ROSSINI: DIE ITALIENERIN IN ALGIER, Sommeroper Selzach - 3.August 2010

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    • ROSSINI: DIE ITALIENERIN IN ALGIER, Sommeroper Selzach - 3.August 2010

      Sommeroper – das klingt nicht wirklich nach Hochkultur; im Passionsspielhaus – wieder einmal die Mehrfachnutzung eines überdimensionierten Kirchenersatzes; Selzach – wo bitte liegt dieser Ort. Diese und ähnliche Gedanken schossen mir in den letzten Tagen durch den Kopf. Ich hatte vor einigen Wochen der Stichelei eines Freundes („Du fährst doch zu Opernproduktionen in ganz Europa herum; warum kommst Du nicht zu uns“) nicht widersprochen – und jetzt gab es kein zurück mehr. Und dann noch das Programm: „L´ Italiana in Algeri“ in deutscher Sprache und mit gesprochenen Rezitativen. Eine Oper also, von der alle Opernfreunde wissen, dass Lindoro kaum und Isabella nur schwer zu besetzen ist – auch in so genannten ersten Häusern. Wie kann das mitten im Nichts nur gut gehen ?!

      Zunächst also Selzach. Ein Dorf wenige Bahnminuten von Solothurn entfernt; nach Biel ist es mit dem Zug nicht viel länger; von Bern fährt man mit dem Auto rund eine Stunde. Das Passionsspielhaus. Ein einfacher, optisch an eine Scheune erinnernder Holzbau, 1895 eingeweiht und heute rund 700 Besuchern Platz bietend. Seit 1989 wird hier Oper gespielt; die 100. Aufführung wird am 8. August stattfinden.

      Bereits der erste optische Eindruck auf das Bühnenbild lässt den staats- und startheaterverwöhnten Besucher positiv gestimmt werden. Da hat der Ausstatter (Oskar Fluri) zweifellos jede Menge Anleihen bei Jean-Pierre Ponnelle genommen (und es gibt kein besseres Vorbild) und hat ein gleichermaßen buntes wie praktikables Bühnenbild geschaffen, das immer wieder an (tatsächlich existierende) pittoreske Häuser und Höfe in Nordafrika oder im Bereich der Mauren erinnert. Und auch die bunten Kostüme sind eine Mischung aus Fantasie und Realität. Thomas Dietrich ist für die Inszenierung dieser Rossini-Buffa verantwortlich und widersteht der Versuchung, die Oper als plumpen Klamauk zu präsentieren, bestmöglich. Drei ältere Männer sitzen, wie man es in jedem arabischen Kaffeehaus erleben kann, bei Kaffee, Wasserpfeife und Brettspiel als stille Beobachter des Geschehens am Bühnenrand; wenn der Bey von seinen ausländischen Frauen spricht, nimmt (ähnlich Leporello in der Registerarie) Haly eine Bildersammlung dieser Damen in die Hand; Taddeo wird optisch zu einem spleenigen Engländer in Tropenkleidung und mit Schmetterlingsnetz; köstlich der Wandel des Mustafa vom selbstherrlichen Macho über den verliebten Tölpel zum unkritisch befehlshörigen Pappataci. Dass Haly sobald er als Führer der Piraten auftritt, eine an die Fremdenlegion erinnernde Fantasieuniform trägt, ist einer der gewollten Überhöhungen der Inszenierung; dass die Frauen und Sklavinnen Mustafas auch singen, steht zwar nicht in der Partitur, macht aber Sinne.

      Chor und Orchester werden von engagierten Laien der näheren Umgebung von Selzach gestellt und bieten eine mehr als achtbare Leistung. Hier zeigt sich einmal mehr, zu welchen Höhenflügen begabte und begeisterungsfähige Amateure fähig sind, wenn sie entsprechend gefordert werden.

      Johannes Schwärsky gibt einen typengerechten Mustafa, der allerdings stimmlich immer wieder seine Grenzen auslotet, seine Gattin Elvira wird von Anne-Florence Marbot überzeugend gespielt und liebenswert gesungen, ihre Vertraute Zulma gibt Astrid-Frédérique Pfarrer in jeder Weise rollendeckend. Richard Ackermann spielt den Haly geschmeidig und hat mit seiner Arie im 2.Akt den verdienten Erfolg; Nikolaus Meer ist ein achtbarer Taddeo.

      Daniel Jenz versucht den Lindoro mit helltimbrierter Stimme bestmöglich zu interpretieren. Dass er stimmlich in den hohen Lagen an die Grenzen seiner Möglichkeiten stößt, ist bei der exponierten Lage der Rolle nur zu verständlich (am Lindoro sind schon prominente Namen gescheitert); vom Typ ist er mir zu wenig italienisch. Mittelpunkt des Abends ist die Isabella der Carmela Calvano Forte. Optisch entspricht sie optimal allen Klischees der Italienerin, die als neue Lieblingsfrau ausersehen ist und dem Bey alle Hörner der Welt aufsetzt. Und auch stimmlich lässt sie keine Wünsche offen.

      Ein aufmerksamer Begleiter für Chor und Solisten, der dem Orchester auch die erforderliche Spritzigkeit entlockt, ist Bruno Späti.

      Wie kann das nur gut gehen ? Es ist nicht nur gut gegangen, es ist sehr gut gegangen. Habe ich mir vom Begriff „Sommeroper“ nur leichte Kost erwartet, muss ich jetzt alle Vorurteile revidieren. Diese „Italienerin in Algier“ ist sehens- und hörenswert.



      Michael