Bach: Die Kunst der Fuge

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    • Bach: Die Kunst der Fuge

      Hallo zusammen,

      gern würde ich mit Euch über dieses Werk diskutieren. Ich bin mir gar nicht so sicher, ob ich den richtigen Ort "Musik für Tasteninstrumente" gewählt habe, da eine Angabe zur Instrumentierung fehlt, deshalb unterschiedlichste Bearbeitungen (z.B. für Klavier, Cembalo, Orgel, Saxophon-, Blockflöten-, Violinenensembles, Orchester - Kammer- und Groß - ) existieren. Mir ist jedenfalls keine andere Komposition Bachs bekannt, die derart vielfältige klangliche Realisierungen hervorgerufen hat. Haltet ihr diese Musik, um nur einige beispielhafte Beschreibungen zu nennen, für akademisch, gar langweilig oder vielleicht für zutiefst emotional?

      Haltet Ihr es für legitim, das unvollendete Werk zu vollenden?

      Seht Ihr Hinweise in der Wirkungsgeschichte dieses Werks u.a. auch auf neue Musik oder wenigstens auf die Musik des 20 Jhdts.?

      Gibt es Einspielungen, die Ihr bevorzugt?

      Die Fragen sind nur beispielhaft, können deshalb jederzeit erweitert oder ignoriert werden.

      Beste Grüße

      Yukon
    • Ich habe mir anläßlich dieses Fadens die KDF nochmal von Gould angehört



      Und ich muß sagen, ich weiß, warum ich meistens eher das WTC in das Laufwerk schiebe. Mir ist die KDF zu wenig komplex :hide: (ja, schlagt mich). Ich habe das Gefühl nach mehrmaligen Hören das Meiste schon verstanden zu haben. Das geht mir beim WTC nicht so, also ziehe ich das WTC vor.

      Was die komplettierung der letzten Fuge anbelangt. Warum nicht, das Werk ist so stringent geschrieben, dass es sich leichter Rekonstruieren lassen sollte, als zum Beispiel die 10. Symphonie von Beethoven.

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      Ich habe Schrauben in den Himmel gesteckt
      und die Rabenmuttern festgedreht
    • Florian Voß schrieb:

      Was die komplettierung der letzten Fuge anbelangt. Warum nicht, das Werk ist so stringent geschrieben, dass es sich leichter Rekonstruieren lassen sollte, als zum Beispiel die 10. Symphonie von Beethoven.
      Das ist nicht sicher. Andere Möglichkeit: Die Kunst der Fuge war komplett! In diese Richtung ist hier vor Zeiten schon einmal argumentiert worden:

      Hildebrandt schrieb:

      Plädieren wir doch gemeinsam dafür, dass die Kunst der Fuge 1742 eigentlich schon fertig war und Bach gar keine großen Änderungen mehr vornehmen, sondern vielleicht für den Druck nur die Reihenfolge ändern wollte, wie er es ja schon einmal bei den Kanonischen Veränderungen über "Vom Himmel hoch..." gemacht hat.
      Das wäre doch eine plausible These. :D
      Lesenswert, nicht nur für Bach-Freunde: Bach-Legenden – falsch, aber unausrottbar.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Diese Einspielung von Evgeni Koroliov auf dem modernen Konzertflügel muß (!) man gehört haben:



      Diese Aufnahme lebt, blutet und atmet und ist dabei doch alles andere als "Unbachisch" romantisierend, sondern sehr klar polyphon durchhörbar.

      Von keinem geringeren als Ligeti als CD für die einsame Insel nominiert!

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Was die komplettierung der letzten Fuge anbelangt. Warum nicht, das Werk ist so stringent geschrieben, dass es sich leichter Rekonstruieren lassen sollte, als zum Beispiel die 10. Symphonie von Beethoven.


      Ich halte es für wesentlich wahrscheinlicher, dass das Werk komplett ist und Bach die unvollendete Fuge bei Seite gelegt hat. Aber wenn sie gespielt wird, ist es mir lieber, wenn sie als Fragment gespielt wird und das Werk eben abbricht. Das sie einfach zu rekonstruieren wäre, halte ich für einen Irrglauben. Auch dieses Werk von Bach ist nicht einfach nach den Kontrapunktregeln "errechenbar". In den übrigen Fugen sorgt Bach auch innerhalb seiner Regeln für so viele Überraschungen, die nicht zu rekonstruieren wären.

      Zur Frage des Instruments/der Instrumente: Gustav Leonhardt hat schon Mitte der 50er überzeugend in, ich glaube, es war seiner Diplomarbeit nachgewiesen, dass die Kunst der Fuge für Cembalo geschrieben ist, seitdem ist einige Literatur erschienen, die ihm recht gibt und darstellt, wie diese falsche Annahme offener Instrumentierung seit Graeser erst in den 20ern zu Stande kam.

      Dennoch gefallen auch mir einige andere Instrumentierungen, besonders gut z.B. die für Gamben-Konsort von Fretwork. Die zweitbeste nach dem Cembalo, wäre jedoch sicherlich die Orgel, auf der die Spiegelfugen wohl noch einfacher auch von einem Spieler zu gestalten wären, als auf dem Cembalo oder gar dem Klavier. Leonhardt meinte ja noch, sie wären exakt nur von zwei Cembalisten gestaltbar. Aber offenbar geht das schon, wie inzwischen viele Aufnahmen nahelegen, bei denen ich jedenfalls keine Reduktion hören kann. Aber wer zu dieser Frage genaueres weiss, das würde mich sehr interessieren.

      Ich werde zunächst etwas zu einigen Cembalo-Aufnahmen, die ich bislang kennengelernt habe, bemerken.

      Herausragend, mein Favorit, ist Sébastian Guillot



      Zum kleinen Preis bekommt man hier eine schnelle, für mich äußerst überzeugend, sehr streng rhythmisierte Einspielung, die es schafft, so gut wie ganz ohne meistens den Fluß lähmende Rubati auszukommen und dennoch die kontrapunktischen Linien nachhörbar zu machen. Trotz der Schnelligkeit auch in schwierigsten Passagen verwischen hier nie Details, werden die von Bach angegebenen Verziehrungen sehr schön gestaltet und das Werk abwechslungsreich zum Klingen gebracht. Nirgendwo sonst groovt die Kunst der Fuge so: Das konsequente Anti-Programm zu den vielen Einspielungen, die vor Ehrfurcht erstarren oder ein akademisches Lehrprogramm abspulen.

      Der Klassiker ist Gustav Leonhardt, bei den Spiegelfugen unterstützt von Bob van Asperen.



      Das ist eine vergleichsweise strengere, nüchternere Einspielung, die auf mich dennoch nicht blutleer akademisch wirkt. Gerade die vier-händig gespielten Stücke gefallen mir hier sehr gut. Immer noch eine sehr empfehlenswerte Aufnahme.

      Sehr gut gefällt mir auch Kenneth Gilbert.



      Das ist eine flüssige, lebendige Einspielung. Die Rubati stören fast nie den Fluß und sind meistens sehr diskutabel, ohne Übertreibung gesetzt. Die kontrapunktischen Linien kann ich sehr gut verfolgen. Besonders gut gefällt mir der volle Klang des Cembalos von Couchet, Antwerpen 1671 mit Umfangerweiterungen aus dem 18. Jahrhundert.

      Auch Davitt Moroney liefert eine sehr hörenswerte Aufnahme.



      Moroney läßt sich sehr viel mehr Zeit als die bisher Genannten. Trotzdem und obwohl er schon deutlich mehr Gebrauch von Rubati macht, von denen mich nicht alle überzeugen, die aber im Allgemeinen mir diskutabel erscheinen, gelingt es ihm, den Fluß der Musik zu erhalten. Alle Details und Verziehrungen werden sehr schön ausgespielt. Die Linien sind sehr gut nachvollziehbar. Das Cembalo hat einen sehr hellen, etwas dünnen, aber sehr klaren Klang. Auf meiner Ausgabe finde ich leider nicht angegeben, was er für ein Cembalo spielt. Kann mir da jemand weiterhelfen?

      Völlig verunglückt ist Sergio Vartolo mit Maddalena Vartolo.



      Vor dieser Aufnahme kann ich nur warnen. Die Agogik ist völlig absurd, wie eine schlechte Karikatur auf zelebrierte Erhabenheit. Die extremen Rubati zerstören jeden Fluß, jeden Rhythmus. Obwohl er/sie sich jede Menge Zeit lassen, gelingen ihnen dennoch zahlreiche Ungenauigkeiten und verschwimmen die kontrapunktischen Linien völlig.

      Das erst einmal zu einer ersten, allgemeinen Charakterisierung.

      :wink: Matthias
    • Gustav Leonhardt und BWV 1080 für's Cembalo: Wenn ich Hammer bin, sieht alles irgendwie nach Nagel aus...

      Nein, ernsthaft: Wieso benutzt das Autograph dann vier getrennte Notenlinien, was für das praktische Musizieren [edit] am Cembalo [/edit] doch eher unbequemen ist? Gibt es da eine Antwort dazu?



      Warum sollte man die letzte Fuge "rekonstruieren"? Was hätte man davon? Wenn es gut gemacht ist, dann wäre es ein Plagiat und wenn nicht, dann bringt das erst recht nichts. Wenn schon, dann freie Bearbeitung!!!
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • ich glaube, als Anton Webern das Anliegen angetragen wurde, die Kunst der Fuge zu vollenden, soll er geantwortet haben, dann müsste er aufs Komponieren verzichten, um sich ganz dieser Arbeit zu widmen..
      Koroliov (Mitschnitt live in Mannheim) gehört auch zu meinen KdF-Favoriten...
      Sebastian Guillot scheint - nach dieser Anpreisung - sehr vielversprechend zu sein..

      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Matthias Oberg schrieb:

      Herausragend, mein Favorit, ist Sébastien Guillot



      Zum kleinen Preis bekommt man hier eine schnelle, für mich äußerst überzeugend, sehr streng rhythmisierte Einspielung, die es schafft, so gut wie ganz ohne meistens den Fluß lähmende Rubati auszukommen und dennoch die kontrapunktischen Linien nachhörbar zu machen. Trotz der Schnelligkeit auch in schwierigsten Passagen verwischen hier nie Details, werden die von Bach angegebenen Verziehrungen sehr schön gestaltet und das Werk abwechslungsreich zum Klingen gebracht. Nirgendwo sonst groovt die Kunst der Fuge so: Das konsequente Anti-Programm zu den vielen Einspielungen, die vor Ehrfurcht erstarren oder ein akademisches Lehrprogramm abspulen.
      Das unterstreiche ich gern - auch mein Favorit.

      Eine Bearbeitung für großes Orchester, die Hermann Scherchen (der sich ein Leben lang mit Bach und besonders der Kunst der Fuge auseinandersetzte) selbst kurz vor seinem Tod 1966 erstellte, ist anscheinend nur schwer bzw. überteuert zu bekommen:


      Wiener Staatsopernorchester, Mitglieder des Wiener Radio-Orchesters (Westminster, auf 2 CDs von Universal, aufg. 1965)

      Eindringlich, spannend - und sehr streng: Bach als gnadenlos unerbittlicher Übervater! Scherchens Fassung, die keinen Wert auf Schönklang legt und ganz darauf setzt, in unterschiedlichen instrumentalen Kombinationen (Bläser, Streicher, einzeln, zusammen, auch Cembalo solo) das kontrapunktische Geflecht bloßzulegen - ein durchaus plausibler und legitimer Weg.

      Was mich auch hier wieder, wie schon bei Beethoven, Haydn..., an Scherchens Interpretationskunst fasziniert, ist seine Fähigkeit, zu sezieren, Strukturen bloßzulegen, ohne - und hierin unterscheidet er sich, wie ich meine, von z. B. Michael Gielen (auch ein großer Sezierer) - auf Emotionalität zu verzichten, im Gegenteil: Ich erlebe seine Art fast immer als leidenschaftlich, packend, niemals kalt.

      Gleichwohl strahlt seine "Kunst der Fuge" bei aller wahrnehmbaren Bewunderung eine Unnahbarkeit und Unerbittlichkeit aus, die mich eine gewisse Ambivalenz empfinden läßt. Doch großartig ist das allemal.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
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      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Matthias Oberg schrieb:


      Zur Frage des Instruments/der Instrumente: Gustav Leonhardt hat schon Mitte der 50er überzeugend in, ich glaube, es war seiner Diplomarbeit nachgewiesen, dass die Kunst der Fuge für Cembalo geschrieben ist, seitdem ist einige Literatur erschienen, die ihm recht gibt und darstellt, wie diese falsche Annahme offener Instrumentierung seit Graeser erst in den 20ern zu Stande kam.


      Die Frage, die sich hier für mich in diesem Zusammenhang stellt, ist, ob man der Kunst der Fuge überhaupt mit Begriffen, wie Werktreue (Darstellung auf dem Cembalo) oder Stilgerechtheit beikommen kann oder ob es nicht vielmehr so ist, daß die Bedeutung gerade dieses Werkes darin liegt, daß die ausübenden Künstler ihre Neugier und ihre Phantasie einzusetzen haben oder - freundlicher formuliert - einsetzen können, um diesem Werk auf den Grund zu gehen.
    • Yukon schrieb:

      Matthias Oberg schrieb:


      Zur Frage des Instruments/der Instrumente: Gustav Leonhardt hat schon Mitte der 50er überzeugend in, ich glaube, es war seiner Diplomarbeit nachgewiesen, dass die Kunst der Fuge für Cembalo geschrieben ist, seitdem ist einige Literatur erschienen, die ihm recht gibt und darstellt, wie diese falsche Annahme offener Instrumentierung seit Graeser erst in den 20ern zu Stande kam.


      Die Frage, die sich hier für mich in diesem Zusammenhang stellt, ist, ob man der Kunst der Fuge überhaupt mit Begriffen, wie Werktreue (Darstellung auf dem Cembalo) oder Stilgerechtheit beikommen kann oder ob es nicht vielmehr so ist, daß die Bedeutung gerade dieses Werkes darin liegt, daß die ausübenden Künstler ihre Neugier und ihre Phantasie einzusetzen haben oder - freundlicher formuliert - einsetzen können, um diesem Werk auf den Grund zu gehen.


      Ich finde Leonhardts Ansicht auch überzeugend, also könnte man einfach feststellen, dass werkgetreu auf dem Cembalo gespielt wird. Gut so, aber alles mögliche Anderen darf natürlich auch gerne versucht werden. Und das gilt nicht nur für die Kunst der Fuge von Bach. Wichtiger ist die Musikalität des Menschen als die Wahl des Instruments, um große Kunst entstehen zu lassen.

      Gruß, Frank

      PS: Eines meiner schönsten Konzerterlebnisse hatte ich nach einem Konzert. Auf dem Weg zurück habe ich aus einer Nebenstraße eine Orgelsonate von Bach auf dem Akkordeon gehört. Gleich hingelaufen saß da ein Clochard auf der Straße und spielte allein für sich selbst in die Nacht. Himmlisch!
    • Gurnemanz schrieb:

      Eine Bearbeitung für großes Orchester, die Hermann Scherchen (der sich ein Leben lang mit Bach und besonders der Kunst der Fuge auseinandersetzte) selbst kurz vor seinem Tod 1966 erstellte, ist anscheinend nur schwer bzw. überteuert zu bekommen:


      Ja, die ist soooo geil. Es gab die - in Auszügen (Contrapunctus 1,2,5,6,8,9) - in der Billig-Reihe "The 20th Century Maestros" (2 CDs für´n Euro) - allerdings, wie ich gerade sehe, in einer Einspielung von 1949 mit dem Radio Beromünster Orchester... und bei amazon ist die Scheibe mittlerweile für knapp 4 Euro zu haben.

      Kein Link, aber diese Artikelnummer: B000S27M4W

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      Ich habe Schrauben in den Himmel gesteckt
      und die Rabenmuttern festgedreht
    • Lieber Florian, die Fassung, die Du ansprichst, muß eine andere sein: Es gibt eine 1927 uraufgeführte Orchesterfassung von Wolfgang Graeser, die Scherchen in sein Repertoire aufnahm. Damit unzufrieden, entschied er sich später für eine Orchesterfassung von Roger Vuataz, die dieser im Auftrag Scherchens angefertigt hatte, für drei Streichorchester und eine Bläsergruppe. Dies könnte die Fassung sein, die Du erwähnst, denn Scherchen führte sie oft auf. Am Ende seines Lebens schuf er dann, wie erwähnt, seine eigene Fassung, die er am 14. Mai 1965 in Lugano uraufführte. Am 12. Juni 1966 starb Hermann Scherchen (Quelle: Eva Reisinger im Booklet der Westminster-Aufnahme).

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
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      Helmut Lachenmann
    • Beryllo schrieb:

      Ich finde Leonhardts Ansicht auch überzeugend, also könnte man einfach feststellen, dass werkgetreu auf dem Cembalo gespielt wird. Gut so, aber alles mögliche Anderen darf natürlich auch gerne versucht werden. Und das gilt nicht nur für die Kunst der Fuge von Bach. Wichtiger ist die Musikalität des Menschen als die Wahl des Instruments, um große Kunst entstehen zu lassen.


      Lieber Frank,

      da stimme ich dir völlig zu.

      Lieber Yukon,

      du fragst in deinem Anfangsbeitrag nach der "Legitimät" (wenn auch auf die Vollendung der unvollendeten Fuge bezogen.)
      Nun, "legitim" ist für mich alles, was nicht langweilt und ein Werk nicht gefällig oder aus Gedankenlosigkeit, Nachlässigkeit oder Schlamperei reduziert. Insofern könnte ich mir die Kunst der Fuge auch gelungen für E-Gitarrenquartett oder gar Bassgitarrenquartett vorstellen. :D Für Saxophon-Quartett z.B. klingt sie ziemlich gut, auch wenn mich die 2 Einspielungen, die ich bislang kenne, nicht voll überzeugen, Das liegt aber an den Musikern. Und schlecht sind sie auch nicht.

      Scherchen steht schon länger auf meiner Anschaffungsliste. Ansonsten werde ich noch auf weitere Einspielungen für diverse Instrumentierungen kommen, die aber erst wieder angehört werden wollen.

      :wink: Matthias
    • Liebe Chris,

      das ist die Aufnahme, die ich noch nicht kenne, aber auch schon länger vorgemerkt habe, schon wegen der zeitgenössischen Fugen als Beigabe und weil ich anderes vom Aurelia-Q. kenne, von dem ich einen sehr vorteilhaften Eindruck über die Qualitäten dieses Quartetts gewonnen habe. War mir bloß bislang noch etwas zu teuer. Insofern würde mich dein Eindruck sehr interessieren, wenn du mal irgendwann dazu kommst.

      :wink: Matthias


    • Von den mir vorliegenden Cds finde ich diese - die auch Matthias Oberg schon nennt - mit Davitt Moroney am Cembalo die gelungenste. Die Wahl des Instruments entspricht nach Gustav Leonhardt wohl dem Stand der Forschung und die Musik ist sehr gut gespielt. Im umfangreichen Booklet schreibt Moroney einiges zu seiner Bachauffassung, auch, warum er glaubte, das Fragment der letzten Fuge mit einer eigenen Komposition ergänzen zu müssen. Nähere Angaben zum Cembalo habe ich nicht gefunden. Moroney ist relativ langsam unterwegs, sodass er 2 CD benötigt, wo die anderen mit einer auskommen.
      Der Interpretation tut das aber ganz gut.
      Diese CD von Harmonia Mundi France wurde 1985 zum ersten Mal veröffentlicht und zum Bachjahr 1999 neu herausgegeben.



      Zu dieser CD braucht man nicht viel zu sagen, über die Interpretation der Musica Antiqua Köln auf historischen Instrumenten unter Ltg von Reinhard Göbel sind sicher schon genug lobende Worte verloren worden. Meistens mag ich sie auch. Das Booklet dieser CD von 1984 - sicher das Erstveröffentlichungsdatum - ist äußerst dürftig.



      Ebenfalls auf historischen Instrumenten spielen La Grande Ecurie und La Chambre Du Roy unter Ltg von Jean Claude Malgoire. 1 - 10 Interpreten spielen jeden Track in jeweils anderer Besetzung. So lernt man viele Instrumente kennen, sogar ein Kontrabass ist mit von der Partie. Manchmal mag ich das hören, aber meistens nicht. Ein engl./franz. Booklet gibt’s auch. Die Aufnahme ist vermutlich von 1993 und 2005 wieder veröffentlicht worden.



      Lieber höre ich - obwohl keineswegs HIP - die Aufnahme mit dem Emerson Quartett. Sie spielen zwar den letzten Kontrapunkt als Fragment, glauben aber den Choral “Vor deinen Thron tret ich hiermit” nachschieben zu müssen.
      Eine sehr schöne, ruhige, neutrale Aufnahme von 2003.



      Und nun, wie Matthias Oberg versprochen, zur Aufnahme mit dem Aurelia Saxophone Quartett. Aufmerksam geworden bin ich auf diese CD durch eine Sendung im niederländischen Radio. Ich fand sie ganz interessant, und als Bearbeitung/Adaption gefällt sie mir auch heute noch.
      Lt. Booklet beschäftigen sich die Musiker seit 1998 mit der KdF. Sie sind der Meinung, dass man für die Interpretation durch Saxaphone, die KdF neu ordnen muss, grob gesagt, erst die einfacheren Fugen, denn die komplizierten bis zur letzten, unvollendeten, dann die “etwas frivoleren” und virtuoseren Fuge um mit Kontrapunktus 2 und 9 zu schliessen, einiges wurde auch weggelassen. Im Booklet wird das genau beschrieben, allerdings bleibt die Frage offen, warum das für Saxophone so sein muss.
      Aussderdem gehört noch eine zweite CD zu dieser Ausgabe: 15 neue Fugen und Nicht-Fugen von bekannten (?) Jazzmusikern. Ich kenne mich da nicht so aus.. Für sich genommen, ist es sicher spannend, was die Musiker da machen, in der Gegenüberstellung erschließt es sich mir nicht so. Es sind eigenständige Stücke und der Bezug zu Bach scheint mir doch manchmal etwas fern zu liegen.
      Die Aufnahmen entstanden 2005 in Zusammenarbeit mit dem Deutschlandfunk.

      lg vom eifelplatz, Chris.
    • Beryllo schrieb:

      Ich finde Leonhardts Ansicht auch überzeugend, also könnte man einfach feststellen, dass werkgetreu auf dem Cembalo gespielt wird.

      Also ich weiß nicht...

      z.B. ein über 5 Takte ausgehaltenes d in der Baßstimme von Contrapunctus I (ähnliche Stellen gibt es auch woanders immer wieder, z.T. sogar mehrfach, wie z.B. in der Spiegelfuge von Contrapunctus XII), das auch noch in einer Fermate endet, klingt nun am Cembalo (oder auch auf dem Piano) weißgott nach einem überzeugenden Orgelpunkt..! ;+)
      Werkgetreu heißt hier für mich einfach nur: spielbar. Und einen einzelnen Ton, der auch noch eine wichtige kontrapunktische Funktion hat, wie obiges d, kann man nun mal auf Cembalo oder dem Klavier nicht 20 Schläge lang unverändert durchklingen lassen: Genau dann, wenn's wichtig wäre, zum Schluß hin, ist er nämlich nicht mehr da! Ein fehlender Basston im Schlussakkord widerspricht irgendwie barockem Musikverständnis.
      Wer will, kann's natürlich auf besagten Tasteninstrumenten spielen. Ich persönlich finde diese Instrumentierung im Ergebnis allerdings reichlich unbefriedigend.
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • Eine Einspielung, auf die ich hinweisen möchte, ist die des Keller Quartetts.



      Ich hatte beim Erscheinen dieser damals von der Kritik sehr gelobten CD nur die Aufnahme von K. Gilbert. Entsprechend revolutionär klang diese Streichquartettfassung für mich, in der überdies gestalterisch sehr variabel gespielt wird. Wer nur Tasteninstrumentaufnahmen kennt, sollte mal hinein hören.
    • eifelplatz schrieb:

      Lieber höre ich - obwohl keineswegs HIP - die Aufnahme mit dem Emerson Quartett. Sie spielen zwar den letzten Kontrapunkt als Fragment, glauben aber den Choral “Vor deinen Thron tret ich hiermit” nachschieben zu müssen.
      Eine sehr schöne, ruhige, neutrale Aufnahme von 2003.
      Das Coverbild mit den vier Stühlen finde ich in diesem Zusammenhang witzig: Beim Emerson Quartett spielen die drei hohen Streicher immer im Stehen...

      Viele Grüße,

      Christian
      Jeder Eindruck, den man macht, schafft Feinde. Um populär zu bleiben, muss man mittelmäßig sein.
      Oscar Wilde