Stockhausen - das Feindbild des Spießers (?)

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    • Stockhausen - das Feindbild des Spießers (?)

      Ich kann mich gut erinnern, als ich zum ersten Mal Stockhausen hörte, blieb er mir völlig fremd, auch wenn mir damals - es wird Mitte der 80er gewesen sein - Fluxus und ähnliches schon bekannt war. Aber auch Cage fand ich zu der Zeit noch doof.
      Zum ersten Mal beeindruckt war ich von seinem Helikopter-Steichquartett, weniger wegen der Musik, sondern wegen der Aktion als solches.
      Späterhin habe ich einiges an anderer Neuer Musik gehört, und zwar die etwas extremistischen Sachen (Peter Ablinger, Edu Haubensack, Georg Nussbaumer u.a.), und nachdem ich mich in den letzten Wochen mit Stockhausen erneut beschäftigt habe, muss ich sagen: Wieso war mit das früher so gar nicht zugänglich?
      Mittlerweile finde ich in seinen Stücken eine - wenn auch etwas garstige - Schönheit, die mich völlig überzeugt. (Aber ich habe früher auch die 12-Ton-Musik nicht goutieren können, und heute denke ich, was soll denn daran schräg oder schwierig sein..?..!

      Was mich auch immer wieder gewundert hat ist, dass Stockhausen allgemein für die böse Neue Musik stand, so wie Beuys für die böse Moderne Kunst. Woran hat das gelegen, woran liegt das noch immer? An der Person Stockhausens, an seinem Werk, an seinen Auslassungen über seinen Heimatplaneten Sirius? - Denn immer wenn jemand über Neue Musik verachtend spricht, dann sagt er "Das hört sich ja an wie von Stockhausen", oder ähnliches. Ein merkwürdiges Phänomen, wie ich finde.

      Ich spare mir an dieser Stelle eine ausführliche Vita nebst Werkkatalog, man kann das ja bei Wikipedia finden, und stelle stattdessen die drei CDs von Stockhausen vor, die mich bis jetzt am Meisten beeindruckt haben.
      Das ist zum Einen das Werk für zwei ring-modulierte Klaviere mit tibetanischen Zymbeln und Kurzwellensender "Mantra". Eine Arbeit, die mich wirklich beeindruckt. Und die merkwürdigerweise meine Nerven beruhigt.



      Zum Zweiten möchte ich das Stück "Stimmung" erwähnen, das mit Obertongesang arbeitet, und das im fast schon konventionellen Sinne als schön zu bezeichnen ist.



      Schließlich seine Klavierstücke I - XI, die mir noch schwere Probleme bereiten, die mich aber auch nicht mehr loslassen wollen, und mir des Öfteren durch den Kopf gehen; eine serielle Komposition, die karg und knöchern daher kommt, wie ich finde. Die Stücke wurden auch als Stockhausens "Zeichnungen" bezeichnet.



      Das sind also meine ersten Eindrücke von KarlHeinz Stockhausen. Was sind eure?




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      Ich habe Schrauben in den Himmel gesteckt
      und die Rabenmuttern festgedreht
    • Dank Dir, Florian, für diese Einführung! Es ist ein witziger Zufall, da ich mich auch seit einigen Wochen mit dem Gedanken an die Eröffnung eines Stockhausen-Threads getragen habe, nun hast Du dies in wunderbarer Weise umgesetzt. Anlaß für mich war die Beschäftigung mit - auch dies ein netter Zufall - "Mantra", welches Du hervorhebst und und das ich auch sehr schätze. Ich besitze diese Aufnahme:



      In Bezug auf Stockhausen gibt es m. E. drei Punkte, die einigen Zeitgenossen, neben seiner Modernität, Schwierigkeiten bereiten und die z. T. auf Mißverständnissen beruhen:

      1) "Stockhausen war ein Ideologe"

      Dies ist nur insofern korrekt, als er sich nur für Musik interessierte, wenn sie ihm Neuerungen bot. Die Tradition berührte ihn im Gegensatz zu z. B. Schönberg nur begrenzt, er befaßte sich fast ausschließlich mit seiner eigenen Musik. Aber: es gibt kein geschlossenes kompositorisches Gebäude, welches Stockhausen einem hörigen Schülerkreis aufgepflanzt hätte. Es gab lediglich sehr viel Musik, die ihn schlicht nicht interessierte. Ideologien waren ihm übrigens aufgrund seiner Kreigserfahrungen und der Nazi-Zeit prinzipiell verhaßt.

      2) "Stockhausen war ein Esoteriker und tendenziell verrückt"

      Das Umschlagen des Stockhausenschen Weltbildes in Richtung eines privatreligiös geprägten Eigenuniversums wird meistens um und bei ca. 1970-1975 verortet. Hierbei übersieht man leicht, daß das Religiöse Stockhausen bereits von Beginn seiner kompositorischen Tätigkeit an inspiriert hat - "Gesang der Jünglinge" (ca. 1955/1956!) z. B. war ursprünglich als Kirchenmusik konzipiert und wanderte nur deswegen in den Konzertsaal, weil die katholische Kirche sich keine elektronische Musik in der Kirche vorstellen konnte. Die starke Betonung technischer Aspekte durch die frühe Nachkriegs-Avantgarde mag diesen Umstand quasi verschleiert haben. Daß Stockhausen in späteren Jahren sehr eigen wurde, läßt sich allerdings kaum von der Hand weisen, seine in den 1970ern einsetzende Beziehung zum Glaubensgebäude der "Urantia"-Sekte tat sicherlich ihren Beitrag zum Image als Außenseiter.

      3) "Stockhausens Musik ist in vielen Fällen kaum aufführbar"

      Hier ist z. T. etwas dran - besonders der späte Stockhausen hat oft wahnwitzige Forderungen gestellt, gegen die sich Mahlers Achte wie eine kleine Klaviersonate ausnimmt. Florian hat das Helikopter-Streichquartett als Beispiel bereits genannt. Auch von seinen Musikern hat Stockhausen häufig monatelange intensive Probenphasen verlangt, in vielen Fällen forderte er die auswendige Kenntnis auch sehr schwieriger Kompositionen. In Kombination mit seinem unerbittlichen Kontroll-Anspruch hat dies sicherlich dazu geführt, daß besonders sein Spätwerk nur begrenzt zur Aufführung kommt, Stockhausen hat sich Konventionen wie dem klassischen Abo-Konzert immer wieder entzogen.

      Alles in allem für mich eine der faszinierendsten Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts! Im übrigen halte ich seine Reihe von Meisterwerken in den 50er Jahren als Serie kompositorischer Glanzstücke durchaus mit dem genialen Schönbergschen Output ab dem 2. Streichquartett bis zum "Pierrot Lunaire" für vergleichbar.

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Dass Stockhausen derart als Personifizierung der Neuen Musik galt, scheint aber abgeebbt zu sein, oder? Richtig ist jedenfalls, dass man häufiger Aussagen der Art "Da könnte man auch gleich Stockhausen spielen" zu hören bekam, auch von Leuten, die in ihrem ganzen Leben keine einzige Note seiner Musik gehört hatten. Zu einer gewissen Zeit war Stockhausen auch außerhalb der Klassik-Szene ein bekannter Name, bei Musikhörern, die keinerlei Beziehung zur klassischen Musik hatten, weder zur alten noch zur neuen. Und die die Namen Nono, Boulez, Maderna, Berio, Ligeti usw. nie gehört hatten.

      Stockhausen und seine Familie nahmen das übrigens mit Humor - auf der Homepage des Stockhausen-Verlags sind teils sehr amüsante Cartoons gesammelt, siehe hier :P

      In meiner Bonner Zeit war ich regelmäßig zu Konzerten in Köln und habe Stockhausen dort viele Male bei Konzerten mit eigenen Werken erlebt, in der Regel ganz in Weiß gekleidet am Mischpult für die Klangregie verantwortlich. Viele Konzerte sind mir in bleibender Erinnerung geblieben, so zum Beispiel halb-szenische Aufführungen von Teilen des Licht-Zyklus in der Kölner Philharmonie. Zuletzt habe ich ihn bei den Salzburger Festspielen 2003 erlebt, als dort Düfte-Zeichen uraufgeführt wurde, der letzte Teil aus Sonntag aus Licht. Dort stellte sich dann aber eine gewisse Skepsis ein, ob der ältere Stockhausen immer noch so interessant ist wie in seinen früheren Werken. Alles etwas zu glatt, zu einfach, zu versponnen auch. Die Uraufführung von Sonntag nächstes Jahr in Köln werde ich mir trotzdem nicht entgehen lassen.

      Die meisten Stockhausen-CDs in meiner Sammlung stammen aus der vom Stockhausen-Verlag herausgegeben Stockhausen-Edition. Dort zu bestellen ist kein ganz billiges Vergnügen, es lohnt sich aber. Die Platten sind in der Regel sehr gut ausgestattet und mit Liebe zum Detail editiert. Siehe stockhausen.org/ oder auch die folgende Fan-Seite.

      Bei Gelegenheit blättere und höre ich mal wieder durch die CDs und lasse dann hier von mir hören, was mir besonders gut gefällt.

      Michel :wink:
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • für mich sind bisher eher die früheren Stockhausen-Werke spannend und ziehe ich mir gerne rein: z.B. Gruppen, Kontrapunkte .. manche spätere Sachen wie z.b. "Dienstag aus Licht" und vor allem das unselige "Helikopter-Streichquartett" waren sehr enttäuschend und völlig uninteressant...

      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Cover-Bilder der Stockhausen-Edition

      Liebe Leute

      Anlässlich dieses Threads haben wir eine kleine Anfrage mit einem Hinweis auf Capriccio an die Stockhausen-Stiftung gestellt. Als Ergebnis liegt uns nun (per E-Mail von Frau Kathinka Pasveer) die Erlaubnis vor, Cover-Bilder von CDs der Stockhausen-Edition im Forum einzustellen, wenn dabei auf den Stockhausen-Verlag als Bezugsquelle hingewiesen wird.

      Wer also hier über seine Stockhausen-CDs berichten möchte, kann dies gerne mit den entsprechenden Bildern illustrieren. :wink:

      Viele Grüße
      Michel


      Ich habe mir zum Anfang erlaubt, Melanies Beitrag im Nationalhymnen-Thread um das Cover der Hymnen-CD zu ergänzen.
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Der späte Stockhausen ist mir bislang völlig fremd; da schrecken mich einerseits die esoterischen Elemente durchaus schon ante festum ab, andererseits endeten auch die wenigen Versuche, späte Werke des Kürteners zu rezipieren, meist in gelangweilt-kopfschüttelndem Ausschalten des CD-Players respektive des Radios.

      Den Gesang der Jünglinge ("mittlerer" Stockhausen nach meinem Verständnis) habe ich mir heute vormittag noch mal angehört. Heute kann dieses Werk aber, scheint mir, von nichts anderem mehr berichten als von dem besonders schnellen Altern der elektronischen Musik - was damals durchaus als Leistungsschau des elektronisch Machbaren gemeint war und auch so rezipiert wurde, wirkt heute auf mich jedenfalls nur noch klanglich hoffnungslos antiquiert.

      Um so mehr liebe ich (und für um so aktueller halte ich) den ganz frühen Stockhausen - zum Beispiel das hinreißende Schlagtrio von 1952 (eines der ersten aufgeführten Werke Stockhausens) für sechs Pauken und Klavier. Ursprünglich hieß es "Schlagquartett", bis der Komponist sich überzeugen ließ, dass die Paukenstimmen ohne Verluste auch von zwei statt drei Schlagzeugern exekutiert werden können. Die Pauken sind übrigens im Vierteltonabstand zu den entsprechenden Klaviertönen gestimmt. Eine ca. viertelstündige Musik von schwebender, gleichsam überirdischer Schönheit, unendlich leicht und licht und durchlässig mit einem geradezu jazzigen groove - und das, obwohl es vornehmlich um tiefe und ganz tiefe Töne geht. Ein Wunderwerk, Musik, die mich wirklich glücklich macht und die ich immer wieder hören kann. Tadellos und hingebungsvoll eingespielt durch das Ensemble Recherche:


      Grüße
      vom Don
    • Lieber Don,

      eine kurze Anmerkung nur: "Gesang der Jünglinge" ist von 1955/56. Dies einer mittleren Periode zuzuordnen, ein Werk von 1952 hingegen einer frühen Periode, halte ich bei einem Komponisten, der von 1950 bis 2007 durchgehend Musik komponiert hat, dann doch für relativ gewagt.

      Ich finde übrigens, daß der "Gesang der Jünglinge" auch heute noch frisch und innovativ klingt - und zwar, wenn man ihn nicht als Leistungsschau elektronischer Musik betrachtet, sondern ganz schlicht als Musik.

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Symbol schrieb:

      "Gesang der Jünglinge" ist von 1955/56


      Ach, doch so früh. Das hatte ich nicht gedacht, bzw. anders in Erinnerung, nämlich eher als Mitte der 60er. Frisch und innovativ finde ich dieses Sinusdudeln und -piepsen aber nicht. Geschmackssache.

      Ein weiteres meiner Lieblingsstücke des frühen Stockhausen ist "Zeitmasze" für fünf Holzbläser (Flöte, Oboe, Englischhorn, Klarinette und Fagott). Der Titel des viertelstündigen Werkes bezieht sich darauf, dass bei bestimmten Passagen das Tempo vom technischen Vermögen jeweils eines der Ausführenden bestimmt wird - sie tragen die Anweisung "so schnell wie möglich" oder "so langsam wie möglich auf einem Atem". Es entsteht so quasi eine Art rubato - Temposchwankungen, die sich durch das ganze Stück ziehen und seine Struktur bestimmen.

      Ich kenne zwei Aufnahmen - eine des Ensemble Recherche auf der oben schon gezeigten CD und eine (von LP) mit der London Sinfonietta unter Leitung des Komponisten (Polydor 1974). Auf der jüngeren Aufnahme sind die variablen Tempi sehr viel deutlicher zu hören, dafür gefällt mir der Holzbläsersound des Ensemble Recherche gar nicht - das tönt so harsch und schrundig, als wolle man unbedingt dem Vorurteil, zeitgenössische Musik habe hässlich zu klingen, Rechnung tragen. Geradezu betörend schön ist hingegen der Ensembleklang auf der älteren Aufnahme, die ich deshalb unbedingt vorziehe. Ich weiß nicht, ob sie in der Stockhausen-Edition wiederveröffentlicht wurde (CD 4? Die diskografischen Angaben auf der Webseite sind nicht gerade ausführlich).

      Grüße
      vom Don
    • Ich habe vor einigen Tagen zum ersten Mal den ersten Akt aus "Donnerstag aus Licht gehört" - also eher ein Spätwerk. Musikalisch hat mir das gut gefallen - insbesondere die "Overtüre", so jedenfalls würde ich die drei ersten Stücke nennen. Ein merkwürdiger, ausgefaserter aber nichtsdestotrotz komplexer Klangvorhang. Dann allerdings beginnt das Singen, mh, und das gefällt mir gar nicht. Ein, für meine Ohren, unmotiviertes Herumgehüpfe durch die Tonskalen, ohne dass ich Struktur erkennen könnte. (Vielleicht beim zweiten Hören).

      Nun habe ich allerdings allgemein Probleme mit Opern, nicht nur mit zeitgenössischen. Ich denke immer: Kann die dicke Frau da auf der Bühne nicht mal aufhören zu schreien, ich kann die Musik überhaupt nicht mehr hören.




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      Ich habe Schrauben in den Himmel gesteckt
      und die Rabenmuttern festgedreht
    • Florian Voß schrieb:

      Nun habe ich allerdings allgemein Probleme mit Opern, nicht nur mit zeitgenössischen. Ich denke immer: Kann die dicke Frau da auf der Bühne nicht mal aufhören zu schreien, ich kann die Musik überhaupt nicht mehr hören.


      :mlol:

      Aber nun sind ja in Licht die Solostimmen häufig auch Instrumentalisten überlassen. Vor allem im Donnerstag und Samstag aus Licht finde ich schon viele sehr interessante und schöne Momente. Zwei weitere Tage aus Licht konnte ich noch in der Scala erleben und waren aber für mich weniger interessant, insbesondere sehr schade, dass Stockhausen hier an anderen Tagen die Orchesterstimmen weitgehend mit dem Synthesizer ausführt. Das ermöglichte ihm zwar die völlige Kontrolle, machte aber die Klangfolgen noch waberiger.

      Aus wohl sehr ähnlichen Gründen wie der Don ziehe ich aber den früheren Stockhausen, etwa bis in die frühen 60er den meisten späteren Werken vor. Besonders "Kreuzspiel", "Carré" und "Gruppen" finde ich faszinierend, auch die Klavierwerke sehr toll.

      Leider finde ich gerade nicht die Zeit, dazu mehr zu schreiben, werde ich aber nach und nach nachholen. Dewegen möchte ich vorerst nur auf die Gesprächsbände mit Stockhausen von Frisius hinweisen, bei Schott vor wenigen Jahren erschienen, die ganz gut im relativ verständlichen O-Ton die unterschiedlichen Konzeptionen Stockhausens und ihre Entwicklung vermitteln. Ich fand diese Gespäche jedenfalls sehr nützlich.

      :wink: Matthias
    • eifelplatz schrieb:

      Zu erinnern ist hier auch an die Texte zur Musik. Aufsätze 1952 ff. Hrsg. von Karl Heinz Stockhausen u. Dieter Schnebel, zunächst im Verlag DuMont Schauberg, spätere Bände im Stockhausen Verlag


      Aber um eine Vorstellung zu bekommen, was wie in den Werken passiert, finde ich die Gespräche mit Frisius zunächst einmal sehr viel besser geeignet.

      :wink: Matthias
    • Was haltet Ihr eigentlich von der Stockhausen-Biographie von Michael Kurtz? Ich bin gerade über diese gestolpert, sie ist allerdings von 1988, weswegen viele interessante Dinge späteren Datums fehlen dürften.

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Matthias Oberg schrieb:

      eifelplatz schrieb:

      Zu erinnern ist hier auch an die Texte zur Musik. Aufsätze 1952 ff. Hrsg. von Karl Heinz Stockhausen u. Dieter Schnebel, zunächst im Verlag DuMont Schauberg, spätere Bände im Stockhausen Verlag


      Aber um eine Vorstellung zu bekommen, was wie in den Werken passiert, finde ich die Gespräche mit Frisius zunächst einmal sehr viel besser geeignet.

      :wink: Matthias
      Für die "Gruppen" ist in diesem Zusammehang folgende Publikation die Publikation von Imke Misch sehr empfehlenswert, in der das Stück akribisch untersucht und durchleuchtet wird:

      http://www.pfau-verlag.de/img_art/sign2.jpg


      pfau-verlag.de/shop_detail/27048.html
      zwischen nichtton und weißem rauschen
    • Ich kann mich an ein Konzert mit Stockhausen erinnern, zu dem ich vor vielen vielen Jahren nach Kürten gefahren bin. Das Konzert fand in der dortigen Stadthalle statt (oder so etwas ähnlichem) und außer den angereisten Zuhörern befanden sich auch eine Reihe von Honoratioren der Stadt im Publikum, die zum Teil vermutlich nie klassische Musik hören, und schon gar keine Neue Musik. Deren Haltung war ganz amüsant zu beobachten: Verwunderung ob der merkwürdigen Musik, die dargeboten wurde. Erstaunen, dass viele Leute nach Kürten gekommen waren, um das zu hören. Und viel Stolz auf den berühmtesten Sohn der Stadt - seit 2008 gibt es Kürten übrigens einen Karlheinz-Stockhausen-Platz, und zwar nicht irgendwo: Der Rathausvorplatz wurde dazu umgetauft. Der böse Bube Stockhausen ist also irgendwo schon zum Klassiker geadelt worden.

      Stockhausen war sich dieser gemischten Haltung der Eingeborenen ihm gegenüber durchaus bewusst und hat zu Beginn des Konzerts eine launige Rede gehalten, die auch nicht frei von Selbstironie war.

      Michel :wink:
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Le Merle Bleu schrieb:


      Stockhausen war sich dieser gemischten Haltung der Eingeborenen ihm gegenüber durchaus bewusst und hat zu Beginn des Konzerts eine launische Rede gehalten, die auch nicht frei von Selbstironie war.


      Launisch oder doch launig?

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Don Fatale schrieb:

      Ich kenne zwei Aufnahmen - eine des Ensemble Recherche auf der oben schon gezeigten CD und eine (von LP) mit der London Sinfonietta unter Leitung des Komponisten (Polydor 1974). Auf der jüngeren Aufnahme sind die variablen Tempi sehr viel deutlicher zu hören, dafür gefällt mir der Holzbläsersound des Ensemble Recherche gar nicht - das tönt so harsch und schrundig, als wolle man unbedingt dem Vorurteil, zeitgenössische Musik habe hässlich zu klingen, Rechnung tragen. Geradezu betörend schön ist hingegen der Ensembleklang auf der älteren Aufnahme, die ich deshalb unbedingt vorziehe. Ich weiß nicht, ob sie in der Stockhausen-Edition wiederveröffentlicht wurde (CD 4? Die diskografischen Angaben auf der Webseite sind nicht gerade ausführlich).
      Lieber Don

      Das ist genau diese Aufnahme:



      Auch die Aufnahmen von Kontra-Punkte, Stop und Adieu sind Aufnahmen der London Sinfonietta unter Leitung des Komponisten. Stockhausen hat die Rechte von der Deutschen Grammophon übernommen, wie man überhaupt in der Stockhausen-Edition so manche "klassische" Aufnahme wiederfinden kann.

      Michel
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Die Angaben zu den Aufnahmen der Stockhausen-Edition auf der Homepage des Stockhausen-Verlags sind in der Tat etwas dürftig - schade eigentlich, denn die CDs selbst sind sehr gut ausgestattet.

      Zwei weitere Platten mit "klassischen" Aufnahmen, die bei anderen Labels produziert und später von Stockhausen übernommen wurden (beide gab es früher als LP bei der Deutschen Grammophon - heute völlig undenkbar):


      Stockhausen Edition 5: Gruppen (1955/57), Carré (1959/60)


      Gruppen
      wird vom WDR Sinfonieorchester gespielt, es dirigieren Karlheinz Stockhausen, Bruno Maderna und Michael Gielen. Die Aufnahme ist von 1965.
      Bei Carré (Aufnahme 1960) spielt das NDR Sinfonieorchester und Chor, geleitet von Mauricio Kagel, Karlheinz Stockhausen, Andrzej Markowski und Michael Gielen.


      Stockhausen Edition 16: Mantra für 2 Pianisten (1970)

      Hierbei handelt es sich um eine Aufnahme von 1971 mit Alfons und Aloys Kontarsky (wer sonst?), den Interpreten der Uraufführung. Auch diese Aufnahme war ursprünglich bei der Deutschen Grammophon als LP erschienen.

      Vielleicht sollten wir CDs aus der Stockhausen-Edition in einem eigenen Thread sammeln?

      Michel
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Ich muß gestehen, daß mir Stockhausen stets irgendwie unheimlich war und ist.

      Seine Bedeutung ist unbestritten, einige seiner Werke sind erstklassig - "Kreuzspiel", "Gruppen", "Mantra", "Inori" und "Sirius" sind außerordentliche Kompositionen, die in der Musik des 20. Jahrhunderts einen Sonderplatz einnehmen.

      Dennoch...

      Mir geht es im Fall Stockhausen ähnlich wie vielen im Fall Wagner: Die Person selbst ist das Problem. Eine derart radikale Selbstvergötzung in Zusammenhang mit einem mystischen Brimborium, in dem das eigene Leben zum Kunstwerk stilisiert wird und alles zur Kunst erklärt wird, was man als Kunst bezeichnet, selbst wenn es sich um minutiös geplanten Massenmord handelt, ist für mich inakzeptabel.
      Und da erregt man sich über Wagner...

      Man muß Stockhausen einmal live erlebt haben - ich hatte in Wien die Gelegenheit bei einem Diskussionskonzert zu "Mantra". Geplant war eine Aufführung, eine Publikumsdiskussion mit dem Komponisten und eine nochmalige Aufführung. Der Saal wurde abgedunkelt, im Lichtkegel saß der Meister an seinem Reglerpult. Seine Augen waren in die Ferne gerichtet. Wahrscheinlich auf den Planeten Sirius, von dem er eigener Aussage zufolge ja zur Erde herabgestiegen ist, um den Menschen das Heil zu bringen. Er war wirklich sehr inspiriert. Er schob die Regler vor und zurück. Das Gesicht maskenhaft. Ein Messias in Entrückung.
      Hielt aber nicht den ganzen Abend lang an. Denn dann kam die Diskussion.
      Der Meister schritt auf das Podium und beschuldigte den Konzerthaus-Direktor, er habe ihn unter falschen Angaben hergelockt, denn er habe nicht vor, über sein Werk zu diskutieren. Entweder man akzeptiert es oder man akzeptiert es nicht. Nur ein paar Erklärungen zu seiner Kompositionstechnik habe er. Dann schilderte der Meister seine Formelkomposition. Als aus dem Publikum die Frage kam, was der Unterschied zur Zwölftontechnik sei, mißachtete der Meister die ungebührliche Störung seiner Menschheitserleuchtung. Und sprach weiter.
      Was von einigen als Unhöflichkeit betrachtet wurde, weshalb sie, typisches Teufelspack, dem Meister Fragen um Fragen zuriefen, die der Meister aber alle mißachtete. Schließlich sprach der Meister, er habe jetzt genug gesprochen und auch genug von dem ungebührlichen Betragen. Der Meister schritt vom Podium und aus dem Saal, womit die zweite Aufführung mangels erleuchteter Person an den Reglern gestorben war.
      Ich fragte den Konzerthausdirektor, ob er Stockhausen wirklich nichts von der Diskussion gesagt habe - natürlich war Stockhausen eingeweiht und hatte zugesagt, sofern die Diskussion nicht ausufere.
      Aber auf Sirius gelten eben andere Regeln.

      Ein einziger negativer persönlicher Eindruck sollte das Bild nicht trüben. Aber dieser Eindruck ist zwar der einzige persönliche, aber nicht der einzige negative.
      Man führe sich etwa die Stockhausen-Texte des Dumont-Verlags zu Gemüte: Ich kenne keinen Künstler, auch nicht Wagner, auch nicht Dali, auch nicht Thomas Mann, der von sich selbst in diesem erhabenen Tonfall spricht. Irgendwann dürfte Stockhausen begonnen haben, sich nicht nur als Messias auszugeben, sondern sich wirklich dafür zu halten. Wenn ich das lese, läuft es mir kalt über den Rücken. Das ist - unausgesprochenes, aber empfundenes - Übermenschentum. Was sich ja dann auch in der autobiographischen Mehrtagsoper "Licht" niederschlägt. Wer sich selbst für einen Gott hält, hat als Sohn natürlich einen Engel...

      Stockhausen war ein großer Komponist, einer der größten, den das 20. Jahrhundert hatte. Einige seiner Werke sind bewunderungswürdig und überragend, vielleicht sogar Gipfel, die sich aus dem Bergmassiv der Musikgeschichte herausheben.
      Ich bin lieber Spießer als Bergsteiger.

      :wink:
      Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)