Bridge, Frank – Meer und Berg

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    • Bridge, Frank – Meer und Berg

      Ein Komponist, der früh Erfolg hat und gegen Ende seines Lebens kaum noch wahrgenommen wird. Ein Komponist, der leidenschaftlicher Pazifist ist, aber eine Musik des Aufruhrs schreibt. Ein Komponist auch, der als Lehrer arbeitet, aber seinem wichtigsten Schüler klarmacht, dass er ihm keine Tricks beibringen kann, der Schüler muß sich selbst finden. Dieser Komponist ist Frank Bridge.


      Biografisches

      Geboren wird Bridge am 26. Februar 1879 in Brighton als Sohn einer Handwerkerfamilie. Sein Vater war Drucker, Frank war das zehnte von 12 Kindern. Franks Vater war ein begabter Amateurmusiker, der in der Mitte seines Lebens sogar die Profilaufbahn einschlug und in Brighton das Orchester des Empire Theatre dirigierte.
      Frank Bridge lernt Violine und komponiert seit seiner frühen Jugend. 1899 tritt er in das Royal College of Music ein und studiert Violine. Sein Kompositionslehrer ist Charles Villiers Stanford. In dieser Zeit heiratet er Ethel Sinclair. 1905 verläßt er das College und arbeitet als Orchestermusiker, wobei er bald auf die Bratsche umsteigt. Er erabeitet sich einen Ruf als Bratschist, der sich festigt, als er 1906 bei der Tournee-Station des Joachim Quartetts in London für dessen erkrankten Bratschisten einspringt.
      In der Folge arbeitet er weiterhin als Orchester- und Kammermusiker, und er übernimmt immer öfter auch Dirigieraufgaben im Konzertsaal und in Opernhäusern. Der bedeutende Dirigent Henry Wood fördert dabei seine Dirigentenkarriere nach Kräften.
      Bei einem Aufenthalt in den USA, wo er eigene Werke dirigiert, lernt Bridge die Millionärin Elizabeth Sprague Coolidge kennen, die ihn von nun an finanziell so unterstützt, daß er über seine Tätigkeiten frei entscheiden kann. Zu diesen Tätigkeiten gehört auch das Unterrichten von Bratsche-Schülern.
      1928 wird Bridge von einer befreundeten Klavierlehrerin gefragt, ob er sich nicht die Kompositionen eines ihrer Meinung nach hochbegabten Fünfzehnjährigen anschauen kann, der obendrein von Bridges Werk „The Sea“ schwärmt. Bridge stimmt zu und nimmt den jungen Mann, einen gewissen Edward Benjamin Britten, unter seine Fittiche. Bridge erteilt ihm allerdings nicht nur Kompositionslektionen, die vor allem darauf abzielen, eine eigene Sprache zu finden, sondern auch ethischen Unterricht. Brittens leidenschaftlicher Pazifismus und der unbedingte Respekt vor jedem lebenden Wesen wurzelt zweifellos in den Ansichten seines Lehrers. Bridge macht Britten auch mit der Natur seiner engeren Umgebung vertraut, nimmt ihn auf Wanderungen und Ausflügen mit, er lehrt ihn, auf Kleinigkeiten zu achten, etwa auf die Schönheiten der in der Gegend verstreut liegenden Kirchlein. Und Bridge ist es auch, der seinen Schüler das Leben als professioneller Komponist lehrt: Diszipliniertes Arbeiten mit einem geregelten Tagesablauf steht an oberster Stelle.
      In den Zwanzigerjahren beginnt Bridges Reputation als Komponist zu schwinden. Publikum und Musiker verstehen immer weniger, welche Seltsamkeiten Bridge ausbrütet. 1940 vollendet Bridge sein Orchesterwerk „Rebus“ und beginnt eine Sinfonie für Streichorchester. Am 10. Jänner 1941 stirbt Frank Bridge in Eastbourne.


      Das Werk

      Frank Bridge hinterläßt ein Oeuvre, das zum Besten gehört, was die Musik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hervorgebracht hat. Dennoch ist es nahezu unbekannt, was auch daran liegt, daß Bridge nicht einmal in Großbritannien zum festen Repertoirebestandteil gehört. Immerhin wurden einige seiner wichtigsten Werke auf den Labels Lyrita und Naxos veröffentlicht, und Richard Hickox hat Bridges gesamtes Orchesterwerk in etwas ungleichmäßiger Qualität für Chandos eingespielt.
      Bridge ist nahezu ein zweiter Fall Holst, nur dass sich Bridges großer Erfolg nicht im gleichen Ausmaß durchsetzte wie „The Planets“. Die Rede ist von der Programmsinfonie „The Sea“. Es ist kühn, nach Debussy das Thema nochmals aufzugreifen. Bridge hat es gewagt – und er hat gewonnen. Denn „The Sea“ steht ebenbürtig neben „La Mer“, hat sogar etwas mehr Salzgehalt und Tanggeruch. Bridges Klangfarben sind überraschend und neuartig. Er verwendet viel tiefe Flöten in übermäßigen Sekunden, andererseits treibt er Oboen und Klarinetten in hohe Register. Der Klang ist spätromantisch bis impressionistisch, teilweise aber auch sehr deutlich dissonant.
      Das 1912 uraufgeführte Werk hatte ungeheuren Erfolg und stellte die den Pfaden von Richard Strauss wandelnde symphonische Dichtung „Isabella“ (1907) ebenso weit in den Schatten wie die elegante und sehr französisch anmutende „Dance Rhapsody“ (1908). Bridge hätte nun Werke schreiben können, die den Stil von „The Sea“ ausbauen, doch das war nicht seine Sache. Denn er war stets kontinentaleuropäisch orientiert und auf dem neuesten Stand. Und was da dieser Schönberg machte, das war doch eine spannende Sache.
      Natürlich adaptierte Bridge die Schönberg’sche Sprache nicht sofort. „Dance Poem“ (1913), Zweites Streichquartett (1915) und „Summer“ (1915) zeigen allerdings deutlich einen Komponisten auf Ausschau nach neuen Ufern. Die Kinderoper „Christmas Rose“ (1919-29) mutet den Kleinen eine ziemlich chromatisch-komplexe harmonische Sprache zu, die einen eigentümlichen Kontrast zur vereinfachten Melodik bildet. Mitunter hat man den Eindruck, Bridge kombiniere ganz bewusst diatonische melodische Simplizität mit komplexer Akkordik.
      1925 folgt dann die herbe Klaviersonate, deren dissonante Intensität Bridge mit dem klanglich experimentellen dritten Streichquartett (1926) noch in den Schatten stellt. „Enter Spring“ ist hingegen zwar immer noch sehr dissonant, aber jetzt sind es frische Dissonanzen, die hell und strahlend klingen.
      Und dann kommt „Oration“. „Oration“ (1930) für Cello und Orchester ist ein großes, düsteres Werk von den Nachtseiten der Seele. In diesem Werk ist Bridge klanglich nicht weit von Alban Berg entfernt, allerdings dürfte Bridge sich eher für die freie Atonalität etwa des „Wozzeck“ interessiert haben als für die Zwölftontechnik. „Oration“ ist eine sehr langsame, meist leise Musik in einem permanent festgehaltenen Trauergestus.
      Auf „Oration“ läßt Bridge 1931 die nächste Extravaganz folgen, „Phantasm“ für Klavier und Orchester: Relativ kleinteilige Motive sind zu einem Gebilde von dissonant-irisierenden Klängen verwoben. Melodien tauchen auf und zerrinnen wieder, feste Umrisse gibt es kaum, alles ist Entwicklung oder Dekonstruktion. Die Musik wird zerstäubt, und aus dem Staub entstehen neue Gebilde. Mitunter hat man den Eindruck, Bridge treibe das Prinzip von Debussys „Jeux“ auf die Spitze - und das in der harmonischen Sprache Bergs.
      „Oration“ und „Phantasm“ stießen zuerst auf ein derartiges Unverständnis der Dirigenten, daß „Phantasm“ erst 1934 und „Oration“ gar erst 1936 uraufgeführt werden – und auf ein völliges Unverständnis des Publikums treffen.
      Das Vierte Streichquartett (1937) nimmt dann etwas von dieser Zerstäubung zurück. Obwohl harmonisch ebenfalls avanciert, strebt es faßlichere Melodien an und wirkt wie eine Summierung von Bridges stilistischen Möglichkeiten. „Rebus“ (1940) ist Bridges letztes mit Sicherheit vollendetes Werk, das eine erstaunliche Leichtigkeit an den Tag legt und fast etwas Tänzerisches hat.
      Ob „Rebus“, nach den expressionistischen Nachtmusiken, ein programmatischer Aufbruch zu einer neuen Klassizität war, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Denn das einzige Werk, das noch folgt ist ein Satz für Streicher, über den sich die Wissenschaft nicht ganz einig ist, ob er der Kopfsatz einer großen unvollendeten Streichersinfonie ist oder ob die gesamte Sinfonie aus diesem einen formal komplexen Satz besteht. Tatsache ist, dass die Musik dieses Satzes knochig ist, irgendwie hat die Zurücknahme der Farben zugunsten klarer Kontrapunkte etwas Athletisches. Sollte es sich um ein abgeschlossenes Werk handeln, dann wäre Bridge eindeutig in eine neue, klassizistischere Richtung gegangen. Sollte der Satz freilich nur der Kopfsatz einer mehrsätzigen Sinfonie sein, dann hätten die anderen Sätze als Hinterfragungen eines klaren Statements dienen können. Das Rätsel wird zumindest vorerst wohl ungelöst bleiben.


      Die stilistische Stellung

      Nachromantik, Expressionismus, Klassizismus – so könnte man Bridges stilistische Stellung beschreiben. Nur: Ganz so einfach macht er es dem Zuhörer nicht. Frühe Werke wurzeln eindeutig in der Nachromantik, sie verfügen über eine ins Ohr gehende Melodik und eine glänzende Instrumentierung. Überhaupt war Bridge wohl der, neben Holst, beste Techniker Großbritanniens vor Britten. Beginnend mit „The Sea“ folgen dann Werke, die ebenfalls noch nachromantisch anmuten, aber strukturell schon weitergehen: Harsche Dissonanzen werden oft mit glitzernden Arabesken weginstrumentiert, Verläufe in immer instabilerer Harmonik münden in nachdrücklich instrumentierte tonale Akkorde.
      Ungefähr um 1925 beginnt Bridges expressionistische Phase, in der er eine harmonisch weitgehend tonartenfreie Musik schreibt, sich jedoch die Möglichkeit offen lässt, gezielt herkömmlichen Kontrapunkt und tonale Akkorde einzusetzen. Der hauptsächliche Einfluß kommt hier wohl von Alban Berg, den Bridge so bewunderte, daß er Britten nötigte, bei Berg Unterricht zu nehmen. (Es kam nicht dazu, denn als Britten, nach langem Widerstand seiner Mutter, nach Wien reiste, um sich bei Berg vorzustellen, war dieser in Kärnten.)
      Inwiefern Bridge sich schließlich neoklassizistisch orientiert hätte, ist unsicher, da aus der möglichen letzten Schaffensphase zuwenig Material vorliegt.
      Bridge ist in der britischen Musik insoferne eine Ausnahmeerscheinung, als er sich bewusst festlandseuropäisch orientierte. Die Musik Großbritanniens wird geprägt von Autodidakten (wie Elgar), die sich ihr Können anhand selbstgewählter Beispiele aneignen, Dilettanten, die stolz darauf sind, sich den technischen Möglichkeiten zu verschließen (wie Vaughan Williams). Dazu kommen Komponisten, die glauben, eine spezifisch englische Musik zu schreiben, indem sie Volksliedmelodien auf verschiedenen Stufen wiederholen (Vaughan Williams und um 1900 auch noch Holst). Bridge hingegen setzt auf unbedingte Professionalität. Er fordert, daß ein Komponist sein Handwerkszeug genau kennen muß: Er muß um die Möglichkeiten jedes Instruments wissen, er muß die spezifischen Klangfarben genau im Ohr haben, um sich die Mischungen vorstellen zu können. Und er muß auch wissen, was andere Komponisten machen – nicht um es nachzuahmen, sondern um die eigene ästhetische Position zu bestimmen. Außerdem fordert er, daß ein Komponist nur das aufschreiben soll, was er in sich hört. Wenn Britten etwa über eine Stelle im Zweifel war, dann fragte Bridge: Warum haben Sie das dann geschrieben? Ebenso drängte er sich selbst (und später Britten), permanent akustisch zu kontrollieren, ob das innere Ohr gestimmt hat und nur das aufzuschreiben, was dem inneren Ohr entspricht. Das führt bei Bridge mitunter zu Instrumentierungsentscheidungen, die seltsam anmuten, etwa tiefe Flöten und Trompeten, sehr hohe Bratschen etc. Doch zeitigen diese Entscheidungen immer wieder verblüffende Resultate an Farbe und einer gewissen Körnigkeit des Klanges.


      Fazit

      Bridge gilt heute als ein Großmeister der englischen Musik, wird allerdings in Großbritannien immer noch relativ selten und außerhalb Großbritanniens nahezu nie aufgeführt. Und wenn, dann mit seinem größten Erfolg, „The Sea“ – ausgerechnet jenem Werk, das, bei aller technischen Brillanz und Schönheit, nicht für die Genialität stehen kann, die Bridge in „Oration“, „Phantasm“ und dem 3. und 4. Streichquartett erreichte. Fast ist es eine Ironie der Musikgeschichte, daß die beiden avanciertsten und technisch überlegenen britischen Komponisten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Gustav Holst und Frank Bridge, beide im Repertoire am ehesten mit Werken repräsentiert sind, die ihrem enormen Können, ja: ihrem Genie, nicht angemessen sind.
      :wink:
      Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)
    • Lieber Edwin,

      da bleibt einem ja die Spucke weg. Vielen lieben Dank für eine weitere, spannende Einführung in die Welt eines Komponisten, der so großartige Werke wie The Sea oder aber auch Oration komponiert hat.

      Ganz besonders gefällt mir noch das damals Insulaner verschreckende Klaviertrio Nr. 2 mit seiner herrlichen Geisterstunde im zweiten Satz. Darüber hinaus das Klavierkonzert Phantasm.
      Vielleicht liegt es an der von Dir benannten Qualitätsschwankung bei den Hickox-Einspielungen, nach Probehören vor ein ein paar Jahren hinterließen mich die Chandos-Scheiben nicht mit größter Entzpckung, so dass ich Bridge (wie die Engländer auch :S ) erst mal beiseite ließ.

      Ich möchte gern ein paar CDs empfehlen, die m.E. nach die entsprechenden Werke voll und ganz zur Geltung bringen:

      Klaviertrio Nr. 2

      Cellokonzert "Oration"

      The Sea

      The Sea muss unbedingt unter Groves sein, erst diese Einspielung hat mir das Werk erschlossen.

      :wink:
      Wulf
      "Gar nichts erlebt. Auch schön." (Mozart, Tagebuch 13. Juli 1770)
    • Hi Edwin!
      ;+)
      Es wird Dich nicht wundern, dass ich heute morgen zwecks Vergleich zu Vaughan-Williams (dem wir uns gestern so ausführlich gewidmet haben) die ersten ca. 10 Minuten von "Enter Spring" und dann den Beginn der dritten Sinfonie von Bax angehört habe. Über Bax muss ich jetzt zum Glück nichts schreiben, mal sehen, ob mir was zu Bridge einfällt ...
      :wacko:
      "Enter Spring" steht 1927 irgendwie am Ende jener Phase, die mit Impressionismus und Jahrhundertwende angesprochen wird, wo sich Schwulst und Dunst in exquisiter Instrumentierung guten Tag sagen, worauf ja dann in den dreißiger Jahren betonte Holzigkeit angesagt ist ... jedenfalls bleibt mein Eindruck der eines typischen Vertreters dieser Richtung, was ich kenne, finde ich sehr gut und schön, ich kann mich gerne diesen Räuschen hingeben, aber es bleibt eine Erscheinung unter vielen, ein typischer Vertreter eines breiten Stroms, nie experimentierend der allgemeinen Entwicklung voraustastend und auch nie von wirklich verblüffender Eigenständigkeit. Wer sich also in dieser Nische vertiefen will, dem empfehle ich gerne Bridge, aber so toll wie Du finde ich ihn nicht.
      :)
      This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    • Lieber Wulf,

