Brian, Havergal - der alte Mann mit der jungen Musik

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    • Brian, Havergal - der alte Mann mit der jungen Musik

      30. Oktober 1966, Royal Albert Hall, London: Der leise Schluß des gigantomanischen Werks verklingt. Der Dirigent Adrian Boult erzwingt noch einen Moment der Stille. Dann brechen die Ovationen los. Der Komponist betritt das Podium. Der Anblick ist rührend und grotesk zugleich. Der gebrechlich wirkende Neunzigjährige dankt den Sängern und Musikern eines Riesenapparats - der größten Besetzung, die jemals ein Komponist vorgeschrieben hat: Havergal Brian hat die professionelle Aufführung seiner Symphonie "The Gothic" entgegen seinen Erwartungen doch noch erlebt. Havergal Brian, der Gigantomane? Der Schamane für einen verschworenen Kreis von Verehrern? Oder doch ein Komponist, den man auf breiter Basis entdecken müßte?

      Biografisches
      Havergal Brian wird am 29. Januar 1876 in Dresden, Staffordshire in eine Arbeiterfamilie geboren. Sein Name ist William Brian, den Vornamen Havergal" findet er später bei einem Prediger, er ist so fasziniert von dem altertümlich und ungewöhnlich klingenden Namen, daß er ihn als seinen eigenen Vornamen wählt.
      Brian besucht die Grundschule, nach deren Abschluß er mit diversen Jobs, u.a. als Kohlenarbeiter, seinen Lebenunterhalt verdient. Er interessiert sich für Musik und bringt sich die Grundlagen im Selbststudium bei. Eine Probe zu Edward Elgars Oratorium "King Olaf" ist für Brian die Initialzündung: Er beginnt sich nicht nur für die zeitgenössische Musik zu interessieren, er will selbst an ihr teilhaben - und zwar als Komponist. Brian besucht die diversen Festspiele und freundet sich mit dem englischen Komponisten Granville Bantock an, in dem er einen ersten Fürsprecher findet.
      1898 heiratet Brian Isabel Priestley, mit der er fünf Kinder hat.
      1907 wird der Dirigent Henry Wood, ein förderer neuer englischer Komponisten, auf die (erste) "English Suite" Brians aufmerksam und dirigiert sie bei den Proms. Damit beginnt die kurze Zeit Brians als Erfolgskomponist. Seine Orchesterwerke werden viel und von prominenten Dirigenten und Orchestern gespielt. Allerdings schlägt sich Brian mit seiner ruppig-linkischen Art in den vornehmen Kreisen, in denen er nun verkehren muß, auch viele Türen zu. Schließlich bleibt ihm nichts Anderes übrig als von den jährlich 500 Pfund zu leben, die ihm der Geschäftsmann Herbert Minton Robinson jährlich zahlt.
      Robinson hat den Hintergedanken, als Mäzen eines bedeutenden Komponisten in die Musikgeschichte einzugehen. Doch bald sieht es so aus, als habe Brian gar nicht vor, ein zu Lebzeiten bedeutender Komponist zu sein. Zuerst zieht er nach London um. Dann arbeitet er an riesigen Projekten fern der Realisierbarkeit. Das Geld fließt in Reisen und teure Essen.
      1913 kommt auch noch ein Skandal hinzu: Brian beginnt eine Affäre mit seinem jungen Dienstmädchen, Hilda Maria Hayward. Brians Frau zieht aus, die Ehe ist am Ende. Robinson ist entsetzt, setzt die finanzielle Unterstützung jedoch nicht aus - nur fließt sie jetzt zum großen Teil in die Tasche von Brians getrennt lebender Ehefrau. Bis 1933 leben Brian und Hilda Hayward zusammen, dann erst heiraten sie. Mittlerweile haben sie fünf gemeinsame Kinder.
      Im ersten Weltkrieg wird Brian eingezogen, aber wegen einer Handverletzung ausgemustert, ehe er zum Einsatz kommt. Die Stimmung liefert ihm den Stoff für seine Oper "The Tigers", die keine lineare Handlung hat und im Aufbau entfernt an Karl Kraus' "Letzte Tage der Menschheit" erinnert.
      Bis 1954 wird kein einziges Werk Brians aufgeführt. Dennoch arbeitet der Komponist - langsam, aber unermüdlich - weiter. Anfang der Fünfzigerjahre wird Robert Simpson auf Brian aufmerksam. Simpson ist selbst Komponist, hat sich wissenschaftlich mit Bruckner und Sibelius auseinandergesetzt und sieht in Brian weniger einen stilistischen verwandten als einen Verwandten im Geiste dieser Komponisten: Eigenbrötlerisch und ohne Rücksicht auf Erfolg oder Mißerfolg den eigenen Weg beschreitend. Simpson ist Musikproduzent bei der BBC und kann dadurch für Brian agieren. 1954 überredet er Sir Adran Boult, die 8. Sinfonie Brians ins Programm zu nehmen. Brian ist zu diesem Zeitpunkt 78 Jahre alt.
      Die Erfahrung, von einem erstklassigen Dirigenten an der Spitze eines erstklassigen Orchesters aufgeführt zu werden, löst in Brian einen Schaffensschub aus. Er komponiert bis zu seinem Tod 22 Sinfonien und etliche andere Orchesterwerke.
      1961 wird Brians Erste Sinfonie, "Gothic Symphony" von einem semiprofessionellen Ensemble uraufgeführt. 1966 dirigiert Boult dann die erste rein professionelle Aufführung. Simpson schafft es, daß die BBC alle Sinfonien Brians zumindest ein Mal spielt, teilweise freilich nach Brians Tod.
      Eine der berührendsten Aufführungen wird wohl die der 28. Sinfonie unter Leopold Stokowski im Jahr 1973 gewesen sein: Brian war 91 Jahre alt, als er sie komponierte, Stokowski war 91 Jahre alt, als er sie dirigierte. Allerdings erlebte Brian die Aufführung nicht mehr. Er war im Jahr zuvor im Alter von fast 97 Jahren am 28. November in seinem Haus in Shoreham-by-Sea gestorben.

      Das Werk
      Havergal Brians hauptsächliches Schaffen umfaßt 32 Sinfonien, 33 Orchesterwerke inklusive einem Konzert für Cello und einem Konzert für Violine, sowie die Opern "The Tigers" (eigenes Libretto), "Turandot" (Schiller nach Gozzi), "The Cenci" (nach Percy Bysshe Shelley), "Faust" (nach Goethes Faust 1) und "Agamemnon" (Brian nach Aeschylus, gedacht als Vorspiel zu Richard Strauss "Elektra"),

      Brian war modern in seinem Denken: Er schätzte die Musik von Komponisten wie Arnold Schönberg, Edgar Varèse und Paul Hindemith. Sein eigenes Werk stand anfangs unter dem Einfluß von Granville Bantock und Edward Elgar: Wie sie, so neigte auch Brian zu allzu großer Gestik, zu übertriebener Feierllichkeit. Sein Werk ist damit ein Kind des Viktorianismus. Vielleicht wäre Brian, hätte er ein weltmännischeres Auftreten gehabt und sich besser verkaufen können, ein in Großbritannien hin und wieder gerne gespielter Produzent nationalstolzer Musikergüsse geblieben. Doch als die Aufführungen zurückgingen und schließlich ganz ausblieben, hatte Brian keinen Grund mehr, auf ein potentielles Zielpublikum und seine nationalen Gefühle Rücksicht zu nehmen. Er komponierte, wie er wollte. Und das war teilweise doch recht absonderlich.
      Die abendfüllende "Gothic Symphony" , ein Monstrum, das etwa 190 Musiker im Orchester, 500 Choristen, 100 Knabenstimmen und, quasi zum Drüberstreuen, 4 Solisten benötigt, ist eine erste Kostprobe: Prinzipiell ist es ein Werk auf nachromantischer Basis, wie man es von einem Komponisten erwartet, der seinen (frühen) Arnold Schönberg, seinen Richard Strauss und seinen Gustav Holst kennt. Aber es gibt in dieser "Gothic Symphony" erstaunliche Einbrüche von grellen Dissonanzen in den Blechbläsern und Schlagzeugen, und es gibt auch clusterähnliche Akkordballungen im Chor, wie man sie in der nachromantischen Musik kaum je findet. Wenn man obendrein Brians Aussage Glauben schenkt, er habe bis dahin nie ein Werk Gustav Mahlers gehört, so muß man feststellen, daß beide Komponisten zu erstaunlich ähnlichen harmonischen Fortschreitungen und melodischen Bildungen kommen.
      Das Problem der "Gothic Symphony" ist ihre überdimensionale Besetzung - und zwar nicht nur wegen der Aufführbarkeit. Durch die riesige, kaum exakt zu koordinierende Besetzung verschwimmen die Kühnheiten und das Schroffe ertrinkt im Klangbad. Was beispielsweise ein aufsehenerregender Cluster im Chor wäre, klingt schlicht als intonatorische Ungenaugkeit und fällt in der ohnedies zwangsläufig permanent verschwimmenden Intonation von Chor und Orchester nicht weiter auf. Die Symphonien 2 und 4 leiden unter ähnlichen Problemen: Die zweite unter dem überdimensionierten Orchester (mit 16 Hörnern und zwei Klavieren), die Vierte unter dem abermals riesigen Orchester , zu dem auch noch ein Doppelchor tritt. Auch in der geringfügig ökonomischer besetzten Dritten wird zuviel komplexe Polyphonie von zuvielen Musikern ausgeführt, um letzten Endes durchhörbar zu sein.
      Mit der Fünften (1937 fertiggestellt) ändert sich das Bild: Brian verwendet ab jetzt normal große Standardbesetzungen, im konkreten Fall tritt noch ein Baritonsolist hinzu. Brians Linien sind flüssig, sein Kontrapunkt ist immer noch etwas dicht, aber durchhörbar, die Harmonik ist teilweise simpel, teilweise auch geradezu verwegen.

