Beethoven: Symphonie Nr. 1 in C-Dur, op. 21 – Werk und Aufnahmen

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    • Beethoven: Sinfonie Nr. 1 C-Dur op. 21

      [Kopie aus "Eben gehört". Die oben erwähnten Höreindrücke passen bestens hierher. :)
      :wink:
      Gurnemanz]



      Agravain schrieb:

      Einmahl mehr beginnt mein Tag mit Beethoven 1
      Ich mache dann mal mit beim allgemeinen Durchhören der Sammlung in puncto Beethoven Nr. 1. Bei mir stehen diese neun Versionen im Regal (eine weitere Furtwängler-Aufnahme vom 30.11.1952 ist noch auf dem Postweg):
      - Leonard Bernstein/New York Philh. Orch. (rec. New York 1964)
      - Wilhelm Furtwängler/Wiener Philh. (rec. Wien 24., 27.+28.11.1952)
      - Wilhelm Furtwängler/RSO Stuttgart (rec. live Stuttgart 30.3.1954)
      - Wilhelm Furtwängler/Berliner Philh. (rec. live Berlin 19.9.1954)
      - Paul Hindemith/Schwedisches Rundfunk-Sinfonieorch. (rec. Stockholm 1955)
      - Jascha Horenstein/Orch. de la Radiodiffusion Nationale de France (rec. live Paris 31.10.1963)
      - Sir Charles Mackerras/Scottish Chamber Orch. (rec. live Edinburgh 30.8.2006)
      - Jewgenij Mrawinsky/Leningrader Philh. (rec. live Leningrad 1/1982)
      - Bruno Walter/Columbia Symph. Orch. (rec. Hollywood 1/1958)

      Ich bin jetzt (in dieser Reihenfolge) mit Bernstein, Mackerras, Furtwängler/Stuttgart und Mrawinsky durch: allesamt sehr gute Aufnahmen. Aber was weht mich (ich bin insoweit Erstkonsument, habe aus dieser 9 CD-Box bisher nur alle möglichen anderen Werke gehört) geradezu weg? Horenstein :juhu: :juhu: :juhu:

      Mir verschlägt es - zumal ich direkt davor die recht betuliche Mrawinsky-Aufnahme gehört habe - den Atem. "Gefühlt" fegt Horenstein geradezu durch die Partitur (obwohl der Spielzeitenvergleich mit Mackerras ihn in den Ecksätzen als etwas langsamer ausweist, während er in den Binnensätzen schneller ist: Horenstein 9:00/6:09/3:40/6:05, Mackerras 8:44/7:38/4:02/5:45), lässt die Pauken wie nichts Gutes krachen, baut eine ungeheure Spannung und Intensität auf. Orchestral ist alles top (was nicht immer so bei Live-Mitschnitten von Horenstein ist).

      Fazit: Ein Orkan! Fetzig bei sattem Orchesterklang. Musizieren auf der Stuhlkante!
      Information ist nicht Wissen, Wissen ist nicht Weisheit, Weisheit ist nicht Wahrheit, Wahrheit ist nicht Schönheit, Schönheit ist nicht Liebe, Liebe ist nicht Musik. Musik ist das Beste.
      (Frank Zappa)
    • Christopher Hogwood, Academy of Ancient Music, November 1983
      Spielzeiten: 8:40/7:15/4:11/5:35 - 25:41
      Alle Wiederholungen.



      In den Zweiergruppen der Akkorde des Anfangs wird der jeweils zweite, auflösende Akkord tatsächlich als Achtel gespielt – also so wie notiert. Das war in den o. g. Aufnahmen nicht so. Am Ende der langsamen Einleitung ist der Einsatz der Trompeten und Pauken sehr deutlich, hier wird der Unterschied der Klangbalance zum spätromantischen Sinfonieorchester bestens hörbar. – Das Tempo beim ersten Thema ist Halbe = ca. 104 (Beethoven = 112). Geradezu dramatisch ist der Übergang zum zweiten Thema, überhaupt kein Nachgeben im Tempo! Die Bläserfarben kommen wunderbar heraus, sie unterscheiden sich deutlicher voneinander als bei den Instrumenten des sogenannten modernen (d. h. spätromantischen) Sinfonieorchesters. Die Staccati sind noch kürzer als gewohnt, die Sforzati eher knallig. Das liegt aber auch daran, dass der Klang drumherum eben nicht so füllig ist und die Akzente darum stärker herausstechen. – Erstaunlich ist auch die Wirkung der Musik in der Durchführung, wenn (wie hier) das Tempo beibehalten wird.

      Der zweite Satz hat klaren scherzando-Charakter und ist denkbar weit von einem romantischen „Andante cantabile“ entfernt. Achtel = ca. 110, klar „con moto“. Passend dazu wird deutlich artikuliert, die Streicher spielen schön leicht und meist mit kurzen Strichen.

      Genau nach Beethovens Angabe wird das Menuetto mit 108 Takten pro Minute gespielt. Der Klang ist schön schlank, leicht und luftig. Die Pauken mit ihrem kurzen und trockenen Ton kommen hier natürlich besonders gut heraus.

      Man hört aber auch, dass dies noch die Anfangszeiten von HIP waren: Die aufsteigenden Tonleitern im ersten Thema des Finales werden nicht so souverän gespielt wie von manchen alteingesessenen Orchestern in spätromantisch-philharmonischer Tradition. Das Tempo (Halbe = ca. 80) bringt das Stück wunderbar vorwärts. Unaufgeregt kommt die Sinfonie an ihr Ende.

      Das ist HIP für HIP-Einsteiger, eine eher zahme Aufnahme. Das Stück wird nicht aufgedonnert. Am bemerkenswertesten sind vielleicht die Klangfarben: Streicher, Holz- und Blechbläser sind klanglich deutlich getrennt, dadurch sind die Tutti jederzeit durchhörbar. Bei geringerer Gesamtlautstärke (am besten nicht zu laut hören) ist die farbliche Vielfalt größer als bei einem modernen Sinfonieorchester. Aus heutiger Perspektive, etwa mit Järvi und Krivine im Ohr, ist das alles vergleichsweise unspektakulär. Oder für die, die sonst nur moderne Instrumente hören. Diese Aufnahme ist also schon im doppelten Sinne historisch – wegen der alten Instrumente und der angemessenen Phrasierung und Artikulation einerseits, wegen 1983er Aufnahmedatum und dem Veteranenstatus innerhalb der HIP-Szene andererseits. Ich würde gerne mal die ersten Rezensionen aus der Zeit des Erscheinens dieser Aufnahme lesen.
      Die Fähigkeit, geistige Transferleistungen in kurzer Zeit zu vollbringen, führt nicht immer zu tragfähigen Resultaten. So ist "ich kuk" bspw. keine korrekt gebildete Vergangenheitsform.
    • Roger Norrington, London Classical Players, 1986-1988
      Spielzeiten: 8:44/7:06/4:17/5:32 - 25:39
      Alle Wiederholungen.



      Wie bei Hogwood wird der jeweils zweite, auflösende Akkord tatsächlich als Achtel gespielt, quasi abtropfend. Überraschend kurz ist der erste Tutti-G-Dur-Akkord im Forte. Die Einleitung hat durchaus Zug nach vorne, obwohl Norrington mit Achtel = ca. 80 knapp unter Beethovens Vorschrift (88) bleibt. Die Akkorde am Ende sind ganz schön auftrumpfend. – Wie bei Hogwood, so werden auch hier das erste und das zweite Thema etwas langsamer genommen, als es die Partitur will: Halbe = ca. 104 (Beethoven: 112). Doch Norrington arbeitet Akzente stärker heraus als Hogwood, setzt mehr auf Kontraste. Hier hört es sich deutlich nach HIP an, anders als bei der relativ kultivierten Herangehensweise der Academy of Ancient Music. Insbesondere Pauken und Trompeten kommen sehr gut zur Geltung, man höre den Schluss des Satzes! Von dem Crescendo der Pauke steht zwar nichts in der Partitur, aber – geschenkt!

      Im zweiten Satz gibt Norrington die Phrasierungsbögen der Partitur sehr gut nachvollziehbar wieder. Tja, der Beethoven hat eben keine unendliche Wagnersche Melodie komponiert, hier wird’s hörbar! Zusammen mit dem Tempo (irgendwo zwischen Achtel = 108 und 112; Beethoven: 120) ergibt das eine interessante Mischung. Mit Wiederholung, sehr kurzweilig.

      Das Menuetto hat bei Norrington mit 104 Takten pro Minute (Beethoven: 108) viel Charme! Völlig unerwartet – aber nach den ersten beiden Sätzen ist das ein guter Kontrast. Die Musik poltert nicht so brutal heraus, wie dies manchmal in diesem Satz zu hören ist. Interessante Sichtweise.

      Die langsame Einleitung des Finales ist auch bei Norrington spannend, aber nicht so witzig wie bei Bernstein und Järvi. – Halbe = 76 – 80 ist das Tempo des Finales (Beethoven: 88). Die Akzente sind bestens herausgearbeitet, in den leiseren Abschnitten ist Spielwitz zu hören. Mir ist zwar klar, dass die London Classical Players eine Menge Musiker mit Hogwood’s Academy of Ancient Music gemeinsam hatten, aber hier klingt es trotzdem technisch souveräner. Orchestral wird nochmal aufgedreht, die Holzbläser dudeln fröhlich vor sich hin, die Trompeten dürfen schmettern, die Pauke darf knallen, was die Felle hergeben. Eine Aufnahme mit hohem Spaßfaktor.

      Im Vergleich mit Hogwood ist Norringtons Aufnahme interessanter, weil profilierter. Welche man bevorzugt, ist natürlich Geschmackssache. Norrington stellt die Kontraste des Werkes ungleich deutlicher heraus als der eher homogenisierende Hogwood. Gegen Text oder Geist der Partitur verstößt keiner von beiden in offensichtlicher Weise, wie etwa Furtwängler und Klemperer dies in bester Absicht und mit allerdings sensationellen, geradezu unwiederholbaren Ergebnissen taten.
      Die Fähigkeit, geistige Transferleistungen in kurzer Zeit zu vollbringen, führt nicht immer zu tragfähigen Resultaten. So ist "ich kuk" bspw. keine korrekt gebildete Vergangenheitsform.
    • Nikolaus Harnoncourt, The Chamber Orchestra of Europe, Juli 1990
      Spielzeiten: 9:20/7:41/4:00/5:26 - 26:27
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      In der Zeit seiner Aufnahmen der Beethoven-Sinfonien hat Nikolaus Harnoncourt ein Interview gegeben. Darin gab er Auskunft über seine Auffassung der Tempovorschriften des Komponisten. Sinngemäß sagte er:

      “Wenn ich die Partituren lese, empfinde ich die Angaben als hundertprozentig richtig. Dirigiere ich jedoch ein Orchester, so stimmen sie nicht mehr. Dann hängt das richtige Tempo ab von der Größe des Orchesters (ein großes Orchester hört sich bei gleichem Tempo schneller an als ein kleines), von der Größe des Raumes (in einem großen Raum klingt das gleiche Tempo schneller) und vom technischen Vermögen des Orchesters (ist ein Orchester bei einem bestimmten Tempo am Rande seiner technischen Möglichkeiten, so wird es sich schneller anhören als ein Orchester, das im gleichen Tempo völlig souverän spielt).

      Ferner sind die Tempovorschriften keinesfalls statisch zu lesen, als ob ein Satz von vorne bis hinten metronomisch im selben Tempo gespielt werden solle. Es kommt darauf an, jeder Stelle den rhetorisch angemessen Duktus zu geben.“


      Harnoncourt hat die Sinfonien mit dem Chamber Orchestra of Europe eingespielt, also mit modernen Instrumenten. Nur die Trompeten sind „alte Instrumente“. Deswegen, weil diese bereits im Mezzoforte ins Schmettern kommen und daher ihren Signalcharakter behalten, ohne über Gebühr laut spielen zu müssen (im Fortissimo schmettert auch eine moderne Ventiltrompete mit ihrer halben Rohrlänge). – Die Pauken werden mit sehr harten Schlägeln gespielt.

