Zemlinsky: "Der König Kandaules" - Stadttheater Bielefeld, 19.06.2010

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    • Zemlinsky: "Der König Kandaules" - Stadttheater Bielefeld, 19.06.2010

      Es ist rund 25 Jahre her, dass das Stadttheater Bielefeld eine Bühne war, die überregional Beachtung fand und deren Produktionen bundesweit in den Feuilletons besprochen wurden. Oberspielleiter John Dew, der von 1982 bis 1995 in Bielefeld tätig war, stellte hier Komponisten vor, die zum damaligen Zeitpunkt echte Entdeckungen waren: Max Brandt gehörte genauso dazu, wie z. B. Franz Schreker oder Viktor Ullmann, aber auch Werke wie „La Juive“ von Halévy, „Die Frau ohne Schatten“ von Strauss und Wagners „Lohengrin“ wurden in szenisch radikalen Bildern neu inszeniert.

      Mittlerweile findet das kleine Stadttheater in Bielefeld selten den Weg in die überregionale Presse und es bedurfte schon einer Aufführung des „König Kandaules“ von Alexander Zemlinsky, um die Aufmerksamkeit einmal wieder nach Bielefeld zu lenken. Wobei nicht unerwähnt bleiben soll, dass dort die letzte Produktion eines Stückes von Zemlinsky gerade mal vier Jahre zurückliegt – damals stand der „Kreidekreis“ auf einen Text von Klabund auf dem Programm.

      Für die Neuinszenierung des „König Kandaules“ (ein gutes Jahr, nachdem die gleiche Oper in Kaiserslautern zu sehen war: Kandaules) zeichneten der GMD des Hauses, Peter Kuhn, für die musikalische und Birgit Kronshage für die szenische Seite verantwortlich, Bühne und Kostüme stammten von Marina Hellmann.

      Die Geschichte um den Fischer Gyges, den König Kandaules und seine Frau Nyssia zeigt die Regisseurin Kronshage in einem Einheitsbühnenbild, das aus mächtigen Wänden besteht, die die Bühne begrenzen. Der Hintergrund lässt sich öffnen und gibt den Blick auf eine Art Blumentapete frei, die den Garten des Königs assoziieren soll. Auf der linken Seite davor, wie ein Denkmal, ein riesiger Fisch, der sich drehen lässt.

      Auf der Szene nur ein einzelner Tisch, der wie ein Altar oder eine Opferstätte wirkt, dazu einige Stühle. Das erinnert durchaus an den Bühnenaufbau in Kaiserslautern, zumal dieser Tisch über die Bühne bewegt wird und ebenfalls wie am Pfalztheater auch multifunktional Verwendung findet – z. B. als Bett im zweiten Akt, zu dem vom Schnürboden Tuchbegrenzungen herabfallen.

      Zu Beginn steht der Fischer Gyges in der Mitte auf dem Tisch, um den Körper ein Netz gewickelt, die herabgesenkte Deckenplatte des Raumes, in der die Öffnung für den Tisch ausgespart ist, wird von Seilen gehalten und nach dem Vorspiel hinaufgezogen. Am Ende der Aufführung wird sich diese Deckenplatte wieder ganz langsam nach unten bewegen.

      Die Kostüme zeigen leicht ostasiatisch anmutende Anklänge in einem Gemisch aus historischen Elementen und Gegenwartskleidung, oft ins theatralisch-varietéhafte verzerrt.

      Die Beziehung zwischen Kandaules und Gyges, vor allem ihre vermeintliche Annäherung und Überblendung wird dadurch verdeutlicht, dass beide ab dem zweiten Akt in der selben Kleidung auftreten werden, bis zu dem Punkt, wo Kandaules dem Gyges seinen Mantel umhängen wird.

      Die Verschleierung von Nyssia besteht in einem schlichten schwarzen Schleier, der die Königin kaum verhüllt und nicht wirklich beglaubigen kann, dass die Königin bislang von keinem gesehen werden konnte.

      Ohne grosse Peinlichkeit läuft das Ende des zweiten Aktes ab, auch wenn es nicht einfach ist, eine erforderte Nacktszene eben nicht zu zeigen.

      Das Ende bietet wenig überraschendes, allerdings wendet sich der neue König Gyges, der Kandaules ermordet hat, von der Königin ab – mit dem Rücken steht er zum Publikum, während die Schlusstakte der Oper erklingen.

      Birgit Kronshage bleibt hinter den Möglichkeiten des Stückes zurück, allzu brav erzählt sie die Handlung, ohne z. B. die komplizierte Beziehung der drei Hauptfiguren in packende Bilder fassen zu können. Dazu kommt ein geradezu ermüdender Hang der Regisseurin, die Mitwirkenden nicht nur weit vorne auf der Bühne zu positionieren, sondern diese auch noch gerne frontal ins Publikum singen zu lassen. Das bietet manch seltsame Konstellation, wenn der Bühnenpartner oder die Bühnenpartnerin weder angeschaut, noch angesprochen wird. Bemerkenswert, dass ausgerechnet eine wesentliche Stelle im dritten Akt, nämlich der Aufschrei der Nyssia („Kandaules“), wenn diese erkennt, was ihr Mann ihr angetan hat, mit dem Rücken zum Publikum exekutiert und von der Sängerin prompt nicht wirklich gut umgesetzt wird.

      Ebenfalls nicht wirklich überzeugend, wenn der darstellerisch durchaus agile Sänger des König Kandaules nicht daran gehindert wird, immer wieder nur Standardgesten anzubieten oder manche Überzeichnung, vor allem bei den Nebenfiguren, nicht zurückgenommen wird.

      Aus dem Solistenensemble ragt der Bariton Alexander Marco-Buhrmester als Gyges weit heraus. Marco-Buhrmester ist von der ersten Minute an bewundernswert präsent und steigert sich im dritten Akt nochmals enorm. Seine durchsetzungsstarke, ausgeglichene und klangvolle Stimme mit ihrem metallisch-männlichen Timbre, der wohlüberlegte Mitteleinsatz und das darstellerische Moment machen den Besuch der Aufführung allemal lohnend.

      In der Titelpartie schlägt sich Tenor Luca Martin wacker, kann aber nicht auf ein breiteres Spektrum von Farben zurückgreifen und muss an mancher Stelle dem Orchesterapparat den Vortritt lassen, nicht nur bei den exponierteren Passagen der umfangreichen Partie.

      Problematisch die Besetzung der Nyssia mit der Sopranistin Sabine Paßow. Paßow ist von der Ausstrahlung her ein eher mütterlicher Typ, was nicht zur dargestellten Rolle passen will und die Stimme zeigt bereits deutliche Abnutzungserscheinungen. Der unruhig geführte Sopran neigt zu Schärfen und manche Passage bleibt, gerade in der Höhe, unbewältigt. Mit viel Kraft wird da versucht, die Töne irgendwie zu treffen.

      Die „Bielefelder Philharmoniker“ geben sich deutlich Mühe, den spezifischen Klang dieser Musik lebendig werden zu lassen. Manche Finesse bleibt dennoch auf der Strecke, Details gehen verloren, wo GMD Kuhn zu massiv aufspielen lässt. Insgesamt gewinnt die Aufführung musikalisch gegen Ende mehr an Profil, wenngleich das Zusammenspiel besser sein könnte.

      Starker Beifall für diese Aufführung, die es allemal schafft, das Interesse an der Musik von Alexander Zemlinsky zu wecken und sicher auch dazu einläd, sich mit dem Werk „Der König Kandaules“ näher zu beschäftigen.

      Die Frage, was wohl der Oberspielleiter John Dew seinerzeit aus diesem Stück gemacht hätte, muss leider unbeantwortet bleiben.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Wahrscheinlich werde ich Freitag die letzte Vorstellung in Bielefeld besuchen.
      Welche der beiden erhältlichen Aufnahmen ist empfehlenswert, Albrecht oder Nagano?

      "Give me all you've got, then crescendo!" Leonard Bernstein
    • "Kandaules" auf CD

      Keine der beiden Aufnahmen wäre ein wirklicher Fehlgriff, auch wenn in beiden Mitschnitten bei den Sänger/innen Wünsche offen bleiben. Dafür dirigieren sowohl Albrecht als auch Nagano die Musik von Zemlinsky richtig gut. In der Uraufführungsproduktion aus Hamburg wird die Titelrolle vom mittlerweilen verstorbenen Tenor James O´Neal gesungen, einer echten Stütze des ehemaligen Bielefelder Ensembles, der dort so unterschiedliche Partien wie den Éleazar oder den Lohengrin interpretiert hat. O´Neal verfügte über eine enorme stimmliche Kraft und war ein versierter Darsteller, wobei sein Timbre nicht wirklich attraktiv war und er auch mitunter arg rüde mit seinen stimmlichen Möglichkeiten umging, was man auch im "Kandaules" hören kann.

      Monte Perdson, auch er mittlerweile verstorben, ist ein guter Gyges und stark die Sopranistin Nina Warren als Königin.

      Bei Nagano singt Robert Brubaker den Kandaules, der in solchen Partien richtig gut besetzt ist, allerdings auch vor allem wegen seiner darstellerischen Qualitäten, Wolfgang Schöne ist als Gyges zuverlässig und NIna Stemme eine etwas kühle Königin.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Habe nun tatsächlich am Freitag die letzte Kandaules-Vorstellung in Bielefeld besucht. Alviano hat eigentlich schon alles zur Oper und zu dieser Aufführung gesagt.

      Mir erschloss sich dieses Werk beim Erstkontakt noch nicht. Dazu mögen die etwas betuliche Inszenierung und die zwar engagierte, aber nicht überragende Orchesterleistung beigetragen haben. Hinzu kamen, ich muss es zugeben, Konzentrationsprobleme meinerseits. Das hatte zwei Gründe: die große Hitze am Freitag, noch gesteigert durch, das ist das überaus Positive des Abends, das ausverkaufte Haus. Damit hätte ich im Vorfeld nicht gerechnet. Allerdings wurden nach der Vorstellung Alexander Marco-Buhrmester und Birgit Kronshage vom Intendanten Michael Heicks verabschiedet. Das mag zum großen Zuspruch beigetragen haben.

      Ein sehr langer, warmer und herzlicher Applaus machte deutlich, welche Wertschätzung Marco-Buhrmester in Bielefeld zurecht genießt. Dass er der sängerische Höhepunkt dieser Inszenierung war, hatte Alviano bereits erwähnt. Auch wenn Marco-Buhrmester seit langem freischaffend tätig ist, hat er doch offiziell in den letzten zehn Jahre dem Ensemble Bielefeld angehört, so Heicks.

      Was die Oper an sich angeht, muss ich wohl noch mit einer der beiden Aufnahmen nachsitzen, um mich vertrauter mit dem Werk zu machen. Lohnend scheint es mir allemal.
      "Give me all you've got, then crescendo!" Leonard Bernstein