Händel und die Opera Seria

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    • Händel und die Opera Seria

      Händel und die Opera Seria



      Mittlerweile ist es ja fast nicht mehr so eine Sensation, das Händel eben nicht nur der allbekannte Oratorienkomponist gewesen ist, sondern den größten teil seines Lebens der Oper gewidmet hat.
      Doch aufgrund veränderten Geschmacks wurde sein Opernschaffen bis ins 20. Jahrhundert fast schon negiert. Als sei es ein Makel, dass sich das Genie mit der abgezirkelten Nummernopern abgegeben hat.
      Die Opera Seria ist noch Heute sehr vorurteilsbehaftet – und auch das haben wir mal wieder Herrn Wagner zu verdanken, dessen polemische Äußerungen über diese Opernform wohl am bekanntesten sind.
      In den 50er und 60er Jahren gab es zaghafte Versuche die Opern Händels wieder zu spielen.
      Der Erfolg schien sich in Grenzen zu halten, ganze Partien mussten transponiert werden, da man keine Kastraten für die Titelpartien haben wollte und Frauen in Hosenrollen wohl auch nicht glaubwürdig erschienen.
      Seit den 90er Jahren aber erleben wir einen wahren Händelopernboom, der glücklicherweise aber auch andere Barockopern andere Komponisten aus der unverdienten Versenkung entrissen hat.
      Heute ist fast jede Oper Händels auf Tonträger zu haben, teilweise auch gleich in mehreren Einspielungen. Im Grunde kann man von einem richtigen Revival der Barockoper in unserer Zeit sprechen. Jedoch nur auf Tonträger, das Barockopern zum regelmäßig gespielten Repertoire unserer Opernhäuser gehören, davon kann noch keine Rede sein.

      Denn nach wie vor hat die Opera Seria mit immensen Vorurteilen zu kämpfen.

      Am Lebensweg Händels und seinem Werk kann man allerdings sehr gut beschreiben und verstehen, was diese besondere Opernform eigentlich ausmacht.


      Händel in Hamburg

      Händel sollte ja bekanntermaßen als Jurist ausgebildet werden, nur interessierte es ihn kein Stück.
      So nahm er seinen Abschied aus Halle und erreichte schließlich Hamburg als nächst größere Musikmetropole. Und Hamburg war in der Tat eine internationale Musikmetropole.
      Das Hamburger Opernhaus am Gänsemarkt hatte längst Berühmtheit erlangt.
      Ein Haus das so prächtig und mit allen technischen Raffinessen der Zeit ausgestattet war – und das obwohl kein mächtiger Fürst den Auftrag dazu erteilte, es wurde von den Bürgern der Stadt finanziert.






      die einzige erhaltene Abbildung des Opernhauses, das zwar außen wie eine Scheune wirkte, innen jedoch manches höfische Theater an Pracht überstrahlte.


      Die Opern die hier gespielt wurden waren international, man scherte sich nicht um die Rivalität des französischen oder italienischen Geschmacks. Hier wurde gespielt was einfach gut war. Aber natürlich gab es nicht nur Importe aus Frankreich und Italien, einheimische Komponisten wurden selbstverständlich und recht häufig herangezogen.
      Georg Conradi, Agostino Steffani, Rheinhard Keiser und später auch Mattheson, Telemann und Händel selbst.
      Doch diese Opern hatten eine Besonderheit – sie waren entweder in deutscher Sprache oder mehrsprachig verfasst.
      Bei italienischen Opern z.B. wurden die Arien in der originalen Sprache belassen, die Rezitative jedoch wurden übersetzt.
      Ähnlich war es auch bei französischen Werken.
      Und schließlich entstand daraus die deutsche Symbiose: deutsche Rezitative, italienische Koloraturarien und französische Chöre und Ballets.
      Charakteristisch ist auch die Marktschreierszene, die in eigentlich jedem hamburgischem Opernwerk auftaucht.

      Händel fand eine Anstellung als Violinist und Cembalist am Opernhaus. In dieser Tätigkeit dürfte er unglaublich viel gelernt haben.
      Und in diesem gemischten Stil komponierte auch Händel seine erste Oper, Almira.
      Kompositorisch recht unelegant im Vergleich mit seinen späteren Werken – was er jedoch schon perfekt beherrschte war der französische Ballett-Stil.
      Eine Sarabande aus dieser Ballettmusik taucht jedoch auch immer wieder in späteren Werken auf, wie z.B. die berühmteste Version „Laschia ch’io pianga“ aus Rinaldo.

      Und in diesem Zusammenhang ist eine kleine Episode überliefert in der er dem Komponisten Steffani eine seiner Kompositionen vorlegte, dieser aber meinte: „Mein Freund das hat nichts mit italienischer Musik zu tun, das ist französisch.“
      Andere Quellen berichten wiederrum, das der Ausspruch von Corelli stammte.


      Händel in Italien

      Vielleicht war es Steffani, der Händel geraten hatte nach Italien zu gehen.
      Denn nur dort an Ort und Stelle konnte er den aufkommenden modernen Stil lernen.
      Diese Reise unternahm er auf eigene Kosten. Von einem Risiko kann jedoch kaum die Rede sein, denn durch seine Opern in Hamburg hatte er bereits eine gewisse Bekanntheit.

      Er machte Station in Florenz, Neapel, venedig und schließlich Rom
      In Rom traf er dann auch mit Corelli, Lotti und den Scarlattis zusammen.
      Händel hatte es anscheinend verstanden seine Netzwerke frügh genug aufzubauen und so folgte Konzert auf Konzert und innerhalb weniger Wochen war er als „Il Sassone“ berühmt.






      Kardinal Ottoboni , der Auto zeilreicher Kantatentexte sowie des Librettos zu Händels "Trionfo del Tempo"





      Einige der berühmtesten Kompositionen Händels entstanden in dieser Zeit.
      Das Oratorium „Il Trionfo del tempo i del disinganno” (1707) und das Dixit Dominus.
      Die Aufführung seiner neuen Oper “Agrippina” (1709/10) bedeutete den endgültigen Durchbruch für den jungen Musiker.
      Agrippina war eine Oper ganz im Stile Scarlattis.
      Allerdings waren die Arien noch bestechender Kürze, so wie es um 1700 noch allgemein üblich war, aber der ständige Wechsel zwischen Rezitativ und Arie hatte sich längst etabliert.

      In der darauf folgenden Zeit komponierte er in Rom. Doch da war die Aufführung von Opern verboten – allerdings gab es ja die Oratorien.
      Papst Clemens XI hatte das Verbot nach einem schweren Erdbeben ausgesprochen, bei denen aber keine Todesopfer zu beklagen waren:





      „Das keine Weibsperson bei hoher Strafe Musik aus Vorsatz lernen solle.
      Denn man wisse wohl, dass eine Schönheit die auf dem Theater singen und dennoch ihre Keuschheit bewahren wolle, nichts anderes tue, als wenn man in den Tiber springen und doch die Füße nicht nass machen wolle.“



      (O-Ton des Papstes)

      Händel und andere Komponisten waren von dem Verbot nicht gerade begeistert und so kam es hinter verschlossenen Türen, z.B. in den Häusern des Kardinals Panfili und Ottoboni zu Aufführungen von Oratorien – aber eben mit Frauen.
      Dummerweise kam heraus das Händel die Maria Magdalena in seinem Oratorium „La Ressurezzione“ von einer frau hatte singen lassen.
      Jedoch konnte durch Vermittlung der mächtigen Kardinäle eine Bestrafung abgewendet werden.
      In der weiteren Zeit in Italien entstanden noch die Oper „Rodrigo“ sowie die italienischen Kantaten, und die Serenata „Acis, Galatea e Polifemo“






      Georg von Hannover, später Georg I. von England





      1709 ereilte Händel dann der Ruf zum Kapellmeister am Hofe des Kurfürsten Georg von Hannover.

      Die Italienreise war für Händel ein voller Erfolg. Das gelernte machte ihn nun zu einem international gefragten Komponisten.





      Die Da Capo Arie – der Grundstein der Opera Seria

      Der größte Vorwurf den die italienische Opernform zu ertragen hat ist die Unnatürlichkeit der Da Capo Arie – „Wiederholungsarie“
      Wie kam man auf die Idee eine solch seltsame Form für eine Arie zu wählen ?
      Entstanden ist die Da Capo Arie bereits im 17. jahrhundert – jedoch nicht als bereits geplante Form.
      In den frühen Opern von Peri, Monteverdi und später Cavalli und Cesti fanden sich nur wenige Arien. Denn die Oper sollte ja vor allem eines sein, in Musik gesetzte Poesie – erst mit den öffentlichen Opernhäusern, zu denen auch schlichtere Gemüter zugelassen waren, entstand der Wunsch nach mehr Musik.
      So wurde jedes „Lied“ mit Begeisterung erwartet und beklatscht – und wenn diese „Strophen - Aria“ besonders gefallen hatte, so wurde „Da Capo“ gerufen.

      Aber wie sollte es anders sein, im Barock gibt man sich mit so platten Lösungen nicht zufrieden.
      Und so entstand ein geniales und in sich vollkommen schlüssiges Model: die Da Capo Arie fußt auf den Regeln der antiken Rhetorik!

      Die Oper hatte bald festgeschriebene Regeln, die einfach einzuhalten waren.
      Nach einer einleitenden Sinfonia, deren Form wenige Jahre später die Entwicklung der Sinfonie nach sich ziehen wird, folgt ein ständiger Wechsel von Rezitativen und Dacapo Arien.
      In den Rezitativen wird nach wie vor die Handlung der Oper vorangetrieben, diese Rezitative sind weiterhin dem Text untergeordnet und haben eine rein dienende Funktion.
      Die Arien dienen allein der Illustration bestimmter Gefühle. Jedoch mutieren die Arien im Laufe des 18. Jahrhunderts fast zu reinen Spielfeldern der Stimmakrobatik der Starsänger – vor allem der Stimmkunst der Kastraten.



      Der Aufbau der Da Capo Arie




      Die Arie wird fast immer mit einem Orchestervorspiel eingeleitet, in der Rhetorik als Introducio bezeichnet (der Redner versucht das Interesse des Zuhörers zu finden)
      Dann folgt das Thema der Arie, in der Rhetorik „Narratio“ genannt, wo ebenfalls das Thema vorgestellt wird.
      Dann das Argumentatio, die Verteidigung seines Themas (In der Arie die Entwicklung des Themas)
      Confutatio – der Redner entkräftet die Gegenargumente seiner Gegner, in der Dacapo Arie kommt nun der „B Teil“, ein musikalisch anderes Thema, das ebenfalls dazu dient Gegenargumente zu entkräften oder aber das eigene in Frage zu stellen.
      Confirmatio – der Redner nimmt seine Argumente wieder auf, ebenso der Sänger, der nun wieder den A-Teil der Arie wiederholt, aber eben wie der Redner, mit Verzierungen und Erweiterungen ausschmückt.
      Zum Schluss das Conclusio, hier setzt der Redner seine Schlusspointe oder das Finale, ebenso muss es der Sänger tun, indem er nun alles an Können und Stimmakrobatik aufweist. Dieses Conclusio, wie auch die Verzierungen im Confirmatio sind nicht in den Partituren notiert, es obliegt den Sängern, diese Dinge zur richtigen Zeit gekonnt zu improvisieren.

      Dieses vergessene Wissen um die Rhetorik in der Barockmusik hat dazu geführt, dass man die Opera Seria als langweilig und unnatürlich abqualifizierte.
      Jedoch haben neuer Forschungen und Interpretationen gezeigt, dass dem nicht so ist.




      Händel in London


      In England gab es bereits versuche die Oper zu etablieren, jedoch blieb es stets ein höfisches Amüsement, da die Bevölkerung diesem ständigen Gesang nichts abgewinnen konnte.
      Robert Cambert, der ausgebotete Erfinder der französischen Oper hatte versucht hier Fuß zu fassen, auch Matthew Locke und John Blow schrieben kleine Opern – sogar in landessprache, jedoch ohne nennenswerte Nachwirkung.
      In Mode waren nach wie vor die Masques, eine Mischung aus Theater, gesungen Passagen, Chören, Instrumentalmusik und Ballett.

      Als Händel 1711 am Haymarket Theatre seine neue Oper „Rinaldo“ aufführte geriet diese Aufführung zum Überraschungserfolg, fast zu einer Sensation.
      Der Erfolg dieser Oper war so berauschend, das es Händel vorzog nicht mehr nach Hannover zurück zukehren – ohne um Erlaubnis zu fragen.

      Rinaldo ist bereits moderner komponiert als Agrippina, hier findet sich bereits das voll ausgebildete Schema der da Capo Arie, jedoch gelingt es Händel niemals den dramatischen Fluss zu unterbrechen, oder die Oper langweilig werden zu lassen. Er schiebt Duette ein, Accompagnato Rezitative, das im Gegensatz zum einfachen Rezitativ mit dem gesamten Orchester begleitet wird.

      Der Opernboom war im vollen Gange und Händel komponierte weitere Werke, es folgten u.a. Teseo und Amadigi, die ähnlich erfolgreich waren.


      Die englische Königin starb ohne Nachkommen, und zu Händels Ungunsten wurde sein alter Brötchengeber Georg von Hannover zum neuen englischen König erhoben.
      Die Versöhnung mit der Wassermusik sei hier nur kurz erwähnt. (Zumal die Geschehnisse nicht wirklich belegt sind)
      In der nachfolgenden Zeit folgte er seinem König jedenfalls ohne Eskapaden.
      Bei einem kürzeren Aufenthalt in Deutschland komponierte er die Brockespassion.

      Zurück in England wurde er Hauskomponist des Earl of Carnavon (der spätere Herzog von Chandos) Hier entstanden die ersten englischen Werke, seine Chandos Anthems, eine erste Version von Esther und Acis and Galatea (das später u.a. von Mozart neu instrumentiert wurde)






      Händel auf dem Gipfel seines Ruhms





      In London gab es derweil mit der Protektion des Königs ein neues Opernunternehmen, das King’s Theatre.
      Und Händel wurde zum Direktor der Royal Academy of Music.
      Händel begann eine kleine Reise zu unternehmen um Kastraten anzuwerben – den diese Sängerstars waren für die neuen Opern ein Muss.

      Die erste Oper die mit großem Erfolg gegeben wurde war „Radamisto“ (1720) und es folgten bekanntere Werke wie „Giulio Cesare“ oder „Riccardo Primo“ die als Krönungsoper Georg II. komponiert wurde.


      Der Niedergang der Opera Seria in London


      Doch dieser Opernboom lockte auch andere Opernunternehmer nach London.
      Die Opera of Nobility wurde gegründet.
      Dort wurden allerdings andere Komponisten verpflichtet: Hasse, Porpora, Bononcini...

      Händel hatte bereits Schwierigkeiten das Publikum bei Laune zu halten.
      Ein ehemaliger Bekannter aus dem Dunstkreis des herzogs von Chandos, John Gay brachte mit seiner Opernparodie „The Beggar’s Opera“ Händels Opernunternehmen ins Wanken.
      Der wirkliche Feind war jedoch das neue Opernunternehmen, das Händel nicht nur das Publikum abspenstig machte, sondern auch noch die Sänger abwarb.
      Vor allem glänzte die Opera of Nobility mit Stars wie Farinelli.


      Händel hatte bereits parallel immer wieder englischsprachige Oratorien aufgeführt, die mit großem Erfolg gegeben wurden. Jedoch gab er den Opernbetrieb nicht auf und aus den 1730er Jahren stammen vielleicht seine schönsten Opern überhaupt:
      Alcina, Ariodante, Orlando und Xerxes.


      Ganz London lag im Streit, der Zwist zwischen den beiden Opernhäusern entszeite nicht nur Musiker und Komponisten, sondern auch die königliche Famile.
      Wärend der König Händel weiter unterstützte, schlug sich der Thronfolger, der Prince of Wales auf die Seite der Opera of Nobilty und protegierte sie.


      1737 kam es zum endgültigen Bankrott und zwar für beide Unternehmen.
      Händel erlitt einen Schlaganfall mit Lähmungserscheinungen.
      Jedoch verordnete er sich eine Art Rosskur und konnte sehr bald mit gewohnter Produktivität
      An seine Kompositionen gehen.
      Jedoch hatte es mit der Oper vorerst ein Ende.


      Allerdings gibt es durchaus noch spätere Oratorien, die man durchaus als Opern bezeichnen könnte. Man denke nur an Semele.
      Die letzten zwanzig Jahre seines Lebens widmete er aber nun hauptsächlich dem Oratorium.





      In jedem Fall sind Händels Opern absolute Meisterwerke unserer Musikgeschichte und es ist ein Glücksfall in einer Zeit leben zu dürfen, in der diese Schätze eine neue Wertschätzung erfahren.




      Bildmaterial: Wikipedia
    • RE: Händel und die Opera Seria

      Duc de Berry schrieb:

      Heute ist fast jede Oper Händels auf Tonträger zu haben, teilweise auch gleich in mehreren Einspielungen. Im Grunde kann man von einem richtigen Revival der Barockoper in unserer Zeit sprechen. Jedoch nur auf Tonträger, das Barockopern zum regelmäßig gespielten Repertoire unserer Opernhäuser gehören, davon kann noch keine Rede sein.

      Denn nach wie vor hat die Opera Seria mit immensen Vorurteilen zu kämpfen.

      Ich glaube nicht, dass Vorurteile schuld daran sind, aber willst Du das lieber in einem anderen Thread besprechen? Ich denke vielmehr nämlich, dass man eben die Opera Seria noch mehr als die Französischen Opern mit zumindest aufwändigem Bühnenbild etc. aufführen muss. Und daran scheitert es doch bei allzuvielen Theatern.
    • Händel selten im Repertoire der Opernhäuser? Unter den meistgespielten Komponisten auf der Opernbühne dürfte Händel inzwischen auf Platz 8 oder 9 stehen - Operabase verzeichnet allein für die Jahre 2008 und 2009 nicht weniger als 197 verschiedene Händel-Produktionen, davon über 50 in Deutschland. Und das ist nicht nur dem Jubeljahr geschuldet. Ich erinnere mich noch, dass in München in der Ära Jonas zum Leidwesen der Mozart- und Strauss-Fans manchmal bis zu vier verschiedene Händel-Opern pro Saison auf dem Spielplan standen. Seit etwa Mitte der 90er gibt es einen immer noch wachsenden Händel-Boom in den Opernhäusern.

      Wo es allerdings mit wenigen Ausnahmen rabenschwarz aussieht, ist die opera seria jenseits von Händel. Das ist wohl ein Ergebnis des Händel-Kults, der vieles andere im Schatten verschwinden lässt - mit den Problemen der Ausstattung hat das mit Sicherheit nichts zu tun, denn die stellen sich ja bei Händel genauso (oder genauso nicht).


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Zwielicht schrieb:


      1.

      Händel selten im Repertoire der Opernhäuser? Unter den meistgespielten Komponisten auf der Opernbühne dürfte Händel inzwischen auf Platz 8 oder 9 stehen - Operabase verzeichnet allein für die Jahre 2008 und 2009 nicht weniger als 197 verschiedene Händel-Produktionen, davon über 50 in Deutschland. Und das ist nicht nur dem Jubeljahr geschuldet. Ich erinnere mich noch, dass in München in der Ära Jonas zum Leidwesen der Mozart- und Strauss-Fans manchmal bis zu vier verschiedene Händel-Opern pro Saison auf dem Spielplan standen. Seit etwa Mitte der 90er gibt es einen immer noch wachsenden Händel-Boom in den Opernhäusern.


      2.


      Wo es allerdings mit wenigen Ausnahmen rabenschwarz aussieht, ist die opera seria jenseits von Händel. Das ist wohl ein Ergebnis des Händel-Kults, der vieles andere im Schatten verschwinden lässt -

      3.

      mit den Problemen der Ausstattung hat das mit Sicherheit nichts zu tun, denn die stellen sich ja bei Händel genauso (oder genauso nicht).


      Viele Grüße

      Bernd

      1.

      Da würde ich mitgehen. Händel wird wieder recht viel gespielt in letzter Zeit.

      2.

      Das sehe ich auch so. Neben Händel läuft bedenklich wenig. Denk ich allein schon an Bayreuth. Da lief Händel immer mal. Dieses Jahr gehe ich "Serse" aus dem Wege, da ich das eben auch woanders hören kann. Ich würde offen gesagt aus reinem Interesse lieber mehr Hasse hören. Dass in Dresden "Cleofide" immer mal läuft, scheint ja das höchste der Gefühle zu sein.

      3.

      Klar, das Problem wäre da wie dort.

      Worum es mir geht, ist eben, dass kleine Häuser (wie in Freiburg) oft auf moderne Inszenierungen ausweichen. Das halten aber, meines Erachtens, die Opera Seria nicht aus. Bei den französischen Opern mit den fetzigen Chören und seiner Dramatik geht das noch. :hide: Aber bei der Opera Seria wird ein weniger ausdauernder Zuschauer, der auf der Bühne rein nichts interessantes zu sehen bekommt, schon sehr auf die Probe gestellt und dafür kann ja eine Operninszenierung wohl auch nicht gedacht sein. Das heißt nicht, dass ich nur konventionelle Aufführungen schätze. Die können ja auch langweilig und wenig fesselnd sein. Aber für mich braucht eine Opera Seria eine Unterfütterung an Bühnenbild und Ausstattung. Auch muss man aufpassen, dass die Inszenierungen nicht irgendwann in eine Sackgasse laufen. Zum x-ten Mal zu sehen wie aus dem König der Mafiaboss wird, ist doch wirklich auf die Dauer arg dröge.
    • Ramist schrieb:

      Neben Händel läuft bedenklich wenig.


      Da fällt mir ein, dass ich noch über die Saarbrücker Premiere von Alessandro Scarlattis Il Tigrane berichten wollte. Diese Oper ist vorher nur 1969 in Basel und 1970 in Neapel zu hören gewesen...



      Ramist schrieb:

      moderne Inszenierungen


      Dieses Thema sollten wir wirklich in einem anderen Thread diskutieren :D (dass es den noch nicht gibt...).


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Lieber Ramist, läuft für dich "Theodora" unter Opera seria? Ich gehe mal davon aus ;)

      Kennst du die Glyndebourne Aufführung(gibt's auf DVD ) mit Dawn Upshaw inder Titelrolle und einer ultramodenren Inszenierung von Peter Sellars?

      DIE hat mir diese Oper erst glaubhaft vermitteln können- so kann es auch gehen!

      Ansosnten konnte ich mich genauso auch für Giulio Cesare unter McVicars restlos begeistern- es muss GUT und glaubwürdig sein- ob modern oder nciht spielt da keine Rolle.



      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • @ Zwielicht

      Dann sag bitte bescheid, wenn es dazu einen Thread gibt! Für mich ist das nicht so einfach, einen zu erstellen, da ich mich just mit der Opera Seria kaum auskenne.

      @ FairyQueen

      Ich schaue mir gerade "Theodora" mit Dawn Upshaw bei Youtube an. Bis jetzt weiß ich noch nicht, was ich von diesen Eindrücken halten soll. Der Ton ist schön, aber ansonsten... Man müsste sich das wahrscheinlich im Opernhaus anschauen. Am Besten in einem extra sterilen Gebäude, dass man sich nicht von ansprechender Architektur ablenken lässt. Das Dumme ist, dass ich nur Arienpassagen auf Youtube gefunden habe. So ganz den Sinn dieser Aufführung habe ich als überzeugter Zuschauer noch nicht verstanden. Ein Schwerpunkt scheint auf Mimik und Gestik gelegt. :hide:

      Von Händel habe ich erst "Giove in Argo" in der Oper (Bayreuth) gesehen.
    • Händel selten im Repertoire der Opernhäuser? Unter den meistgespielten
      Komponisten auf der Opernbühne dürfte Händel inzwischen auf Platz 8
      oder 9 stehen
      ich seh schon ich muss aus Kassel / Hessen endlich raus, damit ich mal was von der Welt mitbekomme :D



      Zitat von »Ramist«





      moderne Inszenierungen



      Dieses Thema sollten wir wirklich in einem anderen Thread diskutieren :D (dass es den noch nicht gibt...).
      oh neiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin :rolleyes: :D

      es muss GUT und glaubwürdig sein- ob modern oder nciht spielt da keine Rolle.
      Damit hat sich Thread eigentlich schon erledigt :D denn eben nur darauf kommt es an.


      "Wie soll man Barockopern heute aufführen?" (oder so ähnlich) ist bestimmt einen eigenen Faden wert.
      das wäre interessant, weil es da ja gerade ganz neue Ansätze gibt
      (die aber den Staubis wohl auch nicht zusagen werden :stumm: )
    • FairyQueen schrieb:

      Lieber Ramist, läuft für dich "Theodora" unter Opera seria? Ich gehe mal davon aus ;)

      Kennst du die Glyndebourne Aufführung(gibt's auf DVD ) mit Dawn Upshaw inder Titelrolle und einer ultramodenren Inszenierung von Peter Sellars?

      DIE hat mir diese Oper erst glaubhaft vermitteln können- so kann es auch gehen!

      Ansosnten konnte ich mich genauso auch für Giulio Cesare unter McVicars restlos begeistern- es muss GUT und glaubwürdig sein- ob modern oder nciht spielt da keine Rolle.



      F.Q.
      Sogar ich als altmodisch und stockkonservativ zurecht "bekannt", bin von der herrlich schrägen Inszenierung David Mc Vicars begeistert.

      Ein Ereignis auf dem Grossbildschirm.

      Habe noch eine andere, die mir ebenfalls sehr gut gefällt. Aus Sydney mit Kenny u.a.

      Mitte der 80er Jahre sah ich eine Aufführung mit Harnoncourt im Opernhaus Zürich.

      Rolf.
    • Hallo liebe Capricciosi !

      Da ich ja weder Renee Fleming noch Arleen Auger besonders mag kommt für mich diese DVD in die engere Wahl

      [*]Künstler: Catherine Nagelstd, Alice Coote, Helene Schneiderman, Staatsorchester Stuttgart, Alan Hacker



      kennt jemand die Scheibe ?

      wie geht hier eignentlich das Kopieren von jpc/amazon-Bildern ?? ?(

      [Ich habe mir erlaubt, das Bild einzusetzen; wenn Du bei Deinem Beitrag unten rechts auf "Bearbeiten" klickst, kannst Du sehen, wie es geht. Auch hier gibt es gute Tips.
      :wink:
      Gurnemanz]
    • Prometeo schrieb:

      kennt jemand die Scheibe ?
      Ja, ich kenne sie, habe die Inszenierung von Morabito und Wieler selbst in Stuttgart gesehen: sehr stimmig fand ich das, auch musikalisch (lange her, daher nichts Genaueres).

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
      Künstler und Schwein gelten erst nach dem Tode etwas.
      Max Reger

    • So wurde jedes Lied" mit Begeisterung erwartet und beklatscht und wenn diese Strophen - Aria" besonders gefallen hatte, so wurde "Da Capo" gerufen.

      Aber wie sollte es anders sein, im Barock gibt man sich mit so platten Lösungen nicht zufrieden.


      Und nachdem der Sänger sein zweiteiliges Lied (die Unterscheidung zwischen Lied und Aria gab es im frühen Barock übrigens noch nicht) beendet und das Publikum "Da Capo" gerufen hat, hätte er nur den ersten Teil wiederholt..? Und den zweiten nicht? Und so wäre die da-capo-Arie entstanden..?

      Na, ich weiß nicht. Überzeugt mich nicht, diese Erklärung. Hat sie nicht ihre Bezeichnung von dem abkürzenden und kopier- und notendrucksparenden Hinweis "d.c. al fine" am Ende von Teil B? Man muß doch gar nicht so weit suchen. Dreiteilige Liedform A-B-A bzw. A-B-A' ist ja nun eine musikalische Standardform, die es auch woanders gibt und gab, im Menuett, z.B. Wie würde man es denn da erklären? Die A-B-A- bzw. A-B-A'-Form findet sich übrigens schon im Orfeo von Monteverdi. Dort meist in der Form Gesang-Ritornell-Gesang. nachzulesen unter http://imslp.info/files/imglnks/usimg/e/e7/IMSLP30835-PMLP21363-Monteverdi_Orfeo.pdf der link scheint ein Fehler zu enthalten; Alternativer link zu Monteverdis Orfeo "http://imslp.org/wiki/L'Orfeo,_SV_318_(Monteverdi,_Claudio); mto


      Dieses vergessene Wissen um die Rhetorik in der Barockmusik hat dazu geführt, dass man die Opera Seria als langweilig und unnatürlich abqualifizierte. .



      Das angewendet auf die Form der Dacapo-Arie ist zwar schlüssig, aber es erscheint mir als nachgeschobenes Argument. Ich kenne Leute, die finden z.B. den "Figaro" oder den "Barbier" langweilig, aber nicht wegen der Form der Arien, sondern wegen der secco-Rezitative. Die aber waren genau die Erfindung, die die Oper von ihren Vorläufern, den Intermezzi unterschied, nicht die dacapo-Arie. Und zweifellos macht es die Barockoper langweilig, wenn man sie, wie in den Jahrzehnten vor etwa 1970 langsam und getragen aufführt, und genau so, wie der Notentext dasteht, mit dem damals üblichen breiten Streicher-dominierten Orchesterklang und den oft haarsträubenden Übersetzungen
      viele Grüße

      Bustopher


      Sapere aude
    • Lieber Ramist, läuft für dich "Theodora" unter Opera seria? Ich gehe mal davon aus ;)

      Kennst du die Glyndebourne Aufführung(gibt's auf DVD ) mit Dawn Upshaw inder Titelrolle und einer ultramodenren Inszenierung von Peter Sellars?



      Ich bin zwar nicht Ramist, aber für mich läuft Theodora "eigentlich" unter Oper, auch wenn "Oratorio" daraufsteht. Sie ist zwar sehr statisch und nur bedingt für szenische Darstellung geeignet, aber die Umsetzung von Sellars finde ich da sehr gut gelungen. So "ultramodern" finde ich die auch gar nicht, da sie im Prinzip sehr zurückhaltend ist, und sich nicht in den Vordergrund spielt. (der besondere Gag: die Namensschilder auf den Uniformen der männlichen Protagonisten. Fällt nicht wirklich gleich auf, es sei denn man achtet darauf... ;+) )

      Was zweifelsfrei eine Oper ist und kein Oratorium, ist Semele, die ist auch szenisch besser zu realisieren. Für mein Gefühl beispielhaft: die Züricher Inszenierung von Robert Carsen. Gibt es als DVD mit Cecilia Bartholi und William Christie.
      viele Grüße

      Bustopher


      Sapere aude
    • Lieber Ramist, läuft für dich "Theodora" unter Opera seria? Ich gehe mal davon aus ;)

      Kennst du die Glyndebourne Aufführung(gibt's auf DVD ) mit Dawn Upshaw inder Titelrolle und einer ultramodenren Inszenierung von Peter Sellars?



      Ich bin zwar nicht Ramist, aber für mich läuft Theodora "eigentlich" unter Oper, auch wenn "Oratorio" daraufsteht. Sie ist zwar sehr statisch und nur bedingt für szenische Darstellung geeignet, aber die Umsetzung von Sellars finde ich da sehr gut gelungen. So "ultramodern" finde ich die auch gar nicht, da sie im Prinzip sehr zurückhaltend ist, und sich nicht in den Vordergrund spielt. (der besondere Gag: die Namensschilder auf den Uniformen der männlichen Protagonisten. Fällt nicht wirklich gleich auf, es sei denn man achtet darauf... ;+) )

      Was zweifelsfrei eine Oper ist und kein Oratorium, ist Semele, die ist auch szenisch besser zu realisieren. Für mein Gefühl beispielhaft: die Züricher Inszenierung von Robert Carsen. Gibt es als DVD mit Cecilia Bartholi und William Christie.
      viele Grüße

      Bustopher


      Sapere aude
    • Ich knüpfe mal an diesen alten Thread des leider verschollenen(bzw exilierten) Duc de Berry an, denn ich hatte das Glück, gestern zur Generalprobe von Händels Orlando eingeladen zu sein. (Premierenkarte für Samstag hab ich auch! :jub: )
      Nachdem Mc Vicars und Haïm mich als Team bereits im Giulio Cesare zu Begeisterungsstürmen hingereissen haben, habe ich Grosses erwartet. Kommentar erst nach der Premiere am Samstag, denn eine Probe ist nun mal keine Aufführung.
      Erstmal eine Frage:
      der Orlando war die letzte Oper, die Händel fûr seinen Lieblingskastraten Senesino geschrieben hat- diese Rolle lässt an Virtuosität ncihts zu wünschen übrig und stellt den rasenden Wahn dieser Figur mehr als plastisch dar. Was aber ist mit der Rolle des Medoro?
      Orlando wird in Lille und Paris von einem Counter gesungen, Orlando dagegen von der erstklassigen Altistin Sonia Prina.
      War Medoro ursprünglich auch ein Kastrat und "secondo uomo"? Ich frage mich, warum McVicars/Haïm nun diese Rollenverteilung wählen- ein Counter als Orlando wäre doch mindestens genauso logisch.
      Das Thema des Wahnsinns in der Oper gab es zwar schon vor Händel bei Vivaldi und Lully , aber Händels Orlando legt da m.E. noch eine Spur zu und macht den Wahnsinn quasi gesellschaftsfähig.
      An Rideamus und sein vorletztes Rätsel musste ich übrigens gestern auch denken: das Terzett Dorinda, Angelica, Medoro ist ein sehr seltenes Juwel in der barocken Opernliteratur.
      Seltsam, dass es aus dem Orlando so wenig bekannte arien gibt ("Fammi combattere" ist wohl der einzige populäre Renner), dabei ist eine Arie schôner als die Andere und auch die beiden Frauenrollen sind unglaublich dankbar. Händel kannte sich halt mit Gesang so gut aus wie kaum ein Anderer- seine Sänger hâtten ihm eigentlich von morgens bis abends die Füsse küssen müssen! (Bei Bach kommt man dagegen eher ins Fluchen..... :hide: )
      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)