      Die Einleitung zum ersten Satz ist überhaupt nicht asketisch. Durchaus breit und mit fülligem Klang kurz vor Schluss. Die ersten Holzbläserakkorde erklingen im Decrescendo. – Halbe = ca. 100 beim ersten Thema, aber mit sehr kurzen Noten in den Streichern. Es klingt nachdrücklich. Bei der Kadenz vor dem Nachsatz zum ersten Thema zieht Harnoncourt das Tempo leicht an (das machen die meisten umgekehrt). Das Tutti ist schön transparent. Ich höre präzise Sforzati, viel Differenzierung, spannende Crescendi. Auch sind wunderschöne Bogen zu hören, die Musik hat kleine und große Bäuche. Unterm Strich ist das gar nicht schroff, sondern freundlich und verbindlich - C-Dur eben! Harnoncourt versöhnt die harmonischen Teile mit den widerborstigen, ohne die Unterschiede zu nivellieren. Diese Art von Schönheit mag ich sehr, denn sie beschönigt die Härten nicht. Auf einen Nenner gebracht: Gerechtigkeit dem Detail – Einheit dem Satz.

      Im zweiten Satz ist viel Rubato zu hören, aber diskret. Sehr schwierig zu proben, sehr schwierig zu dirigieren! Das Grundtempo ist um Achtel = 104. Die Tuttistellen haben mir sehr gut gefallen. Insgesamt hat dieser Satz trotz des Tempos geradezu federnden Charme.

      Dass im Menuetto das Tempo zwischen 104 und 120 Takten pro Minute schwankt, habe ich nur mit Metronom bemerkt. Ansonsten fällt es wegen seiner Schlüssigkeit kaum auf! Das ist Musizieren … Deutlich langsamer das Trio mit groß ausgespielten Bögen.

      Viel lustvolles Spielen dann im Finale: Die Naturtrompeten klingen herrlich, die Sforzati sind präzise, energiegeladenes Musizieren ohne Überdrehen. (Ca. 80 Takte pro Minute.) Sehr gut!

      Detail und Einheit, Lokales und Globales sind bestens versöhnt. In der Partitur mitzulesen, macht richtig Spaß: Jedes Detail kommt heraus und wirkt sinnvoll. Nichts klingt so, als ob Harnoncourt mit dem Zeigefinger irgendetwas herausstellen wollte – im Gegenteil: Die Musik klingt, als müsse es so sein. Richtig gut!
      Die Fähigkeit, geistige Transferleistungen in kurzer Zeit zu vollbringen, führt nicht immer zu tragfähigen Resultaten. So ist "ich kuk" bspw. keine korrekt gebildete Vergangenheitsform.
    • John Eliot Gardiner, Orchestre révolutionnaire et romantique, live März 1993
      Spielzeiten: 8:22/6:33/4:05/5:27 - 24:27
      Alle Wiederholungen.



      Die langsame Einleitung ist sehr gut durchhörbar. Doch die Dynamik wird nicht ganz ausgereizt, auch die „tenuto“-Vorschriften sind nicht realisiert. – 112 Halbe pro Minute im ersten und zweiten Thema! Die erste Aufnahme im Originaltempo seit Leibowitz? Bei Kadenzen im Tutti bremst Gardiner leicht ab, sehr stimmig. Gehetzt wirkt es keinesfalls. Die deutlichen Sforzati wirken wie Ausrufezeichen. Die Artikulation ist insgesamt sehr kurz. Natürlich wird die Wiederholung gespielt. Die Durchführung ist spannend, wobei Karajan 1953 m. E. trotz aller Schroffheit nicht erreicht wird. Dennoch: Allemal ein starker erster Satz!

      Auch im zweiten Satz werden Beethovens Tempovorstellungen umgesetzt (Achtel = 120, eher noch darüber). Hier kann man hören, was „sprechende“ Artikulation bedeuten soll. Gardiner übersetzt „Cantabile“ so, dass er „nach Art eines Sängers“ spielen lässt, der ja auch Einschnitte macht, um seinen Text sinnvoll zu gliedern, um wichtige Worte hervorzuheben. Einen Sänger, der einen einheitlichen unstrukturierten Klangstrom von sich geben würde, würde man ja auch nicht anhören wollen. War es das, was Beethoven vorschwebte? Jedenfalls traut Gardiner dessen Vorschriften und gewinnt! Es wird aber auch klar, wie gravierend die Verfälschungen sind, die Furtwängler & Co. vorgenommen haben.

      Gardiner versagt sich im dritten Satz ein effektvoll anschiebendes Accelerando und startet dafür gleich in Beethovens Tempo. Forte bleibt Forte, es wird nicht zum Fortissimo aufgedonnert. Es gab schon charmantere Lesarten des Satzes (Norrington), aber ok. Gardiner setzt auf die Energie und auf die Widerborstigkeiten der Synkopenfolgen – überzeugend. Im Trio behält er das Tempo fast bei.

      Leider bleibt uns auch Gardiner den Witz der Einleitung des Finales schuldig … schade. Einen Tick langsamer als die Partiturangabe (ca. 80 statt 88 Takte pro Minute) schnurrt der Satz ab. Ausgezeichnetes Orchesterspiel – vor allem wegen des Zusammenspiels der Violinen beim Thema. Die Höhepunkte haben richtig Feuer. Ausgezeichnet.

      Im Beiheft findet man die Besetzung: Streicher 12-10-8-6-4, Bläser einfach. – Gardiners Aufnahme liegt zwischen Hogwoods Ausgeglichenheit und Norringtons lustvoll-überdrehtem Spiel. Dieser Kompromiss vereint nicht die Nachteile beider Ansätze, sondern stellt die Vorteile beider heraus. Mir gefällt Gardiners Version am besten von diesen dreien. Übrigens ist die Klangtechnik ausgezeichnet!
      Die Fähigkeit, geistige Transferleistungen in kurzer Zeit zu vollbringen, führt nicht immer zu tragfähigen Resultaten. So ist "ich kuk" bspw. keine korrekt gebildete Vergangenheitsform.
    • Emmanuel Krivine, La Chambre Philharmonique, live Dezember 2009
      Spielzeiten: 8:31/7:04/3:22/5:40 - 24:37
      Alle Wiederholungen.



