Plácido Domingo - der Tenor, der auszieht, das Baritonfach zu erobern.

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    • Es gibt auf der einen Seite eine ganze Reihe von Punkten, die mir an Placido Domingos Auftritten in Baritonpartien in den letzten Jahren imponieren. Das sind zum einen Aspekte, die mit der Persönlichkeit des Sängers zu tun haben, zum anderen aber auch solche, die ganz direkt das klingende Ergebnis betreffen. Für einen Sänger als Musiker gilt wie für jeden Instrumentalisten erst einmal: Wer alle Töne kann, die ein Stück fordert, kann das Stück auch spielen oder singen. Domingo kann all diese Baritonarien singen, mit denen er jetzt auftritt, ob einem sein Stimmcharakter dabei gefällt, ist Sache des eigenen Geschmacks und der eigenen Erwartungen.
      Auf der anderen Seite kann ich auch jeden Hörer verstehen, der mit Domingo in Bariton-Rollen nichts anfangen kann. Natürlich ist es richtig, dass es einen großen Unterschied macht, ob die Stimme ein käftiges, dunkles Fundament hat wie bei manchen Baritonen, oder eben nicht. natürlich macht es einen Unterschied, ob die hohen Noten in Verdis Bariton-Partien für einen Sänger eine Ausnahmelage darstellen, oder ob ein Sänger, der bisher noch viel höhere Noten gewöhnt war, sich da erst in einer bequemen mittleren Lage befindet. Und natürlich ist es auch klar, dass die Stimmme eines deutlich über 70-jährigen nicht mehr klingt wie in ihren besten Jahren. All das kann ich nachvollziehen.

      Was ich aber nicht nachvollziehen kann, sind die Polemik und die Schärfe, die hier bei diesem Thema sofort aufkommen. Es gibt gute Argumente dafür, Domingo nach seiner neusten Selbst-Erfindung als Verdibariton zu schätzen und es gibt gute Argumente dagegen. Hier aber mit einer solchen Vehemenz und Drastik immer wieder auf einen hochverdienten Musiker zu feuern, dafür kann es keine guten Argumente geben.
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Cherubino schrieb:

      Für einen Sänger als Musiker gilt wie für jeden Instrumentalisten erst einmal: Wer alle Töne kann, die ein Stück fordert, kann das Stück auch spielen oder singen.

      Nanana ... ich kann alle Töne auf dem Klavier, die in Liszts h-moll-Sonate vorkommen, aber vielleicht sollte ich nicht mit diesem Werk öffentlich auftreten ... ;+)

      Gruß
      MB

      :wink:
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)
    • Ich bin gerade auf 3sat zufällig auf die genannte Rigoletto-Aufführung gestoßen und dachte mir, das musst Du Dir doch mal anhören, ob Domingo als Rigoletto taugt ... und ich muss feststellen: das ist nicht Fisch und nicht Fleisch :S Der Stimme fehlt deutlich die Kraft und die Power und die Tiefe und das Gefühl, die es in dieser Rolle braucht ... und sie kommt nicht mal gegen den Graf von Monterone an, der hervorragend und ausdrucksstark von einem leider namenlosen Sänger gesungen wird ... von Ruggero Raimondi als Sparafucile ganz zu schweigen ... Domingo klingt einfach nach wie vor wie ein tiefer Tenor :huh: Mein Geschmack ist das für diese Rolle nicht ... ?(
      Viele Grüße - Allegro

      "Musik ist ... ein Motor, Schönheit, Intensität, Liebe, Zauber, alles in allem: ein Elixir." Lajos Lencsés
    • Dabei ist diese Rigoletto-Verfilmung gar nicht unintelligent, aber Domingo fehlt halt für einen Verdi-Bariton der prägnante Stimmkern. Schauspielerisch finde ich ihn immer sehr gut, gerade auch in dieser Rolle.

      Der RBB-Kulturradiosender erwähnte vorgestern in einer Sendung, daß Domingo seinen 75. Geburtstag feiere (innerlich zweifeln wir natürlich, daß es erst der 75. ist, aber sei's drum...) und meinte, zur Feier des Tages ausgerechnet "Di provenza il mar il sol" aus der grandios mißglückten Aufnahme Domingos mit Verdi-Bariton-Arien spielen zu müssen. Da fällt einem dann auch nichts mehr ein...

      Grüße!

      Honoria
      "...and suddenly everybody burst out singing." (Busman's Honeymoon)
    • Amfortas09 schrieb:

      "..Ja, ja.... "
      das ist ja schon Capriccio-Rätselwürdig. Zufällig hab ich mal eine Aufnahme gehört, in der der Komponist selbst singt. Das vergißt sich nicht.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • In deutschsprachigen Regionen ist wenig bis nicht bekannt, dass der 28.Dezember in Spanien unserem 1.April entspricht. Ich gebe zu, mir war das auch unbekannt, bevor ich in Facebook darüber aufgeklärt worden bin.
      Das wirkliche Problem liegt aber wohl darin, dass man bei den Aktivitäten von Herrn Domingo solche Meldungen - singt den "Ochs" - leider durchaus als wahr einordnen kann.
    • [...] Wieso kommen die Vorwürfe an Domingo jetzt nach so langer Zeit?
      Da kann doch was nicht stimmen?!
      Der jetzige Zeitgeist auf die Zeit vor 30-40 Jahren ausgerollt, kann nur ins Unglück führen. (Man denke an Rubinsteins Biografie)
      Gruß aus Kiel
      Ich vergesse niemals ein Gesicht. Doch bei Ihnen mache ich eine Ausnahme! (Groucho Marx)
    • [...]

      Worüber ich mich dabei immer wundere : Warum kommen sie alle erst 30 Jahre später damit an? das muss doch dann ein "offenes Geheimnis" gewesen sein, wenn es denn stimmen sollte, das erscheint mir doch bei nur einer Person, die das offen nun ausgesprochen hat, geblieben ist. Ich weiß nicht, ob das der Wahrheit entspricht, wenn man die je feststellen kann.

      Ich befürchte aber, dass auch hier die Leute nicht gelogen haben. Wie traurig doch manche Menschen sein können.
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)
    • [...]

      Zweitens: das war ein offenes Geheimnis.

      Drittens: warum wurde geschwiegen? Weil Leute vom Kaliber eines Domingo Karrieren zerstören können.

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Symbol schrieb:

      Drittens: warum wurde geschwiegen? Weil Leute vom Kaliber eines Domingo Karrieren zerstören können.
      Und das zeigt doch auch, worum es eigentlich geht: Um Macht. Ein Placido Domingo, ein James Levine, ein Gustav Kuhn in seinem kleinen Privatkönigreich haben in ihrem Bereich eine Machtstellung wie große Wirtschaftsbosse. Es kann doch niemand ernsthaft verwundern, dass sie diese Macht demonstrieren und dass daraus Machtstrukturen resultieren, die andere Menschen kaputt machen.
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde