PUCCINI: La Bohème - Boheme de luxe - München 28.05.09

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    • PUCCINI: La Bohème - Boheme de luxe - München 28.05.09

      Die dritte Boheme Staffel in dieser Saison.
      Um das Fazit gleich vorwegzunehmen, so richtig geheult hätte man eher bei der zweiten Serie.
      Trotzdem war es etwas Besonderes.
      Der Run auf Karten hatte bei verdoppelten Preisen schon beängstigende Ausmaße.
      Der Rezenzent verdankt seine einer vorübergehenden Schwäche des online Buchungssystems der BSO.
      Die Stammbesetzung und die Schenkinszenierung blieben natürlich, man wechselt nur immer Mimi, Rodolfo und den Dirigenten.
      Diesmal auch den Colline, warum auch immer.
      Die Protagonisten:
      Maestro Daniele Calligari
      Mimi Anna Netrebko
      Rodolfo Joseph Calleja
      Colline John Relyea
      Der Vollständigkeit halber:
      Musetta Jessica Muirhead
      Marcello Nikolay Borchev
      Schaunard Christian Rieger
      Colline John Relyea
      Parpignol Ho-Chul Lee
      Benoît Alfred Kuhn
      Alcindoro Rüdiger Trebes
      Ein Zöllner Christopher Magiera
      Sergeant der Zollwache Igor Bakan
      Es war ein Event.
      Sponsoren- und sonstige Empfänge.
      Und als special service durften die "Suche Karte"-Menschen vorm Bühneneingang dem Star aus einem offenen Fenster beim Einsingen zuhören.
      (war wohl eher ein nicht geplantes Versehen, ist aber Tatsache, hab es selbst gehört)
      Die schon etwas ältere Schenk-Inszenierung ist absolut traditionell. Im ersten und vierten Bild sieht man die ärmliche Künstlerbude unterm Dach als Häuschen auf der großen BSO Bühne.
      Im zweiten Bild eine Straßenkreuzung mit Strassencafe und Menschenmassen einschließlich Soldatenaufmarsch, im dritten die Außenseite des Hauses mit Vorplatz sowie "leise rieselt der Schnee".
      Daniele Calligari dirigierte eine recht beschwingte, grundsolide und sängerfreundliche Boheme ohne große Ausbrüche. Der Chor fiel nicht weiter auf, man darf diesbezüglich gespannt sein, im Juli bekommt er einiges zu tun.
      Die Szenen mit den Künstlerfreunden machen bei diesem eingespielten Team immer wieder Spaß, man hat sie aber schon lockerer gesehen als am Donnerstag.
      Jessica Muirhead tut sich schwer mit der Musetta, sowohl stimmlich als auch darstellerisch. Ihre Arie geht irgendwie einfach unter.
      Nikolay Borchev kommt leider mit seinem sehr hellen und nicht sehr großen Bariton als Marcello öfter mal ins Schlingern.
      Warum man John Relyea als Colline eingeflogen hat, bleibt ein Rätsel. Er bewegt sich gut, sieht mit seinen langen dunklen Haaren und seiner schlanken Figur gut aus auf der Bühne, die Tiefe in der Stimme passt, die Höhe ist kläglich. Man hat bessere Alternativen im eigenen Haus.
      Anna Netrebko sieht und hört man nicht so oft in München. Klar war sie die Hauptattraktion. Ihre Bühnenpräsenz besticht. Sie sah zwar nicht sehr krank aus und ließ es auch mit einem großen Anfall von Luftnot im letzten Akt gut sein, aber ihre Mimi war überzeugend. Es war keine sehr junge und scheue, eher eine verhärmte. Die dunkle Stimme klingt voller, ist in allen Lagen absolut ausgeglichen, die Phrasierung und die dynamische Bandbreite sind bestechend, sie kann aufblühen, einige Höhen waren ganz vereinzelt vielleicht etwas angestrengt.
      Nur wie schon oben angemerkt, geheult wurde nicht, die knisternde Spannung im Publikum gab es zumindest in dieser Vorstellung nicht.
      Vielleicht lag das ja auch am Rudolfo von Joseph Calleja, obwohl der den meisten Applaus erhielt. Es waren wohl sicher 15 Minuten. Man hatte sich so richtig warm geklatscht.
      Zu Calleja etwas ausführlicher, er scheint im Kommen. Natürlich hört jeder etwas anders, sieht etwas anderes, und fühlt etwas anderes.
      Ein großer und recht kräftiger Mann, am Donnerstag mit vollem dunklen (Bühnen)Haar. Er ist kein geborener Schauspieler, aber auch kein Holzklotz. Natürlich gab es einiges an Rampenstehen und wiederholtes ausführliches Händereiben wegen der Kälte am Anfang. Busseln tut er sehr gerne, wer könnte es ihm in diesem Zsammenhang verdenken, aber wie sehr sich die beiden geliebt haben, blieb eher unklar. Die Stimme: Ist sie eine Kreuzung aus Bjoerling und Pavarotti? - auch nicht ganz. Sie klingt auf jeden Fall groß, jedoch nicht unbeingt voluminös, neben Netrebko besonders auffällig. Die Farbe ist sehr schön, ein Hauch von Bariton in der tiefen und mittleren Lage, in der Höhe niemals schrill. Wo sitzt sie? Im Kopf. Der Körper ist größtenteils, zumindest in der Mitte und Höhe abgeschnitten. Die Projektionskraft bezieht sie einerseits aus dem hohen Anteil hochschwingender Frequenzen, andererseits
      aus dem Druck im Hals. Es ist kein open throat Singen. Das schnelle Vibrato, im Haus nicht so prominent, trotzdem gewöhnungsbedürftig, ist kein gesundes typisches Sängervibrato, eher das Resultat aus Produktion und Resonanz. Calleja hat alle Töne, er singt die Gelida manina untransponiert in Originaltonart, jedoch werden Töne vielfach einfach hingestellt, Bögen hört man nicht so oft, Phrasen werden zerstückelt, die Höhe blüht nicht, sie wird eher dünner, alles wirkt instrumenthaft. Im Duett ist es oft anders, fühlt er sich da sicherer? Ist er ein Musikant?

      Es war alles in allem eine gute Boheme. Danke an die Mitwirkenden.

      :pfeif:
      Servus sagt
      der isarwinkler
    • isarwinkler schrieb:

      Anna Netrebko sieht und hört man nicht so oft in München. Klar war sie die Hauptattraktion. Ihre Bühnenpräsenz besticht. Sie sah zwar nicht sehr krank aus und ließ es auch mit einem großen Anfall von Luftnot im letzten Akt gut sein, aber ihre Mimi war überzeugend. Es war keine sehr junge und scheue, eher eine verhärmte. Die dunkle Stimme klingt voller, ist in allen Lagen absolut ausgeglichen, die Phrasierung und die dynamische Bandbreite sind bestechend, sie kann aufblühen

      Hallo Isarwinkler,

      Ich war am 24.5. da. Von Netrebko war ich auch extrem angenehm überrascht. Die dynamische Bandbreite war schon erstaunlich und ich fand das Orchester zwar hervorragend, besonders zurückgehalten wurde es aber nicht. Die Netrebko kam immer drüber und das ohne an Tonschönheit in irgend einer Form einzubüssen. Ausserdem fand ich ihre musikalische Gestaltung wirklich sehr schön und spannend.

      isarwinkler schrieb:

      jedoch werden Töne vielfach einfach hingestellt, Bögen hört man nicht so oft, Phrasen werden zerstückelt, die Höhe blüht nicht, sie wird eher dünner, alles wirkt instrumenthaft. Im Duett ist es oft anders, fühlt er sich da sicherer? Ist er ein Musikant?

      Ist er aus meiner Sicht nicht. Ich habe selten so einen langweiligen Rodolfo gesehen, auch in den Duetten fand ich ihn nicht wirklich überzeugend- aber die Stimme an sich schon beeindruckend- erstaunlicherweise reichte das fürs Publikum :shake: .

      Ansonsten volle Zustimmung zu Deiner Kritik.
      Gruss :wink:
      Syrinx
      Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen, Wenn es nicht aus der Seele dringt Und mit urkräftigem Behagen Die Herzen aller Hörer zwingt.
      Goethe, Faust 1
    • Das deckt sich ziemlich genau mit meinen Eindrücken, von den beiden anlässlich ihres Auftritts in der Wiener "Traviata". Dass ich mit Calleja nichts anfangen kann, dürfte sich inzwischen ja allgemein herumgesprochen haben ;) , ich freue mich jedenfalls, dass ich damit nicht alleine bin.
      lg Severina :wink:
      "Das Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!" (Franz Schalk)