Maurice Abravanel - französische Eleganz, amerikanische Unbekümmertheit

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    • Maurice Abravanel - französische Eleganz, amerikanische Unbekümmertheit

      Maurice Abravanel (bis 1938 de Abravanel) wurde 1903 in Thessaloniki geboren, das damals zum Osmanischen Reich gehörte, und starb 1993 in Salt Lake City, USA. Er entstammte einer alten sephardischen, also spanisch-jüdischen, Familie. 1909 zog er mit seinen Eltern in die Schweiz nach Lausanne um, wo sein Vater als Apotheker arbeitete. Für einige Jahre lebten sie im gleichen Haus wie der spätere Dirigent Ernest Ansermet, der damals als junger Mathematiklehrer in Lausanne arbeitete und zugleich Musik studierte. Ansermet spielte vierhändig Klavier mit dem Nachbarskind und brachte ihm die damals moderne Musik von Milhaud und Stravinsky nahe, und zumindest letzteren hat Abravanel wohl schon als Kind durch Ansermet persönlich kennen gelernt. Der Heranwachsende komponierte, orchestrierte, schrieb Konzertkritiken für die örtliche Tageszeitung und durfte mit sechzehn (wohl durch Vermittlung Ansermets, der inzwischen die Kurkapelle im nahen Montreux leitete) erstmals ein Orchester dirigieren.

      Mit siebzehn schickte sein Vater ihn zum Medizinstudium nach Zürich. Zwei Jahre lang quälte er sich, bis er dem Vater schrieb, er wolle eher zweiter Orchesterschlagzeuger werden als Arzt, und 1922 nach Berlin zog. Dort studierte er bei dem nur drei Jahre älteren Kurt Weill, der zwar seiner Meinung nach ein "lousy teacher" war, dafür aber ein lebenslanger enger Freund wurde. Abravanel ging auf die Ochsentour durch die Provinz: zunächst als Korrepetitor nach Neustrelitz, bis das dortige Theater 1924 abbrannte, dann als Chordirektor nach Zwickau, schließlich als Kapellmeister nach Altenburg, wo er seine erste Frau, die Sängerin Friedel Schako, kennenlernte. Schließlich wurde er als Kapellmeister nach Kassel geholt, wo er offenbar erstmals wirklich auffiel - jedenfalls resultierten aus seinem Kasseler Engagement mehrere Einladungen als Gastdirigent an die Berliner Staatsoper.

      1933 ging Abravanel gemeinsam mit Kurt Weill zunächst nach Paris, wo er Bruno Walter traf, der ihn als Gastdirigent an die Pariser Oper empfahl. Im Juni 1933 dirigierte er am Théâtre des Champs-Elysées die Uraufführung des Balletts "Die sieben Todsünden" von Weill und Georges Balanchine. 1934 zogen die Abravanels für anderthalb Jahre nach Australien - Abravanel hatte Einladungen als ständiger Gastdirigent sowohl von der Oper in Melbourne als auch der in Sidney erhalten. Im Frühjahr 1936 wurde ihm ein Vertrag an der Metropolitan Opera in New York angeboten, wo er das französische und deutsche Repertoire dirigierte. Offenbar machte er sich dort als Marathonmann einen Namen: einmal dirigierte er sieben Aufführungen von fünf verschiedenen Opern innerhalb von neun Tagen. (Heutige Dirigenten vom Schlage eines Gergiev lachen darüber allerdings wohl nur.) 1938 verließ Abravanel die MET - um am Broadway die Musicalerfolge des Freundes Kurt Weill zu dirigieren, acht Jahre lang.

      1946 ergriff Maurice Abravanel eine Chance, die nicht wie eine aussah: er bewarb sich um die Leitung des semiprofessionellen städtischen Orchesters von Salt Lake City, das einige Jahre zuvor von einigen lokalen Enthusiasten unter dem hochtrabenden Namen "Utah State Symphony Orchestra" gegründet worden war. (Später erinnerte sich Abravanel: ‘When I got there, I could hardly get the musicians through the first movement of the “Eroica”.’) In den nächsten 32 Jahren bis zu seinem Rücktritt aus Altersgründen 1979 sorgte Abravanel dafür, dass das Orchester seinem Namen mehr als gerecht wurde: er führte es, u.a. mit zwei gefeierten Europatourneen 1966 und 1975, zu weltweitem Ruhm; vor allem auch dadurch, dass er ungefähr zeitgleich mit Bernstein und also als einer der Ersten Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre sämtliche Symphonien Mahlers aufführte und für das Label "Vanguard Classics" einspielte. Komplette Zyklen der Tschaikowsky-, Brahms- und Sibeliussymphonien folgten, außerdem jede Menge Aufnahmen neuerer Musik von Varèse, Copland, Stravinsky, Honegger, Rorem, W. Schumann, Morton Gould und natürlich Weill und Raritäten wie Orchestermusik von Satie, Goldmark, Enescu oder Bloch. In Utah präsentierte er außerdem als einer der ersten in den USA intensiv die Musik von Anton Bruckner; leider hat sich dieses Engagement nicht in einem Schallplattenzyklus niedergeschlagen.

      Als Abravanels Aufnahmen in Vanguards preiswerter "Everyman-Series" erschienen, hatte er in Europa seinen Ruf als "Billig-Dirigent" weg. Ohnehin war in dem die siebziger Jahre beherrschenden Antagonismus zwischen Bernstein und Karajan kaum Platz für einen anderen Dirigenten. Des öfteren habe ich von Hörern gelesen, die in den Siebzigern zunächst mit seinen Schallplatten zu hören begannen, weil diese so preiswert zu haben waren, ihn eben aus diesem Grund später gering schätzten und noch später erstaunt und beglückt zu seinen Aufnahmen zurückkehrten.

      Wie René Leibowitz in den sechziger Jahren Beethovens Sinfonien entschlackt und vom Bombast befreit hat, so hat Maurice Abravanel in den Siebzigern das gleiche mit Tschaikowsky und Sibelius getan. Abravanel steht für mich für Helligkeit, Frische und Klarheit, für Befreiung und Erleichterung der Musik.



      Seine Mahleraufnahmen klingen schlicht, beim ersten Hören beinahe unbekümmert naiv, aber es steckt viel Rafinesse und eine große Sorgfalt dahinter, ungeheure Genauigkeit in der Balance der Orchesterfarben und große Bewusstheit in der Wahl der meist straffen Tempi. Abravanel hat eine unprätentiöse, nachgerade klassische Mahlerauffassung, deutlich verweist er auf einerseits auf die Herkünfte aus Blas- und Volksmusik, andererseits aber auch aus der deutschen Klassik und Frühromantik. Unvermutet scheint Weber durch, Mendelssohn - lichte Klarheit. Abravanel erscheint mir als der Mahlerinterpret, dem es am wenigsten um die ästhetische Überwältigung des Hörers mittels Jahrhundertwende-Klangrausch zu tun ist, ja er scheint jeglicher Überwältigungsästhetik durchaus und von Grund auf zu misstrauen. Dabei sind seine Interpretationen alles andere als unsinnlich. Auch wenn er eher auf klare klangliche Trennung der Instrumentengruppen statt auf ein Verschmelzen des Klanges aus ist (die ungemein trockene Akustik der Vanguard-Aufnahmen tut das ihre dazu) - langweilig, stur oder dröge wirkt das auf mich in keinem Moment, vielmehr wird mir oft der ganze Reichtum der Partituren erst in seinen Interpretationen deutlich, die jeder Nebenstimme ihr Recht lassen, nichts verwuscheln und verwischen. Durchaus französische Eleganz (hier erinnert er dann tatsächlich an Ansermet) finde ich in seinen Phrasierungen und den Binnenbögen, die er spannt.

      Abravanels Sibelius-Aufnahmen bin ich seit langem völlig verfallen - es gelingt mir nicht, obwohl ich es wirklich viel versucht habe, eine andere Herangehensweise an diese Musik auch nur im entferntesten zu goutieren; neben seinen klaren, trockenen und gerade in ihrer unerbittlichen Ruhe an vielen Stellen so ungeheuer emotional berührenden Sibelius-Aufnahmen erscheinen mir alle anderen als übertrieben pathetisch, geradezu verlogen gefühlsbetont. Abravanels Tschaikowsky lerne ich gerade kennen, und eine ähnliche Erfahrung bahnt sich hier an - auch wenn Mravinskys Einspielungen der letzten Tschaikowsky-Sinfonien auch neben Abravanel ihren Stellenwert für mich behalten werden. Bei Mahler geht es mir anders, hier ist für mich einiges möglich, von dem Abravanel in gewisser Weise ähnlichen, wenngleich weniger konsequenten und zugleich weniger eleganten Gielen über den so ganz anders berauschenden Sinopoli bis zu begeisternden Einzelaufnahmen von Scherchen, Blomstedt, Svetlanov, Kondrashin oder Salonen. Trotzdem: zu Abravanel zieht es mich auch bei Mahler immer wieder zurück (so sehr, dass ich letztens noch bei ebay die alte Vanguard-LP-Box der GA ersteigert habe, obwohl ich bis auf die Dritte schon alle Aufnahmen auf CD hatte...).

      Die meisten der Vanguard-Einzelaufnahmen sind relativ preisgünstig über den amazon-Marktplatz zu haben - manche andere (wie die gezeigte Mahler-GA) zu Mondpreisen. Warnen möchte ich vor den "Silverline"-Wiederveröffentlichungen, allerdings basiert meine Warnung auf der Kenntnis einer einzigen, nämlich der Vaughan Williams-CD: die klingt äußerst eigenartig ins Hallige, Breitbandige hinein remastered.

      Soviel von mir. Noch jemand hier, dem Abravanel etwas bedeutet?

      Grüße
      vom Don
    • RE: Maurice Abravanel - französische Eleganz, amerikanische Unbekümmertheit

      Don Fatale schrieb:

      Noch jemand hier, dem Abravanel etwas bedeutet?


      Ja, zumindest einen gibt es!

      Abravanels Mahler schätze ich ähnlich hoch ein wie der Don, würde den Interpretationsansatz aber weniger als »naiv« beschreiben, denn als auf unprätentiöse Art hochexpressiv. Keine vordergründige Emotionalität, der Orchesterklang ist vergleichsweise schlank und sehnig, streckenweise auf eine positive Art kantig, die Tempi sind durchgehend eher zügig. Das Orchester daselbst gerät bisweilen allerdings durchaus an seine Grenzen (etwa im Kopfsatz der Dritten, wo manches recht inhomogen klingt, oder auch in der Fünften). Insgesamt ein unbedingt hörenswerten Mahler-Zyklus, den ich keinesfalls missen möchte. Besonders heraus stechen IMO die Nrn. 4 ( :juhu: :juhu: :juhu: ), 6, 7 ( :juhu: :juhu: :juhu: ), 9 und 10.

      Lange nicht gehört aber als sehr gut in Erinnerung habe ich auch Abravanels Brahms-Zyklus:



      Muss ich unbedingt mal wieder hören.

      Die von mir an sich nicht so sehr geschätzten Tschaikowski-Symphonien besitze ich auch mit Abravanel. Die Einspielungen können neben den mir bekannten Vergleichseinspielungen (Markevitch [1-6], Rostropowitsch [1-6], Mravinsky [4-6], Bernstein [4-6]) durchaus bestehen (im Kopfsatz der Winterträume-Symphonie erinnere ich allerdings einige Merkwürdigkeiten hinsichtlich der Tempogestaltung):



      Beeindruckend ist Abravanels Interpretation des Berlioz-Requiems, das als finsteres Drama gestaltet wird. Verbockt wird die Aufnahme allerdings durch die Tontechnik, die nach einer fulminanten Explosion der Pauken und der Posaunen im Tuba mirum beim Einsatz des Chores hörbar die Regler nach unten reißt und Pauken und Posaunen kaum hörbar in Hintergrundfernen mischt. Schade! Ich habe diese Ausgabe (vielleicht ist ja das Mastering bei anderen Pressungen besser):

      [IMG:http://ecx.images-amazon.com/images/I/41WXQXWZGDL._SL500_AA300_.jpg]

      Ganz großartig ist Abravanel als Interpret von Saties Ballettmusiken. Da sprüht die Ironie, das es eine wahre Freude ist. Ich habe eine uralte, wohl gestrichene CD, die den Titel »Hommage to Satie I« trägt (enthalten sind Parade, Les Aventures de Mercure, La Belle Exentrique, Cinq Grimaces pour »Un Songe d’une nuit d’été« und Reláche). Einige der Werke (Parade, Les Aventures de Mercure, Reláche) gibt es wohl noch in dieser Kopplung:

      [IMG:http://ecx.images-amazon.com/images/I/51XC30VMGNL._SL500_AA300_.jpg]

      Richtig gut ist auch Abravanels Lesart von Vareses Amériques, die sich mühelos neben Boulez, Nagano und Chailly behaupten kann (die gekoppelte Einspielung von Honeggers Pacific 231 kann sich auch hören lassen):

      [IMG:http://ecx.images-amazon.com/images/I/21V0C1KNJQL._SL500_AA300_.jpg]


      Ansonsten habe ich noch Abravanels in der VOX-BOX »American Orchestral Music« enthaltene Einspielungen der 7. Symphonie von William Schuman und der 3. von Ned Rorem. Müsste ich aber wieder mal hören, um i-was dazu sagen zu können.

      Seine Sibelius-Interperetationen kenne ich bisher gar nicht.

      Adieu,
      Algabal
      Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.
    • Auch mir bedeutet Abravanel viel - habe seinerzeit seine Mahler-Symphonien kennen und schätzen gelernt, mit der fast unmittelbaren Folge, daß Soltis Mahler - bis dahin für mich der Maßstab schlechthin - für mich verblaßte. Was mir bei diesem zwar technisch brilliant, aber letztlich kühl und unnahbar erschien, überzeugte mich bei jenem als lebendig-zupackend. Irgendwo schreibt Adorno, daß ihm der Eingang der Ersten wie eine alte Dampflokomotive, pfeifend, schnaubend usw. erschien, das finde ich treffend (Soltis Mahler dagegen wäre ein moderner Hochgeschwindigkeitszug). Perfekt ist das Utah Symphony Orchestra beileibe nicht, doch ebendas fand ich bei Mahler immer faszinierend. Auch ich finde Abravanels Siebte großartig, ebenso die Neunte.

      Möglicherweise war Abravanels Übernahme des Orchesters in Salt Lake City nicht ganz so exotisch: Wenn ich mich richtig erinnere, gab es dort nicht wenige Musiker, die aus Europa emigriert, als Juden Hitlerdeutschland entronnen waren. Ich war selbst mal in dieser abgelegenen Stadt zu Besuch und habe dort viele Deutsche getroffen.

      In meiner Sammlung befinden sich ein paar Aufnahmen, auch die von Algabal erwähnte Varèse/Honegger-CD, die Satie-CD, das Berlioz-Requiem und die Brahms-Symphonien, außerdem eine Doppel-CD mit Beethoven (Schauspielmusik zu Egmont, Die Geschöpfe des Prometheus) und Schubert (komplette Musik zu Rosamunde) - alles lange nicht mehr gehört, so daß ich momentan nichts Genaueres dazu sagen kann.

      Und danke, lieber Don, für diese schöne Einführung!

      :wink:

      Nachtrag: Gefunden habe ich eben noch dieses bei mir:


      Fiddle Faddle: Musik von Leroy Anderson

      Und noch etwas:


      Mit Abravanel und seinem Utah Symphony Orchestra gibt es hier zwei Werke von Louis Moreau Gottschalk (Grand Tarantella for Piano and Orchestra, Symphony "A Night in the Tropics").
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
      Künstler und Schwein gelten erst nach dem Tode etwas.
      Max Reger
    • Ja, auch mir bedeutet Abravanel etwas - und nicht nur etwas, sondern sehr, sehr viel, denn ich habe viel von dem, was mir zum Vademecum wurde, in jüngeren Jahren durch seine Aufnahmen kennengelernt. Etwa Honeggers "Roi David" und seine geniale "Judith" und die "Création du monde", obendrein die Sibelius-Symphonien (immer noch Referenz, obwohl einem das niemand glauben will, der sie nicht kennt), auch Tschaikowskij. Bei Mahler muß man wegen des Orchesters Abstriche machen, das an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit spielt (aber vielleicht hat Mahler im Grunde ja sogar diese Gratwanderung gewollt) - dennoch gelingt Abravanel das berührendste 10.-Adagio, und seine Interpretation der Sechsten ist am Schluß ähnlich nihilistisch-neuartig wie die des wesentlich späteren Boulez. Übrigens noch etwas: Abravanels Mahler-Zyklus entstand nur ganz geringfügig später als Bernsteins erster und war natürlich lange vorbereitet. Somit zählt Abravanel zu den großen Pionieren in Sachen Mahler.

      Wer Aufnahmen ergattern kann (in den USA ist es einfacher) - hier meine Abravanel-Tipps:
      - Berlioz: Requiem
      - Honegger: Judith
      - Mahler: 6 und Adagio 10 (letzteres gekoppelt mit einer bewegenden Einspielung der 9.)
      - Milhaud: Pacem in Terris
      - Satie: Orchestermusik
      - Sibelius: Vierte und fünfte Symphonie
      - Tschaikowskij: 5 und 6

      So bleibt mir nur, den Titel des Threads zu hinterfragen: "Amerikanische Unbekümmertheit" leitet die Aufmerksamkein in eine falsche Richtung. Unbekümmert scheinen mir Gestalten wie Schwartz, von denen die armen Partituren auf immer dieselbe Weise heruntergeknallt werden. Abravanel hingegen hatte die wunderbare Begabung, die Idee des Komponisten zu erfassen und durch die Aufführung zu verdeutlichen. Insoferne war Abravanel ein skrupulöser Diener am Werk, das er dem Zuhörer in leuchtendsten Farben an Ohren und Herz legt.
      :wink:
      Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)
    • Edwin schrieb:

      "Amerikanische Unbekümmertheit" leitet die Aufmerksamkein in eine falsche Richtung. Unbekümmert scheinen mir Gestalten wie Schwartz, von denen die armen Partituren auf immer dieselbe Weise heruntergeknallt werden. Abravanel hingegen hatte die wunderbare Begabung, die Idee des Komponisten zu erfassen und durch die Aufführung zu verdeutlichen. Insoferne war Abravanel ein skrupulöser Diener am Werk, das er dem Zuhörer in leuchtendsten Farben an Ohren und Herz legt.


      Das ist sehr hübsch charakterisiert, und es liegt mir völlig fern, dir zu widersprechen. "Unbekümmertheit" um europäische Aufführungstraditionen, die Komponisten und ihre Werke auf Piedestale der Erhabenheit oder des Sentiments hieven, höre ich bei Abravanel, ähnlich wie bei Leibowitzens Beethoven; so meinte ich es. Vor allem sein Sibelius, aber auch sein Tschaikowsky, kommt in diesem Sinne so unbekümmert um traditionelle Konventionen des Ausdrucks und in so fröhlicher Sachlichkeit daher, dass es (mir zumindest und, wie ich erfreut bemerke, einigen anderen auch) eine ungeheure Lust ist. Freilich steckt dahinter genauestes Lesen der Partituren. Abravanels Kunst ist alles andere als naiv.

      Grüße
      vom Don
    • Lieber Don,
      so ist es natürlich richtig. Aber das Wort "Unbekümmertheit" bedeutet in erster Linie halt "schert sich nicht viel". Insoferne hast Du recht: Abravanel scherte sich nicht darum, was die Anderen aus den großen Werken gemacht hatten, sondern er ging seinen eigenen Weg - auf dem er sich allerdings sehr genau um die Noten kümmerte.
      Ein mit mir befreundeter Dirigent, der das Utah-Orchester jüngst dirigierte (und von ihm enorm angetan war), erzählte mir übrigens, daß Abravanel dort immer noch eine Legende ist, und auch junge Musiker, die ihn nicht mehr erlebt haben, fühlen sich seinem Namen verpflichtet, wodurch das Orchester nach wie vor ein leistungsstarker Klangkörper ist. Gar so viele auf so lange Zeit dermaßen prägende Dirigenten hat es nicht gegeben - und bei uns ist dieser wirklich fabelhafte Abravanel nur in den engsten Kreisen der Musik-Feinschmecker ein Begriff. Eigentlich eine Schande...!
      :wink:
      Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)
    • Don Fatale:
      Noch jemand hier, dem Abravanel etwas bedeutet?

      Ja, hier ist noch eine. Als dieser Thread eröffnet wurde, kannte ich allerdings gerade mal eine Aufnahme mit Abravanel, und diese war auch noch durch Zufall bei mir gelandet: Bernd (Zwielicht) hatte mich hier im Forum auf die Wunderhorn-Einspielung mit Heinz Rehfuss, Maureen Forrester und dem Dirigat Felix Prohaskas aufmerksam gemacht, eine Aufnahme, die ich in einer Doppel-CD unter dem Vanguard-Label fand und sehr gern höre. Die andere CD aus diesem Doppelpaket war Mahlers Erste mit Abravanel und dem Utah Symphony Orchestra, und die weckte zusammen mit diesem Thread hier meine Neugier auf weitere Aufnahmen aus Abravanels Mahler-Zyklus. Bisher sind daraus die ersten sechs Sinfonien in mein Regal gewandert; die noch fehlenden werden sicherlich in nächster Zeit dazukommen.
      Don Fatale:
      Abravanel hat eine unprätentiöse, nachgerade klassische Mahlerauffassung, deutlich verweist er auf einerseits auf die Herkünfte aus Blas- und Volksmusik, andererseits aber auch aus der deutschen Klassik und Frühromantik. Unvermutet scheint Weber durch, Mendelssohn - lichte Klarheit.

      Anklänge an Weber, Mendelssohn, Nicolai – das waren meine auch ersten Assoziationen, als ich diese Aufnahme hörte, und das waren sonst nicht gerade die ersten, die mir bei diesem Komponisten einfielen. Und als nächstes kamen dann Fragen: Was macht Mahler mit der Tradition, wie steht er zu ihr, wie bricht er sie?

      Gerade für die Anklänge an die „Wunderhorn-Welt“ in den ersten Sinfonien gibt es ja mehrere Möglichkeiten der Darstellung: Bei manchen Orchestern und Dirigenten habe ich den Eindruck, dass zunächst ein möglichst „naturgetreuer“ Ansatz gewählt wird – also Betonung des Ländlichen, Volkstümlichen, Naiven – der dann in den nächsten Teilen lustvoll gebrochen oder wie z. B: in der Vierten als Kulisse entlarvt wird. Vielleicht ist das auch die Interpretation, die Mahler vorschwebte, um Anklänge an den Jean-Paulschen Humor darzustellen?

      Bei Abravanel und dem Utah Symphony Orchestra höre ich einen anderen Weg:
      Durch das straffe Dirigat und den eher trockenen Klang wirkt das Ganze sehr modern, also eher urbanes street life als ländliche Kirmes oder Militärparade. Und die Volks- und Militärmusik wird – so höre ich es zumindest – in dieses Ambiente mit einbezogen, also nicht möglichst romantisierend abgebildet und dann gebrochen, sondern eher als Zitat mit den Ausdrucksmitteln der Moderne aufgerufen: a hard life, oft scharf und grell und alles andere als idyllisch - und dann kommt plötzlich ein kleines Motiv hervor, das als Struktur ganz offen und „schutzlos“ vor einem liegt, und damit unglaublich anrührend wirkt, gerade weil es so klar und unsentimental klingt.

      Ein Beispiel dafür wäre das Posthorn-Motiv in der Dritten, das bei Abravanel und dem Utah Symphony Orchestra gar nicht so ländlich-romantisch klingt und eher als Zitat in das zügige, straffe Tempo mit einbezogen wird. Und dann, wenn man schon glaubt, es sei vorbeigezogen, wird es ja noch einmal in der Solovioline aufgenommen. Manche betonen auch hier das Sentiment und rücken es bewusst in die Nähe des Kitsches, um es als Einschub des Trivialen zu zeigen. In der Aufnahme unter Abravanel klingt es eher wie ein kleiner Splitter von Sehnsucht und Utopie, ehe der normale Alltagswahnsinn wieder einsetzt.

      Der zweite Satz aus Mahlers Vierter Sinfonie ist eines der wenigen Musikstücke, die ich buchstäblich einmal im Traum gehört habe - und zwar in der Aufnahme unter Abravanel, die auch wieder zügig daherkommt, einerseits den Eindruck des Grellen (das aber auf eigenartige Weise ins Tänzerische, Elegante eingebunden wird), gleichzeitig aber auch den des Schillernden, Spöttischen und auch Scheinhaften erweckt. Und in diesem Traum hörte ich nicht nur, sondern sah auch „Freund Hein“ (oder zumindest eine ähnliche Figur), in diesem Fall als Straßenmusikanten in einer Fußgängerzone mitten im Trubel einer Großstadt, weiß gekleidet wie ein Pierrot, zwischen den Passanten herumtanzen und fiedeln. Erst als ich vorbeiging, sah ich sein mokantes Grinsen und wachte auf. Uff… :faint:

      Abravanels Einspielungen von Sibelius und Tschaikowsky kenne ich noch nicht; beides sind Komponisten, mit denen ich bisher nicht viel anfangen konnte. Zumindest der Sibelius-Zyklus steht allerdings recht weit oben auf meiner Liste.
      Don Fatale:
      …neben seinen klaren, trockenen und gerade in ihrer unerbittlichen Ruhe an vielen Stellen so ungeheuer emotional berührenden Sibelius-Aufnahmen erscheinen mir alle anderen als übertrieben pathetisch, geradezu verlogen gefühlsbetont.


      Emotional berührend, weil klar, trocken und unerbittlich, dazu die Offenlegung der Strukturen – das kommt dem, was mich auch an Abravanels Mahler so fasziniert, ziemlich nahe, und ich denke, dass ich auch was den Sibelius angeht da einige Vorurteile über Bord werfen kann.

      Zwei sehr historische Aufnahmen aus Abravanels Anfangszeit an der Met sind inzwischen auch dazugekommen – „Samson et Dalila“ (1936) und „Les Contes d’ Hoffmann“(1937). Beide müsste ich aber noch häufiger hören, um etwas mehr dazu schreiben zu können.

      Viele Grüße
      Federica
    • Ich kenne Abravanel bisher überhaupt nicht.


      Was ihr hier schreibt klingt unglaublich interessant und vielversprechend. Aber ich gebe so schon viel zu viel für Musik aus. Mal sehen vielleicht merke ich ihn mir ja und komme später darauf zurück.
      Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum (Nietzsche)
      In der Tat spuckte ... der teuflische Blechtrichter nun alsbald jene Mischung von Bronchialschleim und zerkautem Gummi aus, welchen die Besitzer von Grammophonen und Abonnenten von Radios übereingekommen sind Musik zu nennen (H Hesse)
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      Im übrigen bin ich der Meinung, dass immer Sommerzeit sein sollte (gerade im Winter)