      Mit der Sechsten Sinfonie, "Sinfonia tragica" (1948 fertiggestellt) beginnt der Kanon der für Brian charakteristischen Symphonik: Die Themen bestehen aus wenigen Tönen in prägnanten Intervallen, die weniger variiert als daß sie permanenten Metamorphosen unterzogen werden: Die Intervalle prägen dabei Gedanken, die auf den ersten Blick mit dem Ausgangsthema nichts zu tun zu haben scheinen, mitunter ist auch lediglich die Richtung, nicht aber die Weite der Intervalle übernommen. Was auf einen ersten Blick wie freies Fantasieren aussieht, ist in Wirklichkeit eine motivische Arbeit bis in die Details. Die Harmonik ist dabei schroff, als Konsonanzen treten Quarten und Quinten häufiger auf als Dreiklänge. Zumeist ist die Harmonik jedoch ohnedies dissonant, wobei sie sich vorwiegend aus der Stimmführung ergibt und nur stellenweise aus akkordischem Satz. Die Instrumentation nützt eher Schwarz-Weiß-Kontrastwirkungen als Farbauftrag.
      Ein Chrakteristikum Brians ist der sprunghafte Wechsel der Bewegung und Gestik, was seiner Musik die Eigenart ständiger Brüche verleiht. Die Symphonie entwickelt sich nicht mehr kontinuierlich, sondern besteht aus den wesentlichen Einzelteilen, deren Verbindung sich der Zuhörer selbst schaffen muß. Brians Symphonien sind ab der Sechsten und noch stärker ab der Zehnten weniger Symphonien als Inhaltsangaben von Symphonien.
      In den Opern hingegen muß Brian Rücksicht auf die Singstimme nehmen, sie gehören somit zum Typus der nachromantischen Oper mit fallweise expressionistischen Elementen, wobei die auch musikalisch kaleidoskophafte Oper "The Tigers" der textlich wie musikalisch interessanteste musiktheatralische Entwurf Brians sein dürfte.

      Die Brian-Problematik
      Ein interessanter, mitunter sogar sehr guter und vor allem eigenständiger britischer Komponist, der nicht einmal in seiner Heimat auch nur ansatzweise zum Repertoire gehört - was ist da schiefgegangen?
      Ganz einfach: Brian wurde zum Objekt einer Missionierung. Simpson meinte es gut, und er wollte dem alten Mann zweifellos auch noch die Freude machen, zumindest einen großen Teil seiner Sinfonien aufgeführt zu erleben. Aber im Grunde steckt hier schon das Problem: Die zyklische Aufführung des sinfonischen Schaffens eines praktisch vergessenen Komponisten wird stets kritisch beäugt. Es war so im Fall von Egon Wellesz, als das Musikprotokoll des steirischen herbstes die Sinfonien spielte und die Kritik zum Schluß kam, Wellesz sei nicht der übersehene Mahler und auch kein Messias der nach-mahlerschen Sinfonik, und es war so bei Brian und der BBC: Man hörte eine um die andere Sinfonie und begriff, daß es da einen gab, der offenbar unablässig eigenbrötlerische Sinfonien schrieb, die den Modernen zu konservativ und den Konservativen zu modern waren, aber in der Fülle fehlte die Initialzündung zur Wiederbelebung. Denn daß die Aufführung der "Gotischen" keine sein konnte, hätte klar sein müssen: Ein Werk, das an die 1000 Mitwirkende erfordert, kann bei bestem Willen nicht zum oft gespielten Repertoirestück werden.
      In der Folge bildete sich eine Anhängerschaft, die Brians Musik verehrt, mitunter einfach aus dem Grund, weil niemand anderer diese Musik verehren will. Anders gesagt: Die Brian-Anhängerschaft fühlt sich bei einem nicht dem Repertoire hinzugewonnen Brian wohler, denn erstens kann man, solange Brian ein Außenseiter ist, missionieren; zweitens schweißt nichts sosehr zusammen und hebt weniges den Stolz in höhere Höhen als der Glaube, einen Künstler entdeckt zu haben, der doch nur im Quasi-Besitz ganz weniger sei. Die Brian-Anhängerschaft findet also nichts dabei, etwa Messiaens "Turangalila" als lang und langweilig herabzusetzen, wohingegen Brians Symphonik im Vergleich weit überlegen sei. Mit solchen Behauptungen erweist die Brian-Anhängerschaft ihrem Lieblingskomponisten jedoch einen Bärendienst, denn wer so argumentiert, kann nicht ernst genommen werden - und das fällt wiederum auf Brian selbst zurück.
      Richtiger wäre es, Brian als den zu betrachten, der er war: Er hat, aus der Spätromantik kommend, einen eigenen Weg beschritten, der an die Grenzen der Atonalität und darüber hinaus führte, ohne sich in die Nähe der Zweiten Wiener Schule zu begeben. Er hat auch eine Symphonik entworfen, die sich auf die Darstellung der strukturellen Kulminationspunkte beschränkt, die zu ihnen führende Entwicklung aber ausspart. Die Rolle Brians als einer der großen Außenseiter der Musik des 20. Jahrhunderts wäre eine ihm angemessene und durchaus vorteilhafte. An der Rolle eines musikalischen Messias hingegen scheitert Brian ganz zwangsläufig ebenso wie alle anderen Komponisten, die von ihren Anhängern in sie hineingezwungen werden.
      :wink:
      Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)
    • Hallo Edwin,

      in meinen CD-Beständen befinden sich 6 Jewelcases, in denen CDs mit Werken Havergal Brians stecken – vornehmlich Symphonien (1, 3, 4, 7, 12, 17, 18, 31 und 32), dann das Violinkonzert, Overtüren (»The Jolly Miller«, »The Tinker’s Wedding«) sowie die Orchesterwerke »Festal Dance« und »In Memoriam«.

      Eine »intensivere« Beschäftigung mit Brians Musik liegt bei mir allerdings inzwischen mehr als 15 Jahre zurück – in der ersten Hälfte der 1990er hatte ich ein gewisses Faible für spät- und postromantische Musik von der Insel, das allerdings seit längerem wieder ziemlich herabgekühlt ist.

      Somit ist meine Erinnerung an die Musik Brians nicht unbedingt taufrisch – obgleich ich heute Abend anlässlich Deines Threads mal wieder die Scheiben hervorgekramt und zunächst die 1948 entstandene 7. Symphonie gehört habe (Royal Liverpool Orchestra unter Charles Mackerras, der lange Jahre übrigens zum Präsidium der Havergal Brian Society zählte), die mit einer markanten und den Hörer unmittelbar anfixenden Fanfare anhebt und neben zwei durchaus mitreißenden Ecksätzen an dritter Stelle einen bezaubernden langsamen Satz als Kernstück bietet. Das hat mir heute Abend wieder sehr gut gefallen. Hier ein Bild der CD:

      [Blockierte Grafik: http://ecx.images-amazon.com/images/I/41bSzwaqB5L._SL500_AA300_.jpg]

      Jetzt läuft gerade die 4. Symphonie Psalm of Victory (1932/33) für Sopran, verstärkte Doppelchöre und riesigen Orchesterapparat, der neben erweitertem Holz (zu den üblichen Holzbläsern treten u.a. Altflöte, zwei Oboi d’amore [ist das der richtige Plural?], Bass-Oboe, Bassethörner, Pedalklarinetten), umfangreichem Blech und Schlagzeug einen ausladenden Orgelpart vorsieht. Das ist schon gewaltig und i-wie aufregend, aber zugleich ist es in jeder Hinsicht maßlos und hypertroph, in der Tendenz megalomanisch. Ich habe Brians Werke nie häufig gehört und gerade diese 4. führt mir gerade wieder vor Ohren, warum das so ist: Da ist einfach zu viel Clotted Cream auf den Scones – und dann ist da auch noch Lemon-Curd drauf gestrichen worden und zwar fingerdick, so dass viele interessante Ideen ins riesenhafte überzeichnet oder einfach zugekleistert werden. Auch hier ein Bildchen (ich hab noch die MP-Ausgabe, inzwischen gibt’s eine Neuauflage bei Naxos):




      Die »Gothic-Symphony« hab ich wohl nie am Stück durchgehört, der zweite Teil der Symphonie (das Te Deum) ist mir immer fremd geblieben, ja schien mir seltsam deplaziert. Unter den »frühen« Werken mochte ich immer die 3. Symphonie am liebsten, die zwar an den Eskapismus der Gothic anschließt, aber in jeder Hinsicht deutlich keiner dimensioniert ist und durch die Integration von zwei Klavieren streckenweise konzertant aufgelockert wird. Aber auch diese Symphonie habe ich lange nicht gehört.
      Bilder zur Gothic (auch hier besitze ich noch die inzwischen bei Naxos wiederaufgelegte MP-Ausgabe unter Ondrej Lenard) und zur 3. Symphonie (die bei Hyperion gelabelte Interpretation von Lionel Friend ist IMO richtig gut!):





      Gut gefällt mir auch immer noch wie gesagt die 7. – Brians erste Nachkriegssymphonie. Die mir bekannten späteren Symphonien (wie schon geschrieben: die Nrn. 12, 17, 18, 31 und 32) sind allesamt erheblich knapper dimensioniert – sowohl was den verlangten Apparat anbetrifft, als auch was die zeitlichen Dimensionen angeht, dauern sie doch mit Spielzeiten zwischen 11 und 20 Minuten etwa so lang wie die frühen Haydn-Sinfonien. Gern gehört hab ich - wenn ich mich recht erinnere - die Nr. 31 (1968) die aus einem ziemlich knappen Motiv eine humorvolle und streckenweise aberwitzig-mechanistische Musik entwickelt.

      Alles andere müsste ich erst mal wieder hören. Ob ich das wirklich mache, weiß ich aber noch nicht. ;+)

      Adieu,
      Algabal


      p.s.: kennt eigentlich jemand den Mitschnitt der 1966er-Aufführung der Gothic mit dem BBC SO unter Boult? Bild:

      Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.
    • Havergal Brian ist neben Ralph Vaughan-Williams mein Lieblingskomponist der englischen Musik der 20. Jahrhunderts vor Ferneyhough - ich überschätze ihn aber, glaube ich, trotzdem nicht, schließe ich mich (ausnahmsweise) Edwins Einschätzung als eigenständigen Außenseiter mit offenkundigen Mängeln an - nur dass mich andere Dinge stören als "schlechter Klang".

      Die beiden Werke, die meine besondere Bewunderung verursachen, sind die 3. Sinfonie und das Violinkonzert, und die sind eigentlich gut durchhörbar und "technische" Mängel welcher Art auch immer mache ich keine aus. Dass er mein besonderer Liebling ist, liegt an der unverschämten Frische, mit der er einem alles Mögliche an die Ohren wirft, also das unbekümmerte Schöpfen aus der Fülle, der Abwechslungsreichtum, der übertriebene Luxus, dass man ständig mit neuen Sensationen versorgt wird. Kritischer ausgedrückt, die grelle Buntheit, freundlicher gesagt, der Pluralismus. In diesem überreichen Kleid diverser musikalischer Erfindungen wirken aber leider die Themen, wenn man irgendwann einmal zu ihnen durchdringt, merkwürdig unentschlossen, unausgeprägt, mitunter auf mich fast banal. Und manches nutzt sich leider bei oftmaligem Hören ab.

      Da wir bei Foulds über Vorwegnahme der minimal music diskutiert haben, schlage ich hier die Vorwegnahme Wolfgang Rihms vor - rücksichtslose kompositorische Wildheit, die in schneller Folge aneinanderhängt, was nicht zusammenzugehören scheint, bleibt für mich für die 30er-Jahre eine verblüffende Modernität, die Brian eines besonderen Interesses würdig macht.
      This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
      playing in good Taste doth not confit of frequent Passages, but in expressing with Strength and Delicacy the Intention of the Composer (F. Geminiani)
    • Lieber Algabal,
      "Gothic" und Vierte sind meiner Meinung nach die wirklichen Problemwerke: Brian hatte mit den Riesenapparaten keine Erfahrung, vor allem keine akustische. D.h., er hatte nie die Gelegenheit zu überprüfen, inwiefern realer Klang, inneres Ohr und Partiturbild deckungsgleich sind. Dadurch kommt es bei Brian meiner Meinung nach zu einem Fehler: Er hat genug Musiker, um eine dichte Polyphonie nicht nur schreiben zu können, sondern auch noch massiv zu instrumentieren. Dadurch entsteht der Eindruck der Hypertrophie: Zuviel von allem.
      Die Siebente ist auch als Einstieg insofern sehr zu empfehlen, weil sie bereits sehr in Richtung der Inhaltsangaben späterer Brian-Symphonien geht, andererseits aber auch noch die Nachromantik reflektiert. Ich gebe allerdings der Sechsten den Vorzug:

      Sie ist schroffer als die Siebente, hat andererseits aber auch prägnanteres thematisches Material, was bewirkt, daß man Brians eigenartige Motivverwandlungen auch rein akustisch zumindest einige Zeit halbwegs mitvollziehen kann.

      Was die Boult-Aufnahme betrifft: Sie ist insgesamt wesentlich besser als die Naxos-Aufnahme, bei der mich doch die allzu vielen Unsauberkeiten nachhaltig stören. Allerdings ist auch bei Boult vieles unsauber - es geht bei einem derartigen Riesenapparat eben nicht anders. Die Tonqualität ist gemessen am Alter der Aufnahme beachtlich, die Solisten sind erstklassig. Boult kann freilich nicht über den Bruch zwischen den beiden Teilen hinwegtäuschen. Das "Te Deum" bleibt ein Problem, ästhetisch wie kompositionstechnisch.

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      Lieber Putto,
      der Vergleich mit Rihm ist sehr interessant. Ich glaube, es hat etwas mit der Quelle zu tun: Rihm hat sich ja mehrfach auf Varèse berufen, und Brian verehrte Varèse ebenfalls. Der Unterschied ist somit "nur", daß Brian Varèses Errungenschaften aus der Sicht eines modern orientierten Eigenbrötlers auf nachromantischem Fundament durchdenkt, während es Rihm aus postserieller Position macht. Beide Komponisten arbeiten mit einer Art Überrumpelungstaktik, indem sie gegen die Erwartungshaltung schreiben.
      Das Violinkonzert halte ich für ein geglücktes Werk, obwohl es doch mehr Symphonie mit obligater Solovioline ist. Von den späten Symphonien scheint mir die 22, "Sinfonia brevis", am interessantesten: Sie ist ein thematisches und stilistisches Kaleidoskop in einem Ausmaß, daß ich nahezu von Polystilistik sprechen will. Dabei hat sie eine derartig unverschämte Frische, daß man sich dieser Musik kaum entziehen kann. Ich frage mich dabei immer wieder, ob die Naivität echt oder gemacht ist (aufgrund der komplexen Bildungen in den ersten Symphonien glaube ich eher, sie ist gemacht) - aber das ist angesichts des Ergebnisses von sekundärer Bedeutung.
      Leider gibt es im Moment keine Aufnahme von dem Werk. Auf Schallplatte existierte eine mit dem Orchester der Leicestershire School, das etwa die Qualität eines ambitionierten Amateurensembles hat.

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      Übrigens habe ich verschiedentlich versucht, Dirigenten und CD-Produzenten in Sachen Brian auf einen Nenner zu bringen. Sie waren in der Regel zuerst interessiert, aber alsbald schlugen sie die Hände über dem Kopf zusammen: Das lag nicht an Brians Musik, sondern an seiner Fangemeinde, die so unbedingt und pentrant mitreden wollte, daß schließlich jeder, den ich darauf ansprach, die Finger von Brian ließ. Mitunter sind die Fans ohne es zu wissen die größten Gegner ihres Idols.

      Noch eine kleine Anekdote: Auf Schallplatten-Raubpressungen erschienen auf dem Label Aries 17 Sinfonien Brians mit den seltsamsten Ensembles und Dirigenten: Die 28. Sinfonie etwa dirigierte ein, wenn ich mich recht erinnere,Colin Wilson am Pult des Wales Symphony Orchestra. In Wahrheit handelte es sich um Mitschnitte von BBC Produktionen - im konkreten Fall von der Aufführung Leopold Stokowskis. Wäre doch schön, wenn die BBC einmal in ihren Archiven kramen würde, denn was dort alles liegen muß - besser nicht darüber nachdenken, sonst wird man noch trübsinnig, was einem alles entgeht, nicht nur in Sachen Brian.
      :wink:
      Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)
    • hm, brian also, ... einige wenige versuche, sich ihn zu erschließen ... immer in langeweile, genervtheit endend ... da war aber auch so gar nichts, was mich auch nur ein klein wenig fesselte ... und das, obwohl er britannier ist .... und somit ad acta gelegt ;(
      Muss es sein? - Es muss sein!
    • Mittlerweile gibt es Neues in Sachen Havergal Brian zu melden:




      Die CD oben links bietet ein Hauptwerk, nämlich die 10. Sinfonie, die man ruhig auch Brian-Einsteigern empfehlen kann, weil ihre Schroffheiten mit vollblütiger Nachromantik kontrastieren; so süffig schreibt Brian selten. Konzert für Orchester und 30. Sinfonie sind da von anderer Art: "Tonal", gewiß, aber es gibt Atonales und Zwölfgetöntes, das freundlicher klingt als diese Musik. Brian wirft dem Zuhörer unbehauene Brocken an die Ohren, als wolle er sagen: Mach Dir selbst die Musik daraus. Die Werke gewinnen bei mehrmaligem Hören, aber sie bleiben gleichwohl schwere Kost und wirken am Anfang ziemlich unnahbar. Die Englische Suite Nr.3 ist hingegen ein zugänglicheres früheres Werk, das aber auch wesentlich schwächer ist: Die Instrumentierung ist viel zu voluminös, die Kurzatmigkeit klingt nach unbewältigter Verarbeitung, nicht nach Konzept, vieles mutet willkürlich an. Schade, da wäre Platz für noch eine Sinfonie gewesen...

      Die CD oben rechts bietet Brians vielleicht zugänglichstes Werk, die "Dr. Merryheart"-Ouvertüre, eigentlich eher eine Sinfonische Dichtung. Strauss hat Pate gestanden, Brians Hang zu etwas zu massiver Instrumentierung ist zwar vorhanden, fällt aber weniger ins Gewicht als in anderen seiner früheren Werke. Neunte und Elfte Sinfonie sind der typische spätere Brian mit seinem Gewebe aus wie unverbunden nebeneinanderstehenden Kürzestphrasen, durch welche die Musik so herb und unzugänglich wirkt, weil man sich weder auf Entwicklung noch auf Wiederkehr von Themen verlassen kann. Die Elfte ist eine meiner liebsten aus dem Brian-Kanon, dafür werde ich mit der mehr gepriesenen Neunten nicht recht warm.

      Die CD unten ist Brian-Einsteigern zu empfehlen, denn sie bekommen hier ein wirklich zündendes Werk, nämlich die "Burlesken Variationen", ebenso wie ein herbes spätes, "Ave atque vale", das aber weniger kurzatmig ist, als man es vom alten Brian kennt. Die "Englische Suite Nr. 5 - Rustic Scene" ist Brians letzte Arbeit in einem sich populär gebenden Genre - und entfernt gleichzeitig davon, denn die Typen der üblichen nationsgebundenen Suiten sind zwar vorhanden, aber wie ein Knochengerüst zitiert, das mit absolut unpassendem Fleisch ausgekleidet scheint. Wenn man Variationen und Suite hintereinander hört, merkt man die Wegstrecke, die Brian in seiner musikalischen Entwicklung zurückgelegt hat, ohne zeitgenössische Techniken miteinzubeziehen.
      :wink:
      Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)
    • Violinkonzert, 1935

      Heute erstmals gehört (ansonsten kenne ich - mehr oder minder ungenau - eine Handvoll weiterer Werke, darunter auch die hypertrophe, aber irgendwie faszinierende Gotische (1. Sinfonie)):



      Der kurz kontaktierten Seite der Havergal Brian Society entnehme ich, dass dies bereits sein zweites Violinkonzert ist.

      Es ist eine bunte, lyrisch-klassizistische Musik, an die man sich rasch gewöhnt. Der Orchestersatz klingt vielfach kontrapunktisch, ohne im Geringsten überladen zu wirken. Orchestrale Transparenz paart sich mit oft ausgeprägt solistischer, aber komplexer Behandlung der Gruppen oder von Einzelinstrumenten wie der Harfe.

      Wenn man die Musik auf sich wirken lässt, so empfindet man die Melodik, die sich gewiss nicht aufdrängt, aber vor allem gegen Ende sogar choralartige Züge und eine gewisse Markanz entwickelt, als von englischer Folklore beeinflusst, aber letztlich doch einem gewissen stilistischen Pluralismus untergeordnet. Mal fühlt man sich an die deutsche Spätromantik eines Pfitzner erinnert, vielleicht auch (meines Erachtens gar nicht so sehr) an Elgar, dann wieder an die klassizistische Satzkunst eines Hindemith oder Walton.

      Das Booklet der Marco-Polo-Produktion bietet eine sehr differenzierte formale Betrachtung des Konzerts in englischer Sprache. Mit der Einspielungsqualität in technischer und interpretatorischer Hinsicht habe ich keine Probleme, obwohl man wohl auch keine audiophilen Maßstäbe an die rund vierzig Jahre alte Aufnahme anlegen darf. Das Orchester gehört zu den durchaus bekannten aus der Heimat des Komponisten.

      Ein Werk, das ich nicht nur einmal gehört haben will und das - obwohl von mehr als einer halben Stunde Dauer - in keiner Weise anstrengend ist (wie die Gotische schon irgendwie - so dass deren Schluss umso befreiender erscheint ... :P ).

      :wink: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • Da wir bei Foulds über Vorwegnahme der minimal music diskutiert haben, schlage ich hier die Vorwegnahme Wolfgang Rihms vor - rücksichtslose kompositorische Wildheit, die in schneller Folge aneinanderhängt, was nicht zusammenzugehören scheint, bleibt für mich für die 30er-Jahre eine verblüffende Modernität, die Brian eines besonderen Interesses würdig macht.


      Zwar vermeine ich den putto zwinkern zu sehen, aber das Hauptproblem besteht darin, dass ich ...

      ... nach wie vor nichts von Rihm kenne. So muss ich schweigen und habe jetzt nur ein Posting mehr im Zähler ...

      8| :wink: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • Also ich empfinde die 1. Sinfonie als geniales Werk. :juhu: Besonders die Live-Aufnahme von Brabbins hat es mir angetan. Er schafft es meiner Meinung nach aus diesem Wirrwarr von Stimmen die wichtigsten herauszunehmen und allem eine Ordnung zu geben.
      Als größtes Problem empfinde ich die 4. Sinfonie. Ich glaube allerdings, dass es an der mir zu Verfügung stehenden Einspielung von Leaper liegt. ?(
      Die ist sehr gewöhnungsbedürftig. Da sehe ich nicht durch.
      Von den kleiner proportionierten Sinfonien gefällt mir am meisten die 7. Die Fanfare am Anfang und das wunderschöne Ende haben es in sich.
      :pfeif:
      Die Musik drückt aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.
      Victor Hugo
    • Als größtes Problem empfinde ich die 4. Sinfonie. Ich glaube allerdings, dass es an der mir zu Verfügung stehenden Einspielung von Leaper liegt.
      Warum? Was macht Leaper Deiner Meinung nach "falsch"? Ich halte Leaper für einen weitaus besseren Dirigenten, als so bezeichnete "Star-Dirigenten". Er hat sehr gute Sibelius, Nielsen und auch Bantock-Einspielungen hinterlassen, die mir gerade so einfallen.
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)
    • Edwin schrieb:


      Eine der berührendsten Aufführungen wird wohl die der 28. Sinfonie unter Leopold Stokowski im Jahr 1973 gewesen sein: Brian war 91 Jahre alt, als er sie komponierte, Stokowski war 91 Jahre alt, als er sie dirigierte

      Diese gibt es übrigens bei Youtube, "http://www.youtube.com/watch?v=RVgCa9UAMic
      Schöne Grüße, Helli


      Immer cool bleiben.
    • Maurice schrieb:

      Als größtes Problem empfinde ich die 4. Sinfonie. Ich glaube allerdings, dass es an der mir zu Verfügung stehenden Einspielung von Leaper liegt.
      Warum? Was macht Leaper Deiner Meinung nach "falsch"? Ich halte Leaper für einen weitaus besseren Dirigenten, als so bezeichnete "Star-Dirigenten". Er hat sehr gute Sibelius, Nielsen und auch Bantock-Einspielungen hinterlassen, die mir gerade so einfallen.

      Natürlich, da bin ich ganz deiner Meinung aber diese Einspielung von Brians Sinfonie 4 gefällt mir gar nicht. Da höre ich halt das von mir angesprochene Herausarbeiten und Variieren der Stimmen, wie bei Brabbins, nicht heraus. Ich empfinde diese Interpretation als Einheitsbrei.
      Ich würde mich freuen wenn mich jemand vom Gegenteil überzeugen könnte.
      :thumbup:
      Die Musik drückt aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.
      Victor Hugo
    • Natürlich, da bin ich ganz deiner Meinung aber diese Einspielung von Brians Sinfonie 4 gefällt mir gar nicht. Da höre ich halt das von mir angesprochene Herausarbeiten und Variieren der Stimmen, wie bei Brabbins, nicht heraus. Ich empfinde diese Interpretation als Einheitsbrei.
      Ok, ich verstehe. Ich bin kein Brian-Experte, deshalb kann ich dazu nun nicht wirklich was sagen. Ich habe allerdings die Vierte unter Leaper da, was ich selbst nicht wusste. Die Erste hatte ich mal, aber das Werk ist einfach ZU gigantisch, so dass ich sie wieder hergegeben habe. Ob ich das heute auch noch mal machen würde, sei dahin gestellt. Doch so viel Brian höre ich echt nicht.
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)
    • Nochmal zur Ersten, ich verstehe das hier viele sagen, dass sie bei ihr nicht durchsehen; ist bei mir genauso. Aber sie fasziniert mich trotzdem. Das ist wie wenn man unsere Welt von oben sieht. Sie ist wunderschön aber man versteht sie nicht was mich nicht vom genießen abhält. (ich hoffe das war jetzt nicht zu kitschig) :spock:
      Die Musik drückt aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.
      Victor Hugo
    • Da ist sie, die Komplettierungsscheibe:



      Zwar besitze (und erst recht kenne) ich längst noch nicht alle 32 Sinfonien - vielleicht ein (gutes) Drittel -, aber obige CD habe ich heute wenige Tage nach Erhalt einigermaßen aufmerksam gehört.