      Wulf schrieb:

      Ganz besonders gefällt mir noch das damals Insulaner verschreckende Klaviertrio Nr. 2 mit seiner herrlichen Geisterstunde im zweiten Satz.

      Schande über mich, ich habe den entsprechenden Absatz aus meiner Einführung herausgekürzt. Ich reiche ihn nach:

      Auf völliges Unverständnis stieß das Zweite Klaviertrio (1929): Abermals bedient sich Bridge einer avancierten Harmonik, doch die Klänge wirken weniger schroff als die des Dritten Streichquartetts. Allerdings verstört Bridge den Zuhörer nun auf eine andere Art: Er zerstäubt die Melodik. Nein, stimmt nicht: Die Melodik ist irgendwie vorhanden. Aber sie ist ungreifbar. Man bekommt kurze Eindrücke von der Melodie, ahnt ungefähr, wie sie verlaufen könnte, aber Bridge konkretisiert sie nicht und spart sie bis zu einem einzigen Punkt auf. Der seltsamste Satz des Werks ist der zweite, harmonisch völlig instabil, fragmentarisch, eine seltsam beunruhigende Nachtmusik, die vieles von Brittens Nocturni vorwegnimmt und die erst am Ende des Satzes konkrete Gestalt gewinnt. Dieses Trio geht über herkömmliche Hausmusik, die man mit dieser Besetzung oft verbindet, weit hinaus. Es ist ein sinfonisches Experiment auf drei Instrumente übertragen: Ein Meisterwerk, dessen sich die einschlägigen Ensembles regelmäßig annehmen sollten: Sie hätten einen Geniestreich zu gewinnen.

      :wink:
      Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)
    • Lieber Edwin,

      klasse Ergänzung. Es wäre wirklich begrüßenswert, wenn sich manch ein Ensemble dieses Trios annehmen würde. Genauso habe ich bisher NIRGENDS einmal The Sea und Oration auf den Spielplänen gesehen. Schade.

      :wink:
      Wulf
      "Gar nichts erlebt. Auch schön." (Mozart, Tagebuch 13. Juli 1770)
    • Wulf schrieb:

      Ich möchte gern ein paar CDs empfehlen, die m.E. nach die entsprechenden Werke voll und ganz zur Geltung bringen:

      ...

      Cellokonzert "Oration"

      ...

      :wink:
      Wulf


      Von Bridge kenne ich nahezu nichts außer dem Cellokonzert. Das aber besitze ich in einer Aufnahme mit Gerhardt, welche ich so gut finde, dass ich unbedingt auf sie hinweisen möchte (die von Wulf genannte Einspielung kenne ich nicht, habe also keinen Vergleich):



      Vielen Dank auch von mir, Edwin, für deine hervorragenden Beiträge.

      :wink: Thomas
    • Meiner Meinung nach sind beide Einspielungen fabelhaft. Bei Braithwaite auf Lyrita schwingt noch etwas mit, was ich gerne als "Kampf ums Werk" bezeichne, es wird also ungeheure Energie investiert, um das Werk durchzusetzen, und das kommt dieser Musik mit ihrer rückhaltlosen Emotionalität sehr zugute. Hickox wiederum geht klassischer, kühler an das Werk heran, gewinnt dadurch aber auch überlegene Klarheit. Ich kann keiner der Einspielungen einen deutlichen Vorzug geben, nicht einmal technisch, denn die analogen Lyrita-Aufnahmen sind von einer derartigen Perfektion, daß eine ihrer letzten analogen Aufnahmen, eine der letzten analogen überhaupt, von Grammophone zur technisch besten Aufnahme des Jahres gekürt wurde (ich glaube, es waren die English Dances von Malcolm Arnold). Aber das ist das durgängige technische Niveau bei Lyrita.
      :wink:
      Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)
    • Frank Bridge schätze ich auch sehr. Andere, hier schon genannte Werke sind sicherlich wichtiger, dennoch, da ich sie gerade wiedergehört habe, auch dies ist eine m.E. lohnende CD:



      Die Suite für Streichorchester, fertiggestellt 1910, ist hübsch, schwelgerisch expressionistisch, inbesondere mit einem sehr schönen Nocturne als 3. Satz und brilliant instrumentiert.

      Cherry Ripe (1916) ist eine verarbeitende Orchestrierung einer traditionellen englischen Kindermelodie, eine kurze Gelegenheitsarbeit.

      Sir Roger de Coverley (1922) war zunächst für Streichquartett geschrieben, ist hier aber in der Kammerorchesterversion, von Bridge selbst eingerichtet, zu hören. Das Werk klingt leicht, ist aber nicht nur wieder meisterhaft instrumentiert, sondern in seinen Variationen recht raffiniert.

      Besonders interessant und außerordentlich schön finde ich jedoch There is a Willow Grows Aslant a Brook (1927), wohl ein Seitenstück aus ungenutztem Material zu Enter Spring. Die Besetzung ist für je einzelne Flöte, Oboe, Fagott, Horn und Harfe, 2 Klarinetten und Streicher. Eine Art musikalisches Erwachen aus leisen dunklen Klängen, in denen dann die Bläser alle ihre hübschen Soloteile gegen die Streicher gesetzt bekommen, wobei eine flirrende, melancholische Stimmung erhalten bleibt. Hier ist auch bereits zu hören, wie Chromatiken zum Teil in Dissonanzen geführt werden, die aber gleich wieder so aufgelöst werden, dass es eigentlich nie dissonant klingt, aber eine 'klangfarbliche' Fremdheit entsteht und erhalten bleibt.

      Nicholas Brathwaite, der sich besonders intensiv mit den Werken Frank Bridges beschäftigt hat, gelingt, wie auch auf seinen Lyrita-Einspielungen, auch hier, mit dem New Zealand Chamber Orchestra m.E. ganz ausgezeichnet, den Tonfall Bridges zu treffen.

      :wink: Matthias
    • Matthias Oberg schrieb:

      Nicholas Brathwaite, der sich besonders intensiv mit den Werken Frank Bridges beschäftigt hat, gelingt, wie auch auf seinen Lyrita-Einspielungen, auch hier, mit dem New Zealand Chamber Orchestra m.E. ganz ausgezeichnet, den Tonfall Bridges zu treffen.


      Das trifft auch für diese Aufnahme mit selten eingespieltem Repertoire zu. Sie begeistert mich auch mit ihrer aufnahmetechnischen Qualität.



      Cheers,

      Lavine :wink:
      "You gotta grab'em by Debussy" (DJ Trump)
    • Dankeschön für die Einführung in das Werk eines Komponisten, den ich zuvor nur höchst indirekt kannte, nämlich über den Namen eines Werkes von Benjamin Britten.

      Zum Einstieg habe ich mir folgende CD gegönnt:





      “The British Music Collection” – Frank Bridge

      Enter Spring, H174 (1926, uraufgeführt Oktober 1927) 18’11“
      Academy of St Martin in the Fields; Leitung: Sir Neville Marriner

      Summer – Tone Poem for Orchestra, H116 (1914/15, uraufgeführt im März 1916) 9’37”
      Academy of St Martin in the Fields; Leitung: Sir Neville Marriner

      Christmas Dance “Sir Roger de Coverley” 4’17"
      Academy of St Martin in the Fields; Leitung: Sir Neville Marriner

      Sonata for Cello and Piano, H125 (1913–1917, uraufgeführt im Juli 1917) 23’13”
      Mstislav Rostropovich, Violoncello; Benjamin Britten, Klavier

      Go Not Happy Day (Tennyson) (1903) 1’37”
      Kathleen Ferrier, contralto; Frederick Stone, Klavier

      Aufgenommen 1952 (Go Not Happy Day), 1968 (Cello Sonata), 1996 (Enter Spring, Summer, Christmas Dance)

      ℗2001. Decca (Universal Classics) – 470 189-2

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      Die "England-Faktion" scheint in diesem Forum sehr gut besetzt zu sein.
      Oder kommt mit das nur so vor?

