Wilhelmine von Bayreuth: "Argenore" - Bayreuth, Markgräfliches Opernhaus, 8.5.2009

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    • Wilhelmine von Bayreuth: "Argenore" - Bayreuth, Markgräfliches Opernhaus, 8.5.2009

      Ich wollte ja meine Opernkritik schon viel früher schreiben. Aber gut, hier ist sie.

      Man braucht natürlich nicht viel über eines schwätzen, was unumstößlich ist. Das Markgräfliche Opernhaus ist wahrscheinlich eines der schönsten Opernhäuser Deutschlands oder gar der Welt und wo sollte Oper aufgeführt werden, wenn nicht dort und was ist dort passender als Wilhelmines eigenes Werk!

      Kurz zur Oper selbst. "Argenore" ist eine typische Opera seria und ein Kind der Zeit. Im Programmheft wird Wilhelmine als Komponistin auch als auf der Höhe ihrer Zeit bezeichnet, aber da mag man sich darüber streiten. Natürlich kannte sie die großen, wahren Meister wie Hasse und Graun aus eigener Anschauung. Im Vergleich zu Hasse wirkt natürlich Wilhelmines Werk bescheiden und wenn auch ihr Wunsch eher nach etwas Schlichtem stand, dann doch dennoch etwas zu schlicht. Die Oper besteht durchweg aus Arien, welche allein von den Sängern gesungen werden. Duette oder gar großartige Chöre, wenn auch bei kleinen italienischen Opern nicht so wichtig, sucht man vergebens. Alles hält Maß und mich als überzeugtem Französling ist das ganze zu wenig, so dass ich in modernem Anzug oder so, wahrscheinlich schlicht eingeschlafen wäre, denn manche Arien waren in der Tat ermüdend lang. Doch wie schon angedeutet, habe ich von Musik keine Ahnung und kann nur mein persönliches Empfinden schildern.

      Jetzt aber zur Inszenierung.

      Bühnenbild und Kostüme:

      Da war man sparsam. Ein paar Säulen wurden immer mal hin und her geschoben. Ein Thron war noch am ehesten ein Bezugspunkt außer der Darsteller für die Augen. Die Kostüme stammten wahrscheinlich aus einem Fundus, waren aber erträglich, ich würde sogar sagen besser als im Vorjahr bei "Les Fêtes d'Hébé", was wahrscheinlich mit einem ähnlich kleinen Budget auskommen musste. Immerhin kamen Schwerter immer mal vor und die waren wirklich ein guter Einfall. Am besten gefiel mir die Hauptrolle des Königs Argenore, nicht nur weil er ein ausgesprochen guter Kontertenor war, sondern auch weil er am Anfang mit seiner schönen Perrücke und einem goldenen Lorbeerkranz im Haar usw. sehr majestätisch wirkte und einfach als König rüberkam.



      Sänger und Orchester:

      Da hatte ich nichts zu beanstanden. Die Hofkapelle Batzdorf unter der Leitung von Viktor Lukas spielt sauber und traf immer das Gespür für den Geschmack der Zeit. Die Herren trugen übrigens durchweg Fräcke, was mich für ein Ensemble für Alte Musik, die man nur in schwarzen Hemden oder Pullis kennt, offengestanden angenehm überraschte. Am Folgetag traf ich eine Violinistin im Park der Eremitage, wo ich mich engagierte. Sie erzählte mir, dass der Schwerpunkt der bei Dresden beheimateten Truppe auf Hasse läge. Nur leider sei es eben nur selten möglich wirklich angemessen Hasse-Opern aufzuführen. Das spricht für das Orchester genug.

      Die Sänger waren durchweg ordentlich. Ormondo, der Held, und Argenore konnten obendrein sogar sehr gut schauspielern, was ich gerade bei schwächeren Opern wichtig finde, damit die Zuschauer bei der Stange bleiben.

      Ablauf:

      Die Handlung selbst kann man hier nachlesen: venyoo.de/veranstaltung/111023…liches-opernhaus-bayreuth

      Der Handlungsablauf wurde immer wieder unterbrochen und von einem Schauspieler, der sich später als Hasse selbst bezeichnete, erklärt. Manche Szenen wurden gekürzt (vor allem scheinbar eine große Gefängnisszene) und statt dessen eher auf die Komponistin Wilhelmine und ihr Verhältnis zu dieser Oper und die Musik im Allgemeinen eingegangen. Das Ganze war aber nicht direkt störend. Die Rezitative wurden ins Deutsche übertragen. Das muss bei dieser Oper im Speziellen vielleicht nicht belegt sein, fand ich aber nicht dramatisch schlimm. Im Programmheft und im Internet kann man von einer Beratung für „Barocke Schauspielkunst“ Nils Niemann lesen. Aber mir fiel da nicht viel barocke Gestik auf. Vielleicht bin ich da aber ein bisschen durch das Living History verseucht und kann das nicht sehen, wenn das nicht wirklich hervorragend gemacht wird.

      Etwas Wichtiges wäre noch zu sagen. Scheinbar begriff der Regisseur oder der Dirigent, dass die Oper doch etwas trocken anmutete. So wurde nach Mord und Totschlag und dem tragischen Ende zum Abschluss einfach ein berühmter Chor aus Hasses "Cleofide" gesetzt. Die Idee, das muss ich zugeben, fand ich genial. Denn solche Einfälle kommen mir höchst authentisch vor. :thumbsup: So bekam das Ganze wenigstens am Ende nochmal Pfeffer.

      Bilder von der Aufführung zum besseren Verständnis findet man hier: 18tes-jahrhundert.de/Data/2009/Bayreuth_2009_Oper_II.htm



      Rundum kann ich nur sagen. Ich fand die Oper interessant vom historischen Standpunkt, weil einfach die Wilhelmine dadurch in ihrem Gesamtschaffen plastischer wird. Ihre Memoiren habe ich ja bereits gelesen. Als CD würde ich mir die Oper nicht kaufen. Erst der beeindruckende Opernraum des Markgräflichen Opernhauses macht die Oper "Argenore" so recht verdaulich, auch wenn der Operninnenraum fast abgesetzt prächtig im Vergleich zu dieser an Höhepunkten eher armen Oper wirkt.
    • Lieber Ramist, da wäre ich gerne dabei gewesen! Ist zwar musikalisch nicht unbedingt meine Zeit, aber Wilhelmine von Bayreuth ist (wie natürlich auch ihr Bruder Friedrich II ) eine sehr interessante Figur. Ihre kompositorischen Fähigkeiten - davon hätte ich mir gerne einen Eindruck gemacht. Die Memoiren kenne ich auch auch. Was für eine grauenvolle Kindheit die beiden hatten, was für schlimme Eltern! Das zu lesen fand ich streckenweise kaum auszuhalten. (Das Thema Kindheit halte ich für zentral, leider vernachlässigt und historisch sind die einzigen persönlichen Zeugnisse die der (Hoch-)Aristokratie und des Großbürgertums, soweit es überhaupt etwas gibt. So kam ich auch auf Louis XIII, wegen der Tagebücher seines Leibarztes, aber das wird jetzt zu OT).
      Vielen Dank für Deine wie ich fand sehr plastische Schilderung der Aufführung!
      Eins noch: Weisst Du denn von einer CD-Aufnahme - auch wenn Du sie Dir nicht kaufen würdest? :?:

      Viele Grüße, Ludwig
    • CD-Aufnahmen

      Eine Arie aus der Oper gab es auf einer Sammel-CD zur Musik am Bayreuther Hof. Ich kann mal daheim schauen wie die CD heißt.

      Grundsätzlich. Wenn man in das Opernhaus zu einer Oper will, sollte man sich sputen, da es ab Herbst vorerst geschlossen wird. Im Herbst gibt es immerhin "L'Huomo" am 3.10. zu sehen, wobei das Libretto von der Markgräfin stammt. Die Oper selbst ist von Bernasconi. bayreuth.de/event/5689/details_490.htm

      "L'Huomo" wird überdies im Ekhoftheater Gotha, ebenfalls einem historischen, schönen Theater zu sehen und hören sein.

      ekhof-festival.de/programmdetail.asp?id=11624



      Dieses Jahr ist eben neben Händel auch Wilhelmine Trumpf, auch wenn die Festlichkeiten anlässlich des Todes- und Geburtsjahres bei der Markgräfin über 2 Jahre 2008-2009 gehen. 1758 ist sie gestorben und 1709 geboren worden.
    • Uff, ja, mal gucken. Es ist von Berlin so elend lang und umständlich, nach Bayreuth zu kommen. Am besten mit dem Wagen, aber das geht bei mir gerade nicht, da ich Augenprobleme habe.
      Zurück zum Thema, oder zumindest etwas näher heran: Meinst Du die CD? Die Rückseite ist wahnsinnig schlecht eingescannt und die Angaben Amazon-typisch haarsträubend, aber als erster (Komponisten-)Name scheint da Wilhelmine von Bayreuth zu stehen.

    • Ramist schrieb:

      Ich fand es erstaunlich, dass sich die FAZ auch mal mit einer "Provinzbühne" beschäftigt.


      Also so selten macht das die FAZ gar nicht- man liest häufiger Berichte über Aufführungen an kleineren Häusern.

      Herzliche Grüße, :wink: :wink:

      Christian
      Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

      Cato der Ältere