      Überraschend originell - dies gilt schon einmal für die ersten Takte - erklingt die Nummer acht und man versteht kaum, warum es bislang keine kommerzielle Einspielung von ihr gab. Die anderen beiden Kompositionen lassen den etwas überladenen, kontrapunktisch komplexen Altersstil des Meisters erkennen, was gewiss auch bedeutet, dass sich Überraschung und Unverwechselbarkeit in Grenzen halten. Aber gut - das ist ein Ersturteil und weitere Hörsitzungen sollten denn doch folgen.

      Beim Partner (siehe obigen Link) findet sich übrigens eine bemerkenswert ausführliche und sachkundige Rezension.

      Mittlerweile reizt mich die Komplettierung der Sinfonien schon. Sicher bin ich mir nicht, ob das sein muss. ... Allerdings werde ich Wieland nicht nach seiner Meinung fragen. Kleiner Scherz ...

      :wink: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • Havergal Brian komponierte 1907 eine dramatische Kantate "The Vision of Cleopatra", die seinerzeit einen Kompositionspreis gewann und auch erfolgreich aufgeführt wurde. Durch die Wirren des 1. Weltkrieges geriet das Stück dann in Vergessenheit (wie Brian selber auch) und 1941 setzten die Deutschen einen Schlussstrich unter das Werk, indem sie bei einem Bombenangriff die Orchesterstimmen vernichteten.
      Die HB Society trat dann vor einigen Jahren an den englischen Komponisten John Pickard heran mit der Bitte, aus den komplett vorhandenen Stimmpartituren mit Klaviersatz eine Neu-Orchestrierung vorzunehmen. Die Orchestrierung hat Pickard auf Grundlage zeitgleicher Werke des Komponisten vorgenommen. Das ist es, was wir hier hören. Das vierzigminütige Werk ist in einer spätromantisch/impressionistischen Tonsprache gehalten und war zu seiner Zeit auf der Insel sicher eine moderne Partitur. Dem Chor kommt eine wichtige Rolle zu. Sicher kein Meisterwerk, aber für Liebhaber entsprechender Werke hörenswert.

    • Eine Anmerkung zur diskographischen Situation hinsichtlich der Sinfonien von Brian .
      Die gute Nachricht : es gibt alle 32 Sinfonien in irgendeiner Form zum Nachhören / Kennenlernen . Die schlechte Nachricht : die muß man erstmal finden .
      Jede Sinfonie ist zumindest einmal auf Tonträger festgehalten . Dabei finden sich unter den Dirigenten solche Namen wie Boult , Stokowski , Mackerras , Grooves und Handley , aber auch weniger bekannte wie Del Mar , Brabbins , Reaper , Rowe und andere . Mit dem Dirigenten Myer Fredman etwa gibt es 7 Sinfonien - aber nur No.6 & No.16 sind als offizielle CD erhältlich . Teilweise existiert nur eine Einspielung des Werks , so wie von der No.13 unter Brabbins . Erschwerend kommt hinzu , daß einige Aufnahmen quasi als Bootlegs auf LP veröffentlicht wurden , und dabei die Klarnamen hinter mehr oder weniger einfallsreichen Pseudonymen versteckt wurden . - Die Industrie ist sehr zurückhaltend , wenn es um Havergal Brian geht . Aber wer würde auch eine GA seiner Sinfonien kaufen ? Und wer soll sie produzieren , wenn - mangels Aufführungsmasse - nicht einmal Rundfunkproduktionen zur Verwertung bereit stehen ? ( Die Frage nach der Bewertung des Ouvres lasse ich außen vor , das ist eine andere Geschichte) . Die Havergal Brian Society unterstützt Projekte , wo sie kann , aber über die Mittel für eine GA verfügt sie ganz gewiß nicht . Wer Interesse an den Werken von Brian hat , muß sich bemühen - immerhin wird , wer alle 32 Sinfonien einmal gehört hat , zu einem exklusiven Kreis gehören . Ich gehöre (noch?) nicht dazu .
      Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang " "Not really now not anymore" - Und Bernd lacht -
    • Ich habe schon seit langem ein grosses Problem mit britischer Musik (allerdings nicht mit Britten). Mein Problem ist, dass sie mich emotional nicht engagiert.
      Sei es Bax, Brian, Walton, Vaughan Williams und sogar meist Elgar: Es passiert für mich nichts.

      Meine Meinung (die sich sicher noch ändern kann):
      Was diese Musik nicht an emotionaler Tiefe vermitteln kann, versucht sie durch pseudoemotionalen Bombast oder durch Nähe zur folkmusic oder British heritage wettzumachen (das letztere ist aber nur ein kitschiges Cover-up für das Fehlen jeglicher emotionaler Tiefe ). Ja, die jeweiligen Komponisten sind gute Handwerker, aber das reicht eben nicht. Es muss auch künstlerische Inspiration dazukommen. Diese fehlt aber.

      Ich habe mir eben die Gothic Symphony angetan. Gott, ist das ein pompöser Bombast ohne jegliche emotionale Aussage !
      Bitte vergleichen - im HInblick auf emotionale Tiefe - mit Beethovens Klaviersonate opus 2 nr 3: Adagio, gespielt von Barenboim.
      Aber selbst wenn man die Gothic mit der Alpensinfonie vergleicht, sinkt sie gewaltig ab.

      Aber ich will niemanden auf den Schlips treten. Es ist schön, dass es Vielfalt gibt.
      Ich bleibe bei den Briten bei Literatur und Rockmusic.