Das Capriccio-Operntelegramm für die Saison 2010/2011

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    • Verdi: Falstaff - Staatsoper Hannover, 26.3.2011

      Dann will ich mich auch einmal an einer kurzen Rezension versuchen. Über die szenische Umsetzung hat brunello etwas weiter oben ja schon geschrieben, daher möchte ich mich auf die sängerische Komponente beschränken. Die Besetzung war allerdings eine andere als im Januar.

      Kiril Manolov gefiel mir als Falstaff sowohl stimmlich als auch darstellerisch ausgesprochen gut, auch er meisterte die Partie absolut rollengerecht und nur an einigen Fortestellen hatte ich ein wenig den Eindruck, dass er etwas forciert hat - das ist aber Meckern auf hohem Niveau. Auch Brian Davis als Ford und Seung-Keun Park als Fenton waren gut, letzterer insbesondere im Zusammenspiel mit Hinako Yoshikawa, die eine fantastische Nanetta gab. Edgar Schäfer, Frank Schneiders und Jörn Eichler spielten Bardolfo, Pistola und Dr. Cajus sehr gut, legten stimmlich aber den Schwerpunkt eher auf den Ausdruck als auf Schöngesang. Was ich bei diesen Rollen sehr gut akzeptieren kann, allein Jörn Eichlers Dr. Cajus gefiel mir gar nicht, hier hatte ich sehr stark den Eindruck, dass der Sänger ordentlich forcieren musste, um übers Orchester zu kommen, die Stimme klang weite Strecken gepresst und eng.

      Arantxa Armentia war entweder indisponiert oder die Stimme für einen Verdi-Sopran (auch wenn die Alice Ford sicher keine dramatische Stimme braucht) schlicht zu klein, sie hatte arge Schwierigkeiten, in den mittleren und tieferen Lagen übers Orchester zu kommen (wir saßen im Dritten Rang Mitte), davon abgesehen aber war sie gesanglich gut und hat fantastisch gespielt. Gut auch die Meg Page von Mareike Morr. Elzbieta Ardam gefiel mir als Mrs. Quickly eigentlich ganz gut, sie schien ein nur wenig das Problem vieler größerer und/oder tieferer Stimmen zu haben, dass die Stimme in den unteren Lagen zu schwermassig genommen wird und somit der Stimmklang nicht genug gebündelt wird, was die Stimme etwas dumpf klingen lässt - das sind aber lediglich Vermutungen.

      Die Nanetta von Hinako Yoshikawa habe ich ja oben schon kurz angesprochen, sie war für mich gesanglich der absolute Höhepunkt des Abends -ein schöner und in allen Lagen sicherer leichter lyrischer Sopran, der sich mühelos über die Klänge des Orchesters erheben konnte.

      Alles in allem hat uns der Abend wie anscheinend auch dem restlichen Hannoveraner Publikum sehr gut gefallen (süß auch die beiden distinguiert aussehenden älteren Damen neben uns, die sich bei jedem Gag und mochte er noch so plakativ sein, geradezu vor Lachen kringelten).

      Vitellia
      "Die Verpflegungslage ist für den Kulturmenschen eigentlich das Wichtigste" (T. Fontane)



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    • Der "48 Stunden - Ring" 2007

      Als ich gerade die alten Beiträge durchstöberte, fand ich hier zu meiner Freude einen Bericht vom Kölner Ring. Auch für mich war dieser Ring von Robert Carsen ein wahres Highlight, als ich ihn 2007 an einem Wochenende anschaute. Damals war ich so ergriffen, dass ich meine Eindrücke festhalten musste. Gerade auch, weil der Ring wie ich hier laß 2015 wohl wieder nach Köln zurückkommt, möchte ich diesem Bericht mal hier hinter hersetzen, um vielleicht noch den ein oder anderen neugierig darauf zu machen:

      Weißt du, wie das wird?“ – Diese Frage der Nornen, entnommen aus Wagners „Götterdämmerung“, ist wohl einer der meist zitierten Sätze in Kritiken über das große Epos. Aber die darin mitschwingende Besorgnis ist oft berechtigt. Jeder einzelne Teil ist abendfüllend für sich und stellt enorme Ansprüche an alle Beteiligten. Wie groß die Herausforderung wird, wenn das gesamte Werk an einem Wochenende zur Aufführung kommt, das hat am 10. und 11. März das Opernhaus in Köln eindrucksvoll gezeigt. Schon 2006 war mit Erfolg der „48 Stunden Ring“ über die Bühne gegangen und auch 2007 war die Nachfrage groß. Die frei gebliebenen Plätze ließen sich an zwei Händen abzählen. Schließlich gemahnte es doch ein wenig an Bayreuth, als am Samstagabend vor der „Walküre“ ein paar leer ausgegangene Wagnerianer den Eingang zum Opernhaus mit dem berühmten Schild „Karte gesucht“ hüteten, so wie Alberich den Drachen Fafner in seiner Neidhöhle belauert.

      Ohne Zweifel: Die Nachfrage war groß und daher hatte die Oper Köln schon fast ein Jahr im Voraus den Kartenverkauf freigegeben – mit Frühbucherrabatt versteht sich. Denn einige reisten wie in den Urlaub aus fernen Landen in die Domstadt an, um dieses Projekt mitzuerleben. Dass dem „Ring“ damit der Rang eines Events verliehen wurde, war für das Haus wichtig, das Werk dadurch wurde nicht geschmälert oder in den Hintergrund gedrängt. Dafür ist die Geschichte um Liebe, Macht, Tod und Erlösung zu zentral, zu aktuell und gleichzeitig zeitlos. Bereits mit der ersten Szene aus dem „Rheingold“ befand sich der Zuschauer mittendrin im Geschehen.
      Gerade hatte man sich noch mit dem netten Sitznachbarn aus Rotterdam angefreundet, der ebenfalls alleine angereist war, da begann auch schon das mystische Vorspiel aus dem Orchestergraben heraufzudämmern. Der Grund des Rheines war mit Müll überhäuft, an dem wie auf einer Uferpromenade achtlos die Leute vorbei liefen und alles dafür taten, dass sich dieser Zustand nicht änderte. Der kanadische Regisseur Robert Carsen und sein Ausstatter Patrick Kinmonth setzten genau da an, wo auch Wagner mit seinem Libretto beginnt: Die Industrialisierung im 19. Jahrhundert, der beginnende Raubbau an der Natur ist im „Rheingold“ wie im „Siegfried“ ein Oberthema, das Folgen für den weiteren Verlauf des Dramas hat. Ansonsten bot das „Rheingold“ wenige Überraschungen, dafür aber eine schlüssige Szenerie ohne Leerlauf und immer wieder markante Bilder. Das Personal war, wie inzwischen üblich, der Moderne entnommen, wie beispielsweise der General Wotan. Ein langgedienter Krieger ohne irgendeine auffällige Augenklappe, der längst keinen Speer mehr trägt sondern nur noch einen Gehstock. Der war so glatt lackiert, dass da kaum Platz vorhanden war für irgendwelche eingeschnitzten Verträge geschweige denn Runen. Leider konnte Phillip Joll der Figur weder stimmlich noch darstellerisch großes Profil geben. Umso stärker traten dafür der zynische Butler Loge, den Arnold Bezuyen einmal mehr mustergültig gestaltete, sowie Wotans dämonischer Gegenspieler Alberich (Oskar Hillebrandt) hervor. Wenn am Ende des Vorabends die Götter mitsamt der Dienerschaft und Einrichtung ihres Nobel-Schlosses in der Dunkelheit hinter dem Schneetreiben verschwanden, dann wusste der Zuschauer, dass er von da an ein Teil dieses Weltendramas war und dass auch seine Erlösung erst am Sonntagabend kommen wird.

      Minutiös waren die vier Opern über die zwei Tage organisiert, so dass jeder genau planen konnte, wie er die Pausen zwischen den Opern füllen konnte. Bot sich der Samstagnachmittag zwischen „Rheingold“ und „Walküre“ zu einer kleinen Einkaufstour durch Köln an, so flüchtete man doch lieber nach 15 Minuten aus der bedrückenden Masse zurück in die ruhige Atmosphäre des Theaters. Dort boten sich neben dem obligatorischen Treppenlaufen noch eine professionelle Rücken- und Nackenmassage sowie Lockerungsübungen als weitere Abwechslung für den Körper an. Bei diesen Gelegenheiten erfuhr man auch aus zweiter oder dritter Hand viel über die übrigen Besucher des Zyklus. Zum Beispiel über die nette Dame aus San Francisco, die mit 90 Jahren zu ihrer 95. Ring-Inszenierung angereist war.

      Zu Beginn der „Walküre“ knüpften Carsen und Kinmonth meteorologisch, aber auch narrativ direkt an den Vorabend an. Im Schneetreiben flüchtete sich Wotans Sohn Siegmund, der scheinbar freie Held, in das Lager Hundings. Kein stolzer Saal, sondern ein militantes Versorgungsdepot, das neben Waffenkisten auch einen auf der Palette gelagerten Baumstumpf samt des kostbaren Schwertes Nothung beherbergte. Dass Sieglinde in diesem martialischen Umfeld selbst burschikose Züge entwickelt hatte, wirkte absolut glaubhaft. Ebenso wie die Entdeckung ihrer weiblichen Züge in der Beziehung zu ihrem Bruder Siegmund, den sie selbst noch unter den Toten auf dem Walkürenfels suchte, bis hin zu der Enthüllung, dass sie Mutter wird. Der jubelnde Schrei „Oh hehrstes Wunder!“, mit dem höchsten Ton in der Partie, geriet bei der sehr gut disponierten Ricarda Merbeth zu absoluter Danksagung einer vom Schicksal geschlagenen Frau. Im ersten Akt hatte sie noch mit dem zu flachen Brustregister zu kämpfen, ein Problem über das der Siegmund von Thomas Mohr nur lächeln konnte. Der ehemalige Bariton, der seine Stimme bis in die heldischen Höhen ausgeweitet hat, sollte langsam in der Bayreuther Sängerriege auftauchen, nachdem dort Endrik Wottrich letzten Sommer enttäuscht hatte. Auch dieses Jahr ist Ralf Lukas als Donner auf dem Grünen Hügel zu Gast, in Köln war er für Jan-Hendrik Rootering als Wotan eingesprungen. In den großen Ausbrüchen fehlte es ihm noch an Kraft, um sich dem Orchester gegenüber durchzusetzen. Umso ergreifender war sein wirklich flüsternd gesungener (!) Monolog, der seine lyrischen Fähigkeiten und die ihm offenstehenden Möglichkeiten unterstrich. In der Regie wurde ihm schon in der Walküre jede Macht genommen: Loge erschien nicht, um das Feuer um die mitten in Leichen gebettete Brünnhilde zu entzünden, sondern Wotan musste selbst mit einem Feuerzeug dafür sorgen, ehe er in der Dunkelheit verschwand.

      Der grandios musizierte Feuerzauber konnte als Musterbeispiel für die hochkarätige Arbeit gelten, die GMD Markus Stenz und das Gürzenich-Orchester Köln an diesem Wochenende leisteten. Voller Konzentration führte der Dirigent Sänger und Musiker durch die Partitur, nahm jede kleinste Unstimmigkeit war und reagierte umgehend auf sie. Jede einzelne Szene bekam ihren Klang, ihr Tempo, ihre Aussage. In diesem Ring hörte man kleinste Details: Wie bei Rossini oder Verdi flackerten die Piccoloflöten (wie eben im Feuerzauber). Gleichzeitig brauchte man auf die Kraft der großen Tableaus nicht zu verzichten. Voller dramatischer Wucht war der niederschmetternde Trauermarsch in der „Götterdämmerung“. Die Vor- und Zwischenspiele wurden dank eines intelligenten Aufbaus zu kleinen Höhepunkten, die bildhaft die Verwandlungen vor dem geschlossenen Vorhang ersetzten. Trotz mancher kleinerer Patzer darf die Leistung nicht vergessen werden, die von den Musikern im Orchestergraben – mit nie vollständigen Auswechslungen – über das Wochenende erbracht wurde. Dementsprechend laut wurden die Ovationen, als nach der Götterdämmerung das Orchester auf der Bühne auftauchte.

      Bis dahin aber lag noch eine ganze Oper vor den Zuschauern, die mit jedem Teil die Künstler mehr bejubelten, ohne dabei auf Differenzierungen zu verzichten. Ihren vorläufigen Höhepunkt erreichten die Ovationen nach dem ersten Akt des „Siegfried“, wo sich gleich zwei Tenöre in Bestform präsentierten. Johannes Preißinger legte seinen Mime im Sinne der Regie endlich einmal nicht winselnd oder bettelnd an. Wütend zischend machte er seinem Unmut über diese Zweckvaterschaft Luft, die er so schnell wie möglich zu beenden gedachte. Sein Trankgemisch war wohl das übelste, was jemals auf einer Opernbühne zusammengebraut wurde. Der Siegfried Stefan Vinke hat freilich keine laute Stimme, dafür aber jugendliche Frische trotz mehrerer Wagner-Stationen (zuletzt Lohengrin in Leipzig) bewahrt. Ihm liegen sowohl das Parlando, das Rezitativische dieser Partie, aber auch die heldischen Momente wie in den Schmiedeliedern. Witzigerweise wurde nicht der Amboss das erste Opfer seines Schwertes Nothung, sondern die Frontseite von Mimes Wohnwagen. Die hatte es auch verdient, nachdem zuvor die Tür dem Wanderer und dem ins Inneren geflüchteten Mime einen bösen Streich gespielt hatte: Sie ließ sich nicht mehr öffnen, so dass Mime kurzerhand aus dem Fenster auf die Bühne zurückkehren musste.

      Die gebeutelte Natur war im zweiten Akt präsenter als je zuvor. Fast hätte man die kronenlosen, abgebrochenen Baumstämme für das Werk des Orkan Kyrills halten können, aber die Schuld lag wohl eher bei dem riesigen Baggerschaufel-Drachenmaul von Fafner, das sich aus der Bühnendecke herabsenkte. Wie ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten fand Siegfried auf dem Boden ein totes, oder zumindest flugunfähiges Waldvögelchen, dessen Stimme schlecht positioniert und wie üblich unverständlich aus dem Off daher kam. Die ersten Akte dieser Siegfried-Inszenierung waren mit ihrem unterschwelligen Sarkasmus wahres Musiktheater, das selbst in dieser so geschlossenen Produktion herausragte.
      Für den dritten Akt verließ sich Robert Carsen mit wenigen, aber wirkungsvollen Mitteln auf die musikalische Dramatik dieser Szene. Zumindest in der Auseinandersetzung zwischen Wotan und Erda ging diese aber verloren, was eindeutig zu Lasten der Sänger ging. Phillip Jolls unstete, kräftige Stimme passte zwar besser zum Wanderer als zum Rheingold-Wotan, aber auch hier fehlte es an Textverständlichkeit wie an Persönlichkeit und Präsenz. Spätestens aber in der Erweckung von Brünnhilde war der musikalische Genuss wieder hergestellt. Stefan Vinke hatte noch genug Substanz und Kraft, um mit der fabelhaften Barbara Schneider-Hofstetter mitzuhalten. Selten konnte man eine derart belcanto-singende Brünnhilde auf der Bühne erleben, die mit großen Bögen und klarer Diktion wahrlich singend die Emotionen der Wotanstochter auslebte.

      Nach diesem furiosen Finale hieß es nun Warten auf die „Götterdämmerung“, die Carsen nicht als Höhepunkt sondern als Ergebnis der vorangehenden Teile entwickelte. Die Nornen webten ihr Seil um das wie einen Scheiterhaufen aufgebaute Mobiliar dieser Ring-Produktion. Die Gibichungen waren in den unbenutzten Wallhall-Saal aus der „Walküre“ eingezogen und die Militärstruktur von Wotan hatte ihre Fortsetzung gefunden, was in der Ähnlichkeit zu nationalsozialistischen Fahnen und Ritualen kulminierte. Das war natürlich keine neue Idee, aber in ihrer Umsetzung sehr überzeugend.
      Gesanglich wie auch regiebedingt war Samuel Youn als Gunther der Anführer, während Hagen wie ein aalglatter Politiker auf seine Chance zur Machtergreifung lauerte. Der Bass von James Moellenhoff verfügte für diese Rolle über die richtige Schwärze, aber bei weitem nicht über die nötige Bassgewalt, so dass viele Facetten dieser Intrige verloren gingen.
      Am Ufer des Rheins konnte man wieder den Müll, darunter auch Inventar aus den vergangenen Teilen, das Symbol für die Versündigung an der Natur durch den Gott Wotan, entdecken. Zwischen all dem Müll lag später Siegfried, der freie Held und Opfer eines Machtspiels, erschlagen. Albert Bonnema ist erfahrener als sein Kollege vom Vormittag, Stefan Vinke, was man besonders im emotionalen Spiel merkte. Seine Stimme kontrollierte er dagegen nicht so diszipliniert, so dass man einige Intonationstrübungen in Kauf nehmen musste.
      Zum Finale gab es keine Apokalypse: In einem absolut intimen Augenblick bestritt die fantastische Irene Theorin vor dem eisernen Vorhang ihren großen Monolog. In der Gestaltung mit einem Schubert-Lied vergleichbar, wurde ihr Entschluss auf Selbstverzicht mehr als deutlich. Als sich der Vorhang wieder öffnete, fiel der Blick auf den in Flammen stehenden Müll, darunter auch Wotans Sessel oder Siegfrieds Badewanne . Mit dem Ablegen des Ringes setzte auch die eigentliche Erlösung ein: Es begann zu Regnen! Schmutz und Flammen, vorherrschende Chiffren aus der Vergangenheit, fielen dem Regen zum Opfer, während die gesamte Spielfläche ins Dunkel des Bühnenhintergrundes gezogen wurde. Die Bühne lag wieder frei vor dem Zuschauer.

      Es war am Sonntag, kurz vor Mitternacht, als ein gigantischer über 20 Minuten dauernder Applaus mit Standing Ovations sein Ende gefunden hatte. Die Künstler verabschiedeten sich mit Winken von dem sichtlich bewegten Publikum. Nicht nur ein Kraftakt war bestanden worden. Hier war ein „Ring“ geschmiedet worden, der seinen Bezug zur Aktualität nicht um jeden Preis erkauft hatte, der aber in seiner Konsequenz und trotz seiner kleiner Fehler und Schwächen wirklich rund geworden war. Unten im Foyer verabschiedeten sich die Gäste von ihren neuen Bekanntschaften, Fotos vor der Büste Wagners als Erinnerung geschossen. Die Erlösung, die man gerade miterlebt hatte, hallte noch nach, als man in die sternenklare Nacht heraustrat und seine Heimreise antrat.
      http://wotans-opernwelt.blogspot.com/
    • Poulenc: Dialogues des Carmélites - Staatsoper Stuttgart, 10.04.2011 (Premiere)

      Poulencs Oper wollte ich schon lange mal auf der Bühne erleben; gestern war es soweit.

      Musikalisch, vor allem sängerisch war das beeindruckend, während die Regie mich etwas ratlos zurückließ: Thomas Bischoff inszenierte das Stück betont unnaturalistisch, stilisierend, ließ die Akteure langsam, gleichsam fließend sich bewegen; das wirkte durchaus organisch, durchdacht. Haupteinfall war die Erfindung einer neuen Figur, die in jakobinischer Verkleidung so etwas wie einen weiblichen Narren darstellte, mit einer Sense, der dann auch pantomimisch die an der Rampe stehenden Nonnen am Ende zum Opfer fielen. Diese Figur ("La Facheuse", Catherine Janke) sprach zu Beginn und nach der Pause als Prolog Worte von Heiner Müller ("Der Auftrag") wie: "Die Revolution ist die Maske des Todes, der Tod ist die Maske der Revolution." Damit sollten offensichtlich mehrere Realitätsebenen überlagert werden, wie ich auf der Heimfahrt dem gut gestalteten Programmheft entnahm.

      Auf einer sparsam ausgestatteten Bühne gab es optisch ansprechende Elemente (Bühnenbild: Michele Canzoneri, Kostüme: Rossella Leone).

      Bei den Sängern würde ich herausheben Sunhae Im (Sœur Constance), die die Naivität der Figur schön gestaltete, Jutta Böhnert (Blanche de la Force) und auch Andrea Meláth (Mère Marie), die fast zu schön sang und nicht so hartherzig wirkte, wie es wohl vom Komponisten intendiert war. Eindrucksvoll auch Rosalind Plowright (Madame de Croissy), durchaus überzeugend Michaela Schneider (Madame Lidoine) und souverän Wolfgang Schöne (Le Marquis de la Force) wie Roman Shulackoff (Le Chevalier de la Force).

      Im Orchester (Dirigent: Manfred Honeck) hätte ich mir an manchen Stellen ein klein wenig mehr Markanz und Klarheit gewünscht, aber insgesamt war das warm, einfühlsam, lebendig und packend musiziert.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • R. Wagner: Parsifal (Premiere, konzertante Aufführung) - Philharmonie Köln, 17.4.2011

      Amfortas - Franz Grundheber
      Titurel - Franz Mazura
      Gurnemanz - Robert Holl
      Parsifal - Marco Jentzsch
      Klingsor - Samuel Youn
      Kundry - Evely Herlitzius

      Da mein Mann in dieser Produktion einen der (Chor-) Ritter singt, konnte ich es mir natürlich nicht nehmen lassen, gestern der Premiere beizuwohnen. Und auch wenn Parsifal - trotz der beeindruckenden Musik und den wunderbaren Chorstellen - wohl nicht zu meiner Lieblingsoper werden wird, muss ich sagen, es hat sich auf jeden Fall gelohnt.
      Zur Inszenierung kann ich bei einer konzertanten Aufführung naturgemäß nicht viel sagen, sehr gut haben mir allerdings die wohl dosierten Beleuchtungeseffekte gefallen. Die Höhenchöre wurden auch tatsächlich aus verschiedenen Höhen eingesetzt, was zu einem faszinierenden Klangerlebnis führte. Auch das von Marcus Stenz geleitete Orchester brachte - soweit ich das beurteilen kann - gestern eine außerordentlich gute Leistung dar.
      Die Sänger waren durchweg gut bis sehr gut. Marco Jentzsch ist sicher ein sehr lyrischer Parsifal, bewältigte die Partie aber souverän und vor allem klangschön. Hervorheben möchte ich noch Franz Mazura, der mit seinen 87 (!) Jahren einen veritablen Titurel sang, sowie Evelyn Herlitzius, deren Kundry mich nachhaltig beeindruckt hat. Eine strahlende, kraftvolle Höhe, die nie "geschrien" klang, eine gute Mittellage und eine profunde Tiefe - die Sängerin begeisterte mit ihrer Leistung das Kölner Publikum mE völlig zu Recht.

      Vitellia
      "Die Verpflegungslage ist für den Kulturmenschen eigentlich das Wichtigste" (T. Fontane)



      But that's the beauty of grand opera. You can do anything as long as you sing it (Anna Russell)
    • Wagner: Parsifal, Bayerische Staatsoper 24.4.2011

      Einen fabelfalten Parsifal gab es am Sonntag in der Bayerischen Staatsoper. Es war für mich das dritte Mal, dass ich den österlichen Parsifal in München besucht habe (nach 2009 und 2008 - 2010 gab es zu Ostern statt Parsifal Pfitzners Palestrina), und es war sicher die beste der drei Vorstellungen.

      Die düster-pessimistiche Inszenierung von Peter Konwitschny beeindruckt nach wie vor. Der Gral wird durch Kundry verkörpert und stellt das weibliche Prinzip dar. Am Ende stirbt sie, es bleiben die Gralsritter als amorphe Masse zurück, in der auch Parsifal aufgegangen ist. Die Menschheit hat einen Teil ihrer Identität verloren und blickt einer katastrophalen Zukunft entgegen, das "Erlösung dem Erlöser" wirkt hier wie ein verzweifelter Hilferuf.

      Kent Nagano und das Bayerische Staatsorchester zaubern im Graben. So nuanciert in Klangfarben, Dynamik und Tempogestaltung ist Parsifal selten zu hören. Nagano vermeidet die vordergründige große Geste, so wie man es von ihm kennt, lässt das Orchester aber auch aufspielen, wo es passt. Geradezu beängstigend zum Beispiel die Spannung und Agression in der zweiten Gralsszene im 3. Akt. Insgesamt nimmt er die Oper eher langsam, beschleunigt im dritten Akt dann aber stark. Es ist immer wieder wunderbar zu hören, wie ihm das Orchester mittlerweile folgt, einen unerhörten Farbenreichtum produzierend, eine Klangsinnlichkeit, die den Parsifal stellenweise ganz nahe an Debussy rückt. Gerade Naganos Affinität zur französischen Musik macht ihn zum guten Parsifal-Dirigenten.

      Bei den Sängern blieben kaum Wünsche offen. Einzig der nur solide Klingsor John Wegners erreicht nicht ganz das Niveau der anderen. Kwangchul Youn ist ein machtvoller Gurnemanz, klug die Rolle gestaltend, übrigens mit vorbildlicher Wortverständlichkeit. Nicolai Schukoff hat mit der Partie etwas mehr Probleme als bei früheren Vorstellungen, stellenweise wirkt er etwas rauher und dunkler, was aber den Gesamteindruck nur wenig trübt. Michael Volle als Amfortas - was soll hier noch groß sagen? Außer, dass er immer noch besser wird. Sein Auftritt in der Gralsszene im ersten Akt ist nervenzerfetzend, die "Erbarmen"-Schreie gehen durch Mark und Bein. Ein Sängerdarsteller allererster Güte, der in dieser Rolle vermutlich halbwegs konkurrenzlos sein dürfte. Eine der bleibenden Erinnerungen aus dieser Saison. Und dann Kundry: Angela Denoke gehört ohnehin zu meinen Lieblingssängerinnen, und auch in dieser Rolle bestätigt sie ihre Ausnahmestellung. Eine warme, sinnliche Kundry, mit wunderbarem, etwas dunklem Timbre, und endlich mal eine Kundry, der man auch den gesamt 2. Akt hindruch gerne zuhört. Ingesamt also eine großartige Besetzung, und wenn ich das mit meinen Bayreuther Erinnerungen von 2010 vergleiche, dann kommen die Wagnerfestspiele nicht besonders gut weg.

      Jubelnder Applaus für alle Beteiligten, besonders (mal wieder und zu Recht) für Nagano. Und eine Aufführung, an die ich noch lange zurück denken werde.


      Michel
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • RE: Wagner: Parsifal, Bayerische Staatsoper 24.4.2011

      Le Merle Bleu schrieb:


      Kent Nagano und das Bayerische Staatsorchester zaubern im Graben. So nuanciert in Klangfarben, Dynamik und Tempogestaltung ist Parsifal selten zu hören. Nagano vermeidet die vordergründige große Geste, so wie man es von ihm kennt, lässt das Orchester aber auch aufspielen, wo es passt. Geradezu beängstigend zum Beispiel die Spannung und Agression in der zweiten Gralsszene im 3. Akt. Insgesamt nimmt er die Oper eher langsam, beschleunigt im dritten Akt dann aber stark. Es ist immer wieder wunderbar zu hören, wie ihm das Orchester mittlerweile folgt, einen unerhörten Farbenreichtum produzierend, eine Klangsinnlichkeit, die den Parsifal stellenweise ganz nahe an Debussy rückt. Gerade Naganos Affinität zur französischen Musik macht ihn zum guten Parsifal-Dirigenten.


      Nagano mit Parsifal habe ich in Baden-Baden mit Lehnhoff's Inszenierung und Thomas Hampson als Amfortas, und Waltraud Meier als Kundry gehört. Das gibt's auch auf DVD.

      Hat mir damals musikalisch schon sehr gut gefallen!

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • Händel - Rinaldo. Oper Köln, Premiere am 30.04.2011

      Einen zwiespältigen Eindruck hinterließ die musikalische Seite dieser Händel-Aufführung. Höchst erfreulich natürlich, daß in Köln öfters alte Oper gespielt wird, erfreulich auch, daß sich das Gürzenich-Orchester selbst in diese Aufgabe stürzt. Uneinheitlich jedoch die Realisation unter Alessandro de Marchi: viele Nummern prägnant, exakt und mit Verve, anderes wirkte dann wieder zerfahren und vor allem rhythmisch ungenau. Immer aber eine große Spielfreude im hochgefahrenen Graben; das Orchester hinterließ insgesamt einen postiven Eindruck.

      Uneinheitlich auch die Sängerleistungen. Patricia Bardon in der Titelrolle gefiel mir noch am besten; es gab immer wieder vereinzelte rhythmische Ungenauigkeiten in den schnellen Läufen (können auch Probleme des Dirigats oder der Abstimmung gewesen sein), hie und da auch Intonationsprobleme. Wunderbar gelungen die großen Bögen in der langsamen Arie Cor ingrato, ti rammembri. Schön auch alles in allem Hagen Matzeit als Goffredo mit dem gelegentlichen, für männliche (Mezzo-) Soprane typischen Problem beim Lagenwechsel nach unten. Dafür aber eine raumfüllende und niemals dünn klingende hohe Männerstimme. Steve Wächter als Eustazio hatte da schon eher Probleme in dieser Richtung. Keinen guten Eindruck hinterließ Krenare Gashi als Almirena, die sich eine der schönsten Händel-Arien überhaupt (Lascia ch'io pianga) regelrecht durch die Lappen gehen ließ! Für ein ausgefeiltes Rollenportrait war die Darstellerin der Armida zu sehr damit beschäftigt, Simone Kermes zu spielen. Die schnellen Läufe kommen präzise, aber das kennt man besser von ihr; für die lamentoso-Arien nimmt sie sich zu wenig Ruhe. Die eingeschobenen Piano-Töne in altissimo sind bewundernswerte vokale stunts, aber kaum dem Rollenportrait dienlich. Trotzdem einige überwältigende Momente, vor allem im Duett (Al trionfo del nostro furore) mit dem auch heute wieder überzeugenden Wolf-Matthias Friedrich als Argante, der es allerdings stellenweise mit den piano-forte-Effekten etwas übertrieb.

      Mit dem Aktionismus der überwiegend auf Klamauk und Effekt ausgerichteten Inszenierung von Sabine Hartmannshenn (Bühne: Dieter Richter, Kostüme: Susana Mendoza) kann ich nichts anfangen.
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Stein, Harnick, Bock: Anatevka (Fiddler on the roof) - Staatstheater Darmstadt, 30. April 2011 (Premiere: 12. Juni 2010) - Dew

      Gestern war ich in der urspünglich letzten Aufführung von Anatevka (Fiddler on the Roof) von Joseph Stein, Sheldon Harnick und Jerry Bock in der Inszenierung von John Dew im Großen Haus im Staatstheater Darmstadt. Ursprünglich letzte Aufführung, weil es zum Zeitpunkt meines Kartenkaufs der geplante letzteTermin war. Nun ist diese Aufführung so erfolgreich, daß es noch zwei weitere Termine gibt: 5. und 13. Mai.

      Erstmal, wie immer, die Akteure, und Sonstiges zum Stück (frech kopiert von staatstheater-darmstadt.de/spi…eraufnahmen/1726-anatevka ) :

      Nach der Kurzgeschichtensammlung Tewje, der Milchmann von Scholem Aleijchem
      Buch von Joseph Stein | Gesangstexte von Sheldon Harnick | Musik von Jerry Bock | Deutsch von Rolf Merz und Gerhard Hagen

      Musikalische Leitung | Bartholomew Berzonsky
      Inszenierung | John Dew
      Choreografie | Anthoula Papadakis
      Bühne | Heinz Balthes
      Kostüme | José-Manuel Vázquez
      Choreinstudierung | André Weiss

      Monte Jaffe (Tewje)
      Katrin Gerstenberger | Monika Mayer (Golde)
      Anja Vincken (Zeitel)
      Margaret Rose Koenn (Hodel, Oma Zeitel)
      Susanne Serfling (Chava)
      Aki Hashimoto (Sprintze)
      Lucia Hofmann | Franka Eiche | Olga Lavrentieva (Bielke)
      Stephanie Theiß (Jente)
      Lucian Krasznec (Mottel Kamzoil)
      David Pichlmaier (Perchik)
      Sven Ehrke (Fedja)
      Stefan Steinbauer | Daniel Wagner (Mendel)
      Gabriela Fliegel (Schandel)
      Malte Godglück (Lazar Wolf)
      Lawrence Jordan (Rabbi)
      Bernd Kaiser (Fruma-Sarah)
      Christopher Ryan | Tom Schmidt (Motschach)
      Werner Volker Meyer (Awram)
      Radoslav Damianov (Nachum)
      Alin Codreanu-Ariesanu (Jussel)
      Georg Heckel (Wachtmeister)
      Isabel Aguilera (Fiedler auf dem Dach)
      Wiktor Czerniawski (Erster Mann)
      Barbara Haber (Erste Frau)
      Gundula Schulte (Zweite Frau)
      Florence Bonnefont (Dritte Frau)
      Lee Bamford, Peter de Grasse, Wout Geers, Anthony Kirk, Celedonio Indalecio Moreno Fuentes, Trung Pham Bao, Pavel Povrazník (Tänzer)

      Bei den genannten Mehrfachbesetzung (oder auch als Ersatz) hatten wir gestern abend: Monika Mayer als Golde, Lucia Hoffmann als Bielke, Christopher Ryan als Motschach, Daniel Wagner als Mendel, Barbara Haber als dritte Frau, und getanzt haben: Lee Bamford, Peter de Grasse, Wout Geers, anthony Kirk, Celedonio Indalecio Moreno Fuentes sowie Pavel Povrazník.

      Kurz gefasst, daher hier diesmal von mir auch keine größere Ausführung: Es ist schön gemacht, mit recht sparsamer Bühnenbildnutzung (ein kleines Haus, das aufgeklappt werden kann, um die Familie im Inneren spielen lassen zu können, ein kleiner Leiterwagen, ein großer Pferdekarren, eine Bank, ein Bett, je nach Bedarf, einige bemalte Vorhänge), aber daher auch wirkungsvoll, weil es auf Effekte verzichtet. Dem Stück angemessen, aber leider die Akteuer mit Mikrofonen ausgestattet, so daß die Zuordnung des jeweiligen Sprechers/Sängers akustisch nicht gelingt, man traute sich wohl aber nicht, die Sprecher/Sänger ohne Verstärkung im Grossen Haus agieren zu lassen. Gesungen wurde ohne Übertitelung, und Musicaltypisch. Musiziert wurde sehr gut. Mir hat es rundum gut gefallen, auch, wenn's nun nichts Herausragendes ist. Daher eben diesmal hier, als kleine Kritik... :)

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • pfuetz schrieb:

      Mir hat es rundum gut gefallen, auch, wenn's nun nichts Herausragendes ist.
      Kann ich so unterschreiben - ich war vor einem Jahr drin. Ich fand's solide gemacht, eine schlichte, unaufdringliche Inszenierung, aber auch nicht gerade spannend (eben John Dew :D ).

      Meine Begeisterung hält sich auch deshalb in Grenzen, weil Musical nicht so ganz mein Fall ist.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Der Wildschütz, Bonn, 08.05.2011

      Ich bin ein riesiger Fan vom Wildschütz und habe mich sehr darüber gefreut, als Bonn den Wildschütz ankündigte, noch dazu in einer Hilsdorf-Inszenierung.
      Die beginnt wirklich ohne Vorwarnung und ohne Ouvertüre, sondern direkt mit dem ersten Akt. Auf die geniale Ouvertüre wartete man den ganzen Abend leider vergeblich, und dabei hätte das Beethoven Orchester Bonn diesen „Solobeitrag“ doch so sehr verdient gehabt. Robin Engelen führte das Orchester sehr ausgewogen durch die Partitur, so dass man viele Facetten vernehmen konnte, die Lortzings Musik so einmalig macht. In Bonn wurde nicht nur begleitet sondern farbenreich interpretiert. Kleinere Unstimmigkeiten zwischen Graben und Bühne seien nur der Form halber angemerkt.
      Die gestrichene Ouvertüre war also der einzige Vorwurf, den man Hilsdorf machen konnte, denn ansonsten hat er alles richtig gemacht. Ganz klassisch zeigte er die Oper, mit sicherem Gespür für die Satire ohne dabei je ins Comichafte abzugleiten und einer großen Prise Humor, die aus der durchaus ernsten Handlung und den entlarvenden Dialogen wie von selbst entstand. „Der Wildschütz oder in unmoralisches Angebot“ hieß bei ihm die Oper, was „die Stimme der Natur“ ersetzte. Tatsächlich hatte Hilsdorf mehr die Moral im Blick, als die Natur, denn in Bonn spielte die ganze Oper in zwei standesgemäßen Räumen. Der erste Akt im tristen Klassenzimmer, als passender Gegensatz dazu die herrschaftlichen Räume des Grafenpaares Eberbach mit schmucken Wänden, Leuchtern und einer herrlich griechisch anmutenden Kleinbühne. Dieser Anblick provozierte zu Recht Applaus für die genialen Arbeiteten von Dieter Richter. Dass man den Wildschütz wohl noch nie so schön gesehen hatte, verdankte man auch den Kostümen von Renate Schmitzer. Die Bürgerlichen trugen unterwürfiges Schwarz und Grau, die Herrschaften schmucke Reiteruniformen und weiße Unschuldsanzüge.
      Hilsdorf hatte die Personen mit einem hervorragendem Ensemble so akribisch erarbeitet, dass man selbst eine Randfigur wie die Nanette in der präsenten Darstellung von Charlotte Quadt als eigene Persönlichkeit wahr nahm. Vokal waren die Damen den Herren leicht unterlegen: Kathrin Leidig warmal nicht ein niedliches Mädel, sondern hatte es faustdick hinter den Ohren, Julia Kamenik fehlte es als Baronin noch ein wenig an leuchtender Führungskraft in den Ensembles und Anjara I. Bartz spiegelte ihr würdevolles, aufrechtes Auftreten als Gräfin auch in ihrer klangvollen Stimme wieder.Giorgos Kanaris (Graf Eberbach) setzte seinen etwas monochromen Bariton sehr charmant und gewinnbringend ein, erntete Bravos für seine Arie "Heiterkeit und Fröhlichkeit". Mirko Roschkowski war sehr gut mit attkativen, Energie geladenem Tenor.
      Renatus Mészár schließlich vollbrachte das Kunststück und förderte die Komik des Baculus aus dessen bedrohlicher Ernsthaftigkeit zu Tage. Stimmlich wusste er diese Mischung aus plappernder Unsicherheit und gebellter Dominanz mit einem gehörigem Pfund Bass voll auszuspielen – eine ganz starke Leistung! Seine kriecherische Unterwürfigkeit gegenüber dem Grafen wurde nur noch überboten durch die Eifersucht um Gretchen, so dass er sogar das Gewehr gegen seinen Herrn hob.
      Schon hier war absehbar, dass Hilsdorf sich auch die unterschwellige politische Dimension des Werkes vornehmen würde. Im Finale des dritten Aktes schließlich erschienen einige Studenten mit Deutschlandfahnen als Vorreiter für die Märzrevolution 1848 und als die anwesenden Bauern ihren Grafen mit Sensen bedrohten, regnete es Schriften von Himmel: „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“, „Die Justiz ist in Deutschland seit Jahrhunderten die Hure der deutschen Fürsten“ und „Die Verfassungen in Deutschland sind nichts als leeres Stroh, woraus die Fürsten die Körner für sich herausgeklopft haben“ war darauf zu lesen.
      Überraschenderweise war kein einziges Buh für Hilsdorf zu hören, sondern er wurde in den einstimmigen Jubel mit einbezogen, der vor allem sich bei den Sängern entlud. Eine ganz toller Opernabend.
      http://wotans-opernwelt.blogspot.com/
    • Mozart: Idomeneo - Komische Oper Berlin - 14.05.2011

      Der Kreterkönig Idomeneo als traumatisierter Kriegsheimkehrer, das Drama als Rückblende aus der Erinnerung des alten Idomeneo nacherzählt - so legt sich der Regisseur Benedikt von Peter Mozarts in der Tat "wildeste", hochgradig aufregende und aufgeregte Opera seria zurecht. Als Ansatz ist das nicht verkehrt, führt aber zu einiger Verwirrung, weil eine zweite "Gegenwarts"-Zeitebene eingeführt wird: Dort hat Idamante, der Sohn und Nachfolger Idomeneos, der in der Haupthandlung dem Gott Poseidon geopfert werden soll, selbst ein Kind, Idomeneos Enkel also, dessen Anwesenheit auf der Bühne wohl den Wechsel der Zeitebenen erkennbar machen soll. Sonst nämlich erkennt man leider nicht allzuviel: Da ja aus der Erinnerung berichtet wird und innere Vorgänge dargestellt werden sollen, ist man frei von der Aufgabe, etwa den Sturm im ersten, das Seeungeheuer im zweiten oder das Orakel im dritten Akt bildnerisch umzusetzen. Stattdessen führt der Regisseur die Rolle der Elektra als Schreckgespenst für den alten Idomeneo aus der Vergangenheit. Das Bühnenbild (Annette Kurz) besteht aus nackten (Schiffs?)Planken mit rund 100 Bürostühlen darauf; die Bühne ist nach allen Seiten offen. Die Kostüme (Annelies Vanlaere) sind überwiegend grau und einheitlich; lediglich in der Gegenwartsebene sind ein paar wenig kleidsame Farben erlaubt. Diese optische Nulldiät auf völlig unstrukturierter Bühne macht es den Darstellern eminent schwer, sich als Personen, als handelnde oder auch nur leidende Figuren zu profilieren - so schlüssig sich das Konzept auch im Programmheft liest. Viel Kopfarbeit - wenig Theater...

      Und die Musik? Der eher, trockene, durch Naturhörner "verschärfte" Klang des Orchesters gibt eine gute Grundlage, unter Chefdirigent Patrick Lange wird die gewaltige orchestrale Farbenpalette dieser Partitur nachdrücklich aufbereitet, mit teilweise sehr bedächtigen Tempi allerdings; vor allem in den in dieser Oper so zentralen begleiteten Rezitativen ist ein Spannungsabfall hier und da spürbar. Die Sänger sind gut gewählt, haben ihren Mozart stilistisch im kleinen Finger. Sie müssen sich unter erschwerten Bedingungen, nämlich einer total offenen Bühne, wo sich der Klang allzuschnell verflüchtigt, behaupten. Die Nebenrollen (Arbace, Oberpriester, Orakel) sind eingespart, deren Rezitative, unterschiedlich passend, auf die vier Hauptpartien verteilt.

      Rainer Trost ist ein im Grunde eher lyrischer Idomeneo, was zur bedächtigen Rollenanlage gut passt; trotzdem hat er etwa für die Bravourarie im zweiten Akt genug dramatische Durchschlagskraft zu bieten. Erika Roos singt eine fulminante Elektra. Brigitte Geller legt die Ilia (klangschön und bewegend) expressiver an als gewohnt, was sich mit der Regie, der für diese Rolle nicht gar so viel eingefallen ist, nicht immer verträgt - der Musik bekommt das gut. Schließlich Karolina Gumos mit klangvollem Mezzo, gesanglich souverän, aber ein bisschen einfarbig. Dieser Eindruck mag aber auch durch die Inszenierung hervorgerufen sein, die diese Rolle doch sehr vernachlässigt: Über das Verhältnis von Vater und Sohn, egal in welcher Zeitebene, erfährt man so gut wie nichts.

      Am Ende steigert sich Idomeneo so in den Schrecken der Erinnerung, dass ihm fast der Enkel statt des Sohnes zum Opfer fällt, verhindert durch einen Blackout auf der Bühne und das Orakel - hier ein Kinderchor.

      Fazit: Eine gedanklich nicht abwegige, aber mit allzu spärlichen theatralischen Mitteln umgesetzte Inszenierung, die eher verrätselt als erklärt. Musikalisch gibt es viel Gelungenes, aber der große Spannungsbogen gelingt, auch der optischen Nullösung wegen, nicht.
    • Hallo,
      danke für den Bericht; ich hatte nämlich überlegt, mir eine der Vorstellungen anzusehen, aber nachdem die Kritiken schon schlecht waren und du jetzt auch noch eher unbegeistert schreibst, werde ich das lassen. Benedikt von Peter ist mir vor einigen Monaten an der KOB schon mal sehr negativ aufgefallen (Fidelio), daher habe ich mit dem Kartenkauf noch gewartet. Ab jetzt steht er erstmal auf meiner Liste der zu meidenden Regiseure.
      Heike
      „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)
    • Luisa Miller, Aaalto Theater Essen, 29.05.

      Seit 2001 befindet sich Hilsdorfs Produktion der Luisa Miller im Programm und auch mich hat sie sehr begeistert. Allerdings - gerade wenn man seinen Wildschütz in Bonn gesehen hat - merkt man schon dass Hilsdrof Chiffren immer die gleichen sind. Auch im Luisa Miller konfrontiert er deutlich Volk und adel in vorrevolutionärer Stimmung. Der Adel jagdt die Menschen, benutzt sie als Fußmatten unter dem roten Teppich, das Volk tuschelt unter sich, verteilt Flugblätter im Publikum (ganz ähnliche wie im Wildschütz) und greift letztendlich zu den Waffen.
      Nichts desto trotz sind Hilsdorf Bilder gelungen zumal Bühne und Kostüme (Dieter Richter und Renate Schmitzer) das Konzept sehr eindrucksvoll bebilderten. Hinter dem intimen, ärmlichen Raum der Luisa Miller schimmerte immer wieder die kalte Welt des Adels durch.
      Musikalisch war es sehr ordentlich, das Essener Orchester spielten unter Volker Perplies wirklich engagiert und sehr farbenreich. Olga Mykytenko sang die Luisa Miller so schön als wollte sie Steine erweichen, im Duett mit ihrem Bühnenvater Kiril Manolov, der ebenfalls sehr differenziert sang, vermochten beide zu berühren. Starke Sänger waren mit Almas Swilpa (Wurm) und Marcel Rosca (Conte di Walter) aufgeboten. Zurab Zurabishvili hatte keinen guten Abend erwischt und verlor zunehmend die Kontrolle über die sonst sehr gute Höhe. Yaroslava Kozina (Frederica) und Marie Helen Joel (Laura) werteten ihre kleinen Rollen deutlich auf.
      http://wotans-opernwelt.blogspot.com/
    • Re: Luisa M. / Essen

      "sehr begeistert" YEPP da kann ich mitziehen: Ich war am 22.12. in der Vorstellung...
      "Seit `01 im Programm" halte ich allerdings, mit Verlaub, für eine höfliche Umschreibung: Die Produktion ist ETLICHE SPIELZEITEN gar nicht zu sehen gewesen - SICHER!: Ich war seinerzeit in der "Premiere" der 1.WA-Serie (damals BTW mit Hilsdorf himself als irr grinsenden Pausenclown im unteren Foyer; es war der Abend, als einer der Golfkriege losging) und habe dann LANGE!! auf eine weitere WA gewartet...
      - und nä.Saison schon wieder keine "Luisa": Ich versteh das nicht recht :huh:
      Alexa: Was ist ein gerechter Lohn? - Das weiß ich leider nicht!
      Peter Kessen "Disruptor Amazon"

      Hollywood ist ein Witz - nicht hassenswert...
      Aki Kaurismäki
    • Prokofiew: Romeo und Julia - Landestheater Detmold - 8. Juni 2011

      Auch wenn dieser Thread "Operntelegramm" betitelt ist, berichte ich heute einmal von einem Ballettabend. Auch das gehört ja in den Bereich des Musiktheaters, ist hier also nicht ganz fehl am Platze, denke ich.
      Das Landestheater Detmold, das sich selbst gern als größte Reisebühne Europas bewirbt, gastiert mit sechs Musiktheater-Produktionen im Jahr hier in der Paderborner Paderhalle und hilft so dem Missstand ab, dass es vor Ort keine Musiktheaterbühne gibt. Als letzte Aufführung in dieser Serie gab es vorgestern Sergei Prokofiews Ballett "Romeo und Julia". Die Produktion ist noch sehr frisch, erst am 27. Mai war die Premiere in Detmold.

      Die Inszenierung und Choerographie hat der Detmolder Ballettdirektor Richard Lowe übernommen, die Ausstattung besorgte Petra Mollérus. Sie hatte eine ein Bühnenbild gebaut, dass den Tänzern viel, viel Raum ließ. Schwere Brokatbahnen, kunstvoll gerafft. hingen von der Decke, sie konnten sich heben und senken und so die Bühne flexibel nach hinten und zu den Seiten abgrenzen, Gassen schaffen, aber auch die Bühne öffnen. In den Szenen, die in Julias Schlafzimmer spielen, und in der Schlussszene in der Gruft dient ein schwarzer runder Zylinder als Bett und Bahre, sonst ist die Bühne völlig leer. Ein großes Kreuz, das von der Decke hängt, deutet die Kirche des Pater Lorenzo und die Gruft an. Mit ganz wenigen Gegenständen werden also die verschiedenen Schauplätze angedeutet, gleichzeitig den Tänzern aber viel Raum gelassen.
      Sehr gelungen ist die Lösung der berühmten Balkonszene. Statt eines echten Balkons, der mit seinen Stützen etc. viel Platz gebraucht hätte, schwebt Julia in einer überdimensionierten Hängematte zum träumenden Romeo nieder. Diese Hängematte aus schwerem dunkelbraunem Stoff überspannt die ganze Bühne. Die weiß gekleidete Julia, die so von oben auf die leere Bühne schwebt, ist ein ungemein anrührendes und romantisches Bild. Beschreiben kann man die Wirkung nicht, man muss es gesehen zu haben, um zu wissen, was ich meine. Lowes großes Talent ist es, mit wenigen szenischen Elementen und einer ausgefeilten Lichtregie Bilder von großer Suggestivität und Eindringlichkeit zu schaffen. Die Liebesszenen entfalten dadurch eine ganz zarte, anrührende Wirkung.
      Die Gruppen der verfeindeten Jugendlichen tragen Kostüme, die in Details Renaissancekolorit zitieren, aber keine eindeutige Handlungszeit festlegen. Vor allem die Kostüme der Montagues in Schwarz und Nachtblau wirken eher phantastisch märchenhaft. Die Capulets, in Weiß und Hellbraun, sind bodenständiger gezeichnet, manchmal fast ein Bisschen burlesk. Die Fechtszenen sind präzise, aber auch sehr konventionell inszeniert. Es macht Spaß, dem zuzusehen, bei den vielen Fechtszenen zieht es sich manchmal dann aber doch ein Bisschen.

      Ein großes Lob gebührt der Detmolder Balletcompagnie, die mit ihren gerade einmal zehn Mitgliedern das ganze großangelegte Stück bestreiten musste. Alle Beteiligten waren voll gefordert, teilweise in mehreren Rollen. Die verfeindeten Gruppen waren natürlich recht klein, da fochten drei gegen drei, aber das störte mich nicht. Die Hauptrollen tanzten Gisela Fontarnau i Galea und Narcís Subatella Sánchez, die, so berichtete es die Dramaturgin in ihrer Einführung, auch im Privatleben ein Paar sind. darf ich sagen, dass man das gesehen hat, wenn man es wusste? Die verliebten Blicke, die Leichtigkeit des Umgangs, die tiefe Vertrautheit, die die beiden ausstrahlten, waren ein großer Gewinn für die Darstellung. Es gab auch etwas zu sehen zum kürzlich diskutierten Thema "Nacktheit auf der Bühne", aber das verkneife ich mir jetzt.
      Die überzeugenden Hauptdarsteller waren in ein homogenes Ensemble eingebettet. Gaëtan Chailly spielte und tanzte mit sichtlicher Freude am Komischen den Mercutio und den Pater Lorenzo - für meinen Geschmack übertrieb er es schon manchmal ein Bisschen - und bekam, weil das Publikum den Komiker immer besonders liebt, ebenso viel Applaus wie die Tänzer der Titelrollen. Die weiteren Darsteller nenne ich jetzt nicht namentlich, man merkte allen an, dass die Einstudierung noch frisch war, alles wirkte sehr präzise und sicher.

      In der Einführung erläuterte die Dramaturgin, man habe sich als musikalische Grundlage nicht für Prokofiews Ballettmusik entschieden, sondern für die drei Suiten, die der Komponist später daraus geformt hat, genauso, wie das auch Tschaikowski bei seinen berühmten Balletten gemacht hat. Die originale Ballettmusik erfordere ein zu großes Orchester, viel Blech, große Streichergruppen, das bekomme man weder in Detmold noch in Paderborn im Graben unter. Aus pragmatischen Gründen habe man sich also für die etwas kleiner besetzten Orchestersuiten entschieden und deren Nummern wieder in die Reihenfolge des Handlungsablaufs gebracht. Auch wenn ich diese Entscheidung natürlich nachvollziehen kann, so halte ich sie doch für nicht sehr glücklich. Zwischen den Nummern werden große Pausen gemacht, das Ballett zerfällt in einzelne, mehr oder weniger lose aneinanander gereihte Bilder, häufig klatscht das Publikum zwischen den Nummern. Ein größerer Bogen kann so kaum entstehen, das durchgehende Handlungsballett wird zur Nummernfolge, das ist besser als nichts, natürlich, aber es ist für mein Empfinden doch etwas unglücklich.

      Im Graben saß das Orchester des Landestheaters Detmold unter der Leitung seines ersten Kapellmeisters Jörg Pitschmann. Das Detmolder Orchester habe ich schon in sehr unterschiedlicher Qualität erlebt, vorgestern waren sie sehr gut. Das Orchester bewältigte die rhythmisch vertrackte und strapaziöse Partitur tadellos, sehr präzise und sicher, auch da war es sicher von Vorteil, eine Aufführung gesehen zu haben, wo die Einstudierung noch frisch war. Pitschmann hielt Graben und Bühne souverän zusammen, nicht mehr, vor allem aber auch nicht weniger.

      Es war also ein rundum gelungener Ballettabend, allen Beteiligten gebührt hoher Respekt für ihre Leistung. Die Halle war erfreulich gefüllt und vor allem war das Publikum im Alter erfreulich gemischt. Alle Altersschichten waren vertreten, das ist leider bei klassischen Konzerten und erst recht bei Musiktheateraufführungen hier sonst nicht der Fall. Das Publikum zeigte sich als ausgesprochen begeisterungsfähig, da gab es immer wieder spontanen Szenenapplaus und am Ende wurden Tänzer und Orchester mit viel Beifall, Pfiffen und Rufen lebhaft gefeiert - da schlug sich die Altersgemischtheit des Publikums nieder. Vor allem die Tänzer der Titelrollen und der Komiker Chailly wurden mehrmals hervorgerufen und enthusiastisch beklatscht.
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Smetana: Die verkaufte Braut - Wiederaufnahme KO Berlin - 10.06.2011

      Berlin hat die "verkaufte Braut" wieder: Ein Jahr vor seinem Wechsel nach Zürich hat Andreas Homoki seine Inszenierung von 2002 - die erste als Chefregisseur am Haus - neu einstudiert nach sieben Jahren Pause. Seinerzeit war sie blitzschnell vom Spielplan verschwunden, weil die Verlegung der Handlung in den Osten Deutschlands zur ersten Nachwendezeit Proteste ausgelöst hatte; jetzt kann davon keine Rede mehr sein. Heute wirkt die Produktion auf sympathische Weise ein bisschen verstaubt: Die Homoki-typischen Stilelemente - kaum Bühnenbild, wenig Requisiten, sorgfältige Detailarbeit und aufgeregt hin und her flutende Choristen und Statisten - prägen diese Inszenierung besonders stark: Die Komödienmaschinerie funktioniert, die Balance zwischen Buffooper und Drama stimmt, aber man kennt das alles inzwischen und hat es - zuletzt in den "Meistersingern" - in anderen Produktionen noch überzeugender erlebt.

      2002 dirigierte Kirill Petrenko; jetzt überzeugt Alexander Vedernikov am Pult vor allem durch seine überrumpelnde Mischung aus Temperament und Präzision in der Chor- und Orchesterarbeit. Glänzend, wie etwa die Polka im ersten Akt hingepfeffert wird. Auch im Lyrischen hat die Aufführung ihre Meriten. Mir fehlte ein bisschen das Bemühen um die Balance der Solostimmen. Vor allem das Sextett im dritten Akt ergab kein so klangschönes Miteinander, obwohl auch die Nebenrollen, jede für sich, stark besetzt waren. Vielleicht blieb einfach zu wenig Probenzeit...

      Insgesamt war der Eindruck vor der Pause stärker als im dritten Akt. Das gilt insbesondere für die Marenka von Christiane Kohl, Haus- und Rollendebütantin. Noch etwas ungelenk im Spiel, erfreut sie mit viel Innigkeit und einer anscheinend unbegrenzten Leistungsfähigkeit in der Höhe. Ihr fehlen (noch) das Volumen in der Tiefe und die unverkrampfte dramatische Attacke, und das fällt (logisch bei der Partie) vor allem im dritten Akt ins Gewicht.

      Neben ihr gelingt Haustenor Timothy Richards eine seiner besten Leistungen. Stimmschön, ausgeglichen und lebendig im Spiel kann er, entspannt, aber engagiert, sogar mit dem raumgreifenden Jens Larsen (Kecal) mithalten. Der räumt, stimmlich wie darstellerisch, gewaltig ab, neben dem Chor das Kraftzentrum der Aufführung. Vasek findet praktisch nicht statt: Thomas Ebenstein, plötzlich erkrankt, müht sich stumm spielend, während Christoph Späth von der Seite "covert"; bei so einer Bufforolle besonders unbefriedigend. Die übrigen Rollen sind typengerecht und , wie oben erwähnt, insgesamt stark besetzt; neben Larsen kassieren aber Chor und Orchester zu Recht den lautesten Beifall. Der gilt am Schluss der über dreissig Jahre erst als Sängerin, dann als Inspizientin am Haus tätigen Violetta Madjarowa, die in einer improvisierten (?) Zeremonie mit Blumen und launig-herzlichen Intendantenworten in die Rente verabschiedet wird. Nicht zuletzt solche Gesten machen letztlich auch den Charme eines Hauses aus; man hofft, dass das hier auch nach dem Intendantenwechsel so bleibt...



      Weitere Aufführungen: 19., 24.6., 10.7., sowie wieder ab Oktober 2011
    • Verdi: Macbeth: Deutsche Oper Berlin (Übernahme aus Köln) - 21.06.2011

      Im März 2010 schrieb Quasimodo im Telegramm 09/10:



      "Ausgesprochen gelungen ist der Kölner Oper die Wiederaufnahme der vor gut 10 Jahren entstandenen Produktion. Robert Carsens bedrückende Inszenierung hat nichts von ihrer Eindringlichkeit verloren; und sie wurde offenbar szenisch wie musikalisch sorgfältig wiedereinstudiert."



      Die düstere Produktion hat - 13 Jahre nach ihrer Entstehung - auch den Transport nach Berlin ebenso gut überstanden wie das Stück die Verlagerung aus dem schottischen Mittelalter in die Kommandozentrale einer (sozialistischen?) Militärdiktatur ausgesprochen gut verträgt. Dass der kanadische Regisseur politisch-historische Symbole fahrlässig vermengt um des Effektes Willen (der Berliner Mauer nachgebildetes Bauwerk mit Einschusslöchern), sei ihm nachgesehen angesichts der finsteren Spannkraft der Bilder, vor allem im zweiten Finale.



      Am 21.Juni dirigiert Ivan Repusic mit Feuer und viel Gespür für die düsteren Farben der Musik. Dass er das Orchester bisweilen zu laut dröhnen lässt. stört Barbara Schneider-Hofstetter (Lady) am allerwenigsten. Sie kommt hörbar aus dem dramatischen Fach und mischt ihrem Gesang immer wieder fahle und grelle Farben bei, ganz im Sinne Verdis, der sich im Falle der Lady Macbeth "schönen" Gesang ausdrücklich verbeten hatte. Die Wahnsinnsszene entfaltet so die beabsichtigte unheimlich-grausige Wirkung.



      Für den Schönklang ist eher der Gatte zuständig: Anton Keremidtchiev gibt ihn als hin- und hergerissenen Zauderer, dem man Gewissensbisse und widerstreitende Gefühle eher abnimmt als finstere Entschlossenheit. Davon profitiert vor allem die Trauerarie im vierten Akt. Angenehm, dass er die noble Gesangslinie auch in den großen Ausbrüchen nicht verliert, auch wenn er hier und da Mühe hat, sich gegen das Orchester durchzusetzen.



      Balsamische Töne auch von Ante Jerkunica (Banquo) und Pavol Breslik (Macduff), der sich mit nicht eben großer, aber wohllautender und stilkundig eingesetzter Stimme viel eher als trauernder Vater und Gatte denn als eiskalter Vollstrecker profiliert.



      Verdienten Szenenapplaus erhält der wie stets musikalisch und szenisch enorm präsente Chor. Auch wenn das Ganze ein "zweiter Aufguss" ist und bereits in der ersten Aufführungsserie nach der "Berliner Premiere" munter umbesetzt wird, gelingt insgesamt ein eindrucksvoller Abend, der in aller Finsternis die Vorzüge des Werks in helles Licht rückt.
    • Les Contes d'Hoffmann - Osnabrück 12.06.2011

      In Osnabrück zeigt sich Hoffmanns Erzählungen mehr von der Seite des Regisseurs Lorenzo Fioroni und seines Co-Regisseurs Jan-Richard Kehl, der den verletzten Fioroni in den letzten Wochen der Probenphase vertrat. Jaques Offenbach kommt bei dieser Sicht eindeutig zu kurz, was auch die vielen Striche in der Partitur belegen. Trotzdem wird die Oper mit 3 Stunden und 20 Minuten zu einer recht langatmigen Angelegenheit, was viel zu Lasten der Regie ging, die viel wollte und doch wenig erreichte. Die Idee Fioronis ist im Grunde recht genial. Er lässt die Oper durchgängig im tristen Wohnblick spielen. Doch auch der Effekt des Bühnenbildes (Paul Zoller) auf der Drehbühne lässt nach der 30sten Drehung merklich nach. Hoffmann ist die gescheiterte Persönlichkeit mit einem garstigen Nachbarn (Stadtrat Lindorf), der seine Wohnung räumt. Die Muse tritt in verschiedenen Gestalten von der Bibliothekarin bis zur Bestattungsunternehmerin auf. All das versteht man nur dann wirklich, wenn man vorher sich die „neue“ Inhaltsangabe des Programmheftes durchgelesen hat.
      Der vereinsamte Hoffmann erinnert sich mehr für sich selbst an seine verflossenen Liebsten als für die zuhörenden Möbelpacker. Der Prolog und der Qlympia-Akt sind schlichtweg überinszeniert: Der Zuschauer bekommt kaum Luft über die vielen (teilweise auch unsinnigen) Aktionen der Protagonisten und des Chores, weiß kaum wo er hinschauen soll, um die Hauptperson im Getümmel wieder zu finden. Dazwischen gelingt es Fioroni, den grotesken Moment des Werkes auf unsere Gegenwart zu übertragen, wenn das sturzbetrunkene Partypüppchen Olympia sich während ihrer Koloraturarie in die Geranien übergibt.
      Der Antonia-Akt ist als Gespenster-Stunde ebenfalls sehr interessant, hat aber durch deutsche Dialoge unnötige Längen, die den Spuk schnell in gähnende Langweile. Gelungene Momente sind hier die Projektionen, wenn man aus dem Fenster Hoffmanns über die nächtliche Stadt fliegt. Während der Baccarole beobachten zwei Prostituierte am Bordstein (Giulietta und Niklause) wie eine Leiche abtransportiert wird. Ansonsten hat der Giuletta-Akt viele peinliche Momente, wo der Chor durch Kreidekästchen hüpfen muss wie in der Grundschule und Schlemihl in einer Art Pfütze ertränkt wird, die aber gerade vom Balkon so flach aussieht, dass die Fantasie des Zuschauers nicht mitspielen kann.
      Der Epilog hält noch einen passenden Abschluss bereit: Hoffmann ist ausgezogen, Offenbachs Musik längst zu Ende. Stella ruft in der Wohnung an, wo Hoffmann sein Telefon vergessen hat. Ein Makler oder neuer Mieter geht dran: „Hoffmann? Ne, den gibt’s hier nicht....“ Dazu gibt es auch den besten musikalischen Beitrag des Abends, und den ausgerechnet vom Band: Don Giovannis Höllenfahrt wird eingespielt in der so genialen EMI-Referenz-Aufnahme mit Giulini, Wächter, Taddei und Frick.
      Dieses Niveau können live nur die Damen erreichen, die ihre Partien auch in den schwierigsten Momenten des komplizierten Regiekonzeptes wirklich beherrschen: Natalia Atamanchuk ist die wunderschön lyrische Antonia, Sabine Ritterbusch eine sinnliche Giuletta mit edlem Timbre und Ani Tanguchi eine hervorragende Olympia. Mit Abstrichen überzeugen auch Eva Schneidereit als Muse und Bernardo Kim in der Titelrolle. Ersterer gelingt es leider nicht, ihrer schönen Mittellage auch die Höhe anzupassen, die flach und schrill klingt. Letzterer steht den Hoffmann sehr achtbar durch, hat aber kaum Farben oder Differenzierungen bereit. Genadijus Bergorulko hatte seine besten Minuten als Dr.Mirakle, ansonsten deklamierte er die Rolle mehr als sie sängerisch zu gestalten. In den Nebenrollen sind besonders Daniel Moon und Mark Hamman als Schlemihl und Franz hervorzuheben, die mit tollen stimmen und viel Präsenz für sich einnahmen.
      Wenig französisch sondern krachend teutonisch klang die Interpretation von Hermann Bäumer am Pult des sehr gut aber viel zu laut spielendem Osnabrücker Symphonieorchester. Auch die Sänger waren teilweise nicht mehr zu hören.
      Unterm Strich also ein sehr langer Abend mit tollen Ansätzen, die aber wie die Musik doch etwas über das Ziel hinausschossen.
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    • Verdi: Macbeth: Deutsche Oper Berlin (Übernahme aus Köln) - 03.07.2011

      Hallo,
      ich habe den Macbeth von Carsen heute auch gesehen und fand es, ebenso wie pedrillo, richtig gut.

      Dass der kanadische Regisseur politisch-historische Symbole fahrlässig vermengt um des Effektes Willen (der Berliner Mauer nachgebildetes Bauwerk mit Einschusslöchern), sei ihm nachgesehen angesichts der finsteren Spannkraft der Bilder, vor allem im zweiten Finale.


      Mmmh, die Mauer drängt sich in Berlin natürlich auf, aber mehr noch habe ich schon beim Anfangsbild (angesichts der bekopftuchten Frauen) eher an Rumänien und die Ceausescus (und die Mauer, vor der sie erschossen wurden) gedacht, was sich später mit den vielen grauen Männern und den alkoholischen Einlagen noch verstärkte.

      Heike
      „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)