice Borciani ein echtes Kabinettstück ab. Unbedingt erwähnt werden muss die Musikerin Anna Fusek als Amore, die auch als Darstellerin überzeugen konnte. Noch etwas unsicher der Tenor Michael Feyfar, bei angenehmem Stimmklang (Pane) und routiniert der Bass Andrew Murphy als Silvano.

      Die Übertitelung wurde übrigens an beiden Seiten des Zuschauerraums angebracht, es konnte also die Handlung auch immer angesehen werden, ohne dass das Mitlesen aufgegeben werden musste. Aber viele Zuschauer waren doch das Modell der Guckkastenbühne gewohnt und mochten sich die Handlung, die teilweise hinter ihnen ablief, nicht anschauen – ein dicker Fehler.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Eben habe ich die Dernière dieser Inszenierung in einem komplett ausverkauften Theater Basel gesehen. Wie gewohnt ist der Beschreibung der Inszenierung selbst von Alviano eigentlich nichts hinzuzufügen. Die Inszenierung von Jan Bosse gehört sich zu den Höhepunkten der vergangenen Spielzeit: Das Guckkastenmodell der Oper wird aufgebrochen und der ganze Raum bespielt – endlich, wie man als Theaterbesucher wohl denkt. Damit ist die Inszenierung aber auch eine sehr typische für Bosse, der im Schauspiel oft den Zuschauerraum geschickt miteinbezieht (Hamlet, Zebroch'ne Krug).

      Herausragend fand ich die künstlerische Umsetzung des Gender-Konzepts: Einerseits wird die Lacquer'sche Theorie auf der Opernbühne mit dem Einsatz der Countertenöre und Wechsel der Geschlechter adaptiert, andererseits wird das Gender dekonstruiert und dessen eigentliche Irrelevanz gegenüber dem Primat der Liebe aufgezeigt.

      Jedem sei ein Besuch der Inszenierung, die nun nach Frankfurt wandert, sehr ans Herz gelegt – das ist herausragendes und relevantes Musiktheater!
    • Wir hatten am vergangenen Freitag die Gelegenheit, die Übernahme dieser Produktion im Bockenheimer Depot in Frankfurt zu sehen - der Begeisterung für diese Inszenierung kann ich mich nur anschließen. Bosse bietet fabelhaft lebendiges und ideenreiches Theater, das durch die bereits geschilderten mannigfaltigen Brechungen der (Geschlechter-)Rollen immer wieder verblüft und auch berührt. Bosse trifft immer den richtigen Tonfall - laut und derb wo es Faustinis Textbuch gebietet, poetisch wo Cavalli seinen Lieblingsfiguren Calisto und Endimione seine schönsten musikalischen Einfälle zukommen lässt.

      Bespielt wird in der Tat der gesammte Raum, inklusive der Zuschauerreihen und sogar der Zuschauer selbst. Allerdings stellt sich am Ende herraus, dass sowohl der mehrfach von Linfea leidenschaftlich geküsste Herr, wie auch die von Satirino heftig bedrängte Dame (die daraufhin mit einem empörten "Geht's noch!" den Saal verlässt) beide zum Chor gehören. Soviel Einbeziehung des Publikums hat man sich dann doch nicht getraut...

      Der Dirigent Christian Curnyn leitet den Abend schwungvoll und mit viel Klangsinn, die Sänger bieten eine große Ensembleleistung und sind mit sichtlicher Freude bei der Sache. Heraus ragen nach meinem Empfinden Luca Tittoto als Giove mit raumfüllendem und klangschönem Bass, und vor allem eine anrührende, alle Facetten der Partie auskostende Christiane Karg in der Titelrolle - diese Sängerin ist mittlerweile (nach Auftritten in Salzburg und Glyndeburn) schon kein Geheimtipp mehr, und von ihr wird sicherlich noch viel zu hören sein.

      Wie schon in Basel, wurde die Produktion auch in Frankfurt zurecht viel und ausdauernd bejubelt.

      :wink: Michel
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)