      Recht bewegt klingt die Einleitung, ungefähr in Beethovens Tempo (Achtel = 88). Das Tenuto gegen Ende der Einleitung ist wunderbar. Trotz des Tempos klingt die Musik fast feierlich. Geht doch! – Es wird weiter in Beethovens Tempo musiziert, sehr transparent, sehr lustvoll, schroff in den Tutti-Akkorden, klar artikuliert. Die Durchführung klingt so dramatisch, als wäre es die Eroica. Ja, verdammt noch mal, als es noch keine Eroica gab, war das ja auch sozusagen die Eroica! Hier wird Beethovens sinfonischer Erstling ernst genommen.

      Achtel = 120 zu Beginn des zweiten Satzes, doch bei aller Straffheit der Artikulation wird es bald etwas gemächlicher. Bei Krivine bekommt der Satz vor allem im zweiten Teil etwas Hintergründiges, als ob Beethoven nicht alles offen sagen wolle. Das ist wirklich neu! - Die Paukenstelle im Pianissimo bleibt geheimnisvoll, ganz wunderbar frühromantisch, historisch völlig korrekt platziert.

      Das Menuetto wird auf Überrumpelungseffekt hin gespielt, insbesondere durch die durchgestylte Dynamik. Die Sforzati haben etwas Heftiges, Aufgeregtes. Überhaupt wirkt die Musik nervös, geradezu hektisch. Das Tempo ist etwas schneller als die von Beethoven gewünschten 108 Takte pro Minute (ca. 112 – 116). Leichte Entspannung im Trio – wenn die wuseligen Streicher nicht wären …

      Endlich hat mal wieder einer die Einleitung zum Finale verstanden! Auch Krivine bleibt temposeitig knapp unter Beethovens Wünschen (80-84 Takte pro Minute statt 88). Spieltechnische Probleme? Wer hat die Violinen, die man für höllische 88 bräuchte? Ansonsten werden nochmal alle Register gezogen, die Musiker dürfen fetzig aufspielen. Bei der kleinen Besetzung ist die Kraft und Wucht der Tuttistellen staunenswert. Alles kommt auf den Punkt.

      Eine sicher polarisierende Aufnahme. Sie hat etwas Wildes, Unkontrolliertes, geradezu Gewalttätiges. Wer ewige Schönheiten oder musikalisches Chill-out, wird hier nicht fündig. Wer bereit ist, in die Abgründe der Musik zu blicken, kommt voll auf seine Kosten. Ab und zu mag ich das! - Im Vergleich zu Gardiner sitzt man als Hörer dichter dran. Die Streicherbesetzung ist 8-8-6-6-5, Violinen links/rechts, Bläser einfach, das gibt von vorneherein einen transparenteren, schärferen, bläserlastigeren Klang als bei Gardiner, wo die Mikros wohl auch weiter weg waren. Die Aufnahme hat eine schier unglaubliche Dynamik. Vermutlich wurde sehr hochbittig aufgenommen und dann bis zur Dynamikgrenze der CD digital runtergerechnet.
      Die Fähigkeit, geistige Transferleistungen in kurzer Zeit zu vollbringen, führt nicht immer zu tragfähigen Resultaten. So ist "ich kuk" bspw. keine korrekt gebildete Vergangenheitsform.
    • And the winner is ...

      … tja, wenn’s denn so einfach wäre. Kann überhaupt eine einzige Aufnahme allen Aspekten der Musik gerecht werden? Wohl nicht. Darum macht das vergleichende Hören ja auch so viel Spaß.

      Gerne wieder hören würde ich:

      Furtwängler 1952 und Klemperer 1957. Klar: Überall kann man da mit dem Finger draufzeigen und nachweisen, welche Beethovenschen Vorschriften nicht beachtet werden. Das ist hier sehr einfach. Nun sind Furtwängler und Klemperer aber keine Dirigierschüler bei der Vorbereitung zur Aufnahmeprüfung. Sie dirigieren eben nicht Beethoven, sondern sich selbst bzw. ihr Beethoven-Bild und leugnen die Details der Partitur, die da nicht hineinpassen. Doch dieses Bild hat es in sich, das ist äußerst hörenswert. Wer dies beckmesserisch ablehnt, hat Aufnahmen verpasst, die zu den Allerbesten gehören.

      Karajan 1953. Eine moderne, eher unromantische Sicht auf Beethoven wird hier vermittelt. Man versteht, warum Karajan als Synthese von Furtwängler und Toscanini wahrgenommen wurde. Die Karajansche Tempodramaturgie, die zu Phrasenhöhepunkten leicht aufdreht – dazu muss man ein Orchester erst mal bekommen – ist großartig und macht das Stück lebendig, ohne zu überdrehen. - Viel besser als Karajans Einspielungen von 1961 und 1977.

      Bernstein 1977. Musik macht Spaß – wenn sie so lustvoll aus dem Bauch heraus gespielt wird. So mag ich großphilharmonischen Beethoven sehr gerne! Wer die Einleitung zum letzten Satz nicht mit Bernstein gehört hat, der hat sie gar nicht gehört.

      Harnoncourt 1990. Alles ist an seinem Platz, jede Beethovensche Vorschrift wirkt wunderbar stimmig, als könne es gar nicht anders sein. Revolutionär klingt es nicht! Aber richtig gut.

      Gardiner 1991. Vielleicht die beste HIP-Aufnahme. Drahtig, spritzig, ohne zu überdrehen. Transparent, doch mit satten Tutti, wenn nötig. Wer es härter braucht, greife zu Norrington oder Krivine.

      Järvi 2006. Insgesamt am dichtesten an Beethovens Tempovorschriften, ohne, dass es gehetzt klänge. Agil, detailliert, differenziert, aber vor allem spannend! Hier muss man zuhören. Eine tolle Einspielung.
      Die Fähigkeit, geistige Transferleistungen in kurzer Zeit zu vollbringen, führt nicht immer zu tragfähigen Resultaten. So ist "ich kuk" bspw. keine korrekt gebildete Vergangenheitsform.
    • Gefunden in Eben gehört 2010/11:

      Recordatorio schrieb:

      Bei mir Beethovens Erste:
      [IMG:http://ecx.images-amazon.com/images/I/41vbDP587xL._SS500_.jpg]


      Hatte das Werk seit Ewigkeiten nicht gehört. Man sagt ja immer, Beethovens Sinfonik kommt zunächst mal von Haydn her, aber in diesem konkreten Fall hör' ich tatsächlich sehr viel... Mozart-Derivation. Eine Art schwaches Echo der Festlichkeit von KV 551 vielleicht. Nur im Scherzo hör' ich den impulsgetriebenen Beethoven den ich zu 'kennen' meine. Liegt's an der Aufnahme?
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Mauerblümchen schrieb:

      Otto Klemperer, Philharmonia Orchestra, Oktober/Dezember 1957
      Spielzeiten: 9:55/8:53/4:04/6:20 - 29:12
      Wiederholungen im ersten und im zweiten Satz.



      Vier Jahre danach, das gleiche Orchester, doch ein anderer Dirigent. - Nach den initialen Bläserakkorden und dem G-Dur-Tutti steht ein „Piano“ in der Partitur – hörbar wird es nicht - das ist schon ein stabiles Mezzoforte. Knapp über Halbe = 90 geht es mit dem ersten Thema los, beim zweiten wird es etwas langsamer (Beethoven: 112). Aber alles ist genau an seinem Platz. Es klingt wie in Marmor, ein wenig wie eingefroren. Betonungen klingen ziemlich eingeebnet, Klassizität ist Trumpf. Furtwänglers Einspielung lässt grüßen. Wiederholung der Exposition.

      Nach einem langsameren Beginn erreicht das „Andante cantabile con moto“ bald ca. 90 Achtel pro Minute, aber ist damit immer noch entscheidend zu langsam für den scherzando-Charakter. Wie bei Furtwängler: Akzeptiert man diese Veränderung des Charakters, so ist es herrlich. – Auch hier mit Wiederholung.

      92 punktierte Halbe pro Minute (Beethoven: 108) lassen das „Menuetto“ fast wirklich als ein solches klingen … der langsamste dritte Satz von Beethovens 1. Sinfonie der Schallplattengeschichte? Eine Hinrichtung der Partitur.

      Das Finale läuft dann irgendwo zwischen Halbe = 66 und 69 ab (Beethoven: 88). Wie leicht und locker klang das doch unter Karajan … „Allegro molto e vivace“ schrieb Beethoven, aber Klemperer lässt bestenfalls „heiter“ spielen (das ist eine Bedeutung von „allegro“).

      Beethoven ganz groß, wie in Marmor, eingespielt für die Ewigkeit. Immer wieder verführt die Einspielung dazu, dies zu glauben. Die Partitur aber sagt : Das ist ein Beethoven, der durch die Brille der Spätromantik gelesen wird. Alles, was um 1800 noch neu und erregend war, wird geglättet. Klemperer lässt dicht artikulieren und tendiert klar zur Legato-Seite. Klassisch ist alleine das Ebenmäßige – was aber durch Mäßigung (vor allem der Tempi) und Unterdrückung der Ecken und Kanten, sprich: durch Verfälschung erzielt wird. Wie bei Furtwängler: Das kann man mögen … das ist aber nicht Beethoven.


      Ich besitze mittlerweile auch die Erste mit Klemperer, und zwar aus dieser Box:
      Es spielt dasselbe Orchester, aber es handelt sich um eine Live-Aufnahme von 1960. Hier nimmt er die Sätze 1-3 aber etwas schneller als in der von Dir vorgestellten.

      :wink:
      Denn ich, ich kenne meine Pläne - spricht der Herr - Pläne des Heils und nicht des Unheils; denn ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben.
      Jer. 29,11
    • Interessant, Mauerblümchens tolle Analysen nach einiger Zeit wieder zu lesen. (Fast spannender als das Werk zu hören! ;+) ) Ich nehme es nicht so genau mit den Detalis, bitte um Nachsicht...

      Ich möchte dieser Tage wieder einmal die Symphonien von Ludwig van Beethoven in den Aufnahmen durchhören, mit denen ich sie als Jugendlicher kennengelernt habe. Das war damals eine CBS LP Box mit Leonard Bernstein und den New Yorker Philharmonikern aus dem Besitz meiner Eltern, bei der peinlicherweise in einer Erstauflage der erste Satz der 4. Symphonie fehlte (den ich stattdessen mit Lorin Maazel hören konnte). Damals, Ende der 70er Jahre, hatte ich mit Interpretationsvergleichen noch nichts am Hut, so wie Leonard Bernstein und die New Yorker Philharmoniker Beethoven spielten, war es für mich Beethoven. Anfang der 80er folgte der DGG Zyklus mit den Wiener Philharmonikern, meine erste eigene Beethoven LP Box, silbern edel, aber die Interpretationsunterschiede allein zwischen dem New Yorker und dem Wiener Zyklus wurden mir erst viel später wichtig. Nun also wieder New York, zurück ins Jahr 1800 (was die Entstehung betrifft) bzw. zum 20. und 27.1.1964 ins Manhattan Center in New York City, was die Aufnahmedaten betrifft (CD Sony SMK 60967). Ich versuche, alles zu vergessen was war, was ist und was sein wird, mich völlig ohne Erwartungshaltung in die Musik zu begeben. Das Stereoklangbild ist mir sofort sehr vertraut, diese spezifische Links-Rechts-Aufteilung der Instrumentengruppen, die heutzutage vielfach differenzierter geworden ist, damals aber eine starke Kompaktheit der Wirkung ermöglichte. Wohin geht der Weg, wohin führt das Suchen der Einleitung zum ersten Satz? In einen sehr bestimmten Hauptsatz! Bernsteins erdige Leidenschaft reißt mich wieder einmal mit. Dass die Exposition wiederholt wird, tut der Festigung des Gehörten sehr gut. Was ist das für selbstbewusste, ehrgeizige, einfallsreiche Musik, auch im großteils schreitenden zweiten Satz! Und der dritte nennt sich unschuldig Menuetto und treibt vielmehr als Scherzo heftig voran. Wie muss das im Jahr 1800 gewirkt haben! Wieder Fragen zum Finalbeginn, ein vorsichtiges Sich-Vortasten, mündend in einen fröhlichen Reigen. Frische symphonische Musik, die aufhorchen lässt und neugierig macht auf Weiteres. So wie Leonard Bernstein und die New Yorker Philharmoniker Beethoven spielen, ist es für mich jetzt wieder Beethoven.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Bernstein / New Yorker PH

      Hallo Alexander,

      Deine grosse Begeisterung für Bernsteins Beethoven teile ich voll. Bei mir waren die ersten Beethoveen - Aufnahmen ganz andere als bei Dir (eine Mischung aus Karajan - Kletzki - Klemperer - Konwitschni) - so wie mein Taschengeld dies damals zu lies und möglichst ohne einen Doppelkauf.

      Vor mehr als 7Jahren hatte ich mich dann für die Bernstein-SONY-Aufnahmen interessiert; die DG-GA mit den Wiener PH hatte ich bereits auf CD.
      Lange Rede kurzer Sinn:
      Ich hatte die SONY-Einzel-CD-Ausgaben gekauft. Die Fünfte mit Bernsteins Doku zum 1.Satz (Abb 1).
      Meine Begeisterung für diesen klangstarken Beethoven in jeder Hinsicht war riesig. Leider gelang es mir seinerzeit nicht die CD der Sinfone Nr.4 zu ergattern.
      Ich kaufte deshalb die erste verfügbare CD-Ausgabe als GA (6CD mit VC) - Abb2. Das 20Bit-Remastering entspricht dem Gleichen, wie bei den Einzel-CD-Ausgaben.

      Die SONY-Neuausgabe der GA im 24Bit-Ramastering, hatte damals bei Tamino im Jahre 2009 eine höchst interessante Diskussion über die nochmal verbesserte Klangqualität ausgelöst. 8o Keine Frage für mich - und da man die GA damals wie heute für unter 20Euro bestellen konnte - :thumbup: Die muste ich auch testen und haben (Abb3):

      ..[IMG:http://g-ec2.images-amazon.com/images/I/619aQZSUbYL._SS500_.jpg]...
      SONY, Aufnahmen 1957(Violinkonzert), 1961-1967, ADD


      Das Remastering und der Klang ist durchweg als füllig, gut durchhörbar und als voll orchestral zu bezeichnen. Die Neuausgabe im 24Bit-Remastering ist marginal klarer, aber auch nur bei einigen Sinfonien. Ich muss mein Statement bei Tamino dazu mal raussuchen; dort hatte ich das genau spezifiziert. Jedenfalls ist das 20Bit-remastering bereits so ausgefeilt, dass der "24Bit-Kauf" nicht unbedingt nötig gewesen wäre. Aber jetzt habe ich die GA im WZ und Hobbyraum aufgeteilt.
      :-OOOO- Jedenfalls möchet ich diese Bernstein-GA nie mehr missen - eine meiner wichtigsten Beethoven-Sinfonien Aufnahmen. :vv: Für die Insel ? JA !!!
      ______________

      Gruß aus Bonn

      Wolfgang
    • Ich beginne einen neuen (zeitlich lockeren) Durchlauf durch die Beethoven Symphonien, diesmal mit Schwerpunkt auf den Wiener Philharmoniker Aufnahmen mit Karl Böhm, Leonard Bernstein, Claudio Abbado, Simon Rattle und Christian Thielemann. Hier meine ersten Höreindrücke:



      Ludwig van Beethovens Symphonie Nr. 1 C-Dur op. 21, von Karl Böhm und den Wiener Philharmonikern im Großen Musikvereinssaal aufgenommen (6 CD Box DGG 479 1949, der Großteil des Beethoven Zyklus zwischen Mai und September 1971), bringt selbstverständlich schönsten Philharmonikerklang, weich und einschmeichelnd zu hören. Das ist ein Beethoven zum Genießen und Entspannen. (Warum nicht? Es gibt genug andere Aufnahmen mit anderen Ansätzen.) Alles kommt etwas geglättet und betulich, durchaus berechenbar. Für den Seelenfrieden kann das aber immens guttun. (Wenn man diese Musik genießen will.) Hier fordert nichts heraus, hier kann man sich einzig der Schönheit der Musik ergeben. Sich hineinfallen lassen und sich wohlfühlen – wunderschön!



      Leonard Bernsteins Platten- und Fernsehaufnahme dieser Symphonie am selben Ort mit demselben Orchester, allerdings live aufgenommen, folge am 6. und 7.11.1978 (6 CD Box DGG 423 481-2 oder die Wiener Philharmoniker Symphony Edition der DGG, darin enthalten Bernsteins Aufnahmen der Symphonien 1, 3 und 9; mit Böhm sind die Symphonien 6 und 8 berücksichtigt; oder man nimmt die hier abgebildete Box; dazu 7 DVD Box DGG 00440 073 4500). Für die Fernsehaufnahme wurde eine kurze Werkeinführung mit Leonard Bernstein aufgenommen. Bernstein spricht vom „18. Jahrhundert Kostüm Haydns“, in dem die Symphonie daherkommt, und doch bringt sie Neues. Den dritten Satz – darauf konzentriert sich Bernsteins Einführung – nennt Beethoven Menuett, es ist aber schon ein rasches Scherzo. Bernstein spielt am Klavier (am Beispiel des Anfangs) die rasche Version und eine gemütliche Menuett-Variante. Die Aufnahme selbst bringt wieder diesen unvergleichlichen Philharmonischen Klang. Bei Bernstein wird die Musik aber psychologisch gewichtiger, vertiefter, lebendiger, emotionaler als bei Böhm. Man ist intensiver dabei, gerade als Hörer, man wird ungleich mehr gepackt. Wunderschön lebendig und spritzig! Die Fernsehaufnahme zeigt den zum Blattgold rot verkleideten Musikverein und das Orchester auch optisch für Bernsteins leidenschaftlichen Beethoven-Einsatz topmotiviert und auf den Punkt hochkonzentriert. Das ist so schön, so liebevoll, so kompakt und doch so herzlich spielfreudig frei, das muss man sich gleich noch einmal ansehen, sobald es geht. (So geht es mir halt.) Selten sieht man auch die zwei Konzertmeister Gerhart Hetzel und Rainer Küchl nebeneinander am ersten Pult.



      Der nächste Dirigent, der mit den Wiener Philharmonikern alle neun Beethoven Symphonien aufnahm, wie später auch Rattle und Thielemann wieder live (Böhms Aufnahme war die letzte Gesamtaufnahme der Wiener Philharmoniker ohne Publikum), war Claudio Abbado (6 CD Box DGG 427 306-2, auch Einzel CDs, ich finde diese Klimt Covers wunderschön). Im Jänner 1988 wurde Beethovens Erste Symphonie im Großen Musikvereinssaal aufgeführt. Der Orchesterklang erscheint hier noch vollblütiger. Abbado achtet sehr genau auf Abtönungen, Abdunkelungen in der Musik, das modelliert er alles sehr sorgfältig. Diese Klangfarbenänderungen kommen besonders schön zur Geltung. Im zweiten Satz akzentuiert Abbado vielfach sehr bewusst (mit Zäsuren arbeitend), so dass man aufhorcht. Dieser Satz wirkt hier agogisch ganz speziell lebendig.



      Zwischen 29.4. und 17.5.2002 hat Sir Simon Rattle zusammen mit dem Orchester alle neun Beethoven Symphonien aufgeführt (5 CD Box EMI 7243 5 5744524), unmittelbar, bevor er seinen Posten als Chefdirigent in Berlin antrat. Zunächst wirkt die Symphonie bei ihm wie eine Weiterführung der „Erkenntnisse“ von Abbados zweitem Satz, was Agogik und Lebendigkeit betrifft. Rattle differenziert das Klangbild anders auf als Böhm, Bernstein und Abbado, etwas rauer. Insgesamt wirkt die Symphonie unruhiger, wenn man die anderen Aufnahmen noch im Ohr hat, eiliger, energischer, aber in sich spritzig und frisch. Deutlich flotter zieht Rattle den zweiten Satz durch. Rattles Aufnahme hebt sich von den bisher gehörten durch „durchgeputzte Frische“ ab.





      Schon sechs Jahre später begann das Orchester einen neuen Beethoven Livezyklus in Angriff zu nehmen, diesmal wieder für Bild- und Tonträger, und mit Christian Thielemann (6 CD und 1 DVD Box Sony 8697927172 sowie 9 DVD Box Major/Unitel 705308). Die Aufnahme der Ersten Symphonie aus dem Großen Musikvereinssaal vom Dezember 2008 war für mich anfangs gewöhnungsbedürftig. Sie kehrt zum vollblütigen Klangbild zwischen Böhm und Abbado zurück, der Ablauf erhält aber eine gewisse Kalkuliertheit. Man (zumindest ich) hört die Einstudierung, also die „besonderen Wünsche des Dirigenten“, mit, aber seine „Linie“ wird nicht ganz klar. Einerseits will dieser Beethoven gleich gewichtig sein (was Thielemann mit retardierenden Momenten unterstreicht), andererseits gelingt hier vielfach auch eine „bunt schwebende Beredsamkeit“. Dritter und vierter Satz atmen schließlich eine stringente Leichtigkeit, deren „Magie“ ich mich nicht länger entziehen mag. Den DVDs beigefügt sind ausführliche Fernsehdokumentationen zu jeder Symphonie mit Joachim Kaiser und dem Dirigenten, unter dem Titel „Discovering Beethoven“. In den über 50 Minuten zur Ersten Symphonie führt Kaiser in die Welt der Symphonie bis Beethoven ein und zeichnet kurz Beethovens kompositorischen Weg bis zu diesem Werk nach. Dann werden im Gespräch, unterstützt mit Ausschnitten aus der Aufführung, gleichzeitig eine Werkeinführung, eine Analyse sowie Begründungen und Meinungen zur Interpretation aufgefächert. Mittels kurzen Ausschnitten ist auch ein direkter Hörvergleich mit Karajan (Berlin) und Bernstein (Wien) möglich.

      So bleibt mir das Fazit: Böhm wunderschön, Bernstein wunderschön und vertieft, Abbado wunderschön mit Abtönungen, Rattle immer noch schön, aber energischer und Thielemann wunderschön, „aber“ kalkuliert.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Algabal verwies soeben in einem anderen Thread auf eines seiner älteren Postings in einem wiederum anderen Thread:

      Gardiner kann leider keine Ausführungsanweisungen lesen - genausowenig wie Karajan ...


      Sein Beispiel ist der Beginn von Beethovens Erster:

      Beethoven schreibt in den Takten 1-3 für die Streicher pizzicato vor, verleiht damit den Akkordschlägen einen deutlich percussiven Charakter. In den Interpretationen von Scherchen, Leibowitz, Huggett, Hogwood und Brüggen wird dies sehr schön ausgespielt und damit der »Überraschungseffekt« des Beginns akzentuiert.
      Bei Gardiner wie auch bei Karajan sind die Pizzicatoschläge der Streicher als solche nicht hörbar sondern werden vollständig in einen flächigen Orchesterklang eingebettet, so dass der effektvolle Übergang zu dem ersten mit Bogen auszuführenden Akkord in Takt vier, Schlag eins völlig verloren geht. Kann man sicher so machen. Überzeugend - oder auch nur schön - finde ich das nicht.


      Ich hab mir jetzt nur nochmal Brüggen und Gardiner angehört - und ich kann diese Argumentation nicht nachvollziehen. Das Pizzicato ist bei Gardiner deutlich als eigenständiger Klang hörbar (wie im anderen Thread schon von putto bemerkt) und nicht in einen "flächigen Mischklang" eingebettet. Der "percussive Charakter" wird bei Brüggen vor allem dadurch erreicht, dass er das Pizzicato trotz langsameren Grundtempos sehr kurz und trocken spielen lässt, eher als Sechzehntel, jedenfalls nicht als die notierte Viertelnote, der Gardiner wesentlich näher kommt - so wie man den Akkordcharakter des Pizzicatos m.E. bei Gardiner auch stärker wahrnimmt als bei Brüggen. Ich will jetzt nicht behaupten, dass Brüggen keine Notenwerte lesen kann - mir ist schon klar, das aufführungspraktisch eine Note (bzw. ein Akkord) nicht unbedingt so lange wie notiert klingen muss. Trotzdem begreife ich nicht, welche "Ausführungsanweisungen" Gardiner nicht lesen konnte. Der klangliche Kontrast zwischen den Pizzicato-Akkorden in den Takten 1-3 und dem Arco-Akkord in Takt 4 ist für mich bei Gardiner ohne Probleme nachvollziehbar (mal abgesehen davon, dass dieser Kontrast keine "Ausführungsanweisung" ist).


      Viele Grüße

      Bernd
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    • Zwielicht schrieb:

      mal abgesehen davon, dass dieser Kontrast keine "Ausführungsanweisung" ist


      Da ging's um das sf resp. fp. Ihr habt alle nur den ersten Absatz gelesen, oder? ;+)

      Den Anfang der 1. muss ich aber wohl mal nachhören. Vielleicht kann ich das heute ja auch nicht mehr nachvollziehen.

      Adieu,
      Algabal
      Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.
    • Zwielicht schrieb:

      Das Pizzicato ist bei Gardiner deutlich als eigenständiger Klang hörbar


      Ich hab das jetzt mal bei youtube nachgehört. T1, Schlag 1 ist klar als percussives Pizzicato zu hören. Danach werden die Streicherschläge zunehmend eingeebnet, besonders frappant wirkt das für mich dann im crescendo in Takt 3, wo ich jedenfalls nichts Percussives mehr hören kann.

      Wie ich schon damals schrieb: Kann man sicherlich so machen. Ich find's ziemlich wenig gelungen ...

      Adieu,
      Algabal
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    • Also ich hör auch die crescendo notierten Pizzicato-Akkorde in Takt 3 bei Gardiner deutlich (ob sie betont "perkussiv" sind und sein sollen, ist noch mal eine andere Frage), deutlich als eigenständigen Klang, deutlich als Viertelnoten und deutlich als Akkorde - und damit als Notenwert und harmonisches Ereignis auch deutlich auf den Arco-Akkord zu Beginn von Takt 4 bezogen.


      Viele Grüße

      Bernd
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    • Zwielicht schrieb:

      Das Pizzicato ist bei Gardiner deutlich als eigenständiger Klang hörbar (wie im anderen Thread schon von putto bemerkt) und nicht in einen "flächigen Mischklang" eingebettet.

      Eigentlich gibt es ja in der Partitur auch keinen Hinweis darauf, dass Beethoven in den ersten drei Takten einen "flächigen Mischklang" unbedingt vermeiden wollte - oder irre ich mich da?

      Natürlich mischt sich ein pizzicato-Klang von Natur aus nur begrenzt mit einem ausgehaltenen Bläserakkord, schon klar - aber das bedarf keiner besonderen Hervorhebung des pizzicato.

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Symbol schrieb:

      Eigentlich gibt es ja in der Partitur auch keinen Hinweis darauf, dass Beethoven in den ersten drei Takten einen "flächigen Mischklang" unbedingt vermeiden wollte - oder irre ich mich da?


      Kommt auf die Definition an - wenn die Forte bezeichneten Pizzicati gegenüber den Fortepiano-Bläserakkorden nicht oder kaum als eigenständiger Klang hörbar wären, fände ich das schon problematisch.

      Hab mir jetzt auch Karajans Erste aus dem 60er-Jahre-Zyklus zu Gemüte geführt (bzw. nur die langsame Einleitung zum Kopfsatz): auch hier höre ich genügend klanglichen Kontrast zwischen Pizzicati und Bläsern in den ersten drei Takten, auch wenn der Klang zweifellos stärker "gemischt" ist. Hier stören mich eher die etwas flatternden Flöten bei den Bläserakkorden oder die legatissimo, ganz ebenmäßig, wie poliert gespielte Achtel-Phrase der Geigen in Takt 4 (ähnlich bei der Fortsetzung der melodischen Linie in den Folgetakten).


      Viele Grüße

      Bernd
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    • Zwielicht schrieb:

      Symbol schrieb:

      Eigentlich gibt es ja in der Partitur auch keinen Hinweis darauf, dass Beethoven in den ersten drei Takten einen "flächigen Mischklang" unbedingt vermeiden wollte - oder irre ich mich da?


      Kommt auf die Definition an - wenn die Forte bezeichneten Pizzicati gegenüber den Fortepiano-Bläserakkorden nicht oder kaum als eigenständiger Klang hörbar wären, fände ich das schon problematisch.


      Naja, aber der Witz des Beginns der Symphonie liegt ja nicht zuletzt darin begründet, dass den flächigen Bläsernakkorden die spitzen Akkordschläge im Streicherpizz. entgegengesetzt werden. Das ist ja auch so notiert in der Partitur: Legato in den Bläsern, durch Pausen gegeneinander abgesetzte Pizzikatoschläge in den Streichern. Das scheint mir jedenfalls nicht dafür zu sprechen, dass ein flächiges, homogenes Klangbild angestrebt wird.
      Bei Gardiner und stärker noch bei Karajan höre ich dann jedenfalls die Tendenz, diese zwei Klangformationen einzuebnen. Vielleicht höre ich das aber nur so krass, weil es eben Interpretationen wie die von Scherchen, Leibowitz oder Goodman gibt, in denen das sehr schön ausgespielt wird und das Ergebnis dann eben erheblich aufregender ist, als das lullige Klangeinerlei bei G und K. ;+)

      Adieu,
      Algabal
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    • Zwielicht schrieb:

      Symbol schrieb:

      Eigentlich gibt es ja in der Partitur auch keinen Hinweis darauf, dass Beethoven in den ersten drei Takten einen "flächigen Mischklang" unbedingt vermeiden wollte - oder irre ich mich da?


      Kommt auf die Definition an - wenn die Forte bezeichneten Pizzicati gegenüber den Fortepiano-Bläserakkorden nicht oder kaum als eigenständiger Klang hörbar wären, fände ich das schon problematisch.

      Die pizzicati sind forte und verklingen relativ schnell, weil es halt pizzicati sind. Die Bläser spielen fp, das heißt, dass auch sie nach stärkerem, akzentartigem Beginn den Klang direkt zurücknehmen müssen. Ich kann zumindest aus der Notation dieser Klänge nicht ableiten, dass Beethoven die pizzicati in irgendeiner Form massiv hervorgehoben haben wollte. Dass sie sich klanglich von den Bläsern absetzen, liegt wie gesagt in der Natur der Sache.

      Natürlich kann man perkussiv hervorgehobene pizzicati schöner finden und präferieren, allerdings ergibt sich m. E. aus der Partitur nicht, dass der gegenteilige Fall ein Verstoß gegen Beethovens Anweisungen wäre.

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler