Purcell: "Dido and Aeneas" - Saarländisches Staatstheater Saarbrücken, 26.06.2010

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    • Purcell: "Dido and Aeneas" - Saarländisches Staatstheater Saarbrücken, 26.06.2010

      „Still life“ (deutsch: „Kurze Begegnung“) heisst ein gerade mal halbstündiges Theaterstück von Noel Coward, das die Vorlage für einen im Kriegsjahr 1945 gedrehten „Film noir“ von David Lean gebildet hat: „Brief Encounter“ („Begegnung“) erzählt die Geschichte von Laura Jesson (gespielt von Celia Johnson) und Dr. Alec Harvey (Trevor Howard), die sich, beide verheiratet, bei Besuchen in der Stadt heimlich in der Bahnhofsgaststätte treffen, immer von der Angst begleitet, von Bekannten gesehen zu werden. Da die Affaire der beiden keine Zukunft hat (u. a., weil Alec nach Afrika gehen will), treffen sich Laura und Alec ein letztes Mal im Bahnhof, können aber keinen Abschied von einander nehmen, weil eine Freundin von Laura, Dolly (Everley Gregg), die beiden stört. Alec steigt ohne einen letzten Blick auf die Geliebte geworfen zu haben in seinen Zug nach Afrika, Laura kehrt zu ihrer Familie zurück,

      „Brief Encounter“ ist ein typischer „Film noir“ mit seinen von Ängsten getriebenen Personen, dem Verschwimmen von Wirklichkeit und Traum und den scharf gezeichneten Schwarz-Weiss-Bildern mit den düsteren Stimmungen und den langen Schatten.

      Dieser Film von David Lean bietet die Folie für Nigel Lowerys ungewöhnliche Inszenierung von Purcells vermutlich 1687 oder 1688 zum erstenmal aufgeführten Oper „Dido and Aeneas, allerdings vervollständigt um den Prolog und den Epilog (der der Neuproduktion in Saarbücken vorangestellt wurde), die gewöhnlicherweise nicht mit aufgeführt werden.

      In Anlehnung an eine Aufführung der „Dido“ in einem Mädcheninternat in Chelsea sieht man zu Beginn englische Internatsmädchen, die den Epilog sprechen und dann den Prolog darstellen, wobei die dann gesprochenen Texte über Lautsprecher zugespielt werden. In bunter, gemalter Kulisse steigt Phoebus in seinem Sonnenwagen am Horizont empor, Phoebus begrüsst die Liebesgöttin Venus und auch wenn Amors Pfeile schmerzen, wird die Liebe gefeiert, der Frühling verkündet schöne Stunden und Schäferinnen und Schäfer feiern ein Frühlingsfest.

      Mit ganz einfachen Mitteln erzählt Lowery dieses Vorspiel, immer sehr direkt und gut nachvollziehbar. Der Vorhang senkt sich und die eigentliche Ouvertüre des Stückes beginnt.

      Wenn sich dieser wieder hebt, ist man optisch direkt in jenem Bahnhofslokal gelandet, das in „Brief Encounter“ eine wesentliche Rolle spielt. Die begrenzenden Wände mit ihren Türen und Fenstern sind gemalt, ein grosser Tresen mit Kasse im Hintergrund, links sitzen die Menschen an Tischen und schauen direkt ins Publikum. Bühne und Kostüme wirken fast wie ein Schwarzweiss-Film und selbst die Lichtwirkung mit ihren Schattenspielen scheinen direkt von David Lean zu stammen, genauso, wie die Kostüme der handelnden Personen – allein diese Gesamtwirkung ist schon eine lobende Erwähnung des Regisseurs Lowery wert, der als sein eigener Bühnen- und Kostümbildner firmiert.

      Es ist verblüffend, wie gut die alte Geschichte um die Königin Dido und ihren Liebhaber Aeneas in diesem Ambiente funktioniert. Wie sehr es Lowery gelingt, dieses typische Verschwimmen von Realität und Fiktion des „Film noir“ in eine Bühnenaufführung zu übertragen.

      Unter den Gästen des Bahnhoflokals sitzt Dido und ihre Freundin Belinda, die geradezu kühl und abweisend wirkt. Die Menschen sind feindselig gegenüber Dido, sie grenzen sie aus, quälen sie auch. Als diese fliehen will, steht plötzlich Aeneas in der Tür. Man spürt, dass vor allem Dido sich zu ihm hingezogen fühlt (zumindest stärker, als umgekehrt), aber dass diese Beziehung alles andere als unproblematisch ist.

      Der Zug rollt ein, ein Kondukteur knipst Fahrkarten ab, ganz zum Schluss auch jene von Dido, aber die Fahrgäste werden sofort wieder hereingeweht, bevor Dido hinausstürzen kann, sie sind verändert, krümmen sich, sind bösartig geworden. Mit gebleckten Zähnen und verzerrten Stimmen begleiten sie die Szene der Hexen und der Zauberin. Die erste Hexe ist hier der Schankkellner, eine Art Kobold mit Tourette-Syndrom, der seine zwanghaften Tics ausführen muss, die zweite Hexe ist die Wirtin.

      Kurz blitzt der Krieg auf, während dem der Film entstanden ist. Das Donnergrollen des zweiten Aktes wird zum Geschützfeuer, das die Menschen niederwirft und dichte Rauchwolken dringen in den Raum. Ein anrührender Moment, wenn sich ein Fenster öffnet und in diese „geschlossene Gesellschaft“ eines der Internatsmädchen hereinkommt. Allein der Effekt, dass hier Farbe ins Spiel kommt (die Schuluniform des Mädchens ist blau), ist perfekt gesetzt.

      Auch die Matrosenszene funktioniert: ein Seemann sitzt hinten im Lokal und wird von der Wirtin um einen Teil seiner Heuer für die Getränke erleichtert und hinausgeworfen.

      Tieftraurig und unspektakulär der Schluss: Dido und Aeneas sitzen beieinander und sind doch schon unendlich weit voneinander entfernt. Der Zug fährt ein und Dr. Alec Harvey eilt hinaus. Einsam singt Laura Jesson Didos Klage, bevor sie endlich den Raum verlassen kann und nach-und-nach das Licht des Deckenleuchters verlischt. In völliger Dunkelheit (auch das Licht im Orchester wird langsam heruntergefahren) endet das Stück.

      Anderthalbstunden lang kann man hier ein ausgefeiltes Spiel miterleben, dass so spannend ist, wie ein Kinofilm. Nigel Lowery beweist mit dieser Produktion, dass er nicht nur heiter-satirische Stoffe umzusetzen vermag, sondern auch düsteres interessant zu formen versteht.

      Für die musikalische Seite ist Konrad Junghänel verantwortlich und Junghänel dirigiert mit einem Engagement, das einfach mitreissen muss. Man merkt den Musikerinnen und Musikern an, dass es ihnen Freude macht, alte Musik mit einem Spezialisten wie Junghänel zu erarbeiten und kleine Eintrübungen im Spiel treten hinter dem Gesamteindruck zurück. Hervorzuheben ist unbedingt das Continuo, das seinen Part ganz hervorragend ausführt. Konrad Junghänel hilft mit, den Zusammenklang zwischen Bühne und dem hochgefahrenen, verkürzten Orchestergraben zu gewährleisten, sein Dirigat ist sänger/innenfreundlich, umsichtig und auch zupackend. Die Musiker/innen des Saarländischen Staatsorchesters spielen auf historischen Instrumenten.

      Der Chor des Saarländischen Staatstheaters bemüht sich redlich um die ungewohnte Aufgabe und überzeugt vor allem auch darstellerisch sehr. Der Wechsel zwischen den Chören des ersten und des zweiten Bildes, wo in Didos Wahrnehmung die Menschen zu bösen Gestalten werden, gelingt stimmdarstellerisch sehr gut.

      Gesungen wird solide. Vor allem Elizabeth Wiles als Dido hat berückende Momente und kommt auch mit der Votragsweise doch gut zurecht. Das gilt für ihren Partner Stefan Röttig nicht. Dessen unruhiger Bariton, der sich nur schwer auf Linie halten lässt, müht sich mehr mit der Partie des Aeneas ab, als das sein sollte. Mit drastisch und stimmstark eingesetztem Alt singt Judith Braun die Zauberin und das Lied des ersten Matrosen. Nach gutem Beginn gelingt der Sopranistin Sofia Fomina im Laufe des Abends nicht jede Passage überzeugend und Sabine von Blohn , die Wirtin, macht als 2. Frau und 2. Hexe insgesamt eine gute Figur.

      Erwähnenswert ist unbedingt der Sopranist Onur Abaci als Schankkellner (1. Hexe und Geist), dessen Stimme an Volumen noch zunehmen sollte, der aber darstellerisch umwerfend gut ist und zu recht mit reichlich Beifall vom Premierenpublikum gefeiert wurde.

      Über den durfte sich auch Konrad Junghänel und das Orchester freuen, aber auch für die übrigen Beteiligten fiel der Beifall freundlich aus. Dass der Chordirektor ein einsames „Buh“ einstecken musste, soll hier nur erwähnt werden und dass Nigel Lowery vom Dirigenten (mit dem der Regisseur schon öfter zusammengearbeitet hat) gegen die minimalen Proteste durch eine herzliche Umarmung in Schutz genommen wurde, war durchaus sympathisch.

      Ein schöner, runder Abend in Saarbrücken, der einen strahlenden Sommertag beendete und der für mich der letzte Operntermin in dieser Saison war.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Lieber Alviano,

      vielen Dank für Deinen Bericht, dem ich fast vorbehaltlos zustimmen kann!


      Alviano schrieb:

      In Anlehnung an eine Aufführung der „Dido“ in einem Mädcheninternat in Chelsea sieht man zu Beginn englische Internatsmädchen, die den Epilog sprechen und dann den Prolog darstellen, wobei die dann gesprochenen Texte über Lautsprecher zugespielt werden. In bunter, gemalter Kulisse steigt Phoebus in seinem Sonnenwagen am Horizont empor, Phoebus begrüsst die Liebesgöttin Venus und auch wenn Amors Pfeile schmerzen, wird die Liebe gefeiert, der Frühling verkündet schöne Stunden und Schäferinnen und Schäfer feiern ein Frühlingsfest.

      Mit ganz einfachen Mitteln erzählt Lowery dieses Vorspiel, immer sehr direkt und gut nachvollziehbar. Der Vorhang senkt sich und die eigentliche Ouvertüre des Stückes beginnt.

      Wenn sich dieser wieder hebt, ist man optisch direkt in jenem Bahnhofslokal gelandet, das in „Brief Encounter“ eine wesentliche Rolle spielt. Die begrenzenden Wände mit ihren Türen und Fenstern sind gemalt, ein grosser Tresen mit Kasse im Hintergrund, links sitzen die Menschen an Tischen und schauen direkt ins Publikum. Bühne und Kostüme wirken fast wie ein Schwarzweiss-Film und selbst die Lichtwirkung mit ihren Schattenspielen scheinen direkt von David Lean zu stammen, genauso, wie die Kostüme der handelnden Personen – allein diese Gesamtwirkung ist schon eine lobende Erwähnung des Regisseurs Lowery wert, der als sein eigener Bühnen- und Kostümbildner firmiert.


      Die Inszenierung des Prologs (hier werden übrigens Auszüge aus anderen Werken Purcells gespielt: King Arthur, The Fairy Queen, Streichersonaten...) erinnert stark an barockes Kulissentheater, mit ständig auf- und niedergehenden, bunt bemalten, teils durchbrochenen Zwischenvorhängen an unterschiedlichen Tiefen der Bühne, dem "fliegenden" Sonnenwagen des Phoebus usw. Die spielenden und tanzenden Kinder bewirken einen leichten Verfremdungseffekt, sind aber natürlich gleichzeitig sozusagen HIP - durch den Bezug auf die erste überlieferte Aufführung im Mädchenpensionat.

      Umso krasser der Wechsel zur eigentlichen Oper mit ihrem schwarzweißen Einheitsbühnenbild. Atemberaubend, wie schon von Dir erwähnt, folgendes Ereignis:

      Alviano schrieb:

      Ein anrührender Moment, wenn sich ein Fenster öffnet und in diese „geschlossene Gesellschaft“ eines der Internatsmädchen hereinkommt. Allein der Effekt, dass hier Farbe ins Spiel kommt (die Schuluniform des Mädchens ist blau), ist perfekt gesetzt.


      Der einzige Moment, in dem Prolog und Oper auf szenischer Ebene miteinander verknüpft werden: dadurch aber umso eindringlicher. Allein für die Farbregie verdient Lowery einen Sonderpreis - das Frappierendste, was ich in dieser Hinsicht in letzter Zeit auf der Bühne gesehen habe.


      Alviano schrieb:

      Es ist verblüffend, wie gut die alte Geschichte um die Königin Dido und ihren Liebhaber Aeneas in diesem Ambiente funktioniert. Wie sehr es Lowery gelingt, dieses typische Verschwimmen von Realität und Fiktion des „Film noir“ in eine Bühnenaufführung zu übertragen.


      Kann man wohl sagen. Der Film Brief Encounter war mir nicht bekannt, was aber gar nicht schadete: Die packende Inszenierung erschloss sich ohne weiteres von selbst.


      Alviano schrieb:

      Kurz blitzt der Krieg auf, während dem der Film entstanden ist. Das Donnergrollen des zweiten Aktes wird zum Geschützfeuer, das die Menschen niederwirft und dichte Rauchwolken dringen in den Raum.


      Bist Du sicher? Ich habe hier einen vorbeirollenden Zug identifiziert, das Stampfen der Dampflok (der Rauch!), vor allem auch die typischen Lichteffekte der vorbeifahrenden, beleuchteten Waggons.


      Alviano schrieb:

      Einsam singt Laura Jesson Didos Klage, bevor sie endlich den Raum verlassen kann.


      Didos Klage gehört ja immer zu den besonders ergreifenden Momenten. Hier hat der Chor sich vorher an der Theke noch seine Suppe abgeholt und ausgelöffelt, er sitzt links erstarrt vor seinen leeren Tellern, Dido rechts isoliert vor einem kleinen Tisch. Sie wirkt gefasst, so wie es der Text ja auch nahelegt, bringt noch alles in Ordnung, sammelt ihre Handtasche auf, die bei der Auseinandersetzung mit Aeneas zu Boden gefallen ist - und verlässt den Raum zum anschließenden Chor ruhig, nicht durch den weißen Haupteingang, sondern durch eine vorher nicht benutzte, schwarze Seitentür. Die Textzeile des Chors Keep here your watch, and never part kann so auch als vergebliche Aufforderung an Dido verstanden werden (nicht an Amor bzw. die Cupidi). Nachdem Dido gegangen ist: ein einziges Diminuendo der Musik und des Lichts, bis alles schwarz ist.


      Alviano schrieb:

      Anderthalbstunden lang kann man hier ein ausgefeiltes Spiel miterleben, dass so spannend ist, wie ein Kinofilm. Nigel Lowery beweist mit dieser Produktion, dass er nicht nur heiter-satirische Stoffe umzusetzen vermag, sondern auch düsteres interessant zu formen versteht.


      :yes:


      Alviano schrieb:

      Für die musikalische Seite ist Konrad Junghänel verantwortlich und Junghänel dirigiert mit einem Engagement, das einfach mitreissen muss. Man merkt den Musikerinnen und Musikern an, dass es ihnen Freude macht, alte Musik mit einem Spezialisten wie Junghänel zu erarbeiten und kleine Eintrübungen im Spiel treten hinter dem Gesamteindruck zurück. Hervorzuheben ist unbedingt das Continuo, das seinen Part ganz hervorragend ausführt. Konrad Junghänel hilft mit, den Zusammenklang zwischen Bühne und dem hochgefahrenen, verkürzten Orchestergraben zu gewährleisten, sein Dirigat ist sänger/innenfreundlich, umsichtig und auch zupackend. Die Musiker/innen des Saarländischen Staatsorchesters spielen auf historischen Instrumenten.


      Eine grandiose Leistung, vielleicht nicht so perfekt wie von professionellen HIP-Ensembles (leichte Intonationstrübungen), aber von einer Präsenz, Lebendigkeit, Farbigkeit und Durchgestaltetheit, wie man sie auf den obligatorisch empfohlenen Tonträgern nicht immer hört. Auch die Freude an ausgefeilten Verzierungen - schon in der Ouvertüre - war bemerkenswert.


      Alviano schrieb:

      Erwähnenswert ist unbedingt der Sopranist Onur Abaci als Schankkellner (1. Hexe und Geist), dessen Stimme an Volumen noch zunehmen sollte, der aber darstellerisch umwerfend gut ist und zu recht mit reichlich Beifall vom Premierenpublikum gefeiert wurde.

      Über den durfte sich auch Konrad Junghänel und das Orchester freuen, aber auch für die übrigen Beteiligten fiel der Beifall freundlich aus. Dass der Chordirektor ein einsames „Buh“ einstecken musste, soll hier nur erwähnt werden und dass Nigel Lowery vom Dirigenten (mit dem der Regisseur schon öfter zusammengearbeitet hat) gegen die minimalen Proteste durch eine herzliche Umarmung in Schutz genommen wurde, war richtig sympathisch.


      Elizabeth Wiles als Dido hätte mehr Beifall verdient gehabt, sowohl ihr Lamento am Anfang als auch dasjenige am Anfang waren großartig gesungen. Das letztere miit ganz ausgefeilter Dynamik (ein einziges zartes Diminuendo) und schönen Verzierungen in den reprisenartigen Teilen. Beim Chor wurde sehr pointiert zwischen "normalem" und (bei den Hexenszenen) karikierendem Gesang unterschieden. Keine Ahnung, was das Buh für den Chordirektor sollte - da wir im Saarland sind, handelt es sich vermutlich um eine interne Fehde im Grill- oder Anglerverein.

      Alviano schrieb:

      Ein schöner, runder Abend in Saarbrücken,


      Ja, das gibt's. :D In der Tat die mit Abstand beste Premiere der laufenden Saison.


      Alviano schrieb:

      und der für mich der letzte Operntermin in dieser Saison war


      Für mich nicht... ;+)


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • "Dido and Aeneas"

      Lieber Bernd,

      Allein für die Farbregie verdient Lowery einen Sonderpreis - das Frappierendste, was ich in dieser Hinsicht in letzter Zeit auf der Bühne gesehen habe.


      Zumal diese Schwarz-Weiss-Wirkung erzielt wird, obwohl es Nuancen gibt: das Kostüm des Kellners oder der Zauberin, z. B., die vielen Grautöne, das ist toll gemacht.

      Bist Du sicher? Ich habe hier einen vorbeirollenden Zug identifiziert, das Stampfen der Dampflok (der Rauch!), vor allem auch die typischen Lichteffekte der vorbeifahrenden, beleuchteten Waggons.


      Die Assoziation hatte ich sofort wegen der niedergworfenen Menschen. Der Film ist tatsäschlich von ständiger Angst vor Luftangriffe begleitet gewesen

      Didos Klage gehört ja immer zu den besonders ergreifenden Momenten. Hier hat der Chor sich vorher an der Theke noch seine Suppe abgeholt und ausgelöffelt, er sitzt links erstarrt vor seinen leeren Tellern


      Solche Bilder findet Lowery den ganzen Abend über immer wieder und wie er mit Bewegung und Stillstand (auch Erstarrung) umgeht, das ist absolut sehenswert.

      Eine grandiose Leistung, vielleicht nicht so perfekt wie von professionellen HIP-Ensembles (leichte Intonationstrübungen), aber von einer Präsenz, Lebendigkeit, Farbigkeit und Durchgestaltetheit, wie man sie auf den obligatorisch empfohlenen Tonträgern nicht immer hört.


      Wobei die Raumtemperatur und die Luftfeuchtigkeit nicht zu unterschätzen sein dürften, das ist bei alten Instrumenten immer ein wenig heikel.


      Elizabeth Wiles als Dido hätte mehr Beifall verdient gehabt, sowohl ihr Lamento am Anfang als auch dasjenige am Anfang waren großartig gesungen. Das letztere mit ganz ausgefeilter Dynamik (ein einziges zartes Diminuendo) und schönen Verzierungen in den reprisenartigen Teilen.


      Prima, dass Du das nochmal hervorhebst - gerade bei den Verzierungen ist Elizabeth Wiles richtig gut, die kommen genau mit dieser souveränen Selbstverständlichkeit, die diese Musik braucht. Und von der Haltung und vom Ausdruck her ist Wiles sicher die beste Sängerin des Abends gewesen.

      Keine Ahnung, was das Buh für den Chordirektor sollte - da wir im Saarland sind, handelt es sich vermutlich um eine interne Fehde im Grill- oder Anglerverein.


      Ich hatte überlegt, ob hier der Protestierende den Chordirektor mit Nigel Lowery verwechselt hat....

      :wink:
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Beziehungen

      Zwielicht schrieb:

      Der einzige Moment, in dem Prolog und Oper auf szenischer Ebene miteinander verknüpft werden


      Es gibt noch einen kleinen Moment, wo die Handlung der "Dido" auf das Vorspiel verweist. Die Kinder halten sich im Prolog grosse Muscheln ans Ohr und lauschen dem Geräusch, das sie hören können. Der Schankkellner und - ich glaube - eine Choristin machen gegen Ende des Stückes das gleiche mit kleinen, weissen Tellern.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Alviano schrieb:

      Es gibt noch einen kleinen Moment, wo die Handlung der "Dido" auf das Vorspiel verweist. Die Kinder halten sich im Prolog grosse Muscheln ans Ohr und lauschen dem Geräusch, das sie hören können. Der Schankkellner und - ich glaube - eine Choristin machen gegen Ende des Stückes das gleiche mit kleinen, weissen Tellern.


      Das mit den Tellern muss ich übersehen haben :whistling: . Im Herbst werde ich aber auf jeden Fall eine zweite Aufführung besuchen.

      In dieser Saison gibt es nur noch zwei Termine (1.7., 4.7.). Ab September wird die Produktion wiederaufgenommen, auch dann dirigiert Konrad Junghänel. Die Termine: Mi 22.09., So 26.09., Sa 02.10., Di 26.10., So 31.10., Fr 12.11. Wenn sich dann jemand absichtlich oder zufällig in der Nähe des Saarlandes aufhalten sollte: das ist - wie gesagt - eine ungemein sehens- und hörenswerte Produktion, um einiges über dem normalen Standard der Saarbrücker Oper.

      Bei Premieren in der Provinz hält sich das publizistische Echo ja meist in engen Grenzen. So auch diesmal. Abgesehen von der Rezension in der lokalen Tageszeitung (nicht im Netz) findet sich nur dieser Bericht des Saarländischen Rundfunks, der allerdings mehr Auskunft über den bescheidenen Zustand der Kulturberichterstattung des Senders gibt als über die besprochene Aufführung.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Zwielicht schrieb:


      Bei Premieren in der Provinz hält sich das publizistische Echo ja meist in engen Grenzen. So auch diesmal. Abgesehen von der Rezension in der lokalen Tageszeitung (nicht im Netz) findet sich nur dieser Bericht des Saarländischen Rundfunks, der allerdings mehr Auskunft über den bescheidenen Zustand der Kulturberichterstattung des Senders gibt als über die besprochene Aufführung.


      Lieber Bernd,

      da Du diese Besprechung vom SR so direkt ansprichst: die ist mir auch ob ihrer Dürftigkeit negativ aufgefallen - nicht nur, dass der Dirigent keine namentliche Erwähnung findet... Ich habe im Netz nur noch die "Saarbrücker Zeitung" gefunden. Da es wenig Pressestimmen gibt, nehmen wir eine richtig gute Position mit unserer kleinen Rubrik hier ein, auch nicht schlecht.

      Die beschriebene Szene findet ganz am linken Bühnerand statt, kurz vorher baut der Schankkellner das Uhrpendel wieder ein.

      :wink:
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Vielen Dank an Alviano für den exzellenten Bericht und an Bernd für die weiteren Aufführungstermine im Herbst, von denen einer zu schaffen sein sollte, ich wohne ja nicht soweit entfernt. Werde gleich mal im Freundes- und Kollegenkreis Werbung machen.

      Gruß, Frank