VIVALDI: Orlando furioso - Theater Basel, 29.05.2009

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    • VIVALDI: Orlando furioso - Theater Basel, 29.05.2009

      Antonio Vivaldi, geboren 1678 in Venedig, gestorben 1741 in Wien, Violinist, Priester und Komponist hat eine Vielzahl von Werken hinterlassen, Kammermusik, Solokonzerte, geistliche Musik, Sonaten, Opern, berühmtes ist darunter, wie die „Quattro stagioni“, aber auch unbekannteres, so dürften einige der Opern nur einem relativ kleinen Kreis von Musikfreund/innen vertraut sein.

      Vivaldis Musik galt lange Zeit als eher unterhaltend, auf den Effekt hin komponiert, schnell und mit leichter Hand produziert. Was nicht ganz falsch ist: selbst dreistündige Opern hat der Meister aus Venedig schon mal in Wochenfrist komplett fertig aufs Papier gebracht. Dabei ist seine Musik abwechslungsreich und die Rhythmik erscheint als wichtiger Motor seiner Kompositionskunst. Händel mag in seiner Musiksprache der tiefgründigere sein, aber Vivaldi muss sich mit seinem etwas anderen Ansatz gewiss nicht verstecken.

      Beide Komponisten, Händel und Vivaldi, haben eine „Orlando“-Oper geschaffen – der Stoff von Ariost war zu seiner Zeit nicht nur beliebt, er war auch dem breiteren Publikum bestens vertraut. Basel hat nun den „Orlando furioso“ von Antonio Vivaldi ins Programm genommen und dass die etwas über drei Stunden reine Musik nie langweilig wurden, spricht auch für den Opernkomponisten Vivaldi, der wunderschöne, lyrische Stücke, aber vor allem auch vertrackt-schwierige Bravour-Arien für alle beteiligten Sängerinnen und Sänger erfunden hat und der auch bei den Rezitativen nicht nur Barockkonvention zeigt, sondern auch das begleitete oder das von kurzen, ariosen Einflechtungen unterbrochene Rezitativ wirkungsvoll einzusetzen versteht.

      So manche Frau bringt einen Mann zum Wahnsinn. Angelica ist so eine Frau, sie liebt Medoro, aber Orlando findet Angelica ebenfalls begehrenswert und wird ob der für ihn unbefriedigenden Situation wahnsinnig. Er verfolgt das fliehende Liebespaar, Angelica und Medoro retten sich zwar noch auf ein Schiff, aber dieses geht unter, die beiden werden getrennt und zuerst landet Angelica am Strand der Insel der Zauberin Alcina, einer Frau, die es für praktisch hält, nicht nur einen Mann zu lieben, im Gegenteil: je mehr, desto besser.

      Dummerweise hat sich auch Orlando auf den Weg zu dieser Insel gemacht. Alcina hütet nämlich die Asche des Zauberers Merlin und Orlando ist prophezeit worden, dass er Glück in der Liebe haben werde, wenn er in den Besitz dieser Asche gelangen wird.

      Nachdem Orlando auf der Suche nach Merlins Asche erst mal auf seinen Vetter Astolfo gestossen ist (Astolfo liebt Alcina, allerdings ist diese Liebe mehr einseitiger Natur), treffen so langsam die restlichen Mitwirkenden dieser Oper ein.

      Da ist zunächst Bradamante, der ihr Ehemann Ruggiero verloren gegangen ist. Dieser soll sich, einer Weissagung zufolge, durch Zauberei bedingt in Alcina verlieben. Bradamante hat vorgesorgt: in männlicher Verkleidung und mit einem Zauberring bewaffnet, der sie nicht nur unsichtbar, sondern auch vor der Magie der Alcina bewahren soll, nimmt sie den Kampf um Ruggiero auf.

      Dann ist zwischenzeitlich auch Medoro, der Liebhaber Angelicas, eingetroffen, der sogleich wieder seiner Angelica zugeführt wird, was den wahnsinnigen Orlando auf den Plan ruft und Medoro eifersüchtig werden lässt – findet Angelica nicht vielleicht doch Gefallen an diesem durchgeknallten, jungen Mann?

      Zuletzt taucht noch Ruggiero auf, die Weissagung erfüllt sich, ein Zaubertrank lässt Ruggiero alles – auch seine Ehefrau – vergessen und Alcina freut sich über diesen männlichen Neuzugang auf ihrer Insel.

      Im zweiten Akt geht’s dann munter so weiter: Ruggiero wird mittels des Zauberringes seiner Gattin Bradamante entzaubert, erkennt, was da schief gelaufen ist und ist reichlich geknickt. Orlando spendet Trost, immerhin kann Ruggiero ja nicht wirklich was für die entstandene Situation. Angelica lockt Orlando in eine Falle – und hat jetzt „sturmfreie Bude“, um ihren Medoro zu heiraten, Bradamante verzeiht Ruggiero und Alcina, die sich einsam fühlt, macht sich auf die Suche nach genau diesem Mann, der ihr, kaum angekommen, schon wieder verloren gegangen ist. Orlando befreit sich aus der Falle und findet Liebesschwüre von Angelica und Medoro, worauf er wieder in seinen Wahnsinn fällt.

      Der dritte Akt bringt dann das glückliche Ende, zumindest für alle, ausser Alcina. Orlando hält die Urne, in der die Asche des Merlin aufbewahrt wird, für Angelica, die vom Urnenwächter Aronte gefangen gehalten wird, Orlando befreit die Urne, also „Angelica“ – damit ist die Macht Alcinas gebrochen, Orlando, vom Wahnsinn geheilt, verzichtet auf Angelica und die Zauberin bleibt alleine auf ihrer Insel zurück.

      In Basel inszeniert Barrie Kosky diesen „Orlando furioso“ in einer Ausstattung von Esther Bialas.

      Das kleine Orchester unter der Leitung von Andrea Marcon sitzt in der Mitte der ersten sechs Zuschauerreihen, sodass die Bühne schon mit dem Orchestergraben beginnt. Dieser ist ein türkisfarben gekachelter Swimmingpool, über den links ein breiterer Steg führt, auf dem ein Liegestuhl mit einem kleinen Beistelltisch steht. Abgetrennt wird die Szenerie zur eigentlichen Bühne hin durch eine hohe Holzwand. Keine Insel also, sondern das grosszügige Haus der Femme fatale Alcina.

      Alcina, gross und sehr schlank, tritt im sexy-türkisfarbenen Bikini auf, über dem sie einen in gleicher Farbe gefütterten Zaubermantel trägt. Dessen Aussenseite ist dunkelblau, man erkennt so etwas wie japanische Zeichen darauf. Einen gleichen Zaubermantel trägt auch Astolfo, der ist bis auf knielange, karierte Badeshorts und eine Goldkette nicht weiter bekleidet ist, der dafür aber über dem Bauchnabel ein schickes Tatoo zeigt.

      Schon kommt Bewegung in die Handlung. Angelica, nicht mehr ganz korrekt gekleidet, mit Schürfwunden an den Beinen, wird von einer Riege Lustboys bewusstlos hereingetragen und in den Liegestuhl gelegt.

      Diese knackigen Jungs mit ihrer gut ausgebildeter Brust- und/oder Bauchmuskulatur, haben nicht nur die gleiche Haarfarbe, wie ihre Herrin, tiefes schwarz, das alle identisch gestylt tragen, die Stirnhaare fallen weit ins Gesicht hinunter, wie man das manchmal bei Models auf dem Tomcatwalk sehen kann, auch die Farbe ihrer hochaktuellen Undershorts, mehr haben die Herren nicht an, ist das gleiche Türkis, das man schon an Alcina bewundern konnte. Um den Hals tragen die Jungs lässig und offen türkis-schwarz gepunktete Krawatten.

      Sogleich gibt’s ein, logisch, türkisfarbenes Zaubergetränk und Angelica wird von den jungen Männern gleich mal mit Sonnencreme eingerieben. Alcina, auf der Höhe unserer Zeit, ist für alle sexuellen Spielarten offen und knutscht und fummelt ein wenig mit Angelica rum, was dieser nicht unangenehm zu sein scheint.

      Astolfo, der Angelica liebt, ohne so richtig wiedergeliebt zu werden, ist Kummer gewohnt, und wenn die Herrin schnippt, gibt er schon mal die lebende Fussbank, damit Alcina, von ihren Stöckelschuhen befreit, sich die Fussnägel bequem lackieren kann.

      Auftritt Orlando: der trägt einen zweiteiligen, schwarzen Trainingsanzug aus Ballonseide mit einer grossen Kapuze an der Jacke und eine schicke Sonnenbrille – schlank auch er, androgyn, beweglich.

      Die Villa der Alcina, die sich hinter dem Holzzaun befindet, ist mondän, aber karg eingerichtet, links oben, auf einem kleinen Regal, steht die Urne mit Merlins Asche, in der Mitte ein grosser Tisch, rechts ein paar Türen, hinter denen sich eine Garderobe mit einem grossen Spiegel verbirgt.

      Zum zweiten Bild hat sich Alcina nicht nur umgezogen, die Fachfrau für Verwandlungen hat kurzerhand auch ihre Lustdienerschaft ihrer eigenen Garderobe angepasst. Die Haupthaare der jungen Männer sind jetzt blond, Alcinas seidiger Hosenanzug ist schwarz-weiss durchzogen und dieses Zebra-Muster findet sich auch auf den Hosen der Jungs wieder, bei denen aus dem Hosenbund, heutzutage nicht unüblich, ein gutes Stück der nun rein weissen Undershorts herausschauen, die Oberkörper bleiben unbekleidet.

      Medoro tritt auf, er hat ein Faible für nicht schön gemusterte Seidenhemden, dazu unpassende Krawatten und einem hellbraunen Anzug zum rostrotem Haar, er ist schlank, jungenhaft und hyperaktiv – man wollte so was nicht unbedingt zu Hause auf dem Sofa sitzen haben, aber Alcina testet schon mal an, ob das nicht etwas für ihre Männersammlung wäre.

      Das Paar Bradamante und Ruggiero sind ein Punk-Pärchen, sie ganz in schwarz, er mit einem aufgestellten Irokesen, türkisfarbener Brille, interessant gefärbtem Unterhemd und Tatoo auf dem rechten Oberarm.

      Kaum dass er die Bühne betreten hat, gibt’s den türkisfarbenen Zaubertrank, der zuerst unsicher wirkende Ruggiero lässt schnell alle Schüchternheit fahren, und die Hausherrin geht Ruggiero ohne zu Zögern an die Wäsche, was Bradamante nicht freut. Auf dem Tisch liegend vergnügt sich Alcina mit ihrem Neuzugang.

      Aber Alcina kann auch anders, wie man am Ende des ersten Aktes sehen kann: die Lustboys schleppen einen der ihren herein, der Junge wehrt sich heftig, und wird dann mit Gewalt auf dem Tisch festgehalten. Alcina wird ihm dann erst ein Auge herausreissen, das andere beisst sie ihm aus der Augenhöhle. Zärtlich lässt sie die Augäpfel auf eine Teller fallen, der ihr gereicht wird, die Jungs schleppen den geblendeten Kameraden hinaus und direkt vor dem Blackout spiesst Alcina mit einer Gabel einen der beiden Augäpfel auf und verspeist diesen mit Genuss.

      Zum zweiten Akt sieht man erst die Lustdiener an einer Wand in der Villa lehnen, zwei sitzen links und rechts davon an der Seite und essen äusserst langsam eine Banane, die Haare sind wieder schwarz, die Undershorts sind jetzt rot-schwarz gesprenkelt und wenn sich dann ein Bett aus der Wand herunterklappt, sieht man Alcina, die ein schwarzes Unterkleid und um den Kopf über den schwarzen Haaren ein schwarz-rot gemustertes Seidentuch trägt. Neben Alcina im Bett: Astolfo.

      Während die Jungs sich um Alcina kümmern, ist Astolfo mal wieder sauer, weil die Liebesangelegenheiten nicht in seinem Sinne zu regeln sind, da wird schon mal das Kopfkissen zerfleddert und da werden Alcinas Toilettengegenstände in den Swimmingpool gedonnert.

      Das zweite Bild zeigt ein Badezimmer in Alcinas Villa – die Badewanne und auch die Toilettenschüssel ist absolut überdimensioniert, die Menschen in dieser Szenerie wirken verkleinert..

      Die jungen Männer tragen nun ihre natürlichen Frisuren, um die Hüften haben sie ein Handtuch geschlungen und sie seifen sich langsam und lasziv an der grossen Wanne ein. Der geblendete Kollege, er hat privat gar keine Haare, sitzt apathisch vor der Badewanne.

      Als Orlando dazukommt, eine Wodkaflasche in der Hand, was seinen etwas desolaten Zustand hinreichend erklärt, sammeln sich die Boys auf der Toilettenrückwand, nehmen sich ein Stück Wassermelone und beobachten diesen seltsamen Mann im Bühnevordergrund, bevor ihr Interesse erlischt und sie abgehen.

      Angelica, gut gelaunt, kommt hinzu und lockt Orlando in einen Hinterhalt. Sie öffnet den riesigen Deckel der Toilette und Orlando steigt in die Unterwelt hinab. Als Angelica mal nachschaut, ob Orlando auch unten angekommen ist, purzeln die jungen Männer aus der Kloschüssel, türkis ist wieder angesagt, und sprinten sportlich agil, einer schlägt Rad, von der Bühne, die gerade hochfährt und zeigt, was unter der Toilette zu finden ist: Regale voller Schuhe, Alcina trägt anscheinend nur hochhackiges.

      Orlando, reichlich sauer, wirft die Schuhe aus den Regalen, kommt aber erst mal nicht aus dem Keller der Zaubervilla heraus.

      Ebenfalls im Untergeschoss angekommen: Bradamante und Ruggiero, die sich versöhnen, Vergleichbares geschieht oben: Angelica und Medoro feiern Hochzeit und bemalen die Kissen ihres provisorisch aufgebautes Liebeslagers mit Liebsschwüren, die dummerweise der wieder aufgetauchte Orlando liest, was seinem seelischen Zustand abträglich ist.

      Der dritte Akt spielt an einer riesigen Bar, die fast über die gesamte Bühnenbreite läuft. Barleuchten sind im Hintergrund erkennbar und der Blick in den Zaubergarten zeigt eine Wiese mit riesenhaft vergrösserten Gräsern und Blumen (dieses Bild wurde vom Premierenpublikum noch vor Einsetzen der Musik mit Applaus bedacht). Rechts hinter der Bar eine Bardame, die mit einem Shaker ein Mixgetränk produziert. Sie trägt eine grosse, kastanienfarbene Perücke, die vor allem an den Seiten ein enormes Volumen zeigt. Die Augen sind mit roten Pailletten umklebt, das grüne Paillettenkleid ist eng geschnitten und bietet viel Ausblick auf nackte Haut, vor allem im Dekolteebereich.

      In dieser Szenerie findet ein interessantes Spiel mit Rollen, Identitäten und Geschlechtern statt. Bradamante hat sich als Mann verkleidet: Trenchcoat, Krawatte, Hut, das sieht richtig echt aus. So beobachtet sie die weitere Entwicklung, gemeinsam mit ihrem Ruggiero. Als Alcina auftritt, versteckt sie sich mit Ruggiero hinter dem Tresen – und so manchmal tauchen die zwei hinter diesem Tresen wie bei einem Puppentheater über dem Tresen auf.

      Alcina sieht genauso aus, wie die Barfrau – zum Verwechseln ähnlich und spätestens, als Orlando ebenfalls in dem identischen Kostüm auftritt, wird klar, wie dieser Akt enden wird. Alcina und Orlando, körperlich von ähnlicher Statur und ähnlichem Stimmtimbre sind kaum auseinander zu halten, da läuft eine Art Zickenkrieg der ganz besonderen Art ab.

      Auch die Lustdienerschaft zeigt sich als pailettenkleidtragende Gruppe, der Hüter von Merlins Asche sieht dabei mit seinem Dreitagebart und seiner Brustbehaarung besonders beeindruckend aus, aber auch der kanadisch-koreanische Countertenor David DQ Lee schafft es, auf den silbernen Schuhen mit den hohen Absätzen erstaunlich undamenhaft über die Bühne zu stöckeln.

      Am Ende also insgesamt 7 Solist/innen und einige Statisten in völlig identischen Frauenkostümen auf der Szene – ein Bild, das sich einprägt.

      Orlando entreisst dem Wächter die Urne mit Merlins Asche, zerstreut deren Inhalt und Alcinas Macht ist gebrochen. Alle ziehen froh von der Bühne. Zurück bleibt Alcina: wir werden Zeuge ihrer letzten Verwandlung. Aus der schlanken, schönen Frau, ist ein altes Weib geworden, sie hält die Perücke in der Hand, um den Kopf das Band, an dem diese befestigt war, der Körper ist aus den Formen geraten, die Brüste hängen nackt und schwer herunter, so sitzt sie am Tresen und schüttet sich den türkisfarbenen Zaubertrank ins Glas – Blackout.

      Riesiger Jubel im fast vollen Baseler Theater, geradezu frenetisch für den Dirigenten Andrea Marcon und sein Orchester, das aus teilweise noch sehr jungen Musiker/innen der „Schola Cantorum Basiliensis“ besteht, aber auch für den Regisseur Barrie Kosky und seine Bühnen- und Kostümbildnerin Esther Bialas.

      Auf Dauer mag Koskies Inszenierung etwas durchhängen, etwas unentschieden wirken, aber immer wieder hält der australische Regisseur das Interesse an dem Stück wach und überrascht mit neuen Einfällen. Die Dacapo-Arien werden immer so inszeniert, dass keine Langeweile entsteht und Koskie besitzt genug an Einfühlungsvermögen in die Musik, um beispielsweise die wunderbare Arie „Sol da te“ des Ruggiero mit der obligaten Traversflöte in grosser Ruhe zu präsentieren.

      Andrea Marcon hat das Stück für Basel selbst eingerichtet und die Musikerinnen und Musiker bringen Vivaldis Partitur beeindruckend zu Klingen. Kleine Unsicherheiten, Nervositäten, fallen nicht ins Gewicht, die Begeisterung, mit der hier musiziert wird, ist ansteckend, der dramatische Zugriff ist genauso vorhanden, wie das immer wieder spürbare, motorische Element des Rhythmus, der die Wirkung dieser Musik stark mitbestimmt. Schöne Instrumentalsoli von Block- und Traversflöte, engagiertes Continuospiel, eine Aufführung, die von ihrer orchestralen Seite allemal lohnt.

      Die Sängerinnen und Sänger sind darstellerisch allesamt sehr gut, allen voran die outrierte Franzsika Gottwald als Alcina, sängerisch bleiben Wünsche offen, aber die Partien sind teilweise irre schwer, einmal, was die Virtuosität, aber auch, was die Lage angeht.

      So verfügt Franziska Gottwald zwar über eine sehr ansprechende Mezzo-Stimme, aber die Abgründe des Altkellers stehen ihr nicht zu Verfügung. Da muss die Sängerin nachhelfen und streift mehr als einmal sie Sprechstimme. Allerdings baut Gottwald diese Probleme geradezu vorbildlich in das Rollenpotrait ein, macht also aus dem Mangel eine Tugend und aus der Alcina einen sehr greifbaren Charakter.

      Ihr ist die Titerollensängerin Delphine Galou als Orlando vom Timbre her nicht unähnlich, Galous Stimme ist nicht sehr gross, manchmal geht sie im Orchester etwas unter und die Sprünge, bsplsw. in der Arie „Nel profondo“ mit ihren schwieriegen Läufen machen der Sängerin doch zu schaffen.

      Merkwürdig zurückhaltend die barockmusikerfahrene Sopranistin Maya Boog, eine durchschnittliche, eher etwas blass bleibende Leistung, die am Anfang stärker für sich einnehmen konnte, als das der Sängerin dann im Verlauf des Abends gelingen sollte.

      David DQ Lee, der Ruggiero, überzeugte mit seinem angenehm timbrierten Countertenor vor allem in den ruhigeren Passagen, Iestyn Morris, der Fachkollege, der den Medoro übernommen hatte, zeigte hier eine zu Schärfen neigende, nicht immer sichere und zuverlässige gesangliche Leistung, schwach die Mezzosopranistin Stephanie Hampl (Bradamante), die doch sehr mit den schnellen Läufen kämpfen musste, Andrew Murphy schlug sich tapfer mit der Rolle des Astolfo herum, die sicher nicht zu seinen bevorzugten Partien gehören dürfte.

      Ein langer Abend im Stadttheater Basel, das anscheinend von Subventionskürzungen bedroht ist – eine entsprechende Petition, die das verhindern soll, lag im Foyer zum Unterschreiben aus – aber einer der Spass gemacht hat. Basel gehört im deutschsprachigen Raum zu den interessantesten Bühnen überhaupt, Das soll bitte auch so bleiben.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Lieber Alviano,
      dein Bericht ist nicht nur wie immer ungemein interessant und plastisch, sondern auch äußerst launig abgefasst, sodass ich bei einigen Formulierungen richtig lachen musste. Man merkt so richtig, dass dir diese Aufführung Spaß gemacht hat. (Ich habe übrigens vor einigen Jahren in Zürich Händels "Orlando" gesehen, in einer herrlichen Jens-Daniel-Herzog Inszenierung: Er verlegte den Plot in eine Art "Zauberberg"-Szenerie, ein Nobelsanatorium für Ausgepowerte und Durchgeknallte, die dort unter ärztlicher Betreuung ihr Burn-out-Syndrom und diverse Neurosen los werden wollen - das funktionierte auch ganz klasse, und im Unterschied zu Basel wurde da auch großartig gesungen!)
      lg Severina :wink:
      "Das Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!" (Franz Schalk)