Dvořák: Rusalka - Bayerische Staatsoper München, 23.10.2010 (Premiere)

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Dvořák: Rusalka - Bayerische Staatsoper München, 23.10.2010 (Premiere)

      Musikalische Leitung: Tomáš Hanus
      Inszenierung: Martin Kušej

      Der Prinz Klaus Florian Vogt
      Die fremde Fürstin Nadia Krasteva
      Rusalka Kristine Opolais
      Der Wassermann Günther Groissböck
      Die Hexe Janina Baechle
      Der Förster Ulrich Reß
      Der Küchenjunge Tara Erraught
      1. Waldnymphe Evgeniya Sotnikova
      2. Waldnymphe Angela Brower
      3. Waldnymphe Okka von der Damerau
      Ein Jäger John Chest


      Schon mal vorab: Der Skandal fand nicht statt (siehe hier) – vielleicht ist des die neue Strategie des Herrn Bachler, manchen Leuten den Wind dadurch aus den Segeln zu nehmen, dass ein scheinbarer Skandal schon vorab herbei geschrieben wird, in der Erwartung, dass das Premierenpublikum dann schon feststellen wird, dass alles nur halb so schlimm ist. So kam es dann auch – einige Sekunden Unruhe zu Beginn der Reh-Szene, und die üblichen Buhs einiger für das Regieteam am Ende. Mir schien selbst die mir mittlerweile (leider) nur zu vertraute Buh-Stimme von rechts hinten etwas lau, mehr eine mechanisch abgespulte Pflichtübung (man buht halt immer) als wirkliche Erregung. Ansonsten viel Jubel auch für das Regieteam.

      Es wäre auch schade gewesen, wenn diese Produktion in einem Skandal geendet hätte, denn was gestern Abend zu erleben war, war eine ganz außerordentlich packende Arbeit des Regisseurs Martin Kušej. Ein schlüssiges, von Anfang bis Ende stringent durchgehaltenes Konzept, mit präziser Personenregie und vielen starken, auch verstörenden Bildern, die haften bleiben. Einen nicht unbeträchtlichen Anteil an dem starken Eindruck hatten auch die exzellenten Sängerdarsteller, die Kušej zur Verfügung standen, allen voran die fulminante Kristine Opolais in der Titelrolle, die so vollständig in ihrer Partie aufging, dass einem Angst und Bange werden konnte. Bei ihrem Solo-Vorhang am Ende ging ein wahres Beben durch das Haus als die Spannung des Abends sich in einem Jubelsturm entlud, der die junge Sängerin sichtbar überwältigte.

      Wir haben mitten in der Nacht, kaum dass wir zu Hause angekommen waren, gleich Karten für die Vorstellung am kommenden Donnerstag gekauft. Aber der Reihe nach.

      Der Vorhang öffnet sich vor einem angedeuteten, karg ausgestatteten Innenraum, der nach hinten durch eine gigantische Phototapete abgeschlossen wird, die die Bühne in ihrer gesamten Höhe und Breite ausmacht. Das Motiv der Tapete, eine Berglandschaft mit Sehen und Wäldern, wird das einzig Romantische an diesem Abend bleiben. Herumliegende Boulevard-Zeitungen und leere Bierdosen verorten die anwesenden Personen sozial – der Wassermann und die Hexe, die hier zu einem Ehepaar mit einem schrecklichen Geheimnis werden: Die Bühne wird angehoben und ist nun in der Horizontalen geteilt, der über eine verborgene Falltür und eine Leiter erreichbare Keller wird sichtbar. Dort werden die Töchter in unerträglichen Verhältnissen in Gefangenschaft gehalten und müssen dem Vater gefügig sein, die jüngeren Kinder müssen wir uns als Inzest-Kinder Rusalkas denken – Amstetten auf der Opernbühne. In diesem Kontext gewinnen die Gesänge der Waldnymphen an den Wassermann eine eigentümliche und beklemmende Traurigkeit, ebenso wie das herzzerreißende Lied an Mond, in dem Rusalka eine Lampe ansingt, deren Licht das einzige Warme in dem feuchten Verlies ist. Dass das funktioniert, zeigt beispielhaft, wie musikalisch diese Inszenierung auch ist, wo immer wieder Bild und Musik zu einer wirklich beklemmenden Einheit werden.

      Dieser Welt versucht Rusalka zu entkommen. Die Szene mit der Mutter/Hexe wird zu einem rituellen In-die-Welt-Lassen. Das Aufheben des Wasserzaubers: Die Entfernung der Spuren der Gefangenschaft. Die neuen Beine der Rusalka: Schuhe für ein Mädchen, das vielleicht noch nie Schuhe trug. Auch das „Du wirst nicht Reden können“ gewinnt in dem Kontext der von Kušej erzählten Geschichte eine eigene Bedeutung. In der neuen Freiheit fällt Rusalka gleich einem „Prinzen“ in die Hand, der sie sich über die Schulter wirft und nach Hause trägt.

      Im zweiten Akt mischen sich Realität und Wahnvorstellungen des Mädchens, das sich in der Welt nicht zurecht finden kann und die Dämonen ihrer Vergangenheit immer mit sich trägt. Die Szene des vor Rusalkas Augen ausgeweideten Rehs, in dem Rusalka sich selbst zu sehen glaubt, der Betrug durch den Prinzen, der Rusalka nicht begreifen kann – das folgt ganz genau dem Libretto. Für die Fantasien Rusalkas findet das Regie-Team einige der stärksten Bilder des Abends. Zu Herzen gehend, wenn Rusalka in ungelenken Bewegungen zu tanzen versucht, um „normal“ zu scheinen. Der Hochzeitsball wird zu einem gespenstischen Tanz, in dem Rusalka die Tänzerinnen als Bräute erscheinen, die mit Rehkadavern tanzen und mit dem Blut ihre Brautkleider beschmutzen – ein irres Bild.

      Die ganze Oper hindurch spielt die Wasser-Metapher eine zentrale Rolle. Rusalka wird vom Wasser angezogen, es weist zurück auf das zentimeterhoch unter Wasser stehende Verlies im ersten Bild. Die Anziehung, die das Wasser auf sie ausübt, steht für die perverse Sehnsucht zurück, aus einer Welt, der sie durch das, was ihr angetan wurde, auf immer entfremdet ist, zurück in eine grauenvolle Gefangenschaft, die aber auch frei von Enttäuschungen war, weil eine Steigerung der Qualen ohnehin nicht mehr möglich war. Rusalka sucht Zuflucht vor der grausamen Welt in dem sie zum Wasser zurück kehrt – sie steigt im Brautkleid in ein Fischbecken und entzieht sich dadurch der Realität.

      Rusalka kehrt in ihr Verlies zurück, freiwillig. Von der Hexe/Mutter erhält sie ein Messer, sie soll sich am Prinzen rächen. Der Förster ist Rusalka gefolgt, er wird vom Vater/Wassermann ermordet, dessen Geheimnis jedoch nun entdeckt ist. Die Polizei nimmt ihn fest, die Mädchen landen in einer Krankenhaus oder einer psychiatrischen Anstalt, wo das letzte Bild spielt. Sie liegen apathisch in ihren Betten, die Wasser-Metapher wird dadurch weitergeführt, dass je von ihnen eine Wasserflasche bei sich trägt, als sichtbare Erinnerung an eine grauenvolle Welt, die aber die einzige war, die sie kannten. Wenn jetzt der Prinz erscheint, so muss man das wohl als letztes trauriges Wahnbild Rusalkas verstehen. Ein Wahnbild, das im Selbstmord des Prinzen endet, mit dem Messer, das Rusalka von der Mutter erhalten hatte. Für Rusalka gibt es nicht einmal im Wahn ein Happy End.

      Wie schon gesagt stand Kušej eine ausgezeichnete Riege von Sängerdarstellern zur Umsetzung seiner Ideen zur Verfügung.

      Atemberaubend die darstellerische Leistung von Kristine Opolais, die fast ununterbrochen auf der Bühne war und das Geschehen dominierte. Auch sängerisch eine sehr ansprechende Leistung, eine schöne und ausdrucksstarke Stimme. Dass sie am Ende etwas müde wurde, tut dem Gesamteindruck keinen Abbruch. Den Jubelsturm hat sie voll und ganz verdient.

      Günther Groissböck gibt dem Wassermann all das Dunkle und Brutale, das in dieser Inszenierung gefordert ist. Auch hier bleiben keine Wünsche offen.

      Klaus Florian Vogt ist Klaus Florian Vogt ist Klaus Florian Vogt. Die Stimme ist schon ein Phänomen: Auch wenn sie vom Timbre eher dünn scheint, schafft es Vogt doch mühelos auch ein großes Haus wie die Bayerische Staatsoper bis in den letzten Winkel auszufüllen. Leider singt er meist sehr monochrom und ausdrucksarm, so auch hier im ersten und durch große Teile des zweiten Akts. Danach hat ihn vielleicht die Emphase seiner Kollegin Opolais mitgerissen – würde er doch nur immer so nuanciert und eindringlich singen wie im letzten Akt. Viel Jubel auch für ihn.

      Auch die Hexe Janina Baechle gefiel stimmlich. Darstellerisch war sie in der Inszenierung allerdings wenig gefordert. Rollendeckend die kleineren Rollen. Auffällig der Sänger der kleinsten Partie: John Chest, Mitglied des Opernstudios, sang das Jägerlied im ersten Akt mit wunderschönem Tenor.

      Tomáš Hanus dirigierte das Bayerische Staatsorchester souverän, sachlich könnte man sagen. Ich fand das Dirigat anfangs etwas plakativ und wenig variabel, aber das änderte sich im Lauf des Abends, und insbesondere im dritten Akt war das Spiel sehr farbig und mit auffällig nuancierter Dynamik.

      Insgesamt also ein großartiger Abend, und diese Produktion sei jedem ans Herz gelegt – modernes Musiktheater von seiner besten Seite. Man sollte sich aber beeilen: Ich kann mir vorstellen, dass der Eindruck nur in der Premierenbesetzung derart stark sein wird.


      Michel
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Ich stimme Michel in fast allen Punkten zu. Eine sehr konzentrierte und beklemmende Inszenierung Kusejs, trotz gewisser "stilistischer" Gemeinsamkeiten ganz anders als der disparate (mir gleichwohl zusagende) Macbeth desselben Regisseurs vor zwei Jahren. Diese Konzentration übertrug sich auf das Publikum, zunehmend gebannt verfolgten auch anfängliche Skeptiker unter meinen Sitznachbarn die Aufführung. Skandalstimmung konnte so gar nicht aufkommen.

      Kristine Opolais als Rusalka identifizierte sich in einem Maße mit ihrer Rolle, wie ich es auf der Opernbühne schon seit einiger Zeit nicht mehr gesehen habe. Im Gedächtnis bleiben der rückhaltlose körperliche Einsatz (Stürze, permanentes Durchnässtsein), das ständige Einknicken bei den verzweifelten Versuchen, sich auf den hochhackigen Schuhen aufrecht zu halten, die zwanghaften Handlungen (Waschen, Schwimmbewegungen im Trockenen, Selbstzüchtigung als Strafe für das Fremdgehen ihres Prinzen), das Changieren zwischen traumatisiert-apathischer Haltung und plötzlich ausbrechender Emphase. Selbst im zweiten Akt, dessen erste halbe Stunde Rusalka schweigend auf der Bühne verbringt, ist Opolais der Brennpunkt des Geschehens. Auch stimmlich hat sie mir sehr gut gefallen, sowohl in den lyrischen als auch in den dramatischen Passagen. Kleinere Schwächen fielen da kaum ins Gewicht.

      Die stimmlich souveränste (und auch darstellerisch hervorragende) Leistung brachte Groissböck als Wassermann: fast belcantistisch gesungen und gerade darin das Bedrohliche entdeckend - toll! Der Rest der Sänger einschließlich des merkwürdigen Phänomens Klaus Florian Vogt wie von Michel beschrieben.

      Das Dirigat erfährt in den jetzt allmählich eintrudelnden Presserezensionen nicht nur divergierende Bewertungen, sondern auch ganz unterschiedliche Beschreibungen. Meine Meinung: von den Tempi her eher straff dirigiert (bis auf die Schlusszene), dynamisch sehr nuanciert und sängerfreundlich (bei rein orchestralen Stellen wurde allerdings gelegentlich stark aufgedreht), durchaus auf Schönklang bedacht, aber ohne die synkopische Rhythmik und die Nebenstimmen unterzubuttern. Hat mir sehr gefallen. Ist aber auch tolle Musik.

      Ich würde auch gerne nochmal hingehen, wenn ich näher dran wäre.

      Ein paar visuell bewegte Eindrücke kann man sich hier auf der Website der Bayerischen Staatsoper verschaffen.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Premiere "Rusalka"

      Vielen Dank für die Eindrücke von der Premiere. Ich konnte mich aufgrund des schwachen "Holländers" in Amsterdam von Kusej nicht dazu aufraffen, zur Premiere nach München zu fahren, obwohl ich die Musik zur "Rusalka" sehr schätze. Vermutlich werde ich das jetzt aber nachholen, weil die Inszenierung spannend zu sein scheint. Auch die Eindrücke, die der Video-Clip vermittelt, bestärken mich in diesem Vorhaben. Musikalisch fand ich zumindest die Schlusszene misslungen. Das enorm langsame Tempo des Dirigenten fand ich grauenhaft, Vogt macht das gar nicht schlecht, wobei der Stimmtyp, nunja... Und Opolais muss man sehen. Gesanglich ging das, aber schon der Videoclip zeigt, über welche Bühnenpräsenz die Sängerin verfügt. Groissböck war wohl auch optisch an Fritzl angenähert? Am Rundfunkgerät schien es mir so sein, dass der Buh-Orkan gegen Kusej enorm war. Hat sich das im Opernhaus anders dargestellt? Zumindest verstehe ich Michel so, dass es vor Ort ausgewogener geklungen hat.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Alviano schrieb:

      Am Rundfunkgerät schien es mir so sein, dass der Buh-Orkan gegen Kusej enorm war. Hat sich das im Opernhaus anders dargestellt?
      Die Wahrnehmung hängt vermutlich stark davon ab, wo man sitzt. Ich hatte zwar einen laustarken Buh-Rufer rechts hinter mir, es gabe in meiner näheren Umgebung aber auch sehr viel Zustimmung. Insgesamt wäre ich von mehr Applaus als Buhs ausgehen, wobei die Paviane in der Regel einfach mehr Krach machen. Vielleicht habe ich mich aber auch nur an das unsägliche Münchner Premierenpublikum gewöhnt... Anders als beispielsweise beim Macbeth vom gleichen Regisseur, gab es auch keine lautstarke Kritik während der Aufführung und keinerlei Buh zur Pause - auch das ein Zeichen dafür, dass der Abend doch viele wirklich gepackt hat.

      Falls Du Dich zum Besuch entschließen solltest, wirst Du hochgradig lebendiges und spannendes Musiktheater erleben. Du solltest aber wirklich versuchen, die Besetzung der Premiere zu erwischen - es kann in einer anderen Besetzung nur schlechter werden.

      Viele Grüße
      Michel
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Das was Ihr hier berichtet habt und was ich aus dem Trailer der Münchner Staatsoper gesehen habe, klingt enorm spannend und schlüssig! Danke für die Berichte und schade, dass München derzeit außerhalb meines Horizonts liegt!

      Liebe Grüße
      :wink:
      Renate
      Unsre Freuden, unsre Leiden, alles eines Irrlichts Spiel... (Wilhelm Müller)
    • Alviano schrieb:

      Musikalisch fand ich zumindest die Schlusszene misslungen. Das enorm langsame Tempo des Dirigenten fand ich grauenhaft


      Stimmt, die Schlusszene war tendenziell verschleppt - Hanus wollte wohl den tristanesken Effekt rauskitzeln (auch visuell hat der Schluss in seiner klinischen Weiße etwas Extraterritoriales). Ansonsten waren die Tempi eher flüssig, ähnlich wie z.B. in der Mackerras-Aufnahme mit Renée Fleming (Fleming war übrigens laut SZ als Zuschauerin bei der Münchner Premiere zugegen - hier konnte sie zumindest schauspielerisch noch was lernen).


      Alviano schrieb:

      Und Opolais muss man sehen. Gesanglich ging das, aber schon der Videoclip zeigt, über welche Bühnenpräsenz die Sängerin verfügt.


      Das war einer der Fälle, in denen es schwer fällt, die sängerische Leistung von der darstellerischen zu trennen. Ich kann da nicht "objektiv" sein.


      Alviano schrieb:

      Groissböck war wohl auch optisch an Fritzl angenähert?


      Eine gewisse Ähnlichkeit im Typus war schon gegeben, auch wenn Groissböck deutlich jünger ist. Der Wassermann war neben der Titelrolle die von der Regie am stärksten ausgearbeitete Figur: Im zweiten Akt erscheint Groissböck mit einem Doppelgänger auf die Bühne - während der Sänger die Vorwürfe artikuliert, flüchtet sich Rusalka verzweifelt in die tröstenden Arme des zweiten Wassermanns. Aber auch ohne Doppelgänger bringt Groissböck die Ambivalenz aus Strafen und Trösten mit unheimlicher Präsenz auf die Bühne. Noch in der Schlusszene geht der Wassermann in Handschellen brutal auf Rusalka los. Das Missbrauchsthema wird übrigens in der Beziehung zwischen Förster und Küchenjunge (hier ein Küchenmädchen) gespiegelt.

      Trotz einiger Volten am Ende (der Mord am Förster, die Festnahme des Wassermanns, dessen Vorführung in der Klinik) wirkt das strikte Konzept an keiner Stelle gewaltsam. Wenn es eine Schwäche der Regie gab, dann lag sie in der Figur der Hexe: diese stellt zwar auch mal freudianisch eine Liege auf und flößt Rusalka Alkohol ein, bleibt sonst aber als Esoteriktante mit Kerzengedöns zu unentschieden, fast ein wenig harmlos. Das lag m.E. weniger an Frau Baechle als an Kusej.


      Alviano schrieb:

      Am Rundfunkgerät schien es mir so sein, dass der Buh-Orkan gegen Kusej enorm war. Hat sich das im Opernhaus anders dargestellt? Zumindest verstehe ich Michel so, dass es vor Ort ausgewogener geklungen hat.


      Le Merle Bleu schrieb:

      Vielleicht habe ich mich aber auch nur an das unsägliche Münchner Premierenpublikum gewöhnt... Anders als beispielsweise beim Macbeth vom gleichen Regisseur, gab es auch keine lautstarke Kritik während der Aufführung und keinerlei Buh zur Pause - auch das ein Zeichen dafür, dass der Abend doch viele wirklich gepackt hat.


      Sehe ich ähnlich wie Michel. Wer die fast schon hasserfüllte Stimmung beim Macbeth oder beim Lohengrin am selben Haus erlebt hat, musste die Buhs gegen den Regisseur eher als harmloses Ritual werten (Bravos gab es auch, die Buhs dominierten aber stark). Kusej heizte seine Gegner übrigens noch einmal mächtig an, als er an die Rampe vortrat und mit einer eindeutigen Geste zu mehr Lautstärke aufforderte.

      Der Chor im zweiten Akt war übrigens in der Mischung aus Abendkleidung und Edeltrachten deutlich als münchnerische (Opern-)Gesellschaft gekennzeichnet. Wenn sich die Damen und Herren dann zunehmend aggressiv gegenseitig die Buffet-Bissen von den Tellern reißen, merkt man, dass die Abneigung zwischen einem Teil des Publikums und Kusej auf Gegenseitigkeit beruht... :D


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Le Merle Bleu schrieb:

      Du solltest aber wirklich versuchen, die Besetzung der Premiere zu erwischen


      Lieber Bernd, lieber Michel,

      vielen Dank. Gelesen habe ich bisher nur ganz wenig zur Premiere vom Samstag, aber Anschauen möchte ich mir das unbedingt. Zu den vier Vorstellungen, die in diesem Jahr noch stattfinden werden, kann ich aus terminlichen Gründen nicht, es wird also wohl doch Mai 2011, bis es klappt - und dann mit zumindest einer anderen Titelrollensängerin, schade, aber wohl nicht zu ändern. Beim Publikum bin ich dann mal gespannt, wie die auf Bieito reagieren. Bei Neuenfels fand ich das eher harmlos.

      :wink:
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Lieber Alviano,

      Alviano schrieb:

      Gelesen habe ich bisher nur ganz wenig zur Premiere vom Samstag, aber Anschauen möchte ich mir das unbedingt. Zu den vier Vorstellungen, die in diesem Jahr noch stattfinden werden, kann ich aus terminlichen Gründen nicht, es wird also wohl doch Mai 2011, bis es klappt - und dann mit zumindest einer anderen Titelrollensängerin, schade, aber wohl nicht zu ändern.


      hm, mit Olga Guryakova als Rusalka... :huh: Zu den Festspielen im Juli (klar, nochmal deutlich teurer) finden wieder zwei Aufführungen mit Kristine Opolais statt, am 15. und am 18.7. Außerdem dann mit Piotr Beczala als Prinz - der ist zwar ähnlich tapsig wie Klaus Florian, aber sängerisch fast perfekt für die Rolle (nach der Fernsehübertragung der Salzburger Wieler/Morabito-Inszenierung vom vorletzten Jahr zu urteilen). PS: Hmmpff, sehe gerade, dass dann Groissböck gegen Alan Held ausgetauscht wird.

      Wenn Du am 18.7. gehst, kannst Du am Folgetag gleich die 864. Aufführung des Otto-Schenk-Rosenkavalier mitnehmen. :D :troest:


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Zwielicht schrieb:

      Wenn Du am 18.7. gehst, kannst Du am Folgetag gleich die 864. Aufführung des Otto-Schenk-Rosenkavalier mitnehmen. :D :troest:
      Wie war das mit der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen? :P
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • "Rusalka" von Schenk

      Zwielicht schrieb:

      Wenn Du am 18.7. gehst, kannst Du am Folgetag gleich die 864. Aufführung des Otto-Schenk-Rosenkavalier mitnehmen. :D :troest:


      Wie toll! Den wollte ich doch schon immer mal live sehen... ;( Aber noch besser wäre es natürlich, wenn der Schenk die "Rusalka" neuinszeniert hätte, so von wegen der Gleichzeitigkeit und so :D

      Es ist mit der Besetzung blöd - ich möchte eigentlich weder Olga Guryakova sehen und hören, noch Alan Held. Ich guck mal, was mein Terminkalender sagt.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Gestern haben wir uns diese Produktion ein zweites Mal angesehen - und sie hat gegenüber der Premiere nichts von ihrer Kraft verloren. Fast möchte ich sagen: Im Gegenteil, weil mir sehr viele Details erst jetzt aufgefallen sind. Was auch daran liegen könnte, dass wir diesmal sehr viel näher an der Bühne saßen. Es ist wirklich faszinierend, auf die Körpersprache und Gesten der Sänger zu achten: Kušej hat hier ungewöhnlich viel Detailarbeit geleistet, zum Beispiel bei den beiden Szenen mit den Waldnymphen im ersten und dritten Akt. Das macht sich aus der Nähe besehen auch bei denjenigen bemerkbar, die dieses Ideen etwas weniger engagiert umsetzen (wie z.B. die Hexe Janina Baechle).

      Zwei Szenen haben mich gestern besonders beeindruckt. Zum einen die Wassermann-Szene aus dem 2. Akt, mit dem verdoppelten Wassermann, wie weiter oben von Bernd schon geschildert. Das ist ein starkes Bild für die Zerrissenheit Rusalkas, die unter der Bürde ihrer Vergangenheit zusammenbricht, und irgendwie trotzdem bei dem Wassermann/Vater die Geborgenheit vor der Welt sucht, in der sie nicht ankommen kann. Außerordentlich ist auch, wie Groissböck die Szene sängerisch gestaltet. Das tröstende Lied des Wassermanns wird mit sehr viel Wärme gesungen, die Wehe-Wehe-Rufe dazwischen dagegen mit der aus dem ersten Akt bekannten Härte. Dass die Inszenierung funktioniert, liegt eben auch daran, dass die Protagonisten in dieser Art mitgehen und das Konzept auch sängerisch übernehmen - so muss es sein.

      Die zweite Szene, die gestern auf mich stärker wirkte als in der Premiere, ist in der Mitte des 3. Akts, nach der Szene Rusalka-Hexe. Rusalka zerschneidet mit dem Messer, das sie von der Hexe erhalten hat, das Bild der Berglandschaft und steigt hindurch nach hinten ins Dunkle, vom dem sie förmlich aufgesogen wird - sie verlässt so die Welt, in der für sie kein Platz ist.

      Viel Applaus wieder für Sänger und Dirigenten, und keinerlei vernehmbare Unmutsäußerungen im Publikum. Auch das anders als beim Macbeth, wo es auch in den Folgevorstellungen nach der Premiere noch einigen Trubel gab.


      Michel :wink:
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Alviano schrieb:

      Es ist mit der Besetzung blöd - ich möchte eigentlich weder Olga Guryakova sehen und hören, noch Alan Held. Ich guck mal, was mein Terminkalender sagt.


      Hallo Alviano,

      hier gibt es eine vielleicht interessante Besetzungsänderung: Kristine Opolais singt jetzt doch die Mai/Juni-Serie, anstelle von Guryakova. Da singt dann die Premierenbesetzung bis auf den Prinzen, den Dmytro Popov übernimmt. Die Termine sind: 22./25./29. Mai und 01./04. Juni.

      Viele Grüße,

      Melanie
      With music I know happiness (Kurtág)
    • Im wunderschönen Monat Mai...

      mela schrieb:

      (...) hier gibt es eine vielleicht interessante Besetzungsänderung: Kristine Opolais singt jetzt doch die Mai/Juni-Serie, anstelle von Guryakova.


      Liebe mela,

      das würde gut passen - ich hatte für den 22.05.2011 eine Karte bestellt und hoffe nun natürlich, dass ich gleich bei der Verteilung der schriftlich bestellten Karten Berücksichtigung finde. Damit wäre mit Groissböck und Opolais die Premierenbesetzung zu sehen und zu hören, das wäre prima.

      :wink:
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Mit dieser "Rusalka" in der Inszenierung von Martin Kusej und unter der Leitung von Tomás Hanus hat die Bayerische Staatsoper eine absolut sehenswerte, wohl durchdachte Produktion in ihrem Programm. Bedenkt man, welche Wogen da schon im Vorfeld der Inszenierung hochschlugen, ist das nach Ansicht der Aufführung absolut nicht nachvollziehbar. Stimmdarstellerisch klar herausragend Kristine Opolais in der Titelrolle und Günther Groissböck als Wassermann. Leider stieg Opolais gestern nicht ins Aquarium, das hätte ich dann doch gerne gesehen.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Die Homepage der Bayerischen Staatsoper kündigt an, dass diese Rusalka demnächst auf DVD erscheinen wird.

      Alviano schrieb:

      Leider stieg Opolais gestern nicht ins Aquarium, das hätte ich dann doch gerne gesehen.
      - was sich dann als Konserve nachholen lassen wird ;+)


      Kürzlich die DVD mit den Dialogues des Carmélites in der Produktion Tcherniakov/Nagano, nun diese Rusalka - keine schlechte Auswahl :thumbup:
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Zum dritten Mal...

      Gestern haben wir uns diese Rusalka zum dritten Mal angesehen - und haben es nicht bedauert. Wirklich eine sehr starke Inszenierung.

      Diesmal hat mich der ganze 2. Akt zutiefst berührt - diese Verlorenheit der Rusalka zu Anfang, wie sie sich in die Albtraumhafte Ballett-Sequenz hineinsteigert, dann Trost ausgerechnet in der Erinnerung an den Wassermann, ihren ehemaligen Peiniger, findet. Und schließlich die Resignation vor der Welt, für die im Hineinsteigen in das Aquarium Kušej ein überaus eindringliches Bild gefunden hat. Hochkonzentriert die ganze Vorstellung, man konnte nur atemlos folgen.

      Dass Opolais anscheinend in Alvianos Vorstellung nicht in das Becken gestiegen ist, ist merkwürdig. Vielleicht war sie ja ein wenig erkältet und wollte sich der Nässe nicht aussetzen. Die Szene ist ein großartiges Bild, eine Schlüsselszene der Inszenierung. Nicht umsonst war das Photo der Rusalka im Aquarium das erste Photo aus dieser Produktion, das auf der Homepage der Bayerischen Oper zu sehen war. Und ist jetzt auch das Cover der DVD, die man in der Oper schon kaufen kann (im Handel dann in wenigen Wochen).

      Gestern hatten wir auch noch das Glück, dass Kristine Opolais auch stimmlich in großer Form war - an diesem Abend gelang ihr wirklich alles. Über Groissböcks Wassermann hat Bernd weiter oben schon alles geschrieben, und auch gestern war er wieder grandios.

      Der neue Prinz, der junge ukrainische Tenor Dmytro Popov, kann darstellerisch in keiner Weise mit den beiden mithalten. Er hat aber zweifellos eine schöne, wenn auch nicht sehr volle Stimme. Mit den Höhen in der letzten Szene hat er jedenfalls weniger Mühe als Vogt in der Premierenserie. Irgendwie unerfreulich die "fremde Fürstin" Heike Grötzinger - permanent forcierend, Lautstärke mit Ausdruck verwechselnd, schrill in der Höhe. Vielleicht hatte sie einen schlechten Tag erwischt...


      Michel :wink:
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Dass Opolais anscheinend in Alvianos Vorstellung nicht in das Becken gestiegen ist, ist merkwürdig.


      Zumal dieses Bild sofort hängen blieb, als ich das im Trailer der Staatsoper gesehen hatte. Opolais stand am Aquarium, das war es dann auch. Schade ist es um die folgende Szene, wenn Rusalka über Bühne geht, sie zieht vermutlich dann eine Wasserspur hinter sich her - das ist ein Effekt, der natürlich deutlich besser wirkt, als wenn diese Szene "trocken" gespielt wird. Dessen unbeschadet hat Opolais grosse, darstellerische Momente: wenn sie versucht, auf diesen Schuhen zu laufen - oder eben diese Szene mit dem gedoppelten Wassermann, wenn sie sich in die Arme ihres Peinigers flüchtet, das ist tolles Theater.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Hallo zusammen,

      ich habe vorgestern die Aufführung bei den Münchener Opernfestspielen gesehen. Ich kann man den enthusiastischen Anmerkungen über die Inszenierung nur anschließen - für mich eine der besten Arbeiten, die ich in dieser Spielzeit gesehen habe und auch eine der besten von Kusej, den ich aber eh mag. Auf eine weitere Beschreibung kann ich dank der Vorarbeit hier verzichten.

      Dirigent Hanus hat sich offenbar im Probenprozess auch sehr intensiv mit der Inszenierung befasst, denn ich habe nicht oft erlebt, dass Musikalische Leitung und Inszenierung so Hand in Hand gehen (dazu gehört auch das erstaunliche gedehnt genommene Ende, wie perfekt passte das zur hoffnungslosen Szene!).

      Ultimativ genial war Kristina Opolais in der Titelrolle - wo hat man zuletzt eine solche szenische wie musikalisch bedingungslose Identifizierung mit der Rolle erlebt? Der absolute Wahnsinn. Alan Held, der den Wassermann neu übernommen hat, fügte sich m.E. sehr gut und ebenfalls intensiv in die Inszenierung, die ihm auch einiges abverlangte. Der "neue" Prinz, Piotr Bezcala, überzeugte mich dagegen nicht so recht. Sein Spiel war eher phlegmatisch und stimmlich schien er nicht ideal disponiert zu sein. Dass er am Ende neben Opolais am meisten abräumte beim Applaus fand ich durchaus etwas überraschend. Soweit rollendeckend die restliche, wiederum mit der Premierenserie übereinstimmende Besetzung.

      Eine Inszenierung, die noch lange nachwirkt und deren Bilder man so schnell nicht aus dem Kopf bekommt. Ideales Musiktheater.

      Jetzt bin ich gespannt auf die DVD, die die komplette Premierenbesetzung aufbietet......Aber das wird etwas dauern, bis ich sie mir ansehe. Erst will der erlebte Abend vollständig verarbeitet werden.

      Beste Grüße,

      C.