Berg: Lulu - Salzburger Festspiele (Premiere 1.8.2010)

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    • Berg: Lulu - Salzburger Festspiele (Premiere 1.8.2010)

      Patricia Petibon, Lulu
      Tanja Ariane Baumgartner, Gräfin Geschwitz
      Pavol Breslik, Der Maler
      Michael Volle, Dr. Schön
      Franz Grundheber, Schigolch
      Thomas Piffka, Alwa
      Thomas Johannes Mayer, Athlet
      Cora Burggraaf, Gymnasiast/Garderobiere
      Heinz Zednik, Prinz/Kammerdiener
      u.a.

      Inszenierung Vera Nemirowa
      Bühnenbild Daniel Richter

      Wiener Philharmoniker
      Musikalische Leitung Marc Albrecht

      Eine Lulu aus Sicht einer weiblichen Regisseurin - das hätte interessant werden können. Leider kam aber nur eine sehr unentschlossene, zerfaserte und ein wenig konzeptlos wirkende Produktion dabei heraus. Als Bühnenbild dienen großformatige abstrakte Bilder Daniel Richters, die im 2. und 3. Akt die gesamte Breite der riesigen Bühne der Felsenreitschule ausfüllen, davor eine minimalistische Dekoration, die allerdings ebensowenig wie die Inszenierung immer so genau weiß, ob sie stilisiert abstrakt oder handfest konkret sein will. An einigen wenigen Stellen passt sich die Inszenierung den Bildern an und lässt die Personen in komponierten Bildern fast erstarren, weit voneinander entfernt die Bühne ausfüllend. Ein solche stark stilisierte Inszenierung könnte ich mir spannend vorstellen, wenn so das ganze Stück und die Gestalt der Lulu auf eine quasi mythische Ebene gehoben würden. Hier aber waren das nur einzelne Momente, während die Handlung ansonsten meist recht konkret, aber spannungslos umgesetzt wurde. Manche Einfälle wurden auch einfach übertrieben. Dass Lulu sich immer dann die hochhackigen Schuhe auszieht, wenn Musik und Text den Menschen hinter der Maske erkennen lassen, das hat man schnell verstanden und das ist ab dem 3. Mal vorhersehbar. Ebenso wenig erhellend ist der Ehering, den Lulu zu Anfang dem toten Medizinalrat vom Finger zieht, dann dem Maler und später schließlich Dr. Schön aufsteckt, und der dann aus der Inszenierung verschwindet. Solche ein wenig hilflos wirkenden Stilisierungsversuche stehen neben Gewalt und deftigen Griffen in den Schritt sowie bemerkenswert unsinnlichen Sexszenen, in denen es nicht gelingt, die geringste Spannung zwischen den Figuren entstehen zu lassen. Was nicht an der Darstellern liegt, denn die machten ihre Sache sehr gut, sondern an einer unsensiblen und detailarmen Personenregie. Man muss nicht an die packende Lulu Calixto Bieitos in Basel denken, um die Version Nemirowas langweilig zu finden.

      Einen Teil eines Stücks im Foyer oder im Publikum zu inszenieren, das hat Nemirowa nicht erfunden, aber in der Lulu durchaus effektvoll eingesetzt: Das Paris-Bild nämlich spielt zum großen Teil über den gesamten Zuschauerraum verteilt und bezieht damit das Publikum in die feiernde Gesellschaft mit ein. Bei der Gelegenheit wurde übrigens amüsanterweise auch der im Saal sitzende Wolfgang Rihm mit einem Glas Champagner in die Szene eingebaut. Das ganze war in weiten Teilen schwungvoll gemacht und rettete das Paris-Bild vor den gelegentlichen Längen. Na ja, so ganz ohne rumzumeckern kann ich aber auch das nicht stehen lassen: Wie das gerade nicht benötigte Personal am Rand unterhalb der Bühne “geparkt” wird und dort ein wenig rumturnt während die Handlung anderswo weitergeht, auch das wirkt wieder etwas hilflos.

      Musikalisch allerdings war der Abend meiner Ansicht nach eine Sensation. Was die Wiener Philharmoniker unter Marc Albrecht hier an Farben erzeugen und an Klangsinnlichkeit verströmten, das war wirklich umwerfend. Ein lyrischer und spät-romantischer Alban Berg kam hier zum Vorschein, und das wirkte auf mich rundum überzeugend. Wer seine Lulu lieber etwas schroffer goutiert, wird vielleicht an der ein oder anderen dramatischeren Stelle nicht vollständig zufrieden sein, mir kamen solche Gedanken während der Vorstellung aber nicht. Und bei der Besetzung blieben kaum Wünsche offen. Patricia Petibon brauchte ein wenig Zeit um sich warm zu singen (war es der Raum? oder war das Orchester für sie anfänglich zu laut?), war dann aber grandios, mühelos zwischen kalter, sich an der eigenen Macht berauschender femme fatale, sinnlicher Verführerin und verletzlichem Opfer changierend. Michael Volle ist ein phänomenaler Sänger-Darsteller, das wissen alle (außer dem Münchner Intendanten Bachler...), und er war hier wieder einmal in jeder Szene die bestimmende Figur auf der Bühne. Vermutlich wurde Dr. Schön nie menschlicher gesungen als in dieser Aufführung. Auch Thomas Piffka als Alwa beeindruckte durch seine Rollengestaltung, ebenso wie die Tanja Ariane Baumgartner als Geschwitz. Deren Schlussgesang mit den Wiener Philharmonikern von gestern und in der Inszenierung von Bieito - das wäre was! Thomas Johannes Mayer als Tierbändiger und Athlet war mitreißend, Pavol Breslik als Maler ebenso. Und Franz Grundheber ein Vergnügen als Schigolch. Dass ein Heinz Zednik die kleinen Rollen des Prinzen und des Kammerdieners übernimmt, kann es wohl nur in Salzburg geben. Und mit welcher Hingabe er dies tut!


      Die Premiere kann man am 2.8. um 22:45 bei ORF 2 sehen, am 7.8. dann um 20:15 bei 3sat, so dass sich jeder selber ein Bild machen kann.
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Und für die Menschen ohne televisionären Gerätschaften: am 7. 8. 2010 gibt es das Ganze ab 19.30 in Ö1. - Mal sehen ob ich´s hören werde.


      "Alles Syphilis, dachte Des Esseintes, und sein Auge war gebannt, festgehaftet an den entsetzlichen Tigerflecken des Caladiums. Und plötzlich hatte er die Vision einer unablässig vom Gift der vergangenen Zeiten zerfressenen Menschheit."
      Joris-Karl Huysmans
    • Die Premiere kann man am 2.8. um 22:45 bei ORF 2 sehen, am 7.8. dann um 20:15 bei 3sat, so dass sich jeder selber ein Bild machen kann.
      danke für den Tipp, dann kommt man früher an den Lulu- Mitschnitt heran....

      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Wer hat die Fernsehübertragung eben bei 3sat verfolgt? Abgesehen davon, dass die Tontechnik ein wenig übertrieben und die Sänger in fast unnatürlicher Weise in den Vordergrund geholt hat, fühle ich mich jedenfalls in meiner euphorischen Beschreibung der musikalischen Qualitäten der Aufführung bestätigt. :juhu:

      Michel
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Aufführung am 6.8.2010

      Diese „Lulu“ wirkt in der Felsenreitschule jedenfalls deutlich besser als im TV, so groß kann der Bildschirm gar nicht sein. Denn die Kamera konzentriert sich zueist auf das Hauptgeschehen und die vor Ort auf der Bühne sichtbaren anderen Ereignisse bleiben weg. Wer von Vera Nemirova einen provozierten Skandal erwartet hat (man erinnere sich an den „Macbeth“ an der Wiener Staatsoper), der wurde schwer enttäuscht. So brav und bieder hat man die Oper wohl schon lange nicht mehr gesehen. Das liegt zum Teil sicher am Bühnenbild von Daniel Richter, bei dem man im 1.Akt noch eine Unterstützung des Stückes erkennen kann (die aufgemalte gebrochene Frauenfigur soll wohl die Zerbrechlichkeit Lulu´s deuten, die Spiegelfläche im dritten Bild allen Beteiligten – und auch dem Publikum – eben diesen Spiegel vorhalten), die Zeichnungen im 2.Akt mag interpretieren wer will, der Bühnenhintergrund im 3.Akt ist weder Paris noch London. Ist die Szene im 1. Akt noch einigermaßen real (ein Bett ist ein Bett, Auftritte und Abgänge rund um eine Wand folgen einer gewissen Logik), wird im 2. und 3. Akt die Fantasie des Besuchers angeregt. Das ist immerhin eine legitime Lösung.

      Unspektakulär ist auch die Personenführung; die Figuren profitieren zumeist von der starken Persönlichkeit einzelner Sänger. Selbst die Zentralfigur Lulu scheint eher einem Weichspülmittel entstiegen. Mag sein, dass ich „Lulu“ als Mann anders sehe und deute; Nemirova hat in Interviews ja mehrfach davon gesprochen, dass sie eine weibliche Sichtweise einbringen möchte.

      Patricia Petibon kratzt in der Titelpartie an den Grenzen ihrer stimmlichen Möglichkeiten (und weist den ursprünglich als Dirigent angekündigten Nikolaus Harnoncourt, auf dessen Wunsch Petibon engagiert worden ist, nicht unbedingt als intimen Kenner von Alban Berg´s Musik aus), überschreitet sie auch manchmal; Tanja Ariane Baumgartner spielt und singt die Gräfin Geschwitz sehr gut und festspielwürdig: sehr gut auch Michael Volle (Dr. Schön und Jack the Ripper) und Thomas Piffka (Alwa); Luxusbesetzungen sind Franz Grundheber (Schigolch) und Heinz Zednik (Prinz und Kammerdiener); mehr als achtbar und rollendeckend agieren auch alle anderen Mitwirkenden.

      Marc Albrecht führt die Wiener Philharmoniker aufmerksam und diese spielen Alban Berg so, als ob es das tägliche Brot wäre.
    • Lulu 8. Aug.

      Wunderbar transparent vom Orchester gespielt, da kamen die kammermusikalischen Momente richtig zur Geltung.
      Sehr gut gefallen hat mir der kräftig-kontrollierte Athlet des Thomas Johannes Mayer. Der ab der letzten Szene des 1. Aktes steigende Surrealismus der Inszenierung gefiel mir gut. Pavol Breslik als Maler blieb zu brav und leider unter seinen Möglichkeiten, seltsamerweise schien ihm die Rolle des Negers weitaus mehr zu liegen. Die Achilles-Ferse der Produktion war für mich auch die Petitbon.