Mozart: DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL - Volksoper Wien, Premiere am 12.Juni 2010

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    • Mozart: DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL - Volksoper Wien, Premiere am 12.Juni 2010

      „Die Entführung aus dem Serail“ ist zweifellos eines jener Werke, die ohne Wenn und Aber auf den Spielplan eines Opernhauses gehören, das mit Stolz den Namen Volksoper trägt. Und so war es auch längst an der Zeit, diese Oper oder auch dieses Singspiel wieder neu zu inszenieren. Die letzte Aufführung der „Entführung“ an der Wiener Volksoper (Juni 2003) liegt immerhin auch schon sieben Jahre zurück.Vom ursprünglich geplanten und in der Jahresvorschau angekündigten Regisseur hat sich die Direktion des Hauses am Produktionsbeginn „einvernehmlich“ getrennt und relativ kurzfristig die junge Helen Malkowsky für die Regie engagieren können. Ihr hat Bernd Franke ein praktikables Einheitsbühnenbild – rechts, hinten und links eine weißgraue Wand mit Türen, einige Säulen - gebaut, das sich mit minimalen Adaptierungen für alle Szenen eignet. So werden im ersten Akt in der Mitte des Raumes stehende Grüngewächse (Pedrillo ist ja als Gärtner eingestellt) nach oben gezogen und hängen dann als dekorative Blumentöpfe in halber Bühnenhöhe über der Szene und genau umgekehrt senken sich die Weinflaschen für das Duett Osmin-Pedrillo im zweiten Akt aus der Oberbühne in das Spiel (dass das mittels einer Fernbedienung geschieht, stört hoffentlich nur kritische Geister wie mich). Die Hinterwand ist im dritten Akt allerdings devastiert – Bassa Selim hat die beiden Liebespaare bei der Planung ihrer Flucht aus dem Bühnenhintergrund beobachtet und zerschlägt in ohnmächtiger Wut die den Raum zur Hinterbühne abschließende (jetzt weiß man es) Glaswand. Dass Osmin vor dem Fallen des Schlussvorhanges – die Gefangenen sind ob der Gnade des Bassa bereits in die Freiheit entlassen - blutgetränkte Kleidungsstücke seinem Herren zu Füßen legt, ist eine nicht nur für mich fragwürdige Neudeutung des Finales. Auf ein diesbezügliches Posting einer Premierenbesucherin in Facebook kam folgende Antwort der Direktion:“ "Wen man durch Wohlthun nicht für sich gewinnen kann, den muss man sich vom Halse schaffen" sagt Bassa Selim zu Osmin. Und dieser mißversteht seinen Herren, nimmt den Satz zu wörtlich und begreift ihn als Aufforderung zum Töten.“ Dass der Herrenchor einer Talibantruppe gleicht, fällt da schon nicht mehr ins Gewicht; viel logischer ist die Verschleierung der Damen. Sieht man von diesen Ausreißern ab, bleibt von der Regie absolut nichts über; langweilig und nichts sagend – das hat zumindest den Vorteil, dass allfällige EinspringerInnen innerhalb kürzester Zeit eingewiesen werden können. Dabei hat Frau Malkowsky die erste Begegnung zwischen dem Bassa und Belmonte spannungsreich aufgebaut – Bassa Selim sieht Belmonte und man merkt, wie er überlegt, dass ihm die Person bekannt vorkommt. Aus dieser Szene hätte sich ein dramaturgischer Bogen zur Erkennungsszene im dritten Akt ziehen lassen. Eine leider vergebene Chance. Durchaus unterschiedlich ist das musikalische Ergebnis. Andrea Bogner ist eine spitzbübische Blonde, die weder mit körperlichen noch mit stimmlichen Reizen geizt und für mich die beste Leistung des mit mehr als drei Stunden überlangen Abends bot. Warum Daniel Behle die Baumeister-Arie nicht singen darf (angeblich ist der Regisseurin dazu nichts eingefallen; Aussage von Mitwirkenden), weiß hoffentlich die Direktion; so, wie er den Belmonte stimmlich meistert, wäre ihm auch diese Arie zumutbar gewesen. Gregory Frank feiert mit dem Osmin sein Hausdebut an der Volksoper; ein Bass mit der erforderlichen Tiefe, der für meine Ohren allerdings dunkler timbriert sein sollte. Durchaus zwiespältig ist mein Eindruck vom Bassa Selim des August Zirner, der mir in dieser Inszenierung zu sehr poltern muss und weniger den gütigen aber tief verletzten Menschen spielen darf. Kristiane Kaiser stößt mit der Konstanze hart an ihre stimmlichen Grenzen (und überschreitet sie auch manchmal); im ersten Akt gehen einige Spitzentöne daneben und in der Folge singt sie daher eher vorsichtig (was mich vor allem in der Martern-Arie stört). Karl-Michael Ebner ist ein nett anzusehender Pedrillo, der zwei Akte lang auch stimmlich entspricht und im dritten Akt .....Am Pult des (ebenso wie der Chor wieder einmal) gut disponierten Orchesters stand Sascha Goetzel. Ich vermute, dass er es war, der die Öffnung aller Striche (mit der erwähnten Ausnahme) veranlasst und die Länge des Abends mitverursacht (in voller Länge auch die mäßig erneuerten Sprechtexte) hat. Sein Dirigat ist – vorsichtig formuliert – unkonventionell. Durchaus gedehnten Szenen folgen gewohnte Tempi, den großen Bogen über Alles konnte ich allerdings nicht erkennen.
      Das Premierenpublikum spendete aufrichtigen Beifall.

