J.STRAUSS: "Wiener Blut" - Bühne Baden, 27.8.2010

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    • J.STRAUSS: "Wiener Blut" - Bühne Baden, 27.8.2010

      Meine Lieben,

      Meine Frau und ich haben unseren Ungarn-Aufenthalt kurz unterbrochen, weil wir Karten für "Wiener Blut" in der Badener (Sommer-)Arena ergattert hatten. Die wurde übrigens 1906 von Rudolf Krausz (einem in kunsthistorischen Spezialistenkreisen nicht ganz unbekannten österreichischen Architekten der Secessionszeit) errichtet, seither natürlich mehrfach adaptiert. Das verschiebbare Dach mußte gestern wegen des glücklicherweise bald aufhörenden Regens geschlossen bleiben, aber man sitzt dort gemütlich, sieht gut, die Akustik ist auch nicht schlecht, die Lage im Kurpark (baulich verbunden mit dem Casino) anziehend und das Café in der Nähe, das wir wegen der Unmöglichkeit des Spazierengehens mit unseren Freunden aufsuchten, angenehm. Der Rahmen eines Theaterabends soll ja auch stimmen.

      Um es vorwegzunehmen: Die Bühne Baden hat uns wieder einen außerordentlich genußvollen Abend beschert. Unter Robert Herzl nimmt das Haus einen deutlichen künstlerischen Aufschwung. Allen Mitwirkenden gebührt ein Pauschallob, denn die Aufführung hatte keinen wirklichen Schwachpunkt.

      Die schwungvolle Inszenierung mit bis ins Kleinste ausgefeilten, aber nie bemüht wirkenden Details und exzellenter Personenführung ist Helmut Wallner zu verdanken, der jahrelange Operettenerfahrung besitzt. und es blendend versteht, die Mitte zwischen Ernst, Scherz und Ironie zu finden. Werktreu, aber völlig unverstaubt, ist das Ergebnis. Auch gelang es ihm offenbar, in allen Mitwirkenden eine unbändige Spiellust zu wecken bzw. deutlich zu machen, sodaß man sofort mitgerissen wird. Und diese Stimmung reißt bis zum Schluß nicht ab. Die gelungene Bühnengestaltung - Sonderlob für den farblich prächtigen Laubengarten im 3.Akt! - und die gelungenen Kostüme stammen von Waltraut Engelberg, die meist in Deutschland tätig, aber immer wieder auch an österreichischen Produktionen beteiligt ist. Dirigent war Oliver Ostermann, seit heuer 1.Kapellmeister des Hauses, der sich bestens in Form zeigte und meine Rubato-Erwartungen und -hoffnungen glänzend erfüllte.

      Im Ensemble gibt es mehrere Nachwuchskräfte, die sich stimmlich in unterschiedlichen Reifestadien befinden, aber alle mit Talent , Engagement und operettenmusikalischem Sinn beeindrucken. Besondere Aufmerksamkeit möchte ich auf Elisabeth Schwarz (Pepi Pleininger) und Barbara Payha (Gräfin) lenken, von denen ich mir noch viel erwarte. Ihre Rollengestaltung war umwerfend gut. Schwarz erinnert im Typ und im Wesen ein bißchen an die Petibon (ist aber hübscher), in wienerischer Version halt. Das Mädel kann was!. Sie stammt aus Salzburg und ist eine Borowska-Schülerin, seit diesem Jahr ist sie an die Wiener Volksoper engagiert. Payha gewann 1996 den Dostal-Wettbewerb, war lange in Linz tätig und tritt ebenfalls häufig an der Volksoper auf. Ich bin so gemein und messe alle Gabrielen an der unerreichten Güden (unter Robert Stolz) und ich muß sagen, Payha hat das Zeug dazu, einmal in deren Nähe zu kommen. Cornelia Zink als Franziska Cagliari - Absolventin des Mozarteums und derzeit in Cottbus engagiert (schönes Theater übrigens, an das ich mich gern erinnere!) - hat schon Ischl- und Mörbischerfahrung, ist aber noch nicht so weit wie die beiden Vorgenannten, aber gut ist sie trotzdem.
      Für den Premierminister Fürst Ypsheim-Gindelbach hat man sich Fritz Hille aus Berlin geholt; er hat sich schon in DDR-Zeiten einen Namen gemacht und ist inzwischen Kammersänger. Für mich ist er jetzt nach Benno Kusche der Zweitbeste in dieser Rolle. Er outriert nicht übertrieben und gibt ein noch immer ganz fesches Mannsbild, das nicht nur Karikatur darstellt. Intereressant Andreas Schagerl als Graf Balduin. Daß er lyrische Partien wie den Tamino mit Erfolg gesungen hat, wunderte mich, denn sein Organ klingt nicht leicht, sondern eher dramatisch-schwer, fast wagnerhaft (Steuermannn und Erik sind auch auf seiner Rollen-Liste) - für den Grafen Zedlau eher ungewohnt. Aber bald begreift man, daß hier ein deutscher Bär plötzlich von Wiener Blut durchströmt wird, und diese Mischung sowohl für die Gräfin wie für das Publikum etwas sehr Anziehendes hat. Andreas Sauerzapf gibt den Josef mit Elan und verschmitzter Domestikenschlauheit.
      In den kleineren Rollen brillieren unter anderem Franz Födinger als Fiakerkutscher - klassische Verkörperung einer "harben Goschen" (das ist unübersetzbar, "kernig-grobes Maul" trifft's nur teilweise) - und Walter Schwab als Kagler.
      Eigentlich müßte ich alle erwähnen, auch das Ballett, aber wer es nicht gesehen und gehört hat, der hat wenig davon. Es war jedenfalls ein wirklich großartiger Abend, und von Operettenkrise war nichts zu bemerken. Im Gegenteil, ich fühlte mich eher wie am Beginn einer neuen Glanzzeit.

      Liebe Grüße

      Waldi
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      Homo sum, ergo inscius.