Michael Haneke: Das weiße Band

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    • Michael Haneke: Das weiße Band

      Da es im Thread "Aktuelle Kinoempfehlungen" eine rege Diskussion über Hanekes Film gab, habe ich sie in diesen Thread kopiert.
      Carsten

      Hat jemand schon den gerade angelaufenen Film Das weiße Band gesehen? Diese Kritik hat meine Neugier geweckt: "http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,654825,00.html".
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Hallo Gurnemanz,

      habe den Film vor etwa zwei Wochen gesehen und bin wirklich begeistert gewesen, als ich das Kino verließ (vom Film - das Publikum war Scheiße). Einige Bilder geistern jetzt noch in meinem Kopf - Haneke hat einen Film gemacht, der optisch ein ganz großer Genuß ist und das habe ich so wirklich nicht von diesem Regisseur erwartet. - Die Schauspieler sind ausnahmslos großartig, die Schmerzen, die Haneke verursacht, eindringlicher als in den Filmen die ich bisher von ihm kenne und die haneksche "fesselnde Langeweile" ist so gut wie nicht vorhanden, Das weiße Band ist - bei der Schwere des Behandelten eigentlich ein Wunder - ein ausgesprochen "unterhaltsamer" Film geworden und ich hätte M. H. gerne die Hand dafür gedrückt.
      -
      Enttäuschend, daß mir jetzt nicht mehr dazu einfallen mag, aber ich hoffe sehr, daß ich irgendwie trotzdem dazu beitragen kann, Menschen ins Kino zu bewegen um diesen beeindruckenden Film zu sehen.

      Liebe Grüße aus dem kalten Wien

      Bernhard


      "Alles Syphilis, dachte Des Esseintes, und sein Auge war gebannt, festgehaftet an den entsetzlichen Tigerflecken des Caladiums. Und plötzlich hatte er die Vision einer unablässig vom Gift der vergangenen Zeiten zerfressenen Menschheit."
      Joris-Karl Huysmans
    • Da ich kein ausgesprochener Cineast bin, kannte ich bislang Michael Haneke nicht mal dem Namen nach. Deine Beschreibung, lieber Bernhard, paßt gut zu dem, was ich bislang über den Film gelesen habe. Danke!

      Mich interessiert u. a. die Thematik des Films, der die Stimmung der Jugend 1914 eindrucksvoll und ohne pädagogischen Zeigefinger einfangen soll.
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Lieber Gurnemanz,

      wie am Freitag schon vor und nach dem Theater kurz angedeutet:

      "http://www.imdb.com/name/nm0359734/" Michael Haneke ist einer der bedeutensten deutschsprachingen Filmemacher, Filme wie "http://www.imdb.com/title/tt0103793/" Benny's Video oder "http://www.imdb.com/title/tt0119167/" Funny Games (von dem er sogar nach 10 Jahren sein eigenes "http://www.imdb.com/title/tt0808279/" US-Remake gedreht hat!) gehören zu den wichtigsten Filmen, wenn es um Gewalt in der Gesellschaft und ihre Ursachen geht.

      Ich habe seinen Film "http://www.imdb.com/title/tt0387898/" ]Cache sehr gerne, evtl. auch gerade, weil es ein französischer Film geworden ist... ;)

      Das weiße Band habe ich noch nicht gesehen, er steht aber auf der Liste der Filme, die ich noch sehen will!

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • Lieber Pfuetz, lieber Gurnemanz!

      Ich habe gestern Abend erstmalig Funny Games gesehen. Ich muss gestehen, der Film hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Mir scheint Haneke, der nachdrücklich gegen Populärkultur wettert und sauber Unterhaltungskino von (ernsthaftem) Kunstkino getrennt wissen möchte, selbst ein Opfer seiner strikten Trennung zu werden. Sicher: der Film wirkt verstörend, gängige Tabus werden gebrochen ,so das Foltern und anschließende Töten eines Kindes - ein letztes unverletztes Tabu liegt hier vermutlich in der Wahl eines Jungen und nicht eines Mädchens. Der Film bezieht seine Spannung aus dem, was nicht direkt einsehbar sondern nur gehört und erahnt wird. Einen nicht unwesentlichen Teil der Spannung bezieht er auch aus quälend langen Kameraeinstellungen, die das Leiden der Opfer, die Hilflosigkeit, ihre Regungslosigkeit vor dem Hintergrund eines im Fernsehen gezeigten Formel-1-Rennens einfängt - das in seinem fortwährenden Lärm einerseits Kontrast, in seiner Periodizität der Bewegung andererseits vielleicht eine Allegorie der Unentrinnbarkeit der Protagonisten darstellt. Der sarkastische, für die Situation stets von übertriebener Höflichkeit geprägte Tonfall der beiden Psychopathen wirkt verstörend und Empathie fördernd zugleich. Vielleicht auch eine Abrechnung mit dem österreichischen Volk als "Geschichtsverdränger" - der überstilisierte österreichische Dialekt des wortführenden Folterknechts als Ausdruck von Gleichgültigkeit und Überheblichkeit geprägter fehlender Menschlichkeit. Genau aber in dieser Überheblichkeit und der Empathie fördernden zur Schau gesetzten Höflichkeit von "Tom" und Jerry", wie sie sich die Folter-Knaben beide nennen, in der Wahl eines (vermutlich neu-)reichen Pärchens - sie mit leichtem Hang zur Hysterie bzw. Ängstlichkeit, er als seltsam blasser, zwar fürsorglicher, aber zunächst seltsam abgeklärt wirkendes Familienoberhaupt - genau in der Wahl dieser Personen und ihrer Handlungsspielräume lugt eine gefühlte Überlegenheit des Regisseurs hervor. Als solches für mich noch kein Problem, doch die Frage, an wen der Film adressiert ist, hinterlässt so einige ungelöste Fragen. Wendet sich Haneke, der Gewalt für unkonsumierbar deklariert, an ein vermeintlich abgestumpftes Publikum des sog. Exploitation Film ?? Oder zielt er auf die "gesunde Durchschnittsgesellschaft" ab? Erstere Gruppierung dürfte mit dem Film meist wenig anfangen können, zu wenig ersichtliche Gewalt, zu wenig Katharsis-Effekt (kein wie auch immer geartetes Happy End). Kann Haneke durch die Einbeziehung einiger Exploitat-Klischees und ihrer Überstilisierung (Oper für die Familie, Death Metal für deren Schicksal und ihre Peiniger) ein Publikum, das weniger mit "Exploitation Kino" zu tun hat, durch den zum Nachdenken anregenden Sympathiefaktor für die Peiniger und die Sinnlosigkeit der Gewaltexzesse, erreichen? Und falls ja, sind die Mittel angemessen? Mir kommen leichte Zweifel auf. Durch einige Einstellungen - wie die wohl bekannt gewordene Szene mit der Fernbedienung, mit der der Handlungsablauf kurz zurückgespult und jede Hoffnung der Opfer im Keime erstickt wird oder das Empathie als auch Sympathie förderliche direkte Ansprechen des Publikums durch den Peiniger wird der Zuschauer m.E. schon moralinsauer vorgeführt und als Mittäter entlarvt.
      Die Reaktion eines Regisseurs, der mit der heutigen schnelllebigen und mittels "Sex & Crime" Effekt haschenden Welt nicht mehr Schritt halten kann und will? In einer der amazon-Rezensionen wird Haneke "heuchlerisches Gutmenschentum" unterstellt - soweit muss man nicht gehen. Aber die Frage, warum ein U.S.-Remake notwendig war, obwohl Haneke finanzielle Motivation eigenen Aussagen zufolge fremd sein soll (oder sieht Haneke in Österreich und den USA faschistoide Gesellschaftsstrukturen, denen einen katharsisbefreites Bild von Gewalt vermittelt werden muss) muss er sich gefallen lassen. Ebenso wie die Anmerkung eines Rezensenten, es handle sich seiner Einschätzung gerade um ein solches Kino, das Haneke nicht gutheißt, gettarnt unter dem "intellektuellen Deckmäntelchen des Warums" und bewaffnet mit einer vielleicht hie und da selbstgerecht wirkenden Moraldecke.

      Funny Games ist ein Film, der zum Nachdenken anregen dürfte, an dessen Glaubwürdigkeit mir aber leise Zweifel kommen.

      :wink:
      Wulf
      "Gar nichts erlebt. Auch schön." (Mozart, Tagebuch 13. Juli 1770)
    • Das weiße Band

      Funny Games kenne ich nicht; gerade habe ich noch einmal Wulfs Besprechung gelesen. was sich für mich daraus ergibt, ist, daß Das weiße Band ein gänzlich anders gestrickter Film ist, auch wenn dieselbe Thematik: Gewalt an Kindern, angesprochen wird. Diesen Film habe ich jetzt im Kino erlebt und das gleich zweimal! Für mich das beeindruckendste Kinoerlebnis seit Jahren (was nicht so viel heißen muß, ich gehe nicht oft ins Kino).

      Das weiße Band zeigt das Leben in einem norddeutschen Dorf vom Sommer 1913 bis Sommer 1914. Gewalt steht zwar gleich am Anfang: Der Dorfarzt stürzt mit seinem Pferd aufgrund eines heimtückisch aufgespannten Drahtes. Es passieren weitere Gewalttaten, aber das alles wird eher diskret inszeniert; in ruhigen Bildern entfaltet sich ein Grauen, Gewalt als "normaler" Aspekt gesellschaftlichen Lebens, in einer Welt, in der Sexualität auf grausame Weise tabuisiert wird - dazu sogar noch eine fast romantische Liebesgeschichte.

      Dieser Film hat etwas, das ich an Filmen liebe: Er läßt sich Zeit.

      Hauptakteure im Film sind Kinder. Sie werden gleichermaßen unbarmherzig gezeigt - sowohl als Opfer wie als Täter.

      Wer hat Das weiße Band noch gesehen? Und wie aufgenommen?
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Lieber Gurnemanz,



      meine Frau und ich waren leider sehr enttäuscht vom neuen Haneke, zumal
      seine Fähigkeiten in visueller und ausstattungstechnischer Hinsicht
      brillant sind. Sehr kurz gefaßt: Ein Film, der offene Türen einrennt,
      Problematisierungen, die bereits so oft subtiler formuliert wurden.
      Äußerst plakativ und gleichmacherisch, wird die Welt eines
      norddeutschen Dorfs als reine Hölle gezeichnet: Alle sind brutal,
      Frauen und Kinder werden geschändet, der Pastor ist dermaßen
      Abziehfigur, daß man sich fragt, ob Dickens oder Bergman nicht
      gearbeitet hätten. Kleine Kinder werden mit unsäglichen
      Kindchen-Schemata bedacht, die in der Unmenschlichkeit aufgewachsenen
      Bälger sind alle verlogen und lauernd. Zudem hat man die Geschichte
      begriffen, nachdem sie ein paar Minuten über die Leinwand gegangen ist.

      Für einen Film wie "Funny Games" ist ein so verdichtendes und
      unilaterales Vorgehen legitim, nicht aber für einen - von der raunenden
      Erzähler-Offstimme didaktisch aufgearbeitet - Film, der mal
      unterschwellig, mal explizit einen historischen Anspruch reklamiert.
      Jaja, so war das damals in Deutschland, ein direkter Weg in die
      Massengräber des 1. und die noch gesteigerten Perversionen des 2.
      Weltkriegs! Viel platter geht es aus meiner Sicht kaum mehr.

      Schauspielerisch sticht für mich Josef Bierbichler heraus, der als einziger keinen eindimensionalen Typus verkörpert.



      Für mich eine aufgeblasene Pseudo-Aufarbeitung!



      LG,

      Christian
      "Scheiter', Haufen!"
    • Petronius schrieb:

      Für einen Film wie "Funny Games" ist ein so verdichtendes und
      unilaterales Vorgehen legitim, nicht aber für einen - von der raunenden
      Erzähler-Offstimme didaktisch aufgearbeitet - Film, der mal
      unterschwellig, mal explizit einen historischen Anspruch reklamiert.
      Jaja, so war das damals in Deutschland, ein direkter Weg in die
      Massengräber des 1. und die noch gesteigerten Perversionen des 2.
      Weltkriegs! Viel platter geht es aus meiner Sicht kaum mehr.

      [...]

      Für mich eine aufgeblasene Pseudo-Aufarbeitung!
      Für mich nicht, lieber Christian. Vielleicht läßt Du Dich allzusehr auf die Intentionen Hanekes ein; dieser hat Entsprechendes jedenfalls formuliert (und in Rezensionen taucht das dann auch auf), so in die Richtung: Erziehung der Jugend am Vorabend der Weltkriegskatastrophe: später wurden Faschisten daraus. Das mag platt klingen, doch in der filmischen Realisierung war es das für mich nicht. Ich fand es unaufdringlich, diskret in der Darstellung, auch der Pfarrer war keineswegs so eindimensional-böse (sind die Pfarrer bei Bergman, an die ich mich hier ebenfalls erinnert fand, in der Regel auch nicht). Vielleicht ein gutes Beispiel, wie ein Werk über die Intentionen hinausgeht und gerade dadurch seinen ästhetischen Rang gewinnt.
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • "Das weiße Band" - für mich ein beeindruckender Film. Da bin ich ganz bei Dir, Gurnemanz. Vielleicht aber fehlt mir auch nur der inquisitorische Durchblick, Christian. ;+)

      Beginnen wir beim Beginn. Seit langem war ich mal wieder im "Delphi", sehr gut (wo hast Du den Film gesehen, Christian?). Eine Atmosphäre wie in einem Konzert, bei diesem doch überwiegend ruhigen und für mich auch im Hinblick auf den "Sound" sehr durchdachten Film.
      Also: im Kino kein Gegiggel, kein übertriebenes Geknister, sehr konzentriert.

      Zum Film. Ich finde, dass "Das weiße Band" nicht so eindimensional ist, wie Du, Christian, es empfunden hast. Die Figuren sind schon mehrschichtig. Ich konnte eigentlich bei jedem auch gute, sympathische Seiten sehen - wie eben auch nahezu jeder mit negativen ausgestattet war. Der überstrenge, moralinsaure Pfarrer, der sich nicht gestatten kann zu weinen, als er von seinem kleinen Sohn den "Piepsi"-Ersatz bekommt; der joviale Verwalter, der sich in eine unbändige Zornesmaschine verwandelt, als er seines großen Sohn wegen der Pfeife des Sprösslings des Barons zur Rede stellt; der Arzt, der mit seiner Ironie so modern wirkt, und bei dem diese Ironie dann in bitteren Sarkasmus umschlägt; die Baronin, die den Privatlehrer des Sohns unglaublich herablassend behandelt und ihrerseits aus dieser "stumpfsinnigen und brutalen" Welt flüchten will undsoweiter.

      Platt wirkte das nicht auf mich.

      Es sind doch auch keineswegs alle brutal, es werden auch nicht alle geschändet, und das Kinder dem Kindchen-Schema entsprechen, nun, das liegt vielleicht in der Natur der Sache (nebenbei: so besonders niedlich sind sie ja auch nicht alle). Das Dorf als solches ist auch meines Erachtens nicht die reine Hölle. Es fragt sich doch, ob das nicht eine treffende Beschreibung ist - im Gegensatz zu verklärenden Heile-Welt-Schilderungen des damaligen Lebens auf dem Lande. Ich denke schon, dass es ein hartes und eben auch patriarchalisch geprägtes Leben war. Und, ja, warum ist nicht auch dieses Klima eine (natürlich nicht die ausschließliche) Erklärung für Weltkriege?

      Ehrlich gesagt hätte ich mir den Film noch stundenlang angucken können, die langen Einstellungen, die alles authentisch erscheinen lassende Ausstattung, die verwitterten Gesichter der Alten, das Schauspieler-Ensemble, das wirklich bis in die Nebenrollen außerordentlich besetzt war (die Minnichmayr oder Buck, der echt komödiantische Töne in den Film brachte), der Mut zu schwarzer Leinwand, zur Stille. Undundund.

      Alles in allem: Da gehen wir noch mal rein.
    • Hallo,
      Wer hat Das weiße Band noch gesehen? Und wie aufgenommen?
      Mir hat der Film ebenfalls sehr gut gefallen, insbesondere die Kamera war großartig und auch die vielen Ebenen der Handlungsführung, die immer wieder fast gleichwertig erscheinende Interpretationen erlaubten, überzeugten mich. Meckern auf hohem Niveau kann man natürlich immer, also einige Dialoge wären durchaus noch verbesserungswürdig gewesen, na gut.

      Herausragend fand ich den Pfarrer gelungen - eine äußerst differenzierte, großartig gespielte Figur, der die gesammelte Tragik dieser Zeit in ihrer ganzen Verlogenheit und Idiotie mit diversen Zwängen und absurdesten Überzeugungen meisterhaft verkörperte. Fast genauso differenziert sehe ich die Rolle der Kinder: einerseits nur Statisten, andererseits unangenehm anmutende Beobachter, natürlich immer wieder bedauernswerte Opfer, aber auch mitleidslose grausame Täter/ Mitwisser, die sogar vor dem Schwächsten nicht mehr Halt machen.

      Eindimensional fand ich den Film nicht. Schon gar nicht hatte ich den Eindruck, dass er versuchte, einfache Botschaften mit pädagogischem Zeigefinger zu vermitteln. Gerade in dieser unauflöslichen Tragik, die alle und keinen zum Täter macht und damit die Struktur der Gewalt nahezu beliebig interpretierbar bleiben lässt, liegt für mich die traurige Aktualität dieses Films.
      Heike
      „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)
    • Liebe Leute,

      nochmal kurz zum Haneke:


      @Gurnemanz: Dein letzter Gesichtspunkt scheint mir besonders bedenkenswert, ich gebe zu, darauf bei diesem Film noch nicht gekommen zu sein. Der ästhetische Rang des Films ist sicherlich weit höher anzusiedeln, als ich es in meiner Kritik zum Ausdruck gebracht habe. Dennoch läuft die Ästhetik für mich leider ins Leere, weil auch sie für mich untrennbar mit dem - aus meiner Sicht - betulichen und etwas simplen Moralin verwoben ist, das den Streifen zu stark kennzeichnet, um ihn subtilere und angemessenere Wirkung entfalten zu lassen (wiederum: auf mich).