      Nachsatz: Ich halte diese „Entführung“ trotz aller Wenn und Aber für die bisher beste Eigenproduktion der aktuellen Direktion und kann einen Besuch auch empfehlen. Potentielle Besucher sollten allerdings darauf achten, dass die Konstanze von Jennifer O´Loughlin gesungen wird.


      Michael
    • @Teresa

      Karl-Michael Ebner ist - das ist richtig - alsPremierenbesetzung eingesprungen; er ist aber als Alternativbesetzung (in der VOP wird das B-Besetzung genannt) immer schon angesetzt gewesen (seine erste reguläre Aufführung wäre morgen gewesen) und auch mitgeprobt (inklusive Hauptprobe mit Orchester).



      @Amelia

      Die Übertragung in Ö1 am Sonntag ist der Mitschnitt der Premiere vom Samstag.



      viele Grüße aus Wien

      Michael
    • nochmals am 27. Juni (mit B-Besetzung)

      Als Nachmittagsvorstellung stand heute die letzte Aufführung der "Entführung" aus der Premierenserie am Spielplan; im November und Dezember wird man das Werk wieder sehen können.

      Die so genannte B-Besetzung (die Direktion spricht lieber von der B als von der Zweitbesetzung) hat mit Jennifer O`Loughlin als Konstanze eine Besetzung, die auch in so genannten ersten Häusern stimmlich erfolgreich sein würde. Ich habe ihre Szenen im zweiten Akt auch von prominenteren Sängerinnen selten so ergreifend erlebt und bei der "Martern-Arie" muss ich schon sehr lange zurück denken, um mich an so eine hervorragende Balance zwischen stimmlichem Ausdruck und Gewandtheit in den Koloraturen zu erinnern. Alleine ihretwegen sollte man diese - an sich nichtssagende -Produktion sehen. Lars Woldt ist ein Osmin mit der erforderlichen Schwärze der Stimme, allein ihm fehlt die letzte Tiefe (seine Stimmfarbe - und auch seine Persönlichkei - und der Stimmumfang der Premierenbesetzung ergäbe einen hervorragenden Osmin), Karl-Michael Ebner (Pedrillo) - eingesprungen in der Premiere - sang hörbar entspannter und somit problemfreier als am Premierenabend, Alexander Pinderak (Belmonte) fällt nicht nur im Vergleich zur Premierenbesetzung sondern auch zu den schon genannten Mitwirkenden vor allem weil häufig knödelnd und quängelnd deutlich ab. Beate Ritter (Blonde) wird dem Ensemble der Volksoper ab der kommenden Saison angehören und es bleibt zu hoffen, dass sie sich stimmlich weiter entwickelt. Den Bassa Selim gibt auch in dieser Besetzung August Zirner - vor allem polternd (bin ich von seinerzeit Heltau wirklich so "verdorben" ?). Sehr gut Chor und Orchester; an Sascha Goetzels Dirigat habe ich mich nach Premierenbesuch bund Rundfunkübertragung wohl schon gewöhnt.

      Beim zweiten Ansehen fallen in dieser Nicht-Inszenierung doch ein paar Gedanken auf, die durchaus sinnvoll sind. Die Welt des Bassa geht am Ende zweiten Aktes in Trümmer und am Beginn des dritten Aktes steht er am Rande dieses auch seelischen Trümmerfeldes und starrt ins Nichts, während die beiden Paare die Flucht vorbereiten; oder auch wenn er- während er Konstanze seine Liebe zu erklären versucht - seine vier anderen Frauen eine nach der anderen entschleiert um ihr dann zu sagen, dass sie eigentlich mehr Rechte hat, als seine anderen Frauen. Dennoch - das Schlussbild (Osmin hat offensichtlich die vier Europäer getötet und präsentiert dem Bassa Selim deren blutige Kleidungsstücke gleichsam als Trophäe) zerstört die Humanität des Schlußaktes.

      Michael