      LG, Kermit
      Es ist vielfach leichter, eine Stecknadel in einem Heuhaufen zu finden, als einen Heuhaufen in einer Stecknadel.
    • Zu den vielen interessanten musikalischen Entdeckungen in diesem Jahr gehören für mich u. a. die Orchesterlieder und -werke von Frank Bridge, welche ich in den für meinen Geschmack vorbildlichen Chandos-Aufnahmen kennenlernte:




      Interessant an den Werken ist für mich, wie vielschichtig, abwechslungsreich und dadurch spannend Frank Bridge`s Musik ist, d. h. von eingängig-schmissig bis hin zu herb-spröde reicht die große Palette.

      Lionel
      "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)
    • Die Cellosonate komponierte Bridge zwischen 1913 und 1917. Siebesteht aus zwei äußerst unterschiedlichen Sätzen. Der erste kommtaus der Welt von Brahms, ist melodiös und verträumt, schwelt in derpastoralen Unschuld der Vorkriegszeit. Der unvorbereitete Hörer deszweiten Satzes mag angesichts des langsamen Anfangs an eine Fortdauerdieser englischen Idylle denken. Doch fällt schnell der sich andereTonfall und Gestus auf. Kein sonor-ruhiges Schwelgen mehr, sondernein dumpfes Brüten, keine leichte Klavierbegleitung aus der Höhemehr, sondern ein zunehmendes Wegziehen des Bodens. BridgesSpaziergang durch das regnerischeLondon im Jahre 1915 „inutter despair over the futility of World War One and the state of theworld … unable to get any rest or sleep.“ wird stets erwähnt undmanche meinen, diesebedeutungsvollen Regentropfenin der Klavierbegleitung des zweiten Satzes zu hören. Im Booklet zurIsserlis-Aufnahme ist von der Welt der Träume und mitunter desAlpträume die Rede. Mit dem Scherzo beginnt in der Mitte des zweitenSatzes abrupt und für mich unmotiviert eine schnelle Episode, diedann auch nirgendwo hinführt und ohne für mich erkennbaren Sinnendet. Erneut die grüblerische Unrast. Am Ende kehrt das Thema desersten Satzes zurück und das Stück schließt mit einem D-Dur, dasman, wäre es von Shostakovich, doppelbödig nennen würde.

      Aufgeführt wird die Sonate nach meinem Eindruckeher selten. Das mag daran liegen, dass die beiden Sätze kaumzusammenzugehören scheinen, die Sonate auch nicht virtuos ist bzw.wirkt und ihre eigentliche Schönheit sich erst nach einigem Einhörenmit ein wenig Hintergrundkenntnis offenbart.

      Ich besitze vier Aufnahmen. Klassisch ist die mitRostropovich und Britten aus 1968. Rostropovich ist großartig wieimmer, macht für meinen Geschmack aber insbesondere im ersten Satzzu viel. Isserlis und Shih haben die Sonate 2016aufgenommen und spielen die zurückhaltende Antipode zu RostropovichsTemperament. Isserlis bietet kleinste klangfarblicheAbstimmungen und zartfühlende Lyrik und man kann seine Technik nurbewundern. Die – für mich – goldene Mitte trafen Moser undRivinius 2009. Im Gegensatz zum beinahe schon verzärtelten Ton vonIsserlis klingt Moser im ersten Satz gesund. Die disparateMelancholie des zweiten Satzes ist die eines vor dem Krieg nochgesunden Mannes.

      Cover scheint es keines zu geben: ASIN: B003NEQAOA