      @ekkehard: Die Milch der frommen Denkungsart haben wir doch beide gekostet, da dürfte sich die Perspektive nicht allzu sehr unterscheiden. Auch die Kinowahl spricht Bände: Delphi, hinten im vorderen Block, mittig (unser traditionelles Woody-Allen-Kino). Ich kann mich noch gut erinnern, mit welch genervten Debatten meine Frau und ich den Heimweg antraten (wohl, weil wir uns viel versprochen hatten), beide zutiefst enttäuscht von dem Gesehenen. Weder Times-Bar noch Gainsbourg oder andere Nach-Delphi-Treffpunkte, nicht mal ins Quasimodo, gleich heim! Womöglich doch ein Indiz für Verstörung ...?

      Liebe Grüße,

      Euer Christian
      "Scheiter', Haufen!"
    • Petronius schrieb:

      Dennoch läuft die Ästhetik für mich leider ins Leere, weil auch sie für mich untrennbar mit dem - aus meiner Sicht - betulichen und etwas simplen Moralin verwoben ist, das den Streifen zu stark kennzeichnet, um ihn subtilere und angemessenere Wirkung entfalten zu lassen (wiederum: auf mich).
      Ein Argument, dem nun wieder ich mich nicht grundsätzlich verschließe, da ich übermäßig moralisch daherkommende Kunst ebenfalls wenig schätze.

      Im Rückblick auf das weiße Band bleiben bei mir Erinnerungen wie die an die Szene von der aufgebahrten verunglückten Frau, von der nur die nackten Beine im Hintergrund sichtbar sind, mit der Trauer des Witwers (der sich später selbst umbringt: eine Person, die ich stark dargestellt fand ).

      Auch die Bestrafung der beiden Kinder, die zu lange ausgeblieben waren; der Zuschauer bleibt vor der geschlossenen Tür und beobachtet, wie der Junge in die Dunkelheit geht, um den Stock zu holen, mit dem die brutale Züchtigung erfolgt: Das sind Beispiele für die Indirektheit und Unaufdringlichkeit, die für mich die Qualität des Films ausmachen.

      Auch das Mädchen, in das der Erzähler sich verliebt: hinreißend verschämt, unsicher und anmutig!

      Was ich allerdings etwas merkwürdig fand, war die Sprache der meisten Akteure, die so gar nicht in die norddeutsche Landschaft paßte und dem eigentlich naturalistischen Plan zuwiderlief: "Bub" sagt man z. B. nicht im Norden. Aber vielleicht wollte Haneke genau diese Stilisierung und Künstlichkeit?
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Liebe Capriziöser,

      Ihr könnt es glauben oder nicht:

      Am Nachmittag vor dem Abend, an dem ich im Kino das weiße Band sah, ging ich spazieren. Kam im Dämmerlicht im Wald in der Nähe eines Reiterhofes vorbei. Und dort war, quer über den Weg gespannt, eine noch ganz gut sichtbare weiße Schnur gespannt. Das eine Ende solide am Baum befestigt, das andere viel weniger solide an einem recht dürftigen Holzpflock. Kein Mensch in der Nähe. Ich dachte mir: Kinderscherz. Und damit nicht in der Dunkelheit ein anderer darüber stolpert, habe ich den Holzpflock gezogen und mit der Schnur auf die Seite des Weges gelegt. Und am Abend sah ich dann den Film. Und dachte bei mir: Die Schnur hättest Du wohl besser mitgenommen.

      Und dachte vor allem aber an manches andere. Zum Beispiel daran, dass ich einmal als kleiner Junge von einem Lehrer geohrfeigt worden bin. Immer und immer wieder. Er wollte von mir das Geständnis haben, dass ich verbotener Weise unter der warmen Dusche gewesen war. Und mein blöder Stolz mir sagte: Das gibst Du nicht zu, schon weil es nicht stimmte. Und meine einzige Genugtuung war, dass der Lehrer doch unsicher wurde. Ich erinnerte mich an unseren Englischlehrer wie auch an unseren Griechischlehrer: Wie sie in zynischster Weise ihre besonderen Lieblinge traktierten. Das letzte Mal dachte ich an sie, als ich die Novelle von Alfred Andersch las: Vater eines Mörders. Und ich erinnerte mich dunkel, ich war damals fünf, an meinen despotischen väterlichen Großvater, Schulrektor war er, strammgestanden!! Oder an meine kleine Freundin, die auf unserem Höfchen Samstags überlegte, was sie dem Priester denn glaubwürdig für Sünden bei der Beichte anbieten könnte. Und an manches andere. Das war Anfang der 60iger. Nicht die Zeit vor 1914. Nur noch Nachwehen. Es war im übrigen auch eine schöne Kinderzeit.

      Erinnerung an - zum Glück - weitgehend vergangene Erziehungsmethoden. Ich will damit den Inhalt des Film nicht verteidigen. Vieles in ihm schien mir nicht echt, war gesucht, konstruiert, auch zu holzschnitzartig in der Charakterisierung der Figuren. Er drückt außerdem mit der Beziehung zu den Weltkriegen keinen neuen Gedanken aus, der bereits erwähnte Andersch hat ihn früher, und auch viel besser, subtiler getroffen.Gefallen haben mir aber die Bilder. Und vor allem die schauspielerische Leistung der Kinder, neben der des Pastors.

      Paulus
    • Gurnemanz schrieb:




      Im Rückblick auf das weiße Band bleiben bei mir Erinnerungen wie die an die Szene von der aufgebahrten verunglückten Frau, von der nur die nackten Beine im Hintergrund sichtbar sind, mit der Trauer des Witwers (der sich später selbst umbringt: eine Person, die ich stark dargestellt fand ).

      Auch das Mädchen, in das der Erzähler sich verliebt: hinreißend verschämt, unsicher und anmutig!

      In diesen beiden Punkten stimme ich Dir rückhaltlos zu. Aber etwa der Vater des Mädchens (Detlev Buck) ...
      "Scheiter', Haufen!"
    • Paulus schrieb:


      Erinnerung an - zum Glück - weitgehend vergangene Erziehungsmethoden. Ich will damit den Inhalt des Film nicht verteidigen. Vieles in ihm schien mir nicht echt, war gesucht, konstruiert, auch zu holzschnitzartig in der Charakterisierung der Figuren. Er drückt außerdem mit der Beziehung zu den Weltkriegen keinen neuen Gedanken aus, der bereits erwähnte Andersch hat ihn früher, und auch viel besser, subtiler getroffen.Gefallen haben mir aber die Bilder. Und vor allem die schauspielerische Leistung der Kinder, neben der des Pastors.

      Paulus
      Vielen Dank für den Hinweis auf Andersch, Paulus! Man könnte auch Dickens in vielen Varianten anführen, Musil, Dahl, Churchill, Hesse etc. Ingmar Bergmans "Fanny und Alexander" natürlich - das in seiner gewollten Künstlichkeit (womöglich auch bei Haneke, aber eben mit politisch verwobener Aussage, was für mich auseinanderklafft) eine viel bedrängendere und feinere Charakterisierung erschafft -; insgesamt denke ich, daß hier eine große Chance vertan wurde, Aktion und Reaktion von Gewalt und Druck zu thematisieren.

      Grüße an alle

      Christian
      "Scheiter', Haufen!"
    • Hallo,

      mit fast einem Jahr Verspätung habe ich mir nun auch endlich Das weiße Band auf DVD angeschaut. Mein allgemeines Fazit gleich vorweg: Ich finde den Film sehr gut!



      Ästhetisch ist er nahezu perfekt. Die preisgekrönte Kamera Christian Bergers erweckt eine nur aus alten Fotoalben bekannte Welt zu glasklaren, gestochen scharfen Bildern. Die scheinbar simple Brillanz dieser Bilder rückt den Protagonisten extrem intensiv auf den Leib. Selten habe ich in der Neuzeit die Möglichkeiten des Schwarzweiß-Films so atemberaubend gut genutzt erlebt.

      Hanekes Akribie bei der Vorbereitung seiner Filme zahlt sich in Das weiße Band besonders aus: Die Auswahl der Drehorte, die Besetzung sämtlicher Rollen, die Kraft vieler Dialoge aber auch das Vertrauen auf die Ausdrucksmöglichkeiten schweigender Gesichter - das geht kaum besser. Insbesondere, wenn man bedenkt, dass sehr bewegende Zeilen und Szenen im Drehbuch für ca. fünf- bis zehnjährige Kinder geschrieben wurden.

      Hanekes Sorgfalt lässt ihn meines Erachtens aber in einer Szene im Stich, die eigentlich eine der kraftvollsten und eindringlichsten des Films ist. Der demütigende Dialog zwischen dem Arzt und der Hebamme ist purer verbaler Terror, der einen Menschen in wenigen Augenblicken zu zerstören scheint. Allerdings scheint er mir komplett aus der Zeit gefallen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass ein solches Gespräch 1913 in dieser Form stattgefunden haben kann. Die Reaktion der Frau, die einen Versuch unternimmt, zumindest einen Rest ihrer Würde zu behalten, klingt mir allzu modern und in ihrer psychologischen Methode näher an unserer Zeit als an der damaligen.

      Etwas ratlos bin ich auch über einige andere Dinge. Ich rechne Haneke an, dass er mit seinen Filmen oft Fragen aufwirft, die man selbst zu beantworten versuchen muss. So weiß ich z.B. nicht, ob der gesellschaftliche Rang des Dorflehres so weit unten anzusiedeln ist. Einerseits habe ich einmal eine Ausstellung mit Fotografien des ersten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts gesehen, in der Bilder von Wandergesellen, Straßen- und Landarbeitern tatsächlich im Kontext mit Dorflehrern gezeigt wurden. Andererseits sah das in meiner eigenen Familiengeschichte ganz anders aus. Das mag möglicherweise aber auch an regionalen Differenzen liegen. Das weiße Band zeigt deutlich ein Sittengemälde aus dem "ostelbischen" Deutschland, für den Nordwesten kann vieles nicht ganz zutreffen. Das zeigt sich zum Beispiel auch im Verhältnis des Gutsherrn zur abhängigen Landbevölkerung. Das gab's so extrem zu jener Zeit im ostfriesischen, bremischen oder oldenburgischen nicht mehr. Durch die Ortsnamen erahnt man in dem Film zwar den Schauplatz im Nordosten Deutschlands, dieser soll aber ja eigentlich ganz allgemein für Norddeutschland gelten. Was aber so nicht ganz stimmen kann...

      LG
      C.
      „Beim Minigolf lernte ich, wie man mit Anstand verliert.“ (Element of Crime)
    • Carsten schrieb:

      Ich kann mir kaum vorstellen, dass ein solches Gespräch 1913 in dieser Form stattgefunden haben kann. Die Reaktion der Frau, die einen Versuch unternimmt, zumindest einen Rest ihrer Würde zu behalten, klingt mir allzu modern und in ihrer psychologischen Methode näher an unserer Zeit als an der damaligen.




      Hallo Carsten,



      ich fand genau diese Stelle im Gegenteil einen besonders eindringlichen Beleg für den genauen sozialen Duktus aller Dialoge in diesem Film. Der Arzt ist 'aufgeklärt', er steht der Welt seiner Kollegen Freud und Schnitzler näher als der seiner Dorfgenossen. Das Verhältnis mit der Hebamme geht schon lange und ist für die dortigen Verhältnisse extrem libertär; wir dürfen annehmen dass die beiden zwischen ihren vier Wänden seit geraumer Zeit einen eigenen 'Code' ausgebildet haben und eben kein Blatt mehr vor den Mund nehmen. Ich fand das Gespräch eindrücklich nicht nur wegen der von Dir erwähnten psychologischen Wucht, sondern eben darum weil damit zwei 'moderne' Figuren charakterisiert werden die es in Deutschland damals natürlich (!!) schon gab, die aber in diesem Dorf natürlich eine gewisse Fremdheit behaupten.

      Nun finde ich das nicht nur als soziale 'Beobachtung'/These gut, sondern auch, gerade weil damit ein jähes Schlaglicht voraus auf unsere Zeit geworfen wird. Die Moderne mit ihrer Herzenstaktlosigkeit, so könnte diese Szene, wenn man sie genau betrachtet, sagen, ist anders, aber nicht weniger grausam als die Vor-Moderne (von der dieses Dorf, diese preußischen Quasi-Feudal-Verhältnisse ja auch noch ein Relikt sind) mit ihrer Bigotterie und ihrem Totschweigen. Von daher: ja, man spürt auf einmal den Gegenwarts-Regisseur Haneke (der er ja sonst in seinen Filmen durchgängig ist), aber es ist durch die Stellung der beiden Figuren in diesem Mikrokosmos (der ja auch sonst Platz hat für sehr unterschiedliche Sozialcharaktere wie den Pfarrer, den Verwalter, den Lehrer, die Baronin) gerechtfertigt.
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      Musica est exercitium metaphysices occultum nescientis se philosophari animi
    • Recordatorio schrieb:

      ich fand genau diese Stelle im Gegenteil einen besonders eindringlichen Beleg für den genauen sozialen Duktus aller Dialoge in diesem Film. Der Arzt ist 'aufgeklärt', er steht der Welt seiner Kollegen Freud und Schnitzler näher als der seiner Dorfgenossen. Das Verhältnis mit der Hebamme geht schon lange und ist für die dortigen Verhältnisse extrem libertär; wir dürfen annehmen dass die beiden zwischen ihren vier Wänden seit geraumer Zeit einen eigenen 'Code' ausgebildet haben und eben kein Blatt mehr vor den Mund nehmen. Ich fand das Gespräch eindrücklich nicht nur wegen der von Dir erwähnten psychologischen Wucht, sondern eben darum weil damit zwei 'moderne' Figuren charakterisiert werden die es in Deutschland damals natürlich (!!) schon gab, die aber in diesem Dorf natürlich eine gewisse Fremdheit behaupten.


      Das finde ich sehr schön beobachtet - besonders niederschmetternd ist die Szene auch, weil sie zeigt, dass der zynische Rationalismus des Arztes in seiner Art genauso verheerend wirkt wie das anti-aufklärerische Regiment des Pfarrers (sehe gerade, dass Recordatorio das ähnlich auch schon in seinem Beitrag ergänzt hat). In Parenthese: Als sprachlicher Anachronismus ist Haneke ja mehrfach - wahrscheinlich zu Recht - vorgehalten worden, dass in dem erwähnten Gespräch die Hebamme vom ihrem "behinderten Kind" spricht.


      Carsten schrieb:

      So weiß ich z.B. nicht, ob der gesellschaftliche Rang des Dorflehres so weit unten anzusiedeln ist.


      Nach allem, was ich weiß, ist die Figur des Lehrers auf sozialgeschichtlicher Ebene durchaus korrekt gezeichnet: Insbesondere Elementarlehrer auf dem Lande waren im Kaiserreich miserabel bezahlt und wurden ständig von der staatlichen und geistlichen Obrigkeit gegängelt.

      Mich erinnert Christian Friedels Figur und Darstellung kolossal an Franz Schubert, der ja zeitweise auch Dorfschullehrer (bzw. Gehilfe) gewesen ist. Ziemlich zu Anfang ertönen auch Schuberts Variationen über Trockene Blumen (während in den Vasen lauter blühende Blumen stehen), gespielt von Doppelgänger des Dorflehrers, dem Hauslehrer, auf der Flöte und der Baronin am Klavier. Später wird der hier zuhörende Sohn der Baronin aufgrund seiner Flötenkünste auf dem Schilfrohr ja fast ertränkt...

      Ich habe den Film jetzt sechsmal gesehen, viermal im Kino und zweimal von der DVD. Er hat auch beim sechstenmal nichts von seiner Faszination auf mich verloren.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Zwielicht schrieb:

      Ich habe den Film jetzt sechsmal gesehen, viermal im Kino und zweimal von der DVD. Er hat auch beim sechstenmal nichts von seiner Faszination auf mich verloren.


      Ja, nicht wahr? :) Er ist PERFEKT. Und seltsamerweise hat beim Sehen auf mich die Konstellation, die Gesellschaft zwar grausam gewirkt, aber die einzelnen Figuren, trotz all ihrer Quälereien und Gequältheiten, keineswegs abstoßend sondern eher mitleiderregend. Ich finde das zeigt den tiefen Humanismus dieses Werkes.

      (Trotzdem gebe ich zu, dass mich die Gegenwarts-Filme Hanekes, vom den "71 Fragmenten" bis hin zu "Code unbekannt" etc., noch mehr unmittelbar angehen.)
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      Musica est exercitium metaphysices occultum nescientis se philosophari animi
    • Recordatorio schrieb:

      Und seltsamerweise hat beim Sehen auf mich die Konstellation, die Gesellschaft zwar grausam gewirkt, aber die einzelnen Figuren, trotz all ihrer Quälereien und Gequältheiten, keineswegs abstoßend sondern eher mitleiderregend.


      Ja! Wie Burghart Klaußner in der Rolle des Pfarrers von seinem jüngsten Sohn den Vogel geschenkt bekommt (nachdem Vorgänger "Piepsi" gekreuzigt wurde) - und wie ihn dann ganz kurz und von ferne her die Ahnung einer besseren Welt anweht...

      Extrem ungewöhnlich für Haneke die (wenn auch ganz verhalten) emphatische Schilderung der Beziehung zwischen dem Lehrer und Eva.


      Recordatorio schrieb:

      (Trotzdem gebe ich zu, dass mich die Gegenwarts-Filme Hanekes, vom den "71 Fragmenten" bis hin zu "Code unbekannt" etc., noch mehr unmittelbar angehen.)


      Ich finde die frühen Filme Hanekes auch faszinierend und in manchem noch radikaler (Höhe- bzw. Tiefpunkt ist für mich Der siebente Kontinent, etwas Traurigeres ist wohl selten gedreht worden). Aber wie er von Funny Games über Die Klavierspielerin und Caché bis hin zu Das weiße Band ganz verschiedene Genres bereichert, ist schon großartig.


      Viele Grüße

      Bernd
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