Ravel: Der Boléro - ein musikalisches Meisterwerk ohne Musik?

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Dieser Eis-Bolero hat mich vor 30 Jahren schon sehr begeistert:

      "http://www.youtube.com/watch?v=p2Va8plI3Ro"

      Das ist auch die einzige Version, in der ich mir dieses Stück heute noch ab und zu mal anhöre :pfeif:
      Viele Grüße - Allegro

      "Musik ist ... ein Motor, Schönheit, Intensität, Liebe, Zauber, alles in allem: ein Elixir." Lajos Lencsés
    • Habs mir gerade angesehen, kann damit aber (wie generell mit Ballett) gar nichts anfangen, fand es in Teilen eher komisch. Ich mag da doch lieber eine Visualisierung ohne Menschen, eben mit Farben, Formen etc.


      Ah, den Ausschnitt kenne ich auch :)

      Ja, das gefällt mir schon deutlich besser, auf jeden Fall sieht das ganz schön kompliziert aus.
    • Ich hatte mir das Werk gerade angehört, da ich es schon lange nicht mehr gehört habe. Bei mir in Abbados Einspielung mit dem LSO aus den 80-er Jahren, die ich doch für gelungen halte, wenn ich das einfach mal so schreiben kann. Man hört wunderbar die Übergänge heraus.

      Für mich kommt das Werk fast schon "jazzig" rüber, ein Aspekt, der hier im Grunde nur am Rande erwähnt wurde. Fast so etwas wie ein "Klassik-Blues". Der Bolero-Rhythmus hat doch etwas Swingendes an sich, dazu die "Blue Notes" in den Soli der einzelnen Instrumente. Mich würde mal interessieren, wie Profi-Jazzer die Soli spielen würden. Gerade das Posaunen-Glissandro ist doch fast schon typisch dem Jazz, der um 1920 gespielt wurde, natürlich übertragen in die Welt der Klassischen Musik. Man weiß ja, dass Ravel mehrfach Duke Ellington im "Cotton Club" besucht hatte, weil er sich mit dessen Musik beschäftigt hatte.

      Weiter ist das Stück einzigartig gehalten in dieser Konzeption. Ein Werk, was ein disziplinarisches Paradestück für jedes Sinfonie-Orchester ist, wie z.B. die Stan Kenton-Stücke im Bigband-Jazz, etwa "Artistry in Ryhthm". Man mag mir diese Vergleiche verzeihen, aber es gibt von europäischen Komponisten der damaligen Zeit kaum Werke, die dem Jazz näher standen als der "Bolero". Ich weiß, da gibt es noch Darius Milhaud oder Nadja Bolanger, recht seltsam, dass es vor allem Franzosen waren, die hier erwähnt wurden von mir (ich weiß, Paris war schon früh ein Jazz-Mekka gewesen,logisch als Jazzer, sowas zu wissen).

      Übriges gibt es ein Stück aus der Unterhaltungsmusik (so bezeichne ich das jetzt mal einfach), was im Grunde auch auf den Bolero aufgebaut worden ist. Vielleicht seit ihr darauf noch nicht gekommen, doch "Little Drummer Boy", also ein Weihnachtslied, hat im Grunde auch diesen pausenlos durchgehenden Rhythmus, natürlich in weitaus einfacherer Form. Der Effekt ist aber verblüffend ähnlich.
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)
    • Maurice schrieb:

      Vielleicht seit ihr darauf noch nicht gekommen, doch "Little Drummer Boy", also ein Weihnachtslied, hat im Grunde auch diesen pausenlos durchgehenden Rhythmus, natürlich in weitaus einfacherer Form. Der Effekt ist aber verblüffend ähnlich.
      Ich finde den "Little Drummer Boy" super, allerdings ist meine Lieblingsversion die berühmte vom Harry Simeone Chorale aus den 50er Jahren, die ohne Schlagzeug auskommt.
    • Ich finde den Bolero ebenfalls durchaus genial. Die Repetition der beiden Themen, die subtil von immer reicher werdenden Klängen in der Begleitung untermalt sind, die Hinzufügung von Obertönen in den Themen haben einen hypnotisierenden Effekt. Den berühmten Wechsel nach E-Dur, auch wenn er so notiert ist, verstehe ich als Fes-Dur, eine übermässige Subdominante als Pseudokadenz. Das Tempo war in meinen Noten jedenfalls, wenn ich mich richtig entsinne, mit Viertel=76 angegeben. Ich habe den Bolero 3 mal gespielt, im ersten Fagott ein echter Nerventhriller, im 2. und Kontra kann man die Musik drumrum geniessen.

      Herzliche Grüsse,
      Holger
    • Der Eisbär schrieb:

      Den berühmten Wechsel nach E-Dur, auch wenn er so notiert ist, verstehe ich als Fes-Dur, eine übermässige Subdominante als Pseudokadenz.

      von C-Dur aus wäre das eine, nun ja, "verminderte Subdominante"...
      interessanter Gedanke.
      Nur - von den Hörgewohnheiten in der meisten tonalen Musik her würde ich diese Mediante eher dominantisch nennen assoziieren, kennt man sie doch als Dominante der Mollparallele..
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • Ich glaube, das E-Dur soll überhaupt nicht funktional verstanden werden.

      E-Dur ist an dieser Stelle einfach das "völlig andere", das "Verrückte", das "Ekstatische", das "Abhebende". Sonst nix.

      Gruß
      MB

      :wink:
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)
    • Mauerblümchen schrieb:

      E-Dur ist an dieser Stelle einfach das "völlig andere", das "Verrückte", das "Ekstatische", das "Abhebende". Sonst nix.

      So empfinde ich das auch.

      Allerdings würde ich, wenn man sich die Frage schon stellt, was ja hier geschehen ist, diese Art Spannungszunahme schon eher dominantisch nennen als subdominantisch...
      Ursprünglich ging es mir auch eher um das kleine Versehen mit "Fes-Dur" und "übermäßig". :D
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • Hier gibt es eine geniale (Kurz-)Fassung für 1 Cello mit 4 Musikern : :D

      "https://www.youtube.com/watch?v=aUeysGoPFTk"

      Einfach irre :verbeugung1: :verbeugung1: :verbeugung1:
      Viele Grüße - Allegro

      "Musik ist ... ein Motor, Schönheit, Intensität, Liebe, Zauber, alles in allem: ein Elixir." Lajos Lencsés
    • Der Eisbär schrieb:

      Den berühmten Wechsel nach E-Dur, auch wenn er so notiert ist, verstehe ich als Fes-Dur, eine übermässige Subdominante als Pseudokadenz

      philmus schrieb:

      von C-Dur aus wäre das eine, nun ja, "verminderte Subdominante"...
      interessanter Gedanke.
      war mir gar nicht klar, daß man beides sagen kann, je nachdem, ob man die Subdominante eine Quart höher oder eine Quint tiefer lokalisiert.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Der Gedanke ist interessant, ja.

      "Vermindert" und "Übermäßig" werden aber üblicherweise nur Intervallen zugeordnet - und Akkorden, die solche Intervalle charakteristisch enthalten.

      Auf die Idee, die Rückung C-Dur -> E-Dur als alterierte (?) Subdominante zu hören, wäre ich aber nie gekommen. Gefühlt: Das ist klar mediantisch und nicht subdominantisch. Das einzige, was mMn an subdominantische Erlebnisse anknüpft, ist die schiere Klanglichkeit. (Vgl. die Subdominante in der ersten Zeile von "Dir, dir, Jehova will ich singen" aus dem Schemelli-Gesangbuch - Klang pur.)

      Gruß
      MB

      :wink:
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)
    • Khampan schrieb:

      Youtube sei dank: Das London Symphony Orchestra unter Valery Gergiev spielt mit antiphonischen Violinen.
      Mein Notenbeispiel kann man ab 11:11 verfolgen. Anders als im Konzert hört man die Violinen eher punktuell über die Stützmikrofone links und rechts, aber für eine Ahnung, was Ravel hier gewollt hat, sollte es ausreichten. Die Kameraführung erlaubt es übrigens nicht herauszufinden, wo die 2. Violinen sitzen.
      Weitere Beispiele würde ich bitten im Bolero-Thread anzuführen.
      Das wäre also diese:



      Schön, die habe ich zu Hause.

      Da die Dresdner Staatskapelle meines Wissens traditionell in deutscher Sitzordnung spielt, könnte auch die Marriner-Aufnahme (ASIN z. B. auch B00000E2M0, B01G46YHHK) passen?

    • Aufnahmen mit antiphonischen Violinen gesucht

      Das vorangehende Posting von Braccio bezieht sich auf eine Diskussion über die antiphonische Aufstellung der Violinen (deutsche Sitzordnung). Hier aus dem Thread "Deutsche" oder "amerikanische" Orchesteraufstellung?

      Khampan schrieb:

      Was hat Beethovens 7. Sinfonie mit dem Bolero von Ravel gemeinsam?
      [Beides naklar geniale Stücke und] sie enthalten die schönsten Beispiele für die Vorteile der antiphonischen Aufstellung der Violinen.

      Im Thread zur Siebten von Beethoven entspann sich eine Diskussion über antiphonische Violinen. Für Interessenten ab hier nachzulesen.
      Hier nochmal der Link zum Notenbeispiel für die Stelle, um die es exemplarisch geht: Finale Violinen ab Takt 388

      Das darin angekündigte Beispiel aus dem Bolero ist hier einzusehen: Bolero, 4fach geteilte Violinen I+IIMan erkennt sehr anschaulich, dass Ravel die flächige Akkordisierung des Themas über die ganze Bühnenbreite verteilt haben wollte, sonst hätte er die vierfache Teilung der 1. und 2. Violinen sparen können und stattdessen 1. und 2. Violinen je zweifach geteilt.
      Im weiteren Verlauf kommt das Thema unisono in den 1. und 2. Violinen, wobei beide in Oktaven spielen (wieder je zweifach geteilt).
      Auch hier ist es wichtig, das Thema über die ganze Bühnenbreite zu hören, sonst wirkt dieser Abschnitt im Vergleich zum vorhergehenden Orchester-Tutti wie eine Reduzierung (obwohl eine Steigerung intendiert ist) dadurch dass das Thema auf die linke Bühnenseite beschränkt bleibt. Für mich jedesmal ein Schock im Konzert.

      Ziemlich am Anfang dieses (Bolero-)Threads hat Teleton schon auf diese Stelle hingewiesen.

      Zu der Aufnahme mit Marriner kann ich nichts sagen.
      Die Gergiev-Aufnahme hat mir beim oberflächlichen Durchsteppen nicht so sehr zugesagt, dass ich sie mir kaufen wollte. Was nicht am Tempo liegt, das finde ich gut.
    • Khampan schrieb:

      Ziemlich am Anfang dieses (Bolero-)Threads hat Teleton schon auf diese Stelle hingewiesen.
      Wobei seine Favoriten wohl eher in amerikanischer Aufstellung spielen, Solti und Dutoit in jedem Fall.

      Ein heißer Kandidat für eine deutsche Aufstellung ist noch diese:



      Auf Fotos der Luxemburger ist die Aufstellung jedenfalls deutsch, Krivine ist auch im H. I. P.- Bereich unterwegs. Werde demnächst mal hineinhören und berichten. Dauer des Bolero hier übrigens unter 14 Minuten. Recht schnell.
    • noch ein Youtube-Beispiel, in dem die breit aufgestellten Violinen I+II deutlicher zu hören sind als bei der Gergiev-Aufnahme. Das Spiel scheint mir mehr engagiert statt nur professionalisiert, zudem ist die Kameraführung besser:
      West–Eastern Divan Orchestra, Ltg. Daniel Barenboim live bei den BBC Proms 2014
      Die vierfach geteilten Violinen beginnen bei 9:45
      Klasse, dass sich Barenboim oft einfach nur hinstellt und abwartet, bis wieder etwas für ihn zu tun ist. Als wollte er Ravels Ausspruch "enthält keine Musik" ironisch körperlich darstellen.
      Trotz des eigentlich zu schnellen Tempos gefällt mir das.
    • Braccio schrieb:



      Ein heißer Kandidat für eine deutsche Aufstellung ist noch diese:



      Auf Fotos der Luxemburger ist die Aufstellung jedenfalls deutsch, Krivine ist auch im H. I. P.- Bereich unterwegs. Werde demnächst mal hineinhören und berichten. Dauer des Bolero hier übrigens unter 14 Minuten. Recht schnell.
      Violinen antiphonisch. Finde die Aufnahme sehr ansprechend. Mir sagt auch das Tempo zu.
    • Krivine beginnt deutlich schneller als Barenboim, bleibt aber in der Gesamtspielzeit nur knapp unterhalb der von Barenboim, d.h. irgendwo wird er im weiteren Verlauf noch abbremsen. Macht ja nichts, aber entspricht nicht meinem Ideal.
      Trotzdem freue ich mich natürlich über die antiphonischen Violinen, umso mehr als - Jahrzehnte ist es her - vermutlich ich der erste war, der Herrn Krivine den Floh ins Ohr gesetzt hat.
      Geht doch :saint: