Michael Gielen

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    • Auf Youtube habe ich gerade noch mal das 1. Klavierkonzert von Brahms mit Helen Grimaud und Gielen angeklickt. Eines muss ich Gielen lassen: Sein Dirigat ist ungeheuer präzise, klar und deutlich. Als Orchestermusiker hätte ich überhaupt kein Problem damit, tatsächlich das zu spielen, was er schlägt....und das kommt ansonsten eher selten vor :D ....

      Viele Grüße

      Bernd
    • Die zitierten Kommentare aus dem Wien um 1960 sind aber erheblich boshafter als "geradliniger Taktschläger" (so was ähnliches hatte Furtwängler auch über Toscanini gesagt...). Ich würde gar nicht ausschließen wollen, dass Gielen als Anfänger in mancher Hinsicht gegen die etablierten Größen dieser Zeit abgefallen (oder aufgefallen) ist. Ungeachtet dessen ist der Ton schon ziemlich aggressiv, insofern kann ich versehen, dass man hier auch außermusikalische Hintergründe vermutet. Es könnte aber auch (hauptsächlich) etwas der Art sein: Ich habe für Böhm oder Krips bezahlt und jetzt hilft da so ein Jungspund aus...
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • ChKöhn schrieb:

      Er war und ist für mich das Musterbeispiel eines langweiligen Geradeausschlägers.
      Dieser Eindruck drängt sich allenfalls in einigen wenigen Studiokonserven. Wie z.B. diese:


      Bei "Von heute auf morgen" bildet für mich Rosbaud die bessere Alternative und beim Moses + Aron z.B. Boder, Levine (live, 1998) oder Scherchen (live Berlin) u.a.

      Auch bei bedeutenden Musikern gibt es mal Wiedergaben, die etwas zurückfallen.

      Deshalb muss ja nicht gleich der Stab über alles gebrochen werden !

      Sogar in der Wiedergabe des ersten Satzes der 2. Kammersinfonie (dieser ansonsten – zugegebenermaßen - staubtrockenen CD) höre jedenfalls ich bereits keine Spur mehr vom „Musterbeispiel eines langweiligen Geradeausschlägers“ .

      Überhaupt von Schönbergs leider viel zu selten aufgeführten 2. Kammersinfonie konnte ich bisher mir nur 1,5 Wiedergaben reinziehen, bei dem das Werk dem Hörer nicht stumm bleibt:
      Der erste Satz unter Gielen und beide Sätze mit dem St. Paul Chamber Orchestra unter Roberto Abbado (Wien, 23.01.07).

      Seine späten - über Radio übertragenen - Mahler-Live-Wiedergaben Nr. 7, 9, 10, 4 (als Gielen bereits dicke die 80zig überschritten hatte), die Wiedergabe von Schönbergs Violinkonzert (schön süffiges Orchester) und Bruckner 9 (beides mit den SWRlern vom 20.12.13 ) oder Bergs Kammerkonzert (mit den SWRlern in Frankfurt vom 09.12.12) haben nix vom „Geradeausschläger“.

      Bei Mahler 9. (mit den NDRlern 26.09.10 live in Hamburg vom gewinnt man sogar eher den Eindruck an Überborden von Emotion. Dagegen kommt Lennys hammer-geile M9-Wiedergaben mit dem IPO + mit dem Concertgebouwest beim Andante (1. Satz) sogar etwas „cooler“ rüber. Und beim Adagio (4. Satz) übertrifft die Gielenwiedergabe Lenny an Intensität und Deutlichkeit.

      Ich kenne bisher keine Studiokonserve des Bergschen Kammerkonzertes (außer unter Pesek mit der Kammerphilharmonie Prag), wo vergleichbare Deutlichkeit und fetzige Passion rüberkommt;

      ...andere Livemitschnitte ja, z.B. unter Welser-Möst (Cleveländer), Levine (Bostoner) leben auch das Kammerkonzert

      ..aber unter Boulez, Atherton, Abbado, Hindemith entäußert sich leider nur gepflegte Langeweile beim Kammerkonzert.

      Gielen letzter Bruckner 9 (20.12.13) ) gelingt derart spannungsreich, dass selbst die Pausen quasi gleichermaßen zum Ereignis werden.

      Und bei Beethovens 6. Sinfonie mit dem Orquesta Ciudad de Granada unter Gielen vom 30.06.04 habe ich bisher nur wenige Wiedergaben (Live z.B. unter C. Kleiber, Pletnev) mir reingezogen, die eine vergleichbare Lebendigkeit, Frische und Fetzigkeit aufweisen.....

      Jüngstes Beispiel der kürzliche RBB-Kulturradio-Mitschnitt von Schuberts C-Dur Sinfonie mit dem Berliner Sinfonie-Orchester vom 23.03.97. Wie Gielen mit dem Orchester im Andante con moto (2. Satz) dem Zusammenbruch schier entgegenschleudert und die Mucke zerschellen lässt, vermag ich auch nicht mit „Geradeausschläger“ in Zusammenhang zu bringen.

      arundo donax schrieb:

      Auf Youtube habe ich gerade noch mal das 1. Klavierkonzert von Brahms mit Helen Grimaud und Gielen angeklickt. Eines muss ich Gielen lassen: Sein Dirigat ist ungeheuer präzise, klar und deutlich. Als Orchestermusiker hätte ich überhaupt kein Problem damit, tatsächlich das zu spielen, was er schlägt....und das kommt ansonsten eher selten vor :D ....
      In dieser KK1-Live-Wiedergabe, die ich sehr mag und auch höchst emotional rüberkommt, höre ich ebenso wenig was von „gradliniger Taktschlägerei“ wie z.B. in den Wiedergaben des KK1 mit den Londonern und Giulini/Arrau (Studiokonserve) oder den NDRlern mit Roberto Abbado/Bronfman (live)

      Bei der Wiedergabe von Cages Klavierkonzert unter Cunningham (mit D. Tudor) kommen die Klangfarben der einzelnen Instrumente zweifellos süßer und anheimelnder rüber, als im Mitschnitt mit SWRlern (Gielen/Helffer), aber unter Gielen ist da doch auch keinerlei Deut von Langeweile oder Gradlinigkeit.

      Dass gesundheitliche Gründe Michael Gielen zwingen seine Musikerlaufbahn abzubrechen, betrügt uns um weitere mögliche wichtige Wiedergaben (Radio, Konzert) .

      Das ist mehr als schade!
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Kater Murr schrieb:

      Ungeachtet dessen ist der Ton schon ziemlich aggressiv, insofern kann ich versehen, dass man hier auch außermusikalische Hintergründe vermutet.

      Nun hat aber Michael / Brunello erzählt, dass dieser "Merker" in Wien heute noch ebenso schreibe und wenn man in das "klassik-forum" guckt, so liest man dort von einem User Kurzkritiken über Aufführungen der Wiener Staats- und Volksoper in ganz genau dem selben Stil (z. B. grundsätzlich in der Wir-Form). Ich habe den Eindruck, dieser apodiktische und aggressive Ton gehört zu diesem Medium dazu. Dass Gielen ihn allerdings seine gesamte Wiener Zeit hindurch wieder und wieder in einer solchen Härte abbekommen hat, ist dann schon eher etwas Auffälliges.

      Kater Murr schrieb:

      Es könnte aber auch (hauptsächlich) etwas der Art sein: Ich habe für Böhm oder Krips bezahlt und jetzt hilft da so ein Jungspund aus...

      Ich denke, dass spielt viel eher eine Rolle. Es wird in einem dieser Texte sogar deutlich artikuliert: Dimitri Mitropoulos hat die Premiere von "Un ballo in maschera" dirigiert und damit großen Erfolg gehabt. Um so größer ist die Enttäuschung beim Publikum, für die Folgeaufführungen den unerfahrenen und unbekannten Kapellmeister Gielen vorgesetzt zu bekommen (zumal Verdi-Opern ja auch nicht das Repertoire waren, mit dem er später seine Welt-Karriere gemacht hat). In anderen Fällen und bei anderem Repertoire gilt das genauso: Letzte Woche hat Karajan oder Böhm oder Krips oder Kempe die Strauss-Oper dirigiert "und jetzt hilft da so ein Jungspund aus..."

      Und dann schwingt natürlich immer der Vorwurf mit, Gielen habe seine Karriere nur seinen guten Beziehungen zu verdanken, den guten Beziehungen zur Presse natürlich, weil er intelligent und gebildet ist und mit den Schreibern gut umgehen kann, vor allem aber den Beziehungen seines Vaters, der gleichzeitig Direktor des Wiener Burgtheaters war und regelmäßig an der Staatsoper inszenierte. Und das ist für einen jungen Künstler immer eine vertrackte Situation und hat natürlich viel Angriffsfläche geboten.
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Cherubino schrieb:

      ....zumal Verdi-Opern ja auch nicht das Repertoire waren, mit dem er später seine Welt-Karriere gemacht hat....
      wobei er allerdings gegen Ende der Siebziger in der Hertha-Stadt sehr erfolgreich Falstaff (DOB) und im Jahr 2000 Macbeth (Lindenoper) dirigierte...

      2 x Gielen-Mucke:

      Streichquartett (Nr. 2) "un vieux souvenir" (1983)
      „www.youtube.com/watch?v=KHQ6IXg2pvU“
      Bezug auf 2 Baudelaire-Gedichte, nämlich (ohne h) „Une Charogne“ + „Le Cygne“ (aus den Blumen des Bösen)


      Klavierstück in 7 Sätzen ('recycling der glocken'") für präpariertes Klavier, Glocken und Tonband (2001)
      „www.youtube.com/watch?v=DWSKisYme-M“
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Amfortas09 schrieb:

      Cherubino schrieb:

      ....zumal Verdi-Opern ja auch nicht das Repertoire waren, mit dem er später seine Welt-Karriere gemacht hat....
      wobei er allerdings gegen Ende der Siebziger in der Hertha-Stadt sehr erfolgreich Falstaff (DOB) und im Jahr 2000 Macbeth (Lindenoper) dirigierte...

      Falstaff hatte Gielen schon ca. 1960/61 in Stockholm und Anfang der 70er Jahre in Amsterdam dirigiert. Hinzu kommen die legendäre Frankfurter Aida (1981) sowie La forza del destino an der Berliner Staatsoper (2005).

      Den Berliner Macbeth habe ich erlebt, das war musikalisch eine rasante, gleichwohl flexible Interpretation (das ist 15 Jahre her, Details kann ich leider nicht mehr bieten).

      In seiner Autobiographie erzählt Gielen, dass er Ende der 50er Jahre an der Wiener Staatsoper das Dirigat des Maskenballs von Mitropoulos übernommen hatte. Karajan habe die Aufführung gehört, Gielen zu sich zitiert und ihm beschieden: "Das Terzett ist zu schnell." (Gemeint war vermutlich das Terzett im zweiten, nicht das im ersten Akt.) Gielen: Er hatte recht. Aber ich erklärte, das sei nicht meine Tempowahl, sondern Mitropoulos habe das so schnell genommen und ich sei beauftragt, seine Tempi beizubehalten. "Hier irrt Mitropoulos", habe Karajan geantwortet und ihn auf Toscaninis Aufnahme des Maskenballs verwiesen, die seine (Karajans) ganze Verdi-Auffassung geändert habe - u.a. weil Toscanini das vierte Viertel im Takt immer besonders gut aushalte und nicht zu kurz nehme wie die deutschen Dirigenten. (Michael Gielen, Unbedingt Musik. Erinnerungen, Frankfurt 2005, S. 116f.)


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Neu

      France Musique bietet String einer Gielen-Gedenksendung an.

      francemusique.fr/emissions/le-…t-vol-s-en-est-alle-70072

      Lohnend vor allem, weil man sich dabei auch Gielens eigene Notenquälerei „Variationen für 40 Instrumente“ reinziehn kann. Instrumentation und Klangfarben erinnern etwas an seine „die glocken sind auf falscher spur“ sowie Haubenstock-Ramati und Nonos Variazioni canoniche.. .. daher kam einem die vorher unbekannte Gielen-Mucke sofort mit Fetzigkeits-Level rüber..

      Was Mahlers 6. angeht, kicken seine späteren Live-Mitschnitte mit Sinfonieorchester des SWF von 1971 und mit RSO Berlin von 1984 sound-quali-mäßig auf höheren Tabellenplätzen....
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann