Berlioz: "La damnation de Faust" - Oper Frankfurt, 13.6.2010

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    • Berlioz: "La damnation de Faust" - Oper Frankfurt, 13.6.2010

      Musikalische Leitung: Julia Jones
      Regie: Harry Kupfer
      Bühnenbild: Hans Schavernoch
      Kostüme: Yan Tax

      Marguerite: Alice Coote
      Faust: Matthew Polenzani
      Méphistophélès: Simon Bailey
      Brander: Thorsten Grümbel

      Chor der Oper Frankfurt
      Frankfurter Opern- und Museumsorchester



      „Berlioz’ größtes Erfolgsstück auf dem Musiktheater“ (Ulrich Schreiber) ist bekanntlich im engeren Sinne keine Oper, erzielt auf der Opernbühne aber immer wieder große Wirkung. Harry Kupfer, in den 80er und 90er Jahren Hans Dampf in allen Häusern, hat das Werk schon 1992 bei den Bregenzer Festspielen inszeniert. Die Frankfurter Produktion ist anscheinend eine variierte Reprise der Bregenzer Inszenierung. Einen Ausschnitt der Fernsehübertragung aus Bregenz kann man sich im Internet anschauen (den Rakoczy-Marsch) – Bühnenbild und Regie stimmen fast wörtlich mit der gestrigen Premiere überein. Kein Problem, trotzdem sollte man sowas vielleicht im Programmheft vermerken.

      Die Grundidee: Der greise Faust, der eine gewisse Ähnlichkeit mit dem alten Karl Marx aufweist, erlebt in einem heruntergekommenen Theater noch einmal sein Leben. Wenn sich der Vorhang öffnet, schaut man in den baufälligen Zuschauerraum eines Rang-und Logentheaters des 19. Jahrhunderts. Der vordere Teil der Bühne kann mit zwei Zwischenvorhängen abgetrennt werden und ist fast ausschließlich für Faust (und später Mephisto) reserviert. Fausts „Erinnerungen“ oder „Träume“ spielen sich im fiktiven Zuschauerraum ab – das ist der Ort der Kollektive: die Landleute im ersten Teil, eine leicht verschaukelte Prozession hoher kirchlicher Würdenträger zum Osterhymnus, mit Masken verfremdete, vulgäre Burschenschaftler in Auerbachs Keller, latent und offen aggressive Spießer mit Pinocchio-Nasen als Bevölkerung von Gretchens Kleinstadt. Der Rakoczy-Marsch wird von Kupfer zum großen Spektakel ausgestaltet: vornehmes Publikum in historischen Kostümen wohnt der Aufbahrung eines gestorbenen Würdenträgers bei, Soldaten paradieren, fahnentragende (ungarische?) Schwarzhemden ziehen eine regelrechte Choreographie ab. Die Veranstaltung wird immer militanter, gerät aus den Fugen. Als Höhepunkt rollt ein riesiger Nussknacker-Generalspopanz herein, feuert in die Menge und löst eine Panik aus. Eine genau auf die Steigerungsdramaturgie des Marsches abgestimmte szenische Entwicklung.

      Der greise Faust wohnt den diversen Spektakeln eher angewidert bei, will sich umbringen, kann sich nicht entschließen. Mephisto, eine elegant-dämonische Figur in Silberfrack und mit Spazierstock, erscheint durch den Zwischenvorhang, geht Faust gleich aggressiv an, lässt ihn durch in seinem Dienst stehende Schwarzhemden (!) verjüngen (vulgo: den Bart abnehmen). Am Ende des zweiten Teils bauen die Soldaten und Studenten im Zuschauerraum des fiktiven Theaters ein kleines Städtchen auf, ganz vorne eine nach vorne und oben offene Puppenstube, mit Bettlager, Kruzifix an der Wand und Puppe – das Zuhause von Marguerite, die zunächst ganz kindlich erscheint. Zu ihrem König von Thule spielt Mephisto aber bereits von der Loge aus die Solobratsche. Und auch während des Liebesduetts hat Mephisto die Fäden in der Hand, lenkt Faust und Marguerite wie Marionetten, lockt Faust mit der Gretchen-Puppe von der echten Marguerite weg. Diese fällt dann dem Mob in die Hände, der sie mit langen Seilen an ihre Puppenstube bindet – so gefesselt singt sie ihr D’amour l’ardente flamme.

      Die Höllenfahrt absolvieren Faust und Mephisto in zwei hoch in der Luft schwankenden Silbergondeln, zuletzt wird Faust in die Höhe gezogen, lässt seinen Todesschrei ertönen, stürzt aus dem Bühnenhimmel herab und klatscht auf den Boden (nur eine Puppe natürlich – trotzdem gruselig). Ein extrem aggressiver Höllenchor zertrampelt die Leiche. Zur Verklärung Marguerites liegt der Orchestergraben im Dunkel, die Musik kommt vom Band. Zwei Kinder, die schon zur Osterszene erschienen waren, finden die Gretchen-Puppe und verschwinden. Der wieder greise Faust liegt auf dem Boden, richtet sich in mehreren grausamen Anläufen mühsam auf, entdeckt einen Paravent, schleppt sich zu ihm, stößt ihn um und enthüllt – ein Trichtergrammophon, aus dem die Musik der Apotheose zu erklingen scheint. Ein frappierender Moment, der das Chimärenhafte dieser Schlusszene schmerzhaft deutlich werden lässt.

      Harry Kupfer gelingt im Bühnenbild von Hans Schavernoch eine lebendige und eindrucksvolle Inszenierung. Unaufdringlich wird z.B. ein Leitmotiv wie das Puppenspiel entfaltet. Immer wieder spürt man, wie sehr die Szene auf die Musik abgestimmt ist, wie ein Harmonie- oder Klangfarbenwechsel szenische Pendants findet. Auch für die zahlreichen, mehr oder weniger stilisierten, nur manchmal etwas routiniert wirkenden Choreographien von Chor und Statisten gilt das: häufig ist die Schrittgeschwindigkeit dem musikalischen Rhythmus angepasst. Es gibt keine Durchhänger, selten habe ich ein so lautlos und aufmerksam rezipierendes Publikum erlebt, das in der pausenlosen Aufführung zum Glück völlig auf Zwischenbeifall verzichtet.

      Was auch auf die musikalische Seite des Abends zurückzuführen ist: Julia Jones dirigiert keinen qualmenden Berlioz, sondern ist immer sehr akkurat, im ersten Teil buchstabiert das Orchester die Musik noch zu sehr – der Rakoczy-Marsch kommt etwas harmlos daher. Wunderbar gelingen die lyrischen Szenen und die „Ballettmusiken“ im zweiten und dritten Teil, immer wieder werden frappierende Details herausgearbeitet. Beim Höllenritt entwickeln Dirigentin und das sehr konzentrierte und tadellos aufspielende Orchester dann weitaus mehr Drive als beim Marsch im ersten Teil. Vorzüglich Chor und Extrachor der Frankfurter Oper, nur manchmal hätte ich mir eine noch größere Besetzung gewünscht. In jeder Hinsicht grandios zerschmetternd die Höllenszene.

      Matthew Polenzani meistert seine anspruchsvolle Partie sehr gut. Sein lyrischer Tenor ist in den entsprechenden Passagen in seinem Element, die Höhe (z.B. im Duett) kommt ausgezeichnet. Etwas mehr stimmliche Modulations- und Ausdrucksfähigkeit wäre denkbar gewesen – in Nature immense zeigte Polenzani, dass er sie besitzt. Mephisto war mit Simon Bailey aus dem Ensemble besetzt: ein eher heller, beweglicher Bariton von mittlerem Volumen, der zur szenischen Ausgestaltung der Rolle gut passte. In Le Roi de Thulé wies die wunderbare Mezzostimme von Alice Coote noch ganz leichte Unsicherheiten auf (das Stück fand ich minimal zu langsam und weich genommen), aber in D’amour l’ardente flamme zeigte Coote ihre ganze Klasse: vielleicht der musikalische Höhepunkt der Aufführung. Unauffällig der Brander von Thorsten Grümbel.

      Ein kleiner Wermutstropfen: unnötigerweise war der Zapfenstreich am Beginn des dritten Teils gestrichen – dabei entfaltet diese einfache Militärmusik, wenn sie am Ende von Marguerites großer Szene wiederkehrt, erst ihre Wirkung, wenn man sie vorher schon einmal gehört hat.

      Direkt nach dem Schlussakkord ertönte ein einzelner lauter Buhruf – warum, wusste wohl ausschließlich der Akteur selbst. Großer Publikumsjubel, unter den sich nur beim Erscheinen des Regieteams einige Missfallenkundgebungen mischten.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Kurzer Nachtrag zu diesem Thema:

      Zwielicht schrieb:

      Harry Kupfer, in den 80er und 90er Jahren Hans Dampf in allen Häusern, hat das Werk schon 1992 bei den Bregenzer Festspielen inszeniert. Die Frankfurter Produktion ist anscheinend eine variierte Reprise der Bregenzer Inszenierung. Einen Ausschnitt der Fernsehübertragung aus Bregenz kann man sich im Internet anschauen (den Rakoczy-Marsch) – Bühnenbild und Regie stimmen fast wörtlich mit der gestrigen Premiere überein. Kein Problem, trotzdem sollte man sowas vielleicht im Programmheft vermerken.


      Nicht Bregenz 1992, sondern Amsterdam 1989 war die Ur-Premiere. FAZ-Oldtimer Gerhard Rohde hat den Durchblick und schrieb vorgestern in seiner (recht enthusiastischen) Rezension der Frankfurter Aufführung:

      Aufregende Interpretationen verbinden sich mit den Namen Hans Neugebauer (in Frankfurt), Bohumil Herlischka (in Düsseldorf) oder Götz Friedrich, der in Berlin das Werk zwischen Zeiten und Stilen changieren ließ. Harry Kupfer, dessen Urinszenierung des Berlioz-Faust in Amsterdam zwei Jahrzehnte zurückliegt, gehört mit seiner Interpretation auch in diese Reihe. Nach dem Prinzip eines "work in progress" hat er seine Konzeption mehrfach im Detail differenzierter ausgearbeitet - die jetzige Frankfurter Präsentation darf man als eine Art Endfassung nehmen.


      Wenn er sich da mit der "Endfassung" nicht mal täuscht...


      Der Graubereich zwischen "Koproduktion" und "work in progress" im Opernbereich wäre fast einen eigenen Thread wert. Weltmeister ist hier vermutlich Robert Carsen, bei dem manche Produktionen quer über alle Kontinente ein dutzendmal wiederaufbereitet werden.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Aufführungsdauer

      yago schrieb:

      frage:näher an 2 stunden oder näher an 2 1/2 stunden?


      Die Premiere benötigte ziemlich genau 2 Stunden und 15 Minuten (die Aufführung ist pausenlos). Julia Jones am Pult setzte an einigen Stellen dann doch auf sehr ruhige Tempi, sehr stimmungsvoll, keine Frage.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • yago schrieb:

      ich überlege noch,ob "daphne" oder "faust" (oder beides)


      Lieber Yago,

      wie kannst Du da noch überlegen?? BEIDES !!!

      Claus Guths "Daphne"-Inszenierung darf man sich einfach nicht entgehen lassen und die damnation de Faust kriegt man soooo oft auch nicht zu hören.

      :wink:
      "Im Augenblick sehe ich gerade wie Scarpia / Ruggero Raimondi umgemurxt wird, und überlege ob ich einen Schokoladenkuchen essen soll?" oper337
    • - statt "Daphne" seh`ich mir MORGEN den "Palestrina" an (die Kupfer-Insz. darf man sich viell., das Petrenko-Dirigat aber wohl NICHT entgehen lassen!), aber die Berlioz-WA-Serie (5 Vorstellg. im Jan./Febr. `11) ist auch längst dicke vorgemerkt!!!



      :wink:
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      Peter Kessen "Disruptor Amazon"

      Hollywood ist ein Witz - nicht hassenswert...
      Aki Kaurismäki
    • Zwielicht schrieb:


      Zitat von »Zwielicht«
      Harry Kupfer, in den 80er und 90er Jahren Hans Dampf in allen Häusern, hat das Werk schon 1992 bei den Bregenzer Festspielen inszeniert. Die Frankfurter Produktion ist anscheinend eine variierte Reprise der Bregenzer Inszenierung. Einen Ausschnitt der Fernsehübertragung aus Bregenz kann man sich im Internet anschauen (den Rakoczy-Marsch) – Bühnenbild und Regie stimmen fast wörtlich mit der gestrigen Premiere überein. Kein Problem, trotzdem sollte man sowas vielleicht im Programmheft vermerken.



      Nicht Bregenz 1992, sondern Amsterdam 1989 war die Ur-Premiere.


      wie funktioniert sowas eigentlich logistisch? das Theater, das die Inszenierung im Spielplan hat, lagert das Bühnenbild nach der letzten Aufführung ein und das nächste Opernhaus, das Berlioz aufführen will, holt die Damnation de Faust dann dort ab, oder wie muss man sich das vorstellen? ?(
      "Im Augenblick sehe ich gerade wie Scarpia / Ruggero Raimondi umgemurxt wird, und überlege ob ich einen Schokoladenkuchen essen soll?" oper337
    • bratwurst schrieb:


      wie funktioniert sowas eigentlich logistisch? das Theater, das die Inszenierung im Spielplan hat, lagert das Bühnenbild nach der letzten Aufführung ein und das nächste Opernhaus, das Berlioz aufführen will, holt die Damnation de Faust dann dort ab, oder wie muss man sich das vorstellen? ?(


      Meist muß das Bühnenbild jeweils neu zusammengeschustert werden, da die räumlichen Maße nicht genormt sind. Beispielsweise die letzte Frankfurter Koproduktion (Reimann-Medea) : das Bühnenbild der riesigen Wiener STOP-Bühne hätte man in Frankfurt nicht auf die Bühne quetschen können.

      Ich war gestern im Faust. Gefällt mir zunehmend besser!

      :wink:
      Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad, hinter ihm schlagen die Sträuche zusammen.