Schubert: Die Klaviersonate D 959 - zwischen Melancholie und Irrsinn?

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    • Danke für die Hinweise. Ich kann mich nicht erinnern, einen dieser Filme gesehen zu haben.
      Aber ich habe gerade alle ergoogelt, und den Eindruck gehabt, dass sie sich lohnen könnten.
      Man könnte eine Filmnacht mit Filmen organisieren, die als verbindendes Element die gleiche Filmmusik haben.

      Wie hast Du das denn herausgefunden? Gibt es eine Datenbank für Filmmusik?

      Hudebux
    • Hudebux schrieb:

      Wie hast Du das denn herausgefunden? Gibt es eine Datenbank für Filmmusik?

      Das gibt es sicher. Nun, dies sind Beispiele, die mir in Erinnerung geblieben sind. Ich hätte "u.v.a.m." hinzufügen müssen.
      Dort, wo man es am wenigsten erwarten würde, ist Waltz with Bashir, ein außerordentlich starker Animationsfilm über den Libanonkrieg.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Ja, ich auch.

      Zumindest straft Die von mir weiter oben verlinkte Youtube-Aufnahme all diejenigen Lügen, die allen musizierenden Asiat/innen unterstellen, daß es ihnen nur um die olympische Goldmedallie in der Spieltechnik, aber nicht um die Musik ginge.
      Eins zwei drei, im Sauseschritt, eilt die Zeit - wir eilen mit. Wilhelm Busch
    • Zwei diametral entgegengesetzten Interpretationen: Alain Planès und Hans Petermandl

      Der Franzose Alain Planès, der bei Debussy, Janacek und auch Boulez zu Hause ist, hat für Harmoina Mundi eine bermekenswerte Anthologie von Schubert-Klaviersonaten plus Impromptus, Moments musicaux, Klavierstücke, Wandererfantasie eingespielt.

      Die CDs sind auch einzeln erhältlich.


      In seiner 1997 aufgenommenen Interpretation von D959 findet man alle Merkmale eines gewissen Schubert-Stils, der inzwischen fast Cliché geworden ist: Besonnenheit und Melancholie, eine schmerzhafte Schönheit, und auch etwas Tröstendes, eine diskrete, zurückhaltende Introspektion, ein Selbstgespräch, das den Zuhörer umso direkter erscheint, als er persönlicher wird. Eigentlich die tönende Übersetzung von Adornos berühmten Worten:
      Vor Schuberts Musik stürzt die Träne aus dem Auge,ohne erst die Seele zu befragen : so unbildlich und real fällt sie in uns ein. Wir weinen, ohne zu wissen, warum; weil wir so noch nicht sind, wie jene Musik verspricht, und im unbenannten Glück, daß sie nur so zu sein braucht, dessen uns zu versichern, daß wir einmal so sein werden. Wir können sie nicht lesen; aber dem scheidenden, überfluteten Auge hält sie vor die Chiffren der endlichen Versöhnung.
      Es wäre nur eine weitere Bedienung des Clichés, wenn sie nicht so gelungen wäre. Planès nimmt sich Zeit (der erste Satz dauert mit ihm 17'44''), er wählt einen erzählerischen Ton mit zartem Anschlag und schönem Legato. Der Wahnsinns-Ausbruch im zweiten Satz ist da, wird aber fast wie in Trance dargestellt. Immerhin hat seine Darstellung etwas Hypnotisches: es ist die Verwirklichung der "himmlischen Länge" schlechthin. Die Wiederholungen und Anklänge haben diese hypnotische Wirkung: der Zuhörer nimmt nich so sehr die Struktur wahr, als daß er, wie in einer hypnotischen Séance, dadurch entrückt wird (immerhin ist es belegt, daß Schubert zu solch einer Séance in Wien Klavier gespielt hat). Die Coda des ersten Satzes mit ihren "magischen" Harmonien ist so ein Moment, wo die Zeit aufgehoben zu sein scheint.

      Noch einmal: dieser Ansatz ist zum Allgemeinplatz geworden. Selten aber wird er so überzeugend bestätigt als in Planès' Einspielung.

      Ganz anders der gebürtige Linzer Hans Petermandl, der 1970 für Supraphon eine "Gesamtaufnahme" einspielte.
      Leider ist sie nur als MP3-Download erhältlich:

      "http://www.amazon.de/Schubert-Piano-Sonatas/dp/B004ZDLGD8/ref=sr_1_cc_1?s=aps&ie=UTF8&qid=1377945387&sr=1-1-catcorr&keywords=schubert+petermandl
      Der Ansatz ist hier eher strukturalistich. Petermandl spielt mit äußerst sparsamen Rubato. Auch sein Gebrauch des Pedals ist sehr dosiert. Dafür hat er ein extrem reiches Farbenspektrum und scheut z.B. das Schrille in den hohen Tönen nicht (besonders im Scherzo bemerkbar). Die Dynamik ist auch sehr gezielt dargeboten. Er geht tatsächlich vom pp zum ff, hat eine extrem variierte Palette von sforzati , die er je nach Zusammenhang einsetzt.

      Kein Verweilen in träumerischer Schönheit, dafür aber klare Strukturen. Die präzis aufgebaute Architektur der Sonate nimmt der Zuhörer dadurch war, daß die Motive individualisiert wird, so daß von Satz zu Satz ein Wiedererkennungseffekt entsteht. Dies heißt aber nicht, daß die Sonate auseinandergenommen wäre; die Motive sind in die Gesamtarchitektur eingebettet.
      Petermandls Schubert ist nicht berückend schön. Er verweilt nicht. Der erste Satz dauert hier 11'14'' (freilich ohne Wiederholung). Der Ausbruch im zweiten Satz ist gewaltig, bedrohlich, wie auch das Aufbäumen im vierten. Wie ein befreundeter Pianist kommentierte, werden die Eckteile des zweiten Satzes nicht "chopinisiert". Sie sind ohne Rubato gespielt, "würdevoll". Eine stille Tragödie.
      Die Harmoniewechsel der Coda werden hier durch Farbänderungen bewußt wahrgenommen.

      Unterschiedlicher können zwei Deutungen dieser Sonate kaum sein. Sie sind beide überzeugend. Zwei Wahrheiten. Die radikalste, am weitesten vom Hedonismus entfernt, ist aber die ältere.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Ich frage mich beim 2. Satz dieser Sonate an einer Stelle immer, ob Schubert da sich selbst oder gar Beethoven zitiert.. Und zwar ist das die Stelle vor der Wiederholung des Themas, nach dem "gewittrigen", improvisatorischen Teil. Es sind nur 8 Takte, die kommen aber an keiner anderen Stelle in dieser Sonate vor und kommen mir verdächtig bekannt vor. Vielleicht ist es ja auch nur Zufall, aber warum passen diese 8 Takte eigentlich gar nicht so richtig dahin, sie leiten zwar über, fallen aber kompositorisch aus dem Rahmen...
      Vielleicht gibt es ja schon musikwissenschaftliche Erkenntnisse darüber. Würde mich interessieren.
    • Ich habe die Schubertsonate, und die B-Dur dazu, kürzlich von Krystian Zimerman gehört. Fantastisch!
      Schubert war ja noch jung, als er starb, diesen jugendlichen Schwung - aber nie übertrieben - hat Zimerman statt so mancher extrem langsamen, allzu vergeistigten Interpretation in sein Spiel gebracht. Besonders im 2. Satz: Andantino ist eben nicht Largo! Es schreitet scheinbar unbeschwert daher, und DAHINTER liegt die Tragik - das macht das Stück so ganz besonders - wenn man es entsprechend, wie Zimerman, zu spielen weiß: sehr einfach, fast nüchtern, mit feinstem, ausgewogenen Klang dringt es tief ins Herz. Habe den Schubert noch nie so wunderbar gehört. Leider gibt es keine Aufnahme von ihm. :(
    • ChKöhn schrieb:

      Den "durchgestrichenen" Vorschlag gibt es bei Schubert nie, weshalb die Entscheidung, einen Vorschlag vor der Zeit zu spielen, kein Verstoß gegen den Notentext sondern eine Interpretationsentscheidung ist. Schubert differenziert bei Vorschlagsnoten nur in Bezug auf die Länge: Meist schreibt er Sechzehntel, seltener Achtel, am seltensten 32stel. Der o.G. Vorschlag ist einer dieser seltenen Fälle (T. 3). Man kann das als Hinweis auf eine "kurze" Ausführung vor der Zeit verstehen, zumal dann erst der Kontrast zum ausdrucksstärkeren (16tel-)Vorschlag in T. 15 deutlich wird.

      ChKöhn schrieb:

      Übrigens noch einmal zu den Vorschlägen: Laut "Wiener Urtext-Edition" sind alle Vorschläge in dieser Sonate in allen Quellen (Autograph, Skizzen, Erstausgabe) nicht durchstrichen. Das durchgestrichene Zeichen hat Schubert wie gesagt nie verwendet, es gibt allerdings schon eine zu seinen Lebzeiten erschienene Ausgabe von D. 845, in der es dreimal erscheint (ob mit oder ohne Schuberts Wissen, ist unklar). Insofern ist Deine Ausgabe da "Interpretation durch den Herausgeber".

      Es ist zwar schon eine Weile her, aber...
      ...die neue Schubert-Ausgabe weiß da mehr, das aber nur der Vollständigkeit der Information halber. Zumindest der junge Schubert hätte in seinen Autographen durchaus auch durchgestrichene Vorschläge verwendet (durchgestrichene Achtel und Sechzehntel), die aber jeweils der Zeit gemäß als Sechzehntel bzw. Zweiunddreissigstel zu lesen wären und nicht automatisch eine kurze Ausführung implizierten [das wurde erst nach Schuberts Tod allgemeiner usus]. Dort ist auch zu lesen, daß Vorschläge mit (mindestens) dem halben Wert der Hauptnote "nach Schuberts vorherrschender Gewohnheit" lange Vorschläge wären, solche mit weniger als der halben Länge [wohl meist dem viertel Wert] kurze, Und daß viele Sekundärquellen in Abweichung vom Autograph undifferenziert durchgestrichene Achtel verwendet hätten.
      Wie gesagt: nur als Ergänzung. Was jeder daraus macht, ist seine Sache.
      viele Grüße

      Bustopher


      Sapere aude
    • heut` Abend...

      spielt die Uchida in Frankfurt ein reines Schubert-Programm - und nach der Pause besagte neun-neun-und-fünfziger

      es ist seit Wochen ausverkauft, aber ich bin dabei :) - und schaffe vielleicht ein paar Zeilen darüber . . .

      >sehr öffentlich "schriftlich LIVE-Eindrücke wiedergeben" ist bei mir so ne Sache.....<

      :wink:
      >>>>Wer Rechtschreibfehler findet, darf mich g e r n e darauf hinweisen!!<<<<

      Es ging aus heiterem Himmel um Irgendwas. Ich passte da nicht rein. Die anderen auch nicht. (Fischer-Dieskau üb. seine 1. >u. letzte!< Talk-Show)

      Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)
    • < < = = Long Edit...

      Nun denn, das war`s jetzt also gewesen (= Phrase Hoch-Drei, aber ohne eine solche scheints mir nicht zu gelingen, überhaupt mal derartiges zu veröffentlichen!) - und trotz des wochenlangen Ausverkauft (auf der HP der "Alten Oper") ganz offensichtlich keine Warteliste mit 2, 3 Dutzend Namen drauf: c. 30, 40 leere Plätze im ja durchaus überschaubaren Frankfurter "Mozart Saal" >der mich als alten Ruhrpottler bzgl. Wandgestaltung immer ein wenig an eine zu groß geratene KÖPI-Kneipe denken lässt :P < hätte ich niemals erwartet - auch wenn ich mir längst vorgenommen habe, mich in Sachen Publikumszuspruch nur noch positiv überraschen zu lassen.....

      Während D. 568 (tatsächlich sehr wahrscheinlich für mich die Erstbegegnung!) war es mir wenigstens möglich, zwar nicht wirklich Aufmerksamkeit dafür zu haben, aber doch irgend eine "Mittelposition" zwischen dieser und der Unkonzentriertheit einzunehmen. Es war wohl nicht die beste Idee, erst "auf den vor-letzten Drücker" aus Unterfranken angereist zu sein! Bereits ab den ersten Takten von D. 784 (freilich auch die mir wohlbekannteste Schubert-Sonate: mit der Ashkenazy-Aufnahme quasi aufgewachsen, hatte ich diese seinerzeit wohl nahezu kaputtgespielt!) keine Gedanken mehr an Ruhrpott mit oder ohne Köpi, was sich erfreulicherweise auch bis zum Ende des Abends nicht mehr ändern sollte... Zwar habe ich Ashkenazy mit D. 568 10J. und länger nicht mehr gehört - dennoch könnte ich schwören, dass Uchida sich für die ganze Sonate mindestens ein Viertel mehr Zeit nahm, in den Ausbrüchen im ersten Satz die Bässe deutlich weniger krachen ließ, sie mir insgesamt um einiges "unbedingter" rüberkam.....

      D. 959 und das besagte "pendeln" im zweiten Satz? Uchidas Spiel schien mir gestern an einem Punkt, wo es längst nicht mehr um solche (irgendwie-ja-doch-noch?- )Beinahe-Alltäglichkeiten ging! Die beiden Hauptfiguren in Samuel Becketts "Endspiel" hier kurz vor der Totenstarre, und im Mittelteil wirklich geschockt über einen derartigen Einbruch an lebhafter Erinnerung... Zwischendurch kam mir der Barenboim in den Sinn, wie er anlässlich der Trauerfeier für den eben verstorbenen Heiner Müller ja gleichfalls einen langsamen Schubert-Satz gespielt hat. Die allerletzten Klänge des sich (gefühlt jedenfalls) mehr-und-mehr-in-die-Länge-ziehenden Satzendes (aushaltbar wohl nur für jene, die die Minuten davor wirklich zu lauschen in der Lage waren!) sind dann punktgenau zerhustet worden - und meinem halbkompetenten Urteil nach hat die Uchida dann im anschließenden Scherzo gut zwei Drittel aller Flüchtigkeitsfehler des Abends produziert.....

      Die (überraschend schlicht gekleidete) Künstlerin dürfte freilich schon deutlich mehr Zerhusterei, deutlich weniger Stille und Andacht in ihren Recitals erlebt haben - gestern kündigte sie gut gelaunt und aufgeräumt ihre erste Zugabe an: sie würde jetzt einen anderen langsamen Mozartsatz spielen als den jetzt derzeit üblichen - letzterer wäre ihr für heute (wörtlich) "zu normal"... Zu hören gab es das Andante cantabile aus KV. 330, worüber "geschwiegen werden sollte"! Anschließend ein letzter Blick auf die sichtbar freudig-dankbare Mitsuko Uchida - ich hatte mich inzwischen in Reihe drei vorgearbeitet: längst standen Teile ihres Fanclubs leuchtenden Auges um das Podium herum - wäre in diesem Moment Sakura (der alte japanische KIrschblütenklassiker) angestimmt worden, ich bin überzeugt, die meisten hätten pflichtschuldigst mitgesungen, vorausgesetzt natürlich, sie hätten Text und Melodie parat gehabt. Dann mein schneller Abgang Ri. Garderobe - dass ich noch 40 Zug- und 80 Autominuten vor mir hatte, wird als Entschuldigung gelten dürfen . . .

      :wink:
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    • ins WDR.3-Programm schau in inzw. nur noch selten - - -

      ergo ist mir eben erst aufgefallen, dass dort in knapp zwo Stunden der Staiers Andi mit seiner Lesart von D.959u.60 zu hören ist :!:
      . . . mal gespannt!!


      ü b r i g e n s bzgl. Beitrag 60 - - -
      Robert Bressons Filmästhetik ist sicher diskutabel (selbst hab ich da keinen rechten Zugang zu), aber ob man sich nun gerade Au hasard Balthazar ansehen sollte :whistling:
      >erinnere ich mich recht, so wird dort das immergleiche Motiv aus D. 959 derart ausgiebig zitiert, dass ich daraufhin die Sonate wochenlang (!) nicht mehr hören wollte...<

      E D I T
      <= + im oberen Beitrag muss es >im zweiten Absatz, bei Ashkenazy< 'türlich D. 784 heissen!
      >>>>Wer Rechtschreibfehler findet, darf mich g e r n e darauf hinweisen!!<<<<

      Es ging aus heiterem Himmel um Irgendwas. Ich passte da nicht rein. Die anderen auch nicht. (Fischer-Dieskau üb. seine 1. >u. letzte!< Talk-Show)

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