"Mein größtes Werk ist eine große Messe" - Beethovens Missa solemnis

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    • Ich kenne zwar die neuere Gardiner-Aufnahme nicht, aber meiner Erfahrung nach sind bei Gardiner (z.B. Bach) die problematischen Stellen meist eher die "meditativen", da die "schnellen, schrillen" aufgrund der hohen Virtuosität des Monteverdi-Choirs oft beinahe "Selbstläufer" werden, während die ruhigeren nicht mysteriös genug oder nicht einmal ruhig genug geraten. (Ich weiß, etwas platt, aber von der Tendenz meine Erfahrung.)
      Wie bei den meisten großen Chorwerken kann ich nur raten, ein live-Konzert wahrzunehmen. Zwar hört man hier mitunter noch weniger als auf Aufnahmen, was man gerne alles hören würde, weil einfach zu viel gleichzeitig passiert. Aber der "Überwältigungseffekt" ist ein ganz anderer.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Kater Murr schrieb:

      Ich kenne zwar die neuere Gardiner-Aufnahme nicht, aber meiner Erfahrung nach sind bei Gardiner (z.B. Bach) die problematischen Stellen meist eher die "meditativen", da die "schnellen, schrillen" aufgrund der hohen Virtuosität des Chors oft beinahe "Selbstläufer" werden, während die ruhigeren nicht mysteriös genug oder nicht einmal ruhig geraten. (Ich weiß, etwas platt, aber von der Tendenz meine Erfahrung.)
      Wie bei den meisten großen Chorwerken kann ich nur raten, ein live-Konzert wahrzunehmen. Zwar hört man hier mitunter noch weniger als auf Aufnahmen, was man gerne alles hören würde, weil einfach zu viel gleichzeitig passiert. Aber der "Überwältigungseffekt" ist ein ganz anderer.
      Das mit dem Live-Effekt kann ich nur bestätigen:

      In den 1990 er Jahren habe ich die MS in der Berliner Waldbühne erlebt. Obwohl die Tonanlage abgeschaltet werden musste kam die Musik sehr gut rüber - weiss leider nicht mehr, wer da gespielt hat :versteck1: . Nun ja interessant wr auch das Auditorium: Ich saß nah bei der Bühne und um mich herum auffällig viele "Rocker" ! ...
      ... alle Menschen werden Brüder.
      ... We need 2 come 2gether, come 2gether as one.
    • Kater Murr schrieb:

      Wie bei den meisten großen Chorwerken kann ich nur raten, ein live-Konzert wahrzunehmen. Zwar hört man hier mitunter noch weniger als auf Aufnahmen, was man gerne alles hören würde, weil einfach zu viel gleichzeitig passiert. Aber der "Überwältigungseffekt" ist ein ganz anderer.
      Und deswegen höre ich die Missa im Januar in der neuen Elbphilharmonie mit den Hamburger Sinfonikern unter Jeffrey Tate. Solisten sind:

      Camilla Nylund Sopran
      Sarah Connolly Mezzosopran
      Klaus Florian Vogt Tenor
      Luca Pisaroni Bassbariton

      Und zu Gardiner kann ich nur sagen: die intimeren Stellen kommen bei ihm ebenso gut zur Geltung wie die kraftvolleren. Es ist schon lange her dass ich ihn mit der Missa gehört habe, aber es war ein Erlebnis welches sich für ewig bei mir eingeprägt hat. Der Monteverdi Chor ist der beste der Welt. Jeder Chorsänger taugt auch als Solist, und etwas mit diesem Chor live zu hören ist ein ganz besonderes Erlebnis. In einer Übertragung des "Dixit Dominus" von GF Händel aus Versaiiles haben 2 der Chorsängerinnen das "de torrente .." gesungen, und es musste wiederholt werden. Noch nie hatte ich diese an sich schon überirdisch schöne Musik so vollendet gesungen gehört. Auch Gardiner war sichtlich gerührt. Er ist für mich ohne jeden Zweifel einer der ganz großen Dirigenten, der ohne Starrummel auskommt und einfach nur gute Musik macht. Gewissermaßen ein König Midas der Musikszene.

      youtube.com/watch?v=dS65-ZvUSSM

      ab 35:50

      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Ich mag den Gardiner und seine Mucke ja auch. Zumindest das was ich kenne. Z.B. das Weihnachtsoratorium oder die Matthäus-Passion. Aber mit der jüngsten Missa Solemnis habe ich wie gesagt Probleme. Nicht mit den meditativen Stellen sondern da wo die Post abgeht. Vor allem im Gloria. Ich vermute immer mehr, dass das an der Aufnahmetechnik liegt. Das Blech sticht recht schrill heraus. Es ist so als ob man zu nahe am Blech sässe. Aber auch der Chor ist häufig recht schrill.

      Es wäre interessant zu erfahren, wie andere die Aufnahme empfinden.

      Hudebux
    • Ich fand den folgenden Abschnitt aus Eusebius´ Posting im Thread zum Eröffnungskonzert sehr interessant - und hier passt er auch gut hin:

      Eusebius schrieb:

      Die Missa Solemnis von Beethoven ist ein Werk voller Gegensätze. Groß angelegte Chöre und massiver Orchesterklang wechseln sich dabei mit intimen und kontemplativen Szenen ab. Das Zusammenspiel von Solisten, Chor und Orchester ist eine besondere Herausforderung für den Dirigenten. Jeffrey Tate ist ein gewissenhafter Dirigent, der sein Handwerk versteht. Und so war es gestern eine solide Kapellmeisterleistung, nicht mehr und nicht weniger. Das generelle Manko dieser Aufführung war die Besetzung des Chores. Ich verstehe nicht, warum der Chor immer so groß sein muss. Ich habe mal grob gezählt ca. 120 Choristen gesehen und gehört. Bei den lauten Stellen deckten die Sänger das Orchester fast komplett zu. Die einzelnen Instrumente waren für mich nur schwer zu identifizieren. Da half auch die Akustik nichts. Oder lag es vielleicht gerade an ihr, das die Balance nicht stimmte? Mein eindrücklichstes Erlebnis in Sachen Missa Solemnis war eine Aufführung mit John Eliot Gardiner, seinem Orchestre Revolutionaire et romantique sowie dem Monteverdi Choir (so um die 40 Sänger). Da stimmte die Balance zwischen Chor und Orchester perfekt.


      Tate ist kein Gipfelstürmer, und so gerieten manche Teile etwas langsamer als ich es mir gewünscht hätte, wie z.B. im „Et Resurrexit“ wo Beethoven Allegro molto verlangt und Tate gerade mal Allegro Moderato spielen ließ. Die Dauer der Aufführung lag dann auch über 90 Minuten. Den etwas „braven“ Charakter der Aufführung verdeutlicht auch die Umsetzung einer anderen Stelle der Partitur: Im „Agnus Dei“ gibt es eine Passage, wo Beethoven den Wunsch nach Frieden einer kriegerischen Szene gegenüberstellt. Die Stelle ist entsprechend dramatisch gestaltet. Ängstliche Rufe der Solisten (Alt und Tenor) und Tremolandi im Orchester werden von Trompetensignalen begleitet, die eine kriegerische Handlung symbolisieren sollen. Hier hätte ich mir deutlich mehr Dramatik gewünscht.


      Besonderes Lob verdienen hingegen die Solisten: Camilla Nylund, Sopran; Sarah Conolly, Alt; Klaus Florian Vogt, Tenor; Luca Pisaroni, Bass. Die helle und knabenhafte Stimme von Vogt störte mich hier überhaupt nicht, sie passte im Gegenteil sogar ausgezeichnet. Der Bass war stellenweise nur schwer zu verstehen, aber Sopran und Alt waren sehr präsent, und die klare glockenreine Stimme von Camilla Nylund flog so manches Mal durch den Saal.


      Der Philharmonia Chorus aus London war ebenfalls ausgezeichnet, wenngleich stellen weise arg laut, und eben zu dominant (s.o.). Die Hamburger Sinfoniker sind ein gutes Orchester, welches hier in der Stadt ein hohes Ansehen genießt, und insbesondere für seine unkonventionellen Programme bekannt ist. Sie boten eine solide Leistung. Besonders das Violinsolo im Benedictus war sehr eindrucksvoll. Wiewohl gerade die intimeren Stellen sehr gut gelungen waren.

      Insgesamt eine Aufführung die mich irgendwie nicht gepackt hat. Ich kenne das Werk recht gut und habe es auch schon diverse Male im Konzert erlebt. Aber die gestrige Aufführung hinterließ bei mir keinen bleibenden Eindruck. Eigentlich schade für den Auftakt in der Elbphilharmonie. Aber alle Tage ist eben kein Sonntag, und es kommen ja noch einige Konzerte.
      Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

      Cato der Ältere
    • Bruno Kittel (rec. 1927/1928)

      Für Interessierte verweise ich auf die erste Gesamteinspielung des kompletten Werkes:

      78 toeren
      (für den Download etwas weiter runterscrollen)


      (P) 1928 Polydor 95146/56 (11x 78er, 30cm) 21 Seiten: B25136/56 [84:25]
      [mx. 655bm ~ 1232bm]
      rec. 1927/1928 (Berlin)

      Lotte Leonard & Emmy Land (s)
      Eleanor Schlosshauer-Reynolds (a)
      Eugen Transky & Anton Maria Topitz (t)
      Wilhelm Guttmann & Hermann Schey (b)
      Violinensolo im Sanctus: Wilfried Hanke
      Bruno-Kittel-Chor
      Berliner Philharmoniker
      D: Bruno Kittel


      1. Kyrie (11:10)
      2. Gloria (17:22)
      3. Credo (22:40)
      4. Sanctus (17:37)
      5. Agnus Dei (15:36)
      Die entstand tatsächlich noch in den 1920er Jahren, gut 2-3 Jahre nach Beginn der elektrischen Tonaufzeichnung. Bruno Kittel (1870-1948) dirigierte die Berliner mitsamt seinem eigenen Chor, die Deutsche Grammophon produzierte. Erschienen ist die Aufnahme 1928 im Bündel bei der Polydor.

      Es ist übrigens eine gut ausgeführte Schellacküberspielung mit einer kaum angerührten Patina und moderater Klanglichkeit.


      Es gibt auch noch eine CD-Ausgabe (Japan-Import):



      Die kenne ich aber nicht.
      "Interpretation ist mein Gemüse."
      Hudebux
      "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
      Jean Paul