Verdi: "Otello" - Deutsche Oper Berlin, 30.05.2010

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    • Verdi: "Otello" - Deutsche Oper Berlin, 30.05.2010

      Die Premiere von Verdis „Otello“ an der „Deutschen Oper“ in Berlin war vor allem der Abend der Sopranistin Anja Harteros in der Rolle der Desdemona. Eine runde, ausgeglichene, mühelos lyrisch aufblühende Stimme ist da zu hören, die keine Grenzen erkennen lässt und die im vierten Akt wunderbar zurückgenommene, ruhige Töne an der Unhörbarkeitsgrenze zu modulieren versteht. Dazu kommt ein erwähnenswerter Ausdrucksreichtum, glaubhaft gestaltet die Sängerin jede Phase ihrer Rolle, besonders berührend wiederum im Schlussakt.

      Ein wahrer Experte schaffte es, die wunderbare Stimmung am Ende des „Ave Maria“, man hätte eine Stecknadel im absolut stillen Auditorium fallen hören können, mit einem bescheuerten „Brava“ zu zerbrüllen. Ohne jedes Gefühl für die Stücksituation, für die Atmosphäre und ohne Rücksicht darauf, dass die Musik bereits in ihrer gedämpften Dynamik weiterlief, kam es hier zur einzigen Unterbrechung der Aufführung – animiert von dem Brüller stimmten andere mit ein und zerstörten einen magischen Moment, wie er in der Oper doch selten zu erleben ist.

      Titelrollensänger José Cura schaffte es nicht, eine der Sopranistin vergleichbare Leistung zu zeigen. Schon der Beginn mit dem „Esultate“ verwackelte in Beiläufigkeit, in der Bruchlage wirkt die Stimme unfrei und leicht gefährdet, der Höhe mangelt es an Durchschlagskraft. Was hier an Wünschen offen bleibt, kompensiert der Sänger mit einer gekonnten Darstellung, sowohl stimmlich, als auch darstellerisch. Besonders die Soloszenen gestaltet Cura durchaus bemerkenswert.

      Bariton Zeljko Lucic fehlt es für den Iago an einer männlich-markanten Stimmfarbe. Geradezu aufgehellt und mit balsamischem Stimmklang geht Lucic seine Rolle an, nicht immer setzt sich der Sänger dabei gegen das Orchester durch, das klingt alles recht schön, ist aber für einen Iago dann doch etwas glatt.

      Bei den kleineren Rollen akzeptable Leistungen, im Einzelfall (Roderigo, Emilia) auch leicht darunter.

      Für den erkrankten Paolo Carignani ist der Dirigent Patrick Summers eingesprungen, nicht alles gelingt reibungslos, aber vor allem in den Details, Holzbläser, tiefe Streicher, überzeugt das Orchester der „Deutschen Oper“. Insgesamt bemüht sich Summers um einen sinnvoll gestalteten Aufbau, ohne wirkliche Knalleffekte und manchmal mehr das lyrische, als das dramatische betonend.

      Eine recht gute Leistung beim Chor (Einstudierung: William Spaulding), ohne wirklich herausragend zu sein.

      Regisseur Andreas Kriegenburg hat sich von Harald Thor ein Flüchltlingslager auf die Bühne bauen lassen. Bühnenhoch türmen sich Verschläge, in denen Menschen sitzen und die sich mit einer Art Vorhang verschliessen lassen. Deutlich unterscheiden sich diese Flüchtlinge von den Soldaten (Kostüme: Andrea Schraad), die mit Sitzecke und Schreibtisch ebenfalls diesen Raum bewohnen. Intimere Rückzugsmöglichkeiten bietet ein Schlafzimmer für die zweite und letzte Szene des Stückes, das sich vor das Gestänge mit den Verschlägen herabsenken. lässt.

      Vor dem Einsetzen der Musik öffnet sich der Vorhang. Über Monitore in den Verschlägen flimmern wohl Kriegsbilder, im Bühnevordergrund steht der Chor und einige Chorist/innen schminken sich das Gesicht schwarz. Flüchtlingskinder spielen mit einem Schiff.

      Kriegenburg interpretiert den Konflikt zwischen Desdemona und Otello als Verlängerung des äusseren Geschehens ins Private, initiiert von Iago. Otello bewegt sich also auch Privat in einer Kriegssphäre, mit allen fatalen Folgen.

      Dabei bleibt der Regisseur im Grunde genommen einer rein konventionellen Erzählweise verhaftet, auch, wenn die Inszenierung z. B. das „Credo“ des Iago als eine Art andere Bergpredigt zeigt, mit der Iago die Kinder zu manipulieren versucht oder traumatisierte Flüchtlingsfrauen somnambul über die Bühne geistern. Auch das beziehungsreiche Spiel mit Taschentüchern gehört zu den gelungeneren Ideen dieser Produktion.

      Die Szenen zwischen Otello und Desdemona, stärker als bsplsw. jene des Iago (der Sänger Zeljko Lucic bleibt darstellerisch weitgehend blass), sind wirklich gut umgesetzt worden, aber der Regisseur inszeniert so brav vom Blatt weg, dass es fast einer Enttäuschung gleich kommt, bedenkt man, was Kriegenburg im Schauspiel zu leisten vermochte (u. a. mit Shakespeares „Othello“ an der Volksbühne oder mit Fleissers „Fegefeuer in Ingolstadt“ in Bonn, aber natürlich auch mit seinen Arbeiten für das Thalia-Theater in Hamburg). Selbst vor dem guten, alten Stehtheater an der Rampe schreckt Kriegenburg im Einzelfall nicht zurück.

      Ästhetisch schön die Bildwirkung des letzten Aktes mit Desdemona im weissen Hochzeitskleid und den dunkel gekleideten Nebenfiguren an der Bühnenseite, weniger geglückt, dass sich Otello zwar mit einem Revolver erschiesst, aber dann doch völlig unverwundet bleibt.

      Grundproblem dieser Inszenierung: das Konzept funktioniert nicht wirklich. Die Kriegsidee läuft quasi neben der Otello-Desdemona Handlung her und wirkt gewollt.

      In der kommenden Saison wird Johan Botha als Otello in dieser Produktion gastieren. Das wird problemlos funktionieren, weil zwar der Rahmen ungewöhnlich sein mag, aber wie die Otello-Figur dann gestaltet wird, kann folgenlos dem Sänger überlassen werden.

      In den vielen Buhs gegen Kriegenburg dürften sich konservative Besucher/innen, denen diese Inszenierung schon zu weit ging, mit jenen getroffen haben, die wirklich zeitgemässes Musiktheater erwartet hatten.

      Ansonsten viel und starker Beifall für alle Beteiligten.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Insgesamt hat mir die Otello-Premiere Spaß gemacht. Die Neuproduktion ist eigentlich kein Aufreger, aber doch gut gemachtes, wenn auch in der Tat vielleicht etwas konventionelles Musiktheater. In erster Linie die durchweg guten Sängerleistungen, vor allem die herausragende Anja Harteros, rechtfertigen den Besuch.

      Interessant ist der erste Blick auf die Bühne: Ein in einzelne Verschläge unterteiltes Etagengerüst wird komplett vom Chor bevölkert. Es herrscht Lagerstimmung, auch da die Bewegung unter den Choristen manchmal wie in einer Dauerschleife abläuft: Einige rauchen oder lesen, Frauen kämmen sich ausdauernd und stumpf ihre Haare, andere benutzen die verdreckte Waschzeile. Wenn im dritten Akt vor die Kojen Vorhänge herabgelassen werden, gibt es bei der Konfrontation von Otello und Desdemona interessante Schattenspiele. Der Lageralltag wird nur durch die Ankunft vom Gesandten Lodovico unterbrochen. Die Flüchtlinge werden plötzlich wach und wedeln mit Papieren, die der Gesandte teilweise einsammelt.

      Es wird nicht ganz klar, gegen wen oder was Otello überhaupt Krieg führt. Man könnte fast glauben, dass er nur einem imaginären Feind gegenübersteht. Dass er als Kommandant des Auffanglagers sein Leben aufs Spiel setzen müsste, scheint nicht zu befürchten. Flüchtlinge und Bewacher scheinen sich gut miteinander arrangiert zu haben; man sieht zum Beispiel, dass Desdemona einem Flüchtlingskind Zöpfe flicht oder der Herold sich von einem anderen Kind die Mütze klauen lässt.

      Der Kinderchor der Deutschen Oper ist überhaupt darstellerisch gefordert. Immer wieder wird der Chor handlungsbegleitend eingesetzt, ohne dass dies einer erkennbaren Linie folgt. Die Kinder verhalten sich dabei altersentsprechend: unschuldig und aufgeschlossen. So erkannt man deren Neugier, wenn die Kinder Iagos Credo mithören, oder Mitleid, wenn ein kleiner Chorist dem leidenden Otello wie einem Haustier das Haar streichelt.

      Zum Schlussduett des ersten Akts und für den gesamten vierten Akt senkt sich eine Wand vor das Flüchtlingslager. Bei gedämpftem Licht ist ein eheliches Schlafzimmer mit einem Himmelbett zu sehen, an dem Desdemona im letzten Akt mit dem Taschentuch festgebunden und getötet wird. Es ist gelungen, hier eine intime Stimmung zu schaffen.

      Den Besuch alleine gelohnt hätte Anja Harteros als Desdemona. Wie sie ihr Lied von der Weide und das anschließende Ave Maria, übrigens auch sehr einfühlsam begleitet vom Orchester der Deutschen Oper, dynamisch wunderbar abgestuft und dabei völlig unaufgeregt gestaltet und das Gebet dann mit einem sensationellen Pianoton abschließt, verdient höchste Bewunderung. Es ist lange her, dass ich in einer Opernvorstellung so gerührt war wie in diesem vierten Akt, als eine ganz zauberhafte Atmosphäre über dem Saal lag. Aber auch im Duett mit Otello zu Beginn des dritten Akts zieht Harteros schon gekonnt alle Register: zunächst kokett werbend um Gnade für Cassio, dann unverständig über Otellos Vorwürfe, bis sie dann auch einmal Zähne zeigen kann, ohne völlig die Contenance zu verlieren. Dazu kommt die anmutige Bühnenerscheinung von Harteros, die im perfekten Einklang mit der Rolle zu stehen scheint. Eine tolle Sängerin!

      Cura, den ich nicht besonders mag, hatte wohl insgesamt einen guten Tag erwischt. Was stört, ist, dass sich an die attraktive kraftvolle Tiefe der von Alviano bereits angesprochene Registerbruch anschließt. Die Höhe wirkt teilweise wie angeschraubt, dort fehlt es Cura an Kraft und Glanz, mitunter wird geröhrt, dass die Stimme fast detimbriert klingt. Die rhythmischen Freizügigkeiten, für die Cura bekannt ist, hielten sich meines Erachtens in Grenzen; allerdings waren zum Beispiel das „Esultate“ und das „Sì, per ciel“-Duett betroffen. Als Darsteller war Cura engagiert bei der Sache; für diese Produktion ist er sicher eine Bereicherung.

      Zeljko Lucic, optisch von Regie und Kostümbildnerin als alter Haudegen angelegt, war nach meiner Meinung noch zufrieden stellend besetzt. Lucic ist zweifellos ein guter Sänger, die Stimme läuft gepflegt durch alle Register. Allerdings fehlt es ihm sowohl als Sänger als auch als Bühnendarsteller an Charisma. Beim Credo war er von Kindern umgeben, die erkennbar fasziniert waren von seinem Vortrag – das ganze wirkte allerdings eher wie die Geschichte eines netten Onkels. Sein Glaubensbekenntnis singt Iago ins Publikum; die Kinder sind wohl eher zufällige Zuhörer. Die manipulative Überzeugungskraft, die Iago auf die übrigen Figuren des Dramas ausübt, wurde aber auch sonst nicht recht begreiflich. Andere Verdi-Partien kommen Lucic möglicherweise besser entgegen.

      Positiv erwähnen würde ich den Cassio von Yosep Kang, eine schöne, gut sitzende Stimme, die mir gut gefallen hat. Die übrigen Beteiligten agierten auf gutem Niveau. Patrick Summers am Orchesterpult machte zumindest nicht viel verkehrt.
    • Vielen Dank für die fundierten Kritiken. Cura gab vor (ich glaube es sind mehr als) 10 Jahren berechtigten Anlass zu Hoffnungen, ich hörte ich damals als Otello unter Abbado und war schwer beeindruckt. Viele Jahre später hörte ich dann (leider) nur noch Trümmer der einstigen Stimmleistung. Mann kann das auch sehr gut anhand von Ausschnitten bei Youtube nachvollziehen, wie die Fähigkeit, den Schall zu Konzentrieren abnimmt. Teilweise klingt die Stimme wie entkernt. War deshalb auch sehr überrascht von der F.A.Z.-Kritik, zumal ich immer noch nicht verstanden habe, was Frau Spinola meint, wenn ein Sänger "kraftvoll intoniert".

      lg
      Sascha

      "You realize that it’s not necessary to own 50 Beethoven cycles, 46 of which you never play, when you can be just as happy with 20 of them, 16 of which you never play.
      "
      , David